Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Kenneth Grahame >

Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
Schließen

Navigation:

Ein Feiertag

Der ungestüme Wind hatte sich aufgemacht und geberdete sich kreischend und jauchzend als Herrscher des Tags. Die Pappeln schwankten und neigten sich stöhnend, welkes Laub wirbelte raschelnd durch die Luft und der ganze reingefegte Himmel schien Laute von sich zu geben wie eine Riesenharfe. Es war einer von den ersten Tagen, wo die Erde aus ihrem Winterschlaf geweckt wird; sie streckte und reckte sich, noch traumumfangen lächelnd, und alles, was auf der Riesin Leib sich tummelt, erbebte von ihrer Bewegung.

Wir waren heute schulfrei, irgend einem Geburtstag zu Ehren. Wer der Held des Tages war, thut nichts zur Sache, einer von uns hatte eben Geschenke und die üblichen Glückwünsche entgegengenommen und jenes hohe Selbstbewußtsein empfunden, das nicht minder wohl thut, weil man's ohne jegliches eigene Verdienst genießt. Der freie Tag aber kam uns allen zu gute, das entzückende Frühlingsahnen war für alle da, die mannigfaltigen Genüsse des Sonnenscheins, der Wasserlachen und des Heckenschlüpfens lächelten nicht nur dem Geburtstagskind.

Wie ein losgelassenes Füllen rannte ich auf der Wiese umher, glückselige Schuhsohlen dem Himmel zukehrend, der verständnisvoll in meinen Jubel einstimmte. Er war so blau, als ein blauer Himmel nur sein kann, breite Wasserlachen, die der Winter zurückgelassen hatte, spiegelten seine Farbe in vollem Glanz treulich wider und die weiche milde Luft war geschwängert von jenem Werdehauch, der meine eigene kleine Person so gut durchbebte wie die vorwitzige Primel, die sich schon unter ihrer grünen Schutzhülle reckte. Hinaus, hinaus in die sonnengebadete, lebenzeugende Welt zog ich, frei von Lektionen, frei von Erziehung und Zwang, wenigstens für den einen Tag. Meine Beine liefen von selbst weiter und weiter, und auch der Umstand, daß ich aus weiter Ferne meinen Namen rufen hörte, hemmte meinen Lauf nicht. Sicher war es nur Harold, der mir rief, und wenn seine Beine auch kürzer waren als die meinigen, so konnten sie doch einen längeren Dauerlauf als diesen füglich aushalten. Jetzt hörte ich den Ruf abermals; er klang schwächer, rührender, die Stimme kippte dabei um und ich mußte stehen bleiben – ich hatte Charlottes Klagelaut erkannt.

Keuchend kam sie heran und stampfte jetzt neben mir über den lehmigen Ackerboden. Wir hatten kein Bedürfnis, uns zu unterhalten, die Daseinswonne und Lebenswärme boten an diesem glorreichen Morgen Beschäftigung und Befriedigung zur Genüge.

»Wo ist Harold?« fragte ich endlich.

»Spielt wieder Pfannkuchenmann wie gewöhnlich,« gab mir Charlotte mit einiger Mißbilligung zum Bescheid. »Einen ganzen geschlagenen Feiertag über nichts als Pfannkuchenmann sein wollen!«

Das war in der That ein seltsames Gelüste, aber Harold, der seine Spiele in der Regel selbst erfand und ohne Mitwirkung in Scene setzte, pflegte mit großer Ausdauer jeden neuen Mumpitz zu verfolgen, bis sein Reiz gänzlich erschöpft war. Augenblicklich war der Pfannkuchenmann seines Herzens Traum, und er konnte tagelang Trepp auf und ab, durch alle Gänge und Zimmer wandern, mit einer unhörbaren Glocke klingelnd und unsichtbaren Käufern ungreifbare Pfannkuchen anbietend. Wenn man's so hört, erscheint dieses Vergnügen ziemlich armselig, und doch – durch überfüllte Straßen ziehen, die man selbst gebaut hat, mit einer Glocke klingeln, die kein andrer hört, geschäftig vorüberhastenden Leuten, die man selbst erfunden hat, luftige Erzeugnisse einer Phantasiebackpfanne anbieten, das hat entschieden auch seine Reize, nur daß dies Spiel allerdings an einem trüben Wintertag zeitgemäßer gewesen wäre, als an diesem göttlichen Frühlingsmorgen.

»Und wo steckt Eduard?« fragte ich weiter.

»Der kommt von der Landstraße her,« berichtete Charlotte. »Wird sich in den Graben verstecken und als Bär auf uns losfahren, wenn wir vorbeikommen. Sag aber ja nicht, daß du's weißt, weil's eine Ueberraschung ist.«

»Schon recht,« erwiderte ich großmütig. »Lassen wir also uns überraschen.«

Im stillen aber fühlte ich ganz deutlich, daß auch der wildeste Bär an diesem Tag der Tage viel zu gewöhnlich war und die Stimmung nur stören konnte.

Als wir, weiter schlendernd, in die Landstraße einbogen, stürzte denn auch thatsächlich ein unleugbar echter grauer Bär auf uns los. Gebrumm, Gequiekse, Revolverschüsse und unvergeßliche Heldenthaten entwickelten sich daraus, bis Eduard schließlich die Güte hatte, schwerfällig und unheimlich hinzustürzen, sich im Schmutz zu wälzen und zu verenden, wie es einem so unvergleichlichen Mutz geziemt. Das stand ja längst fest, daß jeder, der es unternahm, ein Bär zu sein, im Notfall auch sterben mußte, und wäre er gleich der Erstgeborene und Erbe, denn sonst wäre ja das ganze Dasein eitel Kampf und Blutdurst geworden und das Zeitalter der Höhlenmenschen wieder über unsre schwer errungene Kultur hereingebrochen.

Nachdem diese Episode zu voller Zufriedenheit aller Mitwirkenden erledigt worden war, schlenderten wir ziellos auf der Landstraße weiter, unterwegs noch Harold auflesend, der keine Pfannkuchen mehr bei sich hatte und in vernünftiger, umgänglicher Gemütsverfassung war.

»Was würdet ihr thun,« hob Charlotte mit einemmal an – sie war, wie immer, gänzlich erfüllt von dem zuletzt gelesenen Buch, das erst, wenn sein Inhalt ganz ausgepreßt war, beiseite geworfen wurde – »wenn ihr zwei Löwen daherkommen sähet, auf jeder Seite der Straße einen, und ihr gar nicht wüßtet, ob sie an der Kette liegen oder nicht?«

»Was wir thun würden?« rief Eduard, von Mut glühend. »Ich würde ... ich thäte ... natürlich ...« sein prahlerischer Ton dämpfte sich und er murmelte nur noch: »Weiß selber nicht, was ich thäte.«

»Gar nichts thun thäte ich,« gab ich nach einiger Ueberlegung zum Bescheid, und ich muß wirklich sagen, es war das Vernünftigste, was mir einfallen konnte.

»Ja, wenn's zum Handeln käme,« warf Harold nachdenklich hin, »so denk' ich mir, die Löwen würden wohl alles allein besorgen, was zu thun ist, meint ihr nicht?«

»Wenn's aber gute Löwen sein thäten«, hob Charlotte an, »so würden sie nichts thun, was sie nicht wollten, daß man ihnen thäte ...«

»Ja, woher soll ich aber wissen, ob ein Löwe gut oder schlecht ist?« fragte Eduard rasch. »In den Büchern steht gar nichts darüber und die Löwen sind nie mit ›gut‹ oder ›bös‹ gestempelt.«

»Ach was! Gute Löwen gibt's überhaupt nicht,« versicherte Harold eifrig.

»Natürlich gibt's ... haufenweise,« widersprach Eduard. »Fast alle Löwen in den Geschichtenbüchern sind sogar gute Löwen, denk doch nur an den Löwen vom Androkles und an den Löwen vom heiligen Hieronymus und ... und ... und der Löwe und das Einhorn ...«

»Der hat ja aber doch das Einhorn um die ganze Stadt herum gejagt,« machte Harold zu des Löwen Ungunsten geltend.

»Das beweist ja doch gerade, daß er ein guter Löwe war!« rief Eduard triumphierend, »'s ist nur die Frage, wie sieht man's einem Löwen an, ob er gut oder bös ist?«

»Ich ... ich würde halt Martha fragen,« äußerte Harold in gläubiger Einfalt.

Eduard würdigte ihn nur eines verächtlichen Nasenrümpfens und wandte sich dann Charlotte zu.

»Du, ich sag' dir was ... wir könnten ja auf alle Fälle einmal Löwen spielen! Ich, ich lauf' voraus bis an die Ecke und bin der Löwe, nein, ich bin die zwei Löwen, einer rechts, einer links von der Straße, und du kommst so daher und hast keine Ahnung, ob ich angebunden bin Ober nicht ... das ist gerade der Witz dran!«

»Nein, ich danke,« entgegnete Charlotte mit einem hohen Maß von Festigkeit. »Du wirst dann angebunden sein, bis ich ganz nah' dran bin, und wirst mich dann zerreißen und mein Kleid über und über schmutzig machen und kann sein, mir recht weh' thun – deine Löwen kenn' ich!«

»Nein, das werde ich nicht, ich geb' dir mein Ehrenwort, daß ich's nicht thue,« beteuerte Eduard. »Ich werde dieses Mal ganz etwas Neues von einem Löwen sein, etwas, das du dir auch nicht einmal ein bißchen denken kannst!«

Damit schlug er die Fersen gen Himmel und rannte auf seinen Posten. Charlotte zauderte ein wenig, dann ging sie voran, sehr, sehr langsam und zaghaft mit jedem Schritt weniger die Abenteurerin von vorhin und mehr die »Bange-Büchse«, die sie für gewöhnlich war. Ihr Anblick versetzte aber auch den Löwen oder vielmehr die Löwen in furchtbare Wut; die klare Frühlingsluft erzitterte von ihrem Gebrüll. Ich wartete nur, bis die Löwen und ihr Opfer hinlänglich in Gefahr und Kampfeslust versunken waren, dann schlüpfte ich durch die Hecke von der vielbegangenen Landstraße in die einsamen, stillen Felder hinaus. Nicht daß ich ein ungeselliger Bursche gewesen wäre oder übersättigt von Eduards Löwenrollen, aber der göttliche Frühlingstag lockte mich leidenschaftlich, seine Jugendkraft durchtoste mein Blut. Erde zu Erde! Das war das Leitmotiv, das freudige Losungswort des Tags, und diese menschlichen Gespräche und diese menschliche Ueberhebung wirkten wie ein Mißton, wie etwas Unnatürliches, wenn die gütige Natur ihr Schweigen brach und aus voller Kehle den Sang erschallen ließ, der jeden Nerv in uns in Schwingung versetzt. Die Luft, der feuchte Erdgeruch wirkten berauschend wie Feuerwein, das Getriller der Lerche, der warme Dunst aus dem Kuhstall quer gegenüber auf dem Feld, das Schnauben und der Rauch des in der Ferne vorüberfahrenden Bahnzugs, alles war Wein – oder war's Musik – oder Duft – diese Einheit, in die alles zerschmolz?

Ich hätte damals keine Worte zu finden vermocht für diesen Erdrausch, der mich umfing, und ich finde auch heute nur ein Stammeln. Jauchzend lief ich querfeldein, meine Sohlen quetschten das durchsickerte Erdreich, und wenn ich mit dem Stecken in eine Pfütze schlug, gab's einen Diamantenregen. Aufs Geratewohl heulte ich himmelwärts und plötzlich merkte ich, daß ich sang. Der Text war sinnlos, unzusammenhängende Laute, die Melodie eine Augenblicksschöpfung ohne Rhythmus, auf und ab, mir aber kam er genial vor, mein Sang, der einzige, der für diese Stunde paßte, das richtige, vollkommene Lied. Menschliche Zuhörer würden sich wohl die Ohren zugehalten haben, die Natur aber sang in der nämlichen Tonart, wo ich auch hinhörte, und mir war's, als ob sie meine Töne ohne Widerstand und Mißbilligung in die ihrigen verwebte.

Die ganze Zeit über lockte mich der Wind wie ein guter Spielkamerad.

»Nimm mich heute zum Führer,« klang's aus den Baumwipfeln, drin er sich tummelte, daß die Aeste knackten. »So manchen Feiertag bist du den Spuren der dummen, herzlosen Sonne nachgegangen und hast dir nichts als müde Beine geholt. Sie hat dich angelockt und dein Vertrauen getäuscht, mit einem blassen ausdruckslosen Mond als Begleiter durftest du dich mühsam heimschleppen. Versuch's heute einmal mit mir, dem Unhold, dem Heuchler, dem Spitzbuben, der um die Ecke gesaust kommt, wenn sich's niemand versieht, der nachläßt, verschwindet und dann wieder da ist und die Leutchen äfft! Ich kann dir zum Tanz aufspielen wie keiner, denn ich bin stark, bin die Laune in Person, bin ein Herrscher, der kein Gesetz achtet, hab' keine Grundsätze und bin für nichts verantwortlich, niemand unterthan.«

Was mich betraf, ich war eben in der Laune für solche Gesellschaft! Hatte ich nicht den ganzen langen Tag vor mir? Arm in Arm also mit dem wilden Gesellen folgte ich willig dem Zickzackkurs, den mein ungebundener Lotse mich stoßweis führte.

Ein wunderlicher Wanderkamerad war's, das hatte ich bald los. Wollte er einen Spaß machen, oder verfolgte er einen besonderen Zweck, als er mich jetzt, mir nichts dir nichts, zu einem Liebespaar hinfegte, das schweigend, Aug' in Auge, durch einen verschwiegenen, aber fühllosen Zaun getrennt beisammenstand? Derartiges berührte mich sonst immer als die unbegreiflichste und beklagenswerteste aller menschlichen Dummheiten. Wenn zwei Kälber ihre Nasen durch einen Lattenzaun aneinander reiben, so ist das ein naturgemäßes und berechtigtes Verfahren, aber daß menschliche Wesen, Geschöpfe, die sich frei bewegen und etwas Vernünftiges vornehmen können, zu dieser Art von Kurzweil greifen – nein! Nun, am ratsamsten war's, mit verschämter Miene vorüberzugehen und gar nicht über die Geschichte nachzudenken, heute aber war's, als ob alles, worauf ich stieß, gerechtfertigt würde durch den Zauber dieser Luft, eingefügt in die Melodie, die sie mir sang, und zu meiner eigenen Verblüffung ward ich inne, daß ich die albernen Leutchen, die mich natürlich gar nicht bemerkten, im Vorüberstreichen mit Wohlwollen statt mit Verachtung ansah. Irgend ein versöhnender Einfluß mußte walten, der selbst solch abgeschmackte Fratzen mit Knospenschwellen, Erdgeruch und Frühlingsluft in Einklang brachte.

Ein kräftiger Puff, den mir der herrische Begleiter auf die rechte Wange versetzte, veranlaßte mich, linksum zu machen und mit einemmal stand die Dorfkirche, einsam aus ihrem Kreis von kahlen, schweigenden Ulmen aufragend, vor meinen Blicken, und aus dem Sakristeifenster ragten zwei dünne, zappelnde, nach einem Standpunkt lechzende Beine hervor, jeder Zoll daran Diebsgelüste, wenn nicht Kirchenschändung verratend, für jedes gläubige Gemüt der Gemeinde ein haarsträubender Anblick. Ich kannte diese Beine, wenn mir auch die übrige Gestalt verborgen war; sie pflegten für gewöhnlich mit dem Rumpf von Billy Saunders, dem unerreichten Bösewicht des Dorfs zusammenzuhängen. Auch was Billy in diese Lage gebracht hatte, konnte ich mir mit Leichtigkeit zusammenreimen, es war des Pastors Biskuitvorrat, den dieser, wie auch ich genau wußte, im selben Schrank mit seiner Amtstracht verwahrte. Einen Augenblick überlegte ich mir den Fall, dann ging ich meiner Wege. Niemand soll mir nachsagen, daß ich auf Bills Seite gestanden hätte, aber die richtige Entrüstung im Namen des Pastors brachte ich allerdings auch nicht zu stande. Dieser Frühlingsmorgen wirkte mehr berauschend als bildend und war so unmoralisch, mir einzuflüstern, Bill habe vielleicht ebensoviel Anspruch auf Süßigkeiten als ein Pastor, schon aus dem einfachen Grund, weil er viel bessere Zähne habe! Jedenfalls konnte man über diesen Punkt verschiedener Meinung sein, und mich ging die Sache ja nichts an. Die Natur, die mich heute umschlungen hielt, kümmerte sich jedenfalls gar nicht darum, wer die Biskuits vertilgte, und hatte sicher nicht die Absicht, ihren Schützling seine Zeit damit vergeuden zu lassen, daß er für die Gesellschaft den Büttel spielte.

Nun fing er aufs neue an, mich weiter zu zerren, mein aufdringlicher Führer, und als ich mich auf sein Geheiß wieder in Bewegung setzte, fühlte ich deutlich, daß er mir noch mehr Feiertägliches zeigen wolle. Und das that er auch und alles war in dem nämlichen gesetzlosen und doch gesetzmäßigen Stil. Wie die schwarze Flagge eines Piratenschiffs strich unheilverkündend ein Habicht durch den blauen Ocean der Luft dahin, dann ließ er sich schwerfällig wie ein Senkblei auf eine Hecke nieder, aus der schrill und dünn ein schmerzlich klagender Hilfeschrei ertönte. Als ich an die Stelle kam, waren etliche auf dem Boden verstreute Federchen – etwa wie die Fetzen eines Theaterzettels sahen sie aus – das Einzige, was von der Tragödie zeugte, die hier aufgeführt worden war. Die Natur aber lächelte ungestört weiter und sang teilnahmlos ohne Erbarmen ihren Sang. Sie nahm nicht Partei, sie gönnte dem Habicht so gut sein Teil wie dem Buchfinken, beide waren ihre Kinder und sie zog keines dem andern vor.

Ein paar Schritte weiter stieß ich auf einen toten Igel – nein, er war mehr als tot, er war verfault. Ein betrüblicher Anblick für jemand, der den Burschen in angenehmen Verhältnissen gekannt hatte! Die Natur hätte füglich ein wenig Halt machen und diesem ihrem rauhborstigen Söhnchen, seinem vergeblichen Streben, seinem betrogenen Ehrgeiz, der ganzen jählings abgeschnittenen Nützlichkeit seines Daseins eine Thräne weihen können, fiel ihr aber gar nicht ein! Jubilierend wie je plätscherte, rieselte und wehte sie ihr Lied weiter, worin »Tod – im – Leben« und »Leben – im – Tod« abwechselnd den Kehrreim bildeten. Und als ich um mich blickte, die armen Rüben aus dem Boden starren sah, denen die Schafe in den überstandenen Tagen des Frosts das Herz aus dem Leibe gerupft hatten, da stieg eine unklare, dämmerige Ahnung in mir auf von dem finsteren, unerbittlichen Ernst ihres herzhaften schallenden Liedes.

Auch mein unsichtbarer Kamerad sang und jauchzte, mitunter aber klang's, als ob er in sich hinein kicherte, wohl über die seltsam fremde neue Weisheit, die er mir beibrachte, oder über eine besondere Koboldstücke, die er noch im Schild führen mochte, denn als er des schwerfälligen, nichtssagenden irdischen Gespielen endlich überdrüssig geworden war, ließ er mich einfach stehen, auf einem Fleck, den ich wohl kannte, fiel in sich zusammen und schlich sich davon – ins Nichts. Ich blickte auf und vor mir stand finster und moosbewachsen der alte Schandpfahl des Dorfs, ganz zerfressen von den Namenszügen eines Geschlechts, das seiner stummen Warnung hohnlachte, und doch klirrten an seinem morschen Holz immer noch die groben ländlichen Handschellen, die den Vorfahren dieses Geschlechts Respekt vor Gesetz und Ordnung eingeflößt hatten. Wenn ich ein Lorenz Sterne in der Knospe gewesen wäre, welch eine Gelegenheit, in Gefühlen zu schwelgen! Da ich aber nur ein Junge war, wie andre auch, machte ich einfach Kehrt und lief, meinen moralischen Schwanz zwischen die Beine klemmend, spornstreichs heimwärts, weil ein unheimliches Gefühl in meinem Innern behauptete, die Begegnung mit dem alten Burschen, nach dem ich noch mehrmals zurücksah, sei mehr als zufällig.

In der Nähe unsres Gartenthors stieß ich auf die einsame, in Thränen aufgelöste Charlotte. Es stellte sich heraus, daß Eduard sie veranlaßt hatte, sich zu verstecken, wobei sie mit Recht erwarten durfte, gefunden und mit Gebrüll aufgestöbert zu werden. Mittlerweile aber hatte ihn der Metzgerkarren gefesselt und er war, seiner heiligen Pflicht vergessend, auf und davon gefahren. Des weiteren fand sich, daß Harold, der eine heiße Leidenschaft für Kaulquappen hegte, in trunkener Gier kopfüber in den Teich gestürzt war. An und für sich hatte das ja nichts zu bedeuten, aber der Pechvogel war beim Versuch, sich heimlich durch die Hinterthür hineinzuschleichen, in seiner pudelnassen schlammüberzogenen Gestalt einer Tante in die Hände gelaufen und sofort ins Bett befördert worden, was an einem Feiertag wirklich tragisch zu nennen war. Das böse Omen des Schandpfahls bestätigte sich, und es wunderte mich gar nicht, als ich bei meiner eigenen Heimkehr ergriffen und eines Verbrechens bezichtigt wurde, das ich nicht einmal im Traum begangen hatte. Meine Gemütsverfassung war derart, daß es mir aufrichtig leid that, die Missethat nicht begangen zu haben.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.