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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Schuld und Sühne

Erst einige Zeit darauf erfuhr ich die wesentlichen Punkte dieses Vorgangs. Harold erzählte mir davon, aber nur bruchstückweise und mit Selbstüberwindung, denn es waren Erinnerungen, bei denen er nicht gern verweilte. Das wilde Weh eines Augenblicks hinterläßt manchmal eine wunde Stelle im Gemüt, die lange, ja sogar lebenslang schmerzhaft bleiben kann, und Harold gibt zu, daß er an dieser von Zeit zu Zeit immer noch ein Brennen fühlt, ähnlich dem Invaliden, der eine Kugel mit sich herumträgt, die ihn an blutige Vergangenheit mahnt.

Harold hatte sich's damals schon, schon in der nächsten Sekunde gesagt, daß er ein wildes Tier gewesen sei, denn Selina hatte ihn ja nicht quälen, sondern trösten und ihm beistehen wollen. Aber seine ganze Seele war eitel Wut und Schmerz gewesen, weil man ihn im Schulzimmer hatte »nachsitzen« lassen aus keinem andern Grund, als weil er behauptete, sieben mal sieben mache siebenundvierzig. Er erblickte darin eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Warum sollte nicht siebenundvierzig ebenso richtig sein als neunundvierzig? Die eine Zahl sah um kein Haar hübscher aus als die andre, also war die Entscheidung nur Sache persönlicher Auffassung und persönlichen Geschmacks und er war nun einmal für siebenundvierzig eingenommen und würde es sein Leben lang so halten.

Als daher Selina aus der hellen Sonne in die dumpfe Schulstube kam, als sie die Jäger des fernen Westens, ja die ruhmvolle Laufbahn einer Apache-Squaw hinter sich ließ, nur um ihm das Einmaleins abzuhören und seine Begnadigung zu erlangen, da empfing Harold sie mit heftigem Groll, lehnte ihr Entgegenkommen rundweg ab, ja, er stieß sie sogar mit dem Ellbogen zwischen die Rippen, die ihr mitleidiges Herz beherbergten, nur um sich verlassen und mißhandelt zu fühlen, den bittern Kelch bis zur Hefe leeren zu können. Doch diese teuflische Anwandlung war im Nu verflogen, die Augen gingen ihm auf und er bestreute im Geist sein Haupt mit Asche, während er verzweiflungsvoll auf eine unerhörte That der Sühne sann.

Natürlich erwartete die arme Selina gar nichts dergleichen, weder ein Sühnopfer noch öffentliche Abbitte, ja, sie hätte nicht einmal ein Wort der Entschuldigung verlangt. Wenn er einfach wieder freundlich gewesen wäre, so hätte sie am Ende selbst die Abbitte übernommen, aber das ist nicht Knabenart. Harold hatte das Gefühl, daß »etwas Rechtes« von seiner Seite geschehen müsse, und ehe das geschehen, war nicht an Versöhnung zu denken, schon um den Knalleffekt seiner That nicht zu beeinträchtigen. So kam's, daß Harold nach erfolgter Befreiung der armen Selina, die nach seinem Blick lechzte, den Rücken zukehrte und, von verkehrtem Edelmut besessen, die Schwester »schnitt«, obwohl ihm das Herz darüber blutete. Statt sie aufzusuchen, suchte er mich auf, und ich billigte seinen Plan selbstverständlich von ganzem Herzen. Einfach hingehen und wieder »gut« miteinander sein, war viel zu zahm und alltäglich, auch konnte man von einem Mädchen, dem man Rippenstöße versetzt hatte, keinen Augenblick erwarten, daß sie ohne greifbaren Trost für ihre beleidigte Würde darüber hinwegkommen werde. Das war der rechte, der ritterliche Weg!

»Ich weiß wohl, was sie sich am meisten wünscht,« klagte Harold. »Sie wünscht sich das kleine Theegeschirr mit den rot und blauen Blumen darauf, das in der Spielwarenhandlung am Fenster steht. Seit vielen vielen Wochen wünscht sie sich's, weil ihre Puppen jetzt im Alter für richtigen Nachmittagsthee sind, und sie wünscht sich's so dringend, daß sie gar nicht mehr auf die Seite von der Straße geht, wenn wir in die Stadt kommen – aber es kostet fünf Schilling!«

Nun steckten wir sehr ernstlich die Köpfe zusammen, widmeten uns den ganzen Nachmittag dem Rechnen, Zählen und der Einforderung alter Schulden und brachten schließlich ein »Budget« zu stande, das keinem Finanzministerium Schande gemacht hätte. Es lautete wie folgt:

  Sh. P.

Von einem Onkel. Nicht ausgegeben, weil acht Tage verloren gewesen, dann im Stroh des Hundehauses vorgefunden ...

2 6

Von mir vorgestreckt auf Sicherheit des nächsten Onkelbesuchs. Sollte der ausfallen, an Weihnachten zurückzuerstatten ...

1 0

Aus der Missionskasse mit Hilfe eines Falzbeins herausgeschüttelt (es war unser eigenes Geld und uns nur zwangsweise abgenommen) ...

0 4

Aus einer Wette mit Eduard, ob ich über das Feld gehen werde, wo Pächter Larkins Stier ist, und er hat gewettet, ich ginge nicht – war sehr schwer einzukassieren ...

0 2

Von Martha geliehen ohne jede Sicherheit, nur darf man's der Tante nicht sagen ...

1 0
Zusammen: ______
  5 0

Endlich atmeten wir wieder frei, denn die weitere Ausführung des Planes war eine Kleinigkeit. Selina wollte morgen nachmittag um fünf Uhr eine Theegesellschaft geben mit den zerkratzten alten Holztäßchen, die alle ihre Puppen der Reihe nach von frühester Kindheit an benützt hatten. Harold sollte unmittelbar nach Tisch losziehen, und zwar allein, um keinen Verdacht zu erregen, denn es war uns verboten, ohne Begleitung in die Stadt zu gehen. Unsre kleine Weltstadt war etwa drei Viertelstunden weit entfernt, er hatte also vollauf Zeit, wieder da zu sein, selbst wenn die Verpackung des Oelblatts einigen Aufschub verursachen sollte. Ueberdies würde er wahrscheinlich dem Metzger begegnen, der ein guter Freund von uns war und ihn gewiß aufsitzen lassen würde. Dann um fünf Uhr feierliche Ueberreichung des aus den Wolken gefallenen Theegeräts und volle Versöhnung ohne jegliche Einbuße an männlicher Würde. Mit dieser Gewißheit im Herzen dünkten uns weitere vierundzwanzig Stunden scheinbarer Feindschaft eine Kleinigkeit, und Harold mußte die trotzige Haltung unbedingt so lange beibehalten. Selina, die natürlich nichts von der für sie ausgeheckten Wohlthat ahnte, verbrachte deshalb einen trübseligen Abend und ging mit schwerem Herzen zu Bett.

Als am Tag darauf die Zeit des Handelns gekommen war, entzog sich Harold mit einer durch lange Uebung erworbenen Bescheidenheit der Beachtung unsrer Olympier und schlenderte harmlos zum Gartenthor hinunter. Selina, die ihn nicht aus den Augen ließ, nahm an, er wollte Frösche sangen im Teich, ein Vergnügen, das sie gemeinsam geplant hatten, und ging eilends hinter im drein. Harold hörte zwar ihren Schritt, aber er ging, von der Erhabenheit seiner Absichten durchdrungen, eilig weiter, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihr umzusehen, und die arme Verlassene wanderte einsam zwischen den Blumenbeeten, die heute weder Duft noch Reiz für sie hatten. Ich sah und begriff alles, und obwohl die kühle Vernunft unsre Handlungsweise guthieß, sagte mir doch mein Gefühl, daß wir Barbaren seien.

Harold erreichte die Stadt, wie er uns später berichtete, in einer Zeit, die ihn als Sieger aus einem Wettlauf hätte hervorgehen lassen, denn ihn jagte die furchtbare Angst, die Theetäßchen, die seit einem vollen halben Jahr friedlich im Schaufenster standen, könnten ihm weggeschnappt werden, vielleicht von einem andern Sünder, der ein Unrecht an Schwestern gut zu machen hätte. Kaum konnte er an sein Glück glauben, als er sie noch erblickte und ihren Eigentümer willig fand, sie um den darauf verzeichneten Preis herzugeben. In größter Hast zählte er sein Geld hin, damit der Handel sich ja nicht zerschlagen könne. Da sein Schatz aber aus dem Schaufenster genommen und verpackt werden mußte und es noch früh am Nachmittag war, gönnte er sich die Lust, selbständig durch die Straßen zu streifen und etwas Großstadtluft zu genießen. Zuerst mußten natürlich die Läden besichtigt werden, und er drückte seine Nase der Reihe nach an dem Fenster mit Gummibällen und dem mit Eisenbahnen zum Aufziehen platt; dann kam die Auslage des Barbiers daran mit den Perückenstöcken, die ihn an verschiedene Onkel erinnerten, und dem Seifenschaum, der so lecker aussah wie Schlagsahne, und das Schaufenster der Spezereihandlung, wo so viele Rosinen aufgestapelt waren, daß sämtliche britische Unterthanen sich den Magen daran verderben konnten, und das Fenster der Bankanstalt, wo das Gold so gering geachtet wurde, daß man es in Holzschalen herumstehen ließ. Dann lockte der Marktplatz mit seinen geräuschvollen Freuden, und als ein durchgehendes Kalb wie eine Kanonenkugel die Straße entlang geschossen kam, durfte Harold sich sagen, daß er nicht umsonst gelebt habe.

Es gab des Interessanten und Aufregenden so viel, daß Harold das Warum und Wozu seiner Anwesenheit gänzlich aus dem Sinn verlor, und erst als der Anblick der Kirchturmuhr ihm sein besseres Selbst wieder zum Bewußtsein brachte, lief er davon, denn es ward ihm plötzlich klar, daß es allerhöchste Zeit sei. War er zur festgesetzten Stunde nicht daheim, so konnte er nicht nur um seinen größten höchsten Triumph kommen, sondern auch als Gesetzesübertreter entdeckt werden, ein Fall, wogegen persönliche Auffassung des Einmaleins gar nichts war. So zog er denn fröhlich der Heimat zu, vieles in Gedanken erwägend, vermutlich auch laut vor sich hinsprechend, wie es seine Art war. Fast die Hälfte des Wegs hatte er zurückgelegt, als jählings ein heftiger Stich durch seine Magengrube fuhr, eine Lähmung aller Glieder eintrat, der Himmel sich verfinsterte, die Sonne schwarz wurde, aller Vogelsang verstummte und alles Grün verdorrte – er hatte die Theetäßchen vergessen!

Es war zwecklos, es war hoffnungslos – alles war vorüber – das Unheil nicht mehr gut zu machen. Nichtsdestoweniger machte er Kehrt, blindlings in wildem Lauf zurückrennend, obwohl er beinah erstickte vor heißem Schluchzen, das im Umkreis der erbarmungslosen Natur kein Mitleid erweckte, keinen Trost fand. Seine Pulse hämmerten, Staub und Thränen verschleierten seinen Blick, jämmerliches Seitenstechen und schwarze Verzweiflung verzehrten seine Kräfte. So taumelte er mit bleischweren Beinen und versagendem Atem dahin, bis er an einer Biegung der Straße – als ob das Schicksal nicht schon sein Aeußerstes an ihm gethan hätte – beinahe unter die Räder eines Dogcarts geraten wäre, der rasch anhielt und auf dem er jetzt die behäbige Gestalt des Pächters Larkin gewahrte, dessen Enten er am Morgen eben dieses Tags mit Steinen geworfen hatte.

Wäre Harold im Besitz seiner fünf Sinne gewesen, so würde er sich rechtzeitig hinter eine Hecke geduckt haben, nur um durch diese Begegnung bei Larkin keine peinlichen Erinnerungen wachzurufen, in dieser Verfassung aber konnte er nichts thun, als stillstehen und mühsam etwas herstammeln – übrigens focht ihn jetzt wenig an, welches weitere Elend seiner harre. Der Pächter seinerseits betrachtete sich diese Jammergestalt mit einiger Verwunderung und rief dann in gar nicht unfreundlichem Ton: »He da, junger Herr! Was ist denn mit Ihnen los? Doch nicht durchgebrannt daheim, hm?«

Mit dem unnatürlichen Mut, den äußerste Verzweiflung verleiht, kletterte Harold auf den Wagentritt und in den Wagen, warf sich auf das am Boden liegende Stroh und rief unter lautem Schluchzen, daß er zurück müsse, nur zurück! Was das eigentlich zu bedeuten hatte, war für Larkin nicht leicht zu erraten, da er aber mehr ein Mann der That als der Rede war, riß er einfach sein Pferd herum, und als Harold sich so weit erholt hatte, um seine Lage klar darzustellen, waren sie schon mitten im Städtchen. Als sie dann an dem betreffenden Laden vorfuhren, stand die Besitzerin bereits unter der Thüre mit dem Paket. Kaum eine Minute schien jetzt zwischen Entsetzen und Rettung verschlichen zu sein, als sie im raschesten Trab wieder zur Stadt hinausrasselten, Harold sein Päckchen zärtlich ans Herz drückend.

Und nun zeigte sich der Pächter von einer ungeahnten, außerordentlich günstigen Seite. Nicht ein Wort ließ er verlauten von eingedrückten Gattern und beschädigten Zäunen, keine Silbe von zerstampften Feldern, gescheuchtem Vieh und geängstigten Enten – man hätte wirklich denken können, der Mann habe nie in seinem Leben ein Tier im Stalle gehabt. Statt dessen nahm er den wärmsten Anteil an der traurigen Geschichte des glücklich erstandenen und vergessenen Theegeräts und stimmte in strittigen Fragen der Mathematik mit Harold überein, als ob er auf derselben Alters- und Weisheitsstufe stünde. Als sie sich der Heimat näherten, saß Harold zu seiner eigenen Ueberraschung dicht neben dem neuen Freund und plauderte mit ihm wie mit einem Kameraden, und ehe ihn dieser an einer passenden Lücke in der Gartenhecke absetzte, war fest zwischen ihnen verabredet, daß zu Selinas erster öffentlicher Theegesellschaft Fräulein Larkin eingeladen werden solle samt ihrer ganzen Sägmehlfamilie. Der Pächter schien so befriedigt und stolz zu sein, als ob er einen Preis von der landwirtschaftlichen Ausstellung nach Hause brächte, und als ich später den ganzen Hergang erfuhr, dämmerte mir eine Ahnung auf, daß die Erwachsenen ganz insgeheim doch gute Eigenschaften hätten und daß einst der Tag kommen könnte, wo ich aufhören würde, Uebles von ihnen zu denken.

Nachdem sie den ganzen Nachmittag über den Bruder in all seinen gewohnten Schlupfwinkeln gesucht hatte, setzte sich Selina gegen fünf Uhr in höchst verdrießlicher Laune zu ihren Puppen, die unfreundlicherweise nicht länger auf ihren Thee warten wollten. Die hölzernen Theetäßchen kamen ihr heute brüchiger vor als je, und ihre Puppen erinnerten sie heute mehr an Wachs und Sägmehl und weniger an vernunftbegabte menschliche Wesen als sonst. Dann aber kam Harold hereingestürmt, über die Maßen staubig, mit schlotternden Strümpfen und tief eingegrabenen Thränenspuren auf feuerroten Wangen, und Selina durfte endlich erfahren, daß er seit jenem schlecht angebrachten Zornesausbruch unaufhörlich in Gedanken mit ihr beschäftigt, daß sein Schmollen erkünstelt gewesen war und daß er keineswegs ohne sie auf die Froschjagd gegangen war.

Es war eine sehr heitere, strahlende Wirtin, die jetzt einer glasäugigen Gesellschaft mit steifen Knieen Thee vorsetzte, und manche Ungeschicklichkeit der Damen, die sonst strenge gerügt worden wäre, wurde heute übersehen, gerade als ob Geburtstag wäre. Harold und ich nahmen natürlich an, daß all ihre Freudigkeit dem Besitz der heiß ersehnten Täßchen zuzuschreiben sei, wurden aber später belehrt, daß diese Auffassung echt männlich und ganz verkehrt war.

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