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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Das blaue Zimmer

Daß die Natur Stunden hat, wo sie menschliche Zustände teilnehmend mitempfindet, ist häufig beobachtet und dann meist als ganz neue Entdeckung verkündet worden. Uns dagegen war dieses Mitgefühl etwas Selbstverständliches, und so fanden wir's auch nicht mehr als recht und billig, daß der Wind in den Kronen der alten Pappeln sang und heulte, und daß kurze Regenschauer die staubbedeckten Straßen sprengten, kurz, daß der März recht ungestüm und polternd auftrat an dem Tag, wo Eduard und ich auf dem Bahnsteig der nächstgelegenen Haltestelle die Ankunft eines neuen Hauslehrers erwarteten. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß dieser Empfang von einer Tante ersonnen und angeordnet worden war, der die verrückte Idee vorschwebte, unsre schüchternen, unschuldigen jungen Seelen würden sich ihm auf dem Heimweg in Gottes freier Natur erschließen, und so möchte, wenn sich dann naturgemäß eine gegenseitige Würdigung und Wertschätzung daran knüpfte, ein auf gegenseitiger Achtung gegründetes dauerndes Freundschaftsverhältnis entstehen! Ein tantenhaftes Hirngespinst – nichts weiter!

Eduard, der mit Recht annahm, daß er den ersten Anprall erzieherischer Unterdrückung zu erdulden haben werde, hatte sich in finsteres Schweigen gehüllt und war entschlossen, sich so ablehnend zu verhalten, als mit weitgedehnten Anstandsbegriffen irgend zu vereinigen sein würde. Daraus ging mit Notwendigkeit hervor, daß ich den Sprecher machen mußte und hohle Redensarten loslassen, was mich im voraus in gereizte Stimmung versetzte, denn Bücklinge, Begrüßungen, Vorstellungen und aller derartige lakaienmäßige Plunder waren mir in tiefster Seele zuwider. Somit tobten in uns, wie um uns, launische Märzwinde, während wir finsteren Blicks an dem langsam einfahrenden Eisenbahnwagen entlang gingen.

Mitunter überschätzt man die Schwierigkeiten eines Auftrags; so ging auch dieser Empfang leichter und formloser von statten, als wir uns vorgestellt hatten. In einer Lokalbahn, die nur dem Landvolk dient, ist ein Hauslehrer leicht zu unterscheiden, und sein Handkoffer war schon dem Gepäckkarren anvertraut, er selbst unsrer Führung auf einem Feldweg, ehe ich noch eine von meinen wohlvorbereiteten Redensarten vom Stapel gelassen hatte. Mein Mut hob sich ein wenig, und als ich jetzt den unbekannten »Freund« von unten herauf ansah, fiel mir auf, daß wir ja etwas viel Schulmeisterlicheres, Steiferes und Würdevolleres erwartet hatten. Ein lebhaftes, fast knabenhaftes Gesicht, ein Kneifer, der nicht sitzen wollte, ungepflegtes Kraushaar, ein Kopf, der rastlos hin und her fuhr wie bei einem Rotkehlchen, eine Stimme, die vom Falsett zum tiefen Baß überschnappte – das war überraschend und merkwürdig, aber keineswegs schreckenerregend.

In ungleichem, hüpfendem Schritte durchwanderte er das Dorf, rechts und links, vorwärts und rückwärts blickend.

»Reizend!« platzte er dann los. »Wahrhaftig zu reizend – ganz bezaubernd.«

Auf derartige Aeußerungen war ich nicht vorbereitet, und mein Blick flog hilfesuchend zu Eduard hinüber. Dieser indes marschierte ungerührt weiter, die Hände in den Hosentaschen, die Augen auf den Boden geheftet. Er hatte sich's einmal in den Kopf gesetzt, bockssteif zu sein, und blieb dabei.

Mittlerweile hielt unser Freund seine hohle Faust wie einen Tubus vors Auge und blinzelte unaufhörlich nach einem Gegenstand, den ich gar nicht wahrnahm.

»Hochfein!« murmelte er jetzt. »Fünfzehntes Jahrhundert – nein – doch, doch es ist so!«

Jetzt wurde mir die Sache rätselhaft, beinah' beunruhigend. Mir kam der Fleischer in »Tausend und eine Nacht« in den Sinn, der seine ganz gewöhnlichen Rindskeulen ausstellt, die dann dem erschrockenen Publikum wie menschliche Körperteile vorkommen! Dieser Mensch schien in der bekannten langweiligen Umgebung die absonderlichsten Dinge zu sehen!

»Ah!« ging's wieder los, als wir jetzt zwischen dichten Hecken weitergingen. »Und jetzt dieses Feld mit dem Hintergrund der buschigen Halde, der schweren Regenwolke darüber – der reinste David Cox! Auf und nieder ein David Cox!«

»Diese Felder gehören dem Pächter Larkin,« belehrte ich ihn höflich, denn man konnte ihm ja nicht zumuten, sich darin auszukennen. »Wenn der Pächter Cox ein Bekannter von Ihnen ist, will ich Sie morgen zu ihm begleiten. Zu sehen ist aber dort rein nichts.«

Eduard, der mürrisch hinterdrein stampfte, schnitt mir ein Gesicht, das deutlich sagte: »Was haben wir denn da für einen Tollhäusler eingefangen?«

»Ihre Heimat hat den richtigen idyllischen Stil,« fuhr der Schwärmer fort, »und durch Bauernhäuser und Pachthöfe gerade jene Beimischung von Kunst einer vergangenen Zeit, die unsre englische Landschaft so göttlich schön, so eigenartig macht.«

Das ging mir allmählich doch über die Hutschnur! Diese Aecker und Wiesen, auf denen wir jeden Fruchthalm und jeden Weidenbusch kannten, hatten meines Wissens wahrhaftig nichts angestellt, um sich in dieser Weise mit Eigenschaftswörtern bewerfen lassen zu müssen! Eigenartig, göttlich schön oder sonst etwas waren sie mir noch nie vorgekommen, sie waren – nun eben wie sie waren, und das genügte. Verzweiflungsvoll versetzte ich meinem Bruder einen Rippenstoß, um ihn zu einer vernünftigen Unterhaltung aufzumuntern, aber er grinste mich nur an und blieb stumm.

»Jetzt sieht man unser Haus,« erklärte ich nach einer Weile, »und dort ist Selina, die unsern Esel in seinen Pferch jagt. Das heißt, ich weiß nicht recht, jagt sie ihn oder er sie. Das kann ich von hier aus nicht sehen, aber jedenfalls sind's diese beiden.«

Selbstverständlich platzte sofort eine Bombe voll Eigenschaftswörtern.

»Köstlich! Auserlesen!« deklamierte er. »So reich, so harmonisch, so schmelzend! Und so wunderbar im Einklang mit der Natur gehalten!« – Eduards Gesicht sagte, dieser junge Mann thäte wohl besser, sich selbst in Einklang mit der Natur zu bringen! – »Und in diesen alten Giebeln, was für ein romantischer Hauch!«

»Wenn Sie den Speicher meinen,« bemerkte ich, »so steht nichts drin als alte Möbel und Gerümpel. Eine von den Kammern ist meist mit Aepfeln gefüllt. Da schlüpfen manchmal unter der Dachtraufe Fledermäuse hinein und fliegen herum. Wir nehmen dann Besen und Haarbürsten und treiben sie hinaus. Sonst ist meines Wissens nichts auf dem Speicher!«

»Ach! Da muß mehr zu finden sein als Fledermäuse!« rief er begeistert. »Behaupten Sie nur nicht, es gebe hier keine Geister! Ich wäre furchtbar enttäuscht, wenn in diesem alten Haus keine Gespenster umgingen.«

Es war nicht der Mühe wert, ihm zu widersprechen! Nein, dieser Art von Unterhaltung fühlte ich mich wirklich nicht gewachsen. Ueberdies waren wir jetzt nah' am Haus, und meine Führerlaufbahn hatte ihr Ende erreicht. Unter der Hausthüre kam uns Tante Elisa entgegen und die beiden eröffneten ein Kreuzfeuer von Eigenschaftswörtern, selbstverständlich gleichzeitig redend, wie es bei Erwachsenen Brauch ist. Eduard und ich entwischten nach der Rückseite des Hauses und legten vorsichtshalber einige Ackerbreiten zwischen uns und die Bildung, um nur ja nicht zum Thee ins Wohnzimmer befohlen zu werden. Als wir dann wieder nach Hause kamen, hatte sich der Ankömmling auf sein Zimmer begeben, um die Kleider zu wechseln, und so waren wir vorderhand sicher vor ihm.

Der Märzwind, der sich um Sonnenuntergang ein wenig beruhigt gehabt hatte, wuchs in dieser Nacht zum Sturm an. Ich war zwar zu meiner gewohnten Stunde eingeschlafen, wurde aber gegen Mitternacht durch sein Pfeifen und Heulen aufgeweckt. Der Mond schien hell; sturmgepeitschte Wipfel und Zweige huschten gespenstisch vor den Fenstern hin und her; in den Schornsteinen rumpelte es, durch die Schlüssellöcher pfiff's, alles war Geräusch und Leben und an Schlaf war nicht zu denken. Ich richtete mich im Bett auf und hielt Umschau; Eduard saß auch aufrecht in dem seinigen.

»Hat mich schon lang gewundert, daß du schlafen konntest,« bemerkte er, »aber wieder einschlafen kann man nicht. Wir wollen lieber aufstehen und etwas unternehmen.«

»Ich bin dabei!« rief ich. »Spielen wir Schiff auf hoher See« – das Schwanken und Krachen des alten Hauses unter den gewaltigen Windstößen legte diesen Gedanken nahe – »und dann können wir uns als Schiffbrüchige auf eine Insel retten oder auf einem Balken weiter treiben, wie du willst. Mir wäre eine Insel lieber, weil mehr drauf ist.«

Eduard sprach sich nach einiger Ueberlegung gegen diesen Vorschlag aus.

»Das würde zu viel Spektakel machen,« wandte er ein. »Schiffbruch spielen ist nur lustig, wenn man gehörig rumoren kann.«

Da krachte die Thüre und ein kleines weißes Gestältchen kam vorsichtig hereingeschlüpft.

»Ich habe euch sprechen hören,« sagte Charlotte, »und wir fürchten uns ein wenig, sogar Selina. Sie will nur ihren neuen Morgenrock anziehen, auf den sie sich so viel einbildet, dann kommt sie auch.«

Die Arme um die Kniee geschlungen, hockte Eduard in tiefen Gedanken da, bis Selina erschien, barfüßig, aber in dem neuen Morgenrock, worin sie absonderlich lang und dünn aussah.

»So, jetzt wären wir ja alle beisammen!« hob Eduard an. »Ich stelle den Antrag, daß wir als Räuberbande durchs Haus streifen.«

»Das willst du immer,« entgegnete ich, »aber was in aller Welt sollen wir denn rauben?«

»Biskuit!« erklärte Eduard.

»Hurra! Drauf!« erklang es aus Harolds Bett und ein Krauskopf fuhr in die Höhe.

Unser Jüngster hatte sich die ganze Zeit nur schlafend gestellt, um nicht zu gefährlichen Dienstleistungen gezwungen zu werden.

Eduard war entschieden erleuchtet gewesen, als er uns mit dem Zauberwort Biskuit seinem Willen unterwarf; denn die zerstreuten Olympier hatten allerdings hie und da das Unglück, Schätze dieser Art nicht zu verschließen, die dann den Lohn für tollkühne Nachtwandler bildeten.

Eduard kollerte zum Bett heraus und verhüllte seine bloßen Beine mit einem ruppigen Paar alter Kniehosen. Dann gürtete er seine Lenden, steckte eine große hölzerne Pistole und ein langes hölzernes Rapier in den Gürtel, stülpte einen Schlapphut auf, der von einem verflossenen Onkel stammte und sonst zur Darstellung von Guy Fawkes und Karl dem Zweiten benützt wurde. Mochte das Publikum noch so genügsam sein, Eduard wählte seine »Maske« immer mit Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, während Harold und ich, dem Shakespeareschen Vorbild getreu, wenig Wert auf die Ausstattung legten, so lang das Drama selbst unsre Herzen zu erwärmen vermochte.

Jetzt hielt der Räuberhauptmann eine kleine Ansprache, worin er uns Vorsicht und Schweigen ans Herz legte und uns namentlich daran erinnerte, daß Tante Elisa die Thüre ihres Schlafzimmers, an dem wir vorüberschleichen mußten, nur angelehnt ließ.

»Ja, warum denn nicht durchs blaue Zimmer?« meinte die kluge Selina. »Da schneiden wir ja den Weg bedeutend ab.«

»Versteht sich!« pflichtete Eduard freudig bei. »Daran hatte ich gar nicht gedacht! Vorwärts also – du darfst anführen!«

Das blaue Zimmer war in vorhistorischer Zeit durch Benützung eines überflüssig langen Flurs eingeschachtelt worden und hatte also nicht nur den Vorzug, zwei Ausgänge zu besitzen, sondern setzte uns auch in den Stand, die Haupttreppe zu erreichen, ohne an der Thüre des »Drachenlochs«, das heißt des Schlafzimmers der Tante, vorüber zu müssen. Wenn nicht zufällig ein Onkel bei uns nächtigte, war es unbewohnt.

Lautlos, im Gänsemarsch traten wir ein. Das Zimmer war vollkommen dunkel bis auf einen breiten Streifen Mondlicht, den wir allerdings durchqueren mußten, um zum andern Ausgang zu gelangen, und unsre führende Dame konnte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Sitz ihres Morgenrocks an ihrem Schattenbild zu studieren. Offenbar empfand sie große Genugthuung darüber, denn sie drehte und wendete sich wie ein Pfau und fing sogar an, mit einem unsichtbaren Tänzer ein Menuett aufzuführen. Diese stilwidrige Bereicherung des Programms war mehr, als unser Regisseur ertrug, und nach kurzem Zuwarten zog er vom Leder, das heißt, er betrat selbst die beleuchtete Bühne und schwang in zierlicher Fechterstellung sein hölzernes Rapier. Selina ging auf seine Absicht ein, und so kam es zu einem Zweikampf nach allen Regeln der Kunst, der mit Selinas feierlicher, salbungsvoller Erdolchung endete, worauf der grausame Ritter ihren Leichnam von dannen schleppte. Wir andern zogen mit Freudensprüngen und Beifallsbezeugungen hinterdrein, die aber nur pantomimisch ausgedrückt wurden, denn der Hauptreiz des Schauspiels bestand ja gerade in dem Zwang zur Lautlosigkeit.

Sobald wir das stockfinstere Treppenhaus erreicht hatten, belehrte uns das Heulen und Kreischen des Sturmes, daß die Gefahr einer Entdeckung weniger groß war, als wir gefürchtet hatten. Wir faßten einander gegenseitig an den Nachthemden, wie Bergsteiger sich an gefährlichen Stellen aneinanderseilen, und dann begann der Abrutsch über die Moräne des Treppengeländers, der Weg über den Gletscher der Halle, wobei uns ein freundlicher Lichtschein aus der halb offenen Thüre des Wohnzimmers als leitendes Gestirn diente. Beim Eintritt in diese gastliche Alpenvereinshütte entdeckten wir, daß die leichtfertigen Olympier so viel Glut im Kamin hinterlassen hatten, daß mit Leichtigkeit eine helle Flamme angefacht werden konnte. Außerdem lächelten uns thatsächlich Biskuits und zwar ein ganzer Teller voll und eine halbe Zitrone, die zwar ausgepreßt war, an der man aber doch noch lutschen konnte. Die Biskuits wurden christlich verteilt, der Zitronenschnitz ging von Mund zu Mund und die knisternde Flamme wärmte unsre entblößten Gliedmaßen, so daß wir die nächtlichen Gefahren und Drangsale nicht umsonst bestanden hatten.

»Komisch,« bemerkte Eduard, sich vor dem Kamin ausstreckend, »wie unausstehlich mir diese Stube bei Tag ist. Da fällt einem nichts dabei ein, als daß man sich die Hände waschen und die Haare bürsten und dumme Redensarten machen müsse, heute abend aber ist's wirklich mollig hier – sieht ganz und gar anders aus.«

»Ich kann gar nicht begreifen,« sagte ich, »wie die Leute hierher kommen mögen ›zum Thee‹. Arm sind sie ja nicht, da können sie ja auch zu Hause Thee haben und Gelee und Kuchen; sie können ihn sogar aus der Untertasse trinken, sich die Finger lecken und sich's wohl sein lassen. Statt dessen machen sie eine ganze Reise, um hier bocksteif auf den Stühlen zu sitzen, ja nicht mit den Füßen an den Querhölzern zu scheuern, eine Theetasse mühsam in der Hand zu halten und immer denselben Unsinn zu schwatzen.«

Selina rümpfte ihr hoffärtiges Näschen.

»Davon verstehst du gar nichts,« erklärte sie mir. »Wenn man zur Gesellschaft gehört, muß man sich gegenseitig besuchen; das schickt sich nun einmal.«

»Geschwätz,« warf Eduard äußerst verbindlich hin. »Du gehörst jedenfalls nicht zur Gesellschaft und wirst auch nie dazu gehören!«

»O doch, gewiß,« versetzte Selina. »Dich werde ich aber jedenfalls nicht um deinen Besuch bitten.«

»Da könntest du lange bitten, ich käme doch nicht,« brummte der galante Bruder.

»Ich werde dich gar nicht in die Lage bringen, so unhöflich zu sein,« entgegnete Selina, ihr angeborenes Recht auf das letzte Wort geltend machend.

Derartige Plänkeleien wurden ohne jede Erbitterung geführt; es war, was wir unter Plaudern verstanden.

»Ich kann die Gesellschaftsmenschen nicht ausstehen,« bekannte Harold, der sich aus dem Sofa räkelte, ein Anblick, vor dem die Sonne ihr Antlitz verhüllt haben würde. »Heute mittag waren wieder etliche hier – während ihr auf dem Bahnhof wart. Ich hatte auf der Wiese eine tote Maus gefunden und wollte ihr gerade das Fell abziehen, nur wußte ich nicht recht, wie man das macht, weil ich's noch nie allein gethan habe, als sie in den Garten herauskamen, und mir den Kopf tätschelten – wenn sie nur das bleiben lassen wollten! – und eine von den Damen bat mich, ihr eine Blume zu pflücken. Ich sehe zwar nicht ein, weshalb sie das nicht selbst besorgen konnte, aber ich sagte nur: ›Recht gern, wenn Sie mir so lange die Maus halten wollen!‹ Da schrie sie hinaus und ließ die Maus fallen. Gleich war Augustus (unsre Katze) da und lief mit ihr davon. Ich glaube, die Maus hat ihr gehört, denn sie schlich schon lange so herum, als ob sie etwas verloren hätte, drum habe ich mich auch gar nicht über sie geärgert, aber warum mußte das Frauenzimmer die Maus fallen lassen?«

»Mit Mäusen muß man sich immer in acht nehmen,« bemerkte Eduard nachdenklich, »sie sind verwünscht schlüpfrig. Wißt ihr noch, wie wir einmal mit einer toten Maus auf dem Klavier Robinson spielten? Das Klavier war die Insel und die Maus der Robinson, und da ist sie mit einemmal ins Innere der Insel geschlüpft, zwischen die Saiten, und wir konnten sie ums Leben nicht mehr herauskriegen, nicht mit Schürhaken und allem, was wir versuchten. Acht Tage drauf kam dann der Stimmer, der –«

Bei diesem Wendepunkt der Geschichte purzelte Charlotte, die friedlich eingenickt war, über den Kaminvorsetzer hinunter, und wir machten nun die Beobachtung, daß der Wind sich gelegt hatte und das Haus in tiefem Schweigen ruhte. Es war, als ob unsre leeren Betten einen Sehnsuchtsruf nach uns ausgestoßen hätten, und wir waren recht froh, als Eduard das Zeichen zum Aufbruch gab. Auf dem obersten Treppenabsatz wurde Harold plötzlich aufrührerisch, indem er höchst unerwarteterweise behauptete, daß man ihm in einem freien Räuberstaat nicht verwehren könne, noch einmal das Treppengeländer hinabzurutschen. Zur Erörterung von Rechtsfragen waren Zeit und Ort ungeeignet, und so schlug ich vor, ihm statt dessen das Vergnügen des »Froschmarschs« zu bereiten. Wir nahmen ihn an den Beinen, er mußte auf seinen Händen marschieren, und so durchschritt man in feierlichem Zug das mondbeschienene blaue Zimmer, Harold in seiner wagrechten Lage gänzlich gefügig. Als wir endlich wieder in unsern Betten lagen und ich dem Einschlafen nahe war, hörte ich, wie Eduard plötzlich vor unterdrücktem Lachen pustete.

»Beim Zeus!« kicherte er in sich hinein. »Das hatte ich rein vergessen! Der neue Hauslehrer schläft ja im blauen Zimmer!«

»Nur ein Glück, daß er nicht aufgewacht ist und uns ertappt hat!« grunzte ich halb im Schlaf, und ohne diesem Punkt einen weiteren Gedanken zu widmen, überließen wir uns dem wohlverdienten Schlummer.

Als wir am andern Morgen zum Frühstück kamen, ganz gewappnet, neuen Schwierigkeiten die Stirne zu bieten, fanden wir zu unsrer Ueberraschung den überschwenglichen Freund von gestern – ein Frühaufsteher war er übrigens nicht! – merkwürdig schweigsam und zugeknöpft. Nachdem wir unsre Hafergrütze hinuntergewürgt hatten, eilten wir zu unsern Kaninchen, um sie zu füttern und sie darauf vorzubereiten, daß der verwünschte neue Hauslehrer unsern Umgang mit ihnen wohl etwas beschränken werde.

Als wir dann zu der Schicksalsstunde, die für den Beginn des Unterrichts festgesetzt worden war, pflichtschuldig ins Haus zurückkehren wollten, hätte uns fast der Schlag gerührt, als wir die bekannte Lohnkutsche mit unserm neuen Bekannten beladen zum Hof hinaus raffeln sahen. Tante Elisa war von einer geradezu rohen Schweigsamkeit, aber einer von uns hörte sie gelegentlich äußern, der neue Hauslehrer müsse dem Irrenhaus entsprungen sein. Dieser Ansicht konnten wir nur rückhaltlos beipflichten, worauf wir die ganze Angelegenheit als abgethan ansahen und vergaßen.

Etliche vierzehn Tage daraus machte uns der Onkel Thomas einen kurzen Besuch und zog dabei die »neueste Erscheinung der Litteratur« aus der Rocktasche, eine Wochenschrift mit dem Titel »Psyche, Zeitschrift aus der unsichtbaren Welt«. Er bestrebte sich, dabei wieder viel Humor zu entfalten, der aber eigentlich keiner war und sichtlich auf unsre Kosten ging. Trotzdem ließen wir seine Witze mit Geduld über uns ergehen, ja wir belohnten ihn sogar mit dem erwarteten künstlichen Gelächter, nur weil uns daran lag, die Quelle seiner Begeisterung kennen zu lernen, die endlich auch zum Vorschein kam in einem Abschnitt, worin unsre bescheidene alltägliche Häuslichkeit haarklein beschrieben wurde.

»Fall III« begann die Geschichte: »Die folgenden Einzelheiten werden uns von einem jungen Mitglied der Gesellschaft mitgeteilt, dessen Ernst und Gewissenhaftigkeit über alle Zweifel erhaben sind, und stammen aus persönlicher, jüngst gemachter Erfahrung.«

Folgte eine ziemlich richtige Beschreibung eines Hauses, das unverkennbar das unsrige war, dann ein Strom von höchst fadem Gerede über Geistererscheinungen im allgemeinen, das auf gelinde Geistesstörung schließen ließ und außerdem noch auf einen absoluten Mangel an Phantasie, denn der Bursche war nicht einmal originell. All die alten verbrauchten Requisiten wurden mobil gemacht: ein Sturm in der Nacht, ein Zimmer, worin es umging, die weiße Dame, der zum tausendstenmal aufgeführte Mord, kurz, lauter Zeug, das längst seine Wirkung eingebüßt hatte.

Niemand von der Familie wußte, was er aus der Geschichte machen sollte und wie sich ihren Zusammenhang mit unserm friedlichen Erdenwinkel erklären, nur Eduard, der dem Menschen nie getraut hatte, blieb dabei, daß unser kurzlebiger Hauslehrer die Hand im Spiel haben müsse.

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