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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Exit Tyrannus

Endlich war er angebrochen der ereignisreiche Tag, der wie alle goldenen Daten, die Bestimmtes versprechen, bei seiner ersten Ankündigung als »weit in nebelgrauer Ferne« erschienen war. Als man uns vierzehn Tage vorher mitgeteilt hatte, daß Fräulein Smedley endgültig ihren Abschied nehme, hatte der Jubel darüber eine volle Woche vorgehalten, und wir hatten uns in diesen acht Tagen förmlich berauscht an Aufzählung und Erörterung ihrer Tyranneien, ihrer Bosheiten und Missethaten. Jedes hatte das andere an diese oder jene Kränkung, Schmach oder körperliche Züchtigung erinnert, die man stumpfsinnig hingenommen hatte, so lang die Hoffnung auf Befreiung noch keinem aufgedämmert war. Ferner hatte man Zeit gebraucht, sich die leuchtende Zukunft auszumalen, die ja freilich neue Sorgen und Kümmernisse bringen mochte – diese Welt ist ja leider ein Jammerthal! – aber doch wenigstens Erlösung von dieser Familiengeißel! Was dann noch an Zeit übrig geblieben war, hatte man auf Festvorbereitungen verwendet, die der öffentlichen Meinung greifbaren Ausdruck verleihen sollten.

Unter Eduards meisterlicher Leitung war eine Flagge hergestellt worden und eine Vorrichtung, diese auf dem Hühnerstall aufzuhissen, genau in dem Augenblick, wo die Lohnkutsche mit Fräulein Smedlys Koffern auf dem Bock und der grimmen Unterdrückerin auf dem Vordersitz daran vorüberfahren würde. Drei kleine Geschütze auf den Randstein der Müllgrube aufgepflanzt, sollten dem abziehenden Feind unsre unvergänglichen Gefühle in die Ohren donnern, und alle Hunde mußten Bandschleifen tragen. Später – die Möglichkeit hing aber von unsrer Schlauheit und Verstellungskunst ab – sollte noch ein Freudenfeuer abgebrannt werden, vielleicht sogar eine oder zwei Raketen, je nachdem sich die Leistungsfähigkeit der gemeinsamen Kasse dem ungewöhnlichen Aufwand gewachsen zeigen würde.

Früh am Morgen hatte mich Harold durch einen ziemlich unsanften Rippenstoß geweckt, und die Morgenhymne: »Heute geht sie!« hatte rasch den Schlaf vollends vertrieben. Aber seltsamerweise hatte sich in meinem Gemüt das entsprechende Wonnegefühl nicht rühren wollen, ja während des Ankleidens hatte sich ein dumpfes widerwärtiges Schmerzgefühl eingestellt, dessen Ursache ich mir nicht erklären konnte, dessen Wirkung aber der einer tüchtigen Beule etwa gleichkam. Harold mußte offenbar auch davon befallen sein. Er leierte zwar pflichtschuldig das Leitmotiv: »Heute geht sie« her, aber es klang eher weh- als übermütig, und er sah mich dabei so gespannt und hilflos an, als ob er mir am Gesicht ablesen wollte, wie man die Sache aufzufassen hätte. Statt ihn zu erleuchten, ließ ich ihn hart an, befahl ihm, sein Gebet herzusagen und mich ungeschoren zu lassen. Was konnte diese düstre Stimmung bedeuten, die sich an diesem Tag der Tage wie ein Nebel über das sonnige Leben senkte?

Als wir endlich unten und im hellen Sonnenschein waren, fanden wir Eduard auf einem Gitterthor sitzend und mit den Füßen baumelnd, wobei er einen alten Kinderreim absang, worin alle Tiere der Reihe nach aufmarschieren und sich in ihrer Muttersprache äußern, und wovon jeder Vers anfängt:

»Kommt, ihr Kinder, kommt mit mir
In des Morgens Sonnenschein!«

Offenbar war ihm ganz entfallen, welch schicksalsvollen Tag wir angetreten hatten!

»Heute geht sie,« sagte ich, ihn am Aermel zupfend.

Eduards musikalische Laune war dahin wie eine geplatzte Seifenblase.

»Ja, sie geht,« versetzte er, von seinem Sitz abspringend.

Dann gingen wir alle miteinander schweigend ins Haus.

Beim Frühstück benahm sich Fräulein Smedley in ganz unvorhergesehener wirklich erbärmlicher Weise. Erzieherinnen mögen ja ein göttliches Anrecht auf Erzieherei haben, aber Thränen gehören nicht zu ihren Gerechtsamen. Wenn sie weinen, so reißen sie damit das einzige Vorrecht ihrer Opfer an sich, und das ist unehrliches Spiel. Charlotte weinte auch, aber das war selbstverständlich und fiel nicht in die Wagschale. Charlotte weinte ja sogar, wenn den Schweinen zur richtigen Zeit Ringe durch die Nasen gezogen wurden, obwohl der Chirurg, der dieses Amtes waltete, sie immer auslachte und versicherte, die Schweine hätten es sehr gern, was der Fachmann ja am besten wissen mußte. Wenn aber ein Sklavenvogt, dem die Peitsche entwunden wird, seine Zuflucht zu Thränen nimmt, hat die mißhandelte Menschheit ein Recht, empört zu sein, denn sie wird dadurch in eine gänzlich falsche Lage gebracht. Was würden wohl die Römer begonnen haben, angenommen, Hannibal hätte geweint? Die Geschichte hat eine solche Möglichkeit nicht einmal in Erwägung gezogen. Gesetz und Herkommen sollten von beiden Parteien geachtet werden; vergeht sich eine dagegen, so fühlt sich die andre mit Recht benachteiligt.

Heute vormittag war natürlich kein Unterricht, und das war abermals störend! Von Rechts wegen hätten wir bis zum letzten Augenblick in einem Irrgarten von Deklinationen und Konjugationen herumgetrieben werden und wutbebend über dem zerfleischten Leichnam des Einmaleins die Hand zum letzten Lebewohl ausstrecken sollen. Aber so etwas geschah nicht, und man ließ mir volle Freiheit, mich im Garten herumzutreiben und nach besten Kräften diese unerklärliche gedrückte Stimmung zu bekämpfen. Dabei drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß der Abgang von Menschen, an die man sich einmal gewöhnt hat, eine ganz verkehrte Einrichtung sei. Was einmal angefangen hatte, sollte auch fortgesetzt werden. Abwechslung mußte natürlich auch sein. Schweine zum Beispiel kamen und gingen ja häufig, aber dieses »Los des Schönen auf der Erde« war von der Natur selbst angeordnet und sie hatte auch hinreichend Sorge für rasche Nachfolge getragen. Hatte man ein Schwein ins Herz geschlossen und mußte es verlieren, so war der Kummer bald gemildert durch die Lust, sich unter dem neuen Wurf einen neuen Liebling auszusuchen. Hier aber, wo es sich nicht um ein so unvergleichliches Tier, sondern nur um ein »Fräulein« handelte, schien die Natur hilflos zu sein und die Zukunft verhieß keinen Nachwuchs, der Vergessenheit bringen würde. Das Leben konnte sich je nachdem schöner oder schlimmer gestalten, anders würde es jedenfalls werden, und der angeborene konservative Sinn der Jugend fordert weder Reichtum noch Armut, sondern nur Schutz vor dem Wechsel.

Eduard schlich an mir vorüber; er hatte einige Aehnlichkeit mit einem Hund, der beim Diebstahl eines Schinkenbeins ertappt wurde.

»Famos wird's sein, wenn sie endlich fort ist,« bemerkte er mit gemachtem Uebermut.

»Riesig nett,« brachte ich mühsam heraus, dann kam das Gespräch schon wieder ins Stocken.

Wir schlenderten zum Hühnerstall und besichtigten das Banner der Freiheit, das im Augenblick des Triumphs durch die Lüfte flattern sollte.

»Willst du,« fragte ich bescheiden, »die Flagge hissen, wenn der Wagen abfährt, oder warten – warten, bis er außer Sicht ist?«

Eduard sah unschlüssig drein.

»Ich fürchte, wir bekommen Regen,« erwiderte er, »und 's ist eine nagelneue Flagge. Es wäre jammerschade, wenn sie verdorben würde – schließlich ist's gar nicht der Mühe wert, sie zu hissen.«

Wie ein von Indianern verfolgter Büffel kam Harold um die Ecke geschossen.

»Ich habe die Kanonen blitzblank poliert,« meldete er, »jetzt sehen sie famos aus! Darf ich sie laden?«

»Das wirst du hübsch bleiben lassen,« erklärte Eduard mit Strenge. »Du würdest höchstens dich selbst in die Luft sprengen. Sei so gut und rühre das Schießpulver nicht an, sonst haue ich dich windelweich.«

Fürsorge für den Nebenmenschen war sonst eben nicht Eduards Stärke. Verwundert und verblüfft stand Harold von seinem Vorhaben ab.

»Sie will, daß ich ihr schreibe,« warf er so beiläufig hin. »Schreibfehler seien ihr einerlei, wenn sie nur einen Brief bekomme – man denke sich!«

»Halt 's Maul!« herrschte ihn Eduard ingrimmig an, dann versanken wir wieder in Schweigen und trübselige Gedanken.

»Gehen wir ins Wäldchen,« schlug ich zaghaft vor, in dem unbestimmten Gefühl, daß irgend etwas geschehen müsse, um diesem Zustand ein Ende zu machen. »Wir wollen uns noch etliche Bogen und Pfeile zurecht machen.«

»An meinem letzten Geburtstag hat sie mir ein Messer geschenkt,« bemerkte Eduard, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Es war nicht viel los damit – thut mir aber doch leid, daß ich's verloren habe.«

»Damals, als mir mein Bein so weh that,« warf ich hin, »ist sie die halbe Nacht aufgeblieben, um mir's einzureiben. Ich habe schon lang nicht mehr daran gedacht – erst heute früh fiel mir's wieder ein.«

»Das ist die Kutsche!« rief Harold plötzlich. »Ich höre den Kies knirschen!«

Jetzt sahen wir einander zum erstenmal an diesem Tag ins Gesicht.

* * *

Die Kutsche samt Insassin war endlich durchs Hofthor gerasselt und das Geräusch der Räder in der Ferne verklungen, aber keine Flagge flatterte trotzig im Wind, kein Kanonendonner verkündete den Regierungswechsel. Das Schicksal hatte ein Stück aus unsern Leben ausgeschnitten, man mochte das Ding drehen und wenden, wie man wollte, die Lücke blieb sichtbar. Keiner hatte ein Bedürfnis nach Gesellschaft, und so gingen wir in verschiedenen Richtungen auseinander. Mir kam der Gedanke, daß mein Gartenbeet es recht nötig hätte, von einem Ende bis zum andern umgegraben zu werden. Im Grund war das Graben ganz überflüssig, andrerseits konnte es auch keinen Schaden anrichten, und so schwang ich meine Schaufel im heißen Sonnenschein, bis mir der Schweiß von der Stirne lief – und das Denken verging. Nach einer Stunde etwa kam Eduard in meine Nähe.

»Ich habe Holz gespalten,« erklärte er mit einem gewissen Schuldbewußtsein, gerade als ob er nötig gehabt hätte, mir Rechenschaft abzulegen über sein Thun und Lassen.

»Wozu?« fragte ich dummerweise. »Es ist ja solch ein Vorrat von Kleinholz da.«

»Weiß ich, aber es schadet auch nichts, wenn man noch mehr hat. Man weiß ja nie, was vorkommt. Wozu in aller Welt hast du denn das ganze Beet umgegraben?«

»Du sagtest ja, es werde regnen,« versetzte ich hastig. »Deshalb wollte ich's fertig bringen, eh' der Regen kommt. Richtige Gärtner sagen immer, das sei am besten.«

»Ja, es sah aus, als ob's regnen wollte,« räumte er mir ein, »hat sich aber wieder ganz verzogen. Wunderliches Wetter gegenwärtig! Drum war mir's auch den ganzen Tag so unbehaglich.«

»Mir auch,« stimmte ich bei. »Das muß jedenfalls vom Wetter kommen.«

Das Wetter hatte mit unserm Unbehagen nicht das Mindeste zu schaffen, aber lieber hätten wir den Tod erlitten, als uns gegenseitig die wirkliche Ursache eingestanden.

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