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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Worüber sie reden?

Eduard »traktierte« uns großmütiger Weise mit Ingwerbier Eine Art Brauselimonade, in England sehr beliebt. Anm. d. Uebers., da er gerade in den Händen des Zahnarzts gewesen und folglich für eine nur zu flüchtige Stunde der Kapitalist unter den Brüdern war. Wie in jeder anständigen Familie gab es auch in der unsrigen eine vorschriftsmäßige Taxe dafür – Zahnausziehen trug dem Opfer ein Halbkronenstück ein, war's aber nur ein lose sitzender Milchzahn, nur einen Schilling. Trotzdem Eduard mit Aufwand all seiner mimischen Kunst Todesqualen geheuchelt hatte, war der in Frage stehende Zahn unbestreitbar ein wackeliger gewesen, zu Ingwerbier reichte das Ergebnis seiner Leiden aber immerhin aus. Als großmütiger Spender hatte sich Eduard für seine Person Freiheit von allen niederen Pflichten der Anschaffung ausbedungen und sich im Garten ergangen, während ich beim Krämer das Getränk holte und Harold aus der Speisekammer ein Wasserglas entwendete. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, streckten wir uns im Gras aus. Das gesetzteste und gebildetste von den Kaninchen war zur Verschönerung des Fests freigelassen worden und hüpfte sittsam um uns her, als richtiger Feinschmecker nur die saftigsten Gräser benagend. Selina als die älteste anwesende Dame durfte zuerst trinken, brauchte aber sehr viel Zeit dazu, weil sie in ihrer gezierten frauenzimmerlichen Manier die Korkstückchen herausfischte.

»Kannst du nicht ein wenig schneller machen?« grollte der Festgeber. »Daß ihr Mädels auch immer so verdammt heikel thun müßt!«

»Martha sagt,« legte sich Harold ins Mittel, bei dem der Durst das Gerechtigkeitsgefühl noch nicht ganz verdrängt hatte, »wenn man ein Stück Kork schlucke, so schwelle es einem im Leib an und schwelle und schwelle, bis man ...«

»Blödsinn!« erklärte Eduard, das Glas an sich nehmend und mit gut gespielter Sorglosigkeit leerend, wobei er aber, wie ich wohl bemerkte; die schwimmenden Korkstückchen geschickt und vorsichtig vermied.

»Blödsinn ist leicht gesagt,« versetzte Harold gereizt, »aber deshalb ist's doch so und alle Welt weiß es auch, nur du nicht. Denk' doch daran, wie Onkel Thomas neulich hier war – da hat man eine Flasche Wein für ihn geholt, und nur daran geschmeckt hat er und das Glas hingestellt und gesagt: »Himmel, der ist ja korkig!« Und nicht mehr angerührt hat er den Wein, so daß man eine andre Flasche heraufholen mußte. Komisch dran war nur, daß ich nachher draußen im Gang sein Glas ansah und auch keine Spur von Kork drin fand! Ich hab' den Wein ausgetrunken – war famos!«

»Du solltest dich ein wenig in acht nehmen, junger Herr!« bemerkte sein älterer Bruder mit einem strengen Blick. »Weißt du noch neulich am Dreikönigstag, wo die Vermummten hier waren und Glühwein bekamen und du nachher der Reihe nach alle Gläser austrankst?«

»Au! Ja, das war komisch!« gab Harold kichernd zu. »Mir kam's vor, als ob das Haus einfallen wolle, so schien alles zu wackeln, und Martha mußte mich hinauftragen in mein Bett, weil die Stiege so furchtbar schwankte!«

Wir sahen unsern unverfrorenen Jüngsten prüfend an, aber er betrachtete jenen Vorgang offenbar nur im Licht einer Naturerscheinung und war sich keiner Schuld dabei bewußt.

Jetzt kreiste die dritte Flasche, die Selina offenbar nur noch abgewartet hatte, denn nach einem unerlaubt großen Schluck sprang sie auf, schüttelte ihre Röcke und erklärte uns, daß sie jetzt spazieren gehen werde. Kaum gesagt, war sie auch wie ein Wiesel davongelaufen, denn es war in unserer Familie üblich, dem Freiheitsdrang und den selbständigen Handlungen des einzelnen durch körperliche Züchtigung entgegenzuarbeiten.

»Nun läuft sie wieder mit den Mädels aus dem Pfarrhaus davon,« bemerkte Eduard, während Selinas lange schwarze Beine um eine Ecke verschwanden. »Jeden Tag treibt sie sich mit ihnen herum, und wenn sie zusammenkommen, stecken sie die Köpfe zusammen und schwatzen, schwatzen, schwatzen den lieben langen Tag! Ich kann mir gar nicht vorstellen, was die nur immer zu schwatzen haben. Unaufhörlich geht's fort wie die Räder einer Mühle! Ein Geschnatter wie ein Nest junger Krähen!«

»Möglicherweise reden sie von Vogeleiern,« mutmaßte ich halb im Schlaf, denn die Sonne schien heiß, der Rasen war weich und das Ingwerbier that seine Wirkung, »oder von Schiffen, von Büffeln, von wilden Inseln, oder weshalb die Kaninchen weiße Schwänze haben, oder was sie lieber hätten, einen Schoner oder einen Kutter, und was sie werden wollen, wenn sie erwachsen sind – das heißt – ich meine nur, man kann ja von so vielem reden, wenn man's gern thut!«

»Gewiß, aber fällt ›denen‹ gar nicht ein, über derlei Sachen zu reden,« behauptete Eduard. »Wie könnten sie auch? Sie wissen ja gar nichts und sie können ja gar nichts, ausgenommen Klavierspielen, und davon wird wohl niemand reden, wenn er nicht muß. Ist ihnen auch gar nichts interessant, wenigstens nichts Vernünftiges, meine ich – also worüber können sie denn nur schwatzen?«

»Ich hab' einmal Martha gefragt,« bemerkte Harold, »und die sagte: ›Das geht euch gar nichts an! Junge Fräuleins haben sich immer eine Menge Dinge zu sagen, von denen junge Herren gar nichts verstehen!‹«

»Das glaube ich einfach nicht,« grollte Eduard.

»Nun, gesagt hat sie's jedenfalls,« versetzte Harold gleichmütig.

Der Gegenstand hatte für ihn offenbar nicht viel Anziehungskraft und verlangsamte nur das Kreisen des Bierglases.

Jetzt hörten wir die vordere Gartenthüre ins Schloß fallen, und durch eine Lücke in der Hecke konnten wir die Gesellschaft auf der Landstraße abziehen sehen. Selina ging in der Mitte, an jedem Arm hing ihr eine der Pfarrtöchter und die drei Köpfe hielten sie, genau wie Eduard beschrieben hatte, zusammengesteckt. Ein leichter Lufthauch trug uns das Geschnatter ihrer Zünglein zu, das ungefähr klang, wie Spatzengezwitscher an einem Märzmorgen.

»Worüber schwatzen sie denn immer, Charlotte?« fragte ich, bestrebt, Eduards Wißbegierde zu stillen. »Du gehst doch öfter mit ihnen, du mußt's doch wissen.«

»Ich weiß es aber nicht,« gestand das arme Kind beschämt, »denn ich muß immer hinterdrein gehen, weil sie sagen, ich sei noch zu klein und brauche nicht zu hören, was sie sprechen. Und ich wüßt's doch so gern!«

»Wenn Tante Elisa Damenbesuch hat,« bemerkte Harold, »so reden immer beide zugleich, und doch scheint die eine zu hören, was die andre sagt. Wie sie das fertig bringen, begreif' ich nicht! Erwachsene Leute sind doch recht geschickt.«

»Der Vikar ist der wunderlichste Mann, den ich kenne,« erklärte ich, »denn er sagt immerzu Sachen, die rein gar keinen Sinn haben, und lacht dann darüber, als ob's Witze wären. Als er gestern gefragt wurde, ob er noch eine Tasse Thee haben wolle, sagte er: ›Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort der Frauen weit geführt‹ und grinste dazu übers ganze Gesicht. Was das für ein Witz sein sollte, ist mir schleierhaft! Und dann fragte ihn jemand nach seinem Knopflochsträußchen und er sagte: ›Nur eine verwelkte kleine Blume‹ – und platzte wieder los. Ich fand's einfach dumm.«

»O der,« sagte Eduard wegwerfend, »der kann ja nichts dafür. Er hat nun einmal diese Art an sich, weißt du. Aber diese Mädels, die sind mir ein Rätsel. Wenn sie sich irgend etwas Vernünftiges zu sagen haben, weshalb soll's denn dann niemand wissen dürfen? Und wenn nicht – und wir wissen ja, daß es nichts Vernünftiges sein kann – weshalb halten sie ihre Schnäbel nicht? Das Kaninchen da schwatzt doch wenigstens nicht – das weiß etwas Besseres anzufangen mit seiner Zeit.«

Und Eduard zielte mit einem Bierkork nach dem friedlichen Tierchen, das sich nicht einmal von der Stelle rührte.

»O, Kaninchen schwatzen aber doch,« hielt ihm Harold entgegen, »ich hab' sie schon oft beobachtet in ihrem Stall. Sie strecken die Köpfe zusammen und ihre Nasen fahren auf und ab, ganz wie bei Selina und den Pfarrmädchen. Was sie einander sagen, verstehe ich natürlich nicht.«

»Nun, wenn sie schwatzen,« erklärte Eduard unwillig, »so schwatzen sie jedenfalls keinen solchen Blödsinn wie diese Mädels!«

Das war sowohl unritterlich als unbillig, denn niemand wußte ja, und es ist bis heute niemand kund geworden, was Selina und ihre Freundinnen sich zu sagen hatten.

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