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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Der Dreikönigstag war gekommen und gegangen, weshalb das Leben am andern Morgen etwas kleinlich und zwecklos vor uns lag. Aber gestern abend, wo die Vermummten bei uns gewesen waren! Hereinstolziert waren sie in die alte Küche, den roten Backsteinboden mit Schnee befeuchtend, der aus ihrem barbarischen Aufputz herabträufelte, und gestampft hatten sie, deklamiert und gebrüllt, bis alles ein Getöse und Durcheinander und Wirbel gewesen war. Harold hatte sich unumwunden gefürchtet; seine Manneswürde ganz abstreifend, hatte er sich in die Arme der schützenden Köchin geflüchtet. Eduard spielte den Ueberlegenen, der über Illusionen hinaus ist, und begrüßte die unheimlichen Erscheinungen zutraulich als Hans, Christel und Jakob. Was mich betrifft, so war ich wohl zu alt, um auszureißen, aber zu stark gepackt, um dem zauberischen Reiz des Fremdartigen zu widerstehen. Woher kamen diese unbekannten Gäste, die mit vorschriftsmäßiger Maske, Gesang und Geklapper hölzerner Schwerter auf uns einstürmten? Und auf was für seltsame Besuche mußten wir nicht von nun an gefaßt sein in jeder stillen Nacht, wenn die Kastanien in der glühenden Asche knisterten und die uralten Geistermären dichter und dichter ihren Kreis um uns zogen? Vielleicht auf den alten Merlin selbst »in schwarzen Schaffellen und rötlichem Gewand, mit Pfeil und Bogen und wilden Gänsen in der Hand«! Oder auf Ogir, den stattlichen Dänen, der, vom Feeenreich zurückkehrend, seinen Weg erfragen würde nach dem Land, das einst seiner Hilfe bedurfte! Oder sogar in irgend einer klaren Nacht die Schneekönigin in Person mit Schlittenglockengeklingel und dem Getrappel von Renntierhufen, die Schneekönigin, die plötzlich vor der weitauffliegenden Hausthüre Halt machen würde, während hoch oben das Nordlicht, seine Speere schüttelnd, zwischen den friedlichen Sternen hinzöge!

An diesem Morgen, wo uns der unermüdlich herabrieselnde Schnee in die Stube bannte, machte sich bei mir nach all der Aufregung ein Rückschlag fühlbar. Eduard dagegen war durch diese erste Berührung mit dem wirklichen, leibhaftigen Drama ganz theatralisch angehaucht und stelzte mit langen Schritten hin und her, in der breitesten Berkshire-Betonung verkündigend: »Hier stehe ich, Ke-enig Gee-arg der Dritte!« Harold, der als Jüngster an einsame Possen gewöhnt war und immer Spiele ersann, die keines Mitwirkenden bedurften, war ganz in Anspruch genommen vom »Klub«. Die Darstellung bestand darin, daß er Arm in Arm mit einem unsichtbaren Klubmitglied von ehrwürdigem Alter gemessenen, vorsichtigen Schritts im Zimmer herumging, gelegentlich vor einem gleichfalls unsichtbaren Klubhaus stille stand, eine Phantasietreppe hinaufstieg, Phantasiezeitungen durchsah, mit weisem Schütteln eines ältlichen Haupts Phantasieklatsch besprach und Gläser an die Lippen führte, die leider nach Form und Inhalt auch Phantasiegebilde waren. Der Himmel mag wissen, wie der Keim dieses trübseligen Zeitvertreibs in seiner Kinderseele Wurzel geschlagen hatte. Jedenfalls war »Klubspielen« eine ganz selbständige Erfindung und er entsprechend stolz daraus. Charlotte und ich hockten mittlerweile in der tiefen Fensternische und starrten wie gebannt auf das Wirbeln und Treiben der unzähligen Schneeflocken, die unsre ganze kleine Welt in ein unheimliches Leichentuch hüllten.

Charlotte war von vornherein in sehr gedrückter Stimmung. Sie hatte beim Frühstück in irgend einer wichtigen Streitfrage die Lehrerin durch ein gut gewähltes Citat aus ihrem Lieblingsklassiker, dem Märchenbuch, eines Irrtums überweisen wollen, und war nicht unfreundlich, aber bestimmt belehrt worden, daß es keine Feeen gebe und diese also auch nicht als Beweismittel angeführt werden könnten.

»Wollen Sie etwa sagen, alles sei erlogen?« hatte Charlotte kurz und bündig gefragt, worauf Fräulein Smedley sich erst gegen den Gebrauch eines so ungeschlachten Worts verwahrt und ihr dann erklärt hatte, diese Geschichten hätten ihren Ursprung in einer irrigen Versinnlichung und Verkörperung der Naturkräfte.

»Obwohl wir aber jetzt viel zu weit vorgeschritten sind in der Naturerkenntnis,« hatte sie geschlossen, »um in derartige Irrtümer zu verfallen, können wir aus diesen Mythen immer noch viele schöne Lehren ziehen ...«

»Wie kann man eine Lehre aus etwas ziehen,« hatte Charlotte naseweis eingewandt, »aus etwas, was gar nicht vorhanden ist?«

Damit war sie trotzig, innerlich aber unsicher und gedrückt vom Tisch gegangen.

»Mach dir doch nichts aus der,« sagte ich beschwichtigend, »die kann ja nicht einmal ordentlich einen Stein werfen! Was weiß denn die davon?«

»Eduard sagt aber auch, Märchen seien Unsinn,« entgegnete Charlotte bekümmert.

»Der nennt alles Unsinn,« erklärte ich ihr, »seit er sich einbildet, er dürfe Offizier werden. Wenn was in einem Buch gedruckt steht, so muß es wahr sein, das ist doch sonnenklar!«

Charlotte sah jetzt wirklich getröstet und beruhigt aus. Im Zimmer war's etwas stiller geworden, denn Eduard hatte den Drachen erlegt und durchbohrte ihn immer aufs neue mit Schwertstößen, Harold aber ging eben die Treppe zum Athenaeum-Klub hinauf mit einem übermütigen Gesicht, das eher für eine minder ehrwürdige Vereinigung getaugt hätte. Draußen waren die Gipfel der hohen Ulmen kaum mehr zu sehen vor Schneegewirbel.

»Der Himmel fällt ein,« citierte Charlotte mit sanfter Stimme, »ich muß es dem König melden.«

Das Citat rief mir ein Märchen ins Gedächtnis, und ich machte mich daran, es ihr vorzulesen, allein die Stimmung für das Elfen- und Koboldsgelichter fehlte ihr; Zweifel und Erbitterung hatten ihr den Trank vergällt. So versuchte ich's denn mit König Artus, den sie der durch die Welt irrenden Damen wegen ins Herz geschlossen hatte, während er bei uns Jungen wegen des Speereklirrens beim Turnier und des hoffnungslosen Anrennens gegen Hirngespinste in hoher Gunst stand. Aber auch damit hatte ich heute kein Glück – welch böser Geist, ließ mich auch gerade die trübselige Geschichte von Balin und Balan aufschlagen?

»Und er flog dahin,« las ich, »und hörte ein Horn blasen, als ob es den Tod eines wilden Tiers bedeutete. ›Des Hornes Klang,‹ sagte Balin, ›gilt mir, denn ich bin der Jagdpreis, und doch bin ich noch nicht tot.‹«

Charlotte fing zu weinen an, denn sie wußte den traurigen Schluß auswendig. Verzweiflungsvoll klappte ich das Buch zu. Harold kroch hinter einem Lehnstuhl vor und zwar am Daumen lutschend, was sonst bei Klubmitgliedern nicht üblich sein soll, und starrte mit großen Augen auf seine schluchzende Schwester. Eduard ließ seine Heldenthaten ungethan, um ihr Trost zu spenden, eine für ihn ganz ungewohnte Aufgabe.

»Ich weiß eine fidele Geschichte,« begann er, »Tante Elisa hat sie mir erzählt. Es war damals, wo sie in dem verwünschten Nest war,« (er selbst hatte einmal vier unglückselige Wochen in Dinan verleben müssen) »und da war ein Kerl, der hatte zwei Störche. Einer davon starb ihm, das war gerade die Störchin ...«

»Woran starb sie denn?« schaltete Harold erfolglos ein.

»Und da war der Storch sehr traurig und grämte und härmte sich, daß er ganz schwach und elend wurde. Man sah sich deshalb nach erheiternder Gesellschaft für ihn um und fand eine Ente und stellte sie dem Storch vor. Die Ente war ein Enterich, das war aber dem Storch einerlei, und sie schlossen Freundschaft, hatten einander lieb und waren sehr vergnügt. Da kam aber noch eine Ente in die Gegend, diesmal eine richtige, und als der Enterich die sah, verliebte er sich und ließ den Storch im Stich und ging hin und bat die Ente, seine Frau zu werden, denn sie war wunderschön. Der arme verlassene Storch aber beklagte sich bei niemand, er härmte sich nur und härmte und härmte sich, bis man ihn eines Morgens tot fand. Das Entenpaar dagegen hatte noch ein langes glückliches Leben.«

Das verstand Eduard unter einer fidelen Geschichte. Natürlich senkten sich die Mundwinkel der weichherzigen Charlotte wieder in bedenklichster Weise! Eduards gänzliche Unfähigkeit, jeden springenden Punkt einer Sache herauszugreifen, konnte einen wirklich zur Verzweiflung bringen! Es war von jeher so gewesen. Als man es vor Jahren für nötig erachtet hatte, sein jugendliches Gemüt auf ein bevorstehendes häusliches Ereignis vorzubereiten, das unbequeme Fragen hervorrufen konnte zu einer Zeit, wo niemand Muße haben würde, geschickte Ausreden zu ersinnen, hatte man zartfühlend bei ihm angefragt, ob er sich nicht ein Brüderchen oder vielleicht ein Schwesterchen wünsche. Er hatte sich diese Anfrage nach allen Richtungen hin reiflich überlegt und sie dann dahin beantwortet, daß ihm ein junger Neufundländer am liebsten wäre. Jeder Junge, der etwas Grütze und »Merks« gehabt hätte, wäre den Eltern halbwegs entgegengekommen und hätte ihnen ihre Aufgabe erleichtert, bei ihm aber mußte nun die ganze Geschichte zum zweitenmal von einem neuen Standpunkt aus eingeleitet werden.

Während Charlotte sich schnüffelnd mit einem verräterischen Aufschluchzen der gequälten Brust abwandte, stürzte sich Eduard, ahnungslos von dem Unheil, das er gestiftet hatte, auf Harold.

»Ich brauche einen lebendigen Drachen,« teilte et ihm mit, »und du mußt mein Drache sein!«

»Sei so gut und laß mich in Ruhe,« knirschte Harold, sich standhaft zur Wehr setzend. »Ich spiele etwas ganz andres – für mich allein. Ein Drache und ein Klubmitglied kann ich doch nicht zugleich sein!«

»Aber wärst du denn nicht gern ein niedlicher, schuppiger, grasgrüner Drache,« sagte Eduard, Ueberredung statt Gewalt anwendend, »mit einem geringelten Schweif und roten Augen, der wirklich Rauch und Feuer aus der Nase bläst?«

Harold schwankte einen Augenblick – die Klubphantasieen hielten ihn noch im Bann. Gleich darauf aber warf er sich platt auf den Boden, und kein Saurier hat je einen so schuppigen Ringelschweif geschwungen wie er. Der Klub war von der Erde weggeblasen; mit grauenhaftem Schnauben blies er rauchigsten Rauch und feurigstes Feuer aus der Nase.

»Und jetzt brauche ich eine Prinzessin,« rief Eduard begeistert, indem er Charlotte am Arm faßte, »und du, du kannst der Doktor sein, der mir die tödliche Wunde vom Drachenbiß heilt.«

Von allen Berufsarten war mir die edle Heilkunde am widerwärtigsten und verächtlichsten. Zahllose Erinnerungen an bittere Tränkchen und Abführmittel belästigten meine Seele, und Arm in Arm mit Charlotte, die auch nicht nach romantischen Ehren trachtete, suchte ich den Ausgang zu gewinnen. Eduard stürzte aber auch nach der Thüre, und so stießen die feindlichen Gewalten auf der Matte im Flur hart aufeinander und eine Weile lang herrschte ein Chaos von Menschenleibern und wildem Geschrei ganz wie zu König Artus' Zeiten. Der schrille Klang der Tischglocke stellte aber selbst unter so erbitterten Todfeinden, wie wir waren, den Frieden wieder her. Der heilige Gral selber konnte »auf Sonnenstrahlen hindurchgleitend« wilde Kriegsleidenschaften nicht in seligeren, friedlicheren Einklang gewandelt haben.

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