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Das Glöcklein auf Rain

Meinrad Lienert: Das Glöcklein auf Rain - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Glöcklein auf Rain
authorMeinrad Lienert
year1933
firstpub1933
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld / Leipzig
titleDas Glöcklein auf Rain
pages367
created20100416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Es war einer jener vorsommerlichen Tage der Fronleichnamswoche, von denen man nicht weiß, wie sie endigen, Tage, die voll Verheißung und Drohung sind und denen es aus den tiefen, blauen Augen irgendwie, so hinter den tränenhaltigen Wimpern hervor, wetterleuchtet. Ein Sommertag, an dem die Sonne strahlend, wie nie sonst, ihren Weg macht und keinerlei Schatten mehr gelten lassen will. Aber die Schatten haben sich irgendwie, gleich einem Schlangenkönig, in Wald, Feld und Haus zusammengeknäuelt und es ist etwas in der Luft, irgendein verborgener Blitz, der sie alle wieder mit feuriger Geißel in die Welt, in Haus und Hof und in die sonnigsten Herzen hineinknallen könnte.

Allüberall im Land hielt die Sense großen Umgang und die Lerchen und Grasmücken lobpriesen Gott, der ihre Jungen hatte ausschlüpfen lassen, bevor der schreckliche Vernichter Mensch mit dem Blitz in seinen Fäusten, die paradiesische Pracht der Blumen und Halme niederwarf.

Auch in der Wydlen am Rotenbach ging die Sense 336 um. Alles war für die Heuernte aufgeboten worden, der schielende Säger und seine Handlanger mußten mit den Knechten ins Heu. Ebenso der ältere Sohn der Holzhändlerin Anderbalm, der Ferdi. So ließ denn all das Volk in der Wydlen die Sense durchs Gras sausen. Es schien den Mähdern eine rechte Freude, an diesem brunnenwasserklaren Morgen das noch frische, farbenschöne Leben, das hochgekommene Gras niederzulegen. Brigitt, die Herrin des Hofes und seiner Holzsäge, stand eben bei ihrem ältesten Sohn, der, den Sempachermarsch summend, mannskräftig mit der Sense ausholend, dahinschritt. Sie hatte den Heuern selber einen Trunk zur Auffrischung bringen wollen und ihr junger Sohn, der Alex, war eben daran, neben ihr das Tragfäßchen zu hälden und für seinen Bruder eine umfängliche Kaffeekachel voll Most einzuschenken, während die Mutter von einem Langbrot ansehnliche Scheiben wegsäbelte, sie darnach mit Käseschnitten belegend. »Kommt jetzt, ihr Mannen«, rief sie mit ihrer hartschneidenden, weitumgehenden Stimme ins Feld hinaus, »kommt und nehmt einen Schluck Most und einen Bissen Festes! Habt darnach noch Zeit genug, zu wetteifern und einander den Weg vorauszunehmen.«

Aber die Mähder ließen die Sensen nicht einfach fallen wie die Maurer die Kellen, wenn's zwölfe schlägt. Sie werkten weiter, als ob sie keinen Ton 337 vom Zuruf ihrer Meisterin gehört hätten. Sie wußten ja wohl, der Ruf kommt wieder und alsdann, wenn er sich zweit, konnte man sich allenfalls zumachen. Um keinen Preis wird man, wie die Hühner, wenn die Magd bi bi bi und brü brü brü ruft, zurennen.

»Nimm anfangs einen Schluck!« ermunterte der Alex seinen drauflosmähenden Bruder.

Und als der Ferdi nun seine Sense hinlegte, nicht ohne sie zuvor noch ausgiebig gewetzt zu haben, und zur duftenden Kachel voll klaren Apfelmostes griff, kam irgendwoher aus dem Weiten ein Glöcklein und ging mit heller, außergewöhnlich hoher Stimme durchs Land, und so deutlich war es zu hören, als ob es aus den vier alten Pappeln schalle, die das Langdach der Säge am Rotenbach überragten. Und es war, als horche das ganze Land auf. Die Mähder standen da, starr und steif wie gefroren, gebannt wie im Märchen vom Dornröschen.

»Jesus, Jesus, das Glöcklein auf Rain!« rief wahrhaft erschrocken die Holzhändlerin aus und war ebenfalls wie angeschraubt. Mit ihren großen, runden Augen sah sie ins Weite, dahin, wo man ob dem ziemlich nahen Bohlishusen das Haus auf Rain mit seinem Türmchen stolz und einsam stehen sah.

Aber die Brigitt Anderbalm, die für einen Augenblick dagestanden hatte wie Lots Weib, erholte sich rasch und wurde nun so lebendig wie vielleicht noch 338 nie in ihrem Leben. »Hört ihr's«, sprach sie gar laut zu ihren Söhnen und zu den Heuern, die nun gemessenen Schrittes auf sie zukamen, »das Glöcklein auf Rain, das Glöcklein auf unseres Vaters Hof läutet. Heiland doch auch! Es muß droben etwas gegeben haben. Am End ist der Große, mein lieber, guter Bruder Hansbaschi, mit Tod abgegangen. Ah, ah, ah, das wär doch auch! Gekränkelt hat er freilich schon lange, und die letzte Zeit hat man ihn wenig mehr zu sehen bekommen. Es könnte allerdings auch mit dem Schlooapelluneli, seiner neuen Frau, etwas Ungerades passiert sein, es könnte auch ihr läuten; denn mit ihr ist's auch nicht in Ordnung. Sie hat sich wohl mit Arbeiten übertan, und dann hat es ihr gewiß auch wegen der Krankheit ihres Mannes schwer werden müssen. Der Doktor redet ja scheint's von einer Infektion, wie der Ludi erzählt. Ich habe übrigens schon zweimal jüngsthin hinauftelephoniert, ob ich auf Rain kommen könne, um zu sehen, wie's mit den beiden stehe, aber die Theres war beidemal am Telephon und sagte, der Doktor habe strengstens verboten, jemand zur Frau zu lassen. Auch weiß man ja«, sie sagte es leiser zu ihren Söhnen, da ihr Arbeitsvolk zurückte, »wie unwert wir uns dort oben gemacht haben. Seht, horcht! Jetzt hat's zu läuten aufgehört«, fuhr sie vernehmlicher zu reden fort. »Es ist mir, beim Eid sterb ich, grad als ob der Blitz 339 eingeschlagen hätte. Das Glöcklein auf Rain ist gegangen. Jemand muß dort oben gestorben sein, sei's nun der Hansbaschi selig . . .«

»Aber Mutter!« machte entrüstet der Ferdi.

»He«, sagte sie kalt, mit einem seelenruhigen Blick auf die herantrampenden Heuer, ihre Knechte und Säger, »es ist mir nur so hinausgewischt, so etwas kann einem doch passieren.«

»Ja, allweg«, meinte der Alex, dem grauen Säger eine Kachel voll Most und ein Ringelum Brot überreichend, »man hat ja den Vetter auf Rain schon lange kränkeln sehen, und letzthin hat man ihn im Dorf herum schon tot gesagt. So ist's wohl möglich oder fast sicher, daß es dem Vetter Hansbaschi geläutet hat.«

»Sei's nun der Vetter oder seine Frau«, sagte die Holzhändlerin, »Gott tröste die arme Seele, er gebe ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht soll ihr leuchten! Buben«, setzte sie bei, sich bekreuzend, »es ist ja eine leide Sache, daß wir vom Heuen weg laufen müssen bei diesem hinterhältigen, gewitterträchtigen, jetzt noch völlig blauen Himmel, aber wir kommen nicht drum herum. Es ist unsere heiligste Pflicht, uns jetzt sofort zu sonntagen und ein anderes Gewand anzuziehen. Wir müssen nun hinauf auf Rain. Vielleicht können wir, jedenfalls ich, helfen und auch, heja, zum Rechten sehen, denn es sind ja, außer des 340 Großen Frau, lauter fremde Leute auf dem Hof. Es ist nur gut, daß man dort oben immer eine Woche später heuet als bei uns, sonst könnte es auf Rain erst recht einen Wirrwarr absetzen und ein Drunterunddrüber. Kommt Buben! Säger Stäffe, ich will dich mit den Leuten machen lassen. Wir kommen heute kaum so schnell zurück. Schau, daß es läuft und daß ihr die Wiese bis zum andern Grünhag noch zu mähen vermögt. Es ist wahr, ihr habt seit aller Herrgottsfrühe einen gehörigen Platz Heu umgelegt. Adieu!«

Und da schritt die Holzhändlerin mit ihren Söhnen schon, und ganz entgegen ihrer sonstigen wahrhaft großartigen Gelassenheit, ziemlich raschen Schrittes auf ihr Haus zu, das neben der Säge und dem angebauten Sägehäuschen so stattlich am Rotenbach in den Birken stand.

»Buben«, sprach sie, den Mägden, die mit geschulterten Gabeln von der Scheune her auf sie zurückten, entgegensehend und ihre Stimme dämpfend, »nun ist, meine ich, der Vetter doch gestorben, denn ich glaube nicht, daß das Glöcklein auf Rain seiner Frau geläutet hat. Die ist eben doch jung und wird nur so eines jener Weiberübel haben, die man nie völlig abbringt, aber die einen auch nie umbringen. Wenn's aber der Vetter ist, so geht der Meister ab dem Hof mit ihm ins Grab, dann muß es eben Platz für einen 341 andern geben, und«, sie schaute ihren Sohn Alex, der trotz seiner jungen Jahre schon ein etwas altscheiniges Gesicht hatte, mit einem geschwinden, vielsagenden Blick an, »und wir sind ja auch Rainleute und neben dem Großen die einzigen, die noch bauern.«

»Mutter«, sagte mit fast erschrockenen Augen ihr Sohn, der Ferdi, »laßt es jetzt, vom Rain zu reden und von dem, was mit dem Hof werden könnte. Heute wollen wir an den lieben guten Oheim Hansbaschi denken, der's immer mit uns Jungen so recht gemeint hat, obwohl Ihr, Mutter, und die beiden Vettern zu Bohlishusen ihm etwa nichts weniger als geschwisterlich begegnet seid.«

»Jetzt höre einer, was der Ferdi für ein Maul hat«, antwortete ruhig, als ob sie nur das Flügelchen einer Fliege gestreift hätte, seine Mutter. »Aber schau, Bürschlein, das verstehst du nicht ganz. Du mußt noch rechnen und die Welt kennen lernen, dann kommst du schon aus mir und lobst eines Tages die Alte, die ein Leben lang Zeit gehabt hat, sich weiter umzusehen, als es bei so jungen Augen, die doch immer am Allernächsten haften bleiben, möglich ist. Das Leben ist eine Lehrmeisterin über alle Schulen und ein Fernrohr, das weiter sieht, als die höchststehende Kirchenuhr. Also laßt ihr mich nur machen. Es heißt, man kann, oder man will oder man muß. Ich habe aber immer gefunden, daß dieses Dreierlei auf eins 342 herauskommt und habe mich darnach gerichtet. Also ich tu schon das Rechte, wenn ich nun auch auf Rain zum Rechten sehe. Und was den Bruder, euern Vetter angeht, so ist er mir lieb und wert. Es tut mir ja gewiß auch leid um ihn, daß er so früh hat abgehen müssen, aber man mag sagen was man will, das Hemd liegt einem doch näher als der Rock. Das, denke ich, solltet auch ihr Jungen verstehen, wie's gemeint ist, und mir nicht noch fast zürnen, wenn ich für euch ein Stück weiter hinaus ins Künftige angewegt habe, als es euch vielleicht jetzt notwendig erscheint.«

»Ja, Mutter«, sagte der Alex, »wir wissen es wohl, daß Ihr's gut mit uns meint, wie's niemand besser meinen könnte, und wir haben Euch zu danken. Hingegen, nicht wahr, das müßt Ihr doch auch sagen, daß der Vetter auf Rain es mit uns allen immer gut gemeint hat und daß er im besondern uns Buben, wie des Langhänsels Töchter, unsere Bäschen auch, so verwandtschaftlich als man nur kann behandelt hat.«

»Und er ist auch gegen den Vetter im billigen Laden da vorne im Dorf«, warf der Ferdi ein, »und gar gegen den versoffenen alten Studenten, den Ludi, der doch auch unser Vetter ist, und was für einer, immer recht gewesen. Er hat dem Lumpen . . . . . .«

»Ja, ein Lump ist er«, stimmte Alex bei.

»Er hat dem Lumpen immer wieder die Schulden 343 bezahlt, sogar ohne daß er's zu wissen bekam, sonst hätten wir uns wegen dieses faulen Kerls noch mehr zu schämen als wir's so schon müssen.«

»Ich schäme mich nicht«, machte die Holzhändlerin, »er soll sich für sich selber schämen, wenn er's kann. Hiefür bringt er aber die Farbe schon lange nicht mehr auf. Es hätte auch keinen Wert. Jedem Hund würde man's eher glauben als ihm. Es reut mich nur, daß wir seinerzeit bei der Teilung dem Süffel die schöne doppelschalige Sackuhr des Vaters selig samt der Kette haben zuscheiden lassen. Merkwürdig genug ist's übrigens, daß er die doch behalten und selbst in seinem größten Rausch nicht hat hergeben wollen, bis vor etwa einem Jahr, da haben sie ihm das kostbare Familienstück, scheint's, in der Stadt in einer abseitigen Pinte doch abgelesen.«

»Ja, Mutter«, meinte der Ferdi, »aber seht Ihr, wie der Vetter auf Rain ist. Er hat keine Ruhe gegeben, bis er damals des Großvaters Uhr wieder um schweres Geld hat auslösen können. Und nun trage er sie selber, hat mir das Seppeli, die kleine Nichte der Zille selig, gesagt.«

Die Brigitt Anderbalm maß ihren erwachsenen Sohn mit großen, immer kugelrunden Augen. »Was hast du mit dem Seppeli?«

»He, was wollt' ich mit ihr haben?« lachte der Ferdi auf. »Ich habe schon mehr als die Rekrutenschule 344 durchgemacht und werde also wohl so ein Kücken, das ja allmählich auch Augen zu bekommen anfängt, ansehen dürfen. Halt ein Zeitchen gesprächelt habe ich mit ihm, und ich gedenke es wieder etwa zu tun, ohne daß wir darnach miteinander zum Pfarrer zum Sponsalienhalten laufen müssen.«

Der Alex lachte. Die Holzhändlerin aber machte kurz, über das Seppeli zur Tagesordnung übergehend: »Also, diese schöne goldene Uhr samt Kette wäre allenfalls etwas für dich, Ferdi; denn wenn der Alexi den Hof . . .«

Nein, sie redete nicht weiter. Die Mägde schritten, ohne ein Wort zu reden, an ihnen vorbei ins Heu, um es zu worben, zu verzetteln. Und stumm machte sich nun auch die Holzhändlerin mit ihren Söhnen, alle eigener Gedanken voll, aufs große, über und über verschindelte Haus am Rotenbach zu.

Auch zu Bohlishusen war das Glöcklein auf Rain, und noch weit besser als in der Wydlen am Rotenbach, vernommen worden. Das ganze Dorf hatte aufgehorcht. Man hatte dieses außergewöhnliche Glöcklein fast völlig vergessen; um so größer war das Aufsehen, ja die Aufregung, die es nun mit einemmal überall, so weit es ging, verursachte. Die Leute machten sich im Dorf sogar vor die Türen, standen zusammen und werweisten und suchten aus der Stimme des Glöckleins herauszufinden, was es denn wohl zu läuten, zu verkünden habe. Jedoch immer wieder kamen sie zu dem 345 Schluß, es werde eben der Hansbaschi Hochrütiner auf Rain gestorben sein, dem es ja schon lange überall gefehlt habe, höchstens noch könnte es seiner Frau, die auch nicht recht zuweg sein solle, gelten. Man wisse ja, daß das Glöcklein nur Leben und Tod einläute, also habe es jetzt jemand ins Grab geläutet. Und war keiner und keine im Dorf, die dem Verstorbenen auf Rain, mochte es sein wer immer, nicht die ewige Seligkeit von Herzen wünschte; denn zum ersten kostete dieser Wunsch nichts, und zum andern hatte man's immer so gehalten, und zum dritten dachten die Leute, nun hat wieder einer oder eine das Leben und Sterben hinter sich, und Gott tröste die arme Seele, wie schnell ist man doch ab der Welt!

Im billigen Laden hatte der Langhänsel, als unversehens das Glöcklein auf Rain ertönte, fast einen Luftsprung getan. Die zwei Heugabeln, die er im Schaufenster eben kreuzweise hinstellen wollte, entfielen ihm. »Herrgott, Heiland, das Glöcklein auf Rain!« rief er aus, und sein Bocksbart begann zu wedeln wie ein Hundeschwänzchen, »jetzt ist unser Großer, mein guter Bruder Hansbaschi, gestorben, ah, ah, ah! So hat er nun doch dranglauben müssen. Da ist's nun noch rascher gegangen als ich gemeint habe. Es wird halt noch ein Schläglein dazugekommen sein. So, so, aha. Ja, das kommt jetzt gleichwohl unerwartet. Frau, hörst du's, das Glöcklein auf Rain läutet!«

346 »Ja, freilich«, antwortete die mausgraue, immer fadenscheiniger aussehende Frau Seraphine, die hinter dem Ladentisch, auf dem sie Nägel verpackte, fast verschwand, »ich höre es wohl. Vielleicht ist's aber die Frau Base, das Apelluneli, die mit Tod abgegangen ist. Sie soll ja auch schon länger herumserbeln.«

»Behüte uns, nein, nein«, machte er rasch, »das wird schon dem lieben, guten Hansbaschi gelten. Er hat ja schon lange so bleich ausgesehen wie frisch gekäset und ist einer gewesen wie ein überhängendes Bord, das am Abrutschen ist. Nun wird die Erdbreche eben gegangen sein. Tröste ihn Gott, den lieben Hansbaschi! Er hat's mit allen Leuten gut gemeint. Heja«, redete er für sich, »fast zu gut. Hat ja nach allen Seiten gegeben, und wie!« Und völlig laut sprach er weiter: »Wenn's auf mich ankommt, muß der Bruder selig ein Begräbnis haben wie noch niemand zu Bohlishusen und weit darüber hinaus. Da reut es mich einmal nicht. Und was die Gemeinde anbelangt, so ist's doch nur selbstverständlich, daß der Gemeinderat bis auf den hintersten Schuh zum Kirchgang aufrückt, er hat allen Grund dazu. So, so, ist's nun doch so weit, ah, ah, ah!« Er verschüttelte bedauernd seinen Bocksbart.

»Vater«, sagte das Mikeli, das im Laden war und seine Puppe auf einer doppelschüsseligen Waage schaukeln ließ, »wie tönt doch das Glöcklein auf Rain 347 so schön! Es ist, wie wenn's riefe: »Das Christkind kommt, das Christkind kommt!«

»Ja«, machte, in allerlei Gedanken tief versunken, der Langhänsel, »das Glöcklein tönt schön, allweg schön.«

»Johannes«, redete seine Frau, die immer erschrocken aussah, wenn sie mit dem Krämer sprach, »Johannes, nichts für ungut nimm, aber wir werden jetzt wohl schwarzes Gewand für unsere Töchter haben müssen. Etwas Rechtes in der Hinsicht ist nicht mehr da. Es ist ihnen ohnedas seit dem Tod der ersten Frau des Vetters auf Rain alles zu kurz und zu eng geworden.«

»Ja, ja, dunkle Kleider«, stimmte der Langhänsel zu, ohne eigentlich zu wissen, was seine Frau wollte.

»Jetzt tönt das Glöcklein auf Rain nicht mehr«, sagte das Mikeli.

»Nun wird die Dicke in der Wydlen wohl nach dem Hof trachten«, murmelte der Langhänsel in sich hinein. »Gut, um den Raingütsch bin ich gekommen, den Hof will eine andere, und viel kann ich nicht dawider tun. Die Brigitt hat Buben, und mir ist's ums Bauern gewiß Wurst, das letzte wär's mir. Hingegen will ich dann bei der Teilung schon sagen, wie teuer die Elle, die Dicke kann dann die Augen rollen wie sie will, und den Ludi wollen wir um das Sächlein, das es ihm nach Abzug der Schulden noch treffen wird, irgendwohin in ein besseres Armenhaus verpfründen, reif 348 dafür ist er schon lange und etwas anderes gibt's für ihn doch nicht mehr. Ja«, rief er jetzt, völlig wachbar werdend, »Seraphine, rüst mir das Leid, den Heiligtagrock, auch soll man den Zylinder gehörig abbürsten! Man hängt ja die Sachen doch immer verstaubt und unbesehen in die Kästen. Heja, und macht, macht, wir müssen schauen, auf Rain zu kommen! Der Bruder selig liegt ja schon tot im Hause, und es wird da etwa allerlei inachtzunehmen und zu gewahrsamen geben.«

Das Telephon schrillte.

Der Langhänsel nahm das Hörrohr zu Handen: »Ja?«

»Bist du's, Langer? Die Brigitt ist da. Du wirst es ja auch gehört haben, das Glöcklein auf Rain?«

»Heja, natürlich, wie sollte ich nicht.«

»So wird am End unser Bruder, der Hansbaschi, gestorben sein.«

»Ja, glaublich. Tröste ihn Gott!« antwortete der Hänsel ins Rohr. »Ihr werdet, denk ich, wohl gleich hinauffahren. Man könnte aber vorher allenfalls noch telephonieren, was meinst?«

»He, der Ferdi hat schon eingespannt. Telephonieren mag ich nicht wieder, man hat mich früher schon zweimal nur so abgefertigt und mir keinen rechten Bescheid gegeben. Es ist gewiß das allerbeste, wenn wir gleich hinaufgehen. Sind wir dann dort, so befinden wir uns im Vaterhause, du verstehst. Was brauchen wir 349 also noch lang anzuklopfen. Für uns heißt's jetzt, so zeitig wie möglich hinauf. Wir sind zwar mitten drin im Heuet; aber wenn eben das Glöcklein auf Rain ruft, und gar zu einem so traurigen Wiedersehen mit unserm Bruder selig, der uns eigentlich immer wohlwollte, gibt's da nichts anderes.«

Ei, du hinterhältige Schnitztruhe mit deinen kugelrunden Eulenaugen, dachte der Langhänsel; aber laut sprach er: »Heja, hast recht, Brigitt, es hat keinen großen Sinn, auf Rain durchs Telephon noch lange zu stören. So werden wir uns denn jetzt noch ein wenig, wie sich's gehört, sonntagen, alsdann gehen wir auch hinauf. Wir könnten ja beim Steinkreuz auf Rain auf euch warten. Ich nehme an, ihr werdet etwa auch bald einmal kommen, oder?«

»Freilich, ein Stündlein, so sind wir dort. Es ist denn doch traurig, daß unser Bruder Hansbaschi so rasch aus einer so großen und schönen Sache heraus hat müssen. Altershalber hätte er noch lang leben können.«

»Ja«, gab der Langhänsel zurück, »es ist, beim Hagel, beelenderisch, und es kann einem nahegehen; aber was ist da zu wollen? Halt Gottes Schickung. Also beim Steinkreuz ob dem Dorf. Adieu!«

»Adieu!«

Kaum war aber das Telephongespräch beendet, sprang die Türe auf, und das älteste Töchterlein, das Roseli, und ihm nach das Agnesli, beide blutrot und 350 verschwitzt, stürmten in den Laden hinein: »Das Glöcklein auf Rain, das Glöcklein auf Rain! Habt ihr's gehört?! Die Leute sagen, der Vetter Hansbaschi sei gestorben. Es wird doch nicht sein; der gute Vetter auf Rain sollte gestorben sein?«

»He, macht doch nicht so einen Mordsspektakel!« schnörzte der Langhänsel seine zwei Töchter an. »Es ist doch wohl möglich, daß der Hansbaschi gestorben ist. Am Ende könnte es ja auch seine Frau sein. Jedenfalls müssen wir jetzt so schleunig als möglich auf Rain. Rührt euch, macht, macht und legt eure schwarzen Fähnchen an!«

Erschrocken schauten das Roseli und das Agnesli auf ihren Vater, der vom Glockenläuten auf Rain so gar nicht schwer getroffen aussah; dann aber sagte das Roseli aus einer tiefen Betrübnis: »Der gute, liebe Vetter auf Rain! Ja, wir wollen gleich hinauf, gleich, gleich!«

»Wir haben aber kein rechtes Gewand fürs Leid«, meinte das Agnesli, dem dabei ein paar Tränen über die Wangen liefen.

»Für heute tut's das, was ihr in Kasten und Truhen habt«, beschied ihr Vater kurz. »Es braucht da für diesen Gang keine Kleiderpracht. Und alsdann für das Begräbnis werdet ihr schon noch zu einem schwarzen Aufrust kommen, da hab ich keinen Kummer. Macht, hinauf mit euch!«

351 Er tat die Tür ins Haus auf. Also huschten die Töchter flinkfüßig an ihm vorbei und die Stiege hinauf, und er folgte ihnen hängenden Kopfes und in sich hineinmurmelnd: »Heja, potz Donner, es sollte jetzt dann für diese Jungwar schon ein paar neue Fähnchen ertragen mögen. So, so, der Hansbaschi, ah, ah, ah!«

Auf der kleinen Bank vor dem steinernen Kreuz am Rainweg ob Bohlishusen saß mit ihren beiden Söhnen Ferdi und Alex breit, aber gradauf, die Frau Brigitt Anderbalm aus der Wydlen. Die umfängliche Witwe hatte ihr ländlich einfaches dunkles Sonntagskleid an, wogegen ihre Söhne etwas heller angezogen waren, denn Trauergewand hatte man ihnen ja noch nie anmessen müssen. Sie alle schauten aufs Dorf hinab, den Vetter Langhänsel und die Seinigen erwartend. Es ärgerte die Holzhändlerin, daß sie zuerst ans Steinkreuz gekommen waren; aber ihr Sohn Ferdi hatte eben in seinem jugendlichen Ungestüm den gutgehabten, erst vierjährigen Fuchs, die Stella, die er als Rekrut im nächsten Militärdienst benützen wollte, wie einen Pfeil dahinschießen lassen. Die Wirtin und die Leute, die sie vor der Krone da unten zu Bohlishusen vom Wagen steigen sahen, mochten gewiß gedacht haben, sie hätten es gar eilig, auf den Rainhof und zum Erben zu kommen. Nun, sagte sich die Brigitt Anderbalm, mögen sie denken, was sie wollen, das gibt uns nichts und nimmt uns nichts. 352 Meinetwegen mögen sie in Gedanken kopfstehen wie die Enten. Auch ist auf dem Bänklein unterm Steinkreuz gut ruhen. Man ist ja am End nicht mehr das Springding, das einst wie ein Gummiball über die Felder hinflog. Man ist doch älter geworden, und wenn man auch noch kernig genug und wohldurchblutet ist und ohne jeden Schaden einen Sack voll Blutegel oder Schröpfköpfe ansetzen lassen könnte, so hat man doch im Lauf der Jahre auch allerlei angehängt und wiegt auf einer gerechten Waage mehr, als man an Heu einen Knecht auf die Bühne tragen lassen dürfte. »Wo bleibt denn, ins Himmelherrgotten Namen, der Lange?!« rief sie aber endlich, ungeduldig werdend aus. »Ich habe gedacht, bis wir kommen hocke er schon längst unterm Kreuz und verzapple vor Ungeduld, bis wir uns sehen lassen; denn der Vetter vom billigen Laden läßt sonst eine Suppe, die er meint mitauslöffeln zu können, nicht gern kalt werden. Und heja, er rechnet ganz gewiß auf eine Suppe, die er sich ergiebig und voll Silberbrocken vorstellt, wie die Morgensuppe für ein besseres Hochzeitspaar. Er hat den Löffel für so etwas immer im Sack, um ja neben keine gute Gelegenheit zu kommen. Was säumt er also jetzt noch? Man muß sich ja schämen, so dazuhocken. Wenn er nicht bald dahertrampt, gehen wir eben allein hinauf. Man ist uns ja oben im Rainhaus gewiß schon lange gewahr geworden.«

353 »Mutter«, meinte der Alex, »die Base Seraphine und die Bäschen werden sich eben für diesen Gang zum Vetter auf Rain noch haben umziehen müssen.«

»Jawohl«, antwortete die Holzhändlerin, »da hast du recht. Die Seraphine wird für ihre Maitli noch kein passendes Gewand haben und für sich glaublich erst recht nicht. So sehr sie den Töchtern alles durchläßt und anhängt, für sich selber wagt die Einfalt, die es doch wohl vermöchte, keinen Rappen besonders auszugeben. Sie fürchtet törichterweise immer noch ihren Mann, unsern lieben Vetter Hänsel, wie ihr Mikeli den Baubau. Und Johannes hin, Johannes her, geht's da immer gar ehrfürchtig. Wohl, mir sollte einer kommen. Es nimmt mich nur Wunder, wie des Hänsels Leute aufziehen. Auf keinen Fall aber warte ich mehr lang. Ich bin das Warten nicht gewohnt und werde es mir in Ewigkeit nicht angewöhnen; denn ein gutläufiger Schuhabsatz bringt's weiter als tausend hinkende Vorsätze.«

»Es ist aber da doch ganz schön, etwas zu warten und über das Dorf da unten und über noch ein paar weiter wegliegende Orte nach den weißen Bergen auszuschauen, zwischen denen der grüne See liegt«, sagte der Ferdi.

»He«, machte seine Mutter, »was hat man von dem?«

Es wurde wieder still, aber die beiden Jungen 354 schauten mit glänzenden Augen über die buntbeblümte Wiese hinab, die noch keine Ahnung zu haben schien, wie nahe ihr der Schnitter sei. Und sie freuten sich der großen und kleinen Schmetterlinge, die ums Wegbord gaukelten, und des einfärbigen Summens der Bienen, aus dem sie aber die Weltorgel Gottes heraushörten. Und sie betrachteten und bedachten mit anerkennenden Augen den Fleiß der Hofleute auf Rain, der sich in den ausgedehnten Ackerbreiten gegen das funkelnde, ja glitzernde Rainseelein hinunter so herrlich sichtbar machte. Und immer weiter auf tat sich der schöne Sommertag und zerfloß über den Himmel hin gen Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht in eitel Gold.

»Aha«, sagte die Holzhändlerin, »da kommen sie ja«. Sie lachte kurz auf. »Jetzt scheint's aber dem Hänsel zu pressieren, denn er hat uns erblickt und denkt sicher, wir könnten vielleicht doch noch vor ihm auf Rain gelangen und allenfalls vorzeitig da und dort in Kisten, Kasten und Truhen hineinschmecken.«

»Mutter, redet doch nicht so«, verwies ihr entschiedenen Tones der Ferdi, »wie kann man jetzt an so was denken?«

Aber die Brigitt Anderbalm sah ihren ältern Sohn einen Augenblick fast geringschätzig aus ihren kugelrunden, glänzenden Augen an und machte kurz: »Wenn du einmal nur zehn Jahre lang eigenes Brot 355 gegessen hast, fragst du nicht mehr so einfältig.« Und wieder abwärtsschauend sagte sie heitern Angesichts: »Jetzt schaut einmal, was der liebe Vetter für Sprünge macht! Oha, jetzt legt er los. Jetzt gilt's ernst, wird er denken. Er sieht mit seinem langen Kopf und dem schwarzen Filz darauf ganz aus wie ein Ziegenbock, der am liebsten mit einem einzigen Sprung auf Rain hinaufsetzen möchte.« Sie schmunzelte. »Es ist ein Wunder, daß er nicht schon seinen Zylinder auf hat. Er hat ihn ja immer zuvorderst im Kasten und für alle Fälle bereit. Der Seraphine und ihren drei Hühnchen sieht man's auch an, daß sie den schwarzen Aufrust fürs Leid erst noch machen lassen müssen. Sie sehen völlig zusammengetragen aus.«

»Ach, Mutter, wie könnt Ihr denn alleweil . . .«

»Was hast du denn immer zu brummen, Ferdi?« herrschte die Holzhändlerin ihren Sohn an.

Aber der Alex lenkte ab. »Seht«, sagte er, »der Vetter Chemifeger ist auch bei ihnen!«

»Heja, er gehört ja auch ein wenig zu uns«, gab die Mutter zurück, »wenn auch eben nur ein wenig, der Lump. Ich dürfte einen Eid drauf tun, daß er schon wieder genug, ja mehr als genug hat, diese Abzugdole für geschwefelte Weine, nüchtelnden Most und gebrannte Wasser. Nun, mit dem Ludi werden wir dann schon fertig, darin sind der Hänsel und ich noch einiger als Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli.

356 Schon hundertmal hat der Lumpazi in seinen Räuschen durch alle Wirtschaften herumgeprahlt, wenn er wollte, könnte er Gold machen, wie ein Roß Mist, er müßte nur die vier Elemente nach dem Buche des hl. Paracelsius, wird ein sauberer Heiliger sein, zusammenwirken lassen. Bis jetzt hat er aber nur Stank machen und das Gold, das er ja schon hatte, verschwinden lassen können.«

»Mutter!«

»Ja, ja, ich sehe sie schon«, sagte die Holzhändlerin, nidsichschauend.

Der Hänsel Hochrütiner, seine Frau, die nur so wie ein Schatten neben ihm herging und ihre drei Töchter, das Roseli, das Agnesli und das kleine Mikeli kamen, ziemlich eilig und verschwitzt, aufs Steinkreuz zu und mit ihnen, zur Rechten des Krämers zum billigen Laden, sein Bruder Ludi, der in einem fort drauflos schwatzte und immer wieder blöckend auflachte.

Es lächerte seine Schwester auf den Stockzähnen, als sie den Langen mit einem beelenderischen Gesicht und dem tiefer hängenden Pinsel dran auf sich zukommen sah. Es war, als hätte er sich dieses Gesicht noch extra für das Leid herrichten und wie einen graubraunen Papiersack zerknittern lassen. Seine unscheinige schmale Frau brauchte so etwas freilich nicht. Sie huschte ja auch so den ganzen Tag in ihrem Laden herum als ob sie nur so ein äußerstes Endchen an 357 der großen Schleppe des weltumgehenden Leids wäre, wobei sie aber in Wahrheit mit ihrem Schicksal ganz zufrieden war. Dagegen zeigten die drei Töchterchen, unter denen das Roseli schon ein blühendes Jungferlein war, auf ihren gesundfarbigen Gesichtern einen natürlichen Ernst. Ja, ihre Augen schienen sich jetzt zu bemühen, all das Leuchten und Heijupedihee, das zu ihnen hinauswollte, hintanzuhalten. Es war eben doch der liebe Vetter Hansbaschi, dem das Glöcklein auf Rain geläutet hatte, der stolzaufgebaute Oheim, der aber immer so nett und schalkhaft zutunlich zu ihnen gewesen war.

Man begrüßte sich kurz. Mit dem Vetter Ludi war die Jugend am raschesten fertig, denn sie konnte seinen Atem, in dem der Branntweingeist schon übelrüchig spukte, nicht recht aushalten. Immerhin gab man ihm das nicht zu sehr zu merken. Er hätte sich zwar kaum viel draus gemacht. Keinen Augenblick konnte er Ruhe geben. Sein Schnabel ging wie ein Brunnen, nur eben nicht so lauter. Und obwohl ihm kein Mensch zuhörte, redete er doch drauflos, immer wieder auflachend, als ob ihm das so gußweise käme. Ein paarmal pfiff er auch durch die Finger seinem Pfahlbauhund, dem Fliegenschnapper, aber der hatte unten auf der Landstraße einen Metzgerwagen ausgewittert, war ihm nachgelaufen und sah sich mit keinem Auge mehr nach seinem Herrn um.

358 Und nun machten sie sich alle zusammen rainauf.

Die Frau Brigitte Anderbalm schritt bedächtig, ab und zu anhaltend, neben ihrem Bruder Langhänsel Hochrütiner, der also ein trauerndes Gehaben zeigte, als trüge man den Bruder Hansbaschi schon im Sarg vor ihm her. Alles hing an ihm herab, wie das verregnete Heu am Heinzen. Sie redeten kein Wörtlein miteinander. Hatten ja beide genug zu denken und sie dachten dasselbe und es war doch nicht dasselbe. Ihnen folgte der Ludi, der schon seine verschiedene Tranksame in sich hatte, denn er pflegte beizeiten die Runde um die Wirtschaften und Kneipen Bohlishusens zu machen. Überall nahm er zwar nur ein Gläschen Güx, wie er's nannte, zu sich, brachte es aber dennoch auf diesem Umgang zu einer ansehnlichen Sammlung bissiger Morgenschnäpse. Er benutzte nun die schöne Gelegenheit, die aschenfarbige Frau neben sich, die Frau Seraphine, mit seinen Auslassungen, die etwa wie Sprühregen über sie hinweggingen, zu unterhalten. Sie vermochte sich seiner nicht zu erwehren und ergab sich also geduldig drein, seine Berichte über die großartige Analyse anzuhören, die der Stadtchemiker über den Tirolerwein abgegeben habe, den er dem Kleinhandel vermittle und den sein Haus, auf seine Anregung hin, nächstens an die Weltausstellung nach Buenos Aires schicken werde. »Ein exquisites Weinlein, ein Weinlein, das einem ins Blut geht, 359 ein Garantietränklein für alte Leute auf eine diamantene Hochzeit, ein blaublütiges, ein honettes Weinlein!« Das Frauchen schrak aber jedesmal zusammen, wenn er immer wieder zwischen den Lobgesängen auf seinen Tiroler auflachte oder vielmehr blöckte, wie ein altes Mutterschaf. Nein, es war fast nicht auszuhalten. Sein Mund kam immer wieder über sie wie ein Regenschauer. Wie so viel lieber hätte sie dem muntern Redegeplätscher der Tugend zugehört, die ihnen in ziemlichem Abstand nachkam.

Es schien, daß diese Jungen und ihre Bäschen schon vergessen hatten, daß sie sich auf dem Gang zum Totenbette ihres lieben Vetters auf Rain befinden. Der Tag war eben zu heiter und sie so jung, so bluterdenjung! Es konnte doch wohl nicht anders sein, als daß das Glöcklein auf Rain zur Freude rief. Wie sollte denn eingangs eines so verheißungsvollen Sommers überhaupt jemand sterben können. Nun war doch die hohe Zeit zum Leben und zum Lebenlassen. Man sah es allum, in Wiese und Wald, auf und über der Erde und heja, man hatte es im Blut, also, daß man's fast nicht verwinden konnte, aufzuschreien vor Wonne, daß man war und wollte. Nein, der Tod, das war alles weit, weit weg, irgendwo hinter den hohen Bergen gegen Mitternacht, zuoberst vielleicht auch noch in der verlorenen Hexenkammer vom Dornröschen. Das mochte ja alles einmal in alten grauen 360 Zeiten gewesen sein. So was erzählten noch die Urgroßmütter und vielleicht war's nicht einmal mehr wahr, halt so ein Kinderschreck. Leben, leben!

Ei, so war denn der Jugend hinter den alten Leidgängern alles Dunkle weggenommen. Man wußte nur von Sonne, die einem auf den vollen, krausen Scheitel und in die krausen Gedanken schien.

Und als sich Frau Seraphine, durch ein immerwährendes Kichern veranlaßt, einmal ein wenig umsah, wurde sie zu ihrer Überraschung gewahr, daß das Roseli mit dem Ferdi und der Alex mit dem Agnesli Arm in Arm hinten nachkamen und daß ihnen aber das Mikeli mit einem Strauß morgenroter Lichtnelken leise singend voranging.

Die schattenhafte Frau tat aber als wüßte sie von nichts und raschelte neben ihrem schwatzenden Schwager weiter, ihm anscheinend aufmerksam zuhörend. In Wirklichkeit verlor sie jedoch kein Wort von dem kurzen Gespräch, das jetzt vor ihr her die Witfrau aus der Wydlen mit ihrem Mann angehoben hatte. Dieses Gespräch war so kurz, daß sie sich nicht sehr anstrengen mußte, es im Kopf zu behalten. »Hänsel«, hatte die Holzhändlerin gesagt, »wir müssen die neue Schwägerin, das Schlooapelluneli, da oben einstweilen noch schonlich behandeln, aus allerlei Gründen. Du verstehst mich. Sie soll ja auch gar nicht wohl zuweg und die letzte Zeit viel bettlägerig sein und dann heißt's 361 vorderhand, hier auch gelenkig sein, schon wegen dem Gerede der Leute.« »Ja«, hatte der Langhänsel halblaut zurückgegeben, »wir müssen mit dem Frauchen recht sein; es kann allweg nichts schaden. Und das ist wahr, sie hat sich auf Rain gut angelassen, zur Sache geschaut und sie noch gemehrt.« – »Im übrigen, was das andere anbelangt«, machte die Schwester, »will ich die Augen schon offen haben.«

Das alles hatte die Frau Seraphine gar wohl erlauscht, und obwohl ihr Mann zur letzten Bemerkung der Schwägerin Brigitt nichts mehr gesagt hatte, so wußte sie wohl, daß er bei sich im stillen Kämmerlein geantwortet hatte: »Ja, und ich will die Augen gewiß auch offen behalten, und zwar weniger dem Schlooapelluneli gegenüber als wegen deiner, liebe Schwester vom Rotenbach.«

So rückten sie denn, wieder völlig still, geradenwegs aufs Rainhaus zu.

Während die Holzhändlerin ihr immer noch glattes, aber auch marmorkaltes Gesicht unverändert aufzeigte, ließ der Langhänsel den Kopf hängen und sein Bocksbart schien sich nun doch zu einem Weihwasserwedel auswachsen zu wollen, der nur auf eine Gelegenheit wartet, um sich in einen Weihbrunn zu versenken und zum Trost der ganzen Armenseelenheit der Erde spritzen zu können.

Barri, der Bernhardiner, hatte sich vor der Scheune 362 mit rasselnder Kette erhoben und ließ nun den Donner seiner Stimme rundumgehen. Die Frau Brigitt Anderbalm sah gar wohl, wie die Köchin Kresenz im Fenster lag und bei ihr der Zille rasch aufwachsendes Nichtlein, das flachshaarige Seppeli. Auch ärgerte es sie, daß die Viehmagd Karline, die mit dem Karrer Karlima in einem großen Steckenkorb Kleinholz ins Waschhaus trug, so verwundert, ja mit weitaufgerissenen Augen und offenem Maul auf sie hinglotzte, die freche Schlampe.

Aha, da war man ja am Haus. Nein, was das doch für ein stattliches, hochgestelltes Herrenhaus war, dieses Haus auf Rain! Die Holzhändlerin schaute unwillkürlich zum Türmchen hinauf, welches ein Glöcklein hatte, das so schön läuten konnte. Ja, das mußte man sagen, das Glöcklein hatte einen schönen Ton. Wie Silber klang's einem ins Ohr, wenn's läutete. Nun, dasmal hatte es also dem Bruder gegolten.

Bei diesem Gedanken ließ die Brigitt doch ihr schweres, von kastanienbraunen Zöpfen umwundenes Haupt etwas herab, und jetzt aber machte sie sich mit dem hagern Langhänsel festen Schrittes, gefolgt von den andern, die steinerne Vortreppe hinauf.

Als sie jedoch auf das Steinbödelein gelangten, ging oben die schwere Haustüre, und auf das besagte blankgescheuerte Bödelein hinaus trat, zu ihrer maßlosen Verwunderung, der Bauer Hansbaschi 363 Hochrütiner. Also hatte das Läuten nicht ihm gegolten, ah, ah, ah! Ja, und was war denn das? Was trug er denn da, ums Himmelsherrgottenwillen, auf den Armen? Es wird doch nicht, es . . . Ja, beim Strahl, auf den Armen hatte der Große ein schneetaubenweißes Kissen und daraus schauten zwei kugelrunde und fast randenrote Köpflein und machten vier muntere, erstaunte Augen in den herrlichen Sommertag hinein.

»Gott grüß euch miteinander, meine liebe Schwester und meine Brüder und euch ihr lieben Neffen und Nichten! Seid uns von ganzem Herzen willkommen! Wir haben euch erwartet, denn ihr werdet ja das Glöcklein auf Rain wohl gehört haben. Und wenn ihr auch«, er blickte mit einem wunderlichen Lächeln auf seine Schwester Brigitt und den Langhänsel, »etwas dunkel ausschaut, so nehme ich doch an, ihr werdet gekommen sein, um mir und meiner lieben, guten Frau zu der Geburt unserer beiden Kinder, es ist ein Büblein und ein Mädchen, also, wie man bei uns ja sagt, eine Tanzeten, Glück zu wünschen. So seid mir denn gottwillkommen! Ja, es sind gesunde Kinder. Sie wägen schön und haben gottlob alle gerade Glieder. Was will man mehr? Jetzt hat der Hof auf Rain ja wieder Stammholz.«

Nein, der Langhänsel und die Holzhändlerin konnten sich mit keinem Glied rühren, mit keinem Fingernagel. Es hatte es ihnen völlig und ganz 364 verschlagen, und wenn's noch so Brauch gewesen wäre, wie zu Niobes und Lots Zeiten, so wären sie nun doch versteinert und versalzt. Sie mußten nur immer so das rotköpfige Zwillingspaar auf des hochgewachsenen Bruders Armen, der übrigens gar nicht schlecht aussah, anstaunen. Also hatte das Saubethli mit der Geschichte vom klarinettspielenden und tanzenden Bauer im Hinterstübchen doch recht gehabt und das Glöcklein auf Rain, diese hinterhältige, erzfalsche Schelle, hatte zur Freude statt zur Trauer, aber keinesfalls zum Erben gerufen. Ah, ah, ah!

Während nun aber der Ludi Hochrütiner verwundert, mit offenem Maul, über seiner Schwester breite Schultern hinweg auf die pausbäckigen Zwillinge glotzte, hatten sich das Roseli, das Agnesli und das Mikeli, aufschreiend vor Glückseligkeit, an den Oheim und seinen Arm voll neues Leben herangemacht. Nein, sie konnten unmöglich aufhören, die zwei roten Köpfchen anzustaunen, ihre Wänglein, ihre Augen, das Mündchen, und ja, jetzt auch die Fingerchen zu bewundern, die aus dem Weißzeug heraus in die Welt hineinzutasten begannen. Der Oheim hatte zu tun, sich ihrer zu erwehren, seine Kindlein und sich vor ihrem Ansturm zu schirmen, denn nun war das Roseli auch an ihm hochgekommen und hatte ihn auf beide Backen geküßt, daß es schallte »Vetter, Vetter, Vetter, wir wünschen dir Glück!«

365 Nun aber lud der Rainler, dem irgendwie eine Träne über die breite Wange hinabzukugeln anfing, seine Geschwister und Gäste allesamt zu einem kurzen Imbiß in die Stube ein. »Seht, liebe Brüder, Schwester, Vettern und Bäschen allerseits, es ist halt eine große Freude in mir. Ihr dürft es mir nicht übelnehmen, daß ich so dumm dastehe. Unser Glöcklein auf Rain ist schuld daran. Es ist eben, scheint es, so in der Welt mit den Glocken. Sie haben allweg ihre eigenen Aufgaben. Es soll ja«, er sagte es mit merkbar ansteigender Stimme, gradaus auf seinen Bruder Langhänsel und seine Schwester blickend, »schon vorgekommen sein, daß so ein Glöcklein den einen gleichzeitig zur Freude und den andern zur Trauer geläutet habe. Es soll eine alte Geschichte sein, und ich weiß nicht, ob sie völlig wahr ist, aber heute könnte ich sie fast glauben. Jedenfalls hat mir das Glöcklein auf Rain an diesem schönen Sommertag einmal zur hellen Freude geläutet.«

Und nun wandte sich der Bauer Hansbaschi Hochrütiner mit seinem weißen Kissen um, denn die zwei roten Köpfchen begannen zu schreien und also auch ihre Glöcklein läuten zu lassen, und schritt als ein gewaltiger, aufrechter Mann ins Haus hinein.

Jubelnd drängten ihm seine Nichten, das Roseli, das Agnesli und das Mikeli nach, ihre jungen Vettern, die bisher in blutroter Verlegenheit, mit großen 366 staunenden Augen auf das belebte Kissen schauend, dagestanden hatten, mit sich ziehend.

Die Türe aber blieb offen.

Und als nun das Seppeli, der seligen Zille hellhaariges Nichtlein, gleich darnach auf das steinerne Bödelein der Vortreppe hinaustrat, sah es dunkelgekleidete Leute das Gütersträßlein gegen das Steinkreuz und Bohlishusen hinabgehen. Das war doch wohl des Meisters dürrer, langer Bruder mit seiner Frau vom billigen Laden und die gewichtige, hoffärtige Holzhändlerin aus der Wydlen am Rotenbach und, heja, der liederliche Chemifeger.

Es wollte dem Seppli vorkommen, der Langhänsel sei um einen Kopf kürzer geworden, so trottete er vornehinein nidsich, die Frau aus der Wydlen aber sei um eine erleuchtete St. Klausen Infula höher, so bolzgrad und rotscheinig schritt sie rainab. Am lustigsten aber bedünkte das Seppeli der Ludi, der Chemifeger, denn er stoffelte den zwei andern mit linkshäldendem Kopfe und auf unsichern Beinen nach. Aber von Zeit zu Zeit sah er sich nach dem Rainhaus um und alsdann lachte er immer eins heraus. »He«, redete das Seppeli vergnügt vor sich hin, »der Ludi macht wie ein Schaf, wenn er lacht!«

Jetzt schaute es zur Scheune hinüber und sein Flachshaar und seine Blauaugen schienen noch um einen Morgen heller zu werden.

367 Vor der Scheune hockte der Melker Wysel, denn nun durfte man ja wohl ein Stündlein feiern. Eben ließ er seine Handorgel gehen, also daß selbst der ernste, einsilbige Küher Oswald neben ihm seinen braunkrausigen Bart und seine blaugraue Soldatenmütze zu wiegen anfing. Und nun tat sich die Türe des Kuhstalles auf. Die Viehmagd Karline und Saubethli traten Hand in Hand strahlenden Angesichts, miteinander unter das mächtige Vordach der Scheune.

Da fing es im Türmchen auf dem hochragenden Haus wieder zu läuten an. Und nun gingen die Jauchzer der beiden Mägde über Berg und Tal hinaus und in ihnen und mit ihnen, wie ein silbernes Kichern, die Stimme des Glöckleins auf Rain.

 

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