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Das Glöcklein auf Rain

Meinrad Lienert: Das Glöcklein auf Rain - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Glöcklein auf Rain
authorMeinrad Lienert
year1933
firstpub1933
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld / Leipzig
titleDas Glöcklein auf Rain
pages367
created20100416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Das hatte die Landwirtschaft auf Rain noch wohl ertragen, daß das Glöcklein der Hofbäuerin ins Grab läutete. Die schwächliche Frau konnte doch den Dingen und dem Gewerbe schon lange nicht mehr recht nachgehen und hatte sich dem allem auch nie so ganz annehmen können, wie man's hätte wünschen müssen. Immer mehr wurde sie abgehend und schließlich war sie hinschwindend, wie der Mond im letzten Viertel, in der Elternkammer gelegen und hatte das Heimchen in der Wand und das Heimchen im Herz alleweil klopfen hören. Zuerst hatte sie lange gemeint, es stehe der Tod vor der Tür und klopfe an und da wollte sie ganz und garnicht rufen: Nur herein! Am Ende aber war es ihr, es sei der Finger des Weihnachtskindes, der anklopfe und es wolle ihr die ewige Seligkeit bringen. Da hatte sie sich drein geschickt und war friedlich im Herrn gestorben. Außer der alten Zille und ihrem Nichtlein, die sie bedienten, ihrem Mann, dem Hansbaschi und Pfarrer und Arzt war sie kaum noch jemandem zu Gesicht gekommen.

99 Es war dann auf dem Rainhof nach ihrem Abscheiden doch gegangen wie immer, denn die weißhaarige, aber gar kernhaft aussehende Stubenmagd Zille, die schon unter dem Vater des jetzigen Bauers gedient hatte, wurde nun völlig Meisterin auf dem Hof. Sie war überall, verstand den Rainler auf den ersten Blick und die Dienstleute nahmen sie willig an. Man war sie, ihre laute Stimme und ihr ganzes rauhborstiges Tudichum altgewohnt. Man achtete ihre Weisungen, als aus guter Einsicht und lebenslanger Erfahrung kommend. Zudem stand ja der Bauer hinter ihr. Auch der alternde Meisterknecht, der Hansuoli, war immer wieder froh um die Alte, denn man hatte sie überall, sie sah zum Rechten, sodaß er oft einer Sache nur nachzuhinken brauchte, weil sie, von der Zille angetrieben, schon ihren guten Gang ging. Sie nahm ihm so manches außerhalb des Hauses ab, was keineswegs ihres Amtes gewesen wäre. So kam's, daß sich in der Bewirtschaftung des großen Guts nach dem Tod der Bäuerin nicht das mindeste änderte.

Nun aber erkrankte die Zille auf einmal, nicht lang nach der Beerdigung der Frau Hochrütiner. Und obwohl sie's nicht dulden wollte, wurde sie auf ärztliches Gebot ins Krankenhaus der nahen Stadt am See der Alpen gebracht. Dort operierte man sie und nach gelungener Operation wurde es mit ihr eben 100 nicht besser. Sie begann dahinzusiechen und blieb also im Spital liegen.

Das kam dem Hansbaschi Hochrütiner in jeder Hinsicht höchst ungelegen. Ja, es war für ihn und seinen landwirtschaftlichen Großbetrieb, besonders für alles was das Haus und sein Drum und Dran betraf, ein harter Schlag. Es ging schon tief in den Herbst hinein und dahinter stand der lange Winter, mit all der vielseitigen Arbeit für die Mägde auch im Haushalt, der sich weder er, noch der alte Hansuoli annehmen konnte. Man war da eben völlig aufs Weibervolk angewiesen. Und dann ärgerte, ja plagte es den Rainler auch, daß ihm die gute, treue Helferin so unerwartet ab dem Hof mußte. Er hatte ja fest im Sinne gehabt, ihr nach ein oder zwei Jahren alle Arbeit abnehmen zu lassen und ihr auf Rain für immer ein Ruhebänklein zu schaffen. Schon oft hatte er drüber nachgesonnen, wie er das einrichten wolle, ohne daß die unermüdliche, die Alltagslast so gewohnte Magd das Ruhebänklein mißachten und sich eben doch wieder im Betrieb betätigen würde. Er sah ja voraus, daß sie nicht im oder ums Haus sein könnte, ohne überall die Augen zu haben, zuzugreifen und das Ganze zu betreuen. Deswegen, auch sonst noch, hatte er etwas Besonderes in Gedanken, auch für andere ausgewerkte Dienstboten, auf daß sie wenigstens zeitweilig ausruhen, sich erholen könnten, ohne 101 deswegen auf die Gasse zu müssen. Wie er das aber machen wolle, darüber war er mit sich noch nicht ins Klare gekommen.

Nun lag also seine Haushälterin, die alte Zille, im Krankenhaus in der Stadt am See und es kam ihm merkwürdig, fast unmöglich vor, es schien dennoch auf dem Hof auf Rain alles seinen gewohnten alltäglichen Tramp zu gehen. Der Hansuoli hinkte in der grünen Welt und um die Scheune und in Stall und Hütte herum wie immer, der Melker Wysel stellte seine blechernen Milchtansen wie Bleisoldaten an der Kuhstallwand auf und der braunbärtige, einsilbige Oswald tränkte sein Vieh am Brunnen, graste ein und fütterte und hütete seine Loben und ihre Jungwar tagaus und -ein wie immer. Der Roßknecht Karlima führte schon wieder Mist aus und fluchte dabei seinen zwei riesenmäßigen Gäulen Griß und Vögi die Beine fast von den Bäuchen weg, während Karline, die Viehmagd mit einem Tagner ein Restlein arg verwitterten Öhmdes, wahrhaftigen Rost, das hinter dem blauen Wäldchen auf Heinzen gehangen hatte, über die hohe Einfahr auf die Scheune schaffte. Dabei machte sie sich nichts daraus, das Öhmd in alter Art rücklings in Bürden mit dem hierüber verdrossenen Tagner auf die Heudiele zu tragen, denn sie wollte für diesen Fetzen ausgelaugter Ware keinen Karrer beanspruchen.

102 Kurzum, es schien dem Bauer, alles gehe seinen gewohnten Gang. Auch der freundliche Briefbote, der mit seinen Postsachen alle Tage zweimal auf den Hof kam und vom Barri jedesmal eine donnernde Bewillkommnung erfuhr, wunderte sich, wie wenig dem Umtrieb auf dem so umfänglichen, aufgabenreichen Gut der Tod der Bäuerin und die Erkrankung der wehrhaften alteingesessenen Haushälterin anzumerken war.

Es war freilich Herbst. Die Kornfrucht lag geborgen. Auch die Erdäpfel waren geerntet. Nicht aber der Haber, der bös mitgenommen aussah, etwa wie ein zwetschgenstehlender Bub, über den der Bauer gekommen ist. Nur ein großer Strich Erdäpfel einer alten, sonst überall so ziemlich abgegangenen, entarteten Sorte, die man aus Tradition immer wieder anpflanzte, war noch draußen. Und alsdann hingen ja die Bäume noch voll Obst, obwohl man im vordern Schopf eine Masse Birnen, fast lauter vollsaftige Teilersbirnen, gemostet hatte. Auch hatte man schon einen kristallklaren Tresterschnaps aus der Maschine vor dem Schopf, aus der eisernen Kuh, zu melken angefangen, wie der Karrer Karlima diesen Vorgang schnalzend benannte. Nein, ob es auch Herbst war, an Arbeit fehlte es nicht und nirgends auf dem Hof. Auch wird es daran nie fehlen. Nächstens mußte ja auch die Streue gesammelt werden, unten im großen 103 Ried ums Rainseelein und hinter dem Wald ob dem Gütsch, von dem aus man eine so schöne Aussicht in die Hochalpen hatte. Es wollte dem Hansbaschi Hochrütiner vorkommen, das Streuesammeln hätte eigentlich schon angefangen werden sollen und wäre wohl auch angefangen worden, wenn die Zille . . . ach so, da war also etwas, das ihn ernstlich an die alte Wirtschafterin erinnerte.

Es dauerte alsdann nicht lange bis der Bauer die Abwesenheit seiner alten umtunlichen Stubenmagd auch andernorts und anderswie zu spüren bekam. Zuerst sah er auf einmal das Seppeli, das Nichtlein der alten Haushälterin, überall seinen Leuten und, wie's schien, auch sich selber im Weg zu stehen. Es war grad, als wäre das sonst so emsige Laufentlein nun ein verschupftes Hühnchen, das alles beiseite zu scheuchen suchte. Als er das Kind eines Tags gar in den Pflanzplätzen des Gartens beim Bienenhaus sitzen und in sich hinein weinen sah, fragte er's, was ihm denn fehle und warum es alleweil so verloren und unnütz herumstehe. Da brach es in ein wahres Indianergeheul aus. Ja, klagte es, weil halt niemand mit ihm mehr etwas haben wolle, seitdem die Base Zille im Spital liege. Zudem seien die Knechte, aber vorab die Mägde, die Köchin, die Kresenz, sei die wüsteste, so grob mit ihm. Jede gebe ihm einen Schnabelhieb, wenn es in ihre Nähe komme. Sie 104 täten immer zu ihm sagen, es solle jetzt nur sein Bündelchen packen und dahin gehen, wo's hergekommen sei; man habe an ihm ja doch nichts als einen unnützen Freßsack. Auf die Wiederkunft der Alten, so rede man von seiner Base immer, rechne kein Mensch mehr, denn wenn so eine seit Urzeiten aufgeschichtete Beige steindürren Holzes oder vererbter und selber angeschaffter Übelzeitigkeiten einmal liege, so bleibe sie liegen, bis sie eines schönen Tags der Tod ins Fegfeuer oder sonst in eine heitere Gegend verschleppe. Es könne die Kaninchen, die ihm der Meister erlaubt habe, nur auch gleich mitnehmen, man habe auch nichts von ihnen. Sie ziehen nur die Mäuse und allerlei Ungeziefer an. Es reden nicht alle so, aber lieblos seien sie alle. Das böseste Maul habe aber eben die Kresenz. Sie sage immer, was es für eine Topfguckerin sei, wie ihm vordem seine Base die Butter armsdick und den Honig in Strömen aufs Brot gestrichen habe. An ihr und ihrer Arbeit aber habe die Alte nichts als alleweil herumzuschönen und zu nörgeln gewußt. Es sei ihr gleich, wenn diese Wacht am »Rain«, wie's im Lied heiße, nicht mehr zurückkomme; deswegen legen die Hühner gleichwohl keine Taubeneier. Man könne dann doch endlich einmal kochen und werken wie man's für gut finde, ohne daß alleweil eine hinter einem stehe, die einen anschnörze: Mach, mach du faule 105 Truhe! Und die einen beim Meister anschwärze, daß man in seinen Augen häßlicher auszusehen käme als des Chemifegers Hund. Der Bauer wäre sonst nicht so, er lasse einen machen, er nehme es nicht so genau; sei ihm lang alles recht, auch wenn ein Löffel nicht glänze wie ein Blitz, oder wenn einmal zu wenig Salz, aber dafür etwa eine Fliege in die Suppe oder ein Schneck ins Kraut komme. Nur der Hansuoli sei recht mit ihm, berichtete das Seppeli dem ruhig zuhörenden Bauer, und etwa auch der Küher Oswald, der eben sowieso mit niemandem, außer mit der Köchin, ein Wort rede. Der alte Hansuoli meine übrigens, die Base sei gewiß und heilig verhext worden, denn das könne er nicht verstehen, daß ein sonst so kerngesundes Weibervolk mit einem Tag auf den andern so hinfällig werde, ohne alle vorgängigen Anzeichen. Es sei der Base heilig und gewiß etwas angetan worden; er habe das ja beim Vieh schon mehr als einmal erfahren. Das rede ihm keiner aus. Er wüßte schon einen, der könnte ihr mit Sympathie noch helfen, der hätte bald heraus, wo die Tanse rinnt, aber er wolle nichts gesagt haben. Der Meister lache ja über so was, obwohl es heiße: Erfahren macht gescheite Narren. Ihm mangle übrigens die Base an allen Ecken und Enden, denn sie sei auf dem Hof, wie die Luft, überallherum gewesen und habe durch die Wände und durch die Leute hindurch sehen können. 106 Um so eine sei's schad. »Und«, schloß das Seppeli, seine Augen immerzu mit dem Schürzchen wischend, »die Knechte schimpfen auch über die Kresenz, nicht ich allein. Seit die Alte weg sei, sagen sie, werde jetzt in der Küche nur noch schnell etwas für die Dienstleute zusammengeknetet und gefludert, so daß das Saubethli oft nicht wisse, was es für die Säue und die Putzerin Theres, die Ihr ja jetzt für immer eingestellt habt, auf den Tisch in die Stube zu tragen habe. Am verdammtesten sei's mit den gebratenen Erdäpfeln am Morgen. Es sei ihnen dann immer, wenn sie diese essen, sagen die Knechte, sie müssen ausgetrocknete Tannzapfen, die ihre Schuppen stellen wie Sauigel, hinunterwürgen. Der Meister sage zwar nichts, aber die Nase habe er auch schon mehr als einmal gerümpft, wenn er dieses Erdäpfelgeköch habe hinunterdrücken müssen.«

Der Rainler mußte bei der letzten Bemerkung des hochgradig erregten Seppelis ein wenig lachen. Ja, es mochte mit dem Nasenrümpfen stimmen. Es hatte ihm, ohne daß er aber weiter daraus gefolgert hätte, schon dies und das bei Tisch nicht mehr völlig wie früher geschmeckt.

Nun aber tröstete er das Seppeli. Er übergebe ihm, sagte er zu ihm, bis auf weiteres die Aufsicht über die Hühner. Es fange doch schon an, größer zu werden und man könne es gewiß immer mehr für 107 allerlei brauchen. Es solle nur schauen, daß diese Gackler recht fleißig legen, daß sie sich nicht in den Garten und zu weit in die Hausmatte hinaus verlaufen und das Gras voll Federn machen. Auch solle es ja die Eier schön sammeln. Je mehr Eier es der Therese einhändigen könne, desto größer werde für es der Sonntagsrappen. Im übrigen solle es sich am Gehaben der Leute nicht weiter kränken, sondern sich lieber nicht mehr müßig machen und köpfisch zeigen und einfach seine Pflicht tun, mit allen recht sein und denken, der Meister stehe immer zu ihm, wenn es sich gut einstelle.

Bald darnach erschien aber auch die Köchin Kresenz bei dem Bauern, als er eines Tages nach dem Schlußtischgebet noch allein in der großen Wohnstube zurückgeblieben war und die provisorische Stubenmagd, die Putzerin Theres, mit ein paar Knechten, Mägden und Tagnern in die Erdäpfeläcker abgezogen war. Mit weinerlicher Stimme, die dennoch kratzbürstig blieb und aber mit völlig trockenen Augen, beklagte sich die Köchin bitterlich über mancherlei, wobei ihr hie und da ein arges Schimpfwort über die Knechte heraussprang. Sie werden immer seltenpickerischer, behauptete sie von diesen, seit die Zille nicht mehr den Tisch mache. Über alles brennen sie eine Tunke von Bosheit, Hohn und Spott. Dabei fressen sie aber doch alles bis auf die letzte Fleischfaser auf, was im 108 Kamin hänge. Es sei ein Wunder, daß es dem Barri noch ein einziges Knochenspließlein treffe. Allemal wenn diese Mannskerle vom Tische aufstehen, können sie kaum mehr Mumpf sagen und verrülpsen die ganze Welt. Nichts sei ihnen mehr gut genug. Dem einen sei's zu viel, dem andern im Gegenteil zu wenig gesalzen. Der Karrer, der Karlima, würde das Salz am liebsten gleich aus dem Salzfaß lecken. Deswegen schieße ihm aber auch der Most immer durch die Gurgel wie der Platzregen durch den Dachkennel. Es sei aber alles Wüsttun nur böswillige Abmachung gegen sie, nur daß man sie immer, wie das Zeug nach der Schafschur, zwischen die Wollkarten nehmen und gotterbärmlich zerzausen könne. Sogar das Seppeli, der unnütze Nachzug der Alten, das über das Küchengänterlein und die Milchmutten gehe, wenn's wolle, hänge ihr schon ein Maul an. Es sei nur allerseits gut, daß man auch nicht stumm auf die Welt gekommen sei. Unverschämt und gottlos mache man's ihr. Sie sollte den ungeschlachten Lümmeln natürlich alle Tage kräpfeln und kücheln und Kirchweih machen. Dabei bringe ihr der Wysel die Küchenmilch immer zu spät, um sie zu fuchsen und dazu sei die immer voll Dreck, seit die Zille dem Melker nicht mehr die Nase in den Eimer stecke. Es sei grad, als ob er seine haarigen Tatzen und den Kühen die Schwänze drin wüsche. Es grause ihr jedesmal, solch 109 eine Schmutzware in die Pfanne überzutun. Sie mache seither den Kaffee für sich lieber extra, ohne Milch, denn sie sei's von Haus aus sauber gewohnt und es sei auf Ehr und Eid eine gottverdammte Lüge, daß sie den Kaffee nur schwarz nehme, weil sie ganze Bäche Schnaps drein tue, wie der Roßknecht, dieser grobe Schuh, alleweil sage. Überhaupt diesen Fuhrmann, den Karlima, kenne man noch lange nicht genug. Der sei ein Kalb, auch wenn er einen Esel zum Vater gehabt habe. Immer trampe er ihr wie ein Ochs in die Küche. Sie habe sich schon manchmal unwillkürlich umgesehen, wo er denn seine zwei andern Marschknebel habe, da er immer so vierbeinig hereintrampe. Es sei nicht schön, wie der ihr dann allezeit hinter den Kirsch gerate, den sie an die Speisen brauche und wie er dabei den ehrlichen, geräßten Birnenmost noch verschimpfe, obwohl er ihn kübelweise saufe. Und wenn sie ihm einmal etwas dagegen sage, fange er zu fluchen und zu schwören an, daß die Kupfergelten verbleichen und die Hölle sich sperangelweit auflasse. Auch stinke es nachher in der Küche von Rossen, wenn der Karrer drin gewesen sei, daß man nachher stundenlang im Durchzug leben müsse bis man sich wieder herzhaft zu atmen getraue. Seit der Zille Weggang komme er immer mehr. Sie könne das aber nicht länger aushalten. Sie habe einst als ein gehungeriges Schulkind mehr als genug mit Rossen 110 zu tun gehabt, denn sie habe die halbe Zeit hinter den verschwitzten Ziehmähren her barfüßeln müssen, um die abgefallenen Roßäpfel aufzuschaufeln, damit die immer notleidende Mutter etwas Mist für ihre schmalen Pflanzplätze bekommen habe. Es dünke sie, die Hände stinken ihr heute noch von dieser Nachlese und es werde ihr wirbelig, sie meine, sie müsse sich übergeben, wenn sie nur an Roßbollen denke. Sie sei halt eine reinliche, wie's im Kanton und noch weit drüber hinaus keine zweite gebe. Deshalb habe sie's auch nie begreifen können, daß die Alte noch fast gelacht habe, wenn das naschhafte Seppeli den Rahm nur so mit dem Finger von den vollen Becken in sein verschlecktes Maul hineinfeimte. Nur der Oswald, der Küher, mit seiner blaugrauen Soldatenmütze auf dem bärtigen Kopf, sei recht mit ihr. Er habe eben immer mit dem Magen zu tun und da koche sie ihm denn einen Tee, der ihm ausnehmend wohl tue. Sie habe das Rezept von ihrer Base im Trittliwald, die sich auf Heilkräuter, aufs Besprechen und Hervortuen verlorenen Gutes und noch auf manches verstehe, was man nicht an die große Glocke zu hängen brauche. Sie könne sogar in den Sternen lesen wie aus dem ABC-Büchlein. »Aber«, machte sie aufschreiend, da sie sah, daß der Bauer nicht so ganz bei der Sache war, »mit dem andern Mannsvolk ist's zum verrückt werden. Niemand frägt mir 111 noch etwas darnach, seit die Zille im Krankenhaus ist und wenn's nicht ändert, so packe ich zusammen und gehe ein Haus weiter. Ich weiß Türen genug, wo ich nicht lange anzuklopfen brauche. Aber das ist auch wahr«, und nun setzte sie ein zu Tode betrübtes Gesicht auf, »gern gehe ich nicht ab Rain, Ihr seid ja mehr als recht mit mir. Ich kann nicht sagen, wie ich an Euch hange, Meister. Gleichwohl, nehmt's nicht für ungut, aber Ihr solltet den Knechten mehr nachgehen.«

Als ihr aber der Bauer dawiderhielt, der Meisterknecht, der alte Hansuoli, schaue doch seines Wissens schon nach, was die Knechte tun und treiben, er selber könne nicht überall sein und sich jeder Kleinigkeit annehmen und den Wauwau machen, und als er ihr dies und jenes nicht gelten lassen wollte und sie dazu auch noch etwas christenlehrte, verschwand die Totalsonnenfinsternis von ihrem breitbackigen Antlitz sogleich. Auf all seine Vorhalte und den angehängten Zustupf vom Guten-Willenssein und sein Pax vobiscum antwortete sie keineswegs mit: Et cum spiritu tuo, sondern sie sagte einfach, alles andere beiseite lassend, der alte Hansuoli sei wohl recht für den Betrieb in Stall und Feld, aber daneben nehme er sich der Knechte nichts an und die Mägde scheren sich ja sowieso um einen so ausgehonigten alten Korb nicht das mindeste. Kurz, so recht der alte Kuhdreckstampfer in 112 manchem noch sei, der unverschämten Bande gegenüber sei er blinder als ein Nest voll frisch geworfener Katzen.

Damit machte sie sich davon, überselig im Bewußtsein, ihren gehäuftvollen Kratten dem Meister über den Kopf geleert zu haben, diesem gutmütigen Langweiler, der sie immer so giltmirgleich behandelte und sie nie, auch im heißesten Sommerbetrieb, und bei den schönsten Gelegenheiten auch nur mit dem kleinen Finger betupfte.

Jedoch am Abend darnach, als der Bauer sich im Schweinestall umsah und zu seiner Überraschung eine ganz ungewohnte Sauerei darin vorfand und deswegen das Bethli, die junge Magd, in seiner ruhigen Art, aber recht bestimmt zur Rede stellte, brach diese in ein Geschrei aus, daß die Säue meinten, ihre Hirtin sei noch vor ihnen ans Messer gekommen.

Ja, da sehe man's nun, wie's einem ergehe, heulte sie, alles falle über sie her, verflüchter als eine Erdbreche über ein armes Schaf. Schon die Köchin habe mit ihr vor einer Stunde, als sie die Sautränke in der Küche geholt habe, getan wie ein Charwochenschnattern. Sie wäre ihr gewiß und heilig mit allen Krallen ins Haar geraten, wenn der Oswald, der grad vorhanden gewesen sei, die Wütende, die ja eine sei wie eine Nachteule, denn sie sei oben und unten auch gleich dick und mache Augen wie feurige Herdlöcher, nicht 113 zurückgehalten hätte. Und nun mache ihr's der Meister auch noch den Weg. Sie könne doch nicht alles immer allein zurechtreisen, aber seit die Alte fort sei, wolle ihr niemand mehr helfen, den Säuen Ordnung zu halten und zu schauen. Jeder und jede zeige ihr die Wetterseite, wenn sie etwas von ihnen wolle und die Handknaben sogar die Zunge. Sie habe aber gestern so einem Hagaffen einen handbreiten Lappen auf's Sauohr geflickt, daß er dran denke. Nur der Melker Wysel wäre ihr zu Diensten, so oft sie wollte, aber sie müßte ihn dafür zu teuer und gleich mit dem einzigen Hab und Gut, das sie von Vater und Mutter her habe, bezahlen und auf seine Gegengabe wolle sie erst recht verzichten. Sie habe ja schon gehört, wie's seinerzeit einem armen Dienstmädchen auf Rain gegangen sei, das sich mit einem gewissen Jemand auf so einen Tauschhandel eingelassen habe. Aber nein, der Wysel, dieser Hupfhahn, der allweg auch noch andern nachstreiche, erwische sie keineswegs, obwohl sie sich den ganzen Tag und im Zunachten erst recht gegen ihn wehren müsse, wie eine Katze im Hornung gegen eine Nachtvoll Kater. Und seit die Zille weg sei, werde er immer angriffiger und freue sich ihrer Abwesenheit wie ein schlimmer Schulbub über die langwierige Krankheit seines Schulmeisters. Sie könne sich nicht genug gegen ihn stellen und sei nur froh, daß sie nicht von Glas oder gebranntem Lehm 114 sei, sonst könnte sie ihre Unschuld bald zusammenlesen wie letzthin das Seppeli, dieser Schnabel, der einen immer verklatsche, die Scherben des großen Kaffeekruges. Wenn sie den Wysel vornächtig nicht in die Hand gebissen hätte wie eine Wildkatze . . .«

»Jaso«, redete der Bauer dazwischen, »deswegen hat der Melker bei seiner Arbeit unter den Kühen so ungeschickt getan, die Hand verbunden gehabt und von keinem Doktor was wissen wollen.«

»Jawohl, das ist's«, rief triumphierend das Bethli aus. »Übrigens«, setzte sie bei, von dem Aufsehen, das sie beim Bauern mit des Wysels angriffiger Hand bewirkt hatte, angespornt, »die Karline, unsere Viehmagd, dieser Roßhaarstrubel, hat auch schon über Euch selber geredet, Meister. Ich kann mich ganz gut besinnen, daß sie im vergangenen April gesagt hat, am Nachheiligtag Ostern war's, der Meister sei auch nicht immer der sauberste, man könne ihn auch in die Nase bekommen, wie die andern Mistmacher, denn, wenn er den ganzen Tag das Jauchefaß in der Hausmatte herumgeläutet habe, komme er auch mit keinem Rosenöl an der Hose ins Haus.«

Der Bauer lachte. Und nachdem die junge, laubfrische Magd noch eine Weile die Siebensachen ihres Verdrusses vor ihm verlegt und aber auch willig seine Ermahnung zu besserer Ordnung angenommen hatte, machte er sich kopfschüttelnd ins Haus hinüber zum 115 Nachtessen, wo er zur Beunruhigung der Dienste außer dem Tischgebet keinen Laut von sich gab.

Wie er andern Tags nun auch in den Stallungen gar einläßlich Nachschau hielt und der Viehmagd Karline, die mit ungesträhltem Kopf, als ein rechter Zaus und Graus, eben den Kühen das Bett machte, vorhielt, der Stall, aber auch sie selber sehe unsauber und wie von den Hühnern gemacht aus, begann sie mit ihrer tiefen, trockenen Stimme über den Meisterknecht, den Hansuoli, zu schimpfen, dabei mit der Mistgabel ruhig fortwerkend. Dieser alte Tabakstänker, sagte sie, könne nichts als immer an ihr herumdoktern. Bei den Knechten getraue er sich nichts mehr, denn die nickten einfach zu allem, was er sage. Sie täten hinterrücks noch lachen und es dann machen wie er's angebe oder es auch nicht machen. Dafür lasse er dann seinen Ärger an ihr aus, denn sie sei eben nur ein Weibervolk, obwohl sie's mit diesem brummligen, baufälligen Herumhoppeler und noch einem Dutzend seinesgleichen schon noch, und zwar von Hand aufnehmen wollte. Sie könne ihm nichts recht machen. Sie schaffe, was sie vermöge und hätte ja nur hie und da einen halbwüchsigen Buben zur Mithilfe. Aber man wolle eben, daß sie sich übertue. Sie habe ja auch der Zille nie genug werben können. Und seit die weg sei, behaupte der Hansuoli, dieses Hinkebein, dieser Quergeiger, sie lasse unverschämt 116 nach. Wenn man aber meine, man habe endlich Ruhe vor ihm, gehe auf einmal seine lange Nase wieder aus irgendeinem Winkel auf und schnüfle Kuh, Kalb und Katz ab. Sie sage es aber noch einmal, sie könne nicht mehr als schaffen. Jedenfalls arbeite sie weit über den Lohn, den man ihr gebe. Auch sei sie schon über ihre meisterlosesten Jahre hinaus, wenn auch noch lange kein Grabstein, ganz und gar nicht. Wie früher aber möge sie doch nicht mehr, obwohl sie noch mehr als genug dran tue. Sie hätte vorher sich nur zu sehr abgeschafft und verzappelt. Sie sei deswegen aber auch all und ein Abend ins Bett hineingefallen wie ein Steinblock. Von dem allem wolle sie ja nichts sagen oder gar sich rühmen, aber es ärgere einen nur, wenn man sehe, daß man so gar kein Brosämlein Anerkennung bei diesem alten Bodenverspucker und Gehörübel finde. Die Alte, die Zille, so streng und genau sie gewesen sei, habe doch auch fünfe grad sein lassen können. Sie schaffe schon lange neben dem Küher und dem Melker im Stall und doch schimpfe Hansuoli immer mit ihr und sage, sie sei schuld, daß das Vieh immer weniger ergibig in der Milch werde. Man solle es nur anschauen, schimpfe er alleweil, die Kühe sehen vernachlässigter aus, haben einen Panzer um den Leib wie die alten Eidgenossen, aber von Kuhdreck. Auch habe ihr der alte Unflat ins Gesicht gesagt, die Kühe stellen die Haare immer so strub 117 wie sie, wenn man mal mit ein paar Häuptern zu Markt fahren müsse. Kurzum, machte die Karline tieftönig, eine gehäufte Gabel voll Mist zum Loch hinausstoßend, sie wolle fort, wenn's keine andere Ordnung gebe. So habe man doch, als die Zille noch dagewesen sei, mit ihr nicht umgehen dürfen, und sie habe sich sonst immer gefreut, auf Rain werken zu können. Er, der Meister, sei ja allezeit recht mit ihr gewesen. Ihn wolle weder sie, noch sonst jemand auf dem Hof anders wünschen, Gott bewahre! Wenn nicht der Wysel wäre, der ihr immer wieder anstehe und dienstig sei, wo er hiefür abkomme, könnte sie's nicht mehr aushalten. Es sei traurig genug, daß man ihr diesen jungen Ledigen auch noch immer vorhalte und so gespäßig hintendurch rede, als ob sie's mit ihm hätte und es nicht ohne ihn machen könnte. Aber das komme alles vom Saubethli, die noch nicht völlig erwacht sei, nicht wisse was Lands, denn immer, wenn einer eine ein bißchen ansehe oder gar anlange, sei das bei dem dummen Geschöpf schon Mord und Tod zu Greifensee. Es werde etwa nicht zu lange mehr dauern, so höre das Saubethli die Hähne auch zu nachtschlafender Zeit krähen. Sie habe noch keine gekannt, der hiefür das Musikgehör, wie allemal der Schulmeister gesagt habe, nicht gekommen sei, und etwa früher als die Mutter meine. Was das andere anbelange, solle der Meister nur die derzeitige 118 Stubenmagd, die Theres, fragen. Die erfahre es ja jetzt auch alle Tage und Stunden, wie einem niemand mehr etwas darnach frägt, sich keines um das andere kümmert, wie man sich zu drücken sucht, wenn man jemand zur Handreichung braucht. Der Wysel, ja, den nehme sie aus. Alle andern hängen einem nur ein böses Maul an. Sie wolle aber künftighin außer vom Melker Wysel von niemand mehr etwas wissen, gehe es dann wie's wolle. Am End packe sie ihr Bündel doch noch und fahre zu ihrem Bruder auf Kleinhallwyl. Der nehme sie jeden Augenblick auf. O, das mache ihr keinen Kummer, so gern sie sonst auf Rain geblieben wäre.

So kam der Bauer Hansbaschi Hochrütiner auf Rain so allmählich dazu, einzusehen, daß in seinem Hofbetrieb allerlei nachließ und gar den gefehlten Weg zu gehen anfing und daß trotz allem guten Willen des alten Meisterknechts eine Art Schlamperei aufkommen wollte. Jetzt, wo er die Augen in dieser Richtung offen hatte, sah er immer mehr, was ihm nicht gefallen konnte. Er begriff wohl, denn er war ein ganzer Bauer, daß man auch nicht ein einziges Scheitlein aus einer Hauswand voll aufgeschichteten Holzes ziehen darf, wenn man nicht gewärtigen will, daß die ganze Beige unversehens zusammenfällt. Der alte Hansuoli, jawohl, mit dem ging's eben noch so; aber jedenfalls fehlte jetzt überall und immer ein rechtes 119 Weibervolk, eine zuverlässige Person auf dem Hof, die eine Meisterin von Geburt und nicht nur durch Erfahrung war. Nein, er durfte das nicht ruhen lassen. Die Zille, auch wenn sie nochmals aufkommen sollte, was der Arzt ja sehr bezweifelte, war nicht mehr viel zu rechnen. Sie würde eben durch ihre Krankheit eine gebrochene Frau sein. Sie hatte wahrhaftig genug gewerkt und sich für seines Vaters und seine Sache gewehrt und sie aus vollen Kräften mehren helfen. Er wird ihr, wenn sie's nochmals auf die Beine bringt, einen behaglichen Feierabend vorbereiten und dabei, das lag ihm nun stets in Gedanken, für abgearbeitete Dienstboten überhaupt etwas tun, irgendeine Einrichtung treffen. Nun, man wird ja sehen. Einstweilen war's ihm klar, daß er eine Haushälterin, eine tüchtige Wirtschafterin haben müsse, die vor allem dorthin sehe, wo seine Augen nicht genug Tiefgang haben noch haben konnten, in die Dinge und Anliegen, die einer Frau anstehen und zu überwachen und zu ordnen gegeben sind. Heiraten? Nein, das kam vorläufig nicht in Frage. Man war ja noch im Trauerjahr. Zudem wollte er sich mit einer Heirat keineswegs übereilen. Es wurde ihm trübe, fast schwer zu Mut, wenn er daran dachte, daß er schon eine Frau habe begraben müssen und daß er von ihr, trotzdem er mit ihr einen langen Weg durchs Leben gegangen war, keine Kinder, keine Nachfahren, nicht einmal ein 120 Mädchen, geschweige einen Knaben bekommen hatte. Wenn's doch wenigstens ein Mädchen gewesen wäre. Nun stand er allein, völlig allein; denn an seinen Geschwistern hatte er nichts. Der Hänsel und die Brigitt schauten nur für sich und das ihrige, und wohl allzusehr, gar zu ausschließlich. Ihre Jungen und Töchterchen mochten ihn ja wohl leiden; auch waren ihre Eltern recht mit ihm, wenn er etwa mit ihnen zusammentraf. Es gab aber da keinerlei geschwisterliche Liebe oder auch nur Zutunlichkeit. Der Langhänsel schien nur noch Geld und Gut liebzuhaben. Diesen widmete er sich aber unermüdlich als ein scharfhinsehender Geschäftleinmacher. Er gedachte wohl, seinen Töchterchen, denen er, wie am End auch die Katzen ihren eigenen Jungen, närrisch zugetan war, nach und nach aus seinem billigen Laden herauszuhelfen und ihnen eine Art babylonischen Turm zu erbauen, auf dem sie dann protzend sitzen und sich von der Umwelt anstaunen lassen mochten. Die Schwester Brigitt hatte es ähnlich; ihr Hof und ihr Holzhandel waren ihr alles. Es schien sie aber immer die Sorge zu plagen, sie könnte ihren Söhnen nicht genug hinterlassen, und da sie zwei Buben habe, müsse sie auch zu zwei Höfen kommen können. Was aber den Bruder Ludi, den Weinreisenden, anbelangte, so hatte er's schon lange aufgegeben, sich über ihn Gedanken zu machen oder gar von ihm Geschwisterliebe zu 121 begehren. Der kam ihm ja mehr als ihm lieb war auf Rain; aber immer nur, um seinen Sack zu füllen. Was hatte er dem schon für eine unverzeihliche Summe, sicher und gewiß auf Nimmerwiedersehen, an Geld geliehen!

Nun, das alles war nun einmal so und wohl nicht zu ändern; man mußte sich drein finden. Was sollte er dem nachsinnen? Es mochte wohl kommen, daß er sich nochmals verheiraten würde, ja verheiraten mußte. Er sah es immer mehr, dem großen Hof mangelte die Meisterin, die auch der hochgewachsene, scharfäugige Meister nicht völlig zu ersetzen vermochte. Er wollte sich aber noch recht einläßlich und langwierig besinnen, bevor er eine zweite Frau nehmen würde. Es war ihm geradezu bange daraufhin. Er hatte von der ersten Frau keine Kinder bekommen. Wie sollte er, der im Land so hochgestellte, deutlich gesehene Bauer auf Rain das ein zweites Mal zu ertragen vermögen. Es konnte ja dann freilich anders sein; jedoch das ließ sich nicht ausdenken. Gleichwohl, das war einmal sicher, eine tüchtige Haushälterin, auf die man sich verlassen konnte, mußte er, und zwar bald haben. Es waren da auf Rain allerlei Schrauben los; da sollte wieder überall fest zugedreht werden. Deswegen hatte er sich auch schon offen und ebenso heimlich nach einer rechten Person umgesehen. Es war ihm aber nicht nur um so eine Schafferin, sondern 122 um ein Frauenzimmer zu tun, mit dem man auch ein Wort in mehr als nur in einer Richtung reden konnte. Ja, ein wohlgeratenes, gescheites Weibervolk, das nicht nur auf ein blitzsauberes Haus, auf volle Kisten und Kasten, auf einen gutgesonntagten Scheunenvorplatz, auf eine musterhafte Schweinemast, die größten Kohlköpfe und alles, was den Hof und sein Fortkommen anging, halten würde, sondern eine, um die es einem wohl wird und die da für Sinne und Gedanken wie ein freundliches, verstehendes Echo wäre.

Über das alles aufs einläßlichste nachsinnend, saß der Bauer eines Tages eben an seinem umfänglichen Stubentisch vor dem Ofen.

Da hörte er eine Stimme vor dem Haus gehen, und da der Barri nicht anschlug, so war's ihm sogleich gewiß, daß jemand Verwandter oder Wohlbekannter draußen angekommen sei.

Wie er nun zur Haustüre hinaustrat, kam seine Schwester Brigitt gemessenen, aber mannhaften Schrittes und hochgetragen wie eine Kirchenfahne, nur nicht so feierlich, schon auf die steinerne Vortreppe zu, und neben ihr ging flinkfüßig und weidenleicht ihr älterer Sohn Ferdi, der von der löblichen schweizerischen Eidgenossenschaft für den Vorwinter aufgebotene Rekrut.

Der Rainler schritt ihnen die Vortreppe hinab entgegen.

123 Nachdem sie sich kurz und ohne besonderes Getue begrüßt hatten, sagte die Holzhändlerin, sich den Schweiß mit Ferdis Nastuch abwischend, das sie ihm einfach aus dem lose abgehängten Kittel herauszog, sie hätten wieder einmal nachsehen wollen, wie's jetzt auf Rain gehe nach dem Absterben der Schwägerin selig und wo nun gar auch noch die Zille im Spital liege. »Du hast es mir ja das letztemal, als ich da war, selber so halbwegs gebeichtet, Hansbaschi, daß seither auf dem Hof nicht mehr alles so schön selbstverständlich laufe und daß verschiedenes, besonders bei den Dienstleuten und vorab bei den Mägden, nicht mehr völlig im Geleise sei. Und he, natürlich unsereiner kann das schon begreifen.«

Nein, bestätigte Hansbaschi Hochrütiner drauf, es gehe nicht mehr alles wie am Schnürchen, gar nicht. Er habe zwar ja immer noch den Hansuoli, der auch jetzt noch ein brauchbarer Meisterknecht sei. Älter geworden sei er aber eben doch. Er fange an, dies und das zu übersehen und zu überhören erst recht, da es mit seinem Gehör immer böser werde. Auch sperre er sich in letzter Zeit gegen alles Neue wie ein Bock gegen eine Schlachthaustüre. Es sei ja unglaublich, aber er habe es dem Alten gegenüber rein erzwängen müssen, wenn er etwa eine Maschine habe zutun wollen, wie sich's doch heutzutage bei einer solchen Weite Boden am Rand verstehen sollte. Nicht einmal 124 eine Jauchepumpe hätte er zweckmäßig gefunden, und doch habe sich niemand mehr gefreut als der Hansuoli, als vor langen Jahren sein Vater selig Mäh- und Worbmaschine angeschafft habe; sie könnte das ja auch noch wissen. So gebe es bei diesem alten Knaben immer etwa kleine Widerstände; aber im ganzen sei er, wie gesagt, schon noch zu brauchen. Alterswegen werde er ihm noch lange an die Hand gehen können, wenn er auch nicht mehr alles merke, was er merken sollte. Es liege auch nicht am Meisterknecht, daß es im Betrieb nicht mehr wie geschmiert gehe; es habe eben überall nachgelassen, und so könnte nach und nach das Geschäft lotterig werden wie eine alte Herrenkutsche, die nicht mehr gehörig federe. Das leideste sei vor allem, daß die Zille auf dem Hof fehle. Sie mangle ihm überall. Wenn sie auch nicht mehr wie früher gewesen sei, so hätte sie doch alles noch in Ordnung gehalten. Sie habe nichts im Haus, aber auch im ganzen Bauerngewerbe unkontrolliert gelassen. Es sei vor ihr ein jeder, eine jede und ein jedes gewesen wie die Leute im Bahnwagen, wo der Kondukteur auch niemand unbesehen durchlasse. Es sei halt immer ein Auge und ein guter und fester Wille dagewesen, der ihm geholfen habe, ein Ding wahrzunehmen und dem den Weg zu weisen. Das Werkvolk habe sie ästimiert und sie habe Gewalt bei ihm gehabt. Mit den Knechten ginge es auch jetzt noch, denn da sei der 125 Hansuoli noch am Platz; aber mit den Mägden sei's eine Kirchweih geworden, jedoch keine besonders lustige. Es mache bald eine jede was sie wolle und soviel ihr behage. Auch wollen sie immer mehr im Dorf unten, und gar etwa in der Stadt auch noch, zu tun haben und dort mit Verwandten zusammentreffen, während es früher kaum einer eingefallen sei, sich Sonntags nach der Kirche auf dem Heimweg ein Halbstündlein zu verplaudern. Letzthin sei die Kresenz, die Köchin, Sonntag abends zum Kochen gar nicht heimgekommen. Als sie nach Betzeitläuten endlich angerückt sei, habe sie einen Rausch und ein freches Maul heimgebracht. Andern Tags habe sie ihm dann freilich was vorgeflennt und sich verschworen, sie trinke sonst nichts als hie und da eine Kelle voll Wasser oder, wenn sie einen leeren Kopf habe, einen Schluck Trester oder einen Fingerhut voll Kirschgeist. Seither verstehe er aber, wofür es in der Küche so viel Kirsch brauche. Sicher sei, daß es nicht nur in der Küche, daß es eben allerorts zu lockern anfange, und wenn auch die Zille nochmals in den Betrieb hinein könnte, eine richtige Regentin würde sie kaum mehr werden. Man würde sie ohnedas für krank ansehen, und der Gesunde mache sich aus den Kranken nicht viel, etwa verachte er sie gar, wenn auch unbewußt. Die abgearbeitete Zille dürfte ihm aber keinenfalls mehr etwas im Gewerbe anrühren. Er wolle schon drauf denken, wie man sie 126 und wohl auch andere Dienstboten im Land herum auf ein längeres oder kürzeres Ruhebänklein hinsetzen könnte.

»Heja eben«, antwortete seine Schwester, »deswegen bin ich ja heute hier oben auf Rain, um mit dir über diese Dinge, die deine Wirtschaft angehen, zu reden. Am End bin ich doch deine Schwester und die einzige dazu. Ich habe das alles natürlich kommen sehen, mochte aber einstweilen nichts sagen und dreinschwatzen; denn da hättest du's mir für vorwitzig und aufdringlich genommen. Ihr sagt ja sonst immer, ich sei ein rechter Befehlshaber. Außerdem, ich kenne das Männervolk. So habe ich diese Angelegenheit, wie den Umlauf am Daumen, reif werden lassen und bin aber jetzt dran, deinen Schaden wenden zu helfen. Und nun, nimm mir's nicht übel, daß ich's gleich heraussage, es muß eine Haushälterin her, und zwar eine junge. Wo in einem derartigen Bauerngewerbe die Frau fehlt, ist's wie mit einem Haus ohne Dach; auch mangelt man sie wie die Kücklein die Gluckhenne, die der Fuchs geholt hat.«

Sie hatten sich unterdessen über die Treppe hinauf ins Haus und in die hintere Stube gemacht, während der Ferdi draußenbleiben wollte, da er sich wieder einmal, wie früher in seiner Kindheit, in den Stallungen etwas umsehen möchte. Die Rosse, die Kühe, die Jungware, alles interessiere ihn. Es nehme ihn nur wunder, 127 ob ihn der Vögi wieder, wie seinerzeit bei der Ernte, beißen wolle.

Und nun hockte der Bauer auf Rain in seiner ganzen Stattlichkeit mit seiner noch gewichtigeren Schwester in der kleinen heimeligem Hinterstube, die, solange man wußte, immer eine Art Familienheiligtum gewesen war.

Eine Weile blieben sie schweigend auf ihren schön geschnitzten Stabellen sitzen. Sinnend, mit gar verschiedenem Gedankenwerk beschäftigt, schauten sie an die Wände hin, ohne sie zu sehen.

Es war aber eine recht sehenswerte, vertäfelte Stube mit einer schweren, verzierten Holzdecke, die sich da und dort nach und nach etwas gesenkt hatte. Der Stube schönstes Stück unter der guten, altertümlichen Ausstattung war eine gewaltige Kommode, die zu dem hoch- und breitgewachsenen Herrenbauernpaar am kuhbeinigen Tisch gar wohl paßte. Auch sie war ja aus landskräftigem Holz und zeigte über drei, an glänzendem Beschläg reichen, schöngeschweiften Truhen einen Aufsatz, den eine holzgeschnitzte »Unbefleckte Empfängnis« krönte.

Auch das Kruzifix mit den Stechpalmen dahinter war von Holz, und auf der geblümten Truhe, die sich darunter breitmachte, lag ein altes, doppelschneidiges Schwert. Sonst war die wahrhaft üppige Täfelung durch nichts verhangen oder sonstwie gestört und so von prächtiger Wirkung. Nur neben der Türe gab's 128 noch einen allerliebsten Weihbrunn aus bemaltem Ton, aus dem eine sonnengoldumstrahlte Taube trank.

»Großer,« begann aber unversehens die Holzhändlerin, zu reden, »also für das bin ich zu dir hinaufgestiegen, weil ich dir eine Haushälterin weiß und zwar, wie ich meine, eine Person, wie du sie mit allem Ausschreiben, Herumreisen und Nachschauhalten kaum so schnell zu finden vermöchtest.«

So solle sie mit ihrer Wissenschaft nur herzhaft ausrücken. Er habe es nicht gern, wenn man so hündisch um die Ecken herumschnüffeln und blindskätzeln müsse bis man an einer Sache sei.

»He gut, also die kleine Wirtschafterin meine ich, die seit einiger Zeit in der Genossenschaftsmolkerei ist und die vor allem deren Laden leitet«, sagte die Brigitt. »Ich nehme aber an, du habest die auch schon gesehen oder vielleicht doch von ihr gehört. Sie ist ja auch eine Bauerntochter, dem Franztoni selig im Schloo seine einzige, das Apelluneli. Sie war mit einem Lehrer, so einer Art Herrenlehrer, aus der Stadt am See hinten, drei Jahre lang verheiratet. Und nun ist sie eine noch ganz junge Witfrau, ein Bild sag ich dir. Wie man allgemein hört, läßt sie sich in der Molkerei so gut an, als ob sie nie einen Schritt aus dem Bauernbetrieb hinausgetan hätte. Ach was, du mußt doch von ihr gehört haben, etwa durch den Melker Wysel, der ihr die Milch zuführt.«

129 »Eben nicht«, antwortete er, »ich habe von diesem Apelluneli Tags meines Lebens noch keinen Ton verlauten hören. Zum ersten bin ich nicht der Mann, der auf jeden Ober- oder Unterrock acht gibt und zum andern bringt eben der Melker Wysel die Milch ins Dorf hinunter. Der muß dieses Witfrauchen freilich kennen, aber wenn er Weibervolk weiß, weiß er's für sich und nicht für andere und macht nicht einen Lärm wie unser Seppli, wenn's ein verlegtes Ei findet. Auch der Karlima, der Karrer, kann sie kennen, wenn er etwa zeitweilig für den Wysel mit der Milch ins Dorf fahren muß. Wenn nun aber dieses Apelluneli eine rechte Haushälterin auf Rain werden könnte, wie du meinst, und will mir kommen – Ich möchte sie der Genossenschaft nicht so ohne weiteres wegnehmen –, so würde mir das vielleicht auch passen. Jedenfalls kann man dran denken.«

Das Seppeli erschien in der Türe und fragte, schüchtern auf die schwere, aber gradauf dasitzende Holzhändlerin sehend, ob es für die Frau Anderbalm und ihren Sohn etwas aufstellen solle. Die Theres habe es geschickt.

Bevor aber der Bauer ja sagen konnte, wehrte seine Schwester kurz, fast barsch ab. Sie habe keine Zeit, länger dazubleiben. Sie müsse noch nach Sinswangen hinüber, eines Fetzens Wald wegen. Deswegen habe sie ja ihr Wägelchen im Dorf unten 130 gelassen, weil sie schon gewußt habe, daß man sonst nicht so schnell wegkäme.

So fand sich der Hansbaschi Hochrütiner, der seine Schwester ja zu kennen meinte, rasch damit ab und das Seppeli nahm gar sänftiglich, mit einem scheuen, fast furchtsamen Blick auf des Bauers Schwester, die ihm wie eine Festung mit Vorwerken auf ihre Stabelle hingebaut erschien, die Türe zu.

»Gut, das wäre also abgemacht. Ich werde dir die junge Witfrau, bei der natürlich wie beim Barometer, wenn man heuen möchte, angeklöpfelt worden ist, auf Rain zum Anschauen und ins Examen schicken. Du hast dann immer noch die Wahl. Dieses Apelluneli hat sich brav eingestellt, denn ich habe ihr das Gewerbe auf Rain nach allen Enden dargetan und wie das eine anspruchsvolle, ja fast verleiderische Aufgabe sei, einem Heimwesen von diesem Umfange und dieser Arbeit mehr oder weniger vorzustehen. Ich hab ihr's gehörig übertrieben und schier einen Kreuzweg draus gemacht.«

»Du bist wohl nicht gescheit«, machte der Hansbaschi verwundert.

»Meinst du? Ich kenne eben die Sorte Weibervolks und weiß, was der Ehrgeiz allenfalls bei ihr zuweg bringen kann und wie es sie treibt, sich nun erst recht ans Unmögliche hinzumachen und zu zeigen, was so ein Weiblein vermag, von dem man meinen 131 könnte, die drei Jahre Stadt und die Gescheitheiten, die sie da einzupacken bekam und der vollere Schulsack hätten ihr für das Umtun auf der Bauersame und mit der Bauersame den Sinn und die Beine genommen. Und siehst du, Großer, sie ist mir auch an den Speck gegangen. Sie hat gar nicht nein gesagt, im Gegenteil, sie hat gesagt, man könne ja drüber denken und allenfalls werde das Nachsehen nicht alles kosten. Ich möge ihr nur wieder berichten. Und nun, Hansbaschi, solltest du's mit ihr probieren. Auf wen wartest du noch? Red, brauchst du eine auf und für den Hof oder brauchst du keine?«

»Ja, ja am End, 's ist wahr. Hab's ja selber gesagt, ich muß ein Weibervolk haben, das meiner Sache vorstehen kann, im Haus, in der Küchenwirtschaft, das mir aber auch allenorts etwa zuhanden geht und eine härtere Nuß ein wenig entkernen hilft. Eine, die zum rechten schaut rundum im Hof. Und bald muß ich eine solche haben. Schick also dein Wundertierlein nur hinauf, so kann man sich's ansehen und herauszubekommen suchen, ob man zueinander paßt und so sich einigen könnte.«

»Ich habe dir nur noch sagen wollen, Bruder, daß auch der Lange, unser Hänsel, der ja auch weiß, was es auf unserm Hof braucht und der Augen fürs Weibervolk hat, wie selten einer, wenn er schon so an ihm vorbeischielt und etwa tut, als ob er da das 132 Einernten andern überlasse, dir zu wissen tun läßt, daß ihm diese kleine, umtunliche Witfrau einen schauerlich guten Eindruck mache. Er wohne ihr ja ganz nahe und könne ihr in den Laden und sie selber all und einen Tag an der Arbeit sehen. Die wäre für dich eine wie vom Himmel gefallen, Hansbaschi, meint er.« Sie lachte kurz auf. »Er hat gesagt, wenn man das Weibervolk an den Hag bringen und an Ausstellungen in jeder Richtung prämiieren würde, wie es sich eigentlich gehörte, so wüßte er wohl, wer ein erstklassiges Schildlein, nein das erstklassigste, vor den Kopf bekäme, falls er Preisrichter sein könnte. Aber den Torenbuben da zu Bern oben auf ihren grünen Sesseln komme ja etwas derartig Vernünftiges gar nicht in den Sinn. Also wie gesagt, der Hänsel rühmt dieses Frauchen noch ärger als er die Silberstrecker von der Steuerkommission in den Grunderdsboden hinein verflucht. Ich will sie dir demnach gelegentlich hinaufschicken auf Rain. Was sagst, Großer?«

»Heja, das kannst du ja machen.«

»Und jetzt«, sagte sie, sich erhebend, »muß ich mich befleißen, wieder wegzukommen. Zürn's nicht, Bruder, aber ich hab's ja schon gesagt, ich hab noch anderwärts zu tun. Es war mir nur, ich dürfe dir nicht vor etwas sein oder etwas hintanhalten, was für dich und deinen Hof eine gute Schickung bedeuten könnte.«

133 Wie sie nun mitsammen in die große Wohnstube kamen, sahen sie durch die besonnten Fenster eben, wie das Saubethli aus dem Schweinestall heraus und geradeswegs ihrem Bruder Ludi in die weitausgebreiteten Arme hinein schoß. Und sie konnten auch sehen, wie sich die glühende junge Magd wütend wieder losriß und, etwas von zweibeinigen Säuen lärmend, im nahen Kuhgaden, verfolgt vom kläffenden Köter des Chemifegers, verschwand.

Überrascht schritten nun der Bauer auf Rain und seine Schwester Brigitt aus dem Haus, über die steinerne Vortreppe hinunter und aber bedächtigen Ganges auf die Scheune zu.

Immer noch stand der Ludi davor, seinem Hund pfeifend, der geduckt, fast kriechend, auf ihn zuhielt. »Wie kann sich ein Hund von so hochnobler Abkunft so schlecht benehmen und stallrüchigem Weibervolk nachlaufen,« herrschte er seinen Fliegenschnapper mit versumpfter Stimme, aber gut gespielter Entrüstung an, »ein Eiszeithund wie du, ein Genosse der Pfahlbauer, schäme dich!«

Und der Fliegenschnapper schien sich auch bis ins innerste hinein zu schämen, denn er machte sich nun völlig bäuchlings zu seinem auf nicht ganz sichern Beinen stehenden Herrn heran und es sah ganz aus, als wolle er sich vor ihm wie ein Maulwurf in den Erdboden hinein verkriechen. Wie ihm der Chemifeger 134 aber herablassend mit der Hand über den Pelz von nicht wiederzugebenden Farben strich, sprang er ihm über den Kopf, ihn fast umwerfend, und brach in ein Berg und Tal erfüllendes Freudengeheul aus.

»Ja, was ist's denn mit dir, Ludi«, sagte der Rainler jetzt, mit seiner Schwester auf den vor der Saugadentüre stehenden Bruder zuschreitend, »was hast du denn heute schon wieder auf Rain zu suchen? Bist ja vor vierzehn Tagen dagewesen. Nicht, daß ich dich etwa von deinem Vaterhause abhalten möchte, Gott bewahre, aber du kommst ja doch nie der Familie wegen, sondern nur wenn's bei dir irgendwie und irgendwo ein Loch zu stopfen gibt, aber nicht in den Strümpfen. Nun, gleichwohl sei mir willkommen, was hast du heute?«

»Nein, Bruderherz«, antwortete der andere, gar nicht beleidigt, hochwichtig, »heute komme ich einmal in einer Sache, die dich und dein Gewerbe angeht. Ja, beigott, es liegt mir mehr an dir und deinem Rainhof als du meinst. Du siehst mich immer für einen Hiobsboten an oder gar für einen, der dich in brüderlicher Liebe plündern möchte, aber heute bringe ich dir gute Kunde. Nämlich, ich habe da von der Brigitt vernommen, daß du eine Haushälterin brauchen könntest, weil die Zille im Spital es, scheint's, nicht mehr lange macht. Deswegen bin ich nun heute expreß dahinaufgestiegen, obwohl die Wirte in 135 Ruslangen und die Kunden in der Stadt am See schon lange auf mich und meine Weine warten. Meinetwegen mögen sie verdursten; zuerst kommt der Bruder, der wartet auch, wenn auch nicht auf meine Weinkarte. Also Großer, paß auf, ich weiß dir eine!«

»So, so«, machte der Rainler, »du weißt mir eine. Schau, Ludi, die Schwester steht ja da bei mir und die weiß mir auch eine und ist wie du extra deswegen zu mir auf Rain gekommen. Da hab ich ja vielleicht die Person, die du mir antragen willst, gar nicht mehr notwendig und mehr als eine wäre mir zuviel. Es wundert mich aber doch, was du auf deinen Umzügen um die Kundschaft des ganzen Vierländergebietes für eine auf meinen Hof ausgelesen haben könntest. Muß ja eine wahre Hexenmeisterin herausschauen, wenn man so weit herum die Wahl hat. Außerdem, auch ein Einäugiger kann ein Goldstück finden.«

»Du magst jetzt über das ganze Gesicht oder nur so plätzeweise über mich lachen,« sagte, seine schmutzige Sportmütze abnehmend und also seine verlebten Züge ans volle Licht rückend, der Chemifeger, »es ist eben doch wahr, daß ich dir eine Haushälterin, eine Stubenmagd, auf den Rainhof wüßte, wie es sie weder hierlands, noch bei den Zwergen hinter den sieben Bergen ein zweitesmal gibt. Und daß du's gleich weißt, sie hat's im Kopf noch mehr als in den Armen, sogar klavierspielen kann sie.«

136 »Ja, Ludi, was das Klavierspiel anbelangt,« meinte der Bauer, »so kann mir das nicht die Hauptsache sein, das wird dir bekannt sein. Wir haben hier mit andern Instrumenten zu werken, nicht bloß zu spielen. Immerhin hab ich's nicht ungern und das wißt ihr eben auch, wenn jemand Freude an der Musik hat und noch an diesem oder jenem, was ins Geistige geht, wenn ich mich deswegen dran auch nicht zum Hansnarren mache. Also du kannst am End auch das Schlooapelluneli in der Molkerei da unten meinen, das Witfrauchen, das drei Jahre in die Stadt verheiratet war.«

»Ja, beim Eid«, rief mit gutgespieltem Erstaunen der Chemifeger aus, »grad die meine ich. He, 's Kuckucks doch auch, wie kommst du denn auf sie? Da wäre mir doch eher der Tod in den Sinn gekommen, als daß du auf deinem Rain, der so weit über alles hinwegsieht, auf das kleine Ding da in der Molkerei kämest. Hast ja die kleine Witfrau allweg noch gar nie erblickt.«

»Du Löffel«, warf seine Schwester Brigitt mit steinpickelharter Stimme ein, »das ist ja eben die, das Apelluneli aus dem Schloo, die ich ihm angeraten habe.«

Einen Augenblick glotzte der Ludi die Holzhändlerin nur so an, wie ein gestochener Bock, alsdann setzte er seine Mütze, die so recht den Lumpen 137 vollendete und war wie das Tüpflein aufs i, wieder auf und machte in heuchlerischer Benommenheit, fast niedergeschlagen: »Ja so, den Weg, Brigitt, du hast also dem Großen diese Perle schon vorgezeigt und mir sozusagen den Finderlohn vorweggenommen. Ah, ah, ah! Nun«, rief er, rasch sich gebend, aus: »Ich mag dir die kleine Witfrau gönnen, Hansbaschi!« Er nahm flink des Bruders Hand, und sie innigst drückend und zu ihm aus verschwommenen Augen so treuherzig als ihm noch möglich aufschauend, sagte er: »Du verdienst ja eine zuverlässige Hand und dazu eine, die allenfalls auch noch warm gibt und einem nicht die Haare stellt vor Schaudern wie eine alte Kröte, die man beim Fröschnen unter einem Torfgrabenbord hervorzieht. Man kennt übrigens diese Bauerntochter aus dem Schloo noch weit über den Rotenbach hinaus als eine erstklassige Zahl. So bist du mir jetzt zuvorgekommen, Schwester,« wandte er sich an die Holzhändlerin, da ihm sein Bruder die Hand fast unwillig entzog. »Ja, in Gottesnamen. Die Hauptsache ist, daß wir dem Hansbaschi eine wissen, für die er uns noch dankschuldig wird. Dixi

Die Brigitt Anderbalm aus der Wydlen blieb still und sah ihren herabgekommenen Bruder, der immer noch in dem geschenkten, freilich arg fadenscheinigen Gewand ihres Mannes, aber in einem Paar hellbrauner Halbschuhe herumreiste, aus kugelrunden, 138 großen und übermäßig glänzenden Augen an, etwa wie eine Nachteule einen jämmerlichen Hasen.

Nein, der Bauer auf Rain beachtete das kurze Spiel der schwesterlichen und brüderlichen Augen nicht im mindesten. Er nahm all ihr Gerede, seinem geraden, lautern Wesen gemäß, für, wenn auch nicht herzlich, so doch gut gemeint. Immerhin sagte er jetzt, er gedenke es allenfalls mit dieser in mehr als einer Richtung bäuerisch und städtisch geschulten Witfrau zu versuchen. Mit dem Lob, das man ihr zum voraus erteilt habe, wolle er's vorläufig halten wie mit allen Übertreibungen, die ihm zu Gehör kommen, er wolle 50 Prozent davon abziehen. Es könne ja dann immer noch Annehmbares und Gutes genug verbleiben. Eine Katze im Sack kaufe er halt auch niemandem, auch seinen Geschwistern nicht ab. Wenn er schon erst ausgangs der vierziger Jahre sei, habe er doch oft genug schon die Erfahrung machen müssen, daß nicht allein die Äpfel, sondern auch die guten Räte wurmstichig sein und unverschämt und gottlos abfärben können. »Gut denn«, sagte er, »ich danke allerseits. Ob ich diese Person anstelle oder nicht«, wandte er sich zu seinem Bruder, »du sollst heute doch ein kleines Draufgeld auf den Handel haben, denn umsonst mußt du mir nicht daheraufgestiegen sein und den Dolmetscher gemacht haben. Ich weiß ja wie streng dir das Obsichgehen wird, wie sehr du die 139 bequemen Straßen liebst und daß du am liebsten im Auto um deine Kunden und dann aber gleich bis nach Paris hinein reisen würdest.«

»Bene, optime, Bruderherz!« rief der Ludi aus, »jetzt hast du den Nagel zu deines Vaters Sarg auf den Kopf getroffen. Des Morgens bei dem Branntwein, des Mittags bei dem Bier, des Abends bei . . .« er lachte auf. »Also verschaff mir nur die Moneten, Hansbaschi, das Auto werde ich dann noch rascher haben als du den maschinellen Zugochsen für deinen Pflug, von dem du immer redest und welcher moderne Apparatus dich in Hinsicht auf den Vögi und den Griß immer wieder reut. Ich, wenn ich an deiner Stelle hieroben bauern könnte . . .«

»Ja, weiß schon«, machte kurz der Bauer, »das gäbe eine schöne moderne Landwirtschaft, aber«, redete er weiter in das Auflachen des andern, »es fällt mir eben ein, Ludi, wenn du doch zu mir hast wollen, was ist dir denn in den Sinn gekommen, daß du da vor die Stalltüre zu den Säuen auf Dorf gegangen bist? Hast etwa«, er sah recht verstimmt dem Chemifeger auf die schiefsitzende Dächleinmütze, »das Saubethli zuerst anfragen wollen, ob ihm allenfalls die neue Wirtschafterin, die du meinst, auch passe. Und sag, warum ist denn das junge, aber doch recht handfeste Geschöpf so im Galopp ausgerückt und von dir auf und davon?«

140 »Ja«, sagte die Holzhändlerin, »bist doch immer noch der gleiche Maitlischmecker. Ist kein Rock vor dir sicher, auch wenn er nicht nur mit Männertreu, sondern sogar mit Saustallbeize gegen Motten geschützt wäre. Es ist einmal wahr, du hast immer gewußt, wo in Haus und Stall etwas Junges zu finden sei. He«, lachte sie kurz auf, »aber damals bist du eben selber noch jung und wie die Weidenrute, aus der man Maienpfeifen dreht, auch noch vollsaftig gewesen. Jetzt sieht's anders aus mit dir, Ludi, obwohl du jetzt in den sogenannten besten Jahren stehst. Das Traurige für dich ist nur, daß du deinen Jahrgängen noch weit vorausgelaufen bist, um ja vor andern Leuten alle kurzweiligen Gelegenheiten, die am Weg warten, profitieren zu können. Du hast dir aber bei dieser Hatz nach den Freuden zu zweit den Fuß wüst verstaucht und mußt nun heute erleben, daß jedes Saubethli vor dir das Kreuz macht und einen Galopp, aber nicht zum Tanz, anschlägt. Warum? Es schaut dir aufs Maul und findet die Zähne abgeschoben und faul.«

»Liebe, teure Schwester,« antwortete der Chemifeger, mit einem widerlichen Lächeln, das ihm nur so aus den Augen zu hängen schien, wie der Schleim von einer flackernden Unschlittkerze, »ich habe zwar nicht gewußt, daß du so gut predigen kannst. Hingegen, wenn ich dich jetzt so betrachte, so kann ich nur 141 sagen, daß du eine Kanzel prächtig ausfüllen tätest. Trotz deinem moralischen Zustupf kann ich aber, wenigstens heute – den morgigen und die folgenden Tage behalte ich mich vor – nicht sagen: Pater peccavi! Ich kann dir aber immerhin diesen Text für deine nächste Predigt empfehlen, nur mit der kleinen Änderung, daß es da heißen dürfte: Mater peccavi! Nämlich, Frau Schwester, ich bin deswegen zum Schweinestall hingewalzt, weil darin ein großes Geschrei gewesen ist; 's war grad so, als wollte jemand das Saubethli umbringen. Und so habe ich, als ein Christenmensch, nachsehen wollen, was in Bethli's Parfümbüchse los sei, schon aus purer Ritterlichkeit; man ist doch ab Rain. Und nun«, er stieß die Gadentüre auf, »komm heraus, mein lieber, junger Vettermann, Sohn meiner gestrengen Schwester vom Rotenbach und zeige dich! Man ist ja auch einmal jung gewesen und wie! immerhin, mein guter Junge und angehender Vaterlandsverteidiger, den Torenbuben an deiner Stelle mag ich heute nicht machen.« Und als sich im Stall nichts regte, rief er lauter: »Komm nur herzhaft heraus, man wird dich nicht fressen!«

So zeigte sich denn in der Dämmerung des Schweinestalls ein Schatten und miteinemmale wurde draus der Ferdi, der Holzhändlerin junger Sohn. Er war rot über und über. Eine seiner Backen schrie geradezu fürjo.

»So«, machte er aber ziemlich keck, »da bin ich. 142 Was gibt's denn? Ich habe nur des Vetters Säue ein wenig angeschaut.«

Der Chemifeger lachte dreckig.

Der Bauer auf Rain sagte nichts, schaute aber ziemlich ernst auf seinen Neffen, dem er sonst wohl gewogen war. Auch die Holzhändlerin redete kein Sterbenswörtlein. Sie faßte kurzerhand ihren Sohn am Kittel, zog ihn völlig ans Licht des Tages und dann erst sprach sie kalt und ohne das mindeste Anzeichen von Aufregung: »Komm, du Lappi! Hast's jedenfalls gescheit angestellt, daß das dumme Babi so ein Geschrei gemacht hat.« Und als der Ferdi, der eben auch etwas von der mütterlichen Art an sich haben mochte, ihr widerstrebte, setzte sie höhnisch bei: »Willst etwa dein Ehrenzeichen auf der linksseitigen Backe noch lange ausstellen?«

Jetzt ließ er sich von der hochgebauten, noch vollkräftigen Mutter zuhanden nehmen und nach kurzem Abschied machten sie sich miteinander bedächtig und schweigend rainab, gen Bohlishusen zu.

Als sie aber unten beim steinernen Wegkreuz, das der Hansbaschi Hochrütiner zum Andenken an seinen Vater vor Jahren hatte aufrichten lassen, einen Augenblick nachher vorbeigingen, rief ihnen der Bauer auf Rain nach, man solle also nicht vergessen, ihm die Witfrau aus der Molkerei gelegentlich, und zwar bald einmal zuzuschicken.

143 Darnach machte sich der Rainler mit seinem Bruder Ludi ins Haus hinüber. Er wollte diesen doch nicht weggehen lassen, ohne ihm ein Gläschen Schnaps vom alten eigenen Kirsch und ein paar Silberlinge zugehalten zu haben.

Wie die Brüder drin im Hause waren, streckte sich des Chemifegers Hund, der Fliegenschnapper, so lang er war und mit aller Selbstverständlichkeit auf der steinernen Vortreppe vor der Haustüre aus, als ob er hier seit Pfahlbauzeiten gelegen hätte. Das brachte aber den Barri vor der Scheune so auf, daß er aufsprang. Seine Kette rasselte und, drohend zur Stiege hinüberschauend, ließ er den Donner seiner Stimme umgehen.

Jetzt spielte aber der Fliegenschnapper, wie vordem der Bernhardiner ihm gegenüber, den Gleichgültigen, ja Verachtungsträchtigen. Sehr zufrieden mit dem Posten, den er nun einnahm, bettete er gar seine häßliche, schwarzgelbe, triefende Schnauze auf die ausgestreckten Vorderpfoten und schien sich also ganz für ein Mittagsschläfchen einrichten zu wollen. Er schloß, behaglich schnaufend, die Augen, aber immer etwa wieder öffnete er sie ein wenig, hinüberschielend zur Scheune, wo sich der Barri immer noch nicht zufrieden geben wollte. Man kann ja nicht wissen, ging's dem Fliegenschnapper durch seinen vielrassigen Schädel, ob mit dieser Kette neben der Roßstalltüre alles stimmt. 144 Es schien immerhin ratsam, sich nicht zu sorglos des Schlafes zu befleißen, man tat wohl am besten, sich für alle Fälle fluchtfertig zu halten, denn wenn dieser Hofhund loskommen sollte . . . Nein, das wagte der Fliegenschnapper nicht auszudenken. Es wäre zu gräßlich. Auf seine Beine meinte er sich zwar so ziemlich verlassen zu können. Wie oft schon war er verfolgt worden, aber immer noch war er mit Glimpf davongekommen. Nein, so recht geruhsam ließ es sich auf dieser Vortreppe nicht liegen. Immer wieder versuchten es die Schmeißfliegen, die wohl vom Miststock herkamen, ihm in die Wolfsohren zu schlüpfen, obwohl er wie ein Drache nach ihnen schnappte. Sie schienen es wie auf ihn abgesehen zu haben. Das mochte wohl daher kommen, daß sie ihn auch für etwas Mistartiges hielten. Nein, man konnte nicht einen Augenblick sich so recht hundefaul verstrecken. Da waren ja auch die Flöhe, die einen quälten und die gar nicht gewillt schienen, das Mittagsschläfchen mit einem zu teilen. Und dann eben dieser großartige, eingebildete Bernhardiner, der nicht zu donnern aufhören wollte. Nun, mochte er sich heiser bellen, am End wird ihn seine schwere Kette doch niemals freigeben.

So machte sich's denn der pfahlbauzeitliche Sennenhund immer bequemer. Er streckte sich und bohrte die Schnauze zwischen die Pfoten. Es schien doch für ein Schläfchen zu langen.

145 Als aber auf einmal irgendwo ein anhaltendes Gegrunze war und als nun aus dem offenstehenden Saugaden ein elf Vierling dickes, martinifertiges Mutterschwein in den Tag hinaus wackelte und sich sogleich zum gewaltigen, hochgeschichteten Misthaufen machte, sprang der Fliegenschnapper blitzgeschwind auf und schoß flugs die Treppe hinab und auf die gewichtige Sau los, die einen ganzen Winter voll saftigen Schweinefleisches auf sich trug. Bevor aber das gute, doch ziemlich unbeholfene Geschöpf, das so ungeahnt die Freiheit gewonnen hatte, in den so anzüglichen Jauchelachen um den gezupften Miststock zum Baden kam oder gar sich drin seinen Gelüsten gemäß herumwälzen konnte, sprang es dieser Fliegenschnapper aufs rücksichtsloseste an, wodurch des Schweines Hoffnungen auf ein nachmittägliches Sichauslebenkönnen im moorbraunen Geschwemme um den riesigen Düngerhaufen schnöde vernichtet wurden. Immer wieder, wenn die Sau, genußsüchtig grunzend, die verschiedenen Jauchepfützen, die in der Sonne ganz nett Spiegelein spielten, auszuwittern, ja zu durchflotschen begann, kniff sie dieser hinterhältige Hund ins Bein, ja sogar in die, von jedermann so hochgeschätzte, wohlgepolsterte Sitzgelegenheit. Was die Sau aber am meisten ärgerte, war des Fliegenschnappers unaufhörliches Schnappen nach ihrem Ringelschwänzchen, denn er begnügte sich nicht damit, 146 sie immer daran zu zupfen und zu zerren, er fing sogar an, sich daran zu hängen und also herumschleifen zu lassen. Diese Unverschämtheit brachte sie also in die Sätze, daß sie aufschrie. Es war zu empörend von diesem zusammengesetzten Scheusal von einem bellenden Wesen, von dem man nicht wußte, wohin man es in der Naturgeschichte einzureihen hätte, während doch die Schweine noch genau so rassenecht waren, wie sie einst aus der Arche kamen. Das mochte der Sau durch den Kopf gehen. Auch in die Hühner war der Schreck gefahren und alsdann eine heilige Entrüstung, die sie jetzt an allen Ecken und Enden hinausgackerten. Der Gockel, der nun, auf dem Brunnenstock stehend, aus allen Kräften in die Welt hinauskrähte, war völlig wütend auf diesen elenden Hund, denn fast wäre er wegen ihm auf der Flucht im Brunnentrog ertrunken.

Wohl hörte die geplagte Sau jetzt den Barri, der sich sonst aus den Schweinen nicht das mindeste machte, wie rasend an der Kette reißen; aber das konnte ihr ja doch nichts helfen. Obwohl sie sich vor Pein und Wut, trotz ihrer, alle Seiltänzerstücklein verbietenden Fülle, allmählich wie ein Kreisel umzudrehen anfing und dazu mordio schrie, wollte der Fliegenschnapper, den dieses Spiel mit der lebendigen Riesenkugel außerordentlich entzückte, nicht von ihr ablassen.

Jetzt aber kam sein Verhängnis. Die Kuhstalltüre sprang auf, und heraus flog das flachsschopfige 147 Saubethli. Mit gefälltem Birkenbesen und blauen Blitzen in den Augen schoß es auf den Pfahlbauhund los und begann ihm sein langhaariges und verpapptes Fell aufs angelegentlichste zu strählen und abzuklopfen, also daß er schmerzgeprüft aufheulte und hart an Barri vorbei, der ihn noch in den buschigen Schwanz zu kneifen vermochte, in tollen Ängsten in ein offenes Tenntor hineinraste, um sich so schnell als möglich und wo immer es sei, vor der blonden Furie zu verbergen.

Das Bethli folgte ihm aber keineswegs. Es machte sich hinter das befreite Schwein. »Hätte mich nicht der Holzhändlerin ihr Ferdi um den Hals genommen und mit mir im Stall ein Schwingfest abhalten wollen, wärst du mir nicht ausgekommen, Dicke«, sagte sie gar laut zu dem höchstverdrossenen Mutterschwein, es mit ihrem Besen zur Scheune treibend. »Es ist dir recht geschehen, daß dieser Sauhund hinter dich geraten ist. Hoß, hoß, hoß!«

Damit stüpfte die junge, von allerlei Aufregung rauchende Magd ihr durchgegangenes Schwein wieder in den Saustall zurück, während des Ludis Hund in tausend Ängsten, gräßlich heulend, dem flinken, dielenfesten Melker Wysel und der ebenso baumstarken Karline, der Viehmagd, die zusammen in der Tenne eben ein Schaf schoren, in die rauhen Hände hineinrannte.

Nach einer geraumen Weile – es war allmählich zwischen Haus und Stall wieder still geworden, und 148 nur der Bernhardiner schaute von Zeit zu Zeit dräuend auf das Tenntor, – trat der Bauer Hansbaschi Hochrütiner mit seinem liederlichen Bruder, mit dem Chemifeger, auf die Vortreppe heraus.

Der Ludi schien guter Dinge zu sein und die Welt für eine in jeder Hinsicht wohlgeratene Einrichtung zu nehmen. Seine Augen waren gelächerig wie schleimiger Froschlaich, und immer wieder drückte er seinem, ihn ziemlich überhöhenden Bruder die Hand zum Abschied. Es schien ihm in der Wohnstube auf Rain nicht übel, sogar recht gut ergangen zu sein.

Wie er aber jetzt Miene machte, die steinerne Stiege hinabzusteigen, ging eine Tür am Tenntor, die halb offen stand, ganz auf, und nun lief mit eingekniffener, langhaariger Rute der Fliegenschnapper in den sonnigen Tag hinaus. Sich ängstlich und scheu, besonders nach Barri umsehend, wand er sich, keineswegs weidlich, zu seinem Herrn auf die Vortreppe des Rainhauses hin.

Aber wie sah er nun aus! Als ein über und über langbehaarter Pfahlbauhund war er in die Tenne hineingerast, und nun schlich er als ein verkehrter Löwe, die vordere Hälfte seines länglichen Leibes glatt abgeschoren bis auf die Iltisschnauze und die Wolfsohren, hochträchtig an Scham und Schande, zu seinem verwunderten Herrn hin. Wahrhaftig, man mußte ihn in der Scheune so zugerichtet haben.

Etwas überrascht, ja ungehalten, schaute der Bauer 149 auf das so arg verwandelte Tier, das sich jetzt, wenigstens hinterhalb, löwenmäßig gab und vorne aber so ganz unbestimmbar aussah. Es sah teilweise aus, als sei der Fliegenschnapper von seinen Flohherden rattenkahl abgeweidet worden. Jetzt fiel's dem Rainler ein, daß der Melker und die Viehmagd eine kleine Schafschur in der Tenne hatten. Während er nun, gern oder ungern, beim Anblick des näher rückenden Hundes über das ganze Gesicht aufhellen lassen mußte, brach der Ludi, der erst völlig paff auf seinen vierfüßigen Kameraden geglotzt hatte, in ein brüllendes Gelächter aus. Wie ein Kind schien er sich der Verwandlung seines Lieblings zu freuen. Er konnte nicht aufhören, ihn zu bewundern und über ihn immer wieder eine Lachsalve nach der andern loszulassen. Das aber kränkte den Fliegenschnapper ersichtlich, und als er sich an seinem Herrn vorbeigedrückt und unter die steinerne Stiege in einen Winkel hineingehöckt hatte, schielte er mit bösen Augen zum Bernhardiner hin, der ihn aber jetzt keines Blickes würdigte. Nur widerwillig ließ er sich von seinem Meister hervorziehen. Es brauchte gar viel Liebkosungen und Streicheln, sowohl über den behaarten als auch den aalglatten Hund, um ihn wieder einigermaßen lebendig zu machen. Jetzt aber war er doch wieder so weit, daß er zwischen seines Herrn Knien voll heißen Hasses zu Barri hinüberknurrte.

Als nun auch das Saubethli und der Kuhhirt 150 Oswald mit einem Handknaben dazukamen, den Fliegenschnapper in seiner neuen Uniform einläßlich zu betrachten, zu begutachten und von Herzen zu verlachen, wurde er ganz wild und begann zu bellen und ins Blaue hinein zu schnappen.

»So«, sagte der Bauer auf Rain, »jetzt fahr ab, Ludi, mit deinem verkehrten Löwen; wir haben ihn uns ja jetzt ausgiebig ansehen können. Kannst nun an der Kirchweih zu Bohlishusen unten und der Enden eine Bude aufschlagen und deinen Hund, oder was es ist, für Geld sehen lassen. Es möchte ein Geschäft werden weit über die Provisionen deiner Weinreisen. Leb wohl und komm gut heim, und wenn's sein kann, heute noch. Es will mir nun doch scheinen«, setzte er halblaut hinzu, »ich hätte dir die zwei Gläschen Kirsch nicht einschenken sollen. Dieser Kirschgeist hat schon zu viel andersfarbige und gewiß weit unter ihm stehende geistige Kameradschaft in deinem Gießfaß drin angetroffen, vielteurer Bruder. Ich hätte nicht noch Öl ins Feuer schütten sollen. Schau, es reut mich. Da rede ich dir immer wieder zu, ein Mensch zu werden, der ans Zeitliche und ans Ewige erst recht denken sollte, und handkehrum bin ich Narrs genug, dir ein Gläschen nicht absein zu können. Künftig . . .«

»Also auf Wiedersehen, Großer, und vergelt's Gott für die Silberlinge! Ich bin ja, das muß ich doch immer wieder sagen, bei der Teilung von Vaters Sache 151 auch nicht ungrad gewesen. Aber davon will ich weiter nicht reden. Es hat keinen Wert, und es kauft mir doch die Jahre nicht zurück, die ich hab zuschauen müssen, wie andere feiß essen. Also das Apelluneli aus der Molkerei wollen wir dir schon hinaufschicken, das soll nicht fehlen, und wenn ich allenfalls wieder etwas brauche, denn das Geld fühlt sich bei mir nicht heimisch, mihi est propositum in mundo...«

»Fahr ab, Ludi!« machte der Bauer.

Da wurde der Chemifeger seines halbgeschorenen Hundes wieder gewahr. Aufs neue lachte er auf wie ein verrücktes Roß. Nein, das war doch gewiß zum Auseinanderfallen lustig. Ei, oho, das mußte das ganze Dorf da unten, ja sämtliche Weinkunden landauf, landab sollten seinen nun so hochinteressanten Hund zu sehen bekommen.

»Weißt du was, Hansbaschi«, rief er aus. »Der Fliegenschnapper muß mir bei meiner Kundschaft Reklame für meine Weine machen. Er sieht jetzt aus wie Fausts verwunschener Pudel, wenn du schon von jenem Wundertier gehört haben solltest, nur daß er nicht anschwellen und mich zu Geld und zu jungem Weibervolk bringen kann. Übrigens könntest du mir auch wieder einmal ein Faß Tiroler abnehmen. Ein exquisites Weinlein, sag ich dir, ein Tropfen, wie von der Riesentraube des Josua und Kaleb abgefallen. Die Chemiedoktoren der ganzen Schweiz haben ihm 152 die Analyse gemacht, und das Weinlein ist reiner befunden worden als das Blut eines angehenden Jüngferchens, das noch nicht weiß, woher die Kindlein kommen. Schau, Hansbaschi, weil du mein Bruder bist, lasse ich dir dieses honette Weinlein . . .«

Nein, der Bruder war nicht mehr vorhanden. Er mußte sich während des Lobgesanges Ludis auf seinen Wein ins Haus hineingemacht haben.

Das stieß aber dem Chemifeger weder sauer noch süß auf; er lachte nochmals eine Scholle über seinen verflossenen urzeitlichen Sennenhund hinweg, der ja jetzt ein umgekehrter Löwe war. Und ihn in der verbliebenen rückenbezüglichen Mähne kraulend, torkelte er, ein Liedchen summend, das noch zottiger war als sein Hund, hinterwärts, rainab, Bohlishusen zu.

Lachend und allerlei anzügliche Reden tauschend, schauten ihnen Magd und Knecht nach. Der Melker Wysel und die Viehmagd Karline hatten sich jetzt auch aus der Tenne gewagt, und auch die Putzerin Theres guckte mit der Köchin Kresenz durch ein Küchenfenster, während das Seppeli, ein Körbchen am Arm, eben aus dem Hause trat und verwundert auf der Vortreppe stehend, zu den rainabschauenden Dienstleuten hinübersah.

»Nein, wie doch dieser Chemifeger mit seiner linkshäldigen, schiefsitzenden Mütze und sein Hund zusammenpassen!« rief mit heller, fast schriller Stimme das 153 Saubethli aus. »Der Ludi müßte jetzt mit seinem schlappen Schädel nur noch wedeln können, so wie der Fliegenschnapper. Und dabei ist dieser Weinschluck des Meisters Bruder. Kein Mensch würde es glauben, stände es nicht im Taufbuch. Man muß sich, beigott, für unsern Bauern schämen.«

»Und doch bist du dem Ludi in die offenen Arme hineingefahren«, machte neckisch die Viehmagd. »Ich und der Wysel haben es ja auf dem ersten Platz in der offenen Tenne wohl sehen können.«

Das Bethli wußte erst nicht was sagen, so war's über diesen unerwarteten Anwurf verblüfft. Dann aber lärmte es aus blutroter Aufregung heraus: »Du weißt wohl, wie's war. Schau du übrigens nur für dich und für den Wysel, der sich so gut aufs Schafscheren versteht, besonders wenn du dabei bist!«

Alle lachten auf, auch das Seppeli vor der Haustüre, ohne zu wissen warum. Als aber die Karline mit einer gesalzenen und gepfefferten Antwort ausrücken wollte, sagte der Küher Oswald, mit dem Eimer am Arm in die Kuhstalltüre tretend: »Komm, Wysel! Man kann, denk ich, bald einmal melken«, und halblaut setzte er hinzu: »Der Hansuoli!«

Richtig, man sah den alten Hansuoli, der vom Raingütsch herabgekommen sein mochte, auf den Hof zu hinken.

»Heja«, machte brummig der Wysel, den roten Kopf 154 nur ungern dem herantrampenden Meisterknecht zuwendend, »wir können den alten Herumkeucher ja schon selber sehen, wenn wir wollen. Es braucht für das keiner die Elster im Wald zu spielen und zu warnen. Wir merken den Alten lang bevor er uns.« Er lachte in sich hinein. »Der Karlima hat es gestern gesagt, als ich mit ihm hinter dem Gütsch Mist ausführte, der Hansuoli werde immer übelhöriger. Er müsse sich immer mehr anstrengen mit Fluchen, bis es auch der Alte zu hören vermöge.«

Ein Gelächter ging um, aus dem heraus des Saubethlis Stimme geradezu jodelte.

»Es mag etwas dran sein«, meinte Oswald, der Kuhhirt, den braunkrausen Vollbart dem Melker zuwendend; aber einstweilen muß ihm halt der Karrer und du und ich, und andre auch, doch noch parieren.«

Niemand hatte drauf eine Antwort. Schweigend, aber sehr gemächlich, verzogen sich alle irgendwie abseits an ihre Arbeit.

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