Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Meinrad Lienert >

Das Glöcklein auf Rain

Meinrad Lienert: Das Glöcklein auf Rain - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Glöcklein auf Rain
authorMeinrad Lienert
year1933
firstpub1933
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld / Leipzig
titleDas Glöcklein auf Rain
pages367
created20100416
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

II.

Die Trauergäste auf Rain hatten sich alle verlaufen, nur der Chemifeger, der Ludi Hochrütiner, stand noch zwischen der Haberkiste und der Häckselmaschine unter dem mächtigen Schirm des Scheunenvordaches und hetzte seinen Köter, den Fliegenschnapper, der aus einer Kreuzung zwischen einem Appenzeller Sennenhund und einer Hyäne hervorgegangen zu sein schien, auf den großen weißroten Bernhardiner. Er war wütend, daß es dieser ablehnte, mit seinem Hund, dessen Stammbaum doch bis in die Pfahlbauzeiten zurückreichen sollte, schön zu tun und gar sich von ihm beschnuppern zu lassen. So unablässig aber der Urhund auf den Bernhardiner, der natürlich Barri hieß, losbellte, half ihm das doch gar nichts. Der edle Hofwächter schaute immerzu über ihn hinweg ins Feld hinaus. Nein, das war doch zum wild werden. Der Ludi fühlte sich einfach irgendwie von dem Rassentier von St. Bernhard mitverachtet, was ihn so aufbrachte, daß er ihm Steine anzuwerfen begann, wobei er sich, wie sein kläffender Fliegenschnapper, in respektvollem Abstand vom Hofhund hielt.

58 Steinigen mochte sich der Barri auch nicht lassen. Also erhob er sich knurrend, die Kette begann zu rasseln.

Als nun auch noch eine hochgebaute Fuhre Garben, auf der jauchzend das Saubethli, und des Rainlers Neffe, der Ferdi, hockten, aus den Äckern auf die Scheune zugeführt wurde, machte sich der Ludi samt seinem Hund so schnell als tunlich vom Hof weg und rainab, den andern Leidtragenden nach. Wie wunderte er sich, daß seine Schwester Brigitt, die Holzhändlerin, die bei den welkenden Kartoffeläckern am Weg stand wie ein hochgebautes Haus mit Seitenlauben und sein Bruder Langhänsel, der ihm sonst immer auszuweichen trachtete, weil er in fortwährender Angst lebte, von ihm angepumpt zu werden, auf ihn zu warten schienen. Und gar allein waren sie. Das Roseli, das Agnesli, und das Mikeli, die Töchterchen des Langhänsels und seiner Schwester jüngerer Sohn, der Alex, der noch ein Knabe war, rannten vor des Langhänsels Frau dort unten schon aufs Dorf Bohlishusen zu. Ja, was mochte denn da los sein, wie kam er zu der außergewöhnlichen Ehre, daß seine eiskalte Schwester und sein knauseriger Bruder Hänsel ihm warteten? Gewiß hatten die beiden im Sinn, ihn auf irgendeine Weise auszunutzen, ihn für irgendein fragwürdiges Geschäft zu gebrauchen. Nun, warum denn nicht, wenn dabei auch für ihn etwas herausschauen wird.

59 Er gedachte sogar, sich zu beeilen, um sich den allfälligen Glücksfall ja nicht entgehen zu lassen. In der Hast stolperte er aber über seinen Pfahlbauerhund und kugelte ein Stück Wegs rainab, sodaß er seinen lieben Geschwistern richtig gerade vor die Füße zu liegen kam.

Nicht allzurasch war er wieder auf den Beinen, doch so, daß er sich wie ein Boot auf verebbender See noch ein wenig auswackeln mußte. »Was ist's, was gibt's, warum wartet ihr auf mich?« fragte er. »Wollt ihr mir endlich, wie sich's gehört einem unglücklichen Bruder gegenüber, unter die Arme greifen? Habt ihr euch besonnen, daß es euch vögeleinwohl ergeht, daß ihr beide nur so durch die Butter flotschen könnt, während ich ein armer, ausgehauster Mensch bin, ein Provisionsreisender in Wein, ein armer Lazarus am Tisch des reichen Prassers. Alles, was ich noch habe, ist dieser Sennenhund, dieser Fliegenschnapper da, der noch lange nicht so voll Flöhe ist, wie ich voll Schulden. Aber«, setzte er bei, den andern, die schweigend rainab gingen, folgend, immer den Kopf etwas links häldend und den aufgegangen Schuhnestel nachziehend, »ihr seid es vor Gott und Welt schuldig, mir zu helfen und mich ab und zu mit einer Handvoll, es können auch zwei sein, Silberlingen zu unterstützen oder mir ein Banknötlein, samt dem Weltdreck dran, in den Sack zu schmuggeln, statt wie 60 bisher mich so alle heiligen Tage, wenn's wohl will, mit einem Almosen abzuschaufeln. Ihr habt ja nach des Vaters Tod mit dem Großen auf Rain die Erbtorte so geteilt, daß ich davon kaum ein süßes Maul hab bekommen können. Der Hansbaschi ist noch der einsichtigste von euch, er hat mir schon mehr als einmal die Gläubiger abgenommen. Ihr aber wollt auch gar nie etwas für euern leibeigenen Bruder tun. Es ist ja Tatsache, ich will's nicht leugnen, ich habe an den Schulen eine ansehnliche Sache verputzt, aber zum ersten habe ich gemeint, der Alte habe noch mehr und zum zweiten, ich klage euch alle drei an!, zum zweiten, wenn ihr mich hättet fertig und mein Examen machen lassen, wenn ihr mir geholfen hättet, so stände jetzt ein Doktor der Chemie vor euch, der selber die Weine, die nun andere taufen und saufen, analysieren und die exquisitesten draus einkellern könnte. Ihr habt mich im Stiche gelassen und nun muß ich mich, der verunfallte Doktor summa cum laude, als Reisender in Weinen im Land herumtreiben, von Weinen, von denen die schlechten Hunde sagen, ich vergifte die Leute damit. Also gut, ihr könntet für mich schon etwas mehr tun, ihr lieben geschwisterlichen Feißesser!«

»Ludi«, machte die Holzhändlerin, »jetzt halt einmal das Maul! Das alles haben wir von dir fast jeden Sonntag, aber sicher und heilig an allen Kirchweihen und sonstigen Saufgelegenheiten von Vereins 61 wegen, die's so viel landauf, landab gibt, gehört. Und du hast, wenigstens von mir weg, noch selten mit einer leeren Hand abziehen müßen, wahr oder nicht?«

»Heja, ich sag's ja, halt so ein Almosen«, gab der Chemifeger zurück. »Und gar der Langhänsel da, mein teurer und insonderheit immer reicher werdender Bruder, dessen Geldsäckel beständig um das dicker wird was er schmäler, ist nie zu Hause, wenn ich in Nöten einmal zu ihm in den sogenannten billigen Laden komme. Nein, heißt es dann immer zuckersüß, süßer als ein Sackvoll Kandiszucker und ein Faßvoll Himbeersirup« – die beiden andern lachten kurz auf –, »nein, mein lieber Johannes ist nicht zu Hause, er ist verreist. Wenn aber der Vetter gern einen guten Stumpen rauchen möchte, so . . . Hänsel,« sagte er jetzt überlaut, aus der Stimme fallend, mit der er seine süßliche Schwägerin im billigen Laden ziemlich gut nachgemacht hatte, »du bist ein geiziger Mensch, ein Rappenspalter und Brosamenklauber, du verdienst niemals einen so gebildeten Bruder zu haben. Ich . . .«

»Schweig doch«, unterbrach ihn jetzt der Langhänsel, »das hat ja alles keinen Wert, das Geplärr können wir schon lang auswendig und auf jedes Verlangen in der Schule oder in der Christenlehre aufsagen. Wenn du aber so gescheit bist, was ich aber nicht 62 glaube, sonst tätest du nicht so dumm, – und so ein verkanntes Genie, wie du immer sagst, so hilf uns jetzt eine Angelegenheit oder eine Art harter Nuß auskerben, die für uns alle, auch mehr oder weniger für dich, wichtig genug ist und es erst recht noch werden kann.«

»Das meine ich auch«, stimmte die Holzhändlerin zu.

Jetzt wurde ihr liederlicher Bruder rasch still. Er duckte sich, lauernd was da wohl kommen möchte.

»Das drohende Gewitter, das uns von Rain weggetrieben hat, scheint sich völlig verziehen zu wollen«, redete der Langhänsel, »wir müssen also nicht so hündisch pressieren. So hör denn Ludi: Wir haben heute unserm Bruder Hansbaschi seine Erste beerdigen helfen. Ich will's kurz machen. Kinder sind ja keine da. Nun wird er, das ist ja so sicher und gewiß, wie uns der Steuerzettel allundein Jahr, bald genug an die Zweite zu denken anfangen. Damit ist aber vielleicht ihm, aber keinenfalls uns dreien gedient. Bisher haben wir immer noch hoffen können, da es ja keine Nachkommenschaft auf Rain gegeben hätte, es sei uns am End nochmals vom Schicksal bestimmt, auf unseres Vaters Hof hinaufzukommen. He, ich wünsche ja unserm Großen natürlich auch ein langes Leben, aber das kann uns niemand zürnen, daß wir alle Fälle bedenken. Kein Mensch ist sicher, und wenn er alle Markbeine allein aussaugen dürfte, daß er auch 63 nur sechzig, geschweige achtzig Jahre alt wird. Ja, man hat Beispiele genug, daß niemand bestimmt weiß, ob ihm das Glöcklein am Abend, das ihm das Zeichen zum Tanz zu geben schien, nicht am Morgen zum Sterben läutet. Und wenn einer von pickelhartem Marmelstein gemacht wäre, so kann ihn der Blitz doch spalten. Und jetzt, was sagst, Ludi, ich und die Brigitt meinen, man könne einen solchen Fall, der einen so großen Hof angeht, nicht zu früh bedenken. Da ist's uns, es wäre vielleicht gut, ja nichts als recht und billig, wenn wir drei dem Hansbaschi für eine zweite Frau sorgen täten. Du kannst es ja auch wissen, er selber ist in der Richtung etwas scheu und auch willwänkisch, ja seltenpickerisch. Man hat ihm ja seine Erste schon fast anreizen und ins Haus tragen müssen. Freilich hat damals niemand auch nur geahnt, daß diese seine erste Frau mit dem Taufstein nichts zu tun haben könnte. Und diesesmal aber, meinen wir, wär's für den Großen und, heja, dann allweg auch für uns, nicht ungeschickt getan, wenn wir ihm, aber natürlich ohne daß er's merkt – gottlob ist er ja nicht der merkigste und denkt an so etwas überhaupt nicht –, eine zweite Frau zuhalten könnten, und zwar, ich will's grad frei heraussagen, wir sind ja unter uns und für uns alle geht's da um allerhand, – und zwar eine, von der man wüßte, daß sie keine Kinder bekäme. So meinen wir's.«

64 »Aha«, machte, laut denkend, der Ludi Hochrütiner, »da liegt das Zicklein in der Pfanne.«

»Heja«, sagte jetzt die Holzhändlerin, »was ist denn dabei? Ja, da liegt's. Ich nehme an, du seiest der letzte, der allenfalls nicht mitkäme, wenn man nochmals auf unsers Vaters Hof hinauf erben gehen könnte, obwohl ich ja dem Großen auch alles Gute wünsche und ein Alter über die biblischen Patriarchen hinaus. Wenn's aber eben anders beschlossen sein sollte im Geschick und weil man weiß, wie unser Bruder, trotzdem er so schwer und bäumig aussieht, doch immer der ungesundeste unter uns Rainleuten war, so ist's doch gewiß nichts als klug und vorbaulich, ja eigentlich unsere Pflicht, das alles zu bedenken bevor's zu spät sein könnte.«

»Sowieso«, lachte kurz der Ludi auf, »und dann sehen zu müssen, wie die allfälligen Kinder des Hansbaschi so elternlos in der Welt stehen und eine muntere Witwe vielleicht einen andern Vater für sie auf den Rain hinauf anschafft.«

Die beiden, der Langhänsel und die Brigitt schauten einen Augenblick etwas benommen drein, aber sie erholten sich gar schnell.

»Ludi«, sprach die Holzhändlerin, mit eiskalten Augen, »wenn du lieber nicht in dem Ding sein willst und uns mit etwa einem wegweisenden Wink, den wir heute vielleicht nicht übersehen würden, dabei 65 sein magst, so kannst's ja bleiben lassen. Wir wissen dann, woran wir mit dir sind und können uns künftig darnach einrichten. Ich glaube aber, du werdest nicht der Esel sein, du, ein so geschulter Fastundgarprofessor, daß du dich nicht von deiner leeren Haberkiste weg allenfalls eines Tags an den vollen Baren machen möchtest. Sonst . . .«

»He natürlich, Brigitt, bin ich dabei«, warf der Chemifeger schnell ein, »selbstverständlich. Ich habe nur so gemeint, es hätte vielleicht nicht so pressiert, so grad heute schon, aber«, setzte er ebenso eilig bei, als er des Langhänsels Lippen wie ein eisernes Schloß am Geldbeutel zusammengehen sah, »aber am End ist's ja allweg besser, beizeiten eine Sache von solcher Wichtigkeit zu bedenken, denn wenn der Vogel aus dem Nest ist, lauern die Katzen umsonst, und ist kein Fisch so dumm, auf eine Angel ohne Köder anzubeißen. Wohl, freilich bin ich dabei und wenn ich also eine Meinung haben und etwas raten und dazu tun kann, so . . .«

»Gut«, schnitt ihm Brigitt das Wort ab, »wenn wir aufrichtig sein wollen, so müssen wir sagen, daß wir uns, und du Ludi erst recht, denn du wärest es am bedürftigsten, während der langen Ehezeit unseres Großen, da sich keine Kinder zeigten, immer ein wenig am Gedanken erwärmt haben, es könnte uns doch vielleicht noch einmal beschieden sein, auf Rain hinauf zu einer Erbteilung zusammenzukommen. Nun 66 aber würde uns das alles durch eine ungeschickte zweite Heirat Hansbaschis für immer vernichtet. Also ich sag's nochmals, ich wünsche unserm Großen alles Gute und Schöne, aber deswegen meine ich gleichwohl, wir sollten ihm eine Frau wissen und auch klugerweise zuhalten, die ihn nur so auf Abbruch nähme, aber jedenfalls eine, von der wir voraussetzen könnten, daß sie keine Kinder bekäme.«

»Ja, ja«, meinte der Langhänsel, »das ist aber eben eine ganz schwierige . . .«

»Und eine schmierige Frage«, dachte der Ludi; er behielt es jedoch wohlweislich für sich.

»Eine schwierige Frage«, redete der andere zu, »wie sollten wir für den Hansbaschi so ein Weibsbild auftreiben können, gar ohne daß er's merkt. Ich weiß keins, wie sollte ich auch.«

»Nun«, sprach die Holzhändlerin, »man wird ja sehen. Unsereins weiß da viele Wege. Es müßte kurios zugehen, wenn ich nicht eine fände, die uns, aber auch dem Großen, passen könnte. Freilich, zu lang kann man das, wie ich das Mannsvolk kenne, nicht anstehen lassen und verdummen. Der Hansbaschi ist noch ein Mann in guten Jahren und sowieso heißt's gewiß auch bei ihm eines Tages: Lieber ein junger Hochzeiter als ein alter Landammann.«

»Jedenfalls«, meinte der Langhänsel, und sein eingetrocknetes Bocksgesicht sah dabei aus wie ein altes 67 Sittenmandat auf Pergament, »müßte man suchen, den Großen von seinen Mägden abzuhalten. Und das halte ich für das heikelste und schwierigste Kapitel, denn ich glaube, so etwas sei schier unmöglich, das weiß ich.«

»Ja, und erst ich!« rief der Ludi aus.

Die andern lachten kurz auf.

»Ja, ja, du Halunk, hast uns seinerzeit eine schöne Suppe eingebrockt«, wandte sich der Langhänsel an seinen Bruder.

Der schien ihn aber nicht zu hören. Er stoffelte nur so mit grinsender Fratze, seine Schuhnestel immer ein wenig hintennach faulenzen lassend, dahin. Er mochte wohl das Bilderbuch seiner vergangenen stürmischen Jugend auf Rain betrachten.

»Nein«, sagte aber jetzt die Brigitt, »so was tut der Hansbaschi nicht, da kennt ihr ihn schlecht und meßt ihn irrigerweise mit eurem Maß. Der Große ist ein ganz anderer Faden als ihr beide, obwohl er von der gleichen Mutter herkommt. Das ist einer, der da noch allerlei Sperren und Wuhren findet, wo ihr Nachläufer nur offenes Wasser seht. Und hat es keine Sperren, so macht er sich solche. Er ist eben vornehmer als ihr und zu heikelnäschig, als daß er sich an jeden rauhbaumwollenen Unterrock hängt, wenn sich's wohl schickt. Der trinkt auch nicht aus jedweder mehr oder weniger saubern Gumpe am Weg, auch wenn's ihn noch so dürstet, und ihn das stille Gümplein 68 anlächeln würde wie die liebe Sonne. Also, ein gelächeriges, anmächeliges Zifferblatt allein tut's dem nicht. Es muß ihm so eine Art von etwas Geistigem dabei sein, eine Jungfer, bei der man das Öl im Lämpchen schön, vielleicht gar so ein bißchen weihnachtlich, aufscheinen sieht, wenn auch nicht grad eine Heiligenampel. Es genügt dem Hansbaschi nicht wie euch und andern, beide Arme recht voll Weib zu haben. Er will mit seiner Frau auch noch allerlei entkernen können, was mir und euch so gleich wie lang ist. So war er immer, ein Sinnierer, bei all seinem tüchtigen Zugreifen in Haus und Hof. Und da er sich hierin bei seiner Ersten gehörig verrechnet hatte, so wird er sich eine Zweite schon noch gründlicher ansehen, bevor er sie nimmt.«

»Ja, das kann sein, wohl sein, daß der Große so ist. He gut, wenn er also in seiner Zweiten mit einem wohlgewachsenen Weibervolk, denn das will jeder haben, zugleich eine heimtun möchte, die auch noch geistige Interessen hat, und die neben dem Katechismus auch noch allerlei anderes auswendig oder vielmehr inwendig weiß, so wüßte ich ihm eine solche«, machte jetzt wichtig und eifrig der Chemifeger.

Die andern horchten auf.

»Ja«, redete der Ludi weiter, »da weiß ich Rat. Ich habe meine Augen überall und Röntgenstrahlen sind nur Nachtlichtlein mit Ölfunzen dagegen, die man 69 alle Augenblicke schneuzen muß, wenn man drei Schritte um sich sehen will. Und beim Weibervolk habe ich die Augen natürlich nicht zuletzt, denn ich bin ja kein Brunnenstock. So weiß ich immer, was in Sachen Liebe und ihrem Drum und Dran etwa läuft und wo eine lieber alle Nacht einen frischen Buben, statt nur alle Monate den Mond in der Kammer hätte. Ich kenne bereits eine jede im ganzen Kanton, und wenn ich sie kenne, so weiß ich auch, was für eine sie ist bis auf ihre Elsteraugen hinunter. Warum?, weil ich halt auf der Geschäftsreise allgegenwärtig bin und auch das hinterste, oberste und unterste Pintlein zu Berg und Tal . . .«

»Ludi, das kannst du uns ein andermal verlegen«, unterbrach ihn ziemlich entschieden seine Schwester. »Also, wenn du meinst, du wissest eine, die für den Großen und unsere Absichten in Frage käme, so rück einmal aus!«

»He, meinetwegen, ich will euch nicht länger warten lassen. Ich weiß wohl, ihr haltet nichts von mir und nehmt alles für Schwindel was ich sage, aber hier nun, denkt ihr, könnte der Chemifeger am End doch etwas wissen, denn er kommt weit herum und hat die Augen nicht im Sack, auch wenn er besoffen ist. Also, um bei der Landwirtschaft zu bleiben, in unseren Falle geht's ja um kein Prämienrind, sondern nur um eine Art Nutzkühlein. Gut, ich will ausrücken. 70 Ich kenne eine junge Witfrau, ja blutjung ist sie und obwohl sie erst anderthalb Jahre verwitwet ist, heißt's ja gewiß auch bei ihr wie bei allen Weibern in Trauer: Bin Witfrau, bin Witfrau schon mehr als acht Tag; welcher will mich, welcher will mich? Bin schon wiederum parat! Und die ich meine, ist des Franztonis Apelluneli aus dem obern Schloo. Ich weiß aber nicht, ob ihr sie allenfalls auch kennt. Du, Hänsel, könntest sie kennen.«

»Hewohl, freilich kenne ich dieses Witfrauchen«, rief der Langhänsel aus. »Sie läßt immer etwa dies und das in meinem Laden holen. Auch nehme ich die Milch aus der Genossenschaftsmolkerei, der sie seit einiger Zeit vorsteht. Jaso, die! Auf die wäre ich freilich nicht zuerst gekommen. Sie ist noch gar jung und dabei sieht sie so zimpferlich aus wie eine Spielpuppe, die nur mit Sägemehl ausgefüllt ist. Hingegen das muß man ihr gelten lassen, sie nimmt die Sache in der Molkerei gut zuhanden. Man rühmt sie und sagt, das Weiblein sei sapperlotts umtunlich und sehe mit vielen Augen, wie eine Spinne hinter dem Netz. So, so, die. Ja, potz Donner, die hab ich zufälligerweise schon gekannt als sie noch ein kleiner märzentupfiger Knopf war und etwa mit ihrem Vater selig, mit dem Franztoni und einem mageren Kühlein zu Markt nach Ruslangen gekommen ist. Immerhin aber für einen so großen Hof, wie der auf Rain . . . 71 Und zudem«, machte er verdrossen werdend, »nein, von der kann doch keine Rede sein. Sie ist viel zu jung und würde also das Rainhaus in eine Kleinkinderbewahranstalt verwandeln. He, du Langohr, wie kommst du denn grad auf eine so blutjunge, du weißt doch, was wir wollen?«

»Eben bin ich auf das Schlooapelluneli gekommen, weil das die Wiege auf der Winde unseres Vaterhauses auch dort stehen lassen müßte, wo sie steht«, sagte allwissend dreinsehend der Ludi. »Seht, ihr kennt sie eben doch nicht. Vielleicht aber habt ihr etwas von ihr tönen hören. Nämlich, das Apelluneli aus dem Schloo sollte doch zuerst Lehrerin werden, weil sie eine schauerlich gute Schülerin gewesen war. Sie wollte zwar gar nicht, aber der Alte bestand drauf. Sie war seine einzige Tochter und sein Gütlein wollte er dransetzen, sie gehörig schulen und etwas Gelehrtes aus ihr werden zu lassen. Als sie aber am Seminar in der Stadt war, verbrachte sich einer ihrer Lehrer in sie und nach einem Jahr war sie seine Frau. Bald darnach starb ihr Vater und das Heimwesen kam an einen Oheim. Das Apelluneli also war drei Jahre lang mit dem höheren Schulmeister verheiratet, volle drei Jahre, und zwar lebten sie in der Stadt, aber Kinder hat sie keine bekommen, trotz dem vielen Wissen des städtischen Storches. Und als auch ihr Mann unerwartet schnell starb, machte sie sich so rasch 72 als tunlich wieder heimzu, denn sie hatte immer eine heimliche Sehnsucht nach dem Bauerngewerbe, nach Luft und Licht. Und so ist's gekommen, daß man sie, auf ihres wohlhabenden Vetters Verwendung hin, in der Molkerei da unten in Bohlishusen anstellte und nun scheint's ihr nicht unwohl dabei. He, aber natürlich, wenn sie in einen rechten Bauernbetrieb, gar auf Rain einheiraten könnte . . .«

»Hat sie etwas?« fragte jetzt fast barsch die Holzhändlerin Brigitt Anderbalm dazwischen. Sie hatte bisan nur allem so anscheinend gleichgültig zugehört, wie etwa eine Tochter ihrer Mutter, die sie vor dem Männervolk warnt.

»Ja, vielmehr als fünf Finger an einer Hand wird sie auch nicht haben«, antwortete der Ludi, »ich weiß das nicht so genau. Jedenfalls ist sie jung, und junges Weibervolk ist immer wohlhabend. Es hat warm und gibt warm.«

»Hewohl, freilich hat sie etwas«, sagte der Langhänsel. »Als ihr Alter, der Franztoni, gestorben ist und ihr Heimwesen an den Oheim im Berglihof übertragen wurde, hat sie einen Ausrichtungsbrief von fünftausend Franken erhalten. Auch aus der Stadt soll sie einen schönen Hausrat heimzu gebracht haben. Es ist das alles ja nicht viel, aber viel mehr als nichts. Also was das anbelangt, auf das muß ja der Große zuletzt schauen.«

73 »Nein, allweg nicht, sondern der Hansbaschi wird, wie wir ihn kennen, etwas Geistiges als Zugabe wollen und ich habe euch ja schon gesagt, ich wisse so eine und da wäre nun also das Apelluneli aus dem Schloo«, sagte der Ludi, »die hätte das Zeug dazu, dem Großen den Kopf voll zu machen mit ihrem geistigen Tudichum. Sie ist zwar eine Bauerntochter aus unserer Welt, aber lange genug in die Schule gegangen, um einen Hansbaschi dazuzubringen, daß er wieder an irgendeinen St. Niklaus für erwachsene Kindsköpfe glaubt. Kurz, sie ist ein gescheites Krötlein, und was man im Kopf hat, ist bald auf der Zunge. Es heißt, sie könne sogar Klavier spielen. Ihr wißt ja, was für ein Musiknarr der Große ist, wie er immer als junger Feger Sonntags und auch am Abend etwa in das Guckauskämmerlein hinaufgestiegen ist, um eine Weile die Klarinette zu blasen. Jetzt soll er, scheint's, in seiner hintern Stube ab und zu musizieren. Sowieso, dieses Apelluneli, habe ich gedacht, wäre wie von Gott extra für den Hansbaschi gemacht, in jeder Richtung.«

»Ja, ja«, meinte die Schwester, »aber wenn sie drei Jahre lang auch keine Kinder bekommen hat, so wären vielleicht doch noch welche angerückt, hätte ihre Ehe nicht ein so rasches Ende genommen. Da hat man doch Beispiele genug, daß . . .«

»Brigitt«, redete der Chemifeger geheimnisträchtig, 74 »das alles möchte ja sein, aber zum ersten ist's doch ein Gegenbeweis. daß sie solange kinderlos geblieben ist und dann hat mir die Wirtin im »Blauen Falken« im Vertrauen gesagt, das Apelluneli könne überhaupt keine Kinder bekommen. Sie habe es aus sicherer Quelle, nämlich von der alten Umsagerin, die es von der Tochter der Hebamme gehört habe.«

Nun gab's ein längeres Schweigen. Endlich aber sprach die Holzhändlerin aus der Wydlen: »Man kann ja sehen, es ist da noch allerlei möglich, aber lang zuwarten können wir nicht. Es würde immerhin nichts schaden, wenn man diese kleine Witfrau, das Schlooapelluneli, ich kenne sie nicht, denn ich komme wunderselten ins Dorf, – mit unserm Großen einmal zusammenbringen könnte. Man sieht ja dann bald, ob der Fisch anbeißt und ob die Angelschnur zieht. Ja, wenn ich alles überdenke, was ich nun über dieses Witfrauchen gehört habe, so ist's mir, man sollte da etwas zu machen suchen.«

»Freilich«, stimmte der Langhänsel zu. »Diesmal, meine ich, könnte der Ludi doch einmal den erwünschten Weg gewiesen haben. Ich sag's auch, dieses Apelluneli ist ein malefiz appetitliches und leichtgängiges Weiblein. Bei dem federt noch alles.« Er kicherte ein wenig und schloß dann: »Also ein Witfrauchen nach dem Herzen des Großen. Schaut dann, ob's nicht so ist.«

75 »Hänsel«, sagte die Holzhändlerin, »dir gefällt sie, das findet man ohne Bergspiegel heraus.«

»Das will ich meinen, ich nähme sie noch zu meiner«, gab er lachend zurück, »aber sie muß einem jeden gefallen, dem das Knie noch knallt, heja, und den andern auch. Einen abgemalten Urgroßvater an der Wand könnte die noch zum Lautlachen bringen.«

»Ja, das kann schon sein«, antwortete die Schwester; »aber bei dem Hansbaschi, obwohl ihm das Knie sicher und heilig noch knallt, gilt das nicht alles. Der Hansbaschi, ich hab's schon gesagt, ist nicht wie jeder andere, wie zum Beispiel du, der zuerst aufs glatte Zifferblatt und auf seine Vergoldung schaut und sich erst nachher frägt, ob die Uhr recht geht. Immerhin, ich sag's nochmals, man sollte da gleichwohl mit dieser Witfrau etwas unternehmen können.«

»Alles schön und gut; aber wie will man dieses Weibervölklein an den Hansbaschi bringen?« fragte schier ungehalten der Langhänsel. »Wenn er etwas merkt, springt er uns augenblicklich ab der Schaukel. Und so dumm ist er auch nicht, daß er, wie ein einfältiges Schaf, der Lecktasche ohne weiteres nachläuft.«

»Da, meine ich«, entgegnete die Brigitt, »sollte sich dennoch etwas machen lassen. Es hat schon Schwierigeres aneinanderzuknüpfen gegeben. Der Große hat mir ja vor kurzem am Tisch gesagt, als ich auf die Wirtschaft in Haus und Hof zu sprechen gekommen bin, er 76 gedenke eine junge Haushälterin zu dingen. Auf die alte Zille sei, bei ihrem besten Willen, nicht mehr grad viel zu rechnen. Auch wolle er, daß sie sich zur Ruhe setzen könne. Sie habe lange genug für den Rain gewacht und gewerkt. Einen jungen, gesunden Menschen wolle er auf seinen Hof. Freilich nicht bloß so einen Dengelhammer, sondern eine Haushälterin mit gutem Tudichum und einiger Schule, die nicht gleich erbleiche, wenn sie Gedrucktes zu lesen oder gar ein Brieflein zu schreiben habe. Natürlich müsse er eine anstellige und angriffige Schafferin haben; aber ihre Augen brauchen deswegen nicht bloß, wie die Bremen, den Kehrichtkübel des Hauses und den Miststock vor der Scheune zu hüten. Die Bienen seien ja auch fleißig und gehen doch den Blumen nach.« Sie lachte ein wenig. »Solche Ansichten«, meinte sie weiter, »kann doch wohl nur unser Hansbaschi haben. Das viele Lesen hat ihm darin noch geschadet. Also, da laßt mich nur machen. Ich gehe ja nächstens wieder zu ihm auf Rain. So kann ich ihm dann allenfalls von diesem Witfrauchen und der Molkerei berichten und es ihm schön, wie er's gern hat, anmalen. Gibt's darnach Gelegenheit, daß er mit ihr zusammenzubringen ist, um so besser. Und ist auch das Schlooapelluneli willig, haben wir ihr den dicken Vogel einmal aufs Gesims gebracht, so wird sie gewiß nicht aufhören zu locken und zu zängeln, bis er ihr aus der Hand frißt.«

77 »Ja, ja, geliebte Schwester vom Rotenbach, du weißt, wie's die Vögel haben und wie man sie auf die Leimrute und in den Käfig bringt«, machte, dreckig lachend, unsicheren Schrittes mit seinem immer, samt dem Zylinder, linkshäldenden Kopf dahinschuhnend, der Ludi Hochrütiner; »aber es gibt unter den Vögeln doch auch welche . . .«

»Halt 's Maul!« schnauzte ihn halblaut der Langhänsel an. »Es gibt da Ohren.«

Sie waren eben ins Dorf Bohlishusen hineingekommen. Als sie jetzt um eine Hausecke bogen, an der ein Briefkasten mit seinem Schweizerschildlein hing, prallte der Chemifeger, den nun ein arg zunehmender Durst voraustrieb, auf ein Doppelgespann, das aus einem alten, zerlumpten und barhäuptigen Männchen und einer jungen, hübschen Frau bestand. Sie zogen miteinander einen Handkarren.

»Herrgottabeinander, überrennt uns nur nicht«, rief der Ludi aus, »mit eurem Bennlein! Ja, wenn ihr wenigstens ein Sechsplätzerauto wäret, so könnte man sich schon eher verkarren lassen; aber nur so von einem Handwägelein, dem ein eiszeitgrauer Esel und ein bodenständiges Rassentierlein vorausgehen . . . Oho, nehmt mir's nicht für ungut«, machte er aber jetzt, »Ihr seid's, Frau Winterlin! Ja, sapperlot doch auch, wie kommt Ihr dazu, Euch mit einem meiner besten Kunden in Erdäpfelfuselgeist zusammenzuspannen?«

78 »Heja«, sagte die junge kleine Frau, die mit ihrem alten Genossen eben um die Ecke gekommen war, »der graue Bursche da, der Märtel, hätte es doch mit diesem Fuhrwerklein zu streng gehabt, da die Gasse hinauf«; sie ließ die Handhabe des ziemlich plumpen Handwagens fahren. »So habe ich ihm eben ein wenig über das Ärgste hinweghelfen wollen. Ich muß ihm doch unten in der Molkerei zu schwer aufgeladen haben, und das Büblein da, sein Großkind«, sie blickte sich nach einem triefnäsigen kleinen Knaben um, »vermochte ihm nicht genügend zu stoßen. Jetzt aber«, sie wandte sich an den alten Tagner, » solltet Ihr's auch allein weiterbringen. Es geht ja da gegen Hergisau hinüber gradaus.«

»Ja, ja, ja«, machte nun übereifrig, überfreundlich der Langhänsel, »also so ein hilfsbereites Geschöpf bist du, Apelluneli! Nichts für ungut, daß ich dich duze. Ich bin ja ein bestandener Mann, und du kommst mir, trotzdem du schon eine Witfrau bist, immer vor wie ein Erstkommunikantenkind. Also die barmherzige Samariterin spielst du an dem alten Süffel!«

Verwundert schaute das Frauchen aus moorwasserbraunen, goldhaltigen Augen einen Augenblick auf den Langhänsel, seinen langen, hagern Nachbarn zum billigen Laden. Obwohl es wohl wußte, daß er, bei all seiner sonstigen Trockenheit, dem Weibervolk recht schön tun konnte, war ihm das heutige aufgeräumte 79 Gehaben des bekannten genauen Rechners doch eine Überraschung. »Heja«, antwortete sie, »ich habe dem alten Burschen halt ein paar Käse zuviel aufgeladen. Er muß mir die Ware nach Hergisau hinüberbringen. Es ist nur, daß er auch etwas verdienen kann. Er steht mir eben immer vor der Tür. Und da just in der Molkerei niemand herum war, der abkommen konnte, so habe ich ihm die Gasse hinauf den Karren ziehen helfen; was ist denn dabei?«

»Ihr habt doch ein gutes Herz, Frau Winterlin«, redete spöttisch der Ludi. »Wenn's aber wieder einen Karren von der Molkerei wegzuziehen gibt, so will ich mich«, er zwinkerte mit muntern Schweinsäuglein, »mit Euch schon zusammen anspannen lassen. Der Weg nach Hergisau braucht dann nicht grad der Bahnlinie nach zu gehen; denn es heißt ein Spruch: Ein guter Krumm ist nichts um.«

Die junge Witfrau errötete flüchtig, antwortete aber nichts. Sinnend, ein wenig verlegen schaute sie dem weiterrumpelnden Handwägelchen nach, das nun der Tagner, neben dem sein barfüßiger kleiner Enkel einherhündelte, allein zog.

»Aha, soso«, begann die Holzhändlerin Brigitt Anderbalm zu reden, »Ihr seid also des Franztoni Grütters Tochter aus dem obern Schloo, die vor ein paar Jahren in die Stadt geheiratet hat und nun der hiesigen Molkerei vorsteht. Es freut mich, daß ich Euch 80 grad so unvermutet am Weg hab begegnen können. Ich komme eben nicht viel ins Dorf. Habe genug zu tun und zu schauen in der Wydlen am Rotenbach. Ich nehme an, Ihr werdet in Euren Kinderzeiten etwa auch schon auf unsern Holzträmeln bis hart vors Sägeblatt geritten sein. Es kommt ja immer etwa ein Schärlein Kinder aus dem Dorf, etwa vom Rainseelein weg dem Rotenbach nach zu unserer Säge gelaufen. Ich habe freilich auch schon dies und das und manches, was mich freuen täte, wenn ich Euch wäre, über Euch berichten hören. Aber, heja«, setzte sie mit bestimmter werdender Stimme bei, »Ihr seid scheint's längere Zeit in der Stadt gewesen und sollt gar so eine Art Doktor, einen bessern Schulmeister, zum Mann gehabt haben. Soll man nun zu Euch Sie sagen?«

»Behüt uns, gar nicht, was denkt Ihr«, antwortete die junge Frau, »ich habe das Siesagen selber wieder gern verlernt. Bin ja das Ihrzen und Duzen von Kindsbeinen an gewohnt, wie sich's für eine Bauerntochter wohl schickt. Auch mein Mann selig, der doch ein Stadtkind war, hat mir einmal gesagt: Zwischen Du und Du sei nichts, zwischen Ihr und Ihr sei schon ein Hag, zwischen Sie und Sie aber ein doppelter Hag.«

»Ja«, meinte der Ludi, seinen entlehnten Zylinder etwas aus den Augen rückend und einen zerlutschten Zigarrenstummel wieder anzündend, »manchmal wär's 81 aber auch gut, es hätte zwischen Du und Du auch einen doppelten Hag, nein, eine Mauer, so könnte einen dann nicht so mancher hinterhältige Hund und diese und jene falsche Katze unversehens beißen und kratzen.«

»Ja, da mögt Ihr recht haben«, stimmte die kleine Witfrau bei.

Die Brigitt aber und der Langhänsel schauten verwundert auf ihren kürzer geratenen Bruder herab. »Wie kommt denn dem Lump auf einmal so ein moralisches Aufstoßen?« dachten sie. Jedoch sie vergaßen das sofort, denn jetzt sagte das Frauchen aus der Molkerei: »Ihr seid also wohl die Frau Meisterin aus der Wydlen, die Frau Anderbalm?«

Die Holzhändlerin lachte, wenn man das Scheinchen Aufheitern über ihr hartes, aber spiegelglattes Gesicht so nennen konnte. »Ja, die bin ich«, antwortete sie. »Ich habe ja mit Eurem Vater selig, mit dem Franztoni Grütter, noch bei Lebzeiten meines Mannes auch etwas geschäftet. Er verstand es, uns da und dort einen schlagreifen Wald zuzuhalten, und nach meines Kaspars Ableben hat er mir an den Holzganten manchen Dienst geleistet, wofür ich ihm freilich immer wieder angestanden bin, wenn er geldnötig war. Mit leeren Händen ist er nie von mir gegangen. Das hätte ich auch sagen können, als Ihr auf der höheren Schule in der Stadt waret und Euch daran gemacht habt, 82 Lehrerin zu werden. Gut«, setzte sie bei, mit den beiden Brüdern der jungen Frau folgend, die jetzt, ihre Hände an der weißen Schürze abputzend, wieder die Gasse hinunter auf die genossenschaftliche Molkerei zu ging, »ich hoffen wir bekommen uns wieder zu sehen. Es wird etwa schon Gelegenheit geben. Unsere Milch fahren wir zwar nach Ennetbrugg, das uns noch näher liegt als Bohlishusen. Man kommt ja aber alleweil etwa ins Dorf geschäftehalber. Und dann habe ich sowieso im Sinn, ab und zu zu meinem Bruder Hansbaschi auf Rain hinaufzugehen, um nachzuschauen, was und wie's da läuft. Wenn einer auf einem derartig großen Hof seine Frau verloren hat, so mangelt es bald da und dort und unversehens überall. Eine Frau ist eben doch der Ofen, der die Stube warmhalten muß. Und die alte Haushälterin, die Zille, – ist ja eine grundbrave Person, ja, potztausend, da will ich nichts gesagt haben, – fängt an allmählich auch nachzulassen, wenn sie's selber schon nicht meinen sollte. Man sieht's halt doch. Ich sag's, die Hausfrau wird unserm Großen bald überall fehlen, und sein Meisterknecht, der Hansuoli, altert auch. Seit ich ihn das letztemal gesehen habe, und es ist keine zwei Monate her vor dem heutigen Begräbnis, ist ein Reif über seinen Kopf gegangen, der sagt, daß die Blätter bald fallen werden. Jetzt freilich stellt er ja seinen Mann immer noch, und obwohl er hinkt, kommt er noch so ziemlich allem nach.«

83 »Freilich«, meinte der Langhänsel, »der Hansuoli gibt auch ab. Er fängt an, den Sinn zu verlieren und dies und das zu vergessen, hat mir der Melker Wysel gesagt. Ja, ja, da wird die Meisterin bald genug in Haus und Hof fehlen«, schloß er mit nachdenklichen Augen.

»Ja, es soll eine gute Frau gewesen sein, die verstorbene Rainbäuerin«, sprach freundlich, mit herzlichem Bedauern Apelluneli, die junge Witfrau. »Man hörte sie rühmen und es ist daher auch kein Wunder, daß sie heute morgen einen so großen Kirchgang gehabt hat. Es waren viele Leute aus dem Dorf . . .«

»He, natürlich«, warf der Langhänsel ein, »der Hof auf Rain gibt den Krämern und Handwerksleuten eben viel zu verdienen.«

»Ja, aber auch die großen Bauern, unter denen ja mehr als einer ist wie ein Fürst von Gottes Gnaden, waren von weitherum da.«

»He 's Kuckucks«, rief die Holzhändlerin aus, »wo ist denn jetzt der Ludi hingekommen, er ist doch eben noch neben mir hergeschlampt?«

Der Langhänsel grinste. »Ja, beim Strahl, er ist wie in den Boden hineinversunken, wie seinerzeit im Alten Testament der Kora, der Datan und der Abiron. Kein Chemifeger weit und breit. Hingegen, wenn man in der Pinte dort oben anklopfen würde, könnte 84 man ihn allenfalls schon wieder auf die Gasse heraushexen, wir sind ja eben dran vorbeigegangen. Schaut nur, dort liegt ja auch sein Hund vor der Türe; der weiß wohl, wohin es seinen Herrn zieht.«

»Er ist ein Schwamm und bleibt ein Schwamm«, machte kurz die Holzhändlerin.

»Und kein trockener«, setzte ihr Bruder bei, ohne daß es in seinem verdorrten Gesicht die leiseste Bewegung gab. »Also laß ihn! Nichts für ungut nehmt, Frau Apelluneli, aber du, Brigitte und die ganze Gegend auf mehr als Rufweite, kennt unsern Bruder Liederlich. Ich meinerseits habe es mir schon seit mehreren Jahren abgewöhnt, mich für ihn zu schämen oder gar für ihn zu kümmern. Er hat's so haben wollen. Und wenn einer eben in den Brennesseln gut liegt, so laßt ihn liegen.«

»So, da wäre ich«, sagte die junge Frau, vor der Molkereiablage stehen bleibend, »also ich kondoliere euch nochmals von Herzen.« Sie reichte ihrer Begleitung die kleine saubere Hand und zur Hofbäuerin aus der Wydlen sprach sie: »Kommt gut heimzu, an den Rotenbach. Der hübsche kleine Wagen, der dort vor dem billigen Laden des Herrn Hochrütiner steht, wartet ja gewiß auf Euch. Wollt Ihr nicht lieber ein Auto zutun? Ihr könnet es doch allweg in Euerem Geschäft brauchen.«

»Ich habe auch schon dran gedacht«, antwortete 85 die Holzhändlerin, »aber heute und morgen pressiert's noch nicht. Die Buben müssen sich noch etwas strecken. Aber sobald der Ferdi aus der Rekrutenschule, in die er bald einzurücken hat, zurück ist, kann man's bedenken. Man sieht, daß Ihr eine Sache recht ins Auge nehmt. Adieu wohl!«

»Also Apelluneli, hab dich nicht zu streng«, redete der Langhänsel, der kleinen Witwe Hand ergreifend, sie aufs angelegentlichste drückend und recht ungern losgebend, »ich hab's ja gut, ich kann dir in die Fenster deines Molkereiladens sehen. Es freut mich allemal, wenn ich gewahr werde«, er kicherte und die Zangen in seinen tiefliegenden Augen verwandelten sich in zuckersüße Rosinen, »wie du ein so behendes und allweg auch ein schönes, wohlbekömmliches Tudichum hast. Und heja, wie dir nicht nur die Mägde, sondern erst recht die Knechte und all die rauhen Lümmel, die bei dir die Milch abladen und dir in den Laden hineinknebeln, Männchen machen und folgen. Also adieu!« Und jetzt fiel ihm plötzlich ein, daß er heute morgen an seiner Schwägerin Begräbnis gewesen war, so machte er mit todernstem Gesicht: »Ja, ja, sterben müssen wir ja alle. Ich sag's, die Schwägerin selig reut mich, es war eine Frau wie Gold. Ja, wenn eine die beim Hansbaschi zu ersetzen vermöchte. Lebwohl, Nachbarin!«

»Macht's auch so, miteinander«, kam's zurück.

86 Da war die kleine Frau schon im Milchgeschäft verschwunden.

Gleichgültig, ja fast mit verdrossenen Gesichtern, schritt jetzt das Geschwisterpaar weiter, über den aufgehenden Dorfplatz. Sie hatten beide die gleichen Gedanken. Dieses Schlooapelluneli wäre vielleicht wirklich eine Frau nach ihrem Wunsche für den Bruder auf Rain. Die würde zur Sache schauen und da sie vom ersten Mann keine Kinder bekommen hatte, noch welche überhaupt jemals bekommen könnte, wie man ja von der verstorbenen Hebamme her wissen wollte, so könnte sie nach menschlicher Berechnung für die Erben des Rainhofes die reine, die erwünschte Schatzhüterin werden. Man müßte ja nur etwas Glück haben, und da das Glück allem Anschein nach blind ist, so wird man's schon den vorgesehenen Weg leitseilen können.

»Brigitt«, sagte nach einigem Schweigen der Langhänsel, »was meinst jetzt zu diesem Apelluneli?«

Die Holzhändlerin schaute ihren Bruder kühl wie ein Novembertag an. »He«, antwortete sie, »davon wollen wir heute nicht weiter reden. Es ist doch unserer Schwägerin selig Begräbnistag. Soviel kann ich aber schon sagen: Ich meine dieses Weiblein könnte die Richtige für unsern Hansbaschi sein. Sie ist nicht nur so ein Tolpatsch oder ein gewöhnlicher Aufwaschlappen. Sie hat etwas Besonderes. Allerlei ist an ihr, was ich nicht recht verstehen und heimtun kann. 87 Ihre Augen sind wie die zwei Wappenscheiben auf Rain, durch die man zwar gut hinaus, aber nicht hineinsieht. Wohl, das wäre nun eine, die unser heikelnäschiger Bruder mit Wonne zu entkernen versuchen würde. Bei allem bessern Gebaren ist sie aber kein Zimpferding, sondern eine die zugreift, wo sie zugreifen will. Das hab ich auf den ersten Blick gewußt, als ich sie die Handhabe am Karren halten sah. Wir müssen es, du oder ich, oder wir beide, vielleicht können wir auch unsern Bruder Liederlich dafür auf eine Art brauchen, einzurichten suchen, daß wir mit ihr irgendwie zusammenkommen, mit ihr reden können. Alsdann heißt's freilich mit Katzenpfoten aufs Loch zuhalten, denn diese Kleine ist allweg einer Maus an Wachsamkeit noch weit über, bei all ihrem Schöntun und ihrem Kindergesicht. Und da sind wir ja«, setzte sie bei, mit ihrem Begleiter auf das Haus zum billigen Laden zuschreitend.

Nahe vor ihnen stand unter den nachbarlichen Gebäuden ein ansehnliches Haus mit gähem Dach, das zu beiden Seiten zwei Dachkämmerchen trug. Diese standen zuweit vor und ließen dadurch das Haus als ein vieläugiges, klotziges Ungetüm mit abstehenden Ohren erscheinen. Man sah auch gleich, daß ein zweites Stockwerk dem alten Bau gar unschön aufgehöckt worden war. Der Hänsel Hochrütiner, der dieses Haus, das vormals zur Goldgrube hieß, also hatte 88 höher bauen und verschandeln lassen, fand aber großen Gefallen dran. Ihm gefiel das Haus um so mehr, als aus der frühern sogenannten Goldgrube durch den billigen Laden im Erdgeschoß eine wirkliche Goldgrube geworden war. Es gab nun in seiner Auslage alles, was der Alltag, und vorab der bäuerliche, und etwa auch die Nacht zu bedürfen schien. Geschirr aller Art, sogar Roßgeschirr, auch Sensen, Mistgabeln, Kuhschellen, Ziegenklopfen, eiserne und hölzerne Tansen und Eimer, Näpfe und anderes Landwirtschaftliches, dazu Handwerkszeug aller Art und Fensterbeschläge, Spiegel und sogar Grammophone. Kurzum ein neues, recht geräumiges Schaufenster voll Gerümpel für Arbeit und Vergnügen. Auf diese ganz ungewöhnlich große Auslage war der Hänsel nicht wenig stolz. Es gab ja keinen Laden in dem Ausmaß mehr zu Bohlishusen. Der Besitzer dieses Geschäftes schien in allem zu machen und das tat er auch. »Kaufhaus zum billigen Laden« stand über der Auslage und darunter in kleiner Schrift »Kohlenhandlung und Süßmostvertrieb.«

Vor diesem Haus nun hielt ein ländlicher Knecht mit einem starken, gutgehaberten Roß und einem ziemlich gebraucht aussehenden Kütschlein. Und jetzt ging die Ladentüre und da kamen hochvergnügt, lachend und glühend, die zwei Söhne der Holzhändlerin, der Ferdi und der Alex, aufs Pflaster heraus, 89 gefolgt von ihren drei ebenso blutjungen Basen Roseli, Agnesli und Mikeli.

Der Ferdi war wohl seiner Mutter und seinen beiden Onkeln unbemerkt vom Rain hinab vorgelaufen. Es sah ganz so aus, als wäre er schon lange im Haus zum billigen Laden gelandet. Er tat völlig wie zu Hause, mochte wohl auch schon ein recht angriffiges Bürschchen sein, denn in der Tür umhalste er, wie wenn sich das von selbst verstände, das Roseli und küßte es also weithinschallend, daß es davon fast Echo gab. Höchst neugierig schaute das kleine Mikeli, aber mit wunderlichen Augen und nicht neidlos, das etwas flüggere Agnesli diesem anmächligen Schäferstücklein zu, während sich der Sekundarschüler Alex, blutrot über und über, zu fragen schien, ob er das bei ihm stehende Agnesli, das es ihm gar wohl konnte, nicht auch einwenig liebkosen sollte. Das Agnesli aber hatte jetzt nur Augen für ihren so ziemlich erwachsenen Vetter Ferdi und ungehalten rief es aus: »Ferdi, laß doch das Roseli gehen! Wenn deine Mutter sehen würde, was du für einer bist, so . . . .«

Es verstummte jählings und seine abendrötlichen Wangen flammten mit einemmale auf. Des Ferdis Mutter und auch gar noch ihr eigener Vater kamen ja eben aufs Haus zu.

»Die Base Brigitt, deine Mutter!« sagte flüsternd, sich von Ferdi losmachend, das glühende Roseli. »Der 90 Vater kommt, der Vaters warnte das Agnesli. Das Mikeli stand aber nur so da und schaute alleweil mit großen Augen auf seinen Vetter Ferdi. Nein, was doch der für einer war!

»Ja, ja«, sagte, ein ernsthaftes Gesicht aufsetzend, der Alex, immer aber das Agnesli ansehend, »gewiß haben es der Vetter und die Mutter gesehen, Ferdi, was du mit dem Roseli gemacht hast.«

»He, meinetwegen«, beschied keck, aber nicht zu laut der Ferdi. »Was habe ich denn gemacht? Ich habe meinem Bäschen einen Kuß gegeben, sonst nichts. Ich bin ja schon erwachsen und muß nächstens in die Rekrutenschule und du bist ja immer noch fast ein Häfeleinschüler, wenigstens nicht viel mehr. Übrigens habe ich wohl gesehen, wie du immer Augen aufs Agnesli gemacht hast, als ob sie ein Weihnachtsbaum wäre und über und über voll Schleckware hinge. Schau du nur für dich, du verstellter Spritzling! Warum sollte ich denn dem Roseli kein Küßchen geben dürfen und es mir? Wir sind nur Geschwisterkinder . . .«

»Ja«, warf mit behendem Zünglein das Roseli ein, das nur so ein Freudenfeuerchen war, »das ist doch nichts anderes. Es ist einmal eine Base von Remund im Welschland bei uns zu Besuch gewesen und die hat gesagt, im Welschland küsse man sich unter Verwandten immer, wenn man komme und 91 gehe. Das gehöre zum, zum, nein, wie hat sie doch gesagt?, zum . . .«

»Zum guten Ton, hat sie gesagt«, fiel das Agnesli ein. »He, ich täte mir auch nichts draus machen, wenn mich ein Vetter zum Abschied verküßte, auch wenn's die Base und der Vater sehen würden.«

Da hatte es sich schon an Ferdi heranzumachen gewußt und stand nun da wie ein knospendes Rosensträuchlein, das auf einen warmen Regen wartet.

»Heja, dann machen wir's wie im Welschland«, rief der Ferdi aus und küßte auch das Agnesli von ganzem Herzen auf seine Wange, dieses noch recht engbegrenzte Weideplätzchen für vetterliche Zärtlichkeiten. Dem Roseli schien das zwar nur mäßig zu gefallen, ja, es bereute fast, von diesem welschen Brauch der verwandtschaftlichen Küsserei seinen Vettern Kenntnis gegeben zu haben. Das Mikeli hingegen, das der Ferdi trotz seiner eben bewiesenen Begeisterung für die verwandtschaftlichen Umgangsformen im Welschland einfach übersah und nicht für vorhanden anzunehmen schien, umhalste mit seinen beinmageren Armen den Vetter Alex und küßte ihn mir nichts dir nichts auf den Mund. Fast zornig stieß er's aber zurück; denn er schämte sich vor dem Agnesli, daß er sich von einer so Kleinen, die ja erst das zweite Jahr zur Schule ging, hatte küssen lassen. Gleichwohl mochte ihn dieses nichtsigen Mikelis Anlauf ermutigt haben, auch 92 seinerseits der welschen Umgangsart unter Neffen und Nichten nachzuleben. Er näherte sich Agnesli auffallend; aber als er sich dran machte, es zu küssen, rückte es von ihm ab und rief aus: »Vater, Base, wir haben es schon lustig gehabt im Laden drin, und der Alex hat zwei Stangen Kandiszucker ganz allein verschleckt!«

»Ja«, machte die Holzhändlerin Brigitt Anderbalm, mit ihrem langen, trockener als Johannisbrot aussehenden Bruder Hänsel an ihrer kleinen Kutsche vorbei auf den Laden zukommend, »wir haben es schon von weitem gesehen, wie ihr euch aufführt. Ihr habt ja nicht nur im Laden, auch davor habt ihr eure Verschleckerei von Backe zu Backe fortgesetzt. Schämt euch! So etwas im Angesicht des ganzen Dorfes und gar noch am Begräbnistag unserer lieben Schwägerin auf Rain. Habt ihr denn das ganz vergessen?«

Ja, du mein Gott, freilich hatten sie's vergessen. Der Langhänsel und seine Schwester schauten in ganz verwunderte Gesichter, aus denen man föhnklar herauslesen konnte, daß diese Beerdigung für sie schon vergangenen Zeiten, ja fast dem Altertum angehörte.

»He aber auch«, fuhr die Holzhändlerin zu reden fort, »wie kommt ihr Fratzen denn dazu, und gar du«, wandte sie sich ihrem ältern Sohne zu, »du, der doch aus der ersten Bubenhose heraus sein sollte, euch zu verküssen, und gar am hellen Tag vor der Ladentür?«

93 »Heja, halt weil wir's einfach den Welschen nachgemacht haben. Zu Remund und der Enden machen sie's ja auch so unter Verwandten«, antwortete der Ferdi, seine Augen auf Roselis Wangen umgehen lassend.

»Ja, wißt«, rief jetzt das kleine Mikeli aus, »der Ferdi, der ist einer! Er hat das Rosi schon im Laden alleweil geküßt, und sie hat sich nicht einmal geschämt. Alleweil stillgehalten hat sie ihm und dazu noch gelacht.«

Jetzt gab es aber rundum ein Gelächter, und der Langhänsel Hochrütiner sagte halblaut, so für sich: »He, in Gottesnamen, wenn sich das Küssen noch auf die Verwandtschaft beschränkt, mag's passieren. Übrigens 's ist halt so: wenn nicht vor der Tür, so todsicher hinter der Tür. So kommt's eben«, machte er laut zu seinen Töchtern, »weil ihr eine so nachsichtige Mutter habt, die euch alles durchläßt und euch in allem zu Willen ist, und einen Vater, der an euch törichterweise auch noch den Narren gefressen hat. So, und nun, ihr Flatterröcke, gebt eurer Base Brigitt die Hand, und nun allez marche!, ins Haus hinein mit euch! Ihr habt ja dort anderes zu tun genug, wenn ihr wollt. Und du, Mikeli, mach deine Hausaufgaben. Und du, Schwester, willst du nicht noch ein Zeitchen in die Stube hinaufkommen und ein Beckelein voll Kaffee mit uns trinken? Ich will's der Seraphine gleich sagen gehen; es wird sie auch freuen.«

Nein, das wollte nun die Holzhändlerin nicht. Er solle seine Frau ja nicht rufen. Sie müsse endlich einmal heimzu. Sie sei lange genug überwegs gewesen. Wenn man nur einen halben Tag nicht daheim sei, so lasse schon diese und jene Schraube auf der Säge und allweg in Haus und Hof nach. So eine Witfrau müsse eben in einem großen Betrieb für ihrer zwei, etwa auch für ein ganzes Dutzend denken, auch schaffen. Heutzutage könne man sich ja doch auf niemand mehr verlassen. Kaum sei man fort, so gehe alles aus dem gewohnten Geleise und den falschen Weg. Mit den heutigen Dienstboten sei's sowieso ein Jammer. Sie wollen viel Lohn haben und wenig leisten, außer bei Tisch und beim Tanz. Es koste schon Geld, nur das Essen für alle aufzubringen, obwohl man da natürlich das meiste aus eigenem Stall und Acker habe. Nur sei ihnen bald einmal nichts mehr gut genug. Es gebe solche unter den Knechten, die gar dreimal Fleisch in der Woche haben wollen, als ob man die Schweine, wie die Haselnüsse, nur so von den Stauden schütteln könnte. Der alte Säger Karlifranz sei noch der einzige, der sich mit einem Langstück Schweinernes alle Sonntage und ab und zu einer Wurst begnügen würde. Früher habe man doch, wie sie von der Großmutter selig her noch wisse, höchstens alle heiligen Tage haufensgenug Fleisch auf dem Tisch gesehen, oder wenn etwa ein Haupt Vieh rasch habe abgetan werden müssen; 95 sonst habe so ein Stück durchzogenen Specks nur im Kraut oder in den gedämpften Erdäpfeln Versteckens spielen dürfen. Die Leute werden aber immer heikelnäschiger, und sei ihnen bald nichts mehr gut genug. An heiligen Tagen seien sie nicht zufrieden, wenn nicht wenigstens einmal Gebratenes auf den Tisch komme. Most hätten die Knechte ja soviel sie wollten. Sie söffen ihn am liebsten gleich aus Melchtern oder aus Brunnentrögen. Und es freue sie aber nichts, wenn sie nicht immer wieder auch zu einem Schluck Tresterschnaps oder einem höllischscharfen, brandschwarzen Schrötersüpplein kommen, wovon der eine oder andere dann zeitweilig halbwegs verrückt, aber sicher und heilig unschaffig und schwer zugänglich werde. Sie könnte da natürlich noch allerlei klagmartern. Man müßte nur über die Steuern und also über diese Schelme, die Silberstrecker, zu berichten anfangen wollen, die einem alles bis auf die Läuse und den Dreck am Schuh als versteuerbares Vermögen ankreiden. Hingegen sei das Jammern keineswegs Brauch bei ihr. Wenn sie auch eine Witfrau sei, so sei sie doch alleweil wachbar und fest auf dem Damm und lasse sich und das ihrige nicht so leicht in einen Graben hinunterdrücken oder gar sich von jedem obrigkeitlichen Herumschmecker ausnüsseln. Es sei aber einfältig von ihr, hier davon zu reden. »Das weißt du ja alles auch, Hänsel«, schloß sie; »aber es ist mir jetzt 96 halt wieder einmal überlaufen, wie die Gelte unter der Brunnenröhre. Also kurz, wenn der Ferdi da einmal nach ist und so eine Art Mann vorstellt, so ist ihm angebettet wie selten einem. Er kann nur so in meinem Geleise drin weiterkutschieren. Und was den Alex anbelangt, so werde ich nicht ruhen, bis ich ihm auch einen rechten Hof . . .« Nein, sie sprach nicht weiter; es schien ihr etwas in den Hals gekommen zu sein. Sie hüstelte ein wenig und sagte dann: »Also, Hänsel, bleibt gesund beieinander. Schick deine Maitli einmal zu uns in die Wydlen hinaus, etwa eines Sonntags. Wir stellen dann das Wasser ab; so können die gelüstigen Schnäbel dann die schönsten Forellen aus dem Bach haben. Es reut mich nicht. Adieu, ihr Ledigen!« rief sie lachend ihren Nichten zu.

Und da hockte sie schon auf dem Bock ihres ziemlich gebraucht aussehenden Kütschleins neben dem jungen Knecht, in weitumgehender Behäbigkeit, wie ein ganzer Kornspeicher. Hinter ihr lagen die beiden Söhne Ferdi und Alex in den dunkelblauen, abgetragenen Polstern und schauten unverwandt auf die Töchterdreiheit, die zu ihnen hinauflachte.

»Hänsel!«

»Ja?«

»Ich denke, wir werden dann das gutgemalte Täfelchen, das im Laden der Molkerei hängt, nicht ganz vergessen. Ich meine, es ist wohl wert, dran zu sinnen.«

97 »Hab keinen Kummer, Schwester«, gab der Langhänsel zurück, den Zylinder abnehmend und sich über seinen spitzen Schädel und dessen spärliches Braunhaar fahrend, »es wird sich etwa schon machen lassen, jenem Täfelchen aus dem Rahmen zu helfen und es allenfalls in eine andere Stube zu verbringen und also dafür zu tun, daß das Glöcklein auf Rain uns oder unsern Nachwuchs nicht enterbt. Kommt gut heim!«

Das ländliche, veraltete Herrenfuhrwerklein rasselte über das holperige Pflaster Bohlishusens davon.

Sinnend schaute ihm der Hänsel Hochrütiner aus halboffenen Augen nach, während seine Töchterchen, soviel sie vermochten, Abschied winkten, wofür sie von den zwei Jungen auf dem Gefährt, die gar auf die Polster hinknieten, eine Masse Kußhände ernteten.

»He«, fragte laut das Mikeli, das sich drüber wunderte, »ist das also auch Brauch im Welschland?«

»Natürlich«, antwortete das Roseli, »dort müssen sie das in der Schule lernen.«

Ein gar fröhliches Auflachen ging über den sonnenvollen Dorfplatz, und flinkfüßig folgten das Roseli und das Agnesli ihrem Vater in den billigen Laden, während das Mikeli immer noch erstaunt nach der Ecke und dem daran lehnenden Brunnenbecken schaute, hinter dem das Wägelchen der Base aus der Wydlen am Rotenbach verschwunden war.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.