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Das Ghettobuch

Artur Landsberger: Das Ghettobuch - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene
titleDas Ghettobuch
publisherVerlag Georg Müller
editorArtur Landsberger
illustratorF. Feigl
translatorverschiedene
year1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071111
projectid8c34f1a8
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A. S. Rabinowicz

Der Rabbi im Kerker.

(Aus dem Hebräischen übersetzt von David Rothblum.)

Als hinter dem Rabbi Schneor Salmen die schwere Tür des Kerkers krächzend und ächzend in die rostigen Riegel fiel, war es bereits Nacht geworden.

Das Getöse der Torsperre schlug mechanisch an sein Ohr und er vernahm den Widerhall sich langsam entfernender Schritte. Drin in der Zelle war es finster, das traurige Licht im Winkel unter der Luke vermochte des Gelasses Düsterheit nicht zu erhellen. Die Insassen nahmen sich wie formlose Schatten aus. Nur hie und da ward ein raubtierartiges Gesicht sichtbar, mit brennenden, gierigen Augen, in denen der Hunger lauerte. Es waren harte Verbrecher in dieser Zelle, die sich nicht das erstemal in der Sünden Falle verstrickten und deren Leiber mit den sausenden Stockstreichen des strafenden Richters bereits vertraut waren.

»Gar ein Judenmensch!« schrie Timoscha, das Verbrechertier, als er des Rabbis ansichtig wurde.

Ein häßliches Lachen entrang sich den heiseren Kehlen der Häftlinge. Es erscholl aber nicht zu Ende, es stockte und erstarrte.

Rabbi Salmen aber sah und hörte nicht. Er war in tiefe Trauer versunken ob der Schmach seiner Brüder, die ihn der Gewalt der Andersgläubigen übergaben. Was sollte denn mit ihm geschehen? Wie durfte er ein gerechtes Urteil von diesen Fremden erwarten, wenn die, deren Ahnen am Sinai gestanden, derart das Recht mit Füßen traten.

Die Häftlinge, vorerst von der heiligen Gestalt des Rabbis ergriffen und gebändigt, schöpften, als sie ihn in sich versunken sahen, Mut. Die Bestie erwachte in ihnen und sie fügten ihm allerhand Bosheiten zu. Sie durchwühlten seine Kleider und raubten, was sie fanden. Er aber ließ sie gewähren; denn was wog ihre Schandtat gegen die seiner Brüder?

Um diese Zeit geschah es, daß ein brennender Schmerz die Welt ergriff und in düstere Trauer hüllte. Sogar der Zaddik Tewi Izchak aus Beditsckew, der, wie bekannt, dem Herrn »aus Freude« diente, wurde von der schwarzen Sorge gepackt. Die Trauer verschlang ihn wie eine schwere Flut, in der sich seine Seele verfing wie Jonas im Gedärm des Walfisches. Schon kam die Stunde des Maariw-Gebetes, er aber konnte den Mund nicht öffnen, so hatte die Trauer von ihm Besitz genommen.

Eine Leitung im Kosmos war unterbrochen, die Welt schien leblos ...

Und die Zeit flog, fast wurde es Mitternacht...

Er hebt an zu beten, es geht nicht, die Worte erstarren in der Kehle...

Er sammelt sich – es geht nicht.

Er fühlt, die Sache sei nicht einfach. Er ahnt: irgendein großer Zaddik befindet sich in Not, daher kann keine freudige Stimmung in die Erscheinung treten.

Ist aber ein Zaddik in Nöten, dann geschieht es nicht wegen des eigenen Schicksals, sondern wegen des Loses der Gemeinheit, weil ein Unglück bevorsteht ...

Rabbi Lewi Izchak sitzt, finster brütend, mit gesenktem Haupte da. Um ihn seine Gemeinde in teilnehmender tiefer Trauer.

Da rafft er sich plötzlich zu einer Attacke gegen den Himmel auf (den er nicht zu schonen pflegte, wenn es galt, für Juden Rettung zu erstehen) und ruft:

»Herre aller Welten! was hast Du eigentlich mit Deinem Zaddikim vor! Du hast sie in winziger Zahl in die Welt gepflanzt und auf ihre Schultern die ganze Last der Weltenbesserung gegeben, die sie doch nur durch Gebete erreichen können, wie sollen sie ihre Mission erfüllen, wenn Du selbst sie am Beten hinderst! wie sollen sie in die Schlacht ziehen, wenn Du sie des Schwertes und des Bogens beraubst! Was hast Du eigentlich mit Deinen Zaddikim vor!

Du sehnst Dich nach ihrem Gebet, so hilf ihnen doch, daß sie beten können.

›Und das Heil der Frommen ist von Gott, ihrem Hort in der Stunde der Not, er hilft, er rettet, schützt sie vor dem Bösen, denn er ist ihr Heil.‹«

Mit gewaltiger, donnernder Stimme schrie er diesen Bibelvers. Und die Chassidim merkten, daß die Scheidewand gefallen sei. Der Nebel zerfloß, die Finsternis schwand, eine Lichtflut erströmte und füllte das All mit Balsamdüften. Und sie begannen zu beten.

Ein solches Gebet, sagten die Ältesten der Chassidim, hatten sie noch nie gehört. Es erbrach das Himmelstor.


Unser Rabbi Schneor Salmen merkte sohin eine vollzogene Änderung in seiner Stimmung. Er erwachte aus seinem Brüten und es gereute ihn, daß er auch nur einen Augenblick seinem Volke grollte und fürchtete, daß irgend jemand durch ihn bestraft werden könnte.

»Führt denn der Ewige nicht die Welt, übersieht er nicht das Geschehen?

Er ist doch die Ursache aller Ursachen, und was er tut, wendet sich zu Gutem.

Warum gräme ich mich so sehr über meine Verhaftung! Ist denn diese dicke Kerkermauer wirklich eine Scheidewand zwischen mir und dem, der alles ausfüllt? wenn ich zum Himmel mich erhebe, treffe ich Dich an, wenn ich in die Gruft versinke, bist Du dort, wenn ich zur Morgenröte, zum Meeresende mich flüchte, auch dort bist Du, auch dort ergreift mich Deine Rechte. Denn Deiner Herrlichkeit voll sind die Welten, kein Plätzchen ist ihrer bar. Es gibt keinen Ort, wo ein Aufgehen in Dir, in Deinem Licht nicht denkbar wäre.«


Es geschah ein Wunder: Die im Kerker befindlichen Gojim änderten ihren Umgang mit dem Rabbi. Und noch mehr: ihren Umgang miteinander.

Kein Fluch kam über ihre Lippen, ihre Hand erhob sich nicht mehr zum Schlag.

Sogar Timoscha, dieser gefürchtete Raufbold, ließ seine Muskeln nicht mehr spielen.

Zur Verblüffung aller Häftlinge lag er oft stundenlang auf seiner Pritsche stumm und in sich gekehrt. Ja, er übergab sogar dem Rabbi das geraubte Geld wieder.

Der Rabbi wehrte wohl ab, wozu denn? Timoscha aber schrie: »Nimm zurück oder ich morde dich.«

Der Rabbi nahm das Geld lächelnd entgegen, Timoscha aber kehrte zur Pritsche zurück.


Der Rabbi gewöhnte sich immer mehr an die Häftlinge und die Häftlinge an ihn.

Er ging in der Zelle oft auf und ab, Mischnajos oder Sohar rezitierend, oder er unterhielt sich mit den Seelen des Simon den Jochai, des Ari, des Bal-Schem, oder anderer Heiligen gesegneten Angedenkens, über die Erschaffung der Welt und das Geheimnis des Thrones.

Zuweilen vergaß der Rabbi ganz und gar, wo er war, und sang mit tiefer Inbrunst und Selbstvergessenheit sein bekanntes vierstrophiges Liedchen vor sich hin, auf dem er wie auf einer unsichtbaren Leiter in den Himmel stieg, um dort zu lustwandeln. Die Insassen der Zelle saßen lautlos da und horchten.

Und als er am ersten Chanukaabend die Lichter entzündete und mit innerer Freude und Händegeklatsch das Gebet hierzu hinausschmetterte, zog ein Freudenrausch in die Sinne der Gefangenen, so daß sie im Chore mitsangen. Sie reichten sich die Hände, bildeten einen Reigen um den Rabbi und tanzten. Der Kerkermeister stürzte aufgeregt in die Zelle, blieb einen Augenblick verblüfft stehen, um sich dann unbewußt dem Reigen anzuschließen und mitzutanzen.

Im Kerker ward es immer fröhlicher und lustiger. Auf den Flügeln des Gesanges, der sich diesen Bruchstücken menschlicher Wesen entrang, erhob sich das ganze Haus in selige Regionen bis an den Gipfel, zu dem selbst ein Chassid im Schma-Gebete nicht gelangt. Es war der Zustand: Es sah die Magd an der See mehr, als Ezechiel in der Ekstase seiner Prophetie.


Es geschah zuweilen, daß Timoscha den Rabbi gar merkwürdig betrachtete, wenn dieser seine Gebete verrichtete. Er fühlte sich klein, fast nichtig gegenüber der übergroßen Gestalt und fast kränkte es ihn, daß der heilige Mann seine wilden Leidenschaften zähmt und ihn beherrscht. Und wodurch? Nur mit seinem Blick, mit dem klaren und hellen Auge.

Und doch liebt er den Zaddik, fest gebunden fühlt er seine Seele an die des frommen Mannes.

Manches Mal kam es über ihn wie ein Neid, und er sehnte sich nach Freiheit, bald aber unterjochte er die tierischen Instinkte und war dem Rabbi ganz ergeben.

Oft war es ihm, als müßte er den Heiligen, welcher seine Ruhe geraubt, mit einem Fauststreich niederschmettern. Er wäre nicht der erste Jude, der durch Timoschas Hand gefallen ... Bald darauf aber überwältigt ihn eine unsägliche Liebe zu dem Juden und er fühlt das Bedürfnis, sich vor ihm platt auf die Erde zu legen und ihm irgend etwas zu sagen. Doch wußte er nicht was ...

Als der Zaddik eines Tages, im Gebete versunken, vor der Kerkermauer stand, lautlos wie von einem Meißel gehauen, seiner Umgebung ganz vergessen, stieß ein junger Häftling mit spöttischer Miene Timoscha an. Da versetzte ihm dieser einen Stoß, daß er schier das Zeitliche segnete.


Da trat eines Tages Timoscha auf den Rabbi zu und sprach: »Sage mir, heiliger Mann, warum schuf Gott ein solch niedriges Wesen wie mich! Wem zu Nutze! Warum muß ich die Welt durch mein Sein verunreinigen! Sage es mir doch, o Rabbi.«

Der Rabbi horte zu, mit großem Ernst, wie er denjenigen zuzuhören pflegte, die in schweren Sachen seinen Rat einzuholen kamen. Er wunderte sich über die Frage Timoschas nicht, nein, er hatte sie erwartet. Und er gab ihm sanft zur Antwort:

»Es ist gut, Timoscha, daß du Gottes Wege erforschen willst, vorerst aber mußt du deine Seele reinigen, denn, der im Unrat watet, wird von all dem nichts verstehen, was ich sagen werde.«

»Reinigen, sagst du,« schrie Timoscha, »das ist doch bei mir ganz und gar unmöglich.«

»Du glaubst nur so,« sagte der Rabbi beschwichtigend, »in Wahrheit aber liegt die Sache anders. Die Seele eines Menschen, selbst die des größten Verbrechers, ist viel tiefer, als der Mensch selbst zu glauben vermag. Sie ist ein göttlicher Funke, der nie, selbst im Unrate nicht, gänzlich erlischt.«

»Ich weiß nicht, was du sprichst«, gab Timoscha resigniert zur Antwort. »Ich weiß nur, daß ich ein Tier bin, ein elendes und unglückliches Tier, und ich möchte meiner Seele los werden, ich will Jude werden. Ich glaube, daß es nur in Israel einen Gott gibt, und im bist Gottes Mann.

Ich beginne zu verstehen, weißt du, wieso? Vorerst haßte ich dich, ich neidete dir deine Reinheit, deine Gläubigkeit. Meine Niedrigkeit empörte sich gegen deine seelische Pracht. Fast wollte ich dich morden, ich brachte es aber nicht zustande. Jetzt aber gehöre ich ganz und gar dir, es gelüstet mich, dich zu umarmen, dich zu küssen. Meine Lippen aber sind dessen nicht würdig, meine Berührung könnte dich entweihen, wohlan, ich will deine Schuhe küssen, die Erde, auf der du trittst, dienen will ich dir, meine Liebe dir opfern ...

Willst du frei werden! Ich will dich in stürmischer Nacht aus diesen Kerkermauern befreien, ich will die Wächter erwürgen, sie alle erschlagen ...«

Timoscha mußte in seiner Rede innehalten, denn der Kerkermeister trat ein, um die Häftlinge zu zählen.


Der Rabbi wurde zum Bedauern der Gefangenen in eine andere Zelle überführt. Diese war geräumiger und reiner als die erste. Seine Chassidim haben ihm diese Wohltat erwirkt.

Als er die Zelle verließ, sagte ihm Timoscha: »Ziehe hin in Frieden, heiliger Mann. Ich werde dich nie vergessen, vergiß du auch meiner nicht und bete für meine sündige Seele.« Am nächsten Tage brach Timoscha aus.

Und in einer kleinen litauischen Stadt trat er zum Judentum über und erhielt den Namen des Erzvaters Abraham.

Er hatte nicht viel gelernt, nicht viel verstanden, nur die Bräuche des Judentums waren ihm geläufig, aber er war stark in seinem Glauben.

Ganze Strecken und Dörfer bekehrte er zum Judentume.

Das waren die Ahnen jener Gerim, die in Rußland wohlbekannt sind.

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