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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Achtes Kapitel

Berthilde wurde allmählich sehr schweigsam. Stundenlang saß sie mit einer Handarbeit bei Armands Mutter, aber sie machte keine Versuche mehr, ihr Teilnahme für die Außenwelt abzugewinnen, sondern schien selbst in Gedanken versunken zu sein.

Frau Loysel schwieg ebenfalls. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, hatte sie die Führung des Haushalts dem jungen Mädchen überlassen, dessen Anordnungen Armand den Dienstboten übermittelte. Keine von den zierlichen Handarbeiten, die sonst ihre Freude gewesen waren, wurde berührt; sie schrieb auch keinen Brief, schien jede Thätigkeit aufs Aeußerste beschränken zu wollen, und doch war es klar, daß ihr Geist sich in rastloser Arbeit verzehrte. Ohne Unterlaß beschrieb der Daumen ihrer rechten Hand auf dem schlichten Trauerkleid Linien und Kreise, gerade als ob die verschlossene Seele sich in einer geheimnisvollen Schrift offenbaren wollte. Die von Nachtwachen, nicht von Thränen geröteten starren Augen verfolgten ein Traumgesicht, das immer zu verschwimmen schien, wenn sie den Blick fest darauf heftete.

»Sie sieht etwas,« dachte Berthilde öfters. »Sie sieht etwas und es entschwindet ihr immer wieder ... was mag es nur sein?«

Sobald Frau Loysel sich in dieser Weise beobachtet fühlte, raffte sie sich auf. Sie verlangte dann nach Büchern und hielt sie unverwandt vors Gesicht, aber Berthilde wußte wohl, daß sie die Blätter umdrehte, ohne das Geringste von ihrem Inhalt in sich aufzunehmen.

»Woran sie nur denken mag?« fragte sich Berthilde nicht ohne ein Gefühl des Grauens vor diesem leeren Blick, der dem ihrigen ängstlich auswich.

Der wiederholt befragte Arzt erklärte diese Zustände für unbedenklich und versicherte, die Witwe werde allmählich von selbst zu ihren früheren Gewohnheiten zurückkehren, allein sie verharrte äußerlich wenigstens in gänzlicher Teilnahmlosigkeit.

Ein paarmal wagte Berthilde von Vorgängen zu sprechen, die sich lange vor der Katastrophe ereignet hatten, aber ein ärgerliches Aufblicken war alles, was sie zur Antwort erhielt.

»Findest du die Mama nicht sehr seltsam?« fragte Berthilde eines Abends ihren Verlobten, während sie sich zum Nachhausegehen fertig machte.

»Gewiß ... höchst seltsam ... und doch erklärt der Arzt aufs bestimmteste, sie sei nicht geistig gestört.«

»Ich meine immer, wenn man sie zum Weinen bringen könnte ... ist es nicht unnatürlich, daß sie in diesen vier Wochen noch keine Thräne vergossen hat?«

»Unnatürlich und beängstigend,« stimmte Armand bei, ohne seine Braut anzusehen.

»Du hast nie versucht, ihr Thränen zu entlocken?«

»Geradezu, nein ... und auf Umwegen ist es mir nicht gelungen, und doch glaube ich auch, daß es das Beste wäre ... oder wenigstens das Natürliche. Ach!« setzte er aufstöhnend hinzu, »wir leben hier wie in einem bangen Traum!«

»Kein Wunder!« sagte Berthilde mit so innigem Mitleid, daß ihm die Augen feucht wurden. »Naturgemäß ist es sicher nicht, in einem Haus zu leben, wo ein Verbrechen geschehen und alles in Geheimnis gehüllt ist.«

Sie hatte ihren Schleier geknüpft, aber statt zu gehen, starrte sie auf eine Zeitung, die unter der Hängelampe lag.

»Armand ... mein armer Armand ...« sagte sie leise. »Ich muß fort, aber mein Herz bleibt bei dir.«

Er gab erst seine Antwort, dann brach er mit kaum verhaltener Leidenschaftlichkeit in die Worte aus: »Es ist gräßlich! Es ist abscheulich! Immer im Dunkel tappen, nichts ahnen, nichts vermuten, nichts entdecken können! Die Gewißheit haben, daß eine Hand die Waffe geführt, ein Gehirn die That ersonnen hat, und nicht wissen, wessen Hand, wessen Kopf es war! Dabei Grésil gefangen wissen; wissen, daß es Leute gibt, die ihn aus Dummheit oder Bosheit anklagen; denken müssen, daß er unschuldig verurteilt wird, wenn keine Hilfe kommt ... siehst du, Berthilde, manchmal ist mir's, als ob ich den Verstand verliere!«

»Armand!« flüsterte sie, von Ton und Blick erschreckt. »Vergiß nicht, daß ich dich liebe!«

»Ach! Wenn deine Liebe nicht wäre, dann ... o Berthilde! Ich bin doppelt verwaist! Mein Vater ist tot, und meine Mutter hat sein Gefühl mehr für mich.«

Schluchzend verbarg er sein Gesicht in den Händen.

»Du thust ihr unrecht!« sagte Berthilde sanft. »Hat sie nicht gesagt, daß sie deinetwegen weiterleben wolle?«

»Wenn sie mich lieb hat, weshalb entfremdet sie sich uns mit jedem Tag mehr und mehr?«

»Der Schmerz hat sie so verwandelt ...«

»Seltsam, wenn uns der Schmerz unsern Lieben entfremdet.«

Er ging hastig im Zimmer auf und ab.

»Du mußt Geduld mit mir haben, Berthilde, und mir verzeihen, daß ich dir nicht begegne, wie ich sollte. Du bist ganz Selbstverleugnung und Mitgefühl ... ich dagegen ... ich denke nur an mein Unglück ... aber du ahnst auch nicht, wie ich darunter leide.«

»Doch, ich weiß es,« versetzte sie so ernst, daß er zusammenschreckte und sich hinabbeugte, um ihr in die Augen zu sehen. Sie zog seinen Kopf vollends herunter und drückte ihre Lippen auf seine fieberhaft glühende Stirne.

»Mein armer Armand! Ich bin dir nah in allen Nöten des ganzen Lebens,« sagte sie leise.

Am Tag darauf erteilte Berthilde dem Kutscher den Befehl, wie sonst nach dem Ziel der gewohnten Spazierfahrt zu fahren, aber auf einem andern Weg zur Stadt zurückzukehren. Frau Loysel hatte nicht darauf geachtet; als der Wagen jetzt aber plötzlich hielt, blickte sie betroffen um sich.

»Wo sind wir denn?« stieß sie hastig heraus. »Nein, Berthilde, hierher will ich nicht ... ich will nicht ...«

»Ich habe mit dem Friedhofaufseher zu sprechen,« versetzte das junge Mädchen unerschüttert. »Verzeih, daß ich dir nicht vorher sagte, wir würden hierher fahren ... ich nahm an, du werdest es am Ende gar nicht bemerken.«

Berthilde stieg aus; Frau Loysel aber drückte sich, das tief verschleierte Antlitz auf die Brust gesenkt, scheu in die Wagenecke.

»Alles ist in Ordnung gebracht,« sagte Berthilde, nach kurzer Zeit an den Wagenschlag tretend. »Willst du dich nicht selbst davon überzeugen, Mama?«

Frau Loysel zog sich noch weiter zurück und schüttelte verneinend den Kopf.

»Es wäre aber auch der Welt gegenüber besser, Mama,« drängte Berthilde. »Der Friedhofaufseher hat mich eben gefragt, weshalb denn die Witwe nie komme. Ich versichere, dich, Mama, es wird dir nur wohlthun.«

Ohne ein Wort zu verlieren, stieg Frau Loysel aus. Berthilde, die ihr die Hand bot, fühlte, wie sie zitterte.

»Komm, Mama!« flüsterte sie zärtlich, indem sie ihr den Arm gab.

Mit wenigen Schritten hatten sie das Familiengrab mit der vergoldeten Namensinschrift: »Loysel-Brunet« erreicht, ein recht alltägliches Grabmal, das keinerlei persönlichen Geschmack verriet. Es lagen schon viele Tote darin, und auch der Notar war jetzt hier beigesetzt worden. Nichts sprach von dem neuen Ankömmling, als die verhältnismäßig noch frischen Totenkränze und ein Strauß frischer Blumen.

»Man hat alles wieder in Ordnung gebracht,« sagte Berthilde, auf die Grabplatte deutend. »Armand läßt alle zwei Tage frische Blumen darauf niederlegen.«

Frau Loysel blickte trockenen Auges auf den Grabstein und las unter den ihr längst bekannten Namen die neue Inschrift:

Aimé Loysel

mit Jahreszahl der Geburt und des Todes.

So rasch, daß Berthilde es kaum wahrnahm, wandte sie sich um und floh wie ein gehetztes Wild nach dem Wagen zurück. Auf der Heimfahrt wechselten die beiden kein Wort, und dieser Friedhofsbesuch würde nie zwischen ihnen erwähnt, auch erfuhr Armand nichts davon.

Am selben Tage noch ging Berthilde allein in die Bibliothek und trat nach kurzem Zögern in das Arbeits- und Sterbezimmer des Notars. Das große und hohe Gemach war in bester Ordnung, nur auf dem umfangreichen Mahagonischreibtisch lag eine dünne Staubschicht. Die gerichtlich aufgesetzten Siegel hoben sich als rote Tupfen von den Möbeln ab, sonst war alles wie zu Lebzeiten des Notars, alle die kleinen Gebrauchs- und Ziergegenstände befanden sich an Ort und Stelle.

Berthilde sah nach den geschlossenen Fenstern hin; die Rollvorhänge waren heruntergelassen und hielten die Sonne, doch nicht die Tageshelle ab. In der tiefen Stille, die sie umgab, hörte sie ihr eigenes Herz schlagen, und es schlug so bänglich, als ob sie selbst ein Verbrechen begehen wolle.

Langsam ging sie durchs ganze Zimmer, besichtigte die Wände und den Teppich. In dem großen Spiegel über dem Kamin erblickte sie ihr eigenes Bild fast mit Entsetzen ... Wer auch der Mörder sein mochte, dieser Spiegel hatte im Augenblick, als er den Revolver abfeuerte, sein Bild zurückwerfen müssen. Aber Spiegelglas hält die Bilder, die es zeigt, nicht fest.

»Nichts!« sagte Berthilde leise vor sich hin. »Keine Spur! Wir werden nie erfahren, wer der Mörder war, und ein Unschuldiger wird an seiner Stelle leiden.«

Zögernd, mit innerem Widerstreben, riß sie sich vom Schauplatz der blutigen That los, sorgfältig die Thür hinter sich zuziehend. Mit einemmal blieb sie stehen und kehrte noch einmal in das geheimnisvolle Sterbezimmer zurück. Sie zog ein langes Haar aus ihrer blonden Flechte und wickelte es so leicht um die innere Thürschnalle, daß es beim Oeffnen unfehlbar herunterfallen mußte.

»Daß die Dienstboten den Raum nicht betreten, ist sicher,« dachte sie, »und Armand sagt mir ja, ob er da war oder nicht.«

Halb mit Reue, halb mit Groll im Herzen stieg sie die Treppe hinauf, ging aber nicht wie sonst zu Frau Loysel, sondern setzte sich mit einem Buch ins Wohnzimmer.

Noch eine Woche verstrich; der November nahte heran. Der »Fall Grésil« stand als einer der ersten auf der Tagesordnung des Schwurgerichts; die ganze Stadt nahm mit Leidenschaft daran teil. Man war sehr verschiedener Meinung; der Notar hatte nach seinem Tod mehr Feinde, als er zu Lebzeiten geahnt haben mochte. Die heftigsten darunter nahmen seinen Anstand, ihn einen Komödianten zu nennen und sich gelegentlich zu der Aeußerung zu versteigen, auch sein Tod sei Komödie, und er lebe vielleicht irgendwo in Amerika. Andre, etwas maßvollere Naturen neigten zu der Annahme eines Selbstmordes und fanden jedenfalls, daß die Witwe und der Sohn wohl daran gethan hatten, diese Lesart gelten zu lassen.

»Bei dem Prozeß wird jedenfalls viel Schmutz aufgerührt,« hieß es allgemein. »Hätte man die Sache lieber mit Stillschweigen bedeckt.«

Wieder andre erklärten Grésils Verhaftung für einen Angriff gegen die öffentliche Sittlichkeit. Ein Land, dessen Bürger ohne jeden Beweis des Mordes bezichtigt werden könnten, müßte zu Grunde gehen. Der große Haufe indes sah dem Urteil der Geschworenen nur mit jener grausamen Neugierde entgegen, die eine ungesunde Frucht überreizter Phantasie ist. Ein Verbrechen war geschehen, also wollten sie auch einen Verbrecher haben; ob Grésil oder einen andern, das galt ihnen gleich.

Berthilde wurde von Tag zu Tag reizbarer und unruhiger; ihre Tante wagte kaum noch, mit ihr zu sprechen: nur ihrem Verlobten begegnete sie mit immer gleicher Sanftmut, ihm zeigte sie nur die Weichheit ihrer von Angst gefolterten Seele. Das that auch not, denn der junge Mann war in einem fürchterlichen Zustand. Die ausschließliche, unaufhörliche Beschäftigung mit einem und demselben Gedanken raubte ihm jede Möglichkeit, die schwere Last seiner Seele abzuschütteln. Die Verlobten sprachen wenig miteinander, ja es war fast, als ob sie sich absichtlich gegenseitig mieden, bis auf kurze Augenblicke, wo sie in einem Händedruck die tröstliche Gewißheit fanden, daß ihre Liebe durch alles Leid nicht getötet werden könne.

»Ich gehe morgen nach Salvagnat,« sagte Frau Loysel eines Abends.

Armand blickte von seiner Zeitung auf.

»Bei dieser Kälte, Mama! Daran ist ja nicht zu denken ...«

»Ich werde dennoch gehen,« wiederholte sie kurz. »Clermont ist mir unerträglich.«

Salvagnat war ein Meierhof in den Bergen, wohin sich Frau Loysel oft vor der Sommerhitze geflüchtet hatte. Sie besaß dort ein bescheidenes Landhaus und einen Garten, die von einem Bauern und seiner Frau in Stand gehalten wurden.

»Morgen beginnt die vierzigtägige Seelenmesse für den Vater,« machte Berthilde geltend. »Du kannst nicht umhin, ihr beizuwohnen, Mama.«

Frau Loysel preßte die Lippen aufeinander und schwieg.

»Gewiß werden wir alle drei der Messe beiwohnen.« erklärte Armand gebieterisch.

»Gut, dann werde ich nach der Messe abreisen,« entgegnete die Mutter. »Ich will fort.«

Fünf Minuten darauf erhob sie sich, berührte ihres Sohnes und Berthildes Stirn flüchtig mit den Lippen und verließ das Zimmer. Die Verlobten saßen sich schweigend gegenüber.

»Berthilde!« sagte Armand mit leiser Stimme.

Das junge Mädchen legte die Hand auf seine Schulter.

»Ich habe nichts auszurichten vermocht für den armen Grésil,« sagte er tonlos. »Von den Leuten, die beim Löschen des Waldbrandes mithalfen, haben ihn viele gar nicht bemerkt, andre nicht wiedererkannt ...«

Die hilfreiche Hand ruhte immer noch warm und innig auf seiner Schulter.

»Berthilde,« flüsterte er, sich herabbeugend, »ich kann nicht mehr! Ich wage nicht mehr ... ach! wenn du ahnen könntest, was ich fürchte!«

Er machte sich von ihr los, setzte sich an den Tisch und legte wie ein Kind, das der Schmerz überwältigt, seinen Kopf darauf.

»Ich weiß es,« erklang es ganz leise an seinem Ohr.

»Du weißt es?« stammelte er schaudernd. »Was weißt du?«

»Ich weiß, wovor du zitterst ... ich denke dasselbe wie du.«

»Das ist unmöglich!« rief er mit einem forschenden Blick in ihre Augen. »Du kannst nicht wissen, was ich denke, was mich seit Wochen nicht mehr denken, nicht mehr schlafen, nicht mehr leben läßt ...«

»Ich weiß es, mein Liebster, mein Aermster, du mein Alles! Ich bin gewiß ... versteh' mich wohl ... ich bin gewiß, daß es so ist!«

»Und liebst mich ... trotzdem?« sagte er gedemütigt und doch erleichtert.

»Was wäre ich, wenn ich dich nicht noch inniger liebte?«

Mit kraftlosem Arm umschlang er sie und drückte sie an sein Herz.

»Ich habe dich! Die beste, zuverlässigste, großmütigste aller Frauen! Ich bin nicht allein auf der Welt, kein Paria, kein Verfluchter ...«

Die Seligkeit, dieses reine, tapfere Geschöpf mit Leib und Seele sein eigen zu nennen, kam ihm fast schmerzhaft zum Bewußtsein.

»Liebste ...« begann er, in die Wirklichkeit zurückkehrend, »Ich glaube, daß ich dich nicht recht verstanden habe ... und es aussprechen ... das kann ich nicht!«

»Laß mich dir etwas erzählen! Ich hatte eins meiner Haare, ein blondes Haar, um die innere Thürschnalle jenes ... Zimmers ... unten, du weißt doch! ... geschlungen ...«

Er nickte, zum Zeichen, daß er sie verstanden habe.

»Ich wollte wissen, ob irgend jemand es von der Bibliothek aus betrete ... Du gehst doch nicht hinein?«

»Nein. So oft ich geschäftehalber hineingehen mußte, geschah es vom Vorplatz aus.«

»Das wußte ich, und ... nun ja, am nächsten Morgen sah ich mein Haar auf dem schwarzen Kleid ...«

Er machte eine Bewegung, als ob er ihr Schweigen gebieten wollte, und sie verstummte.

»Sprich weiter!« sagte er alsbald.

»Ich sah nach ... da unten ... mein Haar war nicht mehr dort ...«

»Das beweist nichts!« warf er ein.

»Warte nur! Dann fragte ich sie: ›Wird das Arbeitszimmer des Notars auch gelüftet?‹ Sie wurde kreideweiß und gab mir zur Antwort: ›Ich weiß es nicht.‹ ›Aber man betritt es doch zuweilen?‹ fuhr ich fort. Sie kehrte mir den Rücken zu und gab keine Antwort. Dann ging ich ins Wohnzimmer und nahm ein Buch zur Hand. Nach einer Weile schlich sie ganz leise die Treppe hinunter und ging in das Zimmer ... ich stand oben, sah sie herauskommen, zog mich aber schnell zurück. Bald darauf kam sie ins Wohnzimmer, wo ich nun wieder saß, und bemerkte so beiläufig: ›Du hast ganz recht, man muß die Leute anweisen, das Zimmer ... das Zimmer, wovon du sprachst, in Ordnung zu halten. Ich traue mich nicht hinein ... ich fürchte, es könnte meine Nerven zu sehr erschüttern; aber das ist kein Grund, die Ordnung zu vernachlässigen.‹ Damit ging sie hinaus ... Ach Armand! Warum hat sie mir eine Unwahrheit gesagt?«

Er hielt das Haupt gesenkt und schwieg.

»Ich weiß auch, was du jetzt denkst ... warum ich ihr auflauere, warum ich ihr eine Falle gestellt habe? Ach Armand! Ich gebe dir ja recht ... es sieht unzart, unkindlich aus ... aber das Leben eines Unschuldigen hängt daran!«

»O mein Gott! Als ob ich das nicht nur zu wohl wüßte! ... Berthilde ... es wäre zu gräßlich ... wir müssen uns getäuscht haben ... es kann ja nicht sein!«

Sie gab keine Antwort.

»Warum hätte sie's thun sollen? Sie betete ihn an.«

»Ja,« sagte das junge Mädchen bedächtig, »sie hat ihn angebetet ... hat ihn wahnsinnig geliebt! ...«

»Nun ... und?«

»Darin liegt für mich auch das Rätsel. Hier herrscht ein Geheimnis, das wir vielleicht nie ergründen werden.«

»Berthilde,« sagte er flehend, »es kann ja nicht sein ... sag doch, daß es nicht sein kann!«

Sie gab ihm keine Antwort.

»Wie kamst du denn auf den Gedanken?« fragte er angstvoll, flüsternd.

»Das weiß ich selbst nicht recht ... Daß sie nie von ihm spricht, fiel mir zuerst auf ... ich finde es unnatürlich ... und dann ... daß sie alle Bilder von ihm weggenommen hat ...«

»Ja, das ist seltsam. Und doch ...«

Er stand erregt auf.

»Nein!« rief er heftig. »Es kann nicht sein! Ich will nicht!«

Berthilde rührte sich nicht; er trat mit verhaltenem Groll zu ihr.

»Mit welchem Recht beobachten, verdächtigen, verklagen wir eine Frau, die bisher die beste Gattin, die beste Mutter war ... meine Mutter? Es ist abscheulich!«

Er ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab; Berthilde hörte ihm schweigend zu, war aber tief erschüttert.

»Es ist abscheulich!« rief er noch einmal, vor seiner Braut stehen bleibend.

»Ja, ... abscheulich!« wiederholte sie, äußerlich ruhig. »Ich kann mich ja auch getäuscht haben ... Armand ... wenn dem so ist, bitte ich dich von ganzem Herzen um Verzeihung.«

»Ach nein!« sagte er, ihre Hand ergreifend. »Nein, nein, Berthilde! Ich habe deine Verzeihung nötig ...«

Er sah so hilflos, so todunglücklich aus, daß es ihr fast das Herz zerriß.

»O mein Liebster! Wie gern ginge ich in den Tod, wenn ich dir diesen bitteren Kelch dadurch ersparen könnte!«

Noch einmal drückte er die Hand, die so vertrauend in der seinen ruhte, dann ließ er sie frei.

»Was sollen wir beginnen?« fragte er mutlos.

»Armand ... Grésils Großmutter muß mit ihr sprechen. Sie wird ihr Dinge sagen, die wir nicht einmal andeuten können ...«

»Wer will sie dazu bewegen, die alte Frau aufzusuchen?«

»Die alte Frau soll sie aufsuchen! Ueberlaß das mir; nur steh mir zur Seite, wenn's nötig wird.«

»Ich werde immer an und auf deiner Seite sein.«

Am andern Morgen um sieben Uhr wohnte Frau Loysel mit ihren Kindern der Seelenmesse für den Verstorbenen bei, die im Dome gelesen wurde. Die Kirche war zu so früher Stunde fast leer, aber als Frau Loysel, eingehüllt in ihre Kreppschleier, nach dem Gottesdienst hinaustrat und die Stufen zu einem mit Bäumen bepflanzten Platze hinabstieg, waren doch etliche Bettler versammelt, die ihr die Hände entgegenstreckten, und hinter diesen bemerkte sie eine alte Frau in einem Rollstuhl, die ihrer zu harren schien. Berthilde trat rasch auf diese zu und lenkte den Rollstuhl derart, daß eine Begegnung unvermeidlich war.

»Mama,« sagte das junge Mädchen, »Frau Grésil will dich durchaus sprechen; du wirst ihr wohl Gehör schenken!«

Der Platz war fast menschenleer; einige Arbeiter gingen rasch vorüber, ein paar fromme Seelen eilten in die Kirche. Armand führte seine Mutter am Arm.

»Hier kannst du ungestört mit ihr reden,« bemerkte Berthilde, den Fahrstuhl nach einer seitwärts Gehenden Bank rollend.

»Frau Loysel sah scheu zur Seite, offenbar gewillt, dieser Unterredung auszuweichen; doch ihr Sohn schien dieses Gespräch ebenso selbstverständlich zu finden wie Berthilde, und so ließ sie sich denn zu der Bank führen. Die ersten Sonnenstrahlen glitten fröhlich über das schwarze Mauerwerk des Domes hin, das welke Laub der Platanen bildete einen farbenprächtigen Fußteppich.

»Gnädige Frau,« begann die Gelähmte, als die jungen Leute abseits getreten waren, »nur ein sehr dringender Grund konnte mich aus meiner Stube herauslocken ... ich habe längst gedacht, ich würde sie nur noch im Sarge verlassen ... Sie sind von jeher sehr gut gegen mich gewesen ... und Sie wissend ja ... mein Enkelsohn ist als Mörder angeklagt. Sie sind ja nicht gezwungen, mir recht zu geben, aber ich frage Sie aufs Gewissen, Frau Notar: Halten Sie meinen Ludwig, den Sie als kleines Kind, als Schulknaben und als braven Soldaten gekannt haben, halten Sie ihn für fähig, ich sage nicht einmal den Herrn Notar, sondern irgend einen Menschen umzubringen?«

Frau Loysels Hände zuckten unruhig unter dem großen Kreppschleier, aber kein Wort kam von ihren Lippen.

»Sie wissen's fast so gut wie ich, daß mein Enkelsohn kein Mörder sein kann, warum sagen Sie's nicht? Als er ins Gefängnis mußte für Prügel, die er auch nicht ausgeteilt hatte, da schwieg Ihr verstorbener Mann auch ... lieber als ein Wort zu sagen, hat er ihn verurteilen lassen ... nun, das war seine Sache, und er steht jetzt vor einem höheren Richter, der sich nichts vormachen läßt ... aber Sie, Frau Notar, wollen Sie meinen Enkel auch verurteilen lassen, ohne ein Wort für ihn einzulegen?«

Die Witwe machte eine Bewegung, als ob sie aufstehen und davoneilen wollte, aber Berthilde und Armand vertraten ihr scheinbar zufällig den Weg. Sie blieb also.

»An Ihnen ist's, einen Ausweg zu suchen, gnädige Frau,« fuhr die Alte mit der Zähigkeit des Landvolks fort. »Mein Enkelsohn kann ja seine Unschuld nicht beweisen! Schlechte Leute sorgen beizeiten für Zeugen, die ihnen helfen; aber wie sollte ein unschuldiger Mensch an so etwas denken? Wenn Sie ihn aber nicht für schuldig halten ... und Sie können ihn nicht dafür halten! ... so ist's Ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn in Schutz zu nehmen! Sie müssen Zeugnis ablegen für ihn, Frau Notar! Und das genügt noch nicht; Sie müssen den wahren Schuldigen suchen, und zwar da suchen, wo er ist!«

Die Augen der Witwe hefteten sich forschend und doch hochmütig auf die Greisin.

»Ja, da, wo er ist!« wiederholte sie. »Und er oder sie, denn es kann ja auch eine Frau sein ... warum schauen Sie mich so verwundert an? Das ist wohl möglich! ... er oder sie ist nicht weit von hier. Der Herr Notar hatte die Weiber gern ... nur nicht böse werden, gnädige Frau! Sie müssen die Wahrheit hören, und Ihre Kinder können Ihnen die nicht sagen, aber ich, die ich meinen Enkelsohn retten muß, ich kann und muß reden! Ja, der Herr Notar hatte die Weiber gern, und wenn sie ihm nur zu willen waren, kam's ihm auf den Stand nicht an. Vor uns geringen Leuten nimmt man sich nicht in acht, man braucht uns auch hie und da ... manchmal ohne daß wir's merken ... und deshalb erfahren wir so manches. Der Herr Notar hat um einer Liebesgeschichte willen sterben müssen, gnädige Frau, und wenn Sie ein richtiges Frauenherz haben, so werden Sie den Mörder ausfindig machen, und wenn Sie ein Mutterherz haben, so werden Sie sich meines armen Jungen erbarmen ...«

Die Stimme der Alten versagte, Frau Loysel nickte ihr grüßend zu und wollte sich entfernen, die zitterigen Hände hielten aber ihr Kleid fest.

»Haben Sie noch ein wenig Geduld! Ich bin alt, und ob ich in Frieden oder in Verzweiflung sterbe, daran liegt am Ende nicht viel; aber bedenken Sie das eine: wer mein Kind unschuldig verurteilen läßt, wird keine Ruhe mehr finden, jeden Tag seines Lebens wird er denken müssen, daß ein Unschuldiger Unrecht leidet, und daß eine alte Frau, die keinem Menschen Uebles wollte, in ihrem letzten Stündlein den Richter unser aller um Gerechtigkeit angefleht hat ... der Gedanke, vor ihm zu erscheinen, wird Ihnen das Sterben sauer werden lassen, Frau Notar, falls Sie jetzt der Ungerechtigkeit nicht wehren. Um Ihres Mannes Seele zu erlösen, bedürfte es schon der Buße ... wie wird es erst werden, wenn selbst nach seinem Tode seine Vergehen auf Unschuldige gewälzt werden?«

Die Gestalt der Witwe erbebte, mit scheuen Blicken sah sie zu dem herantretenden Sohn auf.

»Suchen Sie den Mörder Ihres Mannes, Frau Notar,« wiederholte die Greisin. »Gönnen Sie sich keine Ruhe, schieben Sie nichts auf, denn keins von uns weiß, wann es abberufen wird. Ich möchte kein unschuldiges Blut auf dem Gewissen haben und wünsche Ihnen diese Last auch nicht. Auf dieser Welt sehen wir uns schwerlich wieder, Frau Notar! Sorgen Sie, daß die arme alte Frau Ihnen beim Wiedersehen in einer andern Welt danken kann!«

Frau Loysel neigte den Kopf und hängte sich an den Arm ihres Sohnes, der sie schweigend wegführte. Berthilde winkte ein kleines Mädchen herbei, das Frau Grésils Rollstuhl führen sollte, und folgte den Ihrigen.

Zu Hause ging die Witwe gleich auf ihr Zimmer, schloß sich ein und kam erst um zehn Uhr wieder zum Vorschein, als der Wagen bereit war, sie nach Salvagnat zu bringen.

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