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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Sechstes Kapitel

Auf die erste Kunde von dem Unglück des Hauses hin hatte die ganze gute Gesellschaft durch Karten und Besuche Frau Loysel ihr Mitgefühl ausgedrückt, und auch die bescheidenen Freunde, die einer begüterten und mildthätigen Familie anhängen, brachten ihr Scherflein herzlicher Teilnahme dar. Grésils Großmutter hatte ein Nachbarskind geschickt, um Frau Loysel ihr Beileid aussprechen zu lassen, und Grésil selbst kam am frühen Morgen nach der That. Armand ging gerade durch die Vorhalle, da flog der alte Spielkamerad auf ihn zu und drückte ihm innig die Hand.

»Ach, Herr Armand!« sagte er leise. »Wie leid mir's thut, was ich gestern gesagt habe ... ja, wenn man an so etwas denken könnte! Nicht wahr, Herr Armand, Sie tragen mir's nicht nach?«

»Was denn, Grésil?« fragte Armand, von andern Gedanken erfüllt. »Jaso, deine Heftigkeit von gestern? Ach, Grésil! Solche Dinge liegen jetzt weit hinter mir ... nein, nein ... ich trage dir's gewiß nicht nach!«

Er drückte ihm die Hand und trat ins Zimmer. Grésil konnte sich kaum entschließen, das Trauerhaus zu verlassen. Der Tod schien den Notar von aller Verantwortlichkeit befreit zu haben, und der wackere Bursche wäre jetzt beinahe im stande gewesen, ihn um Verzeihung zu bitten.

Nachdem der Arzt versichert hatte, daß Frau Loysel außer Lebensgefahr sei, fühlte sich Armand wieder mehr Herr seiner selbst und fähiger, seine Lage zu überblicken.

Gestern hatte es genügt, daß er dem Polizeikommissar in kurzen Worten dargelegt hatte, wie er den Toten gefunden und was er nachher gethan hatte. Jetzt verlangte der Untersuchungsrichter nähere Angaben und Aufschluß über die der That voraufgegangenen Geschehnisse.

Armand wußte nichts. Er war wie sonst heimgekommen und, ohne nach dem in seiner Abwesenheit Vorgefallenen zu fragen, auf sein Zimmer gegangen. Dort hatte er zwei Briefe geschrieben, die noch auf seinem Schreibtisch lagen: ein paar Minuten vor sieben Uhr war er zur Mahlzeit heruntergekommen.

Der Amtsdiener mußte genau angeben, wer im Laufe des Nachmittags im Notariat aus- und eingegangen war. Es war ein langes Verzeichnis von Klienten, die den Gehilfen viel Arbeit gemacht hatten, der Notar selbst hatte nur eine Dame, eine Frau Fort, vorgelassen. Diese Frau Fort mußte also vernommen werden. Sie war die letzte Person, mit der Loysel vor seinem Tode verkehrt hatte, ausgenommen seine Schreiber, denen er, unter der Thür der Schreibstube stehend, noch einige Aufträge erteilt hatte. Man ließ also den ersten Gehilfen rufen.

Der Notar hatte ihm am frühen Nachmittag befohlen, den Depositenschein der Frau Fort bereitzulegen und elftausend Franken, die sie heute einlegen werde, einzutragen. Armand fand in der Schreibtischschublade elf Tausendfrankenscheine, offenbar die von Frau Fort zur Aufbewahrung überbrachte Summe. Wer war diese Frau Fort? Auf dem Briefumschlag, der das Papiergeld enthielt, stand ihre Adresse: man schickte in den dort bezeichneten Gasthof und erfuhr, daß Frau Fort den Künstlernamen Miß Liona führe.

»Miß Liona hat also dem Notar elftausend Franken übergeben. War er überhaupt ihr Sachverwalter? Hatte sie ihm früher schon Kapital anvertraut?«

Darüber wußte der Gehilfe Bescheid. Miß Liona oder Frau Fort, die von ihrem Gatten, dem gewesenen Stallmeister Fort, getrennt lebte, hatte im Laufe der letzten vier Jahre sechsundzwanzigtausend Franken in Loysels Verwaltung gegeben, und er hatte dieses Kapital aufs sorgfältigste in guten Hypotheken angelegt. Mit den gestern eingezahlten elftausend Franken belief sich die Summe demnach auf fünfunddreißigtausend Franken.

Armand war über diese Eröffnungen ganz verblüfft. Wohl war sein Vater der Vertrauensmann vieler Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft, aber diese Klientin kam ihm doch sonderbar vor. Allerdings mußte er nach einiger Ueberlegung zugeben, daß die Sache nicht so seltsam war, als sie ihm zuerst geschienen hatte. Weshalb sollte eine Kunstreiterin nicht auch Ersparnisse machen und einen Notar mit vorteilhafter Anlage ihres Kapitals betrauen? Nur, daß sie ihr Geld beharrlich in eine Provinzstadt schickte, wo sie seit vier Jahren nicht mehr aufgetreten war, blieb wunderlich.

»Vielleicht gar nicht so merkwürdig,« bemerkte der Hilfsstaatsanwalt, dem er seine Gedanken mitgeteilt hatte. »Wir haben indes jetzt keine Zeit, uns mit dieser Frage zu befassen, möglich, daß die Ereignisse selbst ein Licht darauf werfen. Jetzt muß ich dagegen einen peinlichen Punkt berühren, Herr Loysel,« fuhr er ernster fort. »Ist Ihnen irgend ein besonders heftiger Gegner Ihres verstorbenen Vaters bekannt?«

Armand sann hin und her-, nein, von heftiger, erbitterter Feindschaft hatte er in den letzten Jahren nichts vernommen. Früher hatte der Notar manchmal mit Bitterkeit von einem gewissen Crotoy gesprochen, der ihn für sein geschäftliches Mißgeschick verantwortlich mache, aber der Mann war längst von Clermont fortgegangen; nein, diese Fährte brauchte man nicht zu verfolgen.

»Aber Feinde im allgemeinen,« fuhr der Untersuchungsrichter eindringlich fort, »ist Ihnen darüber nichts bekannt?«

»Nein,« sagte Armand erschöpft. »Ich weiß, daß er Widersacher hatte, aber ich kenne sie nicht.«

»Vielleicht könnte uns Frau Loysel Aufschluß geben ...«

»Ich muß Sie dringend bitten, meine Mutter ganz aus dem Spiele zu lassen,« entgegnete Armand beinahe heftig. »Sie befindet sich trotz der Wendung zum Bessern in einem so bedenklichen Zustand, daß jede Erwähnung unsres Unglücks die schlimmsten Folgen haben könnte. Unser Arzt wird Ihnen das bestätigen. Uebrigens glaube ich, daß meine Mutter kaum mehr von solchen Angelegenheiten weiß als ich. Mein Vater sprach wenig über Geschäftliches ... wir waren immer nur bemüht, ihn aufzuheitern, zu zerstreuen ...«

Er brach ab. Ein jähes Unbehagen hatte ihn ergriffen.

»Und doch sollten Sie sein Nachfolger werden?«

»Allerdings, aber ich bin noch jung ... mein Vater hielt sehr darauf, alles selbst in Händen zu haben ... in letzter Zeit hat mich meine bevorstehende Verheiratung auch abgelenkt ...«

»Wir werden also die Gehilfen vernehmen müssen. Entschuldigen Sie meine Beharrlichkeit, Herr Loysel ... Sie haben also nicht den leisesten Verdacht?«

»So wenig, daß ich trotz aller Unwahrscheinlichkeit immer wieder an einen Selbstmord meines Vaters! denken muß.«

»Darüber wird uns wohl der Gerichtsarzt Aufklärung verschaffen.«

Trotzdem der erste Gehilfe schon seit zehn Jahren bei dem Notar arbeitete, stellte sich bald heraus, daß auch er nicht in alle Geschäfte eingeweiht war. Es fand sich, daß eine Reihe von Aktenfascikeln in Loysels Arbeitszimmer nie durch seine Hände gegangen war. Die Abschriften darin waren außerhalb der Schreibstube von ungeübter Hand gefertigt, die Fremdwörter und Fachausdrücke enthielten Fehler, die Namen waren von Loysels eigener Hand eingetragen. Dabei handelte es sich durchaus nicht immer um Angelegenheiten, die Geheimnis bleiben mußten, sondern mitunter um ganz alltägliche Geschäfte und den Gehilfen wohlbekannte Klienten. Hatte sich der Notar diese Akten vorbehalten, um seinen Gehilfen keinen vollen Einblick in die Verhältnisse der Leute zu gewähren, oder nur, weil er sich gewohnheitsmäßig keinem Menschen vollständig anvertrauen mochte?

Von Todfeinden des Notars wußte der Gehilfe auch nichts. Er kannte allerdings Leute, die ihm übel wollten aus Neid oder weil sie sich von ihm geschädigt, zu Gunsten andrer übervorteilt glaubten, aber um Mörder zu werden? Nein!

»Sie haben also keine Vermutung, keinen Verdacht?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Das ist eine ernste Sache, Herr Brécourt,« fügte der Gehilfe zögernd. »Einen Namen nennen und damit den Mann möglicherweise dem Henker ausliefern ...«

»Sie haben also einen Verdacht?«

»Ich möchte lieber nichts sagen. Später wird sich's ja zeigen.«

Die ganze Schreiberstube folgte diesem Beispiel der Vorsicht, bei den Dienstboten aber verlief das Verhör anders.

Loysel war zwischen sechs und sieben Uhr abends ermordet worden. Ein Fremder hätte nicht bei ihm eindringen können, ohne in der Vorhalle vom Amtsdiener gesehen zu werden. In dem inneren Gang, der zur Bibliothek und von da in des Notars Zimmer führte, waren die Dienstboten um diese Zeit beschäftigt gewesen. Der Thäter mußte also durchs Fenster eingestiegen sein. Armand entsann sich jetzt in der That, eins der beiden Fenster offen gefunden und geschlossen zu haben, und zwar ging gerade dieses Fenster nicht auf den Platz, sondern auf ein stilles, wenig begangenes Seitengäßchen. Ohne Zweifel hätte ein einigermaßen behender Mensch mit Leichtigkeit herein- und hinauskommen können. Noch einfacher wäre es allerdings gewesen, von außen auf den Notar zu zielen, aber Loysels eigener Revolver lag auf dem Tisch, und von den sechs geladenen Läufen war einer abgeschossen ... sollte er sich am Ende verteidigt haben?

Die Dienstboten sagten einstimmig das nämliche aus. Mit dem Wie und Warum und Ob hielten sie sich nicht lange auf, für sie war die Sache sonnenklar – Grésil und kein andrer war der Mörder.

Hatten sie doch mit eigenen Ohren mit angehört, wie er ein paar Stunden vorher dem Notar zugerufen hatte: »Sie werden es bereuen!« Zwei Schreiber und zwei Klienten vom Lande hatten es ja auch mit angehört, die konnte man als Zeugen vernehmen. Die Sache lag auf der Hand! Wozu sich den Kopf zerbrechen?

Der Untersuchungsrichter wurde sehr ernst.

Die Angabe hatte viel Einleuchtendes. Der junge Mensch war wegen Körperverletzung verurteilt worden, also offenbar jähzornig und roh. Wenn er dem Notar die Schuld an seiner Verurteilung zuschrieb, weshalb sollte er nicht zum Aeußersten geschritten sein?

»Wie kommt es denn, daß Sie den Schuß nicht gehört haben?« fragte Brécourt den Amtsdiener.

»Aber Herr Richter,« versetzte der Biedere, »es hat ja den ganzen Tag fort und fort geknallt, daß man schier hätte taub werden können. Bedenken Sie doch, die Schießbude ist gerade vor dem Hause! Ob's draußen oder im Haus geknallt hat, das hätte kein Mensch unterscheiden können!«

Das war richtig. Ob der Mörder auf diesen günstigen Umstand gerechnet hatte?

Armand war bei Vernehmung der Leute nicht zugegen gewesen.

»Wir sind einen Schritt vorwärts gekommen,« sagte ihm Brécourt nachher, »es fängt an zu tagen! Auf einer Persönlichkeit wenigstens haftet so viel Verdacht, daß es der Mühe lohnt, die Spur zu verfolgen.«

»Und die wäre?«

»Dieser junge Grésil ...«

»Grésil!« fiel ihm Armand erregt ins Wort. »Für den stehe ich ein! Er ist unschuldig!«

»Sind Sie dessen so gewiß?«

»Ganz gewiß. Um halb sechs Uhr traf ich ihn auf dem Weg nach Royal. Er ging eilends nach den Baracken hinauf, wo er eine für ihn wichtige Unterredung suchte ...«

So unbedeutend Karoline Brichol an sich war, zog Armand doch vor, ihren Namen vorderhand aus dem Spiele zu lassen.

»Eine Unterredung? Mit wem?«

»Mit einer Frau, die ihm Beweise liefern sollte, daß er unschuldig verurteilt worden sei.«

»Auf der Landstraße?«

»Ja; sie kommt um diese Zeit von der Arbeit nach Hause.«

»Daraus kann sich möglicherweise ein Alibi feststellen lassen. Wenn bewiesen wird, daß er zur Zeit des Verbrechens gar nicht in Clermont war, so ist die Anklage natürlich hinfällig.«

»Ohne Zweifel, aber selbst wenn er nicht im stande wäre, diese äußerliche Bestätigung seiner Unschuld zu liefern, mich würde sein Gericht je überzeugen, daß Grésil einer solchen Handlung fähig sei,« erwiderte Armand mit Wärme. »Ich kenne ihn von Kinderzeiten her und weiß, daß nichts Schlechtes in ihm ist.«

»Aber entschuldigen Sie, wer hinterrücks über einen Menschen herfällt ...«

»Das ist nicht wahr ... oder vielmehr ein Irrtum! Er hat diese That ebensowenig begangen und unschuldig gelitten! Ihn eines Mordes zu bezichtigen ... das, das würde ich nie dulden, es wäre eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.«

»Sie sind ein feuriger Verteidiger!«

»Weil der Gedanke empörend ist, daß ein Irrtum des Gerichts dazu führen soll, den Unschuldigen ein zweites Mal zu verdächtigen.«

»Und doch wird dieser Fall unausbleiblich eintreten,« versetzte der Hilfsstaatsanwalt kühl. »Sie nehmen lebhaften Anteil an dem jungen Menschen?«

»Meine Familie und die verstorbene Mutter meiner Braut haben sich Grésils und seines Schwesterchens angenommen, als die Kinder früh verwaisten. Wir sind miteinander aufgewachsen ... seine alte Großmutter ist eine Heilige! In diesem Knaben hätte kein böser Gedanke Wurzel schlagen können, in seiner ganzen Militärzeit ließ er sich nicht das Geringste zu Schulden kommen ... nein, nein, es ist unmöglich!«

»Und doch hat er vor zahlreichen Zeugen Drohungen gegen Ihren Vater ausgestoßen!«

»Weil er gereizt war ... Ach! Wenn Sie ihn am andern Morgen gesehen hätten, als er mich besuchte!«

»Am Morgen nach dem Verbrechen kam er ins Haus?«

»Ja, und seine Reue über seine unbesonnenen Worte würde auch Sie gerührt haben!«

»Reue, in der That?«

»Ehrliche, aufrichtige Reue!«

Der junge Jurist schwieg eine Weile.

»Ich fürchte, Herr Loysel,« sagte er dann, »daß Ihnen noch manche Enttäuschungen bevorstehen werden. Ich bitte Sie nur um eins – fallen Sie der Gerechtigkeit nicht in den Arm!«

»Wieso?« fragte Armand erstaunt.

»Indem Sie dem Burschen die Mittel liefern, sich uns zu entziehen.«

»Mein Herr,« sagte Armand verletzt, »Sie dürfen sich darauf verlassen, daß dieser Gedanke ihm und mir fern liegt.«

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