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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Fünftes Kapitel

Die Dämmerung war hereingebrochen und schwere Vorhänge verhüllten die Fenster. Mit Mühe unterschied er in dem fast dunklen Raum den Umriß von Frau Loysels Gestalt, die aufrecht neben ihrem Bett stand.

Genau so hatte sie nach ihrer Heimkehr dagestanden; Hut, Umwurf und Handschuhe lagen noch zerstreut auf der Decke; sie hatte sich offenbar nicht mit ihrem Anzug beschäftigt. In sich versunken starrte sie regungslos ins Leere, als ob Traumgesichte ihren Blick fesselten; auch als jetzt der Sohn eintrat, erwachte sie nicht aus dieser Erstarrung.

»Mama ...,« begann Armand, von neuer Angst erfaßt.

Langsam drehte sie den Kopf, doch konnte er das ihm jetzt zugekehrte Gesicht in dieser Beleuchtung nicht genau sehen.

»Liebe Mama ... warum so allein hier ... im Dunkeln?«

Er wußte nicht, wie er seine Mitteilung einleiten sollte, und sie schwieg, abwartend, was er ihr zu sagen habe.

»Ein großes Unglück ist über uns hereingebrochen, meine arme, arme Mama!« stammelte er, den Arm um ihre Schulter legend. »Gott weiß ... ich gäbe mein Leben darum, es dir ersparen zu können ... aber ... der Vater ...«

Die Mutter wich zurück und hielt sich die Ohren zu.

»Nein, nein!« stöhnte sie. »Nein ...«

»Und doch mußt du Kraft und Mut haben, das Entsetzliche zu hören, Mama ... der Vater wurde durch einen Schuß ...«

Sie entglitt dem schützend um sie gelegten Arm und fiel starr und leblos zu Boden.

Der in Eile herbeigerufene Hausarzt fand Armand und die Jungfer eifrig bemüht, Frau Loysel aus dieser mutmaßlichen Ohnmacht zu erwecken.

»Das ist keine Ohnmacht,« erklärte er nach kurzer Untersuchung, »sondern ein kataleptischer Zustand, ein Starrkrampf. Sie muß einen furchtbaren Schrecken erlebt haben ...«

»Wahrscheinlich hat sie das Schreien der Leute gehört,« sagte Armand verzweifelt, »und alles erraten! O mein armes Mütterchen! Nicht nur geliebt hat sie den Vater, angebetet, vergöttert!«

Die ganze Nacht über blieb Armand mit dem Arzt am Bett der Mutter. Nur als die Gerichtspersonen eintrafen, entfernte er sich auf kurze Zeit.

Erst gegen Morgen schlug sie die Augen auf, die aber sofort wieder zufielen.

»Meine Herzensmama!« flüsterte Armand.

Ohne die Augen zu öffnen, streckte sie die Hand nach ihm aus.

»Mein Armand! Mein Kind!« sagte sie mit schwacher Stimme.

Er umschlang sie zärtlich, und sie preßte ihn leidenschaftlich an sich.

»Du sagtest mir ... was sagtest du mir doch?« fragte sie leise.

Armand und der Arzt verständigten sich durch Blicke.

»Nichts, mein Mütterchen ... gar nichts Beunruhigendes ...«

»Belüge mich nicht!« stieß sie ungeduldig heraus.

Dann schwieg sie eine Zeitlang.

»Ist er tot?« kam es endlich wie ein Hauch über ihre Lippen.

»Du sagtest mir doch, er sei tot?« forschte sie weiter.

»Sie hat alles gehört,« flüsterte ihm der Arzt zu. »Da sie es weiß, hat Leugnen keinen Wert.«

»Meine arme, arme Mutter ... ja ... es ist wahr ... aber den Schuldigen soll die Strafe ereilen, das schwöre ich dir!«

Sie preßte Armands Hand, daß er fast gestöhnt hätte; die zarten Finger waren zu stählernen Klammern geworden.

»Ach!« stöhnte sie wild. »Sterben! Sterben! Ich will sterben!«

Die Stimme erlosch, der Griff ließ nach, der Kopf sank zurück. Die Bewußtlosigkeit wiederholte sich. Mehrmals kam sie wieder zu sich, aber immer wieder versank sie in Erstarrung. Auch in den lichten Zwischenräumen verweigerte sie hartnäckig jede Nahrungsaufnahme und blieb so regungslos, daß man sie für tot gehalten hätte ohne das immer von neuem im Ton brünftigen Flehens hervorgestoßene: »Sterben! Sterben!«

Die Besorgnis des Arztes steigerte sich, da alle Versuche, normale Lebensäußerungen herbeizuführen, erfolglos blieben, bis endlich Berthilde ans Bett trat.

»Meine liebe Mama,« sagte sie fest und bestimmt, »du hast einen Sohn. Vergiß nicht, wie Armand an dir hängt, und daß du die Pflicht hast, für ihn zu leben. Er hat keinen Vater mehr, um so mehr braucht er die Mutter. Beide auf einmal zu verlieren, das hätte er wahrlich nicht verdient, bedenke das.«

»Du hast das rechte Wort gesprochen,« sagte Frau Loysel, das junge Mädchen voll ansehend. »Es sei ... ich werde weiterleben ...«

Die Erlösung von namenloser Angst war für Armand so überwältigend, daß er fast zusammenbrach; schluchzend und unzusammenhängende Worte stammelnd, bedeckte er das farblose Gesicht der Mutter mit heißen Küssen, bis Berthilde ihn sanft von ihr wegzog.

»Ruhe, Armand! Sie braucht Ruhe und du auch. Denk' an die Pflichten, die du zu erfüllen hast; du bedarfst der Sammlung und Geistesgegenwart ... laß deine Nerven nicht Macht gewinnen, du Liebster, Aermster!«

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