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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Viertes Kapitel

Nach seiner Begegnung mit Grésil war Armand nach Hause gegangen. Es war noch nicht ganz Essenszeit, aber doch verfügte er sich bald nach seiner Heimkehr ins Speisezimmer, da sein Vater streng auf Pünktlichkeit hielt. In der Regel traf er dort die Mutter, und sie warteten gemeinsam, bis der Diener das Haupt des Hauses herbeiholte; heute war Frau Loysel noch nicht da.

»Haben Sie schon gemeldet, daß angerichtet ist?« fragte Armand den Bedienten.

»Eben will ich's thun, Herr Armand.«

Der Mann ging auf das Arbeitszimmer des Notars zu, und gleich darauf ertönte ein markerschütternder Schrei.

Armand stürzte in die Vorhalle und sah den Diener leichenblaß und am ganzen Leibe zitternd unter der gegenüberliegenden Thüre stehen.

»Hilfe!« schrie der Mann mit erstickter Stimme. »Man hat unsern Herrn ermordet!«

Armand drängte ihn beiseite und trat in seines Vaters Zimmer. Am gewohnten Platz, in seinem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch, saß der Notar regungslos, das Haupt leicht nach vorn geneigt. Der Schuß war ins linke Auge eingedrungen, denn ein schmaler Blutstreifen rieselte von der Wimper über die Wange. Offenbar war der Tod augenblicklich eingetreten: die rechte Hand hielt noch ein Papiermesser umspannt, womit der Ermordete ein vor ihm liegendes Buch aufgeschnitten hatte; ein frecher, spöttischer Ausdruck lag auf den Zügen, der im Angesicht eines Toten einen furchtbaren Eindruck machte.

Die Dienstboten rannten jetzt wie toll durcheinander, die Schreckenskunde lief von Mund zu Munde, da und dort ertönte ein Schrei.

»Still!« sagte Armand, in die Vorhalle tretend. »Soll meine Mutter den Tod davon haben?«

Tiefes Schweigen trat ein; stumm drängten sich die Leute unter der offnen Thür zusammen, während Armand wieder zu der Leiche trat. Der Tod mußte ganz kürzlich eingetreten sein, der Körper war noch warm. Ein Revolver lag auf dem Tisch: es war des Notars eigene Waffe, die er immer bei der Hand hatte.

Einen Augenblick dachte Armand an Selbstmord. Nach der ersten dumpfen Betäubung war mit dem Gefühl der Verantwortlichkeit eine seltsame Geistesklarheit über ihn gekommen. Er handelte und dachte gesammelt, und doch war ihm, als ob ein andrer an seiner Stelle stünde; seine Persönlichkeit war wie verdoppelt.

Durch das offenstehende Fenster drang der um diese Essensstunde gedämpftere Lärm des Jahrmarkts herein; der Wind blähte den Vorhang auf. Armand schloß das Fenster, zündete eine Kerze an und legte sein Ohr ans Herz seines Vaters.

»Der Herr ist tot,« sagte er, sich aufrichtend. »Bis wir wissen, ob ein Verbrechen, ob Selbstmord vorliegt, darf kein Wort darüber verlauten. Franz, Sie gehen auf die Polizei.«

Er schrieb ein paar Zeilen, steckte das Blatt in einen Umschlag und gab ihn dem Bedienten. Sobald dieser fort war, befahl er den Leuten, in die Gesindestube zu gehen.

»Wenn nur die Mutter nicht herunterkommt!« war sein steter Gedanke. »Wie ihr das Geschehene verbergen? Wie es ihr mitteilen?«

Frau Loysel konnte jeden Augenblick kommen, ja, es war auffallend, daß sie noch nicht unten war. Mit einer Kaltblütigkeit, die ihm späterhin unbegreiflich war, sah er sich im Zimmer um, doch nirgends war eine Spur von Unordnung zu bemerken, die Akten schienen ruhig in ihren Fächern zu liegen. Am Kassenschrank hing das Schlüsselbund; er schloß ab und steckte die Schlüssel ein. Eine blonde Schildpattnadel lag neben dem Revolver auf dem Schreibtisch, mechanisch schob er sie in die Westentasche, um sie seiner Mutter zu bringen. Die Börse des Verstorbenen war unberührt; ein Raubmord hatte keinesfalls stattgefunden.

Indem er diese kleinen Handlungen vornahm, kam Armand sich vor wie ein Kind, das an Verbotenes rührt. Der Vater hatte ihm nie erlaubt, den Kassenschrank zu öffnen oder zu schließen, es war ihm, als ob er Achtung und Gehorsam verletzte. Als er sich jetzt anschickte, das Zimmer zu verlassen, wurde ihm das Herz sehr schwer. Er trat noch einmal zu der Leiche und preßte seine Lippen auf die mehr und mehr erkaltende Hand.

»Vater, mein lieber Vater!« sagte er flüsternd. »Es ist ja nicht möglich! Du hattest ja keine Angst, keine Sorgen ... das Leben war dir lieb und du ihm ... wie hättest du selbst es dir rauben sollen? Weshalb hättest du uns verlassen wollen? Wir thaten doch unser Möglichstes, dich glücklich zu machen ...«

Schluchzend umschlang er den noch nicht ganz erstarrten Leichnam mit beiden Armen.

»Mein armer Vater! Welcher Elende konnte es wagen ... und aus welchem Grunde? Warst du nicht geschätzt und geliebt von allen? ...«

Er hielt inne, ein leiser, unsäglich schmerzlicher Zweifel stieg in ihm auf. Nein! Alle hatten ihn nicht geschätzt und geliebt, das wußte Armand. Der Notar selbst hatte zuweilen von Feinden gesprochen ... aber ein Haß, der den Gegenstand am hellen Tage im eigenen Haus überfällt und ermordet, das deutete auf seltene Gereiztheit und Kühnheit. Doch jetzt war's nicht an der Zeit, darüber nachzudenken.

»Die Mutter!« durchbebte es den jungen Mann. »Wie soll ich es ihr beibringen? Sie könnte den Tod haben von diesem Schrecken! Und wenn sie diesen Schlag überlebt – welch unabsehbarer Jammer bis an ihr Ende!«

Er verriegelte die Thüre nach dem Vorplatz von innen, verließ das Sterbezimmer durch den Ausgang nach der Bibliothek, schloß auch hier ab und steckte den Schlüssel zu sich, so daß niemand den Raum betreten konnte. Dann begab er sich ins zweite Stockwerk. Fast hätte ihm der Mut versagt, als er vor dem Schlafzimmer seiner Mutter stand, aber er überwand sein Bangen und klopfte an. Keine Antwort erfolgte; er pochte noch einmal, dann trat er ein.

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