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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Drittes Kapitel

In den Straßen von Clermont wimmelte es von Menschen und Getier. Ochsen wurden, meist von Bauersfrauen, herangetrieben und hemmten den Verkehr, der Fußsteig war mit Stroh und Heu aus geleerten Kisten bedeckt, da und dort kollerte Obst aus einem umgeworfenen Korbe. Man stieß und drängte nicht gerade, aber das Spazierengehen hatte seine Schwierigkeiten.

»Ein wunderlicher Einfall von Papa, daß ich gerade an einem Markttag Besuche machen soll!« bemerkte Frau Loysel lachend.

»Heute ist doch Frau Firminys Empfangstag.«

»Natürlich, und wenn's zu deiner Braut geht, findest du den Weg immer angenehm! – Ach! Die ist wieder da!« rief Frau Loysel hastig, auf den Anschlagzettel einer Kunstreitergesellschaft weisend.

»Wer denn?« fragte der Sohn.

»Miß Liona, die Schulreiterin.«

»Miß Liona? Ach ja ... ich erinnere mich ... sie war seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr hier ...

»Seit vier,« belehrte ihn die Mutter kurz, indem sie rasch weiter ging. »Da kommt ja die ganze Bande!«

Langsam zog eine Reiterschar durch die Straße, die Männer in der Tracht Ludwigs XIII., die Frauen in goldbetreßten Sammetkleidern, dazwischen geschmückte Karren mit Musikanten, die aus Leibeskräften ihre Blasinstrumente ertönen ließen oder auf der Guitarre klimperten, während die Artisten dem Publikum huldvoll zulächelten. Zwei oder drei Elefanten, ein Dromedar, der gebildete Esel und eine Koppel Hunde vervollständigtes das Künstlerpersonal.

»Sie ist nicht dabei!« sagte Frau Loysel, die den Zug gemustert hatte, ohne auf das harmlose Geplauder ihres Sohnes zu achten.

»Diese Miß Liona? Glaubst du, daß du sie wiedererkennen würdest, Mama?«

»O ja!« erwiderte die Mutter, ihren Weg fortsetzend.

Armand sah sie überrascht an. Das hübsche Gesicht war so düster geworden, daß es ihm ganz fremd vorkam. Die feinen kleinen Züge waren nicht für einen tragischen Ausdruck geschaffen, und doch trugen sie ihn jetzt; die plötzlich eingesunkenen Augen schienen nach innen zu blicken.

»Du bist doch nicht krank, Mama?« fragte er erschrocken.

»Nein,« versetze sie, sich mühsam zum Lächeln zwingend. »Nur eine peinliche Erinnerung ... du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen! Da sind wir ja am Ziel ... willst du klingeln?«

Die Thür des alten, in einer stillen Seitenstraße gelegenen Hauses that sich auf, und die beiden standen alsbald vor dem großen, freundlichen Wohnzimmer, wo ein Kreis von Damen um Frau Firminy versammelt war. Man plauderte lebhaft und Frau Loysel glaubte von außen ihren Namen zu hören. Die Meldung des Dieners rief eine plötzliche Stille hervor, und mit dem Gefühl, die Gevatterinnen im schönsten Klatsch ertappt zu haben, trat die Notarin ein.

»Eben war von Ihnen die Rede!« begrüßte sie die Hausfrau, das Bedürfnis nach einer Erklärung empfindend. »Das ist zwar fast selbstverständlich in einem Haus, dem Sie so bald die Tochter entführen wollen ... Wie befindet sich der Herr Notar?«

Frau Loysel teilte mit, daß es ihrem Manne gut gehe, und wunderte sich im stillen, daß diese Nachricht so große Teilnahme erregte und alle Welt die Sprache verloren zu haben schien. Unter genauen Bekannten kommt das Gespräch indes rasch wieder in Fluß, und die Befangenheit der ersten Augenblicke war bald überwunden.

Armand war mit Berthilde hinter den seitwärts ausgestellten Theetisch getreten, und nach kurzer Begrüßung vertiefte sich das Brautpaar in ein vertrautes Gespräch.

»Hast du den Grésil gesehen?« fragte das junge Mädchen plötzlich.

»Der arme Junge! Ja, er war bei uns ... ungeschickterweise, um meinem Vater eine Scene zu machen. Das thut mir sehr leid, denn Papa haßt derartiges ... ich fürchte, er hat sich geschadet.«

»Dein Vater sollte sich für ihn verwenden,« versetzte Berthilde, die ehrlichen, von Mitleid und Güte leuchtenden Augen fest auf ihren Verlobten heftend; »Grésil ist unschuldig ... ich wollte schon heute früh darüber sprechen, aber jetzt muß es sein.«

»Auch ich bin von seiner Unschuld überzeugt, aber mein Vater will sie nicht erkennen. Du weißt ja, er hält fest an seinen Meinungen ... Das ist sogar eine von den Eigenschaften, die ihm seine hervorragende Stellung eingetragen haben.«

»In diesem Fall hat er unrecht. Das Gericht hat einen Unschuldigen verurteilt, Armand! Gibt es denn seine Möglichkeit, das Urteil anzufechten und den Schaden wieder gutzumachen?«

»Wenn es sich um eine so unbedeutende Sache handelt,« versetzte Armand, den Kopf schüttelnd, »sind die Leute viel zu bequem, das Verfahren noch einmal aufzunehmen. Wie kommst du aber zu dieser unumstößlichen Gewißheit von Grésils Unschuld, Berthilde?«

»Durch seine Großmutter. Du weißt ja, wie er an ihr hängt – er hätte sie nicht belogen, wenn er schuldig wäre. Ueberhaupt habe ich ihn nie auf einer Unwahrheit ertappt. Wenn er als kleiner Junge mit seinem jetzt verstorbenen Schwesterchen mit uns spielte, war er wohl wild, unbändig, heftig, aber ehrenhaft wie nur du selbst!«

»Was für ein Verteidiger du bist!« sagte Armand, ihr tief in die leuchtenden Augen blickend. »Wenn ich je vors Schwurgericht komme, mußt du mein Anwalt sein, versprich es mir!«

»Von Herzen gern!« versetzte sie lachend. »Frauen dürfen zwar vor Gericht nicht auftreten, nicht einmal in eigener Sache, aber ich kann dir ohne Gefahr mein Wort darauf geben – dich wird man nie eines Verbrechens zeihen!«

»Wer weiß? Denke an den armen Grésil!« warf Armand mit einer gewissen Wehmut hin.

Ein warnender Blick von Armands Mutter, die ihr Gespräch halb gehört, halb geahnt hatte, ließ die jungen Leute abbrechen. Bald darauf brach die Notarin auf, und Armand schickte sich etwas widerstrebend an, sie zu begleiten.

»Lassen Sie uns Armand noch!« bat Berthilde. »Wer soll mir denn helfen Thee und Kuchen herumreichen?«

Mit wahrhaft mütterlichem Ausdruck küßte Frau Loysel die reine Stirn des jungen Mädchens. Der einzige Wunsch, dessen Erfüllung ihr das Schicksal versagt hatte, war der Besitz einer Tochter gewesen: nun hatte sie in diesem Mädchen, das sie von der Wiege an kannte, die beneidenswerteste Schwiegertochter gefunden.

»So behalte ihn eben heute ... bis du ihn mir ganz entziehst!«

»Eifersüchtig, Mama?« fragte Berthilde neckisch.

»Auf Armand? Nein! Es ist der Lauf der Welt, daß Söhne heiraten, und ich bin eine vernünftige Mutter.«

»Höchstens auf den Papa ist sie eifersüchtig,« warf Armand lustig hin, da ihm immer das Herz aufging, wenn er die beiden so heiter verkehren sah.

»Mach keine dummen Witze!« verwies ihn die Mutter mit einem Anfluge heimlicher Gereiztheit, der Berthilde beunruhigte.

»Ach Mama!« schmeichelte sie leise im kindlichsten Tone. »Wenn Armand Schelte bekommt, muß ich ja weinen!«

Beide lachten, und doch waren ihnen die Augen feucht geworden. Mit einem innigen Kuß trennten sie sich.

Als Frau Loysel jetzt allein durch die stille Straße mit den hohen, altersgrauen Häusern ging, war ihr Herz beklommen. Der Anblick des jungen Paares stimmte sie zum Nachdenken über ihre eigene Ehe, die nicht ohne Kämpfe geblieben war.

Loysel war von Natur herrisch und hatte diese Anlage aufs glänzendste ausgebildet. Seine Frau, die er aus Neigung geheiratet hatte in einem Alter, wo bei ihm noch die ganze Selbstherrlichkeit der Jugend in Blüte stand, war nicht ohne Kämpfe ins Joch seines oft launischen Willens gebeugt worden.

Bei den meisten Frauen hebt Liebe den Widerstand auf; bei Frau Loysel war Fügsamkeit nicht zur Gewohnheit, sondern zur stündlich geforderten Pflicht geworden. Ihrer kräftigen und erregbaren Natur widerstrebte es meist, den Einfällen ihres Gebieters, deren Grund und Ziel selten verständlich war, Genüge zu thun; sie hätte wenigstens wissen mögen, warum ihr dies oder jenes zugemutet wurde, doch meist wurden ihr die Gründe vorenthalten, weil der Notar es ratsam fand, selbst harmlose Gedanken in Geheimnis zu hüllen, um keine Genossenschaft entstehen zu lassen, die in andern Fällen beengend sein könnte.

Gegen dieses häusliche Regierungssystem hatte sich Frau Loysels Verstand von jeher aufgelehnt und bäumte sich heute noch dagegen, aber der Gatte war unüberwindbarer Herrscher geblieben, weil sie rasend in ihn verliebt war.

Diese Leidenschaft war zu Anfang ihrer Ehe noch nicht vorhanden gewesen. Auf die ersten Jahre des Glücks war eine Zeit verhältnismäßiger Entfremdung gefolgt, dann eine Annäherung in einer Stunde der Anfechtung, wo der Herr und Gebieter das Bedürfnis gefühlt hatte, die Frau in seine Kümmernisse einzuweihen. Durch Mitleid hatte er sie zurückgewonnen, sie festzuhalten dienten ihm andre Mächte.

In ihrer klugen Feinfühligkeit war sie sich wohl bewußt, daß er ihr vieles vorenthielt, was ihn beschäftigte und was sie hätte wissen sollen, ja, mit dem Spürsinn der Liebe entdeckte sie auch, daß er ihr häufig Unwahrheiten sagte, sie in vielen Punkten täuschte. Dagegen empörte sich ihr sittliches Bewußtsein, sie stellte ihn zur Rede und – er fertigte sie mit seinem überlegenen Lächeln ab, das einem liebenden Herzen so weh thut.

Sie schwur sich dann wohl, diesen Mann zu hassen; und wenn sie sich der Unfähigkeit zum Hassen bewußt wurde, nahm sie sich vor, wenigstens gleichgültig gegen ihn zu werden, aber er brauchte sie nur m seiner besonderen Weise anzusehen, nur ihre abgewendete Wange mit seinen Lippen zu streifen, nur ihre widerstrebende Hand festzuhalten, so stand sie widerstandslos, besiegt vor ihm, willig, alles zu ertragen, wenn er sie nur noch ein wenig liebhaben, oder vielmehr ihr Liebe vorspiegeln wollte.

Diese Zustände erzeugten aber insgeheim eine große Bitterkeit und eine gewisse Selbstverachtung, die wechselnde Stimmungen hervorrief und den Verkehr mit ihr, sogar für die Nächsten, mitunter schwierig machte. Frau Loysel hatte nach und nach mit der Jugend selbst auch die Jugendfreundschaften von sich abfallen lassen. Sie verkehrte zwar mit der guten Gesellschaft des Städtchens, aber Freundinnen konnte diese ruhelose Seele, deren Glück aus Angst und heimlicher Not zusammengesetzt war, nicht haben.

Von Zeit zu Zeit trug der Wind eine schmetternde Fanfare bis in die stille Straße, durch die Frau Loysels Weg führte; die Kunstreiter durchzogen das ganze Städtchen. Der Klang berührte sie besonders peinlich; sie flüchtete davor in die engsten Gäßchen der Altstadt, aber er verfolgte sie auch dorthin. Schließlich klingelte sie an einem Hause, mehr mit der Absicht, sich selbst zu entrinnen, als um Freunde zu sehen.

Auch hier wurde geschwatzt.

»Sie mögen sagen, was Sie wollen, der schöne Notar und Miß Liona ... Ach! Liebste Frau Loysel, Sie haben sich ja eine Ewigkeit nicht mehr blicken lassen ...«

Mit trockenen Lippen und gepreßtem Herzen nahm sie Platz und sprach über Gleichgültiges.

Miß Liona! Vier Jahre lang war sie nicht mehr in Clermont erschienen, die Notarin glaubte die Erinnerung an sie schon abgeschüttelt zu haben, und nun drängte sich dieser Name und diese Person mit roher Gewalt ihren Augen, ihren Ohren, ihrem ganzen Nervensystem auf. Ganz Clermont wußte es, und sie wußte es auch – Miß Liona hatte dem Notar ihre Gunst geschenkt. Er hatte sich auch nicht einmal herabgelassen, es zu leugnen, er leugnete überhaupt nie, sondern begnügte sich, die Achseln zu zucken und die Verdächtigung mit Verachtung zu strafen. Nach der Abreise der Schulreiterin war jedoch eine besondere Zärtlichkeit für die Gattin über ihn gekommen ... lag darin kein Geständnis?

Ja, sie war eifersüchtig, wahnsinnig eifersüchtig! Eifersüchtig auf vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges Glück, und diese Eifersucht, die, uneingestanden, fast unbewußt in ihr geschlummert hatte, kam zum Ausbruch angesichts dieser Rücksichtslosigkeit der einstigen Nebenbuhlerin, die dreist genug war, an den Ort zurückzukehren, wo ihr Abenteuer so viel Staub aufgewirbelt hatte.

Nachdem ihr Besuch die schickliche Zeit gewährt hatte, verabschiedete sich Frau Loysel. Durch einen langen Spaziergang in den entlegensten Stadtteilen versuchte sie, das in ihren Adern tobende Fieber zu dämpfen. Ueber eine Stunde war sie gegangen, ohne auf ihren Weg zu achten, da schlug es fünf Uhr. Es war hohe Zeit, nach Hause zu gehen.

Schon war sie ihrer Wohnung so nahe, daß sie deutlich die vergoldeten Buchstaben des Namensschildes an der Hausthüre unterscheiden konnte, als der Umriß einer Frauengestalt sichtbar ward, die heraustrat, die Stufen herabstieg und ihr entgegenkam. Sie trug ein knapp sitzendes Jäckchen, eine dunkle Mütze, das etwas verblühte Gesicht mit den regelmäßigen Zügen war von einem Schleier verhüllt; der Erscheinung nach konnte es eine Dame aus der besten Gesellschaft sein. Ihre blauen Augen hefteten sich flüchtig mit vollkommener Gleichgültigkeit auf Frau Loysel, diese aber blieb plötzlich stehen.

Das Bildnis auf den Anschlagzetteln war nicht schlecht, trotz des veränderten Anzugs war es unverkennbar Miß Liona, die das Haus des Notars verließ.

»Sie ist weder jung, noch schön,« überlegte die Notarin. »Worin liegt es nur ...«

In der Vorhalle saß der Amtsdiener, die Zeitung in der Hand.

»Viele Leute dagewesen?« fragte ihn Frau Loysel. »Hat der Herr Notar Klienten empfangen?«

»Nur eine Dame ... sie ging eben erst weg,« lautete die Antwort.

Frau Loysel ging die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Nachdem sie Hut, Umwurf und Handschuhe aufs Bett geworfen hatte, blieb sie regungslos stehen, taub für all das Getöse, das vom Jahrmarkt hereindrang.

*

Gegen fünf Uhr hatte Armand sich von seiner Braut getrennt. In friedlicher Glückseligkeit kehrte er ins Elternhaus zurück; alles Freudige, was sein Leben bisher verschont hatte und was er von der Zukunft hoffte, stand vor seiner Seele. Berthilde verkörperte ihm den Inhalt des Lebens. Sie hatten sich als Kinder gründlich kennen gelernt, die Fehler, die jedem anhaften mochten, störten die Zuneigung nicht, in ehrlicher Kameradschaft hatten sie einander dulden gelernt. Ihre Liebe war aus dem Gefühl gegenseitiger Unentbehrlichkeit herausgewachsen. Die Vorstellung einer Trennung, unter der sie während Armands Militärzeit gar nicht gelitten hatten, war ihnen beim ersten Wiedersehen unerträglich erschienen.

Wie leicht und schön es sein mußte, an der Seite dieses reizenden und klugen Geschöpfs zu leben! Sie hatte ja alle Tugenden, mitunter fand Armand sogar, daß sie ihrer zu viele habe, er hätte sie manchmal weniger unangreifbar gewünscht, ein wenig mehr menschliche Schwachheiten an ihr entdecken mögen. Waren denn in diesem lauteren Gold gar keine Schlacken? Offenbar nicht!

Als er mit seinen Gedanken an diesem Punkt angelangt war, wurde er durch den eilig an ihm vorüberstürmenden Grésil seiner Träumerei entrissen.

»Oho, Grésil! Nur nicht anrempeln!« rief er ihm zu.

»Verzeihen Sie, Herr Armand ... ich habe Sie gar nicht gesehen!«

»Wohin geht's denn so eilig und mit so finsterem Gesicht?«

»Wenn man mit Unrecht gestraft worden ist, ist's einem nicht gerade lustig zu Mut! Ich will in die Vorstadt hinaus, um jemand zu sprechen, der mir vielleicht Aufklärung geben kann.«

»Auf der Straße?«

»Freilich, Herr Armand ... Ihnen kann ich's, ja wohl sagen ... die Frau Brichol möcht' ich treffen.«

»Grésil! Das ist nicht recht!« sagte Armand verweisend.

»Es handelt sich nicht um das, was Sie meinen ... heute wenigstens nicht,« versicherte der junge Mensch ehrlich. »Ich hab' so meine Ideen, und ich will der Sache auf den Grund gehen. Sehen Sie, ich laß mir's nicht ausreden, daß Brichol den Streich geführt hat.«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil er starke Schürfungen davongetragen hat und ... kurz und gut, weil er gerade so aussah, als ob er von einer Schlägerei käme. Ich weiß auch, daß er in der Nacht nicht nach Hause kam ... auf dem Stroh hat er geschlafen in Borjus Wirtshaus ... Borju sagt es. Nun gut ... und Frau Brichol soll mir bezeugen, daß er nicht heimgekommen ist.«

»Wie käme sie dazu, die Beweise gegen ihren Mann zu liefern?«

Grésil zwinkerte bedeutungsvoll mit den Augen.

»Weil sie ihn nicht ausstehen kann, während sie ...«

»In dich verliebt ist? Grésil! Du bist auf schlimmen Wegen! Eine verheiratete Frau!«

»Gibt noch andre Leute, die verheirateten Frauen nachstellen,« brummte Grésil mit einem Seitenblick nach dem Hause des Notars, »bei denen kräht kein Hahn danach, nur arme Teufel müssen dran glauben! Sehen Sie, Herr Armand, die Karoline muß mir sagen, ob ihr Mann in jener Nacht heimgekommen ist ... ja oder nein ... Dann weiß ich, was ich zu thun habe. Sie arbeitet da droben, bei Bürgersleuten, und um sechs Uhr macht sie Feierabend. Wenn ich sie unterwegs treffe, so schwatzen wir ein wenig miteinander ... und zwar nicht von Liebe, Herr Armand, danach ist mir heute nicht zu Mut! Guten Abend, Herr Armand!«

Er entfernte sich, kehrte aber nach wenigen Schritten um.

»Noch eins möcht' ich Ihnen sagen, Herr Armand ... ich bin Ihnen trotz alledem von Herzen dankbar. Ihr Vater kann mich nicht ... oder nicht mehr leiden ... warum? Ich kann mir's denken, aber das sind keine Geschichten für Sie. Und doch haben Sie immer Partei für mich genommen, Herr Armand, und das war schön von Ihnen. Die ganze Zeit hab' ich an Sie und an Fräulein Berthilde gedacht. Ich weiß gewiß, daß Sie beide mir keine Lüge zutrauen. Einen Menschen prügeln bis er für tot liegen bleibt, das ist schlimm, aber so etwas kommt unter Leuten unsres Schlags vor ... Wenn ich's gethan hätte, so hätt' ich's gesagt. Und wenn's noch eine Prügelei gewesen wäre, aber hinterrücks über einen Menschen herfallen, das ist feig, dessen bin ich nicht fähig! Und ich frage Sie, weshalb hätte ich ihm denn etwas zuleide thun sollen, einem Mann, den ich in meinem Leben nicht gesehen habe?«

»Aber du sagst, Brichol sei der Thäter, und Brichol kannte ihn doch ebensowenig?«

»Brichol war so betrunken, daß er kaum stehen konnte, und wenn er einen Rausch hat, schlägt er blindlings drein. Lassen wir's ruhen, Herr Armand ... auf alle Fälle danke ich Ihnen.«

Grésil setzte seinen Weg fort und machte seinen Kriegsplan. Karoline Brichol war ein rosiges, rundliches Weibchen von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren. Sie war fürs Wohlleben und Vergnügen geschaffen, allein das Schicksal hatte sie in eine Lebenslage versetzt, wo man arbeiten muß, um satt zu werden. Arbeiten that sie denn auch, aber wider Willen, wenngleich mit Geschick. Mit siebzehn Jahren hatte sie einen Arbeiter der Maschinenfabrik geheiratet, der in seinem Fach tüchtig war, aber dem Trunk ergeben. Man hatte sie gewarnt, aber sie hatte ihn doch genommen, weil sie damit des Arbeitens enthoben zu sein glaubte, ueber diesen Irrtum hatte Brichol sie indes bald aufgeklärt. Er hatte einen guten Lohn, aber der Montag und manchmal auch andre Wochentage fielen aus, so daß die niedliche Karoline entweder ihre Kundschaft beibehalten mußte, oder auf allen Putz verzichten.

Bald sah sie auch ein, daß darin ihr einziges Heil lag. Sie entging auf diese Weise der Gesellschaft des plumpen Gesellen, der häufig auch daheim bei der Flasche saß, verkehrte mit feinen Damen, deren Kleider sie schneidern oder ausbessern mußte, lernte die neuesten Moden kennen, die sie für ihren eigenen Anzug benutzen konnte.

Auch an Verehrern fehlte es ihr nicht, aber sie war klug und besonnen, man wußte nie, wer in Gnade stand. Brichol neigte nicht zur Eifersucht, aber er war auch kein Einfaltspinsel. Er that, als ob er von nichts wüßte, und erhielt seine Frau in dem Glauben, daß sie bei dem geringsten Verdacht die Kraft seiner Fäuste zu spüren bekäme. Das schrieb sich Karolinchen hinter die Ohren, und so wurde diese wunderliche Ehe häufig als musterhaft angeführt.

Grésil war nach seiner Rückkehr vom Regiment in derselben Werkstatt mit Brichol in Arbeit getreten und bald von der katzenhaften Anmut und den Glutaugen der Frau seines Kameraden gefangen genommen worden. Er war jung und verhältnismäßig unerfahren, denn auch nach sechs Monaten sogenannten Glücks war er sich noch nicht bewußt gewesen, daß man ihn umgarnt und eingefangen hatte. Aber die vierzehn Tage Gefängnis hatten ihm Muße zum Nachdenken verschafft, und es war merkwürdig, in welch andern Licht er jetzt viele Dinge sah. Auch seine Verehrung für den Notar Loysel, der ihm bisher als eine Art von Schutzgeist erschienen war, brach zusammen wie eine Operndekoration.

Die Sonne war schon hinter den zackigen Linien der Berge verschwunden, als er sein Ziel erreichte; der junge Mann setzte sich auf einen Felsblock seitwärts von der Straße, um Karoline abzupassen. Bald erklang denn auch ein leichter Schritt auf dem harten, sonnenverdorrten Boden, und an einer Biegung der Straße wurde eine weibliche Gestalt sichtbar. Mit einem Satz stand Grésil vor ihr.

»Ach! Herr Grésil! Mich so zu erschrecken!«

»Den ›Herrn‹ kannst du heute beiseite lassen,« herrschte er sie an. »Komm da herein ... da hört uns kein Mensch, und ich habe mit dir zu reden.«

Ohne Umstände ergriff er ihr Handgelenk, zog sie über den Straßengraben in das niedere Gehölz herein bis zu einer kleinen mit kaum meterhohen Bäumchen bestandenen Schlucht, wo kahles vulkanisches Gestein in Blöcken wirr durcheinander lag und einen unten vorbeiführenden Fußweg überragte.

»Hier wird uns niemand stören,« sagte er, »und wir können uns in Ruhe aussprechen.«

»Aber ich muß nach Hause,« entgegnete sie, die holde Unschuld spielend, »was wird Brichol sagen, wenn ich mich verspäte?«

»Du bist doch sonst nicht verlegen um Ausreden,« warf er geringschätzig hin, »spiel nicht die Zimperliese!«

»O Grésil! Wie kannst du so mit mir reden? Ich habe dich ja so lieb!«

»Wenn das wahr ist, so wäre mir geholfen ... zum Süßholzraspeln hab' ich aber heute keine Zeit. Gib mir Antwort ... um wieviel Uhr kam dein Mann nach Hause in der Nacht, wo ich an seiner Stelle eingesteckt wurde?«

»Wie soll ich denn das noch wissen?« erwiderte sie kläglich. »Vierzehn Tage haben wir uns nicht gesehen, und das ist alles, was du mir zu sagen weißt?«

»Für andres habe ich heute keinen Sinn. Sei so gut und besinne dich und steh mir Rede ... du willst dich ja nicht verspäten!«

Der Wind war lebhaft geworden und strich ihnen über Gesichter und Schultern; er führte nicht nur den würzigen Duft der Heide, sondern auch einen scharfen brandigen Geruch mit sich.

»Es brennt auf den Bergen,« bemerkte sie schnüffelnd.

»Laß es brennen und gib mir Antwort!« befahl Grésil in einem Ton, der alles Entschlüpfen abschnitt.

»Ja, was soll ich dir denn sagen? Weiß ich's denn? Um neun Uhr ging ich zu Bett ... als ich aufwachte, schlief er noch.«

»Und er war betrunken?«

»Das kommt so oft vor, daß ich mir's nicht merken kann!«

Er schüttelte sie am Arm.

»Willst du einmal im Leben ehrlich sein oder nicht?«

»Ach! Mein lieber Grésil! Ich bin dir ja so gut! Sei doch nicht so bös mit mir, sondern gib mir einen Kuß ...«

»Nichts dergleichen,« erklärte er, sie von sich schiebend. »Du mußt mir Rede stehen! Ich bin für einen andern gestraft worden, und ich werde diesen andern zu finden wissen, und wenn der Teufel ihm beistünde. Ich sage ja nicht, daß ich dann ihn ins Loch bringen werde, denn das könnte ich nicht, auch wenn ich wollte, und meine vierzehn Tage Gefängnis würden mit doch nicht abgewaschen, aber wissen will ich, wer's war, und ich werde es herausbringen!«

Frau Brichol war jedoch ebenso fest entschlossen zu schweigen; sie wandte mit trotziger Miene den Kopf ab und klopfte mit dem Absatz auf den Boden. Der junge Mann hätte gute Lust gehabt, sie zu schlagen, aber ein seinem Stand sonst fremdes Gefühl der Achtung vor dem Weib, wohl bei den Kinderspielen mit Berthilde Firminy in ihm entstanden, hielt ihn davon ab. Mit Hilfe einiger gesalzener Bemerkungen trieb er sie jedoch aus der Verschattung des Schweigens heraus, und zankten sie sich einmal, so durfte er auch aus irgend eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite hoffen. So tauschten sie denn wohl eine Stunde lang herbe Wahrheiten aus, ohne auf ihrem Felsensitz darauf zu achten, daß die Nacht hereinbrach, und daß ein dichter Rauchschleier sich über der Heide ausbreitete.

»Du willst mir's nicht sagen,« rief Grésil endlich, auf die Füße springend, »und das ist so gut wie ein Geständnis! Wärst du ehrlich gewesen, so hätte ich dir verzeihen können ...«

»Verzeihen? Was denn? Daß ich dir meinen Mann nicht ans Messer liefere?«

»Deinen Mann? Weil du dir einen Pfifferling aus ihm machst! Als ob ich nicht wüßte, warum ihr mit einemmal zusammenhaltet – nur weil er bei deinem Verhältnis zum Notar Loysel auch seine Rechnung findet.«

»Gut,« sagte Karoline, den Kopf zurückwerfend, »ich gehe. Grésil, du bist ein Esel.«

»Lieber ein Esel als ein Tropf. Mach, daß du heimkommst ... ich gehe einen andern Weg. Gute Nacht.«

»Aber es ist ja schon ganz dunkel!« klagte sie. »Soll ich denn allein gehen?«

Ein rötlicher Lichtschein, flüchtig wie ein Blitz, glitt plötzlich über ihre Gestalten, und eine Rauchwolke trieb ihnen das Wasser in die Augen.

»Es brennt nicht weit von hier,« erklärte Grésil. »Eine dumme Geschichte! Da kommen gewiß Leute und man sieht uns beisammen ...«

Fünfzig Schritte vor ihnen flackerte eine Flamme auf. Der Wind hatte Funken hergetragen, und das dürre Gras fing knisternd zu brennen an.

»O, Grésil!« schrie die Frau entsetzt. »Wir müssen verbrennen! Wir sind umzingelt!«

»Willst du mir die Wahrheit sagen?« herrschte er sie an. »Wenn nicht, so geh' ich und lasse dich allein hier. Ein Mann kommt immer noch durch ... vorwärts ... wirst du reden oder nicht?«

Sie waren rings von Qualm, Rauch und Feuer umgeben. Schlangenartig huschten die Flammen durch das dürre Gestrüpp, bald hell auflodernd, bald wieder verschwindend, als ob sie an der Angst des jungen Weibes ihre Freude hätten und gierig die schlanken Hälse nach ihr reckten.

»Rette mich!« kreischte sie. »Dann sag' ich dir alles!«

Er führte sie an den äußersten Rand des Felsblocks, der den Hohlweg überragte.

»Sprich erst, oder ich gehe!«

Noch zögerte sie, aber qualmender Rauch beizte ihr die Augen, die ihr so weh thaten, daß sie nachgab.

»Nun ja ... es ist wahr!«

»Was ist wahr?«

»Was du gesagt hast ... führe mich fort!«

»Warte noch ein wenig! Also Brichol hat ihn niedergeschlagen?«

»Ja ... rette mich ...«

»Und der Notar weiß es?«

»Ja ... aber jetzt hilf mir doch, daß ich fortkomme!«

»Und warum hat er mich als Thäter angegeben?«

»Weil er einen Zorn auf dich hat ... meinetwegen ...«

»Dacht' ich mir's doch! Und dein Mann ... dem nimmt er's nicht übel?«

»Nein,« sagte sie wegwerfend. »Er weiß ja, daß Brichol seinen Mund halten wird, so lange ... aber ich brenne, Grésil, ich brenne!«

Ein Funke hatte ihren Rocksaum in Brand gesteckt, doch Grésil zerdrückte das Feuer mit beiden Händen. Sie standen jetzt mitten im Feuer wie auf einem kleinen Vulkan, in einem Umkreis von zweihundert Metern brannte das Heidekraut lichterloh und krachend. Der Wind drückte die Flamme herunter, konnte sie einmal auflodern, so lösten sich brennende Späne aus der Glut, die weiter getragen das Feuer verbreiteten.

»Für diesmal sollst du noch nicht geröstet werden, Karoline,« sagte Grésil. »Brichol wird seinen Mund halten, so lange der Notar eine offene Börse für dich hat, wolltest du doch sagen? Das sind ja saubere Geschichten! Wir sind aber geschiedene Leute von jetzt an, Karoline ... Narr, der ich war, mein Herz an dich zu hängen! Retten will ich dich aber noch, weil ich mein Wort halte ... komm ... spring'!«

Mit einem Satz stand er unten im Hohlweg und hielt ihr die Arme hin. Aengstlich starrte sie in die dunkle Tiefe.

»Ich soll mir wohl die Knochen entzwei brechen,« murrte sie.

»Da wär's einfacher, dich braten zu lassen,« entgegnete er ungerührt. »Mach vorwärts, oder ich gehe!«

Sie warf einen Blick hinter sich und sah wohl ein, daß es keinen andern Ausweg gab. Mit einem Angstschrei stürzte sie sich in die ihr entgegen gebreiteten Arme des gewesenen Geliebten, und zwar so ungeschickt, daß sie ihn mit sich zu Boden riß. So kollerten sie beide ein paar Schritte weit fort, ohne sich Schaden zu thun, dann raffte sich Grésil auf und stellte sie etwas unsanft auf die Füße.

»Da geht dein Weg,« sagte er, bergab weisend. »Du wirst genug Leuten begegnen, die dich in ihren Schutz nehmen können! Und hüte dich, ein Wort von mir zu sprechen! Ich bin sonst nicht schlecht, aber jetzt wär's gefährlich, mich zu verraten!«

Karoline entfloh, Wut und Rachedurst im Herzen, Grésil stand eine Viertelstunde darauf in Reih' und Glied unter der Löschmannschaft, die des Brandes Herr zu werden suchte.

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