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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der große Landauer fährt bedächtig nach Fontanas hinauf; er führt Armand und Berthilde der Zukunft in unbekannter Ferne entgegen. Frau Loysel gibt ihnen das Geleite; sie ist ernst und traurig, wie sie ihr Leben lang bleiben wird, aber doch ihrem früheren Selbst ähnlicher als in der eisigen Einsamkeit von Salvagnat.

Die Sonne glitzert auf den ersten Baumknospen, in dem Graben längs der Landstraße plätschert und rieselt das Schneewasser von den Bergen. Der Wagen steigt hoch und höher, jetzt hat er die Stelle erreicht, die einen so hübschen Ausblick auf Clermont gewährt, und der Kutscher hält, um seine Pferde verschnaufen zu lassen.

Armand betrachtet die Aussicht. Die Morgennebel sind gelichtet, klar und hell liegt die Gegend vor ihm. So ist ihm einst die Wahrheit aufgegangen, die sich ihm nicht mehr verschleiern wird; im hellen Tageslicht, in der Klarheit des Horizonts, in den ehrlichen Augen seines geliebten Weibes wohnt sie. Sie, die ihm gegenübersitzt, ist die Wahrheit, die Güte, die Ehre; in ihre Hand hat er sein Glück und sein Leben gelegt; sie wird das ihr vertraute Gut wahren mit reiner Hand, mit der starken und linden Hand, die Frau Loysels tiefe, unheilbare Wunde bloßgelegt, gereinigt und gepflegt hat.

Die Pferde setzen sich wieder in Gang; in raschem Trab geht's auf der nun erreichten Höhe vorwärts.

»Armand ... da ist Fontanas ...«

Ihre Blicke begegnen sich, beider Gedanken sind eins.

»Mama, willst du uns im Wagen erwarten? Wir möchten zu den Quellen gehen!«

Frau Loysel blickt verwundert auf. Sie hat nie erfahren, was die beiden innerlich erlebten in der Morgenfrühe jenes Tages, der für sie mit Blut bezeichnet ist. Damals hatten sie keine Zeit mehr gehabt, sich auszusprechen, und seither hatte sie als eine Tote unter den Lebendigen gestanden.

»Gewiss, Kinder, geht nur!« versetzte sie duldsam.

Sie steigen aus und schlagen den Weg nach dem Dörfchen ein. Eine Führerin meldete sich auch diesmal wieder und wird wieder abgelehnt. So nähern sie sich dem ersten Wasserbecken ...

Da tritt eine Wolke vor die Sonne; das ganze Bild verdüstert sich, und eine unbestimmte Furcht ergreift ihre Herzen.

»Armand, wir wollen lieber wieder umkehren ...«

»Weshalb?« fragte er, obwohl er ihre Gründe errät.

»Alles ist grau, und wir sind traurig ... laß uns die Erinnerung sondergleichen in ihrem Sonnenglanz bewahren! Wer weiß, ob uns der heutige Besuch nicht darum brächte!«

»Du hast recht,« erwiderte Armand. »Wir werden später hierher zurückkehren, später, wenn wir widerstands-, kampfesfähiger geworden, erstarkt sind! Im Grunde, Berthilde ... wir sind ja noch so jung, das Leben fängt erst an für uns!«

»Gerade darum,« stimmt sie bei, »wollen wir uns die schönsten Jugenderinnerungen ungetrübt erhalten, bis andre sich ihnen zugesellen.«

»Schon zurück?« fragt Frau Loysel, als sie wieder an den Wagen treten.

»Wir haben uns anders besonnen, Mama,« fängt Armand an, und die Mutter nickt sofort verständnisvoll.

»Ich begreife es,« sagt sie mit einem leisen Seufzer. »Jetzt erinnere ich mich wieder ... Ihr habt recht gethan.«

Die Pferde ziehen an, der Wagen rollt weiter. Die Sonne scheint wieder hell. Wie ein mit Diamanten besetzter Schrein funkelt Fontanas in ihrem Glanz, und die Blicke der jungen Gatten ruhen ernst und innig ineinander. Leise Schwermut liegt über ihren Seelen, wie die Morgennebel über den Quellen. So gehen sie der gemeinsamen Zukunft entgegen.

 

Ende.

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