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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Einundzwanzigstes Kapitel

Als Berthilde nach Hause kam, stand ihr Mann auf der Schwelle des Wohnzimmers und empfing sie mit innigem Kuß. Sie ließ sich in die Arme schließen, aber das Herz ward ihr nicht leichter dabei. Sollte es denn so bleiben, daß er sie je nach Stimmung grausam oder zärtlich behandeln würde? Sie hatte aber keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen! zur Seite tretend, gab Armand sie frei, und nun sah sie eine schwarzgekleidete Frauengestalt, die, vom letzten Abendsonnenschein umflossen, am Fenster saß.

»Meine liebe Mama!« rief sie jubelnd, daß es die Mutter und Armand zu Thränen rührte. »O Liebster! Wie gut du bist! Wie ich dir danke!«

Damit flog sie auf die Mutter zu und küßte sie, dann schmiegte sie sich mit solcher Seligkeit an die Brust des Gatten, daß er Mühe hatte, ihr nicht auf der Stelle alle Rätsel der letzten Tage zu lösen. Er hielt aber an seinem Vorsatz fest, gelobte sich innerlich, seine Schuld an der herrlichen Frau gut zu machen, und nahm mit Beschämung ihren unverdienten heißen Dank entgegen.

Am andern Morgen erklärte Armand, am folgenden Tage reisen zu wollen. Um den neugierigen Gaffern am Bahnhof zu entrinnen, beschloß er, im Wagen auf eine benachbarte Eisenbahnstation zu fahren. Weder Berthilde noch die Mutter konnten triftige Gründe gegen diesen Plan vorbringen, denn alles, was sie an Clermont gebunden hatte, war erledigt, bis auf Frau Loysels Besuch bei der alten Frau Grésil, der Berthilde schwer auf der Seele lag.

Die Scheu vor jeder Begegnung, jedem Verkehr hatte sich während der freiwilligen Einzelhaft bei der unglücklichen Frau so krankhaft gesteigert, daß es schwer hielt, sie dem Wunsch der Greisin geneigt zu machen. Berthilde hatte beim Frühstück ihre ganze Beredsamkeit vergebens aufgewendet. Eine Stunde darauf klingelte es, und das kleine Mädchen, das bei Frau Grésil als Krankenwärterin diente, gab einen Brief ab.

Armand nahm ihn in Empfang und erkannte auf den ersten Blick die Handschrift des einstigen Kameraden. Mit einem Lächeln, dessen Preis nur er selbst zu schätzen wußte, bot Armand seiner mit Silberpacken beschäftigten Frau den uneröffneten Brief hin.

»Lies du,« sagte Berthilde, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen.

Er sah sie forschend an, ward aber gleich inne, daß sie ihm diese Erlaubnis ohne jede Nebenabsicht erteilt hatte, daß sie wirklich keine Ahnung von seinem thörichten Verdacht haben konnte. Erregter, als er sich selbst gestehen mochte, riß er den Umschlag auf und las:

»Liebe gnädige Frau! Meine Großmutter ist sehr schwach, sie wird wohl nicht mehr lange warten können. Wir wären Ihnen so dankbar, wenn Sie Ihr Versprechen erfüllen wollten, denn sonst wird ihr das Sterben zu schwer ...«

»Gib der Mutter den Brief,« sagte Berthilde einfach.

Kurz darauf fuhren alle drei in einem geschlossenen Wagen zur Stadt und in das enge Gäßchen, wo Frau Grésil wohnte. An der gelähmten Frau lebten nur noch die Augen und der Mund, und ein beglücktes Lächeln, wie der Abglanz einstiger Jugend, verklärte diese Augen, als Frau Loysel an ihr Bett trat. Von diesem leuchtenden Blick angezogen, beugte sich die Witwe über die Sterbende, während Armand und Berthilde bescheiden im Hintergrunde blieben, Grésil, der am Kopfende des Bettes saß, winkte ihnen aber, näher zu treten.

»Sie hat keine Geheimnisse, es wird ihr recht sein, wenn Sie's auch hören,« sagte er.

Wie ein Widerhall aus weiter Ferne ertönte die schwache Stimme der Greisin.

»Sie haben sich sehr gut benommen, Frau Loysel! Es gibt nicht viele Damen, die den Mut gehabt hätten ... der Leute wegen, wissen Sie! Ich bin ja nur eine einfache Frau, aber ich begreife doch, wie schwer es Ihnen geworden sein muß. Ihnen hab' ich's zu danken, daß mein Junge mir die Augen zudrücken kann, wie sich's gehört ... das wollt' ich Ihnen sagen, und Abschied nehmen wollt' ich auch ... und der Segen einer alten Großmutter, Frau Loysel, die bald fortgeht ...«

Sie schloß die Augen und bewegte die Lippen in stillem Gebet. Gesenkten Hauptes, andächtig wie in einer Kirche, standen alle um sie her.

»Der Segen einer alten Frau,« erklang es von der noch schwächeren, kaum hörbaren Stimme, »ruhe auf Ihnen, Ihren Kindern und Kindeskindern, die der Herr Ihnen schenken möge, und die gute Menschen sein werden ...«

Sie konnte nicht weitersprechen. Stumm drückte Frau Loysel die kalte, leblose Hand. Da raffte sich die Sterbende noch einmal auf und flüsterte leise: »Küssen Sie mich, Frau Loysel!«

Die schuldbeladene Frau drückte ihre Lippen auf die runzelige Stirne der Greisin und beugte sich noch tiefer hinunter, bis diese einen Abschiedskuß auf ihre Wange drücken konnte. Dann lag die Kranke mit geschlossenen Augen wie eine Schlafende.

»Ich danke Ihnen auch meinerseits,« sagte Grésil, die Besucher hinausgeleitend. »Jetzt wird sie zufriedener sterben. Wenn alles überstanden ist, verlasse ich Clermont ... ich kann mein Brot ebensogut anderswo finden. Leben Sie wohl, Herr Armand! Leben Sie wohl, Frau Berthilde ... und recht glückliche Reise!«

All die heiße Dankbarkeit, die sein Herz erfüllte, lag im Klang dieser Abschiedsworte.

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