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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Zwanzigstes Kapitel

Am Fenster sitzend, besetzte Frau Loysel ihr Trauerkleid mit Krepp. Seit sie als Einsiedlerin lebte, hatte sie sich auch die Buße auferlegt, allen Handarbeiten zu entsagen, deren Anfertigung Reiz und Freude gewährte. Sie beschränkte sich auf das Instandhalten ihres Anzugs, was ihr bisher als die verdrießlichste aller Arbeiten erschienen war, und verwendete trotz zunehmender Schwäche ihrer Augen manche Stunde des Tages darauf.

Sie blickte nicht auf, als ein Wagen verfuhr; außer Berthilde hatte sie ja keinen Besuch zu erwarten.

»Jetzt wird sie Abschied nehmen, dann bin ich ganz allein,« dachte die einsame Frau. »Wie Gott will!«

Da wurde hastig an die Thür gepocht, und herein trat Armand, um wie ein fluglahmer Vogel in den Armen der Mutter zusammenzubrechen. Sie starrte regungslos, mit entfärbten Lippen auf den Sohn; die Möglichkeit einer Versöhnung tauchte nicht vor ihr auf; sie stammelte nur zitternd: »Ist Berthilde tot?«

»Nein,« sagte er, von heißem Schmerz darüber erfaßt, daß die Mutter sich sein Kommen nur durch das größte Unglück erklären konnte. »Sie schickt mich ... Mutter! Ich habe dir bitter weh gethan! Ich verstand dich nicht, konnte dich nicht verstehen; deine That erschien mir ungeheuerlich, und doch entsprang sie nur menschlicher Schwäche ... Jetzt habe ich dich verstehen gelernt, jetzt weiß ich, was du gelitten hast ... o meine arme Mama! Du bist ja nur noch ein Schatten ...«

»Das Gewissen verzehrt mich!« versetzte Frau Loysel ernst.

Sie gönnte sich nicht die Lust, ihn zu küssen, kaum hielt sie sich für würdig, seinen Kuß zu empfangen. Mit heißen Thränen hatte sie diese Stunde herbeigesehnt, jetzt hätte sie das Wiederfinden hinausschieben mögen, im Gedanken, daß ihre Buße noch nicht genüge.

»Nicht nur das Gewissen, das Herzeleid verzehrt dich,« wandte Armand ein. »Ich war ungerecht und hart in meinem Stolz ...«

»Sprich nicht so!« sagte sie, ihm den Finger auf die Lippen legend. »Du warst das Werkzeug der göttlichen Gerechtigkeit, dein Groll war meine verdiente Strafe, er war gerecht, war nötig ... ich habe dir nie gezürnt! Anfangs konnte ich's ja auch nicht verstehen! Wir halten uns für gerecht, redlich, ehrenwert ... wir sind es nicht, wir sind voreingenommen; wir sehen alles nur mit unsern eigenen Augen ... o mein Sohn! Wir haben kein Recht, zu richten und zu strafen! O mein Sohn! Sei barmherzig, auf daß dir Barmherzigkeit werde!«

Sie verstummte, als ob das Sprechen sie ermüdet hätte. Armand, der sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen gerückt hatte, hielt den Arm um sie geschlungen und streichelte zärtlich die magere, durchsichtige Hand, die ihm den Vater getötet hatte.

»Ich habe so viel nachgedacht!« fuhr sie nach einer Weile fort. »Wie oft warf ich nicht die Frage auf, ob ich nicht doch am Ende recht gehandelt habe ... aber nein! Wir haben kein Recht, zu strafen! Wir haben die Pflicht, zu dulden, zu entsagen, zu verzeihen ... Ich mußte mich selbst verachten, und daß ich verächtlich geworden war, dafür wollte ich Rache haben ... die Schuld lag an mir, das weiß ich heute! Kein Mensch kann den andern erniedrigen, wenn er nicht geartet ist, erniedrigt zu werden. Ich wollte strafen ... das büße ich ...«

Zum erstenmal sah sie dem Sohn in die Augen.

»Glaubst du, daß ich gebüßt habe, daß ich büße ... daß ich je diese That büßen kann?«

»Mutter!« rief er, sie an sich ziehend. »Reue wäscht uns von Sünde rein und ... du bereust!«

»Ja ... o ja ...« stöhnte sie leise.

»Auch ich bin voll Reue, Mutter! Es war Wahnsinn, daß ich mich an Stelle der irdischen Gerechtigkeit setzen, daß ich strafen wollte, während alle Welt sich deines Elends erbarmte. Der Stolz machte mich fühllos!«

»Und mich ... du siehst, wohin er mich gebracht hat!«

»Ich fehlte aus Unkenntnis,« fuhr er voll heißen Schamgefühls fort. »Weil ich die Eifersucht nicht kannte, war ich stolz und hart ... ich kenne sie jetzt!«

»Du? Und wieso ...«

»Berthilde!« bekannte der junge Ehemann. »Ich erzähle dir die Sache ein andres Mal ... man kann da freilich nur von Wahnsinn reden ... aber er hat mich wenigstens verstehen gelehrt, was du leiden mußtest ...«

»Ein Verdacht gegen Berthilde! Diesen Engel!«

»Es war ein unseliges Zusammentreffen verschiedener Umstände ...«

»Gegen Berthilde!« wiederholte Frau Loysel. »Mein armes Kind! Du bist wahrlich mein Fleisch und Blut!«

Sie blickte ihn voll Mitleid an, dann stand sie rasch auf.

»Sieh mich an,« sagte sie mit Würde, »sieh, was die Eifersucht aus mir gemacht hat ... du nanntest es vorhin: einen Schatten! Einst war ich schön, bewundert, beneidet, geachtet, jetzt bin ich gebrochen, verworfen ... Die Eifersucht hat mich verzehrt, mein Leben so elend gemacht, daß der Tod mir eine Wohlthat sein wird! Du bist jung, du sollst glücklich sein und es bleiben ... vergifte dein und Berthildes Leben nicht durch diese Leidenschaft!«

»Die arme Berthilde!« seufzte Armand, der den Worten der Mutter mit scheuer Ehrfurcht gelauscht hatte. »Ich bin ihr Genugthuung schuldig, ich werde ihr ein Geständnis ablegen ...«

»Unterlasse das!« sagte die Mutter mit Bestimmtheit. »Das mutige Kind hat nicht verdient, daß du diese Störung in ihr Leben bringst! Bewahre das Geheimnis deiner sittlichen Krankheit, damit sie nicht mit Reue zurück, mit Sorge vorwärts blicke! Ich weiß, was du mir entgegenhalten willst, aber ich sage dir: besser hält sie dich für launisch und rücksichtslos, als für eifersüchtig! Wüßte sie, daß du dieser Leidenschaft verfallen bist, sie fände keine Ruhe mehr; steht ja doch auch ihr mein Beispiel vor Augen!«

»Ich werde dir gehorchen, Mutter!« sagte er, die Weisheit dieses Rats begreifend und fest entschlossen, ihn zu befolgen.

Frau Loysel sah sich mit einer gewissen Verwunderung in ihrem Stübchen um; es war, als ob die Anwesenheit des Sohnes ihr die Kahlheit der Wände und die Armseligkeit der Einrichtung zum erstenmal zum Bewußtsein brächte.

»Es ist kalt hier,« bemerkte sie entschuldigend. »Ich habe keinen Kamin.«

»Du hast doch nicht den ganzen Winter ohne Feuerung zugebracht?« fragte Armand entsetzt, denn er wußte ja, daß ihr die Behaglichkeit gut geheizter Stuben immer besonders wohlgethan hatte.

»Doch ... und Berthilde war stundenlang bei mir ohne sich je zu beklagen,« erwiderte sie nachdenklich. »Ich dachte damals gar nicht daran ... sie wohl auch nicht ...«

»Aber das eigentliche Landhaus ist ja heizbar. Ich nahm fest an, du wohnest dort!«

»Ja, es ist heizbar ... für mich war dieses gut genug.«

»Ich nehme dich auf der Stelle mit mir,« erklärte Armand. »In dieser Gruft darfst du nicht bleiben! O Mutter! Du hier den ganzen Winter, und ich in einer bequemen Wohnung! Ich wußte ja nichts davon ... Berthilde sagte mir nie ...«

Er brach ab. Hatte er denn seiner Frau nicht verboten, ihm von der Mutter und ihrem Leben zu erzählen?

»Gehen wir!« rief er. »Es macht mich elend, dich hier zu sehen ... ich könnte nicht mehr schlafen, nun ich das weiß! Komm mit mir, Mutter, dann kann ich erst an deine Verzeihung glauben.«

Sie sah sich in ihrer Büßerzelle um.

»Wenn du es haben willst, ja! Was liegt mir daran, ob diese Wände oder andre Zeugen meiner Reue sind?«

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