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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Neunzehntes Kapitel

Armand sprach wenig mehr mit seiner Frau. Anfangs fürchtete sie, sein verändertes Benehmen könnte von körperlichen Leiden herrühren; bald wurde ihr indes klar, daß er nur seelisch litt. Dazu war ja Grund genug vorhanden, und doch fühlte sie, daß ein neuer, ihr unbekannter hinzugetreten sein mußte, ja sie ahnte sogar, daß Eifersucht in ihm gäre, nur bezog sie diese einzig und allein auf ihr Verhältnis zu seiner Mutter. Sie hatte sich ja oft genug selbst gesagt, daß jeder Liebesdienst für die unglückliche Frau einer stummen Anklage des Sohnes gleichkomme; sie hatte mehr als einmal ihrem Herzen Gewalt anthun, ihr Mitleid bezwingen wollen, es war ihr indes immer nur auf Augenblicke gelungen; nun aber war Armand so verschlossen und kalt, daß sie beschloß, den Namen seiner Mutter gar nicht mehr in den Mund zu nehmen. Die Folge war, daß ihre Befangenheit noch zunahm und der Gatte darin neuen Anlaß zu Zweifeln fand.

Er konnte ja nicht zugeben, er würde nie zugegeben haben, daß der unbekannte Verleumder sich auf Gründe stütze; aber warum machte ihm Berthilde aus einem harmlosen Krankenbesuche ein Geheimnis? Und weshalb ging sie überhaupt zu der alten Frau, während es doch geboten war, ihr fernzubleiben? Hundertmal schwebte ihm diese Frage auf den Lippen, aber Stolz und ein geheimes Gefühl der Beschämung hinderten ihn, sie auszusprechen.

Berthilde verging fast vor Sehnsucht, die Mutter zu besuchen. Die Botschaft der Kranken lag ihr um so schwerer auf der Seele, als sie fest überzeugt war, daß diese Unterredung der armen Seele Trost und sittlichen Halt gewähren würde. Aber Armand war so zugeknöpft, daß sie nicht davon zu sprechen wagte; dazu goß es in Strömen, und die Mühe, sich einen Wagen zu bestellen, verzögerte vollends die Ausführung des Besuchs.

Außerdem war die junge Frau sehr beschäftigt. Armand wollte ja Clermont für immer verlassen und hatte das Loyselsche Haus an den Amtsnachfolger seines Vaters verkauft, Frau Firminy das ihrige an einen reichen Kaufmann vermietet; das junge Paar mußte sich also schlüssig werden, wie viel von beiden Einrichtungen beibehalten werden sollte. Frau Loysel hatte längst erklärt, daß sie nichts von ihren alten Sachen zu haben wünsche; Armand war widerstrebend noch einmal in sein Elternhaus gegangen und hatte ohne langes Besinnen ein paar kostbare Stücke ausgewählt. Für Berthilde jedoch, die keinen Grund hatte, ihre Kindheitserinnerungen zu meiden, war die Sache nicht so einfach. Außer Silber und Schmuck ihrer Mutter, die sie natürlich beibehielt, lagen ihr auch noch eine Menge Kleinigkeiten am Herzen, die Familienandenken waren. Die längst begonnene und wieder abgebrochene Arbeit des Ordnens mußte jetzt unverzüglich zum Abschluß gebracht werden. Mehr als einmal wurden der jungen Frau die Augen feucht, wenn ihr in dem einsamen Haus, in dessen Erdgeschoß nur ein alter Diener mit seiner Frau wohnte, so manches Kinderspielzeug Durch die Hände ging. Zur Zeit, als ihr diese Gegenstände noch so viel bedeutet hatten, da waren ihr Sorge und Schmerz noch fremd gewesen!

Dann hatte sich's beim Tod der Mutter wie eine schwere, dunkle Wolke über ihr Leben gesenkt, aber wie ein Lichtstrahl hatte die damals schon keimende Liebe zu ihrem Gespielen die Finsternis durchbrochen und mächtiger hervorbrechend das Gewölk verscheucht! Manche stille Thräne galt dem Traum von Frieden und Geborgenheit, den bei Sturm, der allen Frohsinn von dem Hause Loysel hinweggetragen, unwiederbringlich zerstört hatte. Sobald aber der Schritt ihres Gatten in den öden Räumen widerhallte, war jede Spur der Wehmut verscheucht, denn wie hätte sie ihm wehthun, ihn ahnen lassen können, daß sie Vergangenes beweinte?

Anfangs hatte sie immer die Stunden zum Packen ausgesucht, die Armand notgedrungen seinen eigenen Geschäften widmen mußte; seit einiger Zeit aber heftete er sich an ihre Schritte, als ob er Angst hätte, sie aus den Augen zu verlieren, und begleitete sie sogar in das alte Haus. Er hätte sich selbst nie zugeben mögen, welche Angst ihn folterte, sobald seine Frau ausgegangen war; er redete sich vielmehr ein, daß er sich vor dem Alleinsein fürchte, und trieb sich unbeschäftigt, verstimmt in den verlassenen Räumen umher, wo Bilder und Möbel ihm nicht die frohen Erinnerungen der Kindheit und jungen Liebe erweckten, sondern ihn einzig an die peinvollen Stunden mahnten, wo er neben der schlummernden Tante flüsternd mit Berthilde die Möglichkeiten zur Rettung des unschuldig Angeklagten erwogen hatte.

Er verzweifelte fast über diesen Zustand: er machte sich's selbst zum bittersten Vorwurf, daß weder seine Liebe noch sein Leib, weder der Gedanke an den teuren Vater, noch der an die schuldbeladene Mutter in seiner Seele hafteten, sondern immer wieder verdrängt würden von den verleumderischen Worten jenes Briefes, von der Frage, warum Berthilde ihm aus ihrem Besuch bei Frau Grésil ein Geheimnis mache.

Unwillkürlich trieb es ihn dann immer wieder in das Zimmer, wo Berthilde an der Arbeit war.

Heute traf er sie vor einer Kommode knieend, deren Schiebfächer sie eifrig durchsuchte. Sie blickte auf und lächelte ihm zu, ein wenig unsicher zwar, denn sie hatte in letzter Zeit zu oft auf eine Erwiderung ihres freundlichen Blickes verzichten müssen, und auch heute ließ sich Armand wortlos in einem Lehnstuhl nieder.

»Siehst du,« begann sie, nur um das drückende Schweigen zu brechen, »ich mache zwei Abteilungen von Reliquien: die erste bleibt hier eingesargt, die andre nehme ich mit. Sobald wir irgendwo festen Fuß fassen, sollen die alten wohlbekannten Bildchen an den Wänden hängen, dann wird's uns sein, als ob wir die Heimat nie verlassen hätten ... nur das Schmerzliche soll hier zurückbleiben.«

Dabei legte sie eine Anzahl Photographierähmchen sorglich in eine neben ihr stehende Kiste; sie enthielten zumeist Kinderbilder, kleine Gruppen, worin Berthilde mit ihren Spielkameraden, mit Armand oder auch Mutter und Tante, zu erkennen war. Mit einemmal hielt sie inne und blickte lange auf eine kleinere Photographie. Armand stand auf und trat hinter sie; kaum hatte er das Bild erkannt, als er derart zurückprallte, daß Berthilde erschrak.

»Was hast du?« fragte sie, das Rähmchen zu Boden gleiten lassend.

Er hob es hastig auf.

»Das nimmst du doch nicht mit?« fragte er mit schlecht gespielter Gleichgültigkeit.

»O doch! Sieh nur, wie niedlich die arme Kleine gewesen ist! Mama ließ die Geschwister damals photographieren auf dem Jahrmarkt ... du warst an dem Tage gerade nicht mitgegangen ...«

Mit funkelnden Augen starrte Armand auf die schwärzliche Glasplatte, worauf Grésil etwa zehnjährig mit dem um fünf Jahre jüngeren Schwesterchen kaum noch zu unterscheiden war.

»Das nimmst du nicht mit!« stieß er herrisch heraus.

»O Armand! Das arme Kind starb bald darauf und ich hatte es so lieb!«

Er ließ die in einen dünnen Metallreif gefaßte Platte zu Boden fallen und setzte den Fuß darauf, daß das Glas in tausend Stücke zersprang.

»Wie abscheulich!« rief Berthilde empört. »Wenn du meine Anhänglichkeit an diese Kleinigkeiten lächerlich findest, konntest du mir's ja sagen! Nun hab' ich kein Andenken mehr an Mariechen ... und du hast's absichtlich zerstört, nicht zufällig!«

»Und wenn ich's absichtlich gethan habe?« rief er außer sich.

Seine zornfunkelnden Augen glichen so sehr denen der Mutter an ihren schlimmsten Tagen, daß Berthilde im Innersten erschrak. Der Gedanke, daß er wahnsinnig werden könnte, stieg in ihr auf und erfüllte sie mit unsäglichem Mitleid.

»Du hast recht,« versetzte sie sanft, »es wäre ja nichts Schlimmes. Nur im ersten Augenblick that mir's weh ... verzeih, daß ich so heftig war!«

Seine Stirn glühte, die Adern an seinen Schläfen klopften.

»Ich will dich nicht länger in der Arbeit stören,« sagte er, den Hut aufsetzend, »auch gehe ich lieber zu Fuß nach Hause ...«

Ehe sie Zeit hatte, irgend etwas einzuwenden, war er fort; die Hausthüre fiel dröhnend ins Schloß.

Ohne ihre Reliquien noch eines Blickes zu würdigen, packte sie Stück um Stück in die Kiste, und manche heiße Thräne fiel dabei auf Dinge, die ihrer Kindheit Freude gewesen waren.

Armand war anfangs mit großen Schritten durch die Altstadt geeilt; die heftige Bewegung beschwichtigte die innere Erregung, und der Groll gegen Berthilde wich der Traurigkeit über sich selbst. Jetzt erkannte er die Grausamkeit, die er verübt hatte; jetzt las er in dem Blick, den Berthilde ihm zugeworfen hatte, die ganze Allmacht ihrer Liebe und schämte sich der Verblendung, des unsinnigen Mißtrauens, womit er dieser hingebenden, reinen Seele die schwerste Beleidigung zufügte. Er war davongestürmt, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, was ihn fort trieb; jetzt wurde er sich bewußt, daß er ihre Nähe nicht mehr ertragen hatte, weil er ihr auf seinen Knieen hätte Abbitte thun müssen.

Ein tiefes, unergründliches Weh preßte ihm die Brust zusammen, das Bewußtsein, verkannt zu haben, was einem das Teuerste ist. Er Halle viel durchgemacht, aber diese Angst, die wie eine Sturmflut in der eigenen Brust emporsteigt und Willenskraft, Stolz, alles, was man so gern Manneswürde nennt, niederwirft, die hatte er bisher nicht gekannt. Wenn er den Mut gefunden hätte, er wäre umgekehrt, um Berthilde in seine Arme zu schließen, mit ihr zu weinen ... daß sie weinte, wußte er ja! ... aber er fand diesen Mut nicht.

Wenn wir am tiefsten bewegt sind, wenn das Beste in uns nach Sühnung eines Irrtums lechzt, geschieht es, daß eine geringfügige Kleinigkeit diese Aufwallung eindämmt. Was Armand an der Umkehr hinderte, war die Vorstellung, an der Hausthüre klingeln, sich vom Diener hinaufführen lassen, vielleicht in seiner Gegenwart Berthilde wiedersehen zu müssen.

»In zwei Stunden kommt sie ja nach Hause,« beruhigte er sich, »das wird besser sein ... freilich ist sie inzwischen sehr betrübt, aber ich nicht minder.«

Alles, was er in den letzten Tagen innerlich durchgekämpft hatte, stand wieder vor ihm wie ein Schreckgespenst. Er fragte sich, wie es möglich gewesen war, daß er dem wirklichen Leid eingebildetes hinzugefügt hatte, und mit einemmal tagte es in seinem Bewußtsein.

»Das ist ja Eifersucht!« rief es in ihm. »Die schmählichste, sinnloseste Eifersucht! Ist es denn menschenmöglich, daß ein denkender, gebildeter Mensch sich durch einen anonymen Brief dermaßen erschüttern läßt? Nein, nein, das war's ja nicht! Das wäre scheußlich! Aber Eifersucht ...«

Mit einem Schlag ward ihm klar, daß nichts als seine bärbeißige Laune Berthilde verhindert hatte, ihm von ihrem Besuch bei Frau Grésil zu erzählen. Sie hatte ihn schonen, den Namen nicht nennen wollen, der schmerzliche Erinnerungen wecken mußte, und wie hatte er ihr diese Rücksicht gelohnt! Er sah die Geliebte wieder vor sich, wie sie freiwillig seinen Namen gefordert hatte an dem Tage, wo dieser Name mit unauslöschlichem Schimpf bedeckt worden war; die Augen, die ihm damals in dumpfer Not voll Hoffnung und Zuversicht entgegengeleuchtet hatten, waren dieselben, die heute voll Schmerz und Angst zu ihm emporgeblickt hatten ... und er hatte zweifeln können!

Die Eifersucht macht uns wahnsinnig, ehrlos, blödsinnig ...

Wie wenn ein Nebelschleier zerreißt, sah er die Gestalt der zürnenden Mutter vor sich, ihre Hand am Revolver, den Vater mit grausamem Hohn auf den Lippen ...

»Wenn Berthilde mich verhöhnt hätte, ich würde sie vorhin erdrosselt haben! O Mutter! Unselige Mutter! Ich bin dein Sohn, und ich wollte dich verleugnen!«

Der Erdboden schien unter seinen Füßen zu wanken, Häuser und Bäume drehten sich vor dem von Schwindel Ergriffenen. Eine neue Welt ging ihm auf, eine sittliche Anschauung, die er bisher nicht geahnt hatte. Ihm war wie einem Mönch, dessen enge Zelle sich weitet, durch deren berstende Mauern das Leben hereindringt ...

»Meine Mutter hat ja tausendfach mehr gelitten als ich,« überlegte er, »hat diese Dualen jahrzehntelang ertragen ohne Klagen ... sie hatte tatsächlichen Grund dazu ... ihr wurde Hohn und Spott, verächtliches Mitleid zu teil ...«

Das Gericht, das an dem Notar vollzogen worden war, deuchte dem Sohn nicht mehr so unverdient; trotzdem er immer noch den Fehltritt eines Mannes geringer anschlug als den einer Frau, begriff er jetzt, daß Mann wie Frau zum äußersten kommen konnten. Das Verbrechen blieb, aber der Milderungsgrund stand jetzt daneben, und damit zog auch das Mitleid in sein Herz ein ...

»Jedenfalls hat mein Vater nicht gelitten wie sie ...«

Eine leere Droschke fuhr an ihm vorüber; er winkte dem Kutscher und rief im Einsteigen: »Nach Salvagnat!«

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