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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Siebzehntes Kapitel

Berthilde war in Salvagnat.

Seit der Frühling nahte, ging sie meist zu Fuß hin. Armand, der sie sonst häufig bis in die Nähe des Hauses begleitet hatte, war heute daheim geblieben. Seit dem Tage, wo Berthilde ihm von seiner Mutter erzählt hatte, waren sie überhaupt nicht mehr so unzertrennlich, denn jedes hatte Gedanken, die es dem andern verschwieg. Am Fenster sitzend, las er ein neues Buch, das ihn aber nicht sehr fesselte und ihm Zeit ließ, an die Reise zu denken, die sie in ein paar Tagen endlich antreten wollten.

Mit einemmal kam ihm Fontanas in den Sinn, vielleicht, weil die Sonne durch die Scheiben spielte und runde Flecken auf den Bodenteppich malte, vielleicht auch, weil sein Unglück die Erinnerung an sein Glück heraufbeschwor.

Fontanas! Das krystallhelle Wasser, so frisch und rein, wie seine junge Liebe, Berthildes Goldhaar, von Sonnenstrahlen umspielt, Vertrauen, Neigung, Zuversicht, Ehre und Ansehen, alles war sein eigen gewesen an jenem Tag!

»Wenn wir wieder hingingen?« fragte er sich »Vielleicht käme die alte Glückseligkeit wieder über uns? Vielleicht würde der Anblick dieser Quellen Berthilde wieder zärtlicher stimmen?«

Eigentlich war es noch nicht lange her, daß diese Entfremdung sich eingeschlichen hatte; wenn er's recht überlegte, kaum ein paar Tage, aber diese Tage waren ihm endlos lang vorgekommen.

»Sie gehört jetzt mehr meiner Mutter als mir,« dachte er. »Wer hätte denken können, daß sie mich vernachlässigen würde? Denn ich bin jetzt recht oft allein ... und ich habe doch nur sie ... sie hat meine Mutter und mich ... ich werde mir doch nicht einfallen lassen, eifersüchtig zu sein auf meine Mutter! Ich, der ich jegliche Eifersucht verschworen habe! Und Neid auf die Unglückliche? Sie wird einsam genug sein nach unsrer Abreise ...«

Es war ihm bisher nie in den Sinn gekommen, sich Frau Loysels Zustand in Berthildes Abwesenheit vorzustellen. Doch ganz im stillen mußte sich das Mitleid doch eingenistet haben, denn ihre Verlassenheit fiel ihm mit einemmal schwer aufs Herz, nach Männer- und Jugendart schob er aber diese lästigen Gedanken rasch von sich.

Da ging der Briefträger am Haus vorüber, und gleich darauf brachte ihm das Mädchen einen Brief. Die Adresse war schlecht und unordentlich geschrieben. »Ein Bettelbrief!« war sein erster Eindruck.

»Wenn Herr Armand Loysel,« lautete der Inhalt, »wissen möchte, weshalb seine Frau ihre Schwiegermutter vor Gericht stellte, braucht er sich nur der Freundschaft zu erinnern, die sie von jeher für einen Menschen Namens Grésil hatte. Herr Armand Loysel müßte wenig Grütze im Kopfe haben, wenn er nicht merkte, was aller Welt klar ist.«

»Welche Niederträchtigkeit!« rief er, das Blatt zu Boden schleudernd. »Und nicht einmal wissen, wer der Urheber ist!«

Er nahm das Blatt wieder auf und las den Inhalt noch einmal durch.

»Dazu gehört ebenso viel Dummheit als Gemeinheit. Grésil ...«

Er schüttelte sich, als ob er einen Alp loswerden wollte, und schleuderte den Brief ins glostende Kaminfeuer. Kaum aber züngelte ein Flämmchen auf, als er hinstürzte und das Blatt wieder herauszog, wobei er sich die Finger verbrannte und doch nur noch einen Fetzen rettete, den er dann vollends der Glut preisgab.

»Abgeschmackt! Grésil! Sonst pflegt dem Klatsch doch wenigstens eine Möglichkeit zu Grunde zu liegen. Hier aber ist's reiner Blödsinn.«

Die Menschen hatten demnach sogar gewagt, Berthildes Vermittlung einer Kritik zu unterziehen? Es konnte verschiedene Auffassungen ihrer Schutzengelrolle geben? Es gab Seelen, die selbst so niedrig waren, daß die Größe und Reinheit dieses Frauengemüts für sie ein Rätsel bildete?

Seine erste Regung war ungeteilte Empörung. Verleumdung tastet ja die Besten an, aber daß sie eine Berthilde antasten konnte, das überstieg doch alle Grenzen. Schließlich war es aber doch erklärlich ... weshalb hatte sie derart in den Vordergrund treten müssen? Einen unschuldig Angeklagten zu retten, war ja sicherlich eine Pflicht gewesen, der man sich nicht entziehen konnte, aber die Einzelheiten in diesem Fall waren eben besonders peinlicher Art. Je mehr Armand sich's überlegte, desto mehr erschien es ihm, als ob Berthilde ihrem Rechtsgefühl mit einer gewissen Grausamkeit Geltung verschafft hätte. War es denn nötig gewesen, den Weg zu betreten, der zum Abgrund führen mußte?

Armand lehnte sich auf gegen die Feigheit der eigenen Gedanken. Was galt ihm die Meinung der Welt über das Verhalten seiner Frau, vollends die Meinung von Leuten, die anonyme Briefe schreiben? Wenn die ganze Welt an ihr gezweifelt hätte, er wußte doch, daß sie das reinste, edelste, tapferste Weib unter Gottes Sonne war! Und wenn seine Mutter das Geständnis nicht abgelegt, das Rätsel nicht gelöst hätte, wäre Armand durch ihr Schweigen etwa von der inneren Gewißheit ihrer Schuld befreit worden?

Nun aber tauchten vor dem unglücklichen Sohn alle die Truggebilde und Götzen auf, womit wir uns umgeben, die uns Gesetze vorschreiben, die unsre Persönlichkeit bis zur Unkenntlichkeit modeln; wesenlose Schatten, wenn man will, und doch leibhaftige Beherrscher der gesellschaftlichen Zustände, häufig genug Todfeinde unsres sittlichen Bewußtseins.

Frau Loysel war durch ihr freiwilliges Geständnis sittlich geläutert und gereinigt, im weltlichen Sinn hatte sie ihrer Familie damit ein unauslöschliches Brandmal der Schande aufgedrückt. Wenn Grésil Jugend und Mannesalter im Zuchthaus verlebt, als ein gebrochener, verbitterter, verlotterter Mensch daraus hervorgegangen wäre, die Familie Loysel hätte sich besser dabei befunden. Was lag denn schließlich daran, ob ein unbekannter Arbeiter fremde Schuld abbüßte oder nicht? Wem hätte es geschadet? Niemand als dem armen Burschen selbst und seiner alten Großmutter; durch Frau Loysels Geständnis jedoch war eine hochangesehene Familie mit Schmach bedeckt worden.

Armand war nicht ohne Sinn für diese Weltklugheit; er hatte sich nie damit befaßt, sie zu üben oder zu begreifen, und doch war sie ihm ins Blut gedrungen wie ein Giftkeim, den man einatmet. Angesichts dieser geheimnisvollen Verdächtigung erkannte er ihre Tragweite.

Die kühle Haltung einstiger Freunde, die Vereinsamung, worin man ihn mit seiner Frau leben ließ, rührten vielleicht nicht nur von der peinlichen Lage her, die seiner Mutter Schuld herbeigeführt hatte, möglicherweise hatte auch Mißtrauen gegen Berthilde teil daran ... Ach, wenn er den Verleumder, der diese Lüge in die Welt gesetzt hatte, hassen, niederwerfen, vernichten könnte! Aber solche Leute faßt man ja nicht, sie leben möglicherweise in unsrer nächsten Nähe, wir streifen sie auf der Straße, atmen den Gifthauch ihres Mundes ein und ahnen es nicht.

Er warf einen Blick auf die Uhr.

»Wie lange sie heute ausbleibt!«

Da ertönte die Klingel, und dann trat Berthilde mit frischen, von der herben Frühlingsluft geröteten Wangen ein. Zur Begrüßung küßte sie ihren Mann wie immer, doch er erwiderte den Kuß minder lebhaft als sonst.

»Ich komme nur im Fluge zu dir,« sagte sie. »Die Mama hat mich gebeten, ihr Besorgungen in der Stadt zu machen. Ich fahre dann nach Hause.«

»Muß das denn heute sein?« fragte Armand verstimmt. »Es ist schon vier Uhr.«

»Ich werde vor Tisch doch noch fertig damit ... es fehlt ihr an allem, und von ihren Sachen im alten Hause will sie nichts sehen. So kaufe ich, was sie braucht und werde ihr es morgen früh durch die Milchfrau schicken.«

Armand konnte keinen verständigen Grund dagegen finden, aber dieser Ausgang verdroß ihn.

»Ist dir's nicht recht?« fragte Berthilde unbefangen. »Freilich, du bist dann fast den ganzen Tag allein ... aber es muß sein, Mama hat kein anständiges Paar Strümpfe mehr.«

»Ich könnte ja mit dir gehen?« warf er fragend hin.

»In die Läden?« versetzte sie zögernd. »Das ist sonst nicht deine Liebhaberei, und ehrlich gesagt, solchen Krimskrams besorgen ...«

»Ich wäre dir lästig?« bemerkte er gereizt. »Nun wie du willst!«

Berthilde sah ihn erstaunt an. Sie hatte seine Begleitung abgelehnt, weil sie im stillen fürchtete, diese Einkäufe von Kleinigkeiten zur Trauerkleidung könnten ihn allzu schmerzlich an das Geschehene mahnen; seine Gereiztheit war ihr unbegreiflich.

»Begleite mich bis zur Hauptstraße,« sagte sie, »in die Läden gehe ich dann allein.«

»Danke,« sagte er, »ich bleibe lieber zu Haus.«

Berthilde überlegte, ob es nicht ratsam wäre, ihren Plan aufzugeben. Da sie aber den wirklichen Grund von Armands Mißstimmung nicht ahnen konnte, fiel die Notwendigkeit dieser Besorgungen schwerer in die Wagschale. So ging sie denn betrübt ihres Weges und nahm sich vor, möglichst rasch heimzukehren, um Armand aufzuheitern.

Kaum war sie einige Minuten weggegangen, als ihr Mann seine Unfreundlichkeit bereute und eilends das Haus verließ, um sie noch einzuholen. Allein sie hatte doch einen bedeutenden Vorsprung und ging so rasch, daß er die schlanke schwarze Gestalt, die er auf der Landstraße noch ein paarmal erblickte, nicht mehr erreichen konnte. In der Stadt selbst verschwand sie alsbald, und er beschloß nun, selbst einige längst aufgeschobene Gänge zu machen und womöglich vor ihr zu Hause zu sein.

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