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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Sechzehntes Kapitel

Nach und nach wurde Armand Loysel ruhiger. Die Aussicht, in acht bis vierzehn Tagen die Stadt verlassen zu können, wirkte erlösend und befähigte ihn zu maßvollerer Anschauung, richtigeren Eindrücken, so daß er auf dem Wege war, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Von außen war ihm zwar keine Hilfe geleistet worden, die wenigen Bekannten, die er ab und zu gesehen hatte, waren ihm mit der vorschriftsmäßigen Teilnahme begegnet, etwa, wie man den Hut abnimmt vor einem Leichenzug, aber es war ihm nicht entgangen, daß ihre Höflichkeit Scheu und Entfremdung nur notdürftig verhüllte, und sein verletztes Selbstgefühl hatte ihn veranlaßt, Begegnungen zu vermeiden, die immer eine Verstimmung hinterließen. Den Sohn eines Wüstlings und einer Mörderin konnte die Gesellschaft nicht brauchen, aber er brauchte die Gesellschaft auch nicht! Was lag ihm an ihrer Gleichgültigkeit, Vergeßlichkeit und Befangenheit? Er hatte ja seine Frau!

Sie war ihm alles und mehr, als er gehofft hatte. Die Willens- und Thatkraft, womit sie die Wahrheit ans Licht gebracht und der Schuldigen dann beigestanden hatte, diente ihr jetzt dazu, den geliebten Mann mit Geduld und in aller Stille aufzurichten.

Es ist weit schwieriger, zu jeder Stunde des Tages hilfsbereit zu sein und frohen Muts zu scheinen, als eine Heldenthat zu vollbringen, aber es gibt einzelne Naturen, die unaufhörliches geistiges Ausgeben und unausgesetzte Willensanspannung nicht anzustrengen scheint. Es bleibt ihr Geheimnis, welch tiefe Erschöpfung dies tägliche Einsetzen der ganzen Persönlichkeit hervorruft, das scheinbar unbewußt und mit kaum merklichem Erfolg geschieht.

Armand war, vom Leid überwältigt, zu Boden gedrückt worden, und ohne seine junge Frau wäre er rettungslos vernichtet, keines Aufraffens fähig, liegen geblieben. Berthilde wußte ihm durch ihre Ruhe und ihr Beispiel etwas von ihrer inneren Ruhe mitzuteilen, sie übte eine heilsame Suggestion auf ihn aus, aber in demselben Maß, als Armand sich wieder im Leben zurechtfand, schien ihre Spannkraft nachzulassen. Hatte sie zu viel Lebenskraft ausgegeben, oder zehrte die ungeduldige Erwartung einer Begnadigung an ihr, die Armand unerbittlich verweigerte?

Sie setzte ihre Besuche bei der Mutter unentwegt fort. Frau Loysel hatte den Winter in vollständiger Abgeschlossenheit ohne Bücher, ohne Zeitung, ohne jegliche Ablenkung, fast ohne Nahrung zugebracht.

»Du thätest besser, in irgend ein Stift einzutreten,« sagte Berthilde eines Tages. »Diesem Leben wäre es jedenfalls vorzuziehen!«

»Glaubst du, daß ich die Blicke andrer Frauen ertragen könnte?« versetzte die Einsame mit ungewohnter Lebhaftigkeit.

Berthilde schwieg; sie dachte an das, was sie empfand, wenn sie einstige Freundinnen auf der Straße sah.

»Aber immer kannst du doch nicht so fortleben,« bemerkte sie dann.

»Ich fühle mich noch am wohlsten hier. Zu Gefährten habe ich meine Gedanken, die keine Langeweile aufkommen lassen. Wenn du wüßtest, was ich zu denken habe ... eine ganze Welt ... und dann werde ich ja auch nicht zu lange leben ...«

»O Mama! Du bist noch jung!«

»Ja, und doch Jahrhunderte alt. Und dann ... ich habe meinen Mann getötet, weil ich ihn haßte ...«

Die junge Frau blickte überrascht auf; trotz gegenseitigen schrankenlosen Vertrauens war Frau Loysel bisher kein einziges Mal auf ihre That zurückgekommen.

»Ja, weil ich ihn haßte, so schrieb ich's, so dachte ich, so denke ich mitunter noch ... und dabei vergehe ich vor Heimweh und Sehnsucht nach ihm! Ich lebe der Hoffnung, daß er mir vergibt, wie ich ihm vergeben habe! Er hatte meine Seele gemordet, ich habe seinen Leib getötet, und nun ist meine Seele wieder auferstanden und sucht ihn ... darin, glaube mir, Kind, liegt meine wahre Buße!«

Sie schwieg, und ihre Blicke schweiften durchs Fenster über die cypressenähnlichen Tannen des Thals.

»Solange der Haß uns beherrscht, sind wir stark, und Gewissensbisse sind nicht Reue. Ich bereute meine That, weil der Mord eine Ungeheuerlichkeit ist, aber ich trauerte anfangs nicht um meinen Gatten, ich hätte ihn nicht ins Leben zurückrufen mögen ... nein, um keinen Preis! Jetzt aber ...«

Die Stimme versagte ihr. Thränen standen in ihren Augen.

»Jetzt aber,« vollendete sie ganz leise, »fühle ich, wie ich ihn noch immer liebe. Mein Haß war nichts als Zorn! Ich wollte alle Qualen erdulden, könnte ich ihn nur noch einmal sehen, ihn um Verzeihung bitten.«

Berthilde machte unwillkürlich eine Bewegung, die Frau Loysel nicht entging.

»Das begreifst du nicht? Ich weiß, was du denkst ... ich hab's ja ausgesprochen, daß ich ihn haßte, weil er mich erniedrigt hatte! Ja denn, das ist wahr! Ich bin mir bewußt, durch seine Schuld meine weibliche Würde eingebüßt zu haben, aber gerade deshalb habe ich auch das Recht eingebüßt, stolz zu sein. Eine edlere Natur hätte Widerstand geleistet, ich konnte erniedrigt werden, weil ich von Natur niedrig war. Wie sollte ich ihm darüber grollen, ihm ...«

Sie brach wieder ab und fuhr dann fort: »Es kommt auch vor, daß man gleichzeitig liebt und verachtet. Verachtung lehrt uns der Verstand, Liebe kommt ohne unser Zuthun ... Ich weiß, was er war, und ich liebe ihn noch ... ich werde sterben vor Schmerz um ihn, der mir durch meine Hand genommen ward ...!«

Sie warf sich auf ihr schmales Bett und zerfloß in Thränen. Berthilde trat zu ihr.

»Nein, sag' mir kein Wort, rühre mich nicht an! Tröste mich nicht, gewähre mir keine Zärtlichkeit ... Armand that recht, mich von sich zu stoßen. Hätte er anders gehandelt, ich wäre stolz geblieben auf meine That, in Haß verharrt. Daß er mich aus seinem Herzen verstieß, hat mir die Augen geöffnet ... nicht er, die Geschworenen waren im Irrtum. Als sie mich freisprachen, fand ich's nur recht und billig, jetzt sehe ich ein, daß ich alle Strafen der Welt verdient hätte, denn ich habe gemordet, den ich liebte ... ach, wie sehr liebte!«

»Mama!« flüsterte Berthilde sanft.

»Ich weiß, ich weiß, er habe mich nicht geliebt, meinst du? Was lag daran, wenn ich ihn nur liebte! Er lebte, ja, ich konnte ihn lieben, ihn sehen, seine Stimme hören, jetzt habe ich nichts mehr ... nichts ... als dich! Aber dich habe ich nicht verdient. Du kamst zu mir wie eine Botin von oben ... ein Anrecht an deine Hingebung habe ich nicht ... während er ... Gesetz und Gott hatten ihn mir gegeben, wie mir Gott mein Kind gab! Durch eigne Schuld verlor ich den Gatten und meinen Sohn ... o, meinen Sohn!« Ihre Thränen waren versiegt. Sie richtete sich auf und strich die weißen Haare aus dem verstörten Gesicht.

»Die Gerechtigkeit fordert, daß ich bestraft werde, aber diese Schmerzen sind vielleicht eine hinreichende Züchtigung,« sagte sie. »Solange ich den Toten haßte, fand ich die Entfremdung von meinem Sohn natürlich ... wir hätten uns nicht verstanden, denn er liebte ihn ja! Jetzt, da auch ich ihn liebe, da mein Herz wieder warm schlägt und nicht mehr ein fühlloser, kalter Stein ist, sehne ich mich nach meinem Sohn, Berthilde! Mein Herz schreit nach ihm.«

»Vielleicht könnten wir ihn mit einem Zusammentreffen überraschen,« schlug Berthilde zögernd vor.

»Nein, das würde er mir nie verzeihen, und auch dir nicht, mein armes Kind. Nein, nein ... aber wenn sein Herz sich erweichen, wenn er meine Not mitfühlen könnte! Sag' ihm, wie ich leide, sag' ihm alles, Berthilde ... mein Stolz ist gebrochen.«

»Ich werde thun, was ich vermag.«

Dieser Auftritt hatte in Berthilde selbst neue Saiten berührt. Bisher hatte Mitleid sie zu der Schuldigen hingezogen, nun erweckte die Frau, die den von eigener Hand getöteten Gatten beweinte, ihre innige Liebe.

Wortgetreu wiederholte sie ihrem Mann Frau Loysels Aeußerungen, enthielt sich aber jeder eigenen Meinung, um die Wirkung nicht abzuschwächen.

»Ich beklage sie,« sagte Armand gelassen. »Sie ist meines Mitleids würdig, aber mein Gefühl für sie bleibt unverändert. Du hast recht gethan, mir alles zu erzählen, denn es ist gut, daß ich um diese Wandlung weiß, aber fordere nicht von mir, daß ich sie wiedersehe, ich beschwöre dich.«

Diese Abweisung verletzte Berthilde. Bisher war ihr die Härte des Sohnes gegen die Mutter wohl herb, aber verständlich erschienen, heute fand ihre Liebe seine Entschuldigung mehr dafür. Sie sprach sich nicht darüber aus, sie wollte ihm auch nicht kühler begegnen, unwillkürlich aber geschah es doch. Wenn er sie küßte, so mußte sie an die Verstoßene denken, die nach der Berührung dieser Lippen lechzte, es kam ihr selbstsüchtig vor, sich lieben zu lassen, während die einsame Mutter nach Liebe dürstete. Er fühlte, wie sie sich innerlich von ihm entfernte, und that desgleichen

Als Berthilde wieder zu Frau Loysel kam, nannte sie Armands Namen nicht, und die Mutter fragte nicht nach ihm.

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