Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Gréville >

Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Die Untersuchung war natürlich rasch erledigt. Bei Frau Loysel wich das Fieber einer großen Schwäche, und eine Zeit lang dachte man daran, die Verhandlung zu vertagen.

»Wenn es nicht ganz unmöglich ist, so bitte ich Sie, das Verfahren eher zu beschleunigen als zu verzögern,« sagte Armand zu Brécourt, »Ehe die Sache entschieden ist, kann ich ja nicht atmen.«

»Und wenn ich nach der Verhandlung tot zusammenbreche,« erklärte Frau Loysel, »die Kraft, ihr beizuwohnen, habe ich! Am liebsten wäre mir, sie fände morgen schon statt!«

Berthilde hatte sie nicht mehr verlassen, halb aus Angst vor einem Selbstmordversuch, halb aus Angst, ihr geschwächtes Gehirn könnte in der Einsamkeit dem Wahnsinn verfallen. Kaum gönnte sie sich die Viertelstunde, die sie täglich mit Armand in dem nüchternen Sprechzimmer der Klinik verlebte, wohin er täglich kam, um anstandshalber nach der Mutter zu fragen und seine Frau zu sehen. Jedesmal beschwor sie ihn, die Kranke zu besuchen, und täglich erhielt sie den nämlichen abschlägigen Bescheid.

»Ihr Anblick würde dein Herz sicher erweichen ...«

»Darum meide ich ihn! Ich könnte mich rühren lassen, und wenn ich hernach wieder zur Besinnung käme, wäre es um so schmerzlicher für sie wie für mich.«

Endlich war der Tag da, wo die Schuldige vor ihre Richter treten mußte. Kreideweiß wie das Tuch, das sie an ihre zuckenden Lippen preßte, die Haare unter der Witwenhaube völlig gebleicht, erschien Frau Loysel im Schwurgerichtssaal.

Armand hatte sich in das entlegene Landhaus geflüchtet, um kein Wort, kein Geräusch zu vernehmen; Berthilde begleitete, selbst in tiefe Trauer gehüllt, die Angeklagte. Ihr gegenübersitzend, hielt sie die arme Frau durch den unverwandt auf sie gehefteten Blick aufrecht.

Der Saal war zum Erdrücken voll. Eine Liebestragödie, und deren Heldin eine Frau aus der guten Gesellschaft! Alle Damen, die Frau Loysel je um ihre Schönheit, ihre Stellung, ihren Schmuck beneidet hatten, waren durch ihre Ehemänner; Brüder oder Vettern vertreten, die strengen Befehl hatten, über jede Einzelheit zu berichten!

Man erwartete natürlich Enthüllungen über heikle Punkte, ward aber bitterlich enttäuscht, denn die Angeklagte berief sich nur auf ihre Aussagen in der Voruntersuchung, und der Präsident verfuhr mit außerordentlicher Schonung. Sie war durch eine höhere Macht so furchtbar bestraft, daß jede Verschärfung durch irdische Gewalt als unnütze Grausamkeit erschienen wäre.

Nur einmal durchlief ein angenehmes Gruseln die Versammlung, als ob die Zuhörer sich in Erwartung eines Leckerbissens die Lippen leckten, denn Frau Loysel gab auf die Frage: »Was bildete den Anlaß zu Ihrer That?« nicht sofort Antwort. Was würde sie sagen? Was würde man erfahren?

»Ich war eifersüchtig,« versetzte die Witwe, die mageren Hände ineinander pressend, »wahnsinnig vor Eifersucht.«

Das war alles. Armands Abwesenheit wie Berthildes Anwesenheit gaben natürlich Anlaß zu den mannigfaltigsten Deutungen. Die junge Frau würde von einigen als Heilige gepriesen, von andern wurde diese Schaustellung ihrer Seelengröße scharf getadelt.

Während das Publikum sich enttäuscht ansah, erklärte der Präsident die Beweisaufnahme für geschlossen und erteilte dem Verteidiger das Wort. Dieser war ein junger Mann, ein Freund Armands und namentlich ein dankbarer Schützling von Berthildes verstorbener Mutter. Im Angedenken an sie hatte er sich erboten, die Verteidigung zu übernehmen, falls die Angeklagte ihm darin volle Freiheit lassen wolle, und von Mitleid erfüllt, verzichtete er auf allen rednerischen Schmuck, auf alles, was dem Anwalt selbst Ehre und Ruhm einträgt.

Mit unendlichem Zartgefühl trug er die Aufzeichnungen der unglücklichen Frau vor, und als er geendigt hatte, war kaum ein Auge trocken geblieben, hatten selbst die Böswilligsten einer Regung des Mitleids nicht wehren können.

»Das ist die Geschichte einer Seele,« fuhr er fort. »Mögen solche, die keine Anfechtung kennen, den Stein auf sie werfen. Wer Schmerz und Anfechtung, in welcher Gestalt es auch sei, kennen gelernt hat, der wird fühlen, daß unter diesem Witwenschleier Schmerzen getragen werden, die vielleicht alles übersteigen, was er selbst je empfunden.«

Die Geschworenen zogen sich zurück. Zehn Minuten darauf wurde der Wahrspruch verkündigt. Die Angeklagte Loysel war einstimmig freigesprochen worden und verließ am Arme ihrer Schwiegertochter das Gerichtsgebäude.

»Wohin bringst du mich?« fragte sie im Wagen. »Locke mich nicht in eine Falle, liebes Kind ... ich will nach Salvagnat!«

»Aber nicht allein, Mama! Laß mich bei dir bleiben, ich bitte dich!«

Frau Loysel sah das junge Geschöpf ernst und innig an.

»Deine Aufgabe ist erfüllt, mein Kind,« sagte sie. »Du warst mir der Engel des Heils.«

»O sprich nicht so, Mama!« rief Berthilde erschüttert. »Ich, ich habe dich ja in den Abgrund gestürzt ... aber ich glaubte und glaube heute noch, es war unsre Pflicht ...«

»Das glaube ich auch, und ich danke dir, daß du mich sie erfüllen lehrtest. Aus eigener Kraft hätte ich's nicht vollbringen können.«

Die zerbrechlichen Finger umklammerten in zärtlichem Druck Berthildes Hand.

»Ich wäre feige geblieben bis ans Ende und trüge eine Last mehr auf dem Gewissen,« fuhr sie seufzend fort. »Und das Gewissen ist ein böser Gefährte in der Einsamkeit ... ich danke dir, daß du es wenigstens darüber zum Schweigen brachtest.«

Ihr Blick schweifte durchs Wagenfenster; der Anblick Vorübergehender that ihr fast körperlich weh.

»Deine Aufgabe ist erfüllt, Kind,« wiederholte sie. »Jetzt gehörst du deinem Mann.«

»Und wenn du mit mir zu ihm gingest, Mama?« sagte Berthilde schmeichelnd. »Wenn er dich sähe, dich sähe, wie du jetzt bist, er würde seiner peinlichen Gefühle sicher Herr werden.«

»Nein,« entgegnete die vom Sohne verstoßene Mutter. »Ich will nichts erzwingen, ihn nicht überfallen, er würde mir auch das noch nachtragen. Mir ist es höchst zweifelhaft, ob sein Herz sich je erweicht ... eigener Kummer müßte es denn mürbe machen, und das wünsche ich bei Gott nicht! Er ist durch und durch mein Sohn, heftig, leidenschaftlich, beharrlich, wie ich ... er wäre fähig gewesen, mich zu vergöttern, jetzt haßt er mich, einen Mittelweg gibt es bei uns nicht! Wenn er wüßte, wie ich ihn verstehe und wie ich ihm verzeihe ... aber was liegt ihm daran, und woher nehme ich das Recht, andern zu verzeihen? Später ... wenn ich nicht mehr sein werde ...«

Thränen, die ersten seit jenem Schreckenstag, rollten über die Wangen der blassen Frau.

»Mama, ich bitte dich, ich beschwöre dich,« rief Berthilde, »laß mich bei dir bleiben!«

»Du fürchtest, ich könnte sterben? Nein, Kind, der Tod wendet sich von mir ab, sonst hätte ich diesen entsetzlichen Tag nicht erlebt. Und Selbstmord ... siehst du, Berthilde, der würde Armands Gewissen zu schmerzlich belasten! Sei drum ohne Furcht! Ich werde weiter leben, bis Gott mich begnadigt. Geh jetzt zu deinem Gatten; mach ihn so glücklich, als du kannst ... mit jedem Atemzug werde ich dich dafür segnen!«

Damit drückte sie einen innigen Kuß auf die Stirne der bitterlich Weinenden. Der Weg führte an der bescheidenen Villa vorüber, die Armand gemietet hatte; Berthilde stieg dort aus, und die einsame Frau fuhr weiter nach Salvagnat.

Zum erstenmal seit sie seinen Namen trug, überschritt Berthilde Armands Schwelle, aber, statt sich befreit und beruhigt zu fühlen, war die junge Frau von seltsamer Traurigkeit umfangen.

Eine Dienerin öffnete ihr; es war eine ihr unbekannte Person aus dem Dorf, denn Armand hatte nichts und niemand vom Elternhaus mitnehmen mögen. Er saß an dem frostigen Herbstabend im dämmerigen Wohnzimmer vor dem Kamin, worin das Feuer am Erlöschen war, und brütete stumpf vor sich hin. Bei Berthildes leichtem Schritt fuhr er auf.

»Du!«

»Gerettet! Einstimmig freigesprochen!« rief sie ihm zu, wagte aber nicht, zu ihm zu treten. »Und wenn du gesehen hättest, welche Rührung alle Welt ergriff!«

Er streckte abwehrend die Hand aus.

»Freigesprochen ... Gott sei Dank!« sagte er zögernd. »Ich wäre an der Schande gestorben!«

»Und jetzt lebst du, wir leben, Armand ... willst du unbarmherziger sein als Fremde?«

»O bitte, bitte, verschone mich!« rief er, aufs peinlichste berührt. »Ich kann nicht ... ich kann nicht ...«

Berthilde senkte schweigend das Haupt.

»Wo ist sie?« fragte er nach längerer Pause.

»In Salvagnat.«

»Das ist das Richtige ... und wie ... wann werden wir endlich abreisen können? O mein Gott! Nur fort, fort von hier, wo mich alles an das Entsetzliche erinnert!«

Erschöpft sank er in sich zusammen, dann wandte er sich plötzlich wieder seiner Frau zu.

»Aber du ... du willst bleiben?«

»Ja,« stammelte Berthilde, die Augen voll Thränen, das Herz zusammengeschnürt von unaussprechlicher Angst.

Er trat auf sie zu und schloß sie an seine Brust.

»Mein Weib, meine Geliebte, mein Trost! Ohne dich, ohne den Gedanken an dich hätten Schmerz und Schmach mich umgebracht! Ich ahne, ich weiß, was du ihr gewesen bist ... und ich ... nichts, nichts ... Jetzt mußt du mir leben, denn ... ob sie so schwer büßt, weiß ich nicht, aber ich ... ich ...«

Schluchzen erstickte seine Stimme, und Berthilde fühlte, daß ein ganzes Leben voll Frieden und Vertrauen kaum hinreichen würde, dieses zerrissene Herz zu heilen.

Armands Verzweiflung, die Mutter schuldig zu wissen, hätte sich nicht zu dieser Höhe gesteigert, wenn sich die Ursachen ihrer That nicht völlig seinem Verständnis entzogen hätten. Eifersucht versteht man nur aus persönlicher Erfahrung, ihm war sie ein Rätsel. Ueberdies weigerte sich die männliche Eigenliebe in ihm, zuzugestehen, daß des Notars Lebenswandel eine derartige Züchtigung verdient habe; er beurteilte ihn mild nach den Anschauungen der Gesellschaft, worin er aufgewachsen war. Er selbst war ja frei von diesen Schwächen; abgesehen davon, daß er Berthilde ausschließlich und von ganzer Seele liebte, schützten ihn Temperament und Geschmack vor Ausschweifungen. Immerhin erblickte er im Laster des Vaters kein Verbrechen; er bedauerte dessen Schwäche, aber zum Richter darüber fühlte er sich als Sohn nicht berufen.

Im Gegensatz dazu dünkte ihm das Vergehen der Mutter verabscheuenswert. Gern hätte er sie mit vorübergehender Geistesstörung entschuldigt, aber ihr eigenes Geständnis in seiner klaren Darstellung von Ursachen und Umständen beraubte ihn dieser Möglichkeit. Hätte es sich um eine andre Frau gehandelt als seine Mutter, er hätte die Sache vielleicht eingehender geprüft, gerade kindliche Scheu hemmte sein Verständnis für ihre Beweggründe.

Berthilde ward ihm alles, was er von ihr gehofft hatte: Gattin, Schwester und Freundin. Sie kannten sich so genau, daß sie kaum der Worte bedurften, um sich zu verständigen, ihre Gedanken flossen unausgesprochen ineinander. Das einzige, was ihr stilles Glück trübte, war Berthildes Schweigen über Frau Loysel.

»Ich bitte dich, sprich nicht von ihr!« hatte Armand in einer Anwandlung von Gereiztheit hingeworfen, und die junge Frau befolgte sein Geheiß.

Zwei- oder dreimal in der Woche entfernte sie sich, je nach der Witterung, zu Fuß oder zu Wagen, und obwohl Armand wußte, daß Salvagnat ihr Ziel war, stellte er doch keine Frage. Mitunter hätte er wohl gerne gehört, wie ihr Besuch abgelaufen sei, aber sie hielt sich strenge an seinen Befehl, vielleicht in der geheimen Hoffnung, gerade durch ihr Schweigen Armand zu einer Frage zu veranlassen.

Geschäftliche Angelegenheiten machten ihm die Abreise von Clermont vorerst noch unmöglich; er erledigte sie so rasch es anging, vermied dabei nach Kräften seine Bekannten und beschränkte seinen Verkehr mit der Außenwelt aufs Unumgänglichste.

Frau Firminy grollte ihrer Nichte, weil diese, wie sie sagte, ihre Zustimmung zur Heirat erschlichen habe.

»Wenn ich je geahnt hätte, daß Frau Loysel den armen Notar umgebracht hat,« sagte sie, so oft Berthilde zu ihr kam, »hätt' ich's nie und nimmermehr zugegeben! Denken zu müssen, daß meine Nichte die Schwiegertochter einer Mörderin ist.«

»Liebste Tante, sie wird die Verwandtschaft mit dir gewiß nie in Anspruch nehmen,« beschwichtigte sie die junge Frau.

»Das ist ganz einerlei! Du hast unredlich an mir gehandelt!«

Zum Glück zog sich die vortreffliche Dame bald in ein Kloster zurück und fühlte sich dort so wohl, daß Berthilde auf eine versöhnliche Stimmung rechnen durfte.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.