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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Zwölftes Kapitel

Erst als der Abend dunkelte, suchte Armand, wie ein Dieb an den Häusern entlang schleichend, seine Braut auf.

Alsbald nachdem er das Geständnis nach Riom abgesendet hat, war eine Aufforderung an ihn ergangen, sich sofort beim Hilfsstaatsanwalt Brécourt einzufinden.

Dieser, dem es so leicht geworden war, an Grésils Schuld zu glauben, nahm jetzt aufrichtigen Anteil an Armands Lage. Das war ein Mensch, der seinem eigenen Bildungs- und Gesellschaftskreis angehörte, und in dessen Gefühle er sich hineindenken konnte. Er stellte daher nur die unumgänglich nötigen Fragen an den unglücklichen Sohn, und zwar mit Takt und Zurückhaltung, gab ihm zu verstehen, daß man Frau Loysel so lange als möglich auf freiem Fuß lassen und die schließlich unvermeidliche Haft in die Verbringung in eine Klinik verwandeln werde.

Trotz dieser rücksichtsvollen Behandlung fühlte sich Armand völlig gebrochen nach diesem Verhör. Sein heißestes Verlangen war, Element unverzüglich zu verlassen, aber Brécourt hatte ihn ausdrücklich gebeten, zu bleiben und ihm gewisse Schritte und Milderungen der Rechtsform durch seine persönliche Vermittlung zu erleichtern.

Erst als es dunkel wurde, konnte er sich entschließen, seine freiwillige Haft in dem öden Hause zu verlassen und zu Berthilde zu gehen.

Frau Firminy wußte von nichts. Sie war immer sehr schläfrig nach Tisch, hielt es aber für eine Anstandspflicht, bis zehn Uhr im Salon zu bleiben, wo sie, über irgend ein geistliches Buch gebeugt, ihr Nickerchen hielt. Als Armand eintrat, winkte sie ihm zu, ohne sich im angeblichen Lesen stören zu lassen. Berthilde hatte sich in eine entfernte Ecke des großen Raumes gesetzt, wo er bald an ihrer Seite war.

»Meine Schwester,« sagte er, ihre Hand ergreifend, »ich komme heute zum letztenmal. Von nun an werde ich das mir verhaßt und unheimlich gewordene Haus meiner Eltern nicht mehr verlassen ... ich hoffe, darin bald an Jammer und Angstgefühl zu sterben.«

Sie strich liebkosend über seine fieberhaft glühenden Hände.

»Mein armer Armand! Noch ein Weilchen mußt du mutig sein und Geduld haben!«

»Nein! Ich kann nicht mehr! Wie man unter einer solchen Last leben kann, begreife ich nicht! Sobald ich kann, werde ich fortgehen ...«

»Wohin?«

»Irgend wohin, nur fort von Clermont, wo man mit Fingern auf mich zeigen wird. Der Staatsanwalt wird mich wohl in ein paar Tagen reisen lassen ... ich bin ja zu nichts nütze.«

»Und sie?«

Er schüttelte verneinend den Kopf; das junge Mädchen überlief es kalt.

»Komm ins Speisezimmer!« sagte sie. »Wir müssen ungehindert sprechen können.«

»Du willst fort,« sagte sie, sobald sie allein waren, »und ich?«

Er wandte mit verstörtem Ausdruck das Gesicht ab.

»Höre mich an,« fuhr sie, die Hand auf seine Schulter legend, fort. »Du hast gar nicht das Recht, was du einst begehrtest, jetzt von dir zu stoßen. Ich bin dein Weib und folge dir, wohin es auch sei.«

Er schloß sie in die Arme und fand endlich wohlthätige Thränen.

»Du bist ganz verwirrt, Liebster,« sagte sie sanft und zärtlich, wie man zu einem Kinde spricht. »Später werde ich dir unbedingt gehorchen, jetzt aber laß mich für dich denken. Morgen früh suchst du die Mama auf!«

»Ich kann nicht,« versetzte er, sich aufraffend.

»Du kannst nicht! Aber bedenke, wie einsam und verlassen sie in ihrer Klause sitzt ... was für Gedanken müssen sie bewegen! Du hättest heute schon zu ihr gehen sollen, unmittelbar nachdem ...«

»Ich kann nicht!« wiederholte er dumpf. »Ich kann den Gedanken nicht überwinden, daß sie ... die Mörderin meines Vaters ist.«

Berthilde ergriff seine beiden Hände.

»Armand, bedenke, daß es deine Mutter ist, die Mutter, die dich geboren, erzogen, vergöttert hat ... ach, in unsrer Kinderzeit hätte ich manchmal weinen mögen, wenn ich sah, wie sie dich liebte!«

Armand schüttelte den Kopf.

»Ja, damals ...«

»Und heute! Um deinetwillen lebt sie noch! Hast du ihre Aufzeichnungen nicht gelesen?«

»Doch!«

»Dann weißt du, wie sie gelitten hat! Und sie büßt, Armand, wird bis zum letzten Atemzuge büßen! Genügt dir das nicht?«

»Ich bin ihr Richter nicht ... ich weiß nur, daß sie mir den Vater getötet hat, den ich liebte! Mögen andre ihr Urteil sprechen, ich verdamme sie nicht, aber zu lieben vermag ich sie nicht mehr.«

»Armand!« rief Berthilde entsetzt. »Sie nicht mehr lieben!«

»Ich kann nicht ohne Grauen, nicht ohne unsäglichen Widerwillen an sie denken. Quäle mich nicht ... ich kann nicht!«

»Die Unglückselige! Und was soll aus ihr werden?« fragte Berthilde, gespannt in seine Augen blickend.

»Wir waren eine einige, glückliche Familie ... wenigstens sah es so aus. Ihre wahnsinnige Eifersucht hat unser Glück vernichtet ... mein Vater starb eines schauderhaften Todes ... ich muß einen befleckten Namen durchs Leben schleppen.«

»Sie wird freigesprochen werden,« sagte Berthilde rasch.

»Möglich, daß andre sie freisprechen, ich nicht!«

»Die Eifersucht beherrschte sie,« wandte Berthilde ein.

»Man soll nicht eifersüchtig sein, man hat gar nicht das Recht dazu!« entgegnete er heftig. »Eifersucht ist eine niedrige Leidenschaft, der ein geistig und sittlich hochstehender Mensch nicht verfallen darf.«

»Kennst du denn diese Leidenschaft?« fragte sie mutlos.

»Nein. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich je dieser schmählichen und gefährlichen Schwäche nachgegeben hätte.«

Das junge Mädchen sah ihn mit einer eigentümlichen Mischung von Mitleid und Bewunderung an.

»Weil du stark bist!« sagte sie in ihrem warmen, innigen Ton. »Du stehst darüber, aber nicht jedermann kann es dir nachthun, Armand! Doch gerade der Starke muß auch barmherzig sein, und Mitleid zu fühlen, thut uns selbst so wohl! Vielleicht würdest du es später bereuen, hart gegen sie geblieben zu sein ... wenn du sie sähest! Sie ist nur noch ein Schatten!«

»Ihr widerfährt nach Gebühr!«

»Dann sehe ich meinen Weg klar vor mir,« erklärte Berthilde nach kurzem Zögern. »Ich kann sie nicht verlassen, und doch bin ich machtlos, solange ich nicht gesetzlich ihre Tochter bin ... binnen vierundzwanzig Stunden müssen wir getraut sein, Armand. Es wird sich bewerkstelligen lassen, denn es muß sein.«

»Berthilde!« rief Armand betroffen, »du willst nach dem, was geschehen ist, meinen Namen tragen?«

»Ich hätte Freude und Glück mit dir geteilt, jetzt teile ich das Leid als deine Frau und die Tochter deiner Mutter.«

»Die Tochter meiner Mutter!« wiederholte er, die Worte erwägend. »Das ist's ja, was ich nicht zugeben darf ...«

»Und gerade das muß ich sein,« versetzte sie aufs entschiedenste. »Komm, die Sache muß abgemacht werden, sonst verliere ich auch noch die Klarheit.«

Sie eilte in den Salon, und er mußte ihr wohl oder übel folgen.

»Liebe Tante,« redete sie die halb Eingeschlummerte plötzlich an, »du darfst mir nicht verargen, was ich dir zu sagen habe ... ich bitte dich, mir beizustehen, daß ich morgen abend mit Armand getraut werden kann.«

Die alte Dame nahm ihre Brille ab und legte sie auf den Tisch.

»Willst du mir's nicht noch einmal sagen, Berthilde?« bat sie gelassen. »Ich habe dich wohl nicht recht verstanden.«

»Du hast mich ganz gut verstanden, Tantchen, und für eine Heilige, die du bist, ziemte sich's schlecht, böse zu werden, und ebensowenig darf eine solche Aergernis geben.«

»Berthilde!« rief die Tante entrüstet.

»Ich kann dir seine andre Erklärung geben, als daß die Sache vor sich gehen muß, wie ich sagte.«

»Verstehen Sie denn die Geschichte?« wandte sie sich in ihrer Hilflosigkeit an Armand.

»Ich verstehe Berthildes Großmut, darf aber nicht zugeben, daß sie einen entehrten Namen ...«

»Er weiß nicht, was er redet, Tante,« schnitt ihm Berthilde das Wort ab. »Die Sache steht so: wenn du dich weigerst, mich morgen nachmittag aufs Standesamt und abends in die Kirche zu begleiten – der Bürgermeister ist ja ein Freund von uns und wird dir eine Gefälligkeit nicht abschlagen – so werde ich auf deinen Schutz verzichten und Dinge thun, die dich betrüben müßten. Ich habe dich von Herzen lieb, Tante, zwinge mich also nicht, dich zu kränken.«

»Aber weshalb denn diese Eile?« fragte die alte Dame.

Die Verlobten verständigten sich durch Blicke.

»Meinem Armand stößt ein großes Unglück zu, und ich muß ihm zur Seite stehen und ihn aufrichten. Das ist meine Pflicht und mein Recht.«

»Ein großes Unglück?« fragte Frau Firminy gespannt. »Ist seine Mutter krank geworden?«

Sie erhielt keine Antwort und nahm das Schweigen für Bejahung.

»Ich hab's ja immer gesagt,« erklärte Frau Firminy so befriedigt, wie der Mensch sich fühlt, wenn er ein Unglück vorausgesehen hat, »daß es äußerst unvorsichtig war, um diese Jahreszeit nach Salvagnat zu gehen. Das Haus läßt sich ja gar nicht heizen! Der Wind fährt durch alle Schornsteine hinein!«

»Du siehst also ein, daß Frau Loysel unmöglich allein dort bleiben kann, daß sie mich braucht ... und ihren Sohn doch auch!« sagte Berthilde schmeichelnd. »Wie aber sollen wir das einrichten, wenn wir nicht verheiratet sind?«

»Es wäre unerhört! Geradezu verrückt!«

»Jawohl, Tantchen, aber verrückte Dinge müssen eben auch hie und da geschehen.«

Der Eigensinn des sonst so lenksamen Kindes brachte die Tante ganz außer Fassung.

»Begreifen kann ich's ja nicht,« erklärte sie nach längerer Ueberlegung, »du willst einen unerhörten Schritt thun, der die ganze Stadt in Aufruhr versetzen wird. Schließlich ist's aber deine Sache ... ich ziehe mich nach deiner Verheiratung ins Kloster zurück, wo mich die Meinung der Welt nicht mehr anficht. Wenn ihr beide eine Tollheit begehen wollt, so habt ihr auch die Folgen zu tragen ...«

»Das heißt also, meine gute Tante hat nichts dagegen, Armand! Du mußt jetzt die nötigen Schritte thun. Deine Mutter hat uns ihre schriftliche Einwilligung zurückgelassen, als sie nach Salvagnat ging, deines Vaters Totenschein haben wir auch, mehr ist nicht nötig. Ach, wie bin ich dir von Herzen dankbar, Tantchen,« setzte sie, die alte Dame küssend, hinzu.

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