Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Gréville >

Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

Ich habe meinen Gatten, den Notar Aimé Loysel, getötet. Die Geschichte dieser That und meiner Ehe schreibe ich nieder für meinen Sohn, der mich verdammen mag, wenn er den Mut dazu hat.

Ich war, wie es den meisten Mädchen geschieht, an meinen Mann verheiratet worden – mein Sohn heiratet aus Liebe, seine Frau wird ihm Genossin sein, ihr Schicksal ist ein wesentlich andres. Die Gefühle, die ich meiner Gatten entgegenbrachte, waren eher Achtung, fast Furcht, als Neigung. Ich war ein halbes Kind und blickte mit Verehrung zu ihm auf. Ließ er sich herab, mit mir zu sprechen, so fühlte ich mich mehr geschmeichelt als beglückt und war gerührt, daß er sich mit einem so unbedeutenden Geschöpf abgeben mochte. Mit den Jahren veränderte sich mein Gefühl; ich wurde stolz darauf, die Frau eines so angesehenen Mannes zu fein; aber mein Herz hatte daran weniger Anteil als meine Eitelkeit.

Zwölf Jahre etwa nach unsrer Verheiratung kam eine Zeit, wo er sehr gedrückt war. Geldverluste gefährdeten nicht nur sein äußeres Glück, sondern seine Standesehre; ich stellte ihm meine Mitgift zur Verfügung und bewahrte ihn vor dem Verderben, dabei ward er denn auch inne, daß ich doch nicht das Püppchen war, das er nach kurzem Liebesrausch wie ein Spielzeug in die Ecke gestellt hatte, sondern eine verständnisvolle und ergebene Gefährtin. Das war die Zeit, wo ich das Glück der Ehe wirklich kennen lernte.

Ich glaube heute noch, daß sein Gefühl für mich damals echt und aufrichtig war, ja, ich kann jetzt eher erkennen, daß er mich auf seine Weise stets geliebt hat. Was ich zu spät verstehen lernte, war aber, daß er das Weib und nicht ein Weib liebte. Er liebte die Frauen, eine Stunde, einen Tag, selten länger. Dauernde Liebesverhältnisse unterhielt er nicht, kehrte aber mitunter mehrmals zu einer Frau zurück, die sein Wohlgefallen erregt hatte.

Die Einsicht in diese Dinge wurde mir mitten im Gluck meiner wahren Flitterwochen aufgedrängt. Mein Mann hatte mich erobert, hatte mir eine Leidenschaft eingeflößt, aus der ich ihm kein Hehl machen konnte. Meine Empörung kannte keine Grenzen; mir bedeutete jede derartige Abschweifung einen Treubruch, und daß es ihrer so viele waren, machte sie mir noch widerlicher, während Loysel sich im Gegenteil mit ihrer Zahl und Flüchtigkeit ausreden zu können glaubte.

Eine andre Frau würde wohl ihre Ketten gesprengt, sich von ihm losgesagt haben, ich versuchte es auch, aber es ging über meine Kräfte. Ich liebte ihn, und er brauchte mich nur auf eine gewisse Weise anzusehen, so war ich bereit, ihm willenlos zu folgen, und wär's aufs Schafott gewesen. Darin liegt mein Schicksal.

Schließlich kam ich dahin, für seine flüchtigen Neigungen ebenfalls Nachsicht zu empfinden; vor vier Jahren aber kam eine Kunstreiterin nach Clermont, die ihm eine dauerndere Leidenschaft einflößte. Vierzehn Tage blieb die Gesellschaft hier, Miß Liona aber reiste nicht mit der Truppe ab, sondern blieb zwei Monate. Den Kontraktbruch bezahlte Loysel. Sie betrieben ihren Verkehr ziemlich unverhohlen, so daß ganz Clermont darüber sprach und sogar das Blättchen Anspielungen darauf brachte.

Diesmal war die Sache ernsthaft. Miß Liona war hübsch, sie hatte Chic, gehörte in gewissem Sinn der Gesellschaft an, sie war eine Nebenbuhlerin. Mit gewaltiger Selbstüberwindung riß ich mich innerlich von meinem Mann los. Er war viel zu sehr von seiner Leidenschaft in Anspruch genommen, um meinen Gemütszustand auch nur zu bemerken; als die Kunstreiterin aber abgereist und er genötigt war, zwei bis drei Tage auf eine Zusammenkunft mit ihr zu verwenden, besann er sich darauf, daß er ja eine Frau im Hause hatte, und als er fand, daß sie ihm fremd und kalt gegenübertrat, reizte es seine Eitelkeit, sie zurückzugewinnen.

Ich schreibe diese Blätter für meinen Sohn ... es gibt Dinge, die ich ihm nicht sagen kann, aber sein Feingefühl wird sie erraten und meine Worte ergänzen.

Ich liebte meinen Mann, trotzdem ich ihm fluchte, aber so schwach ich ihm gegenüber auch war, einiges Gefühl meiner Würde hatte ich doch noch. »Deine Leichtfertigkeit konnte ich dir verzeihen,« sagte ich, »weil du mir eingeredet hast, dein Herz hätte nichts damit zu schaffen, jetztsoll ich dir eine Verirrung verzeihen, woran auch dein Herz beteiligt war. Ich will es thun, aber das sage ich dir im voraus, wenn du diese Frau je wiedersiehst, wenn diese Leidenschaft je neu aufflammen sollte in dir, dann wäre für mich nur eine tragische Lösung denkbar.«

»Oho!« machte er mit dem höhnischen Lächeln, das mir im Innersten weh that. »Was würdest du dann thun?«

»Ich weiß es heute noch nicht, aber bitte Gott, daß dieser Fall nicht eintreten möge.«

Er sah mich einen Augenblick überrascht an, dann schloß er mich in die Arme, und mein Widerstand war gebrochen.

Sei es, daß die Jahre ihn abgekühlt hatten, sei es, daß er größere Vorsicht anwandte, genug, in den folgenden vier Jahren gab Loysels Lebenswandel weniger Anlaß zu Gerede. Unsre Häuslichkeit wurde friedlich, und der mittlerweile erwachsene Sohn konnte eine Musterehe bei seinen Eltern voraussetzen. Armand verlobte sich mit Berthilde, und eine glückliche Zukunft schien sich für uns alle aufzuthun.

Am ersten Tag des Jahrmarkts hatte ich mir vorgenommen, zu Hause zu bleiben, weil mir der Lärm und das Gedränge auf den Straßen zuwider sind. Mein Mann bestand aber darauf, daß ich Besuche machen solle, und kaum war ich ein paar hundert Schritte weit gegangen, als mein Blick auf einen Maueranschlag fiel, – Miß Liona war in Clermont!

Ich hatte sie in der Friedlichkeit meines jetzigen Daseins, worin die Erinnerung überstandener Kämpfe schattenhaft verblaßte, fast vergessen gehabt, der Anblick ihres Bildes erschütterte mich aufs furchtbarste. In den verschiedenen Häusern, wo ich Besuche machte, schwebte dieser Name auf aller Lippen, und obwohl er in meiner Gegenwart nicht ausgesprochen wurde, klangen mir doch die Ohren davon. Ich machte einen langen Gang durch die entlegensten Stadtteile, um Ruhe und Selbstbeherrschung zu gewinnen. Als ich endlich umgekehrt war und in die Nähe meines Hauses kam – wen sah ich dessen Schwelle überschreiten? Miß Liona!

Nachdem ich mich in mein Zimmer geflüchtet hatte, stand ich lange wie gelähmt auf demselben Fleck; die geringste Bewegung verursachte mir rasende Schmerzen, bei jedem Versuch, einen klaren Gedanken zu fassen, drohte mir der Kopf zu zerspringen. Wie lange dieser Zustand gewährt haben mag, weiß ich nicht, schließlich bildete sich in dem Chaos meiner Seele ein fester Punkt – maßlose Verachtung für Loysel. Wenn ein zufälliges Wiedersehen jener Frau die alte Flamme neu angefacht hätte, das wäre ja zur Not begreiflich gewesen, aber wenn er ein Stelldichein mit ihr im eigenen Haus verabredet, mich mit Schmeichelei und Zärtlichkeit zum Ausgehen veranlaßt hatte, dann war dieser Mann der erbärmlichste Tropf.

Das Bedürfnis, Gewißheit über diesen Punkt zu erlangen, trieb mich mit unwiderstehlicher Gewalt die Treppe hinunter. Ich ging in die Bibliothek, von da in Loysels Arbeitszimmer. Die Bureaus waren schon geschlossen, die Dienstboten in der Küche beschäftigt, ich wurde von niemand gesehen.

Ich war leise eingetreten, und doch drehte sich Loysel, der am Schreibtisch saß, hastig um. Sein Gesicht trug einen zornigen, rohen Ausdruck, den ich in fünfundzwanzig Jahren häuslicher Gemeinschaft noch nie wahrgenommen hatte.

»Du bist's? Was schleichst du denn wie eine Katze?«

»Ich hatte nicht die Absicht, dich zu erschrecken,« sagte ich, indem ich mich auf das dem Schreibtisch gegenüber stehende Sofa setzte, da ich mich nicht sehr sicher auf den Beinen fühlte. »Waren alle für heute nachmittag angesagten Klienten bei dir?«

»Ja, alle,« versetzte er in einem Ton, der mir schneidend vorkam.

Ich betrachtete ihn und bemerkte einen Zug, der wohl häufig schon auf seinem Gesicht gestanden, den ich aber noch nie so deutlich begriffen hatte – es war eine Art Hohn über meine Leichtgläubigkeit, ein gewisses Frohlocken, daß er mich ohne wörtliche Lüge betrügen könne.

»Da bist du wohl recht erschöpft?« warf ich hin, während meine zuckenden Finger über den Sofabezug hinglitten.

»Allerdings,« gab er in mattem Tone zu.

Nie war mir die Lügenhaftigkeit seiner Natur in die Augen gesprungen wie an diesem Tage.

»Der letzte Klient war eine Dame?« warf ich leicht hin.

Schon wollte er mit erstaunter Miene verneinen, als ihm plötzlich einfallen mochte, ich könnte Miß Liona begegnet sein.

»Ja, eine Dame, die sich vorübergehend hier aufhält und mir Geld zu verwalten gab.«

»Also niemand von hier?«

Meine Beharrlichkeit mochte ihm verdächtig werden; er sah mich forschend an.

»Nein,« erwiderte er, mit dem Papiermesser spielend.

»Ein wunderlicher Geruch im Zimmer,« sagte ich langsam mit scharfer Stimme. »Die Dame scheint starke Parfüms zu lieben?«

»Bist du etwa auf meine Klienten auch noch eifersüchtig?« sagte er höhnisch und wegwerfend. »Das könnte ja nett werden!«

Ich war nahe daran, ihm den Namen dieser Frau ins Gesicht zu schleudern, aber ich wollte nicht heftig werden, wollte nicht in Thränen ausbrechen, beides erregte ja nur seinen Hohn.

»Die Sorte von Frauen, die sich dieser Sorte von Parfüm bedient, erregt meine Eifersucht nicht ... das wäre zu viel Ehre für sie!«

»Das hält jeder nach seinem Geschmack,« erwiderte er innerlich gereizt. »Dir kann das sehr gleichgültig sein.«

»Es paßt mir nicht, die Lieblingsdüfte der Halbweltdamen in meinem Haus zu atmen,« erklärte ich trocken. »Das Zimmer muß gründlich gelüftet werden!«

»Entschuldige,« rief Loysel außer sich geratend, »das ist mein Zimmer, und es ist meine Sache ...«

Meine Hand war in unruhigem Tasten zwischen Sitz und Sofalehne hinunter geglitten und auf einen Gegenstand gestoßen, der mich um den Rest meiner Fassung brachte.

»Deine Klientinnen machen offenbar hier Toilette,« sagte ich, aufstehend und meinen Fund auf den Schreibtisch legend.

Es war eine kleine Haarnadel von blondem Schildpatt mit Goldeinlage.

»Die muß allerdings jemand verloren haben,« sagte er betroffen.

»Du solltest den Mut der Wahrheit haben, oder noch frecher lügen,« sagte ich, ihm aus nächster Nähe in die Augen blickend. »Mich hat die Liebe zu dir lange genug blind gemacht, aber heute sind mir die Augen aufgegangen. Du gabst dieser Miß Liona eine verabredete Zusammenkunft in unserm gemeinsamen Hause, mich schicktest du fort, um ungestört zu bleiben, der Zufall fügte es, daß ich sie beim Heraustreten sah. Du magst es reizvoller, vielleicht auch sicherer gefunden haben, deine Geliebte hier zu empfangen, als sie im Gasthause aufzusuchen – nun gut, ich aber sage dir, daß ich diese häßliche That nie vergeben werde! Treulosigkeit ist an sich schon abscheulich, die Art der Ausführung aber entehrt dich in meinen Augen vollständig.«

Loysel klopfte ärgerlich mit dem Papiermesser auf den Tisch.

»Nichts Langweiligeres, als eine eifersüchtige Frau.«

»Nichts Widerlicheres, als ein Mann, der lügt!«

In mir kochte der Zorn. Alle Enttäuschungen, die mir die Ehe gebracht hatte, hätte ich ihm aufzählen mögen, aber ich vermochte nicht zu sprechen, Wut und Ekel erstickten mich beinah.

»Meine Liebe, du wirst wohl daran thun, dir ein derartiges Benehmen abzugewöhnen,« sagte er frostig. »In diesen Räumen bin ich Herr und ich werde empfangen, wen es mir beliebt.«

»Frauen?«

»Gewiß auch Frauen, du wirst mich von jetzt an mit derlei Auftritten verschonen. Nur unter dieser Bedingung kann ich dein seltsames Benehmen von heute verzeihen.«

Ich fühlte, daß ich diesen Mann haßte, daß ich durch nichts an ihn gefesselt war, als durch die Sinne. Wie ein Blitz durchzuckte mich die Erkenntnis, daß meine Jugend vorüber war, daß meine Leidenschaft ihm selbst krankhaft und abgeschmackt vorkommen müsse. In den herzlosen, heuchlerischen Augen dieses Mannes las ich nur Verachtung für die arme, mißhandelte Frau und ehrlichen Widerwillen gegen meine Schwachheit. Ich wußte mit einemmal, daß er mich längst verachtet hatte um meiner Liebe willen, als eine Frau, die nach jeder Untreue immer wieder zu haben war, daß ich ihm überhaupt nie etwas andres bedeutet hatte, als ein Weib, wie sie alle sind, während ich Götzendienst mit ihm getrieben hatte.

Das alles begriff ich und zugleich wußte ich, daß ich in seiner Nähe nicht würde weiter leben können, daß seine Mißachtung mich vernichten würde. Ich mußte und wollte sterben.

Gott ist mein Zeuge, daß ich in dem Augenblick, als ich nach dem Revolver griff, der auf seinem Schreibtisch lag, keinen andern Gedanken hatte, als mir das Leben zu nehmen.

Die Waffe war schwer, sie zitterte in meiner Hand, und ich hatte sie am Lauf ergriffen. Es bedurfte einiger Sekunden, bis ich sie richtig gefaßt hatte, und Loysel hatte Zeit, mir die Bemerkung hinzuwerfen: »Das ist kein Spielzeug für dich; laß den Revolver liegen. Es fällt dir ja gar nicht ein, dich umbringen zu wollen, du machst dich einfach lächerlich!«

Er sah mich spöttisch, mit niedriger Grausamkeit an. O mein Götterbild! Nicht nur seine Füße waren von Thon, das ganze lag in Scherben!

»Feigling!« keuchte ich, ihm fest in die bösartigen Augen blickend.

Er kicherte ... meine Hand muß ihn angesehen haben so gut wie mein Auge; ich hatte den Finger auf dem Drücker und der Schuß ging los.

Ich sah ihn zucken, dann saß er mit boshafter Miene regungslos da; das eine Auge sah mich unverwandt und höhnisch an, das andre war nur noch ein blutiges Loch.

Mein Arm fiel schlaff herunter – war es denn möglich? Hatte ich das vollbracht? Ich, die furchtsame, willensschwache Frau, hatte einen Mord begangen?

Ich wagte nicht näher zu treten. Die Waffe legte ich an ihren Platz zurück ... Loysel starrte mich immer noch mit dem einzigen grausamen Auge an ... ich wich vor seinem Blick bis zur Bibliothekthüre zurück, dann entfloh ich in mein Zimmer ... es war mir, als ob er mich die Treppe hinauf jage, verfolge ...

* * *

Sobald Berthilde zu Hause angelangt war, ließ sie ihren Verlobten rufen.

»Mein armer Liebster ... hier ist das Heil für einen Unschuldigen,« sagte sie, als er eintrat.

Armand blickte mit erschrockenen Augen auf die Blätter, die sie in der Hand hielt. Die Vorstellung der Schuld seiner Mutter hatte sich ganz allmählich bei ihm eingenistet. Er hätte auch nicht anzugeben vermocht, wann diese Möglichkeit zuerst vor ihm aufgetaucht war; wie ein schleichendes Gift war sie ihm in die Seele gedrungen; aber so lange die Mutter geschwiegen hatte, war immer noch ein Hoffnungsschimmer geblieben; jetzt umfing ihn hoffnungslose Finsternis ... es war also wahr?

Als ob alle Kraft aus seinen Muskeln geschwunden wäre, sank der unglückliche Sohn auf den ersten besten Stuhl. Berthilde trat leise an ihn heran: mit einem herzzerreißenden Ausdruck der Hilflosigkeit sah er zu ihr auf.

»Armand,« sagte sie feierlich, »du allein bist Herr und Richter in dieser Sache. Du hast mein Wort, daß unser beider Leben von Buße ausgefüllt sein soll, wenn du es so haben willst ...«

Er raffte sich auf.

»Du weißt nicht, wie ich leide! Es liegt ja jenseits alles Denkbaren! Mein ganzes Dasein, mein ganzes Wesen ist umgewälzt, verhöhnt, zerstört!«

Er griff verzweifelt in die leere Luft.

»Also, sie hat es wirklich gethan?« fragte er. »Warum?«

»Lies ...«

»Nein!« rief er heftig. »Nein, ich will nicht lesen! Ich kann nicht in ihren Schriftzügen das Geständnis einer Im That vor Augen sehen, für die ich keinen Namen finde ...«

»Armand, sei nicht unbarmherzig! Sie büßt schwer genug ... wenn du ihre Aufzeichnungen gelesen hättest, du würdest Mitleid fühlen ...«

»Du sollst nicht töten!« sagte er strenge.

»Sie war wahnsinnig vor Eifersucht ...«

»Ja, wahnsinnig muß sie gewesen sein! Gib mir die Blätter.«

Er steckte sie in seine Rocktasche und wandte sich zum Gehen.

»Armand, du mußt ihr Geständnis lesen, ich fordere es von dir! Du kannst nicht ungerecht sein wollen.«

»Nein,« versetzte er ungerührt. »Ich werde es nicht lesen.«

»Und wenn dich die Richter nach den Einzelheiten der That fragen?«

»Daß ich Zeugnis ablege gegen sie ... oder gegen den Vater, den sie mir gemordet hat ... ein solch ungeheuerliches Ansinnen wird niemand an mich stellen!«

Er preßte die Zähne aufeinander; sein starrer Blick, der die Braut nicht sehen wollte, schien jede Möglichkeit eines Mitgefühls für die Unselige von sich zu weisen, während Berthilde als Weib für die Schmerzen des Weibes in Mitgefühl verging.

»Armand, dann lies diese Blätter um meinetwillen!« flehte sie. »Bedenke, welch furchtbar ernste Rolle ich in diesem Drama gespielt habe! Immer würde mich der Gedanke quälen, daß ich, um einen Unschuldigen zu retten, dieser Unglücklichen die letzte Hoffnung, die Hoffnung auf die Verzeihung ihres Sohnes, geraubt habe. Ich beschwöre dich, Armand ... damit ich dir immerzu vertrauen, dich verehren kann, um unstet Liebe willen, lies ... ein Tag wird kommen, wo du diese arme todwunde Seele milder beurteilen wirst!«

»Wir haben ein entsetzliches Werk vollbracht, du und ich,« sagte er etwas ruhiger. »Ich weiß nicht, ob ich je dahin gelangen werde, mir selbst zu verzeihen ...«

»Ach! Du grollst mir!« rief Berthilde schmerzlich berührt.

»Grollen? Nein, das kann ich nicht! Mich erfüllte ja dasselbe Verlangen nach Gerechtigkeit, wie dich ... du hast den Mut gehabt, das Aeußerste zu thun, eilten Mut, den ich nicht hatte ... oder ich leide namenlos. Du darfst nicht mit mir rechten ... der Jammer verwirrt meine Seele.«

Er faßte die Hand des jungen Mädchens und drückte sie flüchtig, dann schritt er nach der Thür.

»Wohin gehst du, Armand?« fragte sie angstvoll.

»Meine Pflicht zu erfüllen.«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.