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Das Geständnis

Henry Gréville: Das Geständnis - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Gréville
titleDas Geständnis
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1898
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140827
projectid9556ca44
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Neuntes Kapitel

In der Woche darauf wurde der Mord des Notars vor dem Schwurgericht verhandelt. Der Saal war zum Ersticken voll, obwohl die Verhandlung eigentlich gegenstandslos war. Der Angeklagte verneinte seine Schuld, Beweise für oder gegen ihn fehlten. Wie immer in solchen Fällen fanden sich zwar ein paar Zeugen, die ihn in der Nähe des Hauses gesehen zu haben »glaubten«, »gewiß« konnten sie es aber nicht sagen, das war alles. Karoline Brichol, die Grésils Anwalt als Zeugin benannt hatte, wußte überhaupt nicht, was man von ihr wolle, und wovon die Rede sei, und ihr Auftreten machte einen für Grésil ungünstigen Eindruck.

Armand sprach sich mit Wärme und Ueberzeugung zu seinen Gunsten aus und klagte die Behörden an, einen Wehrlosen auf leere Worte hin vor Gericht gestellt zu haben. Dieses Verhalten erregte allgemeinen Unwillen und man fand es vom Sohn des Ermordeten geradezu schamlos, für den Angeklagten einzutreten. Mit gebrochenem Mut, von machtloser Wut erfüllt, berichtete er seiner Braut vom Verlauf der Sitzung.

»Ich werde noch wahnsinnig!« stöhnte er. »Die Schande und der Zorn erdrücken mich! Nächstens weiß ich selbst nicht mehr, was denken! Wenn Grésil verurteilt wird, verlasse ich Frankreich ...«

»Mit mir!« sagte Berthilde einfach.

»Nein, ohne dich! Ich hätte nie den Mut, dich an einen verbitterten, verzweifelten Menschen zu ketten! Allein will ich fort ... in die Fremde.«

Berthilde schüttelte ruhig den Kopf! daß sie ihn nicht verlassen würde, stand ja fest.

»Hast du Nachricht von Salvagnat?« fragte er dann.

»Keine! Und dieses Schweigen ist mir unheimlich ... Heute ist es zu spät, aber morgen fahre ich hin.«

»Mit mir?«

»Nein, ohne dich. Ich muß vor der Schwurgerichtssitzung zurück sein ... Armand, wenn ich mich täuschte, wenn ich dich irrigerweise in dem Gedanken bestärkte, der dich zur Verzweiflung bringt, Armand, dann bin ich deiner Verzeihung bedürftig, bin deiner kaum mehr wert!«

Ein gelblicher Streifen im Osten des bewölkten Himmels kündete kaum den Tag an, als Berthilde in einem geschlossenen Wagen Clermont verließ. Der Weg führte bergauf durch Laubwald, der noch herbstliche Färbung zeigte. Bald war Salvagnat erreicht, und das Rollen der Räder lockte in dem abseits stehenden kleinen Wirtschaftsgebäude eine blasse, verhärmte Frau ans Fenster. Kaum hielt der Wogen, so stand sie auch schon an der Hausthüre.

»Mein Sohn?« fragte sie in atemloser Spannung.

»Er ist wohl,« versetzte Berthilde ruhig. »Seinetwegen möchte ich mit dir sprechen ...«

»Komm!« sagte Frau Loysel.

Ihr Zimmer im ersten Stock, das einzig bewohnbare im Hause, war klein. Die weiß getünchten Wände, eine eiserne Bettstelle, drei Stühle und ein Tisch, Frau Loysel in ihrem schlichten schwarzen Kleid, das alles machte den Eindruck, als ob man eine Klosterzelle betrete.

»Heute werden die Geschworenen das Urteil über Grésil fällen,« begann Berthilde, als sie sich nach flüchtiger Umschau auf den ihr angewiesenen Stuhl gesetzt hatte.

Frau Loysel bewegte unruhig die Hände; das junge Mädchen bemerkte, daß sie den Trauring abgelegt hatte.

»Es wird auf schuldig lauten, denn außer der Armands ist keine Stimme für Grésil laut geworden. Das ist ein Justizmord, der dem, der ihn zuläßt, schwer auf der Seele lasten wird. Ein Tag wird kommen, wo der wahre Schuldige freudig sein Leben und mehr als sein Leben dransetzen möchte, ihn ungeschehen zu machen ... dann wird es zu spät sein ...«

»Weißt du denn, daß dieser Mensch vorhanden ist?« fragte die Witwe.

»Ja, das weiß ich,« erwiderte das junge Mädchen, den Blick aufs Fenster geheftet, durch das die Morgenröte hereinbrach.

»Wenn du ihn kennst, weshalb machst du keine Anzeige?«

»Das ist unmöglich,« sagte Berthilde langsam.

»Du würdest also den jungen Menschen verurteilen lassen mit der Ueberzeugung, daß ein andrer die That begangen hat, und diesen andern nicht angeben?«

»Es gibt Dinge,« versetzte Berthilde gesenkten Hauptes, »die uns bitterer sind als der Tod, und die wir doch ertragen lernen müssen. Ja, ich würde ihn verurteilen lassen! Den Schuldigen nennen kann ich nicht ... er müßte es selbst thun.«

Frau Loysel seufzte.

»Nur im Geständnis fände er ja Ruhe,« fuhr Berthilde fort. »Das Geständnis reinigt die Seele von Schuld, indem die verdiente Buße geleistet wird. Darum sind auch alle, die da wissen, welche Selbstüberwindung ein Geständnis kostet, des Mitleids voll für die reuige Seele.«

»Meinst du?« fragte Frau Loysel, ohne aufzusehen.

»Ich weiß es gewiß! Armand weiß es auch ...«

»Armand!« sagte die Witwe leise vor sich hin. »Mein armer Armand ... um seinetwillen bin ich am Leben geblieben ... ich bereue es jetzt ... mein Tod hätte allem ein Ende gemacht.«

»Nein, Mama ... die Anklage hätte den Unschuldigen zermalmt, während er jetzt noch gerettet werden kann.«

Frau Loysel stand auf; ihre Gestalt reckte sich.

»Ich weiß nicht, weshalb wir von so unseligen Dingen sprechen, liebes Kind!« warf sie hin. »Du wolltest Dich doch nach meinem Befinden erkundigen? Sage Armand, die Ruhe hier oben sei mir wohlthuend, ich wolle hier in Frieden leben, bis mich selbst das Bedürfnis anwandle, nach Clermont zurückzukehren«

»In Frieden? Du lebst in Frieden?« fragte das junge Mädchen aufstehend. Sie stellte sich mit dem Rücken gegen das Fenster, und das Licht der eben durchs Gewölk brechenden Morgensonne umflutete ihre Gestalt wie ein Heiligenschein. »In Frieden! Und bist doch das friedloseste Geschöpf auf Gottes Erde! Grésil in Ketten, unterm Henkerbeil, ist ja im Vergleich mit dir ein König, denn er ist frei von Schuld! Ob du dich auch kasteist hier, der Kälte trotzest, von Wasser und Brot lebst, das kann dein Gewissen nicht zum Schweigen bringen! Es weckt dich auf zur Nachtzeit mit namenlosen Schrecknissen ...«

»Schweig, Unselige!« rief Frau Loysel, sich die Ohren zuhaltend.

»Mit namenlosen Schrecknissen! Du kannst den Ort nicht mehr betreten, wo du Blut vergossen hast! Du bist geflohen in die Einsamkeit, aber die Erinnerung ist dir gefolgt! Und wenn du diesen Unschuldigen die Strafe erleiden läßt, wirst du noch tausendfach elender werden.«

»So schweig doch!« schrie die gequälte Frau, Berthildes Handgelenke umklammernd.

»Ich fürchte mich nicht,« sagte das junge Mädchen, ohne einen Versuch, ihre Hände zu befreien. »Ich habe keine Angst vor dir, Mama! Mir wirst du nichts zuleide thun, und deinem Sohn ebensowenig! Was dich zu einem Verbrechen treiben konnte, war ja nur die Eifersucht ...«

»Wer hat dir das gesagt?« rief die Unglückliche, in die entfernteste Ecke des Zimmers zurückweichend.

»Mein Herz! Ich weiß, daß du eifersüchtig bist ... hatte ich doch anfangs beinahe Angst, meinen Armand zu lieben!«

»Nein,« sagte die Witwe matt, »auf ihn war ich nie eifersüchtig.«

»Alle Welt wußte um deine Eifersucht ... ist es nicht seltsam, daß außer Armand und mir niemand darauf kam ...«

»Armand auch?« stöhnte Frau Loysel, am Fußende ihres Bettes niedersinkend.

»Ja, Armand auch, und wenn du wüßtest, wie ihn das Mitleid mit dir verzehrt! Nein, weder er noch ich werden sprechen, lieber teilen wir mit dir die Schuld, Grésil verurteilen zu lassen. Ach Mama, wenn du nur einsehen wolltest oder könntest, was deine Pflicht ist, wie wollten wir dich lieben!«

»Mich lieben? Jetzt?« sagte sie, traurig den Kopf schüttelnd. »Du meinst es wohl ehrlich, aber du vermöchtest es nicht!«

»O ja, Mama! Doppelt lieben, weil du so schwer gelitten hast! Lieben um deines Jammers, deiner Reue willen! O Mama! Mama! Ich flehe dich an, nimm die Last von uns allen, befreie unsre drei gefangenen Seelen!«

Das junge Mädchen kniete neben ihr nieder, den Arm um die so schmächtig gewordene Gestalt schlingend.

»Meinen Sohn müßte ich verlieren,« seufzte Frau Loysel.

»Nein, Mama, er wird dich trotzdem liebhaben! Jetzt leidet er namenlos, mehr als du ahnst, oder sobald diese Last von seiner Seele genommen sein wird, die ihn jetzt zu Boden drückt, wird er verstehen und verzeihen, wie ich.«

»Ein Mann kann das nicht verstehen,« versetzte die Witwe mutlos. »Du als Frau verstehst es, aber wie sollte er je meine Eifersucht nachfühlen können? Du wirst ihm nie Grund dazu geben!«

»Er liebt seine Mutter! Und wenn du um seine Liebe bangst, so bedenke, daß sein Haß dir gewiß ist, wenn du meine Bitte nicht erfüllst.«

»Gewißheit hat er doch nicht ... niemand weiß, niemand hat gesehen ... nein, Gewißheit kann er nicht haben ...«

»O Mama! Weshalb würdest du dich sonst in die Einsamkeit vergraben? Woher sonst dein Grauen vor dem Kirchhof?«

Frau Loysel schauderte, erklärte aber in festem Tone: »Nein, Berthilde, was du von mir forderst, kann ich nicht thun ... es wäre Wahnsinn ... man würde mir nicht einmal glauben! Nein, nein ... es war unrichtig, dir so lange Gehör zu schenken!«

»Dann lebe wohl! Lebe wohl auf immer!« rief das junge Mädchen, von heiligem Zorn erglühend. »Weder Armand noch ich werden je wieder deine Schwelle betreten! Suche uns nicht! Wir werden in die Fremde ziehen, irgendwohin, und die ehrlose That, die du heute begehst, durch gute Werke zu sühnen versuchen!«

Sie hatte die Hand auf die Thürklinke gelegt.

»Gott verzeihe dir, wir vermögen es nicht!«

»Berthilde!« stöhnte Frau Loysel, als die lichtumflossene Gestalt sich der Schwelle näherte, und diese kehrte wieder um, schloß die Thürs hinter sich und hielt die schluchzende Mutter umfangen.

»O Berthilde ... wenn du wüßtest! Daß ich mir das Herz aus der Brust reiße, das forderst du von mir! Der ganzen Welt soll ich enthüllen, was ich erlitten und was ich gethan habe! Ach, nicht vor der Strafe graut mir, nur davor, meine arme Seele nackt und bloß vor aller Augen zu stellen!«

Die vornehme, verschlossene Frau war nur noch eine arme Büßerin. Ohne sie aus ihren Augen zu lassen, setzte sich Berthilde mit ihr auf das schmale Bett.

»Glaube mir, Berthilde, ich hatte den Vorsatz, ein Geständnis abzulegen: ich dachte nie daran, jenen Unglücklichen lebenslang im Gefängnis zu lassen! Aber sage selbst ... falls er freigesprochen würde, wäre da mein Opfer nicht überflüssig? Wozu mich selbst verraten, wenn es keinen Gewinn bringt?«

Das junge Mädchen war erschüttert. In der That, wenn Grésil freigesprochen würde, wozu das entsetzliche Geheimnis preisgeben? Die Besonnenheit kehrte ihr aber alsbald zurück.

»Ist das Urteil einmal gefällt, so entstehen weit größere Schwierigkeiten, Mama!« sagte sie im Ton der Ueberredung. »Und Hand aufs Herz, hattest du dann noch den Mut, zu sprechen? Heute treibt dich der Wunsch, einen Unglücklichen zu retten, vorwärts ... Und glaubst du nicht, daß in Gottes Augen ein freiwilliges Geständnis schwerer wiegen wird?«

In Gottes Augen? Gott war fern, die Schande vor den Menschen nahe ... Frau Loysel gab keine Antwort.

»Dann, Mama, muß ich eben doch Abschied von dir nehmen, Abschied für mich und für Armand ... wir werden uns nicht wiedersehen auf dieser Welt.«

Sie löste Frau Loysels Arm von ihrer Schulter und stand hoch aufgerichtet vor ihr.

»Leb wohl, Mama!« sagte sie fest und entschieden.

Die Mutter riß die Schublade ihres tannenen Tischchens auf und entnahm ihr ein Bündel beschriebener Blätter.

»Da, nimm! Mache damit, was du willst!«

Berthilde warf einen Blick hinein und schloß die unglückliche Frau zärtlich in ihre Arme.

»O du liebe, du tapfere Mama!« flüsterte sie, ihr Gesicht mit Küssen bedeckend. »Ich wußte es ja, daß du mutig und edel sein werdest! Das reinigt dich von aller Sünde, meine arme, geliebte Mutter!«

Sie überflog die Blätter und sagte dann: »Hier fehlt noch etwas, Mama!« worauf Frau Loysel die Feder ergriff und ihre volle Namensunterschrift darunter setzte, sammt Datum.

»Geh jetzt, mein Kind ... ich könnte dir's wieder nehmen!« rief sie hastig.

Eine letzte, zärtliche Umarmung, ein verheißendes »Auf Wiedersehen!« und Berthilde war mit ihrem Schatz entschwunden.

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