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Das Gesetz der Vier

Edgar Wallace: Das Gesetz der Vier - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorEdgar Wallace
titleDas Gesetz der Vier
publisherGoldmann Verlag
printrun16. Auflage
year1990
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442002303
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5

Der Mann, der Amelia Jones haßte

Leon Gonsalez erhielt einen Brief, der eine spanische Marke trug. Während Cordova schlief, hatte der ruhige Poiccart in einer Mußestunde an seine Freunde geschrieben und von allem berichtet, was ihm in den Sinn kam. Er hatte in einer Orangenlaube gesessen und auf den majestätischen Guadalquivir hinabgeschaut, dessen gelbe Fluten aus den Ufern getreten waren.

»Er ist von Poiccart«, sagte Leon.

»Ja, was schreibt er denn?« fragte George Manfred, der schläfrig in einem großen Lehnstuhl vor dem Kamin saß.

Eine grüne Leselampe und das flackernde Feuer beleuchteten das gemütliche Wohnzimmer in der Jermyn Street.

»Also – erzähl.« George streckte sich gemächlich aus.

»Auf seinen Zwiebelfeldern ist eine Krankheit ausgebrochen«, begann Leon feierlich.

Manfred mußte lachen.

»Sieh einmal an, Poiccart hat jetzt eine Zwiebelplantage!«

»Warum auch nicht?« fragte Leon. »Hast du eigentlich ›Die drei Musketiere‹ gelesen?«

»Natürlich«, erwiderte Manfred und schaute lächelnd in die Flammen.

»In welcher Ausgabe?«

»In dem Buch ›Die drei Musketiere‹«, antwortete Manfred erstaunt.

»Das war nicht richtig. Wenn du den wirklichen Charakter der drei Musketiere kennenlernen willst, dann mußt du das Buch ›Nach zwanzig Jahren‹ lesen. Da ist einer von ihnen behäbig und dick geworden und legt viel Wert auf seine Kleidung, ein anderer ist ein Hofmann beim König von Frankreich, und der dritte kümmert sich auf seine alten Tage um den Liebeskummer seiner Tochter. Sie sind dann ebenso menschlich geworden, mein lieber Manfred, wie Poiccart, der jetzt Zwiebeln züchtet. Soll ich dir ein wenig aus seinem Brief vorlesen?«

»Bitte«, sagte Manfred sehr verlegen.

*

»Ich habe wunderbare Rosenbeete. Manfred würde seine Freude daran haben ... Ereifert Euch nicht zu sehr über diese Geschichten von den neuen Blutproben. Irgend so ein amerikanischer Doktor hat behauptet, daß er daraus die Verwandtschaftsgrade zweier Personen feststellen kann ... Die kleinen Ferkel gedeihen aufs beste. Eins von ihnen ist ganz besonders intelligent und nachdenklich, ich habe es George getauft.«

Manfred grinste vergnügt.

»Wir werden ein gutes Weinjahr bekommen, wie man hier allgemein sagt. Aber die Orangenernte wird nicht so gut ausfallen wie letztes Jahr ... Wißt Ihr auch schon, daß die Fingerabdrücke von Zwillingen identisch sind? Merkwürdigerweise sind aber die Fingerabdrücke der menschenähnlichen Affen meistens ungleich. Ich wünschte, Ihr würdet Euch darüber etwas genauer informieren ...«

*

Leon las weiter von Poiccarts kleinen häuslichen Sorgen, von seinen neuen wissenschaftlichen Erfahrungen und von dem Stadtklatsch, dann faltete er die zehn engbeschriebenen Blätter und steckte sie in die Tasche.

»Was er da über die Fingerabdrücke von Zwillingen schreibt, ist natürlich nicht richtig. In dem Punkt hat sich Lombroso schwer geirrt. Das ganze System ist überhaupt unzureichend.«

»Ich habe aber noch nie gehört, daß jemand etwas daran aussetzte. Warum hältst du es denn für unzureichend?« fragte George erstaunt.

Leon rollte sich geschickt eine Zigarette und steckte sie in Brand, bevor er antwortete.

»In Scotland Yard haben sie eine Sammlung von schätzungsweise hunderttausend Fingerabdrücken. In Großbritannien gibt es aber fünfzig Millionen Menschen. Wir haben also glücklich in Scotland Yard den fünfhundertsten Teil der ganzen Bevölkerung erfaßt. Nehmen wir einmal an, du wärst ein Polizeibeamter und würdest zur Albert Hall gerufen, wo fünfhundert Leute versammelt sind. Man sagt dir, daß einer von ihnen gestohlene Gegenstände bei sich trägt, und gibt dir die Erlaubnis, alle zu durchsuchen. Würdest du zufrieden sein, einen einzigen zu durchsuchen und alle anderen frei laufen zu lassen, wenn du nichts bei ihm findest?«

»Natürlich nicht. Aber was willst du damit sagen?«

»Meiner Ansicht nach kann man nicht behaupten, daß zwei menschliche Fingerabdrücke gleich sind, bevor man nicht die Fingerabdrücke aller Bewohner dieses Landes und aller Länder Europas miteinander verglichen hat. Es müßte ein Gesetz eingebracht werden, das die Registrierung der Fingerabdrücke aller Bürger fordert, ferner müßten alle Nationen die Fingerabdrücke ihrer Einwohner untereinander austauschen.«

»Damit wäre also das System der Fingerabdrücke geregelt«, sagte Manfred mit dem Brustton der Überzeugung.

»Logischerweise wohl, aber in der Wirklichkeit noch lange nicht.«

Es trat ein langes Schweigen ein, dann nahm Manfred ein Buch von dem kleinen Regal neben dem Kamin.

Plötzlich erhob sich Gonsalez und verließ unauffällig den Raum. Manfred schaute auf die Uhr – es war halb neun.

Fünf Minuten später kam Leon wieder zurück. Er hatte sich umgezogen, und seine Verkleidung war wie immer vollkommen. Er hatte sich nicht in dem gewöhnlichen Sinn des Wortes maskiert, denn er hatte sein Gesicht in keiner Weise bearbeitet, hatte auch seine Haare nicht anders gefärbt. Seine Verwandlungskunst bestand nur in seiner vollendeten Mimik und einem besonderen Geschick, sich in das Wesen anderer Menschen einzufühlen. Er sah aus wie ein armer Mann. Sein Kragen war sauber, aber ein wenig ausgefranst, seine Stiefel glänzten, aber sie waren alt und geflickt. Die Absätze waren abgetreten, aber er hatte zwei Gummiecken darauf genagelt, die gerade ein wenig zu groß waren.

»Du siehst aus wie ein alter Mann, der sich mühsam seinen Lebensunterhalt erwirbt und dabei doch immer noch versucht, standesgemäß aufzutreten«, meinte Manfred.

Gonsalez schüttelte den Kopf.

»Heute abend spiele ich die Rolle eines Rechtsanwalts, der vor zwanzig Jahren aus der Liste der Anwälte gestrichen wurde und sich ruinierte, weil er einem armen Mann half, der Gesetzesstrafe zu entkommen. Das ist doch noch eine sympathischere Rolle, George. Außerdem haben die Leute mehr Zutrauen zu mir und suchen meinen Rat in allen möglichen Angelegenheiten. An einem der nächsten Abende mußt du mit mir zu dem Wirtshaus ›Cow and Compasses‹ kommen und meinen Vortrag über das Eigenvermögen der verheirateten Frau hören.«

»Viel Erfolg, Leon, und meine besten Grüße an Amelia Jones.«

Gonsalez biß sich auf die Lippen und sah nachdenklich in das Kaminfeuer.

»Ja, die arme Amelia Jones«, sagte er leise.

»Du bist wirklich ein prächtiger Mensch.« Manfred lächelte. »Es gelingt nur dir, eine alte Aufwartefrau mit dem Zauber der Romantik zu umgeben.«

Leon zog einen abgetragenen Mantel an.

»Ich glaube, der englische Dichter Pope sagte einmal, daß jeder romantisch ist, der etwas Schönes bewundern kann oder fähig ist, selbst eine schöne Tat zu tun. Amelia Jones hat beides getan.«

»Cow and Compasses« ist ein kleines Gasthaus in der Treet Road in Deptford. Der Abend war kühl und neblig, und die düstere Straße lag einsam und verlassen da, als Leon in die Schenke eintrat. Das ungünstige Wetter hielt wahrscheinlich auch die Gäste fern, denn es waren nur wenig Rechtsuchende an diesem Abend gekommen. Kaum ein halbes Dutzend Leute befanden sich in der Gaststube, als er zu dem Schanktisch ging.

Eine Frau, die offensichtlich auf ihn gewartet hatte, erhob sich von einer Bank, als sie ihn sah. Leon schritt mit dem Glas in der Hand auf sie zu.

»Nun, Mrs. Jones, wie geht es Ihnen?« begrüßte er sie. Er schaute in das abgezehrte, bleiche Gesicht einer stattlichen Frau. Ihre Hände zitterten krampfhaft.

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind«, sagte sie.

Sie hielt ein kleines Glas Portwein in der Hand, aber es war kaum berührt. Leon hatte diese Frau kennengelernt, als sie an einem verzweifelten Abend, von Furcht und Schrecken getrieben, aus ihrer einsamen Wohnung in diese Gaststube geflohen war. Er selbst verfolgte damals mit großer Vorsicht einen breitschulterigen Dienstmann, den er in Covent Garden getroffen hatte und der einen außergewöhnlich geformten Schädel besaß. Er war ihm bis zu seiner Wohnung und diesem Gasthaus gefolgt und war gerade dabei, wenn möglich, die Lebensgeschichte dieses Mannes festzustellen und seine Schädelabmessungen zu nehmen, als er die Bekanntschaft von Amelia Jones machte. Diesen Abend hatte sie scheinbar etwas besonders Wichtiges auf dem Herzen, denn sie machte drei vergebliche Ansätze, bevor sie zu erzählen begann.

»Mr. Lukas (unter diesem Namen verkehrte Gonsalez in der Wirtschaft), ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten. Sie sind so gütig zu mir gewesen und haben mir schon manchen Rat gegeben wegen meines Mannes und wegen all dieser unangenehmen Dinge. Aber diesmal ist es ein großes Opfer für Sie – Sie sind ein so vielbeschäftigter Mann.«

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

»Ich habe im Augenblick viel Zeit«, erwiderte Gonsalez.

»Würden Sie morgen mit mir fortfahren? Ich möchte, daß Sie – daß Sie jemand sehen.«

»Aber gewiß, Mrs. Jones.«

»Können Sie mich morgen früh um neun Uhr am Paddington-Bahnhof erwarten? Ich werde natürlich Ihre Fahrkarte zahlen«, sagte sie eifrig. »Ich kann nicht dulden, daß Sie meinetwegen auch noch Ausgaben haben. Ich habe etwas Geld gespart.«

»Ich habe heute auch etwas verdient, so daß Sie sich darum nicht zu kümmern brauchen. Haben Sie etwas von Ihrem Mann gehört?«

»Nicht von ihm selbst, aber von einem anderen Mann, der eben aus dem Gefängnis gekommen ist.«

Ihre Lippen zitterten, und Tränen traten in ihre Augen.

»Er wird seine Drohung schon wahr machen, ich weiß es ganz genau«, sagte sie mit schluchzender Stimme. »Aber ich habe nicht meinetwegen Sorge.«

Leon sah sie erstaunt an. »Sie haben keine Sorge um sich?«

Er hatte schon immer vermutet, daß noch eine dritte Person im Spiel war, aber er hatte bisher noch nicht klarsehen können.

»Nein«, erwiderte sie bedrückt. »Sie wissen, daß er mich haßt, und Sie wissen auch; daß er mich umbringen wird, sobald er aus dem Gefängnis kommt. Aber ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt.«

»Wo ist er denn jetzt?«

»Im Gefängnis zu Devizes. Er ist dorthin versetzt worden, in zwei Monaten wird er entlassen.«

»Und Sie glauben, daß er dann gleich zu Ihnen kommt?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, so wird er es nicht machen«, entgegnete sie bitter. »Das ist nicht seine Art. Sie kennen ihn nicht, Mr. Lukas. Aber niemand kennt ihn so gut wie ich. Wenn er gleich zu mir käme, dann wäre ja alles gut. Aber das tut er nicht. Er wird mich ermorden, ich sage es Ihnen. Ich sorge mich nicht darum, wann es kommt. Er wurde nicht umsonst Bash Jones, der Totschläger, genannt. Ich kann dem Schicksal nicht entfliehen«, fuhr sie grimmig fort. »Er wird geradenwegs in mein Zimmer gehen und mich, ohne ein Wort zu sprechen, einfach niederschlagen. Und das wird dann mein Ende sein. Aber das ist mir alles gleich, darum kümmere ich mich nicht. Es ist das andere, was mir fast das Herz bricht und was mich die ganze Zeit so bedrückt hat.«

Leon wußte, es war nutzlos, ihr zuzureden, daß sie ihm alle ihre Sorgen anvertrauen sollte. Kurz darauf verließen sie zusammen die Wirtschaft.

»Ich hätte Sie gern gebeten, mich in meiner Wohnung zu besuchen, aber das würde die ganze Sache nur noch schlimmer machen, und ich möchte nicht, daß Sie meinetwegen in Unannehmlichkeiten kommen, Mr. Lukas.«

Er gab ihr zum erstenmal die Hand, und sie drückte sie schwach.

Nur wenige Menschen haben Amelia Jones bisher die Hand gegeben, dachte Gonsalez.

Er ging nach der Jermyn Street zurück und fand Manfred, der vor dem Kamin eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen wartete er im Paddington-Bahnhof. Sein Anzug war diesmal nicht ganz so abgetragen, und zu seiner Überraschung hatte sich auch Mrs. Jones viel besser gekleidet, als er für möglich gehalten hatte. Ihre Kleider waren zwar einfach, aber niemand hätte in ihr eine arme Aufwartefrau vermutet. Sie lösten Billetts nach Swindon und sprachen auf der Hinfahrt wenig miteinander. Offenbar hatte sie sich noch nicht dazu entschlossen, sich ihm gegenüber auszusprechen.

In Newbury wurde der Zug aufgehalten, bis ein Personenzug, der nach der Stadt fuhr, auf ein Nebengeleise umgeleitet war, um einen Feriensonderzug vorbeifahren zu lassen. Frohe Knaben und Mädchen winkten aus den Fenstern.

»Ich hatte ganz vergessen, daß die Osterferien beginnen«, sagte Leon.

In Swindon stiegen sie aus, und nun sprach Amelia Jones zum erstenmal über den Zweck ihrer Reise.

»Wir müssen hier auf dem Bahnsteig bleiben«, sagte sie nervös. »Ich erwarte jemand, und ich möchte gern, daß Sie das Mädchen auch sehen, Mr. Lukas.«

Gleich darauf fuhr ein anderer Sonderzug ein, und die Mehrzahl der Fahrgäste waren wieder Kinder. Einige stiegen aus, um von hier aus andere Züge zu benutzen, die nicht nach London fuhren.

Leon sprach mit seiner Begleiterin, obwohl er wußte, daß sie ihm nicht zuhörte. Plötzlich sah er, wie ihre Augen aufleuchteten. Sie verließ ihn mit einem kleinen Seufzer, ging den Bahnsteig entlang und begrüßte ein hübsches, schlankes Mädchen, das an der Mütze das rotweiße Band einer berühmten Schule im Westen Englands trug.

»Mrs. Jones, es ist lieb von Ihnen, daß Sie hierhergekommen sind, um mich zu treffen. Ich wünschte, Sie würden sich nicht soviel Mühe machen. Ich wäre ebensogerne nach London gekommen«, sagte sie lachend. »Ist dies ein Bekannter von Ihnen?« Sie reichte Leon mit einem freundlichen Lächeln die Hand:

»Es ist schon gut, Miss Grace«, entgegnete Mrs. Jones erregt, »ich dachte nur, ich würde schnell hierherfahren, um Sie wieder einmal zu sehen. Wie geht es denn auf der Schule?«

»Oh, glänzend. Ich habe einen Schulpreis gewonnen.«

»Ist das nicht herrlich?« sagte Mrs. Jones fast ehrfürchtig. »Aber Sie haben Ihre Sachen schon immer sehr gut gemacht, mein Liebling.«

Das Mädchen wandte sich an Leon.

»Mrs. Jones war meine Kinderfrau vor vielen, vielen Jahren. Das stimmt doch, Mrs. Jones?«

Amelia nickte.

»Wie geht es denn Ihrem Mann? Ist er noch so unliebenswürdig?«

»Ach, er ist nicht so schlecht«, anwortete Mrs. Jones tapfer. »Nur manchmal ist es schwer, mit ihm auszukommen.«

»Ich hätte eigentlich Lust, ihn einmal zu sehen.«

»Ach nein, das wäre nichts für Sie, Miss Grace«, sagte Mrs. Jones hastig. »Das gibt Ihnen nur Ihr gutes Herz ein. Wo werden Sie denn die Ferien zubringen?«

»Ich gehe mit einigen Freundinnen nach Clifton. Molly Walker hat uns eingeladen. Sie ist die Tochter von Sir George Walker.«

Amelia Jones sah das Mädchen begeistert an, und Leon verstand, daß sich alle Liebe, deren diese arme Frau fähig war, auf dieses Kind konzentrierte, das sie aufgezogen hatte. Die drei gingen auf dem Bahnsteig auf und ab, bis der Anschlußzug einfuhr. Mrs. Jones stand vor der Tür des Abteils, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Dann schaute sie den Wagen nach, die in der Ferne verschwanden.

»Ich werde sie nie wiedersehen«, sagte sie verzweifelt. »Nie wieder!«

Ihr Gesicht war eingefallen und noch bleicher als sonst. Leon nahm ihren Arm.

»Sie müssen jetzt mit mir kommen und etwas zu sich nehmen, Mrs. Jones. Sie haben wohl dieses junge Mädchen sehr gern?«

»Ob ich sie gern habe? O ja, ich liebe sie – sie ist ja meine Tochter!«

Als sie nach London zurückfuhren, saßen sie allein in einem Abteil, und nun erzählte Mrs. Jones ihre Leidensgeschichte.

»Grace war erst drei Jahre alt, als ihr Vater in Schwierigkeiten kam. Er war schon immer ein brutaler Mensch, und ich bin jetzt davon überzeugt, daß die Polizei seit seiner frühesten Jugend immer ein Auge auf ihn hatte. Als ich ihn heiratete, wußte ich das noch nicht. Er brach in ein Haus ein, in dem ich Kindermädchen war, und ich wurde damals entlassen, weil ich die Küchentür für ihn hatte offenstehen lassen. Ich hatte ja keine Ahnung, daß er ein Dieb war. Er wurde dann zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt, und als er wieder herauskam, schwor er, er würde nicht wieder ins Gefängnis zurückgehen. Wenn er das nächstemal in Gefahr käme, würde er einen Mord begehen. Er und einer seiner Bekannten machten bald darauf die Bekanntschaft eines reichen Buchmachers in Blackheath. Mein Mann pflegte alle schmutzige Arbeit für ihn zu tun, aber schließlich zankten sie sich, und Bash beraubte mit seinem Komplicen das Haus des Buchmachers. Sie erbeuteten nahezu neuntausend Pfund. Sie verübten den Einbruch an einem Renntage, und Bash wußte, daß sehr viele Banknoten im Haus lagen, die auf dem Rennplatz eingenommen waren. Man konnte also die Herkunft der Scheine nicht nachweisen. Ich dachte zuerst, daß er den Mann umgebracht hätte, und es lag ja auch nicht an ihm, daß es nicht so gekommen war. Er ging in das Schlafzimmer des Buchmachers und schlug ihn im Bett nieder. Das war so seine Art. Er glaubte, die Polizei würde genaue Nachforschungen anstellen und gab mir das Geld, damit ich es verwahren sollte. Ich mußte die Banknoten in eine alte Bierflasche stopfen, die halb mit Sand gefüllt war, dann fest verkorken und den Flaschenhals über und über mit geschmolzenem Stearin begießen, damit die Flasche wasserdicht wurde. Später versenkte ich sie in eine Zisterne, die man von einem der Räume unserer Wohnung auf der Rückseite des Hauses erreichen konnte. Ich war fast wahnsinnig vor Furcht, weil ich dachte, der Buchmacher sei ermordet worden. Aber ich tat alles, was Bash mir sagte, und versenkte die Flasche in dem Brunnen. Am selben Abend wollte Bash Jones mit seinem Komplicen nach Nordengland fahren, aber sie wurden schon am Euston-Bahnhof verhaftet. Bashs Freund wurde bei einem Fluchtversuch getötet, er lief in einen gerade ankommenden Zug hinein. Aber Bash Jones verhafteten sie, und unsere Wohnung wurde vollständig durchsucht. Er bekam fünfzehn Jahre Zuchthaus und wäre schon vor zwei Jahren herausgekommen, wenn er sich im Gefängnis ordentlich benommen hätte.

Ich mußte nun meine Lage überdenken, und mein erster Gedanke galt meinem Kind. Es war mir klar, welch trauriges Los Grace bevorstand, wenn sie unter diesen Umständen aufwuchs, in dieser schrecklichen Umgebung, in den Elendsquartieren von London, in ständiger Furcht vor der Polizei. Mein Mann hätte sein Geld immer wieder in ein paar Wochen durchgebracht, selbst wenn er eine Million besessen hätte. Ich wußte, daß ich Bash nun für mindestens zwölf Jahre los war, und als ich lange und angestrengt alles überdacht hatte, faßte ich einen Entschluß.

Nach zwölf Monaten wagte ich es, das Geld aus dem Brunnen zu holen, denn die Polizei hatte immer noch ein Auge auf mich und beobachtete mich scharf, da das gestohlene Geld nicht gefunden worden war. Ich will Ihnen nicht erzählen, wie ich gute Kleider kaufte, so daß niemand eine Arbeiterfrau in mir vermuten konnte, und wie ich das Geld anlegte.

Ich kaufte wertbeständige Aktien dafür. Ich habe zwar keine gute Erziehung genossen, aber ich habe monatelang die Zeitungen gelesen und immer die Börsenberichte genau studiert. Zuerst verwirrten mich die vielen Zahlen, und ich wußte nicht, was ich daraus machen sollte. Aber allmählich verstand ich sie immer besser, und schließlich kaufte ich argentinische Eisenbahnaktien. Ich übergab sie einem Rechtsanwalt in Bermondsey, den ich zum Verwalter des Vermögens machte. Meine Tochter erhält vierteljährlich die Zinsen und zahlt davon alle ihre eigenen Rechnungen. Ich habe niemals einen Shilling von dem Geld angerührt. Die nächste Aufgabe war nun, meine Tochter aus dieser armseligen Umgebung fortzubringen. Mein Herz brach beinahe, daß ich mich von ihr trennen mußte, aber ich schickte sie in ein Heim für kleine Kinder, bis sie alt genug war, um in die Schule zu gehen. Ich besuchte sie in regelmäßigen Zwischenräumen. Als ich aber nach meinem ersten Besuch merkte, daß sie fast vergessen hatte, wer ich war, gab ich mich als ihre Kinderfrau aus. Nun wissen Sie alles.«

Gonsalez schwieg eine lange Weile.

»Weiß Ihr Mann davon?« fragte er dann.

»Er weiß, daß ich das Geld verbraucht habe.« Sie starrte geistesabwesend aus dem Fenster. »Er weiß auch, daß das Mädchen auf einer guten Schule ist. Er wird alles herausbringen«, sagte sie leise.

Das war also das Geheimnis dieser Frau. Leon war aufs tiefste erschüttert.

»Warum glauben Sie, daß er Sie töten will? Diese Leute drohen zwar häufig, aber sie führen ihre Drohungen nicht aus.«

»Bash Jones droht für gewöhnlich nicht«, unterbrach sie ihn. »Das hat er auch nicht getan. Ich weiß nur, daß er die Leute, die mich kennen, nach mir ausgefragt hat. Es sind die Leute von Deptford, die er im Gefängnis getroffen hat. Er fragt sie, wo ich über Nacht bin, wann ich zu Bett gehe, welche Beschäftigung ich tagsüber habe.«

»Ja, jetzt verstehe ich den Zusammenhang. Haben ihm denn die Leute die nötigen Angaben gemacht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, sie sind alle für mich und haben ihr Bestes getan, um mir zu helfen. Es sind wohl schlechte Menschen, sie begehen Verbrechen, aber in mancher Beziehung haben sie doch ein gutes Herz. Sie haben ihm nichts verraten.«

»Wissen Sie das ganz bestimmt?«

»Ja. Wenn sie es ihm gesagt hätten, würde er doch nicht weiterfragen. Vor einem Monat wurde Toby Brown von dort entlassen. Er erzählte mir, daß Bash Jones immer noch nach mir fragt. Mein Mann will nicht wieder ins Gefängnis zurück und rechnet damit, daß er noch bis Mitte des Jahres zu leben hat, wenn sie ihn fangen.«

Leon kehrte in gehobener Stimmung nach Hause zurück.

»Wo warst du denn?« fragte Manfred. »Ich habe inzwischen mit dem tüchtigen Mr. Fare zu Mittag gespeist.«

»Und ich habe etwas außerordentlich Erhebendes und Großartiges erlebt. Nicht daß ich selbst eine Heldentat vollbracht hätte, George, nein, aber ich bin ganz begeistert von dieser Amelia Jones. Sie ist eine wunderbare Frau, George. Um ihretwillen werde ich einen Monat Ferien machen. Während der Zeit kannst du ja nach Spanien reisen, unseren lieben Poiccart besuchen und einmal hören, wie es mit seinen Zwiebelfeldern steht.«

»Ich würde ganz gerne auf einige Tage nach Madrid gehen«, meinte Manfred nachdenklich. »Ich finde zwar London auch sehr anziehend, aber wenn du wirklich eine Erholungsreise machen willst – wo willst du übrigens deine Ferien verbringen?«

»Im Gefängnis zu Devizes«, antwortete Gonsalez freundlich.

Manfred kannte ihn zu gut, um irgendeine Bemerkung darüber zu machen.

Schon am nächsten Nachmittag begab sich Leon Gonsalez nach Devizes. Er kam bei Einbruch der Dunkelheit dort an und schwankte mit unsicheren Schritten auf den Marktplatz. Um zehn Uhr abends lehnte er an der Rückwand des »Hotel zum Bären« und sang mit lauter Stimme lustige Lieder. Ein Polizist fand ihn dort und forderte ihn auf, ruhig zu sein und weiterzugehen. Darauf begann Leon den Beamten in der unflätigsten Weise zu beschimpfen.

Am nächsten Morgen mußte er sich deshalb vor dem Polizeirichter verantworten. Er war angeklagt wegen Trunkenheit, wegen widersetzlichen Benehmens gegen einen Polizisten und wegen Beamtenbeleidigung.

»Dieser Fall ist so schwer, daß er kaum mit einer Geldstrafe gesühnt werden kann«, sagte der Polizeirichter. »Dies ist ein Fremder, der von London hierhergekommen ist und sich in der niederträchtigsten Weise benommen hat. Liegt sonst etwas gegen den Mann vor?«

»Nein«, entgegnete der Gefängniswärter bedauernd.

»Sie werden eine Strafe von zwanzig Shilling zahlen oder, wenn Sie nicht zahlen, einundzwanzig Tage ins Gefängnis wandern.«

»Dann will ich lieber ins Gefängnis gehen als das Geld zahlen«, erklärte Leon, der Wahrheit entsprechend.

So wurde er denn in das Gefängnis des Ortes gebracht, wie er erwartet hatte.

Einundzwanzig Tage später kam er braungebrannt, gesund und vergnügt in die gemeinschaftliche Wohnung in der Jermyn Street zurück. Manfred ging ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Ich habe schon gehört, daß du zurückgekommen bist«, sagte Leon erfreut. »Ich habe eine großartige Zeit verlebt. Sie haben allerdings meine Berechnungen ziemlich über den Haufen geworfen, als sie mir nur drei Wochen statt eines Monats gaben, und ich dachte schon, ich würde vor dir zurück sein.«

»Ich kam gestern an«, erwiderte George, und seine Blicke wanderten zum Büfett.

Sechs große spanische Zwiebeln lagen dort in einer Reihe. Gonsalez mußte herzlich lachen. Dann ging er in sein Zimmer und legte den abgetragenen Anzug ab. Als er nach einiger Zeit wieder mit seinem gewöhnlichen Aussehen ins Zimmer trat, erzählte er George Manfred von seinen Erfahrungen.

»Bash Jones hat unzweifelhaft die Absicht, seine Frau zu ermorden. Ich habe ihn genau betrachtet, derartig unregelmäßige Gesichtszüge habe ich noch nie gesehen. Wir haben zusammen in der Schneiderwerkstätte gearbeitet. Nächsten Montag kommt er heraus.«

»Er hat sich wohl an dich herangemacht, als er entdeckte, daß du von Deptford kamst?«

Leon nickte.

»Er wird den Anschlag gegen seine Frau am Dritten nächsten Monats ausführen, einen Tag nach seiner Entlassung.«

»Woher weißt du denn das so genau?« fragte Manfred erstaunt.

»Weil das die einzige Nacht ist, in der Amelia Jones allein in dem Hause schläft. Sie hat noch zwei Untermieter, junge Leute, die bei der Eisenbahn beschäftigt sind, die haben am Dritten jeden Monats bis drei Uhr morgens Dienst.«

»Entspricht das den Tatsachen, oder hast du ihm das nur eingeredet?«

»Ich habe ihm natürlich ein Märchen erzählt, aber er nahm die Geschichte für bare Münze. Die beiden jungen Leute haben keinen Hausschlüssel und müssen durch die Küchentür hereinkommen, die Mrs. Jones für sie offenläßt. Zu der Küchentür kommt man dann durch einen engen Gang von der Little Mill Street aus, der an der Hauswand entlangführt. Er hat mich gleich mit Fragen bestürmt und mir auch gesagt, daß er niemals wieder ins Gefängnis kommen wird, höchstens auf kurze Zeit. Ein interessanter Mann. Es ist wohl das beste, daß er stirbt«, sagte Leon ernst und nachdenklich. »Denke daran, welches Unheil er anrichten kann, George. Das arme Mädchen, das nun glücklich und zufrieden bei ihren Freundinnen weilt – sie ist so wohlerzogen –«

»Wenn sie einen so gemeinen Verbrecher wie Bash Jones zum Vater hat?« fragte Manfred lächelnd.

»Ich wiederhole, sie ist wohlerzogen. Erziehung erwirbt ein Mensch durch langen Umgang mit vornehm denkenden Leuten. Nimm den Sohn eines Herzogs und lasse ihn in den Verbrechervierteln von London aufwachsen, und du wirst einen Verbrecher aus ihm machen. Denke doch einmal, wie entsetzlich es wäre, wenn man dieses Kind wieder in die traurige Umgebung von Deptford zurückversetzte! Das würde doch die Folge sein, wenn Bash Jones seine Frau nicht umbrächte. Wenn er sie auf der anderen Seite aber tatsächlich ermordet, dann kommt die ganze schreckliche Wahrheit ans Licht. Beides wäre nicht gut, und ich halte es für das beste, daß wir die Sache mit Bash Jones in Ordnung bringen.«

»Ich bin ganz deiner Meinung.« Manfred rauchte nachdenklich seine Zigarre.

Leon Gonsalez setzte sich an den Tisch, nahm einen Gedichtband von Browning und las darin. Ab und zu machte er eine Pause und sah gedankenvoll auf das Tischtuch, während er den Plan ausarbeitete, auf welche Weise Bash Jones sterben sollte.

Am Nachmittag des betreffenden Tages wurde Mrs. Amelia Jones durch ein Telegramm aus ihrer Wohnung gerufen. Sie traf Leon Gonsalez im Paddington-Bahnhof.

»Haben Sie Ihre Schlüssel mitgebracht, Mrs. Jones?«

»Ja«, erwiderte sie erstaunt. »Wissen Sie auch schon, daß mein Mann aus dem Gefängnis gekommen ist?«

»Es ist mir bekannt, und gerade weil er frei ist, möchte ich, daß Sie einige Tage verreisen. Ich habe Freunde in Plymouth, sie werden Sie wahrscheinlich an der Bahn abholen. Und wenn Sie sich verfehlen sollten, so wenden Sie sich an diese Adresse.«

Er gab ihr einen Zettel mit der Adresse einer Pension, die er in einer Zeitung von Plymouth gefunden hatte.

»So, und hier haben Sie auch einiges Geld. Ich bestehe darauf, daß Sie es annehmen. Meine Freunde wollen Ihnen sehr gern helfen.«

Sie vergoß Tränen der Dankbarkeit; als er sich von ihr trennte.

»Sind Sie auch sicher, daß Sie Ihr Haus abgeschlossen haben?« fragte Leon beim Abschied.

»Ich habe den Schlüssel hier.«

Bei diesen Worten öffnete sie ihre Handtasche, und er sah, daß ihre Hände zitterten.

»Lassen Sie einmal sehen.« Leon nahm die Handtasche.

Er schaute in seiner kurzsichtigen Art hinein. »Ja, ich sehe ihn, er ist da.«

Er faßte hinein, brachte seine Hand scheinbar leer wieder heraus und schloß die Handtasche.

»Auf Wiedersehen, Mrs. Jones. Lassen Sie den Mut nicht sinken.«

Als die Dunkelheit hereinbrach, begab sich Leon Gonsalez in die Little Mill Street. Er gelangte mit seiner schwarzen Tasche unbemerkt in das Haus, denn es war ein regnerischer und windiger Abend, und die Leute zogen es vor, am warmen Kamin zu sitzen und nicht auf die unwirtliche Straße hinauszugehen.

Er schloß die Tür hinter sich. Mit Hilfe einer Taschenlampe fand er den Weg zu dem einfachen Schlafzimmer von Mrs. Jones. Er schlug die Bettdecke zurück, öffnete vorsichtig die schwarze Tasche und nahm den wichtigsten Gegenstand, einen großen, runden Glasbehälter, heraus.

Nachdem er sorgfältig eine schwarze Perücke darübergezogen hatte, suchte er in dem Raum nach Kleidungsstücken von Mrs. Jones. Er rollte sie zusammen und machte eine Puppe daraus, die er ins Bett legte. Dann trat er einige Schritte zurück und betrachtete mit Genugtuung sein Werk. Als er mit allem fertig war, stieg er die Treppe hinunter und schloß die Küchentür auf, die ins Freie führte. Um seiner Sache ganz sicher zu sein, ging er den Gang am Hause entlang und sah nach, ob die Tür im Zaun offen war. Das Schloß schien in dauernder Unordnung zu sein, so daß es überhaupt nicht geschlossen werden konnte. Beruhigt kehrte er zurück.

In einer Ecke des Schlafzimmers befand sich ein Kleiderhalter, der durch einen billigen Kattunvorhang verdeckt war. Die Kleider hatte er schon vorher verwandt. Er holte sich einen Stuhl, setzte sich an den Tisch und wartete. Geduld, die ja auch andere große Wissenschaftler auszeichnet, gehörte zu seinen hervorragendsten Eigenschaften.

Die Kirchenglocken hatten eben zwei geschlagen, als er die Küchentür knarren hörte. Geräuschlos erhob er sich, nahm einen Gegenstand aus der Tasche und trat hinter den Vorhang. Es war ein altes, gebrechliches Haus, in dem man sich nicht bewegen konnte, ohne daß die Bodenbretter krachten. Aber der Mann, der Schritt für Schritt die Treppe heraufschlich, war gewandt und geschickt, und Leon vernahm erst wieder einen Laut, als sich die Tür langsam öffnete und eine Gestalt hereintrat.

Behutsam ging der Eindringling näher ans Bett und blieb dann einige Sekunden stehen. Vermutlich lauschte er, ob sich irgend etwas regte ... Dann sah Leon, wie er einen Stock hob und mit furchtbarer Gewalt auf die vermeintliche Frau im Bett einschlug.

Bash Jones hatte kein Wort gesprochen, bis er das Splittern des Glases hörte. Nun stieß er einen wilden Fluch aus und suchte in seinen Taschen nach Streichhölzern. Diese Verzögerung war sein Verhängnis, denn das unter einem Druck von vielen Atmosphären in der Gasflasche komprimierte Chlorgas erfüllte sofort den Raum. Er hustete, keuchte und wandte sich zur Flucht, aber nach einigen Schritten fiel er um. Das todbringende, gelbe Gas hüllte seinen Körper ganz ein.

Leon Gonsalez trat aus seinem Versteck hervor. Der sterbende Bash Jones starrte auf die ungeheuer großen Glasaugen einer Gasmaske, als er das Bewußtsein verlor.

Leon sammelte die Glassplitter vorsichtig und wickelte die einzelnen Stücke in eine Papiertüte, die er dann in seiner Tasche verwahrte. Mit der größten Sorgfalt hängte er die Kleider wieder an die Wand, entfernte die Perücke, brachte das Zimmer in Ordnung und öffnete Tür und Fenster. Dann ging er nach unten und öffnete auch dort alle Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Es wehte ein kräftiger Südwestwind, und am Morgen würde das Haus ganz von dem Gas gesäubert sein.

Erst als er durch die Küchentür das Haus verlassen hatte, nahm er die Gasmaske ab und legte sie ebenfalls in die Handtasche.

Eine Stunde später lag er in seinem Bett und schlief fest und ruhig.

Auch Mrs. Jones verbrachte eine friedliche, unbekümmerte Nacht, und in einem kleinen, prächtigen Schlafzimmer im Westen Englands schmiegte sich ein junges Mädchen in die weichen Kissen und seufzte glücklich. Aber Bash Jones schlief den tiefsten Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.

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