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Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 6
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typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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V.

Einen Monat später, in den ersten Tagen des November, war die Einrichtung der Universalbank noch nicht vollendet. Die Tischler waren noch mit dem Getäfel beschäftigt, die Anstreicher beendigten die Verkittung des ungeheuren Glasdaches, mit welchem man den Hof gedeckt hatte. An dieser Langsamkeit trug Saccard die Schuld, welcher, unzufrieden mit der Aermlichkeit der Einrichtung, durch luxuriöse Anforderungen die Arbeiten verzögerte; und da er nicht die Mauern hinausrücken konnte, um seinen ewigen Traum nach riesigen Räumlichkeiten zu befriedigen, erzürnte er sich schließlich und überließ es Madame Caroline, die Unternehmer der Installirungsarbeiten zu verabschieden. Madame Caroline überwachte also die Anlage der letzten Schalter. Es gab eine außerordentliche Anzahl von Schaltern; der in eine Centralhalle umgestaltete Hof zeigte rundumher vergitterte Schalter von würdigem und ernstem Aussehen, überragt von hübschen Kupferplatten, welche in schwarzen Lettern die Inschriften trugen. Obwohl in etwas engen Lokalitäten untergebracht, waren die Bureaux dennoch glücklich angeordnet; im Erdgeschoß lagen diejenigen Abtheilungen, welche einen fortwährenden Verkehr mit dem Publikum hatten, die verschiedenen Kassen, die Emissionsabtheilung, sämmtliche laufende Operationen der Bank; oben der interne Mechanismus, die Direktion, die Korrespondenz, die Buchhaltung, das Rechtsbureau und die Personalabtheilung. Im Ganzen arbeiteten hier auf diesem ziemlich gedrängten Raume mehr als 200 Beamte und was den Eintretenden schon jetzt überraschte, mitten im Gedränge der Arbeiter, welche die letzte Hand an die Einrichtung legten, während das Gold in den Mulden klang, das war jenes strenge Aussehen, ein Aussehen von uralter Rechtschaffenheit, welches gleichsam nach der Sakristei roch und ohne Zweifel von dem Lokal herkam, von diesem feuchten, alten, dunklen Hôtel, das im stillen Schatten des benachbarten Gartens lag. Man hatte die Empfindung, daß man ein gottesfürchtiges Haus betrat.

Saccard selbst hatte, als er eines Nachmittags von der Börse zurückkehrte, diese überraschende Empfindung. Dies tröstete ihn einigermaßen für die fehlenden Goldverzierungen. Er drückte Madame Caroline gegenüber seine Zufriedenheit aus.

– Für den Anfang ist es ganz artig, sagte er. Es ist, als ob man in der Familie wäre. Eine rechte, kleine Kapelle; später wird man ja sehen ... Ich danke Ihnen, meine schöne Freundin, für die Mühe, welche Sie sich geben, seitdem Ihr Bruder abwesend ist.

Und da es sein Grundsatz war, die unvorhergesehenen Umstände sich zunutze zu machen, bemühte er sich fortan, diesen strengen Schein des Hauses noch mehr zu entwickeln und forderte von seinen Beamten eine Haltung junger Geistlicher. Man sprach hier nur mehr mit gemessener Stimme, man empfing und gab das Geld mit einer fast klerikalen Discretion.

Niemals in seinem so geräuschvollen Leben hatte Saccard eine solche Thätigkeit entwickelt. Schon um 7 Uhr Morgens, früher als die Beamten und früher, als sein Bureaudiener das Feuer angezündet hatte, war er in seinem Kabinet, um die Post zu lesen und die dringlichsten Briefe zu beantworten. Dann gab es bis eilf Uhr ein unendliches Kommen und Gehen von Leuten; es kamen die Freunde, die angeseheneren Klienten, die Wechselagenten, die Coulissiers, die Remisiers, ein ganzer Schwarm von Finanzmenschen; außerdem gab es ein Defilé von Bureau-Vorständen, welche sich ihre Weisungen bei ihm holten. Wenn er einen Augenblick Ruhe hatte, hielt er eine rapide Inspektion in den verschiedenen Bureaux, wo die Beamten in einer ewigen Furcht vor seinem plötzlichen, stets die Stunde wechselnden Auftauchen lebten. Um 11 Uhr ging er hinauf, um mit Madame Caroline zu frühstücken. Er aß viel, trank auch dazu, mit dem Wohlbehagen eines mageren Menschen, ohne irgendwelche Beschwerden davon zu haben; und die Stunde, die er hier zubrachte, war nicht verloren, denn es war die Zeit, wo er – wie er zu sagen pflegte – seine schöne Freundin in die Beichte nahm, ihre Ansicht über die Menschen und über die Dinge hörte, allerdings ohne in den meisten Fällen von den Eingebungen ihrer Klugheit Gebrauch zu machen. Mittags verließ er das Haus, ging an die Börse, wo er einer der Ersten sein wollte, um zu sehen und zu plaudern. Er spielte übrigens nicht offen, fand sich da ein, wie bei einem ganz natürlichen Rendezvous, wo er sicher war, die Klienten der Bank zu finden. Indessen machte sich sein Einfluß daselbst schon bemerkbar. Er war als Sieger zurückgekehrt, als solider Mann, der sich fortan auf wirkliche Millionen stützte und die Schlauköpfe der Börse zischelten einander zu, wenn sie ihn sahen, und flüsterten von ihm außerordentliche Geschichten, prophezeiten ihm ein Königreich. Um 3 ½ Uhr war er immer wieder zu Hause, widmete sich der schwierigen Arbeit der Unterschriften, dermaßen eingeübt in dieser mechanischen Arbeit, daß er dabei Beamte kommen ließ, Antworten ertheilte, Geschäfte regelte, mit klarem Kopf, mit leichter Zunge, ohne in dem Schreibgeschäfte innezuhalten. Bis 6 Uhr empfing er noch Besuche, beschloß die Arbeit des Tages und bereitete diejenige des folgenden Tages vor. Und wenn er dann hinaufging zu Madame Caroline, hielt er eine Mahlzeit, noch reichlicher als das Frühstück, seine Fische und hauptsächlich Wildpret, Burgunder, Bordeaux, Champagner, je nachdem er seinen Tag glücklich benützt hatte.

– Wollen Sie noch sagen, daß ich nicht vernünftig lebe, rief er manchmal lachend. Anstatt den Weibern nachzulaufen, die Clubs und Theater zu besuchen, lebe ich da als echter Spießbürger in Ihrer Nähe. Sie müssen das Ihrem Bruder schreiben, um ihn zu beruhigen.

Er war übrigens nicht so vernünftig, wie er behauptete, denn er hatte zu jener Zeit eine Laune nach einer kleinen Sängerin von den Bouffes Parisiennes und er hatte sich sogar eines Tages bei Germaine Coeur vergessen, wo er einige Befriedigung gefunden. Die Wahrheit war, daß er des Abends vor Müdigkeit hinfiel. Er lebte übrigens in einer solchen Gier und Angst um den Erfolg, daß seine anderen Begierden dadurch gleichsam verringert, aufgehoben wurden. Und dies sollte so lange währen, bis er sich als Sieger, als unbestrittener Meister des Glückes fühlen würde.

– Bah, erwiderte heiter Madame Caroline, mein Bruder war immer so vernünftig, daß die Klugheit für ihn eine Naturbedingung ist und kein Verdienst ... Ich habe ihm gestern geschrieben, daß ich Sie bestimmt habe, den Berathungssaal nicht neu vergolden zu lassen; das wird ihm Vergnügen machen.

An einem sehr kalten Nachmittag der ersten Novembertage, in dem Augenblick, wo Madame Caroline dem Anstreichermeister den Auftrag gab, den Anstrich des Saales blos zu waschen, brachte man ihr eine Karte mit der Meldung, daß die Person sie dringlichst zu sehen wünsche. Die unsaubere Karte trug den Namen Busch's in plumpen Lettern. Sie kannte diesen Namen nicht, gab jedoch den Auftrag, den Mann in das Arbeitskabinet ihres Bruders zu schicken, wo sie empfing.

Wenn Busch nunmehr seit fast 6 Monaten sich geduldete und keinen Gebrauch davon machte, daß er einen natürlichen Sohn Saccard's entdeckt hatte, so geschah dies vor Allem aus Gründen, die er geahnt hatte; die 600 Francs, welche Saccard der Mutter des Kindes verschrieb, schienen Busch ein sehr geringer Gewinn; andererseits fühlte er, wie schwierig es wäre, mehr von ihm herauszuschlagen, wenigstens eine Summe von einigen Tausend Francs. Wie soll man einen Wittwer, der Herr seiner Handlungen ist, den der Skandal nicht schreckt, zwingen, dieses häßliche Geschenk eines Zufallskindes, das im Unflath zu einem Galgenstrick heranwuchs, zu bezahlen? Ohne Zweifel hatte die Méchain mühsam eine lange Kostenrechnung von ungefähr 6000 Francs zusammengestellt; darin figurirten Zwanzigsous-Stücke, welche sie ihrer Base Rosalie Chavaille, der Mutter des Kindes geliehen. Dazu kamen die Kosten der Krankheit der Unglücklichen, ihr Leichenbegängnis, die Instandhaltung des Grabes, endlich die Auslagen für den Knaben Victor selbst, seitdem er ihr zur Last war; seine Nahrung, seine Kleidung und eine Menge anderer Sachen. Doch wie, wenn Saccard kein zärtlicher Vater war? wird er nicht die ganze Gesellschaft vor die Thür setzen? Denn es war keinerlei Beweis für die Vaterschaft vorhanden, wenn nicht die Aehnlichkeit des Kindes, und sie würden nicht mehr als den Werth der Wechsel von ihm erreichen, wenn er nicht überhaupt die Verjährung anrief.

Anderseits hatte Busch deshalb so lange gezögert, weil er Wochen hindurch in furchtbarer Angst neben seinem Bruder Sigismund gelebt hatte, den sein Lungenleiden auf das Siechbett geworfen. Besonders durch fünfzehn Tage hatte dieser so rührige Mensch Alles vernachlässigt, Alles vergessen von den tausend verschlungenen Spuren, welche er verfolgte. Er erschien nicht mehr an der Börse, hetzte keinen Schuldner mehr, verließ das Bett des Kranken nicht mehr, hegte und pflegte denselben wie eine Mutter. Er, sonst von einem unfläthigen Geiz, war jetzt freigebig, berief die ersten Aerzte von Paris und hatte die Arzneien der Apotheker theurer bezahlen wollen, damit sie wirksamer seien. Und da die Aerzte dem Kranken jede Arbeit untersagt hatten, Sigismund aber hartnäckig darauf bestand arbeiten zu wollen, hatte Busch alle Bücher und alle Papiere vor ihm verborgen. Ein wahrer Krieg von Listen und Schlichen hatte sich zwischen ihnen entwickelt. Wenn sein Krankenwärter, von Müdigkeit überwunden, einschlief, holte der junge Mann, schweißtriefend und vom Fieber verzehrt, ein Stück Bleistift und ein Stück Zeitungspapier hervor, begann seine Berechnungen, vertheilte Reichthümer nach seinem Gerechtigkeitstraume, sicherte Jedem seinen Theil am Glück und am Leben. Und wenn Busch erwachte, gerieth er in Zorn, weil er Jenen noch kränker fand; es zerriß ihm das Herz, wenn er sehen mußte, wie sein Bruder das Wenige, was er noch an Leben besaß, für seinen Wahn hinopferte. Er gestattete seinem Bruder, mit diesen Thorheiten zu spielen, wenn er gesund war, wie man einem Kinde ein Hampelmännchen in die Hand gibt; aber mit tollen, undurchführbaren Ideen sich umzubringen, das war denn doch zu blöde! Endlich hatte Sigismund aus Liebe zu seinem Bruder eingewilligt Vernunft anzunehmen; er ward allmälig wieder kräftiger und durfte zeitweilig das Bett verlassen.

Busch nahm seine Geschäfte wieder auf und erklärte, man müsse die Angelegenheit Saccard abwickeln, umsomehr, als Saccard siegreich zur Börse zurückgekehrt war und eine Persönlichkeit von unbestreitbarer Zahlungsfähigkeit wurde. Der Bericht der Frau Méchain war ein ausgezeichneter. Allein er zögerte noch, den Mann direkt anzugreifen; er sann darüber nach, durch welche Taktik er ihn besiegen würde, als ein Wort, welches die Méchain über Madame Caroline fallen ließ, über die Dame, welche das Haus führte und von welcher alle Lieferer des Stadtviertels ihm schon gesprochen hatten, ihn auf einen neuen Feldzugsplan brachte. War dies vielleicht die wirkliche Gebieterin, diejenige, welche den Schlüssel zu den Schränken und zum Herzen hatte? Er gehorchte oft genug dem, was er seine Eingebung nannte, folgte einer plötzlichen Ahnung, machte sich auf die Jagd auf bloße Andeutungen seiner Witterung hin, um dann aus den Thatsachen eine Gewißheit und einen Entschluß abzuleiten. So war es gekommen, daß er nach der Rue Saint-Lazare ging, um Madame Caroline aufzusuchen.

Den Saal der Entwürfe betretend sah Madame Caroline überrascht diesen dicken, schlecht rasirten Menschen mit dem platten, schmutzigen Gesichte, bekleidet mit einem fettglänzenden Rocke und einer weißen Halsbinde. Busch betrachtete sie forschend, als wollte er ihr auf den Grund der Seele schauen. Er fand sie so wie er sie wünschte, so groß, so gesund, mit ihren wunderbaren weißen Haaren, welche über ihr jung gebliebenes Anlitz eine helle Heiterkeit und Sanftmuth verbreiteten; und er war hauptsächlich überrascht von dem Ausdruck ihres ein wenig dicken Mundes; es war ein solcher Ausdruck von Güte, daß er sogleich seinen Entschluß faßte.

– Madame, sagte er, ich habe mit Herrn Saccard sprechen wollen, aber man sagt mir, er sei abwesend ...

Er log; er hatte gar nicht nach ihm gefragt; er wußte sehr wohl, daß Saccard nicht zuhause sei, da er ihn nach der Börse gehen gesehen hatte.

– Und da habe ich mir erlaubt mich an Sie zu wenden. Mir ist es im Grunde so lieber, da ich weiß, an wen ich mich wende ... Es handelt sich um eine so ernste, so heikle Mittheilung ...

Madame Caroline, die ihn bisher nicht zum Sitzen eingeladen, wies ihm jetzt mit besorgter Eile einen Sessel an.

– Sprechen Sie, mein Herr; ich höre Sie.

Busch setzte sich, seine Rockschöße in die Höhe hebend, als fürchtete er sie zu beschmutzen. Dabei sagte er sich im Stillen, wie eine gewonnene Ueberzeugung, daß sie mit Saccard schlafe.

– Die Sache ist nicht so leicht zu sagen, Madame, und ich gestehe Ihnen, daß ich mich noch im letzten Augenblick frage, ob ich gut thue, eine solche Angelegenheit Ihnen anzuvertrauen ... Ich hoffe, daß Sie in meinem Vorgehen nichts Anderes sehen werden, als den Wunsch, Herrn Saccard Gelegenheit zu bieten, ehemaliges Unrecht gut zu machen.

Mit einer Handbewegung ermunterte sie ihn. Sie hatte begriffen, mit welcher Art von Leuten sie es zu thun habe und wollte seinen überflüssigen Betheuerungen ein Ziel setzen. Er verweilte übrigens nicht länger dabei, sondern erzählte weitschweifig die alte Geschichte, wie Rosalie in der Rue de la Harpe verführt worden, wie nach dem Verschwinden Saccards ein Kind zur Welt gekommen war, wie die Mutter im Laster und Elend umgekommen war und ihren Sohn Victor einer Base auf dem Halse gelassen hatte, welche zu sehr beschäftigt war, um das Kind überwachen zu können, so daß es in Noth und Schmutz heranwachse. Sie hörte ihm zu, anfänglich erstaunt über diesen unerwarteten Roman; denn sie hatte gedacht, es handle sich um irgend eine verdächtige Geldgeschichte; dann ward sie sichtlich gerührt durch das Schicksal der Mutter und die Verlassenheit des Kindes, erschüttert in ihrem Muttergefühl einer unfruchtbar gebliebenen Frau.

– Aber, mein Herr, sind Sie der Dinge auch sicher, die Sie mir da erzählt haben? ... In solchen Geschichten sind absolut verläßliche Beweise nothwendig.

Er lächelte.

– Oh, Madame, ein blendender Beweis ist da, die außerordentliche Aehnlichkeit des Kindes ... Uebrigens sind die Daten da; Alles stimmt und beweist die Thatsachen bis zur äußersten Offenkundigkeit.

Sie erbebte auf ihrem Sitze und schwieg. Er beobachtete sie. Nach kurzem Stillschweigen fuhr er fort:

– Sie begreifen jetzt, Madame, wie sehr ich verlegen war, mich direkt an Herrn Saccard zu wenden. Ich habe keinerlei Interesse an dieser Sache, ich komme nur im Namen der Frau Méchain, der Base, welche durch einen bloßen Zufall auf die Spur des vielgesuchten Vaters gekommen ist. Denn, wie ich die Ehre hatte Ihnen zu sagen, waren die zwölf Wechsel zu 50 Francs, welche die unglückliche Rosalie erhalten, mit dem Namen Sicardot gezeichnet, – eine Sache, die ich nicht beurtheilen will und in diesem furchtbaren Pariser Leben wohl entschuldbar finde. Allein, Herr Saccard hätte vielleicht mein Dazwischentreten mißdeuten können. ... Und so kam ich auf den Gedanken, Sie zuerst aufzusuchen, Madame, um über den einzuschlagenden Weg Ihren Rath einzuholen, weil ich weiß, welches Interesse Sie Herrn Saccard widmen ... Sie kennen nun unser ganzes Geheimniß. Glauben Sie, daß ich ihn erwarten und ihm noch heute Alles sagen soll?

Madame Caroline verrieth eine zunehmende Aufregung.

– Nein, nein, später! rief sie.

Allein, angesichts dieses seltsamen Geheimnisses wußte sie selbst nicht, was sie anfangen solle. Er fuhr fort sie zu beobachten, sehr zufrieden ob der außerordentlichen Empfindsamkeit, welche sie ihm auslieferte. Er baute seinen Plan weiter und war überzeugt, daß er fortan von ihr mehr herausschlagen werde, als Saccard jemals gegeben hätte.

– Man müßte aber einen Entschluß fassen, murmelte er.

– Nun wohl, ich werde Madame Méchain und das Kind aufsuchen ... Es wird besser, viel besser sein, wenn ich mich vor Allem von dem Stande der Dinge überzeuge.

Sie dachte laut; sie war nämlich entschlossen, eine genaue Untersuchung zu halten, bevor sie dem Vater etwas von der Sache sagt. Später, wenn sie sich Ueberzeugung verschafft hat, wird es an der Zeit sein ihn zu benachrichtigen. War sie nicht da, um über sein Haus und seine Ruhe zu wachen?

– Unglücklicherweise drängt die Sache, fuhr Busch fort, indem er sie allmälig nach dem Punkte drängte, wo er sie haben wollte. Der arme Junge leidet. Er befindet sich in einer abscheulichen Umgebung.

Sie hatte sich erhoben.

– Ich will einen Hut aufsetzen und sogleich hingehen, sagte sie.

Nun mußte auch er von seinem Sessel aufstehen und er sagte in nachlässigem Tone:

– Ich will von der kleinen Rechnung nicht reden, welche zu regeln sein wird. Das Kind hat natürlich Kosten verursacht und die Mutter hat zu Lebzeiten auch Geld entlehnt. Oh, ich weiß nicht genau, wie viel. Ich wollte nichts übernehmen. Sie finden dort alle Papiere.

– Gut, ich werde sehen.

Und nun schien er selbst gerührt zu sein.

– Ach, Madame, wenn Sie wüßten, wie viele drollige Dinge mir in meinen Geschäften vorkommen! Die rechtschaffensten Leute haben später durch ihre Leidenschaften oder, was noch schlimmer, durch die Leidenschaften ihrer Eltern zu leiden. Ich könnte Ihnen ein Beispiel erzählen. Ihre unglücklichen Nachbarinnen, die Gräfinnen von Beauvilliers ...

Mit einer plötzlichen Bewegung hatte er sich einem der Fenster genähert und er versenkte seine Blicke voll flammender Neugierde in den benachbarten Garten. Ohne Zweifel dachte er schon seit seinem Eintritt in dieses Zimmer an diese Auskundschaftung, denn er liebte es, den Schauplatz seiner Kämpfe zu kennen. In der Angelegenheit der Schuldverschreibung über zehntausend Francs, welche Graf Beauvilliers dem Mädchen Léonie Cron gegeben, hatte Busch richtig gerathen, die aus Vendôme gesandten Auskünfte bestätigten das vorhergesehene Abenteuer: das Mädchen war verführt, und nach dem Tode des Grafen ohne einen Sou zurückgelassen worden, mit diesem Papierfetzen, und verzehrt von der Sehnsucht nach Paris zu gehen; schließlich hatte es das Papier bei dem Wucherer Charpier verpfändet, vielleicht für fünfzig Francs. Saccard hatte die Familie Beauvilliers bald ausfindig gemacht, hingegen durchforschte die Méchain seit sechs Monaten Paris vergebens nach Léonie. Busch ermittelte, daß sie bei einem Gerichtsvollzieher als Magd eingetreten war, er verfolgte dann ihre Spur nach drei anderen Dienstplätzen; dann aber war sie – wegen notorischer schlechter Aufführung verjagt – verschwunden und er hatte sie vergebens in allen Pfützen gesucht. Dies erbitterte ihn umsomehr, als er nichts gegen die Gräfin unternehmen konnte, insolange er nicht das Mädchen als lebendige Drohung mit dem Skandal bei der Hand hatte. Aber er behielt die Angelegenheit im Auge und war froh, vor dem Fenster stehend, den Garten des Hôtels kennen zu lernen, von welchem er bisher nur die Stirnseite, die auf die Straße ging, gesehen hatte.

– Sollten vielleicht auch die Damen von irgend einem Verdruß bedroht sein? fragte Madame Caroline mit besorgter Sympathie.

Er spielte den Harmlosen.

– Nein, ich glaube nicht ... Ich wollte bloß von der traurigen Lage sprechen, in welcher die schlechte Aufführung des Grafen sie zurückgelassen hat ... Ja, ich habe Freunde in Vendôme; ich kenne ihre Geschichte.

Und als er sich endlich entschloß das Fenster zu verlassen, vollzog sich bei ihm in der Erregtheit, die er spielte, eine plötzliche und seltsame Umkehr.

– Ach, wenn es nur Geldwunden sind! Aber wenn der Tod in ein Haus einzieht! ...

Jetzt benetzten aufrichtige Thränen seine Augen. Er hatte an seinen Bruder gedacht und erstickte schier. Sie glaubte, er habe in jüngster Zeit einen der Seinigen verloren und befragte ihn nicht – aus Diskretion. Bisher hatte sie sich über die niedrigen Geschäfte dieses Menschen nicht getäuscht, der ihr einen solchen Widerwillen einflößte; und diese unerwarteten Thränen waren entscheidender für sie als die scharfsinnigste Taktik. Sie brannte vor Begierde, nach der »neapolitanischen Stadt« zu eilen, um die Méchain zu besuchen.

– Madame, ich zähle auf Sie.

– Ich gehe sogleich.

Eine Stunde später irrte Madame Caroline, die einen Wagen genommen hatte, auf den Höhen von Montmartre umher, ohne die »neapolitanische Stadt« finden zu können. Endlich, in einer der öden Gassen, welche in die Rue Mercadet münden, wies ein altes Weib den Kutscher auf den rechten Weg. Der Zugang war eine Art Feldweg, verfallen, mit Koth und Trümmerwerk verlegt, auf einem wüsten Grunde verlaufend. Erst nach genauem Suchen erkannte man die erbärmlichen, aus Lehm, morschen Brettern und altem Zink zusammengefügten, Trümmerhaufen gleichenden Hütten, welche den inneren Hof umgaben. In der Straßenzeile stand ein einstöckiger Bau, aus Backsteinen aufgeführt, aber hinfällig und abstoßend schmutzig; dieses Haus schien wie ein Gefängniß den Eingang zu beherrschen. In der That hauste Madame Méchain hier als wachsame Eigenthümerin, unaufhörlich auf der Lauer, in eigener Person ihre halbverhungerte Einwohnerschaft ausbeutend.

Als Madame Caroline ihren Wagen verlassen hatte, sah sie die Méchain auf der Schwelle erscheinen, ungeheuerlich dick, Busen und Bauch in einem alten blauseidenen Kleide zerfließend, das in den Falten verschossen, an den Nähten geplatzt war; die Wangen waren dermaßen aufgedunsen und roth, daß das Näschen fast verschwand und zwischen zwei Gluthherden zu braten schien. Von einem Unbehagen erfaßt zögerte Madame Caroline einzutreten, als eine häßliche, schrille Stimme, derjenigen einer Rohrflöte gleichend, sie beruhigte.

– Ach, Madame, Sie sind von Herrn Busch gesendet und wollen den kleinen Viktor sehen ... Treten Sie ein. Ja, das ist die neapolitanische Stadt. Die Straße ist noch nicht geordnet und wir haben auch keine Hausnummern ... Treten Sie ein; wir müssen von allen den Dingen zuerst reden. Mein Gott! die Sache ist so verdrießlich und so traurig!

Und Madame Caroline mußte auf einem zerrissenen Strohsessel Platz nehmen, in einem von Schmutz starrenden Eßzimmer, wo ein rothglühender Ofen eine erstickende Hitze und einen furchtbaren Geruch verbreitete. Die Méchain rief jetzt, wie glücklich die Besucherin es getroffen habe, daß sie sie zu Hause fand, denn sie habe in Paris so viele Geschäfte und komme sonst vor 6 Uhr nicht nach Hause. Madame Caroline mußte sie unterbrechen.

– Um Vergebung, ich bin gekommen, um das unglückliche Kind zu sehen.

– Ganz richtig, Madame, ich werde es Ihnen zeigen ... Sie wissen ja, daß seine Mutter meine Base war. Ach, ich kann sagen, daß ich meine Pflicht gethan habe. Hier sind die Papiere, hier sind die Rechnungen.

Sie zog aus einem Speisenschrank ein wohlgeordnetes Schriftenbündel, welches in einen blauen Umschlag gewickelt war, ganz wie bei den Geschäftsleuten. Und sie ward nicht müde, von der armen Rosalie zu erzählen. Gewiß, sie habe einen widerlichen Lebenswandel geführt; war mit dem Erstbesten gegangen und zu Tode betrunken und zerschlagen heimgekehrt, nachdem sie oft Tage lang unsichtbar gewesen. Allein man mußte Einsicht haben, denn sie war eine gute Arbeiterin gewesen, bevor der Vater des Kindes, als er sie auf der Treppe vergewaltigte, ihr die Schulter verrenkte. Bei ihrer Gebrechlichkeit konnte sie mit dem Citronenhandel in den Hallen unmöglich so viel erwerben, um ein anständiges Leben führen zu können.

– Sie sehen, Madame, ich habe ihr das Geld in Beträgen zu 20 Sous und zu 40 Sous gegeben. Da sind alle Daten: am 20. Juni 20 Sous, am 27. Juni wieder 20 Sous, am 3. Juli 40 Sous. Um jene Zeit mußte sie krank gewesen sein, denn da folgen jetzt 40 Sous in unendlicher Reihe ... Auch habe ich Victor gekleidet. Vor allen Ausgaben, welche ich für den Knaben gemacht, steht ein B, ungerechnet, daß das Kind, nachdem Rosalie an einer ekelerregenden Krankheit gestorben, ganz mir zur Last fiel. Ich habe seither, wie Sie sehen können, 50 Francs pro Monat angesetzt. Das ist doch vernünftig. Der Vater ist reich und kann wohl 50 Francs monatlich für seinen Jungen bezahlen ... Kurz, das macht zusammen 5403 Francs und wenn Sie die 600 Francs für die Wechsel hinzufügen, haben wir eine Gesammtziffer von 6000 Francs ... Ja, das Alles für 6000 Francs!

Trotz des Ekels, der sie erbleichen machte, konnte Madame Caroline hier eine Bemerkung nicht unterdrücken.

– Aber die Wechsel gehören doch nicht Ihnen, sie sind ja das Eigenthum des Kindes!

– Mit Verlaub, erwiderte die Méchain in herbem Tone, ich habe das Geld vorgeschossen. Um Rosalie gefällig zu sein, habe ich die Wechsel escomptirt. Sie sehen auf dem Rücken der Wechsel mein Indossat. Es ist schon genug von mir, daß ich keine Zinsen fordere ... Sie werden, meine gute Dame, über die Sache nachdenken und eine arme Frau, wie ich bin, nicht schädigen wollen.

Doch, als die gute Dame mit einer nachlässigen Bewegung die Rechnung übernahm, beruhigte sich die Méchain. Sie fand ihre flötende Stimme wieder und sagte:

– Jetzt will ich Victor rufen.

Allein vergebens sandte sie drei herumlungernde Jungen nach einander aus, um Victor zu holen; vergebens auch trat sie selbst auf die Schwelle, um ihn herbeizuwinken, es war ausgemacht, daß Victor sich nicht stören sollte. Einer der Jungen kam zurück und überbrachte eine unfläthige Antwort von Victor. Das war zu viel. Die Alte erhob sich und verschwand, als wollte sie ihn bei den Ohren herbeiziehen. Dann kam sie allein zurück, als hätte sie sich die Sache überlegt und als fände sie es besser, den Jungen in seiner ganzen Abscheulichkeit zu zeigen.

– Wollen Madame sich die Mühe nehmen, mir zu folgen.

Und während sie ging, erzählte sie Einzelheiten über die »neapolitanische Stadt«, welche ihr Mann von einem Onkel geerbt hatte. Dieser Mann mußte schon todt sein, kein Mensch hatte ihn gekannt und sie sprach von ihm nur, wenn sie den Ursprung ihres Besitzes erklären wollte. Es wäre ein böses Geschäft, welches noch ihren Tod herbeiführen wird, sagte sie; denn sie hatte dabei mehr Sorgen und Plackereien, als Gewinn, besonders seitdem die Polizeipräfectur sie verfolgte, ihr Inspectoren auf den Hals sandte, welche Reparaturen, Verbesserungen forderten unter dem Vorwande, daß die Leute bei ihr hin würden, wie die Fliegen. Sie weigerte sich übrigens hartnäckig auch nur einen Sou auszugeben. Man wird schließlich noch Kamine mit Spiegeln fordern in Kammern, für welche zwei Francs wöchentlich an Miethe bezahlt werden. Was sie verschwieg, war ihr habgieriger Geiz nach dieser Miethe. Sie warf die Familien unbarmherzig auf die Straße, wenn sie diese zwei Francs nicht im voraus bezahlt erhielt, machte hiebei selber die Polizei und war so gefürchtet, daß ein obdachloser Bettler es nicht gewagt haben würde, ohne Entgelt an eine ihrer Mauern zu lehnen.

Beklommenen Herzens betrachtete Madame Caroline den Hof, einen wüsten Grund, voll mit Löchern, durch den angehäuften Unflath in eine Kloake verwandelt. Alles wurde dorthin geworfen; es gab weder Senkgrube, noch Abzugsrinne; es war ein unaufhörlich anwachsender Düngerhaufe, der die Luft verpestete; glücklicherweise war es Winter, zur Sommerszeit verbreitete Alldas geradezu die Pest. Scheuen Schrittes suchte Madame Caroline den Gemüseabfällen und Knochen auszuweichen; dabei schweiften ihre Blicke über die Wohnstätten zu beiden Seiten; es waren namenlose Höhlen, halb eingesunkene Erdgeschosse, in Trümmern liegende Hütten, durch das verschiedenartigste Material befestigt. Mehrere derselben waren bloß mit getheertem Papier gedeckt; viele hatten keine Thür und ließen die schwarzen, kellerartigen Löcher sehen, aus welchen ein widerlicher Hauch des Elends hervordrang. Familien von acht und von zehn Personen hausten in diesen Beinhäusern zusammengedrängt, oft ohne ein Bett, Männer, Weiber und Kinder zuhauf, einander ansteckend wie die verdorbenen Früchte, schon im Kindesalter durch die ungeheuerlichste Vermischung der instinktiven Unzucht ausgeliefert. Ganze Schaaren von bleichen, schwächlichen, von Skropheln und erblicher Syphilis verzehrten Kindern füllten unablässig den Hof, armselige Geschöpfe, die auf diesem Düngerhaufen gediehen gleich giftigen Pilzen, einer zufälligen Umarmung entstammend, ohne daß man genau wußte, wer der Vater war. Wenn eine Epidemie von typhösem Fieber oder von Blattern herrschte, wurde mit einem Schlage die Hälfte dieser Bevölkerung auf den Kirchhof gefegt.

– Wie ich Ihnen erklärte, Madame, nahm die Méchain wieder das Wort, hat Victor keine sehr guten Beispiele vor Augen gehabt und es wird Zeit sein, an seine Erziehung zu denken, denn er vollendet bald sein zwölftes Jahr ... Bei Lebzeiten seiner Mutter sah er nicht sehr anständige Dinge, denn sie that sich gar keinen Zwang an, wenn sie betrunken war. Sie brachte Männer nachhause und Alles geschah vor dem Knaben ... Ich selbst konnte ihn niemals genauer beaufsichtigen, denn ich hatte zu viele Geschäfte in der Stadt. Er lief den ganzen lieben Tag in den Befestigungen herum. Zweimal mußte ich ihn von der Polizei zurückfordern, denn er hatte gestohlen, – oh, nur Kleinigkeiten. Und dann, kaum daß er ein wenig aufgeschossen war, trieb er es mit den kleinen Mädchen. Mein Gott, er hatte es von seiner Mutter so oft gesehen! ... Er ist übrigens – wie Sie sehen werden – mit seinen zwölf Jahren schon fast ein Mann. Damit er ein wenig arbeite, habe ich ihn schließlich zur Mutter Eulalie gegeben, zu einer Frau, die in Montmartre einen Gemüsehandel betreibt. Er begleitet sie in die Halle und trägt einen ihrer Körbe. Das Unglück ist, daß sie dermalen Geschwüre auf dem Schenkel hat ... Doch wir sind schon zur Stelle, Madame; wollen Sie eintreten.

Madame Caroline machte eine Bewegung des Zurückweichens. Es war im Hintergrunde des Hofes, hinter einer wahren Barrikade von Unrath, eines der übelriechendsten Löcher, eine niedrige, fast im Erdboden verschwindende Hütte, einem Schutthaufen gleichend, welcher mit Bretterstücken gestützt wurde. Ein Fenster war nicht vorhanden. Die Thür, eine ehemalige Glasthür, jetzt mit Blechplatten beschlagen, mußte offen bleiben, damit man hell sehe, und die furchtbare Kälte konnte frei eindringen. In einem Winkel, auf dem Estrich von gestampfter Erde, lag ein Strohsack. In dem Wirrwarr von losen Fässern, Drahtgitterstücken, halbverfaulten Körben, die als Tisch und Sessel dienten, war kein anderes Einrichtungsstück zu entdecken. Eine klebrige Nässe troff von den Wänden. Durch einen Riß in dem schwarzen Plafond floß der Regen herein, gerade vor das Fußende des Strohsackes. Und der Geruch war furchtbar; es war die menschliche Verworfenheit in vollständiger Nacktheit.

– Mutter Eulalie, rief die Méchain, eine Dame ist da, die wegen Victors gekommen ist, dem sie eine Wohlthäterin sein will. Was ist denn mit dem Hallunken, daß er nicht kommt, wenn man ihn ruft?

Ein Packet unförmigen Fleisches bewegte sich auf dem Strohsack, in einem Fetzen von Kattunstoff, welcher als Bettdecke diente; und Madame Caroline entdeckte da ein Weib von etwa vierzig Jahren, ganz nackt, weil es kein Hemd hatte, einem halbleeren Schlauche gleichend, so weich und gerunzelt war sie. Der Kopf war nicht häßlich, noch frisch, von krausen, blonden Löckchen eingerahmt.

– Ach! stöhnte sie, die Dame soll eintreten, wenn sie uns wohl will; denn Gott kann unmöglich wollen, daß dies noch länger dauere! ... Wenn man bedenkt, Madame, daß ich seit zwei Wochen nicht aufstehen kann wegen dieser garstigen Geschwüre, die mir den Schenkel durchlöchern! ... Und es ist natürlich kein Sou mehr im Hause. Ich kann meinen Handel nicht betreiben. Ich hatte zwei Hemden, welche Victor verkauft hat. Heute Abends wären wir Hungers krepirt.

Dann erhob sie die Stimme und sagte:

– Das ist schließlich zu dumm! So komm' doch hervor, Kleiner! ... Die Dame thut Dir nichts zuleide.

Madame Caroline erbebte, als sie aus einem Korbe ein Packet sich aufrichten sah, welches sie für einen Fetzenhaufen gehalten hatte. Es war Victor, mit den Resten einer Hose und mit einer Leinwandjacke bekleidet, durch deren Löcher seine Nacktheit zu sehen war. Er stand im vollen Lichte der Thür. Madame Caroline war verblüfft von seiner außerordentlichen Aehnlichkeit mit Saccard. Alle ihre Zweifel schwanden; die Vaterschaft war nicht zu leugnen.

– Man lasse mich mit der Schule zufrieden! erklärte er.

Doch Madame Caroline betrachtete ihn noch immer, von einem wachsenden Unbehagen ergriffen. In seiner verblüffenden Aehnlichkeit war dieser Junge geradezu beunruhigend mit seinem Gesichte, dessen eine Hälfte dicker war als die andere, mit seiner nach rechts verdrehten Nase, mit seinem platten Schädel, der auf der Treppenstufe, wo seine genothzüchtigte Mutter ihn empfangen, eingedrückt worden zu sein schien. Im Uebrigen war er für sein Alter wunderbar entwickelt, nicht sehr groß, untersetzt, mit seinen zwölf Jahren völlig ausgebildet, schon behaart wie ein frühreifes Thier. Die dreisten, verzehrenden Augen und der sinnliche Mund waren die eines Mannes. Diese so plötzlich entwickelte Männlichkeit bei diesem Jungen mit dem noch reinen Teint und gewissen zarten, fast mädchenhaften Zügen machte einen peinlichen Eindruck, wie eine Ungeheuerlichkeit.

– Haben Sie so große Furcht vor der Schule, mein kleiner Freund? fragte Madame Caroline endlich. Sie würden es dort besser haben als hier. Wo schlafen Sie?

Er wies auf den Strohsack.

– Da, mit ihr.

Aergerlich ob dieser freimüthigen Antwort wälzte Mutter Eulalia sich hin und her und suchte nach einer Erklärung.

– Ich hatte ihm mit einer kleinen Matratze ein Bett zurecht gemacht, aber wir mußten sie verkaufen ... Mein Gott! wenn Alles flöten gegangen ist, schläft man eben wie man kann; nicht so?

Die Méchain glaubte eine Bemerkung machen zu sollen, obgleich ihr diese Vorgänge sehr wohl bekannt waren.

– Es ist doch nicht schicklich, Eulalie ... Und Du, Schlingel, hättest zu mir schlafen kommen können, anstatt mit ihr zu schlafen.

Doch Victor pflanzte sich auf seinen kurzen, dicken Beinen hin und sagte, in seiner frühreifen Männlichkeit sich stolz emporreckend:

– Warum denn? Sie ist mein Weib!

Die Mutter Eulalie wälzte sich in ihrem schlaffen Fett und begann zu lachen; sie trachtete so das Abscheuliche ins Spaßige zu ziehen. Im Tone einer zärtlichen Bewunderung sagte sie:

– Sicher ist, daß ich ihm meine Tochter nicht anvertrauen würde, wenn ich eine hätte. Er ist ein wahrhaftiger kleiner Mann.

Madame Caroline schauderte zusammen. Ihr ward so ekel, daß es ihr den Athem verschlug. Was? Dieser zwölfjährige Junge, dieses kleine Ungeheuer, mit diesem vierzigjährigen, kranken, verwüsteten Weibe, auf diesem schmutzigen Strohsack, inmitten dieser Scherben und dieses Gestankes! Ach! wie doch das Elend Alles zerstört und vernichtet!

Sie ließ zwanzig Francs zurück und eilte davon. Sie flüchtete zur Hauseigenthümerin, um sich mit dieser endgiltig zu verständigen und einen Entschluß zu fassen. Angesichts dieser Verlassenheit hatte sie an die Arbeits-Stiftung gedacht. Dieses Werk war ja eben zur Rettung solcher verlorener Wesen gegründet worden, solcher erbärmlicher Kinder der Straße, die man durch eine gesunde Lebensweise und durch ein Handwerk neu schaffen wollte. Victor mußte schleunigst dieser Kloake entrissen werden; man mußte ihn dort unterbringen und ihn in ein neues Leben einführen. Sie zitterte noch am ganzen Leibe von Alldem, was sie gesehen. Und in diesem Entschlusse hatte sie eine Regung frauenhafter Zartheit; sie wollte Saccard vorläufig nichts sagen; sie wollte warten, bis der Junge ein wenig gesäubert sein würde und erst dann ihn seinem Vater zeigen; denn sie schämte sich gleichsam für ihn dieses furchtbaren Sprößlings; ihr that die Schande weh, die er empfunden haben würde. Einige Monate werden ohne Zweifel genügen; sie wird nachher reden, glücklich ob ihrer guten That.

Die Méchain begriff nur schwer.

– Mein Gott, Madame, wie es Ihnen beliebt ... Aber ich muß meine sechstausend Francs sogleich haben. Victor wird sich von mir nicht wegrühren, wenn ich meine sechstausend Francs nicht bekomme.

Diese Forderung brachte Madame Caroline zur Verzweiflung. Sie besaß die Summe nicht und wollte sie natürlich auch von dem Vater nicht verlangen. Vergebens diskutirte sie und bat sie.

– Nein, nein, wenn ich mein Pfand nicht mehr hätte, könnte ich mein Geld suchen gehen. Ich kenne Das.

Endlich, als die Méchain sah, daß die Summe zu groß sei und daß sie nichts erhalten würde, machte sie einen Nachlaß.

– Nun wohl, geben Sie mir sogleich zweitausend Francs, auf das Uebrige will ich warten.

Allein, die Verlegenheit der Madame Caroline blieb dieselbe und sie fragte sich, woher sie die zweitausend Francs nehmen solle. Da kam ihr der Einfall sich an Maxime zu wenden und sie fand den Gedanken unanfechtbar. Er wird es gewiß nicht ablehnen, Mitwisser des Geheimnisses zu sein und er wird sich nicht weigern, diese kleine Summe vorzustrecken, welche sein Vater ihm sicherlich zurückerstatten wird. Und sie entfernte sich mit der Erklärung, daß sie am nächsten Tage wiederkommen werde, um Victor zu holen.

Es war erst fünf Uhr und es drängte sie so sehr, die Sache zu Ende zu führen, daß sie in ihren Fiaker steigend dem Kutscher die Adresse Maxime's angab: Avenue de l'Impératrice. Als sie ankam, sagte ihr der Diener, daß sein Herr bei der Toilette sei, daß er sie aber dennoch anmelden wolle.

Beklommen stand sie einen Augenblick in dem Salon, wo sie ihn erwartete. Es war ein kleines Hôtel, mit einem auserlesenen Scharfsinn des Luxus und Wohllebens eingerichtet. Es gab eine Menge Teppiche und Vorhänge und ein feiner, ambrahaltiger Duft erfüllte das warme, stille Gemach. Es war hübsch, zart und diskret, obgleich keine Frau da war; denn der junge Wittwer, durch den Tod seiner Frau reich gemacht, hatte sein Leben für den ausschließlichen Kultus seiner selbst eingerichtet und hatte als erfahrener Junge seine Thür vor jeder neuen Theilung geschlossen. Diese Lebensfreude, die er einer Frau verdankte, wollte er sich nicht durch eine andere Frau verderben lassen. Vom Laster ernüchtert nahm er davon nur so viel wie von einer Nachspeise, welche ihm wegen seines schlechten Magens verboten war. Seine Idee, in den Staatsrath einzutreten, hatte er längst aufgegeben; er hielt auch keinen Rennstall mehr, denn er war der Pferde ebenso überdrüssig wie der Mädchen. Und er lebte allein, müßig, vollkommen glücklich, verzehrte sein Vermögen mit Kunst und Vorsicht, in der grausamen Selbstsucht eines verderbten, ausgehaltenen Söhnchens, welches ernst geworden.

– Ich bitte Madame, mir zu folgen, sagte der Diener. Der gnädige Herr wird Sie sogleich in seinem Zimmer empfangen.

Madame Caroline verkehrte mit Maxime vertraulich, seitdem dieser jedesmal, wenn er bei seinem Vater speiste, sie als getreue Intendantin installirt sah. Als sie das Zimmer betrat, fand sie die Vorhänge geschlossen; sechs Kerzen brannten auf dem Kamin und auf einem Tischchen und beleuchteten mit einer ruhigen Flamme dieses Nest von Flaumen und Seide, ein übermäßig weichliches Gemach einer verkäuflichen Schönen mit tiefen Polsterstühlen und einem riesigen Bett so weich wie Federn. Dies war sein Lieblingsgemach, wo er alle Eingebungen seines Geschmacks für zarte Einrichtungsstücke in Möbeln und kostbaren Bibelots erschöpft hatte; es waren wahrhaftige Wunder des letzten Jahrhunderts, in dem köstlichsten Wirrwarr von Stoffen verschmolzen und verloren.

Die Thür, die nach dem Toillete-Zimmer führte, stand weit offen und Maxime erschien mit den Worten:

– Was gibt es denn? ... Ist Papa etwa gestorben?

Nach Verlassen des Bades hatte er ein elegantes Kostüm von weißem Flanell angelegt; seine Haut war frisch und würzig, sein hübscher Mädchenkopf hatte einen müden Ausdruck, mit seinen blauen, hellen, leeren Augen. Durch die offene Thür hörte man noch den Abfluß des Wassers aus einem Zapfen der Badewanne, während in der lauen Luft ein scharfer Blumengeruch emporstieg.

– Nein, nein, es ist nichts Ernstes, sagte sie, verletzt durch den ruhigen, scherzhaften Ton seiner Frage. Und was ich Ihnen zu sagen habe, setzt mich doch einigermaßen in Verlegenheit ... Sie werden mich entschuldigen, daß ich so unversehens bei Ihnen erscheine ...

– Es ist wahr, daß ich in der Stadt speise, aber ich habe noch Zeit mich anzukleiden. Lassen Sie hören, was giebt es?

Er wartete, sie aber zögerte jetzt, sprach nur stammelnd, unter dem Eindrucke des großen Luxus dieses raffinirten Genußmenschen stehend, welchen sie ringsumher sah. Ein Gefühl der Feigheit hatte sie ergriffen, sie fand nicht mehr den Muth, Alles zu sagen. War es möglich, daß das Leben, für jenes Zufallskind dort in der Kloake der »neapolitanischen Stadt« so rauh, sich für Diesen da, der inmitten eines raffinirten Reichthums lebte, so verschwenderisch erwies? Auf der einen Seite so viel Schmutz, Gemeinheit, Hunger und auf der anderen Seite ein so gesuchter Luxus, solcher Ueberfluß, ein so schönes Leben! Ist das Geld wirklich die Erziehung, die Gesundheit, die Intelligenz? Und wenn darunter der nämliche menschliche Schmutz zu finden war, bestand dann nicht die ganze Zivilisation in der Ueberlegenheit, gut zu riechen und gut zu leben?

– Mein Gott, es ist eine ganze Geschichte. Ich glaube, daß ich recht thue, wenn ich sie Ihnen erzähle. Uebrigens bin ich dazu genöthigt, denn ich bedarf Ihrer.

Maxime hörte ihr zu, anfangs stehend, später sitzend, weil in der großen Ueberraschung ihn die Beine nicht trugen. Und als sie fertig war, rief er:

– Ei, ei, ich bin denn nicht der einzige Sohn! Da fällt mir ein kleiner Bruder vom Himmel!

Sie glaubte, er rede aus Interesse und machte eine Anspielung auf die Erbschaftsfrage.

– Ach, die Erbschaft nach Papa!

Und er machte eine Bewegung voll ironischer Sorglosigkeit, welche sie nicht begriff. Wie? was wollte er sagen? Glaubte er etwa nicht an die großen Eigenschaften und das sichere Vermögen seines Vaters?

– Nein, nein, meine Geschäfte sind geordnet, ich brauche Niemanden ... Allein, was Sie mir erzählen, ist wahrhaftig so drollig, daß ich mich eines Lächelns nicht erwehren kann.

Er lachte in der That, aber verdrossen, im Stillen beunruhigt, nur an sich selbst denkend, weil er noch nicht Zeit gehabt zu prüfen, inwiefern die Geschichte für ihn Gutes oder Schlechtes im Gefolge haben könnte. Er fühlte sich vor Gefahren geschützt und ließ ein brutales Wort fallen, in welchem er sich völlig zu erkennen gab.

– Im Grunde kümmert mich die ganze Geschichte nicht!

Er war aufgestanden und begab sich nach dem Toilette-Zimmer, von wo er sogleich mit einer Nagelfeile aus Schildpatt zurückkehrte, mit der er sich sachte die Nägel zu glätten begann.

– Und was wollen Sie mit Ihrem Ungeheuer anfangen? fragte er. Man kann es doch nicht in die Bastille stecken wie die eiserne Maske.

Jetzt erwähnte sie die Rechnungen der Méchain, erklärte ihre Idee, Victor nach der Arbeits-Stiftung zu bringen und verlangte von ihm die zweitausend Francs.

– Ich will nicht, daß Ihr Vater von der Sache etwas erfahre und habe Niemanden als Sie, an den ich mich wenden könnte. Sie müssen diesen Betrag vorstrecken.

Aber er weigerte sich rundweg.

– Einen Vorschuß für Papa! Nimmermehr! Nicht einen Sou! Ich habe es geschworen: wenn Papa einen Sou brauchte, um über eine Brücke zu gehen, ich würde ihn ihm nicht leihen. ... Es gibt Dinge, die gar zu dumm sind; ich will mich nicht lächerlich machen.

Abermals sah sie ihn an, verwirrt durch alle die häßlichen Dinge, die er vorbrachte. In diesem Augenblicke leidenschaftlicher Aufregung hatte sie weder das Verlangen noch die Zeit, mehr von ihm zu hören.

– Und mir? fragte sie plötzlich. Würden Sie mir die zweitausend Francs leihen?

– Ihnen? Ihnen ...

Er fuhr fort seine Nägel zu glätten, mit einer zierlichen, leichten Bewegung, wobei er die Frau mit seinen hellen Augen betrachtete, welche den Weibern bis ans Herzblut zu dringen schienen.

– Ihnen ja ... Sie sind eine gutmüthige Frau und werden mir meine zweitausend Francs von ihm zurückerstatten lassen.

Dann, nachdem er aus einem kleinen Schrein die zwei Tausendfrancs-Billets geholt und sie ihr überreicht hatte, nahm er ihre Hände und behielt sie einen Augenblick in den seinigen, wobei er sie mit einem Ausdruck freundschaftlicher Heiterkeit ansah, gleichsam wie ein Stiefsohn, der Sympathie für seine Stiefmutter hat.

– Sie scheinen Illusionen über Papa zu haben! sagte er. Oh, vertheidigen Sie sich nicht; ich befrage Sie nicht nach Ihren Angelegenheiten ... Die Frauen sind so wunderlich, sie gefallen sich manchmal in der Hingebung; natürlich haben sie Recht ihr Vergnügen dort zu nehmen, wo sie es finden. Gleichviel; wenn Sie eines Tages schlecht belohnt werden sollten, kommen Sie zu mir, wir werden darüber reden.

Als Madame Caroline sich wieder in ihrem Fiaker befand, noch beklommen von der weichlichen Wärme des kleinen Hôtels und von dem Heliotropen-Duft, welcher ihre Kleider durchdrungen hatte, schauerte sie zusammen, als käme sie von einem verdächtigen Orte, auch betroffen durch die rückhältigen, scherzhaften Aeußerungen des Sohnes über den Vater, welche ihren Verdacht noch bestärkten, daß Saccard eine Vergangenheit hinter sich habe, die er nicht eingestehen konnte. Allein sie wollte nichts wissen; sie hatte das Geld, beruhigte sich und theilte ihren nächsten Tag so ein, daß der Knabe am Abend aus seinem Lasterpfuhl gerettet sein sollte.

Sie mußte sich denn auch schon am Morgen in Bewegung setzen, denn sie hatte allerlei Formalitäten zu erfüllen, um sich zu versichern, daß ihr Schützling in der Arbeits-Stiftung aufgenommen werden würde. Ihre Stellung als Sekretärin des Aufsichtsrathes, welchen die Gründerin, Fürstin Orviedo, aus zehn Damen der Gesellschaft zusammengesetzt hatte, erleichterte ihr allerdings diese Formalitäten und am Nachmittag hatte sie nur mehr den Knaben aus der neapolitanischen Stadt abzuholen. Sie hatte anständige Kleider mitgenommen, aber sie war im Grunde nicht ganz beruhigt hinsichtlich des Widerstandes, welchen der Kleine leisten würde, der von der Schule nichts hören wollte. Doch die Méchain, der sie eine Depesche gesandt hatte und die sie auf der Schwelle erwartete, erzählte ihr eine Neuigkeit, von welcher sie selbst ganz erschüttert wurde: Mutter Eulalie war in der Nacht plötzlich gestorben, ohne daß der Arzt die Todesursache hätte genau angeben können; es war vielleicht eine Kongestion, die Verheerungen des verdorbenen Blutes. Und das Schreckliche war, daß der Junge, der mit ihr schlief, in der Finsterniß ihres Todes erst gewahr wurde, als er sie neben sich ganz kalt werden fühlte. Er hatte den Rest der Nacht bei der Hauseigenthümerin zugebracht, völlig bestürzt von diesem Drama, von einer dumpfen Furcht ergriffen, so daß er sich ruhig ankleiden ließ und zufrieden schien bei dem Gedanken, in einem Hause leben zu dürfen, wo es einen schönen Garten gab. Nichts hielt ihn mehr zurück, da die Dicke – wie er sie nannte – fortan in ihrer Grube modern sollte.

Während die Méchain die Bescheinigung der zweitausend Francs schrieb, stellte sie ihre Bedingungen.

– Sie werden den Rest in sechs Monaten bezahlen, nicht wahr? ... Sonst müßte ich mich an Herrn Saccard wenden.

– Aber Herr Saccard selbst wird Sie bezahlen, sagte Madame Caroline; heute zahle ich ganz einfach an seiner Statt.

Der Abschied Victor's von seiner alten Base war nicht besonders zärtlich: der Kleine empfing ihren Kuß auf die Haare und beeilte sich in den Wagen zu steigen, während die Alte – von Busch ausgezankt, weil sie eingewilligt hatte eine Anzahlung zu nehmen – unablässig verdrossen brummte, weil ihr Pfand ihr entschlüpfte.

– Kurz, Madame, seien Sie rechtschaffen mir gegenüber, sonst werden Sie es zu bereuen haben, Das schwöre ich Ihnen.

Unterwegs von der neapolitanischen Stadt nach der Arbeits-Stiftung, die auf dem Boulevard Bineau lag, konnte Madame Caroline von Victor nur knappe Worte herausbringen; seine glühenden Augen schienen die Straße, die breiten Avenuen, die schönen Häuser und die Vorübergehenden zu verschlingen. Er konnte nicht schreiben, kaum lesen, hatte immer die Schule geschwänzt, um in den Befestigungen herumzustreifen. Und aus seinem Gesicht eines frühreifen Kindes sprachen nur die gierigen Gelüste seiner Race, eine Hast, ein Ungestüm zu genießen, noch verschärft in diesem Düngerhaufen voll Elend und abscheulicher Beispiele, wo er herangewachsen. Auf dem Boulevard Bineau angelangt funkelten seine Augen eines jungen Thieres noch mehr, als er, nachdem sie den Wagen verlassen hatten, den großen Hof durchschritt, welchen die Anstalt der Knaben und die Anstalt der Mädchen zu beiden Seiten einsäumten. Schon prüfte er mit einem Blicke die breiten, mit schönen Bäumen bestandenen Höfe, die mit Fayence-Ziegeln ausgelegten Küchen, deren offene Fenster gute Bratengerüche ausströmten, die mit Marmor verkleideten Speisesäle, lang und hoch wie die Kirchenschiffe, all' den königlichen Luxus, welchen die Fürstin in ihrem Rückerstattungs-Eifer den Armen geben wollte. Dann, als sie bei dem im Hintergrunde stehenden Verwaltungsgebäude angekommen waren und von einer Dienstabtheilung zur anderen gingen, um die üblichen Formalitäten zu erledigen, hörte der Junge seine neuen Schuhe klappern in den riesigen Korridoren, auf den breiten Treppen, in den hellen, luftigen Nebenräumen, die sämmtlich einen palastartigen Prunk zeigten. Seine Nasenflügel zitterten: Alldies sollte ihm gehören.

Doch als Madame Caroline, die wieder in's Erdgeschoß herabgestiegen war, um dort ein Schriftstück zu unterzeichnen, ihn durch einen neuen Korridor begleitete, führte sie ihn vor eine Glasthür, durch welche er eine Werkstätte sehen konnte, wo Jungen seines Alters vor Werktischen stehend, die Holzschnitzerei lernten.

– Sie sehen da, mein kleiner Freund, sprach sie, wie man hier arbeitet; denn man muß arbeiten, wenn man gesund und glücklich sein will ... Am Abend sind die Unterrichtsstunden und ich hoffe, daß Sie sich gut aufführen und brav lernen werden ... Sie selbst haben über Ihre Zukunft zu entscheiden, eine Zukunft, wie Sie sie niemals geträumt haben.

Eine düstere Falte hatte sich quer über die Stirne Victor's gelegt. Er antwortete nichts und seine Augen eines jungen Wolfes warfen nur die hämischen Blicke eines neidischen Banditen auf den hier ausgebreiteten reichen Luxus: alldies besitzen, ohne zu arbeiten, mit der Gewalt der Nägel und der Zähne sich dessen bemächtigen und freuen, das war sein Gedanke. Fortan war er in diesem Hause nur ein Empörter, ein Gefangener, der an Diebstahl und Flucht denkt.

– Nunmehr ist Alles geregelt, sagte Madame Caroline wieder. Wir wollen nach dem Badesaale hinaufgehen.

Es war der Brauch, daß jeder neue Pensionär bei seinem Eintritt ein Bad nahm; die Badewannen befanden sich oben in Kabineten, welche an die Krankenabtheilung stießen, die aus zwei kleinen Sälen bestanden, aus einem Saale für die Knaben und aus einem andern für die Mädchen und an die Wäschekammer stießen. Hier herrschten die sechs barmherzigen Schwestern des Hauses, in dieser herrlichen Wäschekammer, welche mit dreifach über einander gestellten tiefen Schreinen von gefirnißtem Ahornholz eingerichtet waren; in dieser musterhaften Krankenabtheilung, so hell, von einer so fleckenlosen Weiße, so heiter und so rein, wie die Gesundheit selbst. Oft erschienen auch Damen vom Aufsichtsrathe, um hier eine Stunde des Nachmittags zu verbringen, weniger um zu kontroliren, als um dem mildthätigen Werke durch ihre Hingebung einen Nachdruck zu verleihen.

Eben war die Gräfin Beauvilliers mit ihrer Tochter Alice in dem Saale, welcher die beiden Zimmer der Krankenabtheilung trennte. Oft führte sie ihre Tochter hieher, um ihr eine Zerstreuung und das Vergnügen der Mildthätigkeit zu verschaffen. An jenem Tage war eben Alice einer der barmherzigen Schwestern behilflich, Früchtenbrödchen für zwei wiedergenesende Mädchen zu bereiten, welchen man schon gestattet hatte, solche zu essen.

– Ach, ein Neuer, sagte die Gräfin, als sie Victor erblickte, den man hier einen Augenblick Platz nehmen ließ, bis sein Bad bereitet sein würde.

Gewöhnlich benahm sie sich Madame Caroline gegenüber etwas steif, grüßte sie nur mit einem Kopfnicken, ohne jemals das Wort an sie zu richten, aus Furcht, nachträglich Beziehungen mit ihr anknüpfen zu müssen. Allein, der Anblick dieses Jungen, welchen sie mitgebracht, ihre geschäftige Gutmüthigkeit, mit welcher sie sich um ihn kümmerte, rührten ohne Zweifel die Gräfin und bestimmten sie, aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten. Und so plauderten sie eine Weile halblaut.

– Wenn Sie wüßten, Madame, welcher Hölle ich ihn entreiße! Ich empfehle ihn Ihrem Wohlwollen, gleichwie ich ihn allen Herren und Damen vom Aufsichtsrath empfohlen habe.

– Hat er Eltern? kennen Sie sie?

– Nein, seine Mutter ist todt, er hat Niemanden als mich.

– Armer Junge! Ach, welches Elend!

Während dieser Zeit ließ Victor kein Auge von den Früchtenbrödchen. Seine Blicke hatten sich in wüthender Gier entflammt; und von dem Früchtenmus, welches das Messer aufstrich, schaute er zu den zarten, weißen Händen Alicens empor, zu ihrem zu dünnen Halse, zu ihrer ganzen Person einer schwächlichen Jungfrau, die sich in der vergeblichen Erwartung der Ehe verzehrte. Wäre er mit Alice allein gewesen, er würde sie mit einem Kopfstoß in den Bauch an die Wand geschleudert haben, um sich der Früchtenbrödchen zu bemächtigen. Doch das junge Mädchen hatte seine gierigen Blicke bemerkt und sie fragte, nachdem sie einen Blick mit der Nonne ausgetauscht:

– Haben Sie Hunger, mein kleiner Freund?

– Ja.

– Und lieben Sie die eingemachten Früchte?

– Ja.

– Sie möchten also, daß ich Ihnen zwei solche Brödchen streiche, bis Sie aus dem Bade kommen?

– Ja.

– Viel Früchtenmus auf viel Brod, nicht wahr?

– Ja.

Sie lachte herzlich, der Knabe aber blieb ernst, die verzehrenden Augen auf sie und auf die guten Sachen gerichtet.

In diesem Augenblicke war heller Jubel und lautes Geräusch vom Knabenhofe her zu vernehmen, wo die Vier-Uhr-Pause begann. Die Werkstätten leerten sich; die Knaben hatten eine halbe Stunde frei, um ihre Jause zu essen und sich ein wenig auszutummeln.

Madame Caroline führte Victor zu einem Fenster und sagte:

– Sie sehen, man darf hier nach der Arbeit auch spielen ... Arbeiten Sie gern?

– Nein.

– Aber Sie spielen gern?

– Ja.

– Nun wohl, wenn Sie spielen wollen, werden Sie arbeiten müssen ... Alldies wird sich finden; Sie werden vernünftig sein, ich bin dessen sicher.

Er antwortete nicht. Eine Regung des Vergnügens färbte seine Wange bei dem Anblick seiner Kameraden, die sich dort froh herumtummelten; dann kehrten seine Blicke zu den Früchtenbrödchen zurück, welche die junge Gräfin auf einen Teller gelegt hatte. Ja, Freiheit und Genuß die ganze Zeit: er wollte nichts Anderes. Sein Bad war bereit, man führte ihn hinweg.

– Mit diesem jungen Herrn wird nicht leicht auszukommen sein, wie ich glaube, bemerkte die Nonne in sanftem Tone. Hat Einer ein so schiefes Gesicht, so mißtraue ich ihm von vornherein.

– Er ist doch nicht häßlich, murmelte Alice; wenn er Einen anschaut, möchte man ihn für achtzehn Jahre alt halten.

– Es ist wahr, er ist für sein Alter stark entwickelt, sagte Madame Caroline mit einem leichten Schauder.

Bevor die Damen sich entfernten, wollten sie sich noch das Vergnügen bereiten, die kleinen wiedergenesenden Mädchen ihre Früchtenbrödchen essen zu sehen. Besonders Eine derselben war sehr interessant, eine Blonde von zehn Jahren mit schon pfiffigen Augen, wie ein kleines Frauchen dreinblickend, mit dem früh entwickelten krankhaften Fleische der Pariser Vorstadtkinder. Es war übrigens immer dieselbe Geschichte: der Vater war ein Trunkenbold und brachte Frauenzimmer heim, die er auf der Straße aufgelesen, bis er schließlich mit einer solchen Schlampe verschwand; die Mutter hatte einen andern Mann genommen, dann wieder einen andern und war schließlich ebenfalls der Trunksucht verfallen. Und die Kleine ward von allen den Männern geprügelt und es war noch ein Glück, wenn sie nicht versuchten sie zu nothzüchtigen. Eines Morgens mußte die Mutter sie aus den Armen eines Maurers reißen, welchen sie selbst am vorhergehenden Abend ins Haus gebracht hatte. Man erlaubte indeß dieser erbärmlichen Mutter ihr Kind zu besuchen; denn sie selbst hatte gebeten, daß man ihr das Kind abnehme, weil sie in ihrer Verworfenheit eine glühende Mutterliebe bewahrte. Und sie war eben anwesend, ein mageres, gelbes, verwüstetes Weib mit rothen, verweinten Augen. Sie saß neben dem weißen Bettchen, in welchem ihr reinlich angethanes Töchterchen, mit dem Rücken an die Kopfkissen gelehnt, artig ihr Früchtenbrödchen aß.

Sie erkannte Madame Caroline, die sie wiederholt gesehen hatte, wenn sie Saccard um Unterstützungen anging.

– Ach, Madame, meine arme Madeleine ist wieder einmal gerettet. Sehen Sie: sie hat unser ganzes Unglück im Blute, und der Arzt hat mir gesagt, daß sie nicht am Leben bleibt, wenn sie noch länger bei uns herumgestoßen wird ... Hier aber hat sie Fleisch und Wein und Ruhe ... Ich bitte Sie, Madame, sagen Sie dem guten Herrn, daß ich ihn jede Stunde meines Lebens segne.

Ein Schluchzen erstickte ihre Stimme und ihr Herz löste sich in Dankbarkeit auf. Sie sprach von Saccard, denn sie kannte nur ihn, wie die meisten Eltern, welche Kinder in der Arbeits-Stiftung hatten. Die Fürstin Orviedo war nicht sichtbar, während er sich lange Zeit opferte, die Anstalt bevölkerte, alles Elend aus der Gosse auflas, um rascher diese Wohlthätigkeits-Maschine in Bewegung zu sehen, die ein wenig seine Schöpfung war; er betrieb die Sache mit Leidenschaft, wie Alles was er that, beschenkte mit Hundertsous-Stücken aus seiner eigenen Tasche jene betrübten Familien, deren Kinder er rettete. Und er blieb für alle diese Erbarmungswürdigen die wahre und einzige Vorsehung.

– Sagen Sie ihm, Madame, daß es irgendwo ein armes Weib gibt, welches für ihn betet. Nicht als ob ich frommgläubig wäre; ich will nicht lügen, ich war niemals eine Heuchlerin. Nein, es ist aus zwischen mir und den Kirchen; ich denke nicht daran; wozu auch meine Zeit dort verlieren? ... Aber es muß dennoch etwas über uns geben und es ist ein Trost, wenn Einer gut zu uns gewesen, die Segnungen des Himmels auf ihn herabzuflehen.

Ihre Thränen flossen reichlich über ihre welken Wangen.

– Höre, Madeleine, höre ...

Das in seinem schneeweißen Hemde so bleiche Kind, welches mit der Spitze seines Züngelchens naschhaft das Früchtenmus von dem Brode leckte, schaute mit den zufriedenen Aeuglein auf und horchte aufmerksam, ohne im Essen inne zu halten.

– Jeden Abend, ehe Du in Deinem Bette einschläfst, wirst Du die Hände falten – so – und wirst sagen: »Lieber Gott! lohne Herrn Saccard seine Güte, auf daß er lange lebe und glücklich sei ...« Verstehst Du? Versprich mir Das!

– Ja, Mama.

Die nun folgenden Wochen verlebte Madame Caroline in großer moralischer Verwirrung. Sie wußte nicht mehr genau, was sie von Saccard halten solle. Die Geschichte von der Geburt und Verlassenheit Victors; diese unglückliche Rosalie, die auf einer Treppenstufe so brutal vergewaltigt wurde, daß sie in der Folge verkrüppelt blieb; die unterschriebenen und nicht bezahlten Wechsel; das unglückliche, vaterlose Kind, das im Schmutze herangewachsen war: diese ganze jämmerliche Vergangenheit verursachte ihr ein Gefühl des Ekels. Sie wies die Bilder dieser Vergangenheit von sich, gleichwie sie die Indiskretionen Maxime's nicht hatte herbeiführen wollen: gewiß gab es da Flecke, die sie erschreckten, die ihr zu viel Kummer machen würden. Dann kam als Gegensatz diese weinende Frau, welche die Hände ihres Kindes zusammenlegte und sie für denselben Mann beten ließ; Saccard war jetzt angebetet wie der gute Gott; und er war wirklich gut und hatte Seelen errettet, mit jener leidenschaftlichen Thätigkeit eines Geschäftsmannes, der sich zur Tugend erhob, wenn das Werk ein schönes war. Und so gelangte sie dahin, daß sie ihn nicht verurtheilen wollte; um als wohlunterrichtete Frau, welche zu viel gelesen und zu viel nachgedacht hatte, ihr Gewissen zu beruhigen, sagte sie sich, daß bei ihm wie bei allen Menschen das Schlimmste mit dem Besten sich vereinige.

Allein bei dem Gedanken, daß sie ihm angehört habe, erwachte ein dumpfes Gefühl der Schande in ihr. Es versetzte sie noch immer in die höchste Verblüffung; sie fand nur Beruhigung, indem sie sich schwor, daß es für immer aus sei, daß jene momentane Ueberraschung sich niemals wiederholen könne. Und so flossen drei Monate dahin, während welcher sie zweimal in der Woche Victor besuchte; und eines Abends sah sie sich abermals in den Armen Saccard's; fortan gehörte sie ihm endgiltig an und ließ es geschehen, daß sich regelmäßige Beziehungen zwischen ihnen entwickelten. Was ging denn in ihr vor? War sie neugierig, wie die Anderen? Hatten seine einstigen unlauteren Liebschaften, über die sie jetzt so oft nachdachte, in ihr das sinnliche Verlangen wachgerufen, mehr darüber zu wissen? Oder war es nicht vielmehr das Kind, welches das Band, die verhängnißvolle Annäherung wurde zwischen ihm, dem Vater, und ihr, der Zufallsmutter, der Adoptivmutter? Ja, die Sache war nur durch eine sentimentale Verirrung zu erklären. In ihrem großen Kummer einer unfruchtbaren Frau hatte sicherlich die Thatsache, daß sie sich mit dem Sohne dieses Mannes unter so ergreifenden Umständen befaßt hatte, sie dermaßen gerührt, daß dabei ihr Wille in die Brüche gegangen war. Jedesmal, wenn sie den Knaben besucht hatte, überlieferte sie sich mehr und mehr und diese Hingebung wurzelte in ihrem Mütterlichkeitsgefühl. Im Uebrigen war sie eine Frau von klarem, nüchternem Verstande und nahm die Dinge des Lebens hin, ohne sich in dem Bemühen zu erschöpfen, die tausend verschlungenen Ursachen der Dinge zu ergründen. In dieser Leere des Herzens und des Gehirns, in dieser raffinirten, haarspalterischen Analyse gab es für sie nichts als eine Zerstreuung der unbeschäftigten Damen der guten Gesellschaft, die keinen Haushalt zu führen, kein Kind zu lieben haben, eine Zerstreuung der pfiffigen Lebedamen, welche Entschuldigungen für ihren sittlichen Sturz suchen und mit Spitzfindigkeiten des Seelenlebens die fleischlichen Begierden maskiren, welche den Herzoginnen und den Schänkenmägden gemeinsam sind. Sie, mit ihrer umfassenden Bildung, die ehemals ihre Zeit damit verloren hatte, die weite Welt kennen zu lernen und in dem Streit der Philosophen Stellung zu nehmen, war davon wieder abgekommen, mit einer großen Verachtung für diese psychologischen Zerstreuungen, welche das Klavierspiel und die Tapisserie-Arbeit verdrängen wollen und von welchen sie lachend sagte, daß sie mehr Frauen verdorben als gebessert haben. An Tagen, wo sie eine innere Leere, einen Riß in ihrem freien Urtheil fühlte, zog sie es denn auch vor, die Thatsache muthig hinzunehmen, nachdem sie sie konstatirt hatte; und sie zählte auf die Arbeit des Lebens, um den Fleck auszulöschen, das Uebel gutzumachen, gleichwie der immerfort aufsteigende Saft den Einschnitt im Kern einer Eiche schließt, Holz und Rinde wieder gesunden läßt. Wenn sie jetzt Saccard angehörte, ohne es gewollt zu haben, ohne sicher zu sein, daß sie ihn schätzte, so erhob sie sich wieder von diesem Fall, indem sie ihn ihrer nicht unwürdig erachtete, verlockt durch seine Eigenschaften eines Mannes der That, durch seine Energie zu siegen, indem sie ihn für gut und den Anderen nützlich hielt. Ihre ursprüngliche Scham war geschwunden, in dem Bedürfniß, welches man hat, seine Fehltritte zu rechtfertigen; und in der That war nichts natürlicher und nichts ruhiger als ihr Verhältniß: eine bloße Vernunftehe, in welcher er glücklich war, sie am Abend, wenn er nicht ausging, an seiner Seite zu haben, während sie sich fast wie eine Mutter betrug, von einer beruhigenden Zuneigung erfüllt, mit ihrem lebhaften Verstande und ihrem geraden, offenen Sinn. Für diesen Räuber auf dem Pariser Pflaster, der schon durch alle finanziellen Halsabschneidereien gegangen, war es fürwahr ein unverdientes Glück, eine Belohnung, die er stahl wie alles Andere, diese liebenswürdige Frau zu besitzen, die so jung und so gesund war mit ihren sechsunddreißig Jahren, unter dem Schnee ihres dichten, weißen Haares, mit einem so muthigen Sinn und einer so menschlichen Vernunft ausgestattet, in ihrem Glauben an das Leben so wie es ist, trotz des Kothes, welchen der reißende Strom fortwälzt.

Monate vergingen und es muß gesagt werden, daß Madame Caroline Herrn Saccard sehr energisch und sehr klug fand während der großen Anfangs-Schwierigkeiten der Universalbank. Ihr Verdacht wegen verdächtiger Machenschaften, ihre Befürchtung, daß er sie und ihren Bruder kompromittiren könnte, schwand völlig, wenn sie ihn sah, wie er fortwährend mit den Schwierigkeiten kämpfend, sich vom Morgen bis zum Abend opferte, um den regelmäßigen Gang dieser großen, neuen Maschine zu sichern, deren Räderwerk knirschte und zu brechen drohte. Und sie war ihm dankbar dafür und bewunderte ihn. Die Universalbank schritt in der That nicht so fort, wie er es gehofft hatte; sie hatte die geheime Feindschaft der großen Banken gegen sich; allerlei schlimme Gerüchte waren in Umlauf, immer neue Hindernisse tauchten auf, immobilisirten das Kapital, gestatteten nicht die großen, nutzbringenden Unternehmungen. Er hatte denn auch aus dieser gezwungenen Langsamkeit eine Tugend gemacht, drang nur Schritt für Schritt auf festem Boden vor, achtete auf die Löcher und Gruben, war zu sehr damit beschäftigt einem Fall auszuweichen, um sich den Zufällen des Spiels zu überlassen. Er verzehrte sich vor Ungeduld, stampfte wie ein Rennpferd, das man zu einem kurzen Trabe zwingt; allein, niemals waren die Anfänge eines Bankhauses ehrenvoller und korrekter gewesen. An der Börse sprach man erstaunt davon.

So kam die Zeit der ersten Generalversammlung heran. Sie war auf den 25. April festgesetzt worden. Am 20. April traf Hamelin aus dem Orient ein, um in der Generalversammlung den Vorsitz zu führen, in aller Eile von Saccard heimberufen, der in dem zu eng gewordenen Hause schier erstickte. Er brachte übrigens ausgezeichnete Nachrichten: die Verträge zur Bildung der Vereinigten Packetschifffahrts-Gesellschaft waren abgeschlossen; auch hatte er die Konzessionen in der Tasche, welche einer französischen Gesellschaft das Recht der Ausbeutung der Silberminen des Karmel zusicherten; ganz abgesehen von der türkischen Nationalbank, deren Grundlagen er in Konstantinopel niedergelegt hatte und welche eine wahre Zweiggründung der Universalbank werden sollte. Was die große Frage der kleinasiatischen Eisenbahnen betraf, so war sie noch nicht reif, man mußte sie für später verschieben; er mußte übrigens am Tage nach der Generalversammlung dorthin zurückkehren, um seine Studien fortzusetzen. Saccard war entzückt; er hatte mit ihm eine lange Unterredung, welcher Madame Caroline beiwohnte, und er überzeugte sie leicht, daß eine Erhöhung des gesellschaftlichen Kapitals eine absolute Nothwendigkeit sei, wenn man alle diese Unternehmungen in Angriff nehmen wollte. Die Großaktionäre: Daigremont, Sédille, Huret, Kolb, welche er zu Rathe gezogen, hatten der Kapitalserhöhung zugestimmt, so daß die Frage in zwei Tagen studirt und am Vorabend der Generalversammlung dem Verwaltungsrathe vorgelegt werden konnte.

Diese dringlich einberufene Sitzung war sehr feierlich; sämmtliche Verwaltungsräthe nahmen an derselben theil, in dem sehr würdig ausgestatteten Saale, der von den großen Bäumen des benachbarten Hôtels Beauvilliers einen grünlichen Schatten empfing. Gewöhnlich wurde zweimal im Monat Sitzung gehalten. Am 15. Tage des Monats versammelte sich der kleine Verwaltungsrath; dies war der wichtigere, derjenige, zu welchem nur die wirklichen Chefs, die Geschäftsführer erschienen. Der große Verwaltungsrath versammelte sich am 30. des Monats; es war mehr eine Versammlung zum Schein, zu welcher Alle kamen, die stummen und die zur Zier dienenden, um den im voraus vorbereiteten Arbeiten ihre Zustimmung und ihre Unterschriften zu geben. An jenem Tage traf der Marquis de Bohain, mit seinem kleinen, aristokratischen Kopfe, als Einer der Ersten ein, mit seiner müden, vornehmen Miene gleichsam die Zustimmung des ganzen französischen Adels mitbringend. Und der Vizepräsident, Vicomte von Robin-Chagot, ein sanfter und geiziger Mann, hatte die Aufgabe, diejenigen Verwaltungsräthe im Auge zu behalten, welche hinsichtlich der Geschäfte nicht auf dem Laufenden waren. Er nahm sie beiseite und theilte ihnen in wenigen Worten die Befehle des Direktors, des wirklichen Herrn mit. Selbstverständlich versprachen Alle zu gehorchen, indem sie stumm mit dem Kopfe nickten.

Endlich begann die Sitzung. Hamelin brachte dem Verwaltungsrathe den Bericht zur Kenntniß, welchen er in der Generalversammlung vorzulesen gedachte. Es war die große Arbeit, welche Saccard seit langer Zeit vorbereitete, welche er in zwei Tagen redigirt und mit den vom Ingenieur mitgebrachten Daten ergänzt hatte. Saccard hörte bescheiden, sehr aufmerksam zu, als ob ihm kein Wort davon bekannt gewesen wäre. Der Bericht erzählte vor Allem von den Geschäften, welche die Universalbank seit ihrer Gründung gemacht hatte; es waren lauter gute, kleine Geschäfte, von Tag zu Tag geschlossen, von heut auf morgen realisirt, gleichsam das tägliche Brod der Banken. Große Gewinnste standen bei der mexikanischen Anleihe in Aussicht, welche man im vorhergegangenen Monat, nach dem Aufbruch des Kaisers Maximilian nach Mexiko, durchgeführt hatte. Diese Anleihe war ein unsauberer Handel mit unsinnigen Prämien; Saccard bedauerte, daß er wegen Mangels an Geld nicht tiefer hineinspringen konnte. Alle diese Geschäfte waren ganz gewöhnlich, aber man hatte doch wenigstens gelebt. Für die erste Geschäftsperiode, welche nur drei Monate – die Zeit vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember – umfaßte, betrug der Gewinn nur viermalhundert- und einige tausend Francs; dies hatte möglich gemacht, daß ein Viertel der Gründungskosten abgeschrieben, den Aktionären ihre fünfprozentigen Zinsen bezahlt und zehn Prozent dem Reservefond zugeführt wurden. Ueberdies hatten die Verwaltungsräthe jene zehn Prozent empfangen, welche die Statuten ihnen zusicherten und es blieb noch eine Summe von achtundsechszigtausend Francs übrig, welche auf neue Rechnung vorgetragen wurde. Aber, es hatte keine Dividende gegeben. Das war ein sehr mittelmäßiges und zugleich sehr ehrenhaftes Geschäfts-Resultat. So verhielt es sich auch mit dem Börsenkurse der Aktien der Universalbank; sie waren langsam von fünfhundert auf sechshundert gestiegen, ohne Erschütterung, in ganz regelrechter Weise, wie die Kurse der Papiere jeder solchen Bank, die sich respektirt; und seit zwei Monaten erhielten sie sich auf gleicher Höhe; sie hatten eben keinen Grund noch höher zu steigen in dem Alltagsgeschäft, in welchem die neue Bank einzuschlummern schien.

Der Bericht ging dann auf die Zukunft über. Und hier gab es eine plötzliche Erweiterung, die Erschließung eines unermeßlichen Horizontes durch eine ganze Reihe großer Unternehmungen. Der Bericht verweilte im Besonderen bei der Vereinigten Packetschifffahrts-Gesellschaft, deren Aktien die Universalbank zu emittiren im Begriffe stand; es sollte eine Gesellschaft mit einem Kapital von fünfzig Millionen werden, welche den gesammten Transport auf dem mittelländischen Meere monopolisiren würde und in welcher die zwei großen Konkurrenz-Gesellschaften vereinigt werden sollten, nämlich die »Phocéenne« für den Dienst nach Konstantinopel, Smyrna und Trapezunt über den Pyräus und durch die Dardanellen, und die »Société Maritime« für den Dienst nach Alexandrien über Messina und Syrien, die kleineren Häuser ungerechnet, welche ebenfalls in das Syndikat eintraten, wie Combarel & Cie. für Algier und Tunis, Henri Liotard's Wittwe ebenfalls für Algier über Spanien und Marokko, endlich die Brüder Férand-Giraud für Italien, Neapel und die adriatischen Häfen über Civita-Vecchia. Man ergriff Besitz von dem ganzen mittelländischen Meere, indem man aus diesen Gesellschaften und Häusern, die sich durch die Konkurrenz gegenseitig umzubringen trachteten, eine einzige Gesellschaft machte. Dank den vereinigten Kapitalien würde man musterhafte Packetboote bauen lassen, Schiffe mit einer Geschwindigkeit und einem Komfort, wie sie bisher unbekannt waren; und man würde die Fahrten vermehren, neue Stationen ins Leben rufen, aus dem Orient einen Vorort von Marseille machen. Und welche Bedeutung würde diese Gesellschaft erst gewinnen, wenn sie nach Vollendung des Suez-Kanals in der Lage sein wird, Fahrten nach Indien, Tonking, China und Japan einzurichten! Niemals hatte eine Geschäfts-Unternehmung von größerem Maßstabe und von größerer Sicherheit sich dargeboten. Dann würde die Betheiligung an der türkischen Nationalbank folgen, ein Geschäft, über welches der Bericht technische Details lieferte, welche die unerschütterliche Solidität desselben nachwiesen. Diese Darlegung der künftigen Operationen schloß mit der Ankündigung dessen, daß die Universalbank auch die französische Gesellschaft zur Ausbeutung der Silberminen des Karmelgebirges unter ihren Schutz nahm, welche mit einem Kapital von zwanzig Millionen gegründet worden. Chemische Analysen wiesen in den Erzproben einen beträchtlichen Perzentsatz von Silber nach. Doch mehr noch als die Wissenschaft ließ die antike Poesie des heiligen Bodens dieses Silber in einem wunderbaren Regen herniederfließen; es war ein göttliches Blendwerk, welches Saccard an das Ende einer Phrase gesetzt hatte, mit der er sehr zufrieden war.

Endlich, nach diesen Verheißungen einer ruhmvollen Zukunft, schloß der Bericht mit dem Vorschlage zur Vermehrung des Kapitals. Dasselbe sollte verdoppelt, von fünfundzwanzig auf fünfzig Millionen erhöht werden. Das in Aussicht genommene Emissions-System war das einfachste von der Welt, damit alle Köpfe es leicht begreifen: fünfzigtausend junge Aktien sollten ausgegeben und Stück für Stück den Inhabern der fünfzigtausend alten Aktien vorbehalten werden, so daß eine öffentliche Subskription entfiel; aber, die jungen Aktien sollten mit fünfhundertundzwanzig Francs ausgegeben werden, wobei zwanzig Francs als Prämie zu rechnen wären und einen Gesammtbetrag von einer Million ausmachen würden, welche dem Reservefond zugeführt werden sollte. Es war billig und vernünftig den Aktionären diese kleine Abgabe aufzubürden, da man sie bevorzugte. Uebrigens war nur der vierte Theil des Aktienwerthes einzuzahlen und außerdem die Prämie.

Als Hamelin die Lesung des Berichtes beendigt hatte, gab es eine geräuschvolle Zustimmung. Die Sache war ausgezeichnet und nichts dagegen einzuwenden. Während der ganzen Zeit der Lesung hatte Daigremont seine Fingernägel sehr aufmerksam betrachtet und über weitab liegende Dinge gelächelt; der Deputirte Huret lag mit geschlossenen Augen in seinem Lehnsessel zurückgebogen, im Halbschlummer, als wäre er in der Kammer; während der Bankier Kolb ruhig und ohne ein Geheimniß daraus zu machen, lange Berechnungen auf den Papierblättern anstellte, welche vor ihm lagen, wie vor den übrigen Verwaltungsräthen. Indeß hatte der stets ängstliche und mißtrauische Sédille eine Frage zu stellen. Was wird mit jenen Aktien geschehen, bezüglich welcher die Inhaber der alten Aktien das Bezugsrecht nicht ausüben wollen? Wird die Gesellschaft sie für eigene Rechnung behalten? Dies war nicht erlaubt, da die gesetzmäßige Erklärung vor dem Notar nur statthaben konnte, wenn das ganze Kapital eingezahlt war. Und wenn die Gesellschaft sich derselben entledigte, wem und wie wollte sie sie überlassen? Doch als der vorsitzende Marquis de Bohain die Ungeduld Saccards sah, unterbrach er den Seidenfabrikanten gleich nach den ersten Worten und sagte mit seiner stolzen, vornehmen Miene, der Verwaltungsrath überlasse diese Einzelheiten dem Präsidenten und dem Direktor, die beide so bewährte und dem Unternehmen so ergebene Männer wären. Und nunmehr gab es nur Beglückwünschungen und die Sitzung wurde unter allgemeinem Entzücken aufgehoben.

Die Generalversammlung, welche am nächsten Tage stattfand, bot Gelegenheit zu wahrhaft rührenden Kundgebungen. Sie wurde wieder in jenem Saale in der Rue Blanche gehalten, welcher früher als Tanzboden gedient hatte; und vor Ankunft des Präsidenten waren in dem schon vollen Saale die besten Gerüchte in Umlauf; besonders eine Nachricht flüsterte man sich von Ohr zu Ohr: Rougon, der Minister, der Bruder des Direktors, war – von der wachsenden Opposition angegriffen – jetzt geneigt die Universalbank zu unterstützen, wenn das gesellschaftliche Organ, die »Hoffnung«, ein ehemals katholisches Blatt, die Regierung vertheidigen wollte. Ein Abgeordneter von der Linken hatte den furchtbaren Ruf ausgestoßen: »Der 2. Dezember ist ein Verbrechen!« Dieser Schrei hatte von einem Ende Frankreichs bis zum andern widerhallt und war gleichsam die Stimme des wiedererwachenden öffentlichen Gewissens. Es war nothwendig, diesen Ruf mit großen Thaten zu beantworten; die bevorstehende Weltausstellung – so hieß es – würde die Ziffern des Handelsverkehrs verzehnfachen; unter dem Schutze des auf der Höhe seiner Triumphe angelangten Kaiserreiches wird in Mexiko und anderwärts viel Geld zu erwerben sein. In einer kleinen Gruppe von Aktionären, welche Jantrou und Sabatani aufzuklären sich bemühten, wurde über einen andern Abgeordneten viel gelacht, welcher, als die Armeefrage auf der Tagesordnung stand, die Annahme des preußischen Rekrutirungs-Systems empfahl. Die Kammer hatte sich an dem Vorschlage ergötzt: die Preußenfurcht schien nicht wenige Köpfe zu verwirren, bloß wegen des dänischen Feldzuges und unter dem Eindrucke des dumpfen Grolls, welchen Italien seit Solferino gegen uns hegte. Doch die Gespräche der Gruppen und das laute Geräusch im Saale verstummten plötzlich, als Hamelin und das Bureau im Saale erschienen. Noch bescheidener als im Verwaltungsrathe trat Saccard hier beiseite, verlor sich unter der Menge; er begnügte sich das Signal zu den Beifallsäußerungen zu geben, mit welchen der von den Aufsichtsräthen geprüfte und gutgeheißene Bericht über die erste Geschäftsperiode begrüßt wurde, welcher Bericht mit dem Antrag auf Verdoppelung des Aktienkapitals schloß. Die Generalversammlung allein war befugt, über diesen Vorschlag zu entscheiden; sie nahm denselben übrigens mit Begeisterung an, völlig betäubt durch die Millionen der vereinigten Packetschifffahrts-Gesellschaft und der türkischen Nationalbank; sie erkannte eben die Notwendigkeit, das Kapital in ein richtiges Verhältnis; zur Bedeutung der Universalbank zu bringen. Was die Silberminen des Karmel betrifft, so wurden sie mit einem andächtigen Schauer aufgenommen. Und als die Aktionäre – nach Danksagungen für den Präsidenten, den Direktor und die Verwaltungsräthe – sich trennten, träumten Alle vom Karmel, von diesem wunderbaren Geldregen, welcher aus dem heiligen Lande so ruhmvoll herniederströmte.

Zwei Tage später erschienen Hamelin und Saccard, diesesmal begleitet vom Vizepräsidenten Vicomte von Robin-Chagot, abermals bei dem Notar Doktor Lelorrain in der Rue Sainte-Anne, um die Kapitalserhöhung anzumelden, welche sie als vollständig gezeichnet angaben. Die Wahrheit war, daß ungefähr dreitausend Aktien, von den zum Bezug berechtigte Inhabern der Mutter-Aktien abgelehnt, in den Händen der Gesellschaft verblieben, welche dieselben gegen einen Austausch von schriftlichen Erklärungen abermals auf den Conto Sabatani's stellte. Dies war noch eine Erschwerung der früheren Regelwidrigkeit, das System, welches darin bestand, in den Kassen der Bank eine gewisse Quantität eigener Papiere zu bemänteln, eine Art von Kriegsreserve, welche der Bank ermöglichen sollte zu spekuliren und – wenn nöthig – sich in den Börsenkampf zu stürzen, um im Falle eines Bündnisses der Coulissiers die Kurse zu halten.

Hamelin mißbilligte zwar diese ungesetzliche Taktik, überließ aber schließlich die finanziellen Operationen vollständig Saccard. Es gab über diesen Punkt eine Aussprache zwischen ihnen und Madame Caroline, in Betreff jener fünfhundert Stück Aktien, welche er bei der ersten Emission den Geschwistern aufgedrungen hatte und welche jetzt natürlich verdoppelt wurden. Es waren im Ganzen tausend Stück Aktien, für welche der vierte Theil des Werthes mit der Prämie, zusammen hundertfünfunddreißigtausend Francs zu bezahlen waren. Der Bruder und die Schwester wollten diese Summe durchaus bezahlen, weil ihnen zehn Tage vorher eine unerwartete Erbschaft von ungefähr dreimalhunderttausend Francs nach einer plötzlich mit Tode abgegangenen Tante zugefallen war. Saccard ließ sie gewähren, ohne sich über die Art und Weise zu äußern, wie er seine eigenen Aktien bezahlen wollte.

– Ach, diese Erbschaft! sagte Madame Caroline. Sie ist der erste Glücksfall, der uns zutheil wird ... Ich bin geneigt zu glauben, daß Sie uns Glück bringen. Mein Bruder hat dreißigtausend Francs Gehalt und ansehnliche Reise-Zulagen; dazu all' das Gold, das uns zuströmt, ohne Zweifel, weil wir desselben nicht mehr bedürfen ... Wir sind jetzt reich.

Sie schaute Saccard mit ihrer Dankbarkeit eines guten Herzens an. Fortan war sie überwunden; sie vertraute ihm, verlor immer mehr von ihrem Scharfblick in der wachsenden Zärtlichkeit, die er ihr einflößte. Doch, von ihrer heiteren Offenheit fortgerissen, fügte sie hinzu:

– Immerhin kann ich versichern, daß ich dieses Geld, wenn ich es erworben hätte, nicht an Ihre Geschäfte wagen würde ... Allein, wir haben von einer Tante, die wir kaum gekannt haben, eine Summe Geldes geerbt, an welches wir gar nicht gedacht haben; kurz, es ist so gut wie gefundenes Geld, eine Sache, die mir nicht rechtschaffen scheint und der ich mich fast schäme. Sie begreifen, daß ich nicht an solchem Gelde hänge; ich will es gern verlieren.

– Gerade deshalb wird das Geld zunehmen und Ihnen Millionen einbringen, sagte Saccard, auf den scherzhaften Ton eingehend. Nichts ist so nutzbringend wie gestohlenes Geld ... Ehe acht Tage vergehen, werden Sie eine Hausse sehen!

Hamelin, der seine Abreise um einige Tage verzögern mußte, sah in der That mit Ueberraschung eine rapide Hausse der Aktien der Universalbank. Bei der Mai-Liquidation war der Kurs von siebenhundert Francs überstiegen. Es war das Resultat, welches in der Regel jede Kapitalsvermehrung herbeiführt; es ist der klassische Zug, der Peitschenhieb für den Erfolg, die Art und Weise, wie man bei jeder neuen Emission ein Galopptempo in die Kurse brachte. Dazu kam aber auch die wirkliche Bedeutung der Unternehmungen, welche das Haus ins Werk setzen wollte. Große, gelbe Anschlagzettel kündigten in ganz Paris die bevorstehende Ausbeutung der Silberminen des Karmel an und verwirrten vollends die Köpfe, entsachte in denselben einen beginnenden Rausch, jene Leidenschaft, die immer mehr anwachsen und alle Vernunft hinwegfegen sollte. Der Boden war vorbereitet: der kaiserliche Düngerhaufen, aus gährenden Trümmern zusammengesetzt, von verzweifelten Begierden erhitzt, außerordentlich günstig jenem wahnsinnigen Treiben der Spekulation, wie es alle zehn oder fünfzehn Jahre die Börse überkommt und vergiftet, nichts als Trümmer und Blut zurücklassend. Schon wuchsen verdächtige Gesellschaften wie Pilze aus dem Boden; die großen Gesellschaften ließen sich zu finanziellen Abenteuern verleiten; ein intensives Spielfieber trat zutage inmitten der geräuschvollen Wohlfahrt der Regierung, ein Glanz von Vergnügungen und von Luxus, deren trügerische Feen-Apotheose die bevorstehende Ausstellung zu werden versprach. Und in dem Schwindel, welcher die Menge ergriff, inmitten des Gedränges der anderen schönen Geschäfte, welche sich auf dem Straßenpflaster darboten, setzte sich endlich auch die Universalbank in Gang, als eine mächtige Maschine, die dazu bestimmt war Alles zu bethören, Alles zu zermalmen und welche von ungestümen Händen maßlos, zum Bersten geheizt wurde.

Als ihr Bruder wieder nach dem Orient abgereist war, sah sich Madame Caroline wiederum allein mit Saccard und nahm ihr intimes, fast eheliches Leben mit ihm von Neuem auf. Sie beharrte dabei, sich mit seinem Hauswesen zu befassen, als treue Verwalterin ihm Ersparnisse zu machen, obgleich Beider Vermögensverhältnisse sich geändert hatten. Und in ihrem lächelnden Frieden, in dieser stets gleichen Stimmung, empfand sie nur eine Unruhe, ihren Gewissensfall wegen Victors, ihr Zögern darüber, ob sie dem Vater die Existenz seines Sohnes noch länger verbergen sollte. In der Arbeits-Stiftung war man mit dem Jungen sehr unzufrieden, weil er sich schlimm aufführte. Die sechs Probemonate waren vorüber; sollte sie ihm das kleine Ungeheuer vorführen, bevor sie es von seinen Lastern ganz gereinigt hatte? Sie empfand darob zuweilen ein wirkliches Leid. Eines Abends war sie auf dem Punkte zu reden. Saccard, durch die unzulängliche Einrichtung der Universalbank erbittert, hatte den Verwaltungsrath dazu bestimmt, das Erdgeschoß des Nachbarhauses zu miethen, um die Bureaux zu vergrößern, bis er es wagen würde, den Bau des luxuriösen Hauses vorzuschlagen, von welchem er träumte. Abermals ließ er Verbindungsthüren durchbrechen, Zwischenmauern niederreißen, neue Schalter anlegen. Und als Madame Caroline aus der Anstalt zurückkehrte, verzweifelt über einen neuen Bubenstreich Victor's, der einem Kameraden fast ein Ohr abgebissen hatte, bat sie Saccard, mit ihr hinaufzugehen.

– Mein Freund, ich habe Ihnen etwas zu sagen.

Doch als sie oben ihn sah, eine Schulter noch mit Mörtel bedeckt, entzückt von einer neuen Vergrößerungs-Idee, die ihm eingefallen – von der Idee, auch den Hof des Nachbarhauses mit einem Glasdach zu versehen – fand sie nicht mehr den Muth, mit ihrem traurigen Geheimniß sein Gemüth zu verstören. Nein, sie wird noch warten; der abscheuliche Taugenichts muß sich ja doch bessern. Sie war nicht stark genug, um Anderen Kummer zu bereiten.

– Nun wohl, mein Freund, es war wegen dieses Hofes. Ich hatte eben denselben Gedanken wie Sie.

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