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Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 5
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typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV.

Es tauchten Schwierigkeiten auf, die Angelegenheit wollte nicht recht vorwärts; es Verflossen fünf Monate, ohne daß man zu irgend einem Abschluß gelangte. Man war schon in den letzten Tagen des Monats September und Saccard wüthete, als er sah, daß trotz seines Eifers endlose Hindernisse auftauchten, eine ganze Reihe von nebensächlichen Fragen, welche vorher zu lösen waren, wenn man etwas Ernstes und Dauerhaftes gründen sollte.

Seine Ungeduld erreichte einen solchen Grad, daß er einen Augenblick gesonnen war, das ganze Syndicat zum Teufel zu schicken und das Geschäft mit der Fürstin Orviedo allein zu machen. Sie besaß die zum ersten Anlauf erforderlichen Millionen. Warum sollte sie sie nicht an diese herrliche Operation wagen und bei den schon jetzt in Aussicht genommenen Kapitalserhöhungen die kleine Klientel heranziehen? Er setzte absoluten Glauben in das Unternehmen; er hatte die Ueberzeugung, ihr eine Kapitalanlage vorzuschlagen, bei welcher sie ihr Vermögen verzehnfachen würde, dieses Vermögen der Armen, welches sie dann mit noch viel mehr freigebiger Hand würde vertheilen können.

Und so ging denn Saccard eines Morgens zur Fürstin hinauf und als Freund und Geschäftsmann zugleich erklärte er ihr die Existenzberechtigung und den Mechanismus der Bank, von der er träumte. Er sagte ihr Alles, breitete das Portefeuille des Ingenieurs Hamelin vor ihr aus, verschwieg keine einzige der im Orient geplanten Unternehmungen. Jener Leichtigkeit nachgebend, mit welcher er sich an seiner eigenen Begeisterung berauschte, durch ein glühendes Verlangen nach dem Erfolge zum Selbstvertrauen gelangte, sprach er ihr sogar von seinem unsinnigen Traume, das Papstthum in Jerusalem zu errichten. Er sprach von dem schließlichen Triumph des Katholizismus und wie der Papst im heiligen Lande thronen würde, die Welt beherrschend, in seiner Stellung gesichert durch ein königliches Budget, dank der Schöpfung des Schatzes vom heiligen Grabe.

Die Fürstin, eine glaubenseifrige Katholikin, war nur von diesem letzten Projekte überrascht, von dieser Krönung des Gebäudes, dessen chimärische Größe in ihr der regellosen Einbildungskraft schmeichelte, die sie dazu vermochte, ihre Millionen in mildthätigen Werken von einem kolossalen und nutzlosen Luxus zu verschleudern. Gerade zu jener Zeit waren die Katholiken Frankreichs niedergeschmettert und gereizt wegen der Convention, welche der Kaiser mit dem König von Italien abgeschlossen hatte, und durch welche er sich unter gewissen Garantiebedingungen verpflichtete, die französischen Besatzungstruppen aus Rom zurückzuziehen. Dies bedeutete sicherlich, daß Rom an Italien ausgeliefert wurde; schon sah man den Papst verjagt, auf ein Almosen gesetzt, mit dem Bettelstäbe in der Hand von Stadt zu Stadt ziehend. Und welche wunderbare Lösung bot sich da: der Papst abermals als Pontifex und König in Jerusalem, daselbst eingesetzt und gestützt durch eine Bank, deren Aktionäre zu sein die Christen der ganzen Welt für eine Ehre betrachten würden. Es war so schön, daß die Fürstin glaubte, es sei die großartigste Idee des Jahrhunderts und würdig, jede Person von guter Abstammung und religiösem Sinne zu begeistern. Der Erfolg schien ihr sicher, überwältigend. Dadurch stieg noch ihre Wertschätzung für den Ingenieur Hamelin, welchen sie mit Auszeichnung behandelte, seitdem sie wußte, daß er ein frommgläubiger Katholik sei. Allein sie weigerte sich rundweg, bei der Geschäftsunternehmung mitzuthun. Sie wolle dem Schwur treu bleiben, den sie geleistet hatte, ihre Millionen den Armen zuzuwenden, niemals einen Centime Nutzen daraus zu ziehen, weil sie wollte, daß dieses im Spiel gewonnene Geld wieder hinweggehe, von dem Elend aufgesogen werde, gleich einem vergifteten Wasser, welches verschwinden mußte. Das Argument, daß die Armen den Nutzen von dieser Spekulation haben würden, rührte sie nicht, reizte sie vielmehr. Nein, nein, die verdammte Quelle soll versiegen, dies sei ihre einzige Mission hienieden.

Aus der Fassung gebracht, konnte Saccard von ihrer Sympathie nichts Anderes erreichen, als eine Ermächtigung, die er bisher vergeblich verlangt hatte. Er hatte daran gedacht, die Universalbank, sobald sie gegründet sein würde, im Hotel selbst zu installiren, oder war es wenigstens Madame Caroline, welche ihm diese Idee eingab, denn er hatte andere, größere Absichten und hatte am liebsten sogleich ein eigenes Palais erwerben wollen.

So würde man sich denn damit begnügen, den Hofraum mit einem Glasdach zu versehen und so zu einer Centralhalle umzugestalten; das ganze Erdgeschoß, die Ställe, die Remisen sollten zu Bureaux hergerichtet werden. Sein im ersten Stockwerk gelegener Salon sollte der Berathungssaal werden, sein Speisesaal und noch sechs andere Zimmer sollten gleichfalls als Bureaux dienen und er würde nur ein Schlafzimmer und ein Toilettezimmer behalten und oben bei der Familie Hamelin leben, bei ihnen speisen und seine Abende mit ihnen zubringen. In dieser Weise würde man die Universalbank mit wenigen Kosten unterbringen, ein wenig gedrängt zwar, aber doch ganz ordentlich. Die Fürstin, in ihrem großen Hasse gegen alle Geldgeschäfte, lehnte anfangs ab. Niemals würde ihr Haus eine solche Abscheulichkeit aufnehmen. An diesem Tage jedoch mengte sie die Religion in die Affaire, gerührt von der Größe des Zieles, und gab ihre Einwilligung. Es war eine äußerste Concession; sie fühlte sich von einem leichten Schauer ergriffen, wenn sie an diese Höllenmaschine eines Kredithauses dachte, eines Hauses der Börse und des Agios, dessen Räderwerk fortan unter ihrem eigenen Dache am Ruin und am Tode der Mitmenschen arbeiten sollte.

Endlich, eine Woche nach diesem mißglückten Versuche, hatte Saccard die Freude, die so vielfach gehemmte Angelegenheit plötzlich, in wenigen Tagen, zustande kommen zu sehen. Daigremont kam eines Morgens und theilte ihm mit, daß er alle gesuchten Verbindungen habe und daß man sich nunmehr in Bewegung setzen könne. Nunmehr studirte man ein letztes Mal den Statuten-Entwurf und setzte den Gesellschafts-Akt auf. Es war hohe Zeit auch für die Geschwister Hamelin, für welche sich das Leben wieder hart anließ. Der Bruder träumte seit Jahren nur davon, der technische Beirath eines großen Bankhauses zu werden: wie er sagte, übernahm er es, das Wasser auf die Mühle zu treiben. Allmälig hatte das Fieber Saccard's auch ihn ergriffen; er brannte in demselben Eifer und von derselben Ungeduld. Madame Caroline hingegen, zuerst begeistert von dem Gedanken an alle die schönen und nützlichen Dinge, welche man vollbringen sollte, schien kühler und nachdenklicher, seitdem man mit dem Gestrüpp und den Schluchten der Durchführung zu kämpfen hatte. Ihr gesunder Sinn und ihre gerade Natur vermutheten allerlei finstere und unsaubere Löcher hinter dieser Unternehmung. Und sie zitterte hauptsächlich für ihren Bruder, den sie anbetete, den sie zuweilen lachend als »einen großen Tölpel trotz seiner Wissenschaft« behandelte. Nicht als ob sie die vollkommene Rechtschaffenheit ihres Freundes im Mindesten verdächtigte, den sie so ergeben für ihr Wohlwollen sah; allein, sie hatte das seltsame Gefühl, daß man auf schwankendem Boden stehe, eine Angst, daß man bei dem ersten Fehltritt stürzen und verschlungen werden könnte. Als Daigremont ihn an jenem Morgen verlassen hatte, eilte Saccard strahlend in den Saal hinauf, der die Musterrisse enthielt.

– Endlich ist die Sache gemacht! rief er. Sehr ergriffen und mit feuchten Augen eilte Hamelin auf ihn zu und drückte ihm kräftig die Hände. Und weil Madame Caroline sich begnügte, sich – ein wenig bleich – nach ihm umzuwenden, fügte er hinzu:

– Nun, ist das Alles, was Sie mir sagen? Macht Ihnen die Sache kein Vergnügen?

Da lächelte sie herzlich und erwiderte:

– Doch, ich bin sehr erfreut; sehr erfreut, ich versichere. Dann, als Saccard ihrem Bruder Mittheilungen über das nunmehr fertig gebrachte Syndikat gemacht hatte, bemerkte sie mit ihrer ruhigen Miene:

– Es ist also erlaubt, daß sich Mehrere zusammenthun und die Aktien einer Bank unter sich auftheilen, noch bevor die Emission geschehen ist?

Er machte eine lebhafte Geberde der Zustimmung.

– Gewiß, es ist erlaubt! ... Halten Sie uns für so einfältig, einen Mißerfolg zu riskiren? Abgesehen hievon bedürfen wir solider Leute, welche den Markt beherrschen, im Falle es Anfangs Schwierigkeiten geben würde ... Vier Fünftel unserer Papiere sind immerhin in sicheren Händen. Nunmehr kann der Gesellschafts-Akt beim Notar unterzeichnet werden.

Sie hielt ihm noch weiter Stand.

– Ich dachte, das Gesetz erfordere die Unterzeichnung des ganzen Gesellschaftskapitals?

– Lesen Sie denn den Code? fragte er überrascht, indem er ihr in das Gesicht schaute.

Sie erröthete leicht, denn er hatte richtig gerathen. In ihrem Unbehagen, in ihrer dumpfen, nicht ganz klar begründeten Furcht hatte sie am gestrigen Tage das Gesetz über die Bildung von Aktiengesellschaften gelesen. Einen Augenblick war sie auf dem Punkte zu lügen. Dann gestand sie lachend die Sache.

– Es ist wahr, ich habe gestern den Code gelesen. Als ich damit zu Ende war, prüfte ich meine Rechtschaffenheit und die der Anderen, so wie man sich mit allen erdenklichen Krankheiten behaftet glaubt, wenn man ein medizinisches Buch aus der Hand legt.

Doch jetzt erzürnte sich Saccard; denn die Thatsache, daß sie sich über diesen Punkt unterrichten wollte, zeigte ihm, daß sie mißtrauisch sei und bereit, mit ihren forschenden, klugen Frauenaugen ihn zu überwachen.

– Ach! rief er mit einer Geberde, welche alle eitlen Bedenken niederzuschlagen schien, wenn Sie glauben, daß wir uns an die Chinesereien des Code halten! ... Da könnten wir nicht zwei Schritte thun, ohne auf Hindernisse zu stoßen, während unsere Rivalen mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts kämen ... Nein, nein, ich werde gewiß nicht warten, bis das ganze Kapital unterzeichnet ist. Es ist mir auch lieber, daß wir eine Summe von Titres zurückbehalten; ich werde schon einen Mann finden, dem ich ein Conto eröffne, kurz: der uns als Strohmann dienen wird.

– Das ist verboten, erklärte sie einfach, mit ihrer schönen, tiefen Stimme.

– Ja, es ist verboten, aber alle Gesellschaften thun es.

– Sie haben Unrecht, da es nicht erlaubt ist. Saccard beruhigte sich mit einer plötzlichen Anstrengung seines Willens. Er glaubte sich zu Hamelin wenden zu sollen, der verlegen zugehört hatte, ohne sich einzumengen.

– Lieber Freund, ich hoffe, daß Sie nicht an mir zweifeln ... Ich bin ein alter Geschäftsmann mit einiger Erfahrung. Sie können sich getrost mir anvertrauen, was die finanzielle Seite der Angelegenheit betrifft. Bringen Sie mir gute Ideen und ich übernehme es, alle wünschenswerthen Vortheile daraus zu ziehen, bei möglichst geringen Risten. Ich denke, ein praktischer Mensch kann nicht mehr sagen. Mit seinem unüberwindlichen Grund von Schüchternheit und Schwäche suchte der Ingenieur die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, um einer direkten Antwort auszuweichen.

– Oh, Sie werden in Caroline eine strenge Richterin haben. Sie ist eine rechte Schulmeisterin.

– Ich will gern zu ihr in die Schule gehen, erklärte Saccard galant.

Jetzt lachte auch Madame Caroline wieder. Und das Gespräch wurde in einem Tone vertraulichen Wohlwollens weitergeführt.

– Alldies ist nur, weil ich meinen Bruder liebe, sagte sie, und weil ich auch Sie mehr liebe, als Sie glauben mögen, und weil ich tief betrübt wäre, Sie in verdächtige Händel verwickelt zu sehen, bei welchen es schließlich nichts als Unglück und Herzleid gibt. Da wir schon dabei sind, will ich es Ihnen sagen: ich habe eine tolle Furcht vor der Spekulation, vor dem Börsenspiel. Ich war so glücklich, als ich in dem Statuten-Entwurf, den Sie mich kopiren ließen, im Artikel 8 las, daß die Gesellschaft jedes Termingeschäft streng ausschließe. Das heißt das Spiel ausschließen, nicht wahr? Und dann haben Sie mich enttäuscht, als Sie sich über mich lustig machten und mir erklärten, dieser Artikel sei nur zum Schein da, eine Stylformel, welche alle Gesellschaften aufzunehmen für eine Ehrenfache halten, ohne sie zu beobachten ... Ich möchte, daß Sie Obligationen ausgeben anstatt der fünfzigtausend Stück Aktien, die Sie unter die Leute bringen wollen. Wie Sie sehen, bin ich gut unterrichtet, seit ich den Code lese; ich weiß, daß man in Obligationen nicht spielt, daß ein Obligationen-Inhaber ein einfacher Darleiher ist, der so und so viel Prozent für sein Darlehen empfängt, ohne an dem Gewinn betheiligt zu sein, während der Aktionär ein Geschäfts-Theilhaber ist, welcher das Risiko von Gewinn und Verlust trägt ... Warum nicht Obligationen? Sprechen Sie! Ich wäre so glücklich; es würde mich so sehr beruhigen! ...

Sie übertrieb in spaßiger Weise den flehentlichen Ton dieses Verlangens, um ihre wirkliche Unruhe zu verbergen. Und Saccard antwortete in demselben Tone, mit einer komischen Aufwallung:

– Obligationen, Obligationen, niemals! ... Was wollen Sie mit Obligationen anfangen? Das ist todtes Material ... Begreifen Sie doch: die Spekulation, das Spiel ist das zentrale Räderwerk, das Herz einer großen Unternehmung wie die unserige. Ja, das Spiel bringt das Blut in Bewegung, holt dasselbe mittelst kleiner Bäche herbei, sammelt es, sendet es in Flüssen nach allen Richtungen wieder zurück, bewerkstelligt einen riesigen Geldumlauf, welcher das eigentliche Leben der großen Geschäfte ist. Ohne Spekulation sind die großen Kapitals-Bewegungen, die großen zivilisatorischen Arbeiten, die sich daraus ergeben, ganz und gar unmöglich. ... Das ist geradeso wie mit den Aktien-Gesellschaften. Auch gegen diese hat man seinerzeit genug geschrieen und wiederholt, daß es Spielhöhlen und Mördergruben seien. Die Wahrheit ist, daß wir ohne sie weder Eisenbahnen, noch eine jener großen Unternehmungen hatten, welche die Welt umgestaltet haben; denn kein Vermögen würde genügt haben, um sie zu einem guten Ende zu führen, gleichwie kein Individuum, auch keine Gruppe von Individuen die Risten derselben hätte tragen wollen. Um die Risken dreht sich Alles, und um die Größe des Zieles. Ein weit ausgreifendes Projekt ist nothwendig, dessen Größe die Einbildungskraft erfaßt; die Hoffnung auf einen ansehnlichen Gewinn ist nothwendig, auf einen Lotterie-Zug, welcher den Einsatz verzehnfacht, wenn er ihn nicht hinwegfegt; dann werden die Leidenschaften entfacht, das Leben stießt zusammen, Jeder bringt sein Geld herbei, Sie können die Erde umkneten. Was sehen Sie Schlimmes dabei? Die Risken sind freiwillig, auf eine endlose Zahl von Personen vertheilt, ungleich und beschränkt je nach dem Vermögen und dem Wagniß jedes Einzelnen. Man verliert, aber man gewinnt auch; man hofft auf eine gute Nummer, aber man muß sich stets gefaßt mache« eine schlechte zu ziehen und die Menschheit hat keinen eigensinnigeren und gierigeren Traum, als das Glück zu versuchen, Alles von einer Laune des Zufalls zu erlangen, ein König, ein Gott zu sein!

Saccard hörte allmälig auf zu lachen; er richtete sich auf seinen kleinen Beinen auf, entflammte in einem geradezu lyrischen Eifer, mit lebhaften Gesten, als wollte er sich an alle vier Welttheile wenden.

– Wir mit unserer Universalbank werden den breitesten Horizont, ein ganz großes Stück der alten asiatischen Welt, ein unbegrenztes Feld der Spitzhacke des Forschritts und den Träumen der Goldsucher erschließen. Gewiß, niemals hat es einen kolossaleren Ehrgeiz gegeben und – ich gebe es zu – niemals waren die Bedingungen des Erfolges oder Mißerfolges unklarer, als in diesem Falle. Eben deshalb nennen wir es ja ein Problem und ich habe die Ueberzeugung, daß wir, wenn wir erst bekannt werden, eine außerordentliche Begeisterung im Publikum hervorrufen werden. Unsere Universalbank wird vor Allem das klassische Bankhaus sein, welches alle möglichen Bank-, Kredit- und Escomptegeschäfte betreiben, Kapitalien im Conto-Corrent übernehmen, Anleihen vermitteln oder emittiren wird. Was ich aber hauptsächlich aus ihr machen will, das ist eine Maschine zur Verwirklichung der großen Entwürfe Ihres Bruders; das wird ihre eigentliche Rolle sein, daraus wird sie ihre immer steigenden Gewinnste ziehen, das wird allmälig ihre Alles beherrschende Macht befestigen. Sie wird ja gegründet, um finanzielle und industrielle Gesellschaften zu unterstützen, welche wir in den fremden Ländern einsetzen, deren Actien wir placiren werden, die uns das Leben verdanken und uns die souveraine Herrschaft sichern werden. ... Und angesichts dieser blendenden Zukunft von Eroberungen kommen Sie mich fragen, ob es erlaubt sei, Syndicate zu bilden und den Mitgliedern des Syndicats Prämien zuzuwenden, welche auf Kosten der ersten Einrichtung gehen? Sie ängstigen sich wegen der kleinen fatalen Unregelmäßigkeiten, wegen der nicht gezeichneten Actien, welche die Gesellschaft unter dem Namen eines Strohmannes zu behalten sehr wohl thun wird? Schließlich eröffnen Sie einen Feldzug gegen das Spiel, welches die Seele, der Herd, die Flamme dieses riesigen Mechanismus ist, von welchem ich träume! ... So erfahren Sie denn, daß alldas noch nichts ist, daß dieses ärmliche Kapital von fünfundzwanzig Millionen nicht mehr als ein Holzscheit für die Maschine ist, um das erste Feuer anzuzünden und daß ich dieses Kapital zu verdoppeln, zu vervierfachen, zu verfünffachen gedenke in dem Maße, als wir unsere Operationen ausbreiten werden, daß wir einen wahren Hagel von Goldstücken, einen wahren Tanz von Millionen haben müssen, wenn wir in jenen Ländern die angekündigten Wunder vollbringen wollen ... Meiner Treu', für die Hiebe, welche wir austheilen werden, möchte ich keine Bürgschaft übernehmen; man kann die Welt nicht in Erschütterung bringen, ohne einigen Vorübergehenden die Füße zu zermalmen.

Sie sah ihn an und in ihrer Liebe zum Leben, zu Allem was kraftvoll und thätig ist, fand sie ihn schließlich schön, verführerisch durch seinen Schwung und durch seine Zuversicht. Ohne sich seinen Theorieen zu ergeben, welche ihren schlichten, geraden Verstand empörten, that sie denn auch, als gäbe sie sich besiegt.

– Wohl denn, nehmen wir an, daß ich nur ein Weib sei und daß die Kämpfe des Lebens mich erschrecken. Aber trachten Sie so wenige Menschen als möglich zu zermalmen und vor Allem: zermalmen Sie keinen von Jenen, die ich liebe.

Berauscht von seinem rednerischen Erfolge und triumphirend mit seinem riesigen Plane, als ob die Sache schon gemacht wäre, zeigte sich Saccard sehr gutmüthig.

– Haben Sie keine Furcht; ich spiele nur zum Spaß das Ungeheuer. Alle Welt wird reich werden.

Sie plauderten dann sehr ruhig über die zu treffenden Verfügungen und man einigte sich dahin, daß Hamelin am Tage nach der endgiltigen Konstituirung der Gesellschaft nach Marseille und von da nach dem Orient abreisen werde, um die Inangriffnahme der großen Geschäfts-Unternehmungen zu beschleunigen.

Doch schon verbreiteten sich Gerüchte auf dem Pariser Markte; der Name Saccard wurde wieder an die Oberfläche geschwemmt aus der trüben Tiefe, wo er einen Augenblick verschwunden gewesen; und die Anfangs geflüsterten, allmälig immer lauter wiederholten Nachrichten kündigten so klar seinen bevorstehenden Erfolg an, daß sich sein Vorzimmer abermals – wie ehedem am Park Monceau – jeden Morgen mit Bittstellern füllte. Er sah Mazaud, der – wie zufällig – heraufkam, um ihm guten Tag zu sagen und über die neuesten Nachrichten zu plaudern; er empfing noch andere Wechselagenten, den Juden Jacoby, mit seiner Donnerstimme, und seinen Schwager Delarocque, einen dicken, rothen Menschen, der seine Frau so unglücklich machte. Auch die Coulisse erschien in der Person Nathansohns, eines kleinen, blonden, sehr rührigen Mannes, der vom Glücke getragen wurde. Und was Massias betrifft, der sich in sein schweres Handwerk eines vom Pech verfolgten Remisiers gefügt hatte, so fand er sich schon jetzt täglich ein, obwohl es dort noch keine Weisungen zu empfangen gab. Es war eine fortwährend steigende Fluth.

Eines Morgens fand Saccard schon um neun Uhr sein Vorzimmer voll. Da er noch kein besonderes Personal in seinen Dienst genommen hatte, fand er an seinem Kammerdiener eine unzulängliche Stütze; zumeist mußte er selbst sich die Mühe nehmen, die Leute einzuführen. Als er an jenem Tage die Thür seines Arbeitskabinets öffnete, wollte Jantrou eintreten; aber er hatte Sabatani erkannt, den er schon seit zwei Tagen suchen ließ.

– Entschuldigen Sie, mein Freund, sagte er, den ehemaligen Professor zurückhaltend, um vorher den Levantiner zu empfangen.

Sabatani mit seinem beunruhigenden Lächeln, seiner schlangenhaften Geschmeidigkeit ließ Saccard zuerst reden, der übrigens sehr deutlich, als ein Mann, der ihn kannte, ihm seine Vorschläge machte.

– Mein Lieber, ich bedarf Ihrer ... Wir brauchen einen Strohmann. Ich werde Ihnen ein Conto eröffnen, werde Sie zum Käufer einer gewissen Anzahl von Titres machen, die Sie ganz einfach mit einem Austausch von schriftlichen Erklärungen bezahlen werden ... Sie sehen, ich gehe geradeaus auf das Ziel los und behandle Sie als Freund.

Der junge Mann blickte ihn mit seinen schönen Augen an, die so sammtweich und mild in seinem langen, braunen Gesichte saßen.

– Mein lieber Meister, das Gesetz fordert in aller Form die Bezahlung in Baarem. Oh, ich sage dies nicht meinethalben. Sie behandeln mich als Freund und ich bin darauf ganz stolz ... Alles was Sie wollen!

Um ihm angenehm zu sein erzählte Saccard dem Sabatani, wie sehr Mazaud ihn schätze, so daß er schließlich seine Aufträge ohne Deckung übernehme. Dann neckte er ihn wegen Germaine Coeur, mit der er ihn am vorhergehenden Tage gesehen. Dabei machte er ganz unverhohlen Anspielung auf ein Gerücht, welches ihm eine wahrhaft wunderbare Eigenschaft beilegte, eine riesenhafte Ausnahme, von welcher alle Mädchen der Börsenwelt in krankhafter Neugierde träumten. Und Sabatani leugnete nicht, lachte nur zweideutig über diesen schlüpfrigen Gegenstand. Ja, ja; die Damen seien so drollig ihm nachzulaufen, sie wollten eben sehen.

A propos! unterbrach ihn Saccard, wir werden auch Unterschriften benöthigen, um gewisse Operationen, beispielsweise Übertragungen zu reguliren. Kann ich die Papiere zur Unterschrift zu Ihnen senden?

– Gewiß, theurer Meister, Alles was Sie wollen.

Er ließ die Frage der Bezahlung unberührt, weil er wußte, daß ähnliche Dienste keinen Preis haben. Und als der Andere hinzufügte, daß man ihm einen Franc für jede Unterschrift geben würde, um ihn für seinen Zeitverlust zu entschädigen, gab er ihm mit einem bloßen Kopfnicken seine Zustimmung. Dann sagte er lächelnd:

– Ich hoffe auch, theurer Meister, daß Sie mir Ihre Rathschläge nicht verweigern werden. Sie werden fortan eine günstige Stellung einnehmen und ich werde mir Nachrichten bei Ihnen holen.

– Ganz recht, schloß Saccard, der die Anspielung begriff. Auf Wiedersehen! ... Schonen Sie sich; geben Sie der Neugierde der Damen nicht zu viel nach.

Und indem er sich von Neuem erheiterte, gab er ihm bis zu einer Seitenthür das Geleit, welche ihm gestattete, die Leute zu entlassen, ohne daß sie genöthigt waren, noch einmal durch den Wartesaal zu gehen.

Saccard öffnete nun die andere Thür und rief Jantrou. Mit einem Blick sah er, daß Jener herabgekommen, ohne Hilfsquellen sei, mit einem Rock bekleidet, dessen Aermel sich auf den Tischen der Kaffeehäuser abgenützt hatten, wo er sich auf der Suche nach einer Stellung herumtrieb. Die Börse fuhr fort ihm eine Stiefmutter zu sein; aber er trug dennoch den Kopf hoch, den Bart fächerartig abgetheilt, blieb der cynische Litterat, der er gewesen, ließ von Zeit zu Zeit eine geschnörkelte Phrase los, die den ehemaligen Universitäts-Professor verrieth.

– Ich würde Ihnen demnächst geschrieben haben, sagte Saccard. Wir stellen eben die Liste unseres Personals zusammen und ich habe Sie als einen der Ersten eingeschrieben. Ich glaube, ich werde Sie in das Emissions-Bureau berufen.

Jantrou unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

– Sie sind sehr liebenswürdig, ich danke Ihnen ... Aber ich habe Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen.

Er erklärte sich nicht sogleich, bewegte sich zuerst in Allgemeinheiten und fragte, welche Rolle den Zeitungen bei der Gründung dieser Bank zugedacht sei. Der Andere entflammte bei den ersten Worten, erklärte sich für die weitestgehende Oeffentlichkeit und wollte alles verfügbare Geld hiefür aufwenden. Keine Trompete war zu verachten, selbst die kleinste nicht, die für zwei Sous verkauft wurde; denn es war sein Axiom, daß jeder Lärm von Nutzen sei. Sein Traum wäre, alle Zeitungen für sich zu haben; allein, dies wäre zu kostspielig.

– Schau, schau, sollten Sie die Idee haben, unsere Publizität zu organisiren? ... Das wäre nicht so übel. Wir wollen darüber reden.

– Ja, später, wenn es beliebt ... Aber was würden Sie von einer Zeitung sagen, die ganz Ihnen gehören würde und deren Direktor ich wäre? Jeden Morgen wäre eine Seite des Blattes Ihnen vorbehalten; Artikel, die Ihr Lob singen würden; einfache Notizen, welche die Aufmerksamkeit auf Sie lenken würden; Anspielungen in Studien, welche nichts mit den Finanzgeschäften gemein hätten; kurz: ein regelrechter Feldzug zu Ihren Gunsten bei wichtigen und unwichtigen Anlässen, voll unablässiger Begeisterung für Sie und auf Kosten Ihrer Rivalen. Finden Sie die Sache nicht verlockend?

– Gewiß, wenn sie nicht zu kostspielig wäre.

– Nein, der Preis würde ein ganz vernünftiger sein.

Und er nannte endlich die Zeitung: »Die Hoffnung«, ein Blatt, das vor zwei Jahren von einer Gruppe katholischer Persönlichkeiten gegründet worden, den eifrigsten der Partei, welche einen erbitterten Krieg gegen das Kaiserreich führten. Der Erfolg war übrigens gleich Null und man sprach von Woche zu Woche von dem bevorstehenden Verschwinden des Blattes.

– Oh, es druckt keine zweitausend Exemplare! rief Saccard.

– Es wird unsere Sache sein, zu einer größeren Auflage zu gelangen.

– Und übrigens ist die Sache unmöglich: das Blatt zerrt meinen Bruder in den Koth und ich kann mich nicht gleich bei Beginn mit meinem Bruder überwerfen.

Jantrou zuckte sanft mit den Achseln.

– Man soll sich mit Niemandem überwerfen ... Sie wissen ebenso gut wie ich, daß wenn ein Bankhaus ein Blatt besitzt, wenig daran liegt, ob dieses Blatt die Regierung unterstütze oder angreife. Ist es offiziös, dann kann die Bank sicher sein, daß sie allen jenen Syndikaten angehören werde, welche der Finanz-Minister bildet, um den Erfolg der staatlichen und der kommunalen Anleihen zu sichern; ist es oppositionell, dann wird derselbe Minister alle Rücksichten für die Bank haben, welche es vertritt, und sich bemühen es zu entwaffnen und zu gewinnen, – ein Bestreben, welches sich oft in noch größeren Gunstbezeigungen äußert. Kümmern Sie sich also nicht um die Parteistellung der »Hoffnung«. Erwerben Sie ein Blatt: das bedeutet eine Macht.

Ein Augenblick des Stillschweigens trat ein. Mit jener Lebhaftigkeit des Verstandes, mit welcher Saccard in einem Augenblick sich die Idee eines Anderen aneignete, sie prüfte, seinen Bedürfnissen anpaßte, in dem Maße, daß er sie völlig zu der seinigen machte, entwickelte er einen ganzen Plan: er kaufte die »Hoffnung«, machte den heftigen Polemiken derselben ein Ende, legte sie seinem Bruder zu Füßen, der ihm dafür dankbar sein mußte, bewahrte aber dem Blatte seinen katholischen Beigeschmack, behielt es wie eine Drohung, wie eine Maschine, die stets bereit ist ihren furchtbaren Feldzug im Namen der Religion wieder aufzunehmen. Und wenn man ihn unfreundlich behandelte, fuchtelte er mit Rom und holte zu dem großen Schlage mit Jerusalem aus. Das wird ein hübscher Zug sein, um ein Ende zu machen.

– Werden wir frei sein? fragte er plötzlich.

– Absolut frei. Sie haben es satt. Das Blatt ist in die Hände eines geldbedürftigen Menschen gerathen, der es uns für zehntausend Francs ausliefern wird. Wir werden daraus machen was uns gefällt.

Saccard überlegte noch einen Augenblick.

– Nun denn, abgemacht! sagte er. Bringen Sie mir Ihren Mann hieher ... Sie sollen Direktor des Blattes werden und ich werde trachten, in Ihren Händen unsere ganze Publizität zu zentralisiren, welche nach meinem Willen außerordentlich groß werden soll, – allerdings später, wenn wir die Mittel haben werden, die Maschine ernstlich zu heizen.

Er hatte sich erhoben. Jantrou erhob sich ebenfalls; seine Freude darüber, sein Brod gefunden zu haben, verbarg er unter seinem spöttischen Lachen eines Deklassirten, welcher des Pariser Kothes überdrüssig geworden.

– Endlich werde ich wieder in meinem Elemente sein, in der mir so theuren Litteratur!

– Nehmen Sie noch Niemanden auf, wiederholte Saccard, indem er ihn hinaus begleitete. Und weil ich gerade daran denke, notiren Sie sich meinen Schützling Paul Jordan, einen jungen Mann, der mir sehr befähigt zu sein scheint und aus welchem Sie einen vorzüglichen litterarischen Redakteur machen werden. Ich werde ihm schreiben, daß er Sie besuche.

Jantrou war im Begriffe sich durch die Seitenthür zu entfernen, als diese glückliche Anordnung der zwei Ausgänge ihn überraschte.

– Schau, das ist bequem, sagte er vertraulich. Da kann man die Leute verschwinden lassen. Wenn schöne Damen kommen, wie diejenige, die ich soeben im Vorzimmer begrüßt habe, die Baronin Sandorff ...

Saccard wußte nicht, daß sie da sei. Er zuckte mit den Achseln, um sich gleichgiltig zu zeigen. Allein, der Andere lachte höhnisch und wollte an diese Gleichgiltigkeit nicht glauben. Die beiden Männer tauschten einen kräftigen Händedruck aus.

Als Saccard allein war, näherte er sich instinktiv dem Spiegel und hob seine Haare in die Höhe, unter welchen noch kein einziger weißer Faden sich zeigte. Er hatte nicht gelogen, die Frauen beschäftigten ihn nicht mehr, seitdem die Geschäfte ihn ganz und gar gefangen hielten; und er gab nur jener unwillkürlichen Galanterie nach, welche bewirkt, daß in Frankreich ein Mann sich mit einer Frau nicht allein befinden kann, ohne für einen Tölpel zu gelten, wenn er sie nicht erobert. Kaum hatte er die Baronin eintreten lassen, als er sich sehr beflissen um sie zeigte.

– Ich bitte Sie, Madame, wollen Sie Platz nehmen.

Niemals hatte er sie so seltsam verführerisch gesehen mit ihren rothen Lippen, ihren glühenden Augen, ihren blauen Augenlidern, die unter dichten Wimpern verschwanden. Was mochte sie von ihm haben wollen? Und er war überrascht, fast ernüchtert, als sie ihm den Grund ihres Besuches mitgetheilt hatte.

– Mein Gott, mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Sie in einer Sache störe, die für Sie ganz und gar ohne Belang ist. Aber unter Leuten von derselben Gesellschaftsklasse muß man sich doch gegenseitig kleine Dienste leisten ... Sie hatten in letzter Zeit einen Küchenchef, welchen mein Mann in seine Dienste nehmen will. Ich komme demnach, um Erkundigungen über diesen Mann bei Ihnen einzuholen.

Da ließ er sich denn ausfragen und antwortete mit der größten Verbindlichkeit, wobei er keinen Blick von ihr wandte; denn er glaubte zu errathen, daß dies nur ein Vorwand sei: sie kümmerte sich wenig um den Küchenchef und kam sicherlich wegen einer anderen Sache. Und in der That manövrirte sie so geschickt, daß sie schließlich einen gemeinschaftlichen Freund, den Marquis de Bohain nannte, welcher ihr von der Universalbank gesprochen hatte. Man habe so viele Mühe, sein Geld zu placiren, solide Werthe zu finden. Endlich begriff er, daß sie gerne Actien nehmen wollte, mit der Prämie von 10 %, welche den Syndikatsmitgliedern überlassen wurde und er begriff noch mehr, daß wenn er ihr ein Conto eröffnete, sie nicht bezahlen würde.

– Ich habe mein persönliches Vermögen, mein Mann mengt sich niemals ein, sagte sie. Das macht mir viel Scherereien, aber es macht mir auch viel Spaß, ich gestehe es gerne. Nicht wahr: wenn man eine Frau mit Geld sich abgeben sieht, besonders eine junge Frau, so ist man darüber erstaunt und versucht, sie deshalb zu tadeln? ... An manchen Tagen bin ich in der grausamsten Verlegenheit, weil es mir an Freunden fehlt, die mich mit ihren Rathschlägen unterstützen würden. Bei der jüngsten zweiwöchentlichen Abrechnung habe ich Mangels einer verläßlichen Information abermals eine beträchtliche Summe verloren. Sie werden künftig in einer sehr guten Stellung sein und es wäre von Ihnen sehr liebenswürdig, wenn Sie wollten ...

Hinter der eleganten Weltdame kam die Spielerin zum Vorschein, die gierige, wüthende Spielerin, diese Tochter des Geschlechtes der Ladricourt, die einen Ahn unter den Erstürmern von Antiochia zählten; diese Gattin eines Diplomaten, welcher von der Fremden-Kolonie in Paris sehr ehrerbietig gegrüßt wurde, diese Frau, welche ihre Spielleidenschaft als verdächtige Bittstellerin bei allen Finanzmännern erscheinen ließ. Ihre Lippen waren noch röther, ihre Augen noch glühender, ihr Verlangen brach los und erschütterte das Feuerweib, das sie zu sein schien. Und er war naiv genug zu glauben, daß sie gekommen war, um sich ihm anzubieten, blos um mit bei dem Geschäfte zu sein und bei Gelegenheit nützliche Börseninformationen von ihm zu erlangen.

– Madame, rief er, ich verlange nichts sehnlicher, als meine Erfahrungen Ihnen zu Füßen zu legen.

Er hatte seinen Sessel näher gerückt und ergriff ihre Hand. Mit einem Schlage schien sie ernüchtert. Ach nein, so weit war sie nicht, es wird immer noch Zeit sein, die Mittheilung einer Depesche ihm mit einer Nacht zu vergelten. Es war für sie schon eine abscheuliche Frohne, das Verhältniß mit dem Generalprocurator Delcambre zu unterhalten, mit diesem dürren, gelben Menschen, welchen sich gefallen zu lassen nur die Knauserei ihres Gatten sie genöthigt hatte. Und ihre sinnliche Gleichgiltigkeit, ihre geheime Verachtung für den Mann verrieth sich in einer bleichen Müdigkeit auf ihrem Antlitz einer falschen Leidenschaftlichen, welches nur die Hoffnung auf das Spiel zu entflammen vermochte. Sie erhob sich in einer Empörung ihrer Race und ihrer Erziehung, welchen sie es zuzuschreiben hatte, daß sie abermals Geschäfte verabsäumte.

– Also, mein Herr, Sie sagen, daß Sie mit Ihrem Küchenchef zufrieden waren?

Erstaunt erhob sich auch Saccard. Was? Hatte sie denn gehofft, daß er sie für nichts in die Liste eintragen und mit Nachrichten versehen werde? Wahrhaftig, man mußte den Frauen mißtrauen, sie brachten die ausgesprochenste Falschheit in die Geschäfte mit. Und, obgleich er Verlangen nach dieser trug, drang er nicht weiter in sie. Er verneigte sich mit einem Lächeln, welches sagen wollte: »Nach Ihrem Belieben, liebe Frau, wenn es Ihnen gefällig sein wird« – während er laut sagte:

– Sehr zufrieden, ich wiederhole es Ihnen. Nur eine Umgestaltung, die ich in meinem Hauswesen vornahm, bestimmte mich, ihn zu entlassen.

Die Baronin Sandorff zögerte kaum eine Sekunde. Nicht als ob sie ihre innerliche Empörung bedauert hätte, aber ohne Zweifel fühlte sie, wie sehr es ihrerseits naiv gewesen, zu einem Saccard zu kommen, bevor sie sich zu den Konsequenzen entschlossen hatte. Dies regte sie gegen sich selbst auf, denn sie hatte den Ehrgeiz, eine ernste Frau zu sein. Sie beantwortete schließlich mit einem einfachen Kopfnicken den respektvollen Gruß, mit welchem er sie verabschiedete und er begleitete sie bis zur kleinen Thür, als diese plötzlich von einer vertraulichen Hand geöffnet wurde. Es war Maxime, der heute bei seinem Vater frühstückte und als Intimer des Hauses durch den Korridor kam. Er trat beiseite, grüßte gleichfalls, um die Baronin hinausgehen zu lassen. Dann, nachdem sie fort war, lachte er.

– Deine Geschäfte gedeihen, wie es scheint, Du heimsest bereits die Prämien ein.

Trotzdem er noch sehr jung war, gab er sich gern als Mann von Erfahrung, der unfähig ist, in gewagten Vergnügungen nutzlos seine Kräfte zu vergeuden. Sein Vater begriff seine Haltung eines ironischen und überlegenen Mannes.

– Nein, wahrhaftig, ich habe nichts eingeheimst und das geschieht nicht aus kluger Vorsicht; denn, mein Sohn, ich bin ebenso stolz auf meine 20 Jahre, wie Du darauf, daß Du deren 60 zu zählen scheinst.

Maxime lachte noch nachdrücklicher; es war sein perlendes Lachen von ehemals. Ein zweideutiges Girren, in jener korrekten Haltung, welche er sich zurechtgelegt hatte, als ein rangirter Junge, der fortan sein Leben nicht zu verderben gedachte. Er heuchelte die größte Nachsicht, vorausgesetzt, daß nichts, was ihn anging, bedroht sei.

– Meiner Treu, Du hast Recht, wenn es Dich nur nicht sehr ermüdet ... Was mich betrifft, habe ich bereits rheumatische Anfälle.

Und indem er es sich in einem Lehnsessel bequem machte und eine Zeitung zur Hand nahm, fügte er hinzu:

– Ich bin etwas zu früh gekommen, weil ich bei meinem Arzt war und ihn nicht zuhause getroffen habe.

In diesem Augenblick trat der Kammerdiener ein, um anzukündigen, daß die Frau Gräfin von Beauvilliers da sei. Saccard war ein wenig überrascht, obgleich er seine edle Nachbarin, wie er sie nannte, schon bei der Arbeitsstiftung getroffen hatte; er gab den Befehl, sie sofort einzulassen, dann rief er den Diener zurück und trug ihm auf, alle Leute, die noch warteten, wegzuschicken, weil er müde und hungrig sei.

Als die Gräfin eintrat, bemerkte sie Maxime nicht, den die hohe Lehne des Fauteuils verbarg. Und Saccard erstaunte noch mehr, als er sah, daß sie ihre Tochter Alice mitgebracht hatte. Dies ließ ihren Schritt noch feierlicher erscheinen: dieser Besuch der zwei so traurigen und bleichen Damen, der schmächtigen, großen, ganz weißen Mutter mit der greisenhaften Miene und der schon gealterten Tochter mit dem übermäßig langen, schier unschönen Halse. Mit geschäftiger Höflichkeit rückte er Stühle vor, um seine Verehrung auffälliger zu bekunden.

– Madame, ich fühle mich außerordentlich geehrt ... könnte ich so glücklich sein, mich Ihnen nützlich zu erweisen?

Trotz ihrer stolzen Haltung mit großer Schüchternheit sprechend erläuterte die Gräfin den Beweggrund ihres Besuches.

– Mein Herr! Nach einer Unterredung mit meiner Freundin, der Fürstin Orviedo, bin ich auf den Gedanken gekommen, bei Ihnen vorzusprechen ... Ich gestehe Ihnen, daß ich anfänglich zögerte; denn in meinem Alter ändert man nicht leicht seine Anschauungen und ich hatte stets große Scheu vor den mir unverständlichen Dingen der heutigen Zeit. Schließlich habe ich mit meiner Tochter darüber gesprochen und ich glaube, es sei meine Pflicht über meine Bedenken hinwegzugehen und den Versuch zu machen, das Glück der Meinigen zu sichern.

Und sie erzählte, daß die Fürstin ihr von der Universalbank gesprochen habe. In den Augen der Laien sei dies sicherlich ein Bankhaus wie so viele andere; aber in den Augen der Eingeweihten wird dasselbe eine Entschuldigung haben, die keinen Widerspruch zuläßt, einen dermaßen verdienstlichen und hohen Zweck, welcher selbst dem ängstlichsten Gewissen Stillschweigen gebot. Sie sprach weder den Namen des Papstes, noch denjenigen Jerusalems aus; man sagte das nicht, die Getreuen flüsterten sich es nur zu, es war eben das Geheimniß, welches die Gemüther leidenschaftlich erregte; aber aus jedem ihrer Worte, aus jeder ihrer Anspielungen und ihrer Zweideutigkeiten sprachen eine Hoffnung und ein Glaube, welche zeigten, daß sie geradezu mit einer flammenden Inbrunst an den Erfolg der neuen Bank glaubte.

Saccard selbst war erstaunt über ihre verhaltene Erregtheit, über ihre zitternde Stimme. Er hatte bisher von Jerusalem nur in einem lyrischen Ueberschwang seines Fiebers gesprochen; er mißtraute im Grunde diesem unsinnigen Projekte, witterte etwas Lächerliches dahinter und war geneigt es fallen zu lassen und sich darüber lustig zu machen, wenn es spaßhaft aufgenommen werden sollte. Und der bewegte Schritt dieser frommen Frau, die ihre Tochter mitbrachte, die überzeugte Art, in welcher sie zu verstehen gab, daß sie und alle die Ihrigen, der ganze französische Adel glaube und sich begeistern würde, überraschte ihn lebhaft, verlieh diesem bloßen Traum eine greifbare Form, erweiterte sein Entwicklungs-Gebiet ins Unendliche. Es war denn richtig, daß es da einen Hebel gab, dessen Anwendung ihm gestatten würde, die Welt in Bewegung zu setzen! Mit seinem so raschen Anpassungsvermögen erfaßte er sofort die Lage, sprach ebenfalls in geheimnißvollen Ausdrücken von dem schließlichen Triumph, den er stillschweigend verfolgen wollte. Und seine Sprache war vom Eifer durchdrungen; er war wirklich vom Glauben ergriffen, von dem Glauben an die Vortrefflichkeit des Aktionsmittels, welches die vom Papstthum überstandene Krise ihm an die Hand gegeben hatte. Er hatte die glückliche Fähigkeit zu glauben, sobald das Interesse seiner Pläne dies erheischte.

– Kurz, mein Herr, fuhr die Gräfin fort, ich bin zu einer Sache entschlossen, die mir bisher widerstrebt hat. Jawohl, der Gedanke, das Geld in Thätigkeit zu setzen, es auf Interessen anzulegen, ist mir niemals in den Sinn gekommen; ich weiß wohl, es waren veraltete Begriffe vom Leben, Bedenken, die heute ein wenig albern scheinen. Aber was wollen Sie? Man handelt nicht leicht gegen die Ueberzeugungen, die man mit der Milch eingesogen und ich bildete mir ein, baß die Erde allein, der Großgrundbesitz, die Leute unserer Klasse nähren müsse ... Leider ist der Großgrundbesitz ...

Sie erröthete ein wenig, denn sie war bei dem Bekenntniß ihres Ruins angelangt, welchen sie bisher so sorgfältig verborgen gehalten hatte.

– Der Großgrundbesitz existirt nicht mehr ... Wir sind hart geprüft worden. Es ist uns eine einzige Farm geblieben.

Um ihr jede Verlegenheit zu ersparen, erging sich Saccard in Uebertreibungen.

– Aber, Madame, Niemand lebt heutzutage vom Ertrag des Bodens. Der ehemalige Grundbesitz ist eine schwankende, unsichere Form des Reichthums, welche ihre Existenzberechtigung verloren hat. Sie war die Stagnation des Geldes, dessen Werth wir verzehnfacht haben, indem wir es in Umlauf brachten durch die Banknote und durch alle Arten von kommerziellen und finanziellen Papieren. So wird die Welt erneuert werden, denn nichts war möglich ohne das Geld, ohne das flüssige Geld, das überall eindringt, weder die Anwendung der Wissenschaft, noch der schließliche, allgemeine Friede ... Ach, der Grundbesitz! er ist verurtheilt, wie die alten Postkarren. Mit einer Million an Grundbesitz kann man Hungers sterben; der vierte Theil dieses Kapitals genügt zur Sicherung der Existenz, wenn das Geld in guten Geschäften angelegt ist, die fünfzehn, zwanzig, selbst dreißig Prozent tragen.

Mit ihrer unendlichen Traurigkeit schüttelte die Gräfin sanft den Kopf.

– Ich verstehe Sie nicht und ich sagte es Ihnen ja, ich bin aus einer Zeit, in welcher diese Dinge erschreckten, wie böse, verbotene Sachen ... Aber, ich bin nicht allein; ich muß hauptsächlich an meine Tochter denken. Seit einigen Jahren habe ich ... eine kleine Summe zurückgelegt.

Sie erröthete wieder.

– Zwanzigtausend Francs, die bei mir in einem Schubfache schlummern. Später würde ich mir vielleicht Vorwürfe machen, sie so unproduktiv gelassen zu haben und da Ihr Werk ein gutes ist, wie meine Freundin mir vertraut hat, da Sie für das Ziel arbeiten, welches wir Alle heiß ersehnen, will ich es wagen ... Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir Aktien Ihrer Bank für einen Betrag von 10-12 000 Francs vorbehalten wollten. Ich habe gewünscht, daß meine Tochter mich begleite, denn ich verhehle Ihnen nicht, daß dieses Geld ihr gehört.

Bisher hatte Alice den Mund nicht geöffnet; mit gleichgiltiger Miene, wenn auch mit klugem Blick hatte sie da gesessen. Jetzt machte sie eine Geberde zärtlichen Vorwurfes. – Ach, mir? Mama! Besitze ich etwas, was nicht zugleich Dein wäre?

– Und Deine Heirath, mein Kind?

– Du weißt ja wohl, daß ich nicht heirathen will.

Sie hatte dies zu hastig gesagt; der Kummer ob ihrer Einsamkeit schrie aus ihrer schwächlichen Stimme. Mit einem bekümmerten Blick gebot die Mutter ihr Schweigen und Beide sahen sich einen Augenblick an, weil sie in dem täglich getheilten geheimen Leid einander nicht belügen konnten.

Saccard war sehr gerührt.

– Madame, wenn keine Aktien mehr da wären, würde ich welche für Sie auftreiben. Wenn nöthig, werde ich von den meinigen nehmen ... Ihr Schritt rührt mich sehr; ich fühle mich geehrt durch Ihr Vertrauen ...

Und in diesem Augenblicke glaubte er wirklich, daß er diese unglücklichen Frauen reich mache, daß er sie an dem Goldregen betheilige, welcher auf ihn und seine Umgebung niedergehen sollte.

Die Damen hatten sich erhoben und zogen sich zurück. Erst bei der Thür gestattete sich die Gräfin eine direkte Anspielung auf die große Unternehmung, von welcher man nicht sprach.

– Ich habe von meinem Sohne Ferdinand aus Rom einen trostlosen Brief erhalten, der mir die Traurigkeit kündet, welche die Nachricht von der Zurückziehung unserer Truppen dort hervorgebracht hat.

– Geduld, erklärte Saccard überzeugungsvoll; wir sind da, um Alles zu retten.

Man grüßte sich gegenseitig mit tiefen Verbeugungen und er begleitete die Damen bis auf den Flur, wobei man das Vorzimmer durchschritt, welches er leer glaubte. Allein, als er zurückkam, bemerkte er – auf einem Bänkchen sitzend – einen Mann von etwa fünfzig Jahren, groß und hager, gekleidet wie ein Arbeiter im Sonntagsstaate. Der Mann hatte ein hübsches Mädchen von etwa achtzehn Jahren, ein blasses, schmächtiges Kind, neben sich.

– Was ist's? was wollen Sie?

Das Mädchen hatte sich zuerst erhoben und der Mann, durch diesen rauhen Empfang eingeschüchtert, begann eine verworrene Erklärung zu stammeln.

– Ich hatte den Auftrag gegeben, alle Leute fortzuschicken! Warum sind Sie da? ... Sagen Sie mir wenigstens Ihren Namen.

– Ich heiße Dejoie, mein Herr, und komme mit meiner Tochter Nathalie ...

Abermals gerieth er in Verwirrung, so daß Saccard die Geduld verlor und sich anschickte ihn zur Thür zu drängen, als er endlich begriff, daß Madame Caroline den Mann kenne und ihn warten geheißen hatte.

– Ach, Sie sind von Madame Caroline empfohlen! Das hätten Sie sogleich sagen sollen. Treten Sie ein und machen Sie rasch, denn ich habe großen Hunger.

In seinem Kabinet ließ er Dejoie und Nathalie vor sich stehen, nahm auch selbst nicht Platz, um die Beiden so schnell als möglich abzufertigen. Maxime, der nach dem Abgang der Gräfin aus dem Lehnsessel aufgestanden war, übte jetzt nicht mehr die Diskretion beiseite zu treten, sondern betrachtete mit neugieriger Miene die neu Angekommenen. Und nun erzählte Dejoie weitschweifig seine Angelegenheit.

– Die Sache ist die, mein Herr ... Ich habe meinen Abschied vom Militär genommen und bin als Bureau-Diener bei Herrn Durieu eingetreten, bei dem Gatten der Madame Caroline, als er noch lebte und Bierbrauer war. Dann bin ich bei Herrn Lamberthier, dem Hallenfaktor, eingetreten. Dann bin ich bei Herrn Blaisot eingetreten, einem Bankier, den Sie sehr wohl kennen. Er hat sich – jetzt vor zwei Monaten – eine Kugel vor den Kopf geschossen und seither bin ich ohne Platz ... Ich muß Ihnen vor Allem sagen, daß ich geheirathet habe. Ja, ich habe mein Weib Josephine geehelicht, eben als ich bei Herrn Durieu diente und Josephine Köchin bei der Schwester meines Herrn war, bei Madame Lévêque, welche Madame Caroline sehr wohl kannte. Als ich bei Herrn Lamberthier war, konnte sie daselbst nicht eintreten und sie nahm Dienst bei einem Arzte in Grenelle, bei Herrn Renaudin. Dann erhielt sie einen Platz im Geschäftshause der Trois-Frères in der Rue Rambuteau, wo ich keine Stelle bekommen konnte. Das ist ein Pech! ...

– Kurz, unterbrach ihn Saccard, Sie wollen bei mir eine Anstellung, nicht wahr?

Allein Dejoie beharrte dabei, den Kummer seines Lebens zu erklären und welches Unglück es sei, daß er eine Köchin geheirathet habe und es ihm nicht gelingen will, in denselben Häusern Anstellung zu finden, wo sie auch dient. Es war ja rein so, als wären sie gar nicht verheirathet; sie hatten niemals ein Zimmer für sich, trafen sich nur in den Trinkstuben, umarmten sich hinter den Küchenthüren. Und dann hätten sie eine Tochter bekommen, Nathalie, die sie bis zu ihrem achten Lebensjahre bei einer Pflegeamme lassen mußten. Dann habe der Vater, seiner Einsamkeit überdrüssig, die Kleine auf seine enge Junggesellen-Kammer genommen. So war er die eigentliche Mutter Nathaliens geworden; er hat sie erzogen, zur Schule geführt, sorgfältig überwacht und immer mehr liebgewonnen.

– Ach, ich kann sagen, daß sie mir Freude gemacht hat. Sie ist wohl unterrichtet und sie ist rechtschaffen. Und wie Sie sehen, ist sie auch hübsch; sie hat nicht ihresgleichen ... In der That fand Saccard sie reizend, diese blonde Blume des Pariser Pflasters, mit ihrer schmächtigen Anmuth und den breiten Augen unter den Löckchen ihrer mattblonden Haare. Sie ließ sich von ihrem Vater anbeten und war noch tugendhaft; denn sie hatte keinerlei Interesse es nicht zu sein, war von einem grausamen und ruhigen Egoismus in dieser so durchsichtigen Klarheit ihrer Augen.

– Und nun – fuhr Dejoie fort – ist sie in dem Alter zu heirathen und es bietet sich eine hübsche Partie dar; es ist der Sohn unseres Nachbars, eines Schachtelmachers. Allein, der Junge will sich selbstständig machen und verlangt sechstausend Francs. Das ist nicht zu viel. Er könnte auf ein Mädchen mit noch mehr Geld Anspruch machen ... Ich muß Ihnen sagen, daß ich vor vier Jahren mein Weib verloren habe. Sie hat uns ihre Ersparnisse zurückgelassen – was sie so in der Küche abgezwackt hat, Sie verstehen mich? – und so besitze ich viertausend Francs. Aber das sind noch nicht sechs tausend; und der junge Mann drängt und Nathalie ebenfalls ...

Das Mädchen, das lächelnd, mit seinem so klaren, kühlen, entschlossenen Blick zugehört hatte, nickte jetzt zustimmend mit dem Kinn.

– Ja, gewiß; das Warten ist mir langweilig und ich möchte ein Ende machen, so oder so ...

Saccard unterbrach sie abermals. Er hatte diesen Mann als einen beschränkten, aber sehr rechtschaffenen, guten, militärisch disciplinirten Menschen beurtheilt. Dann genügte es ja, daß er im Namen der Madame Caroline sich vorstellte.

– Es ist gut, mein Freund. Ich werde eine Zeitung haben und nehme Sie als Bureaudiener. Lassen Sie mir Ihre Adresse da und leben Sie wohl!

Allein Dejoie ging nicht. Er fuhr mit verlegener Miene fort:

– Der gnädige Herr ist sehr gütig, ich nehme den Platz dankbar an, denn ich werde ja arbeiten müssen, wenn ich Nathalie verheirathet habe ... Aber ich bin einer anderen Sache wegen gekommen. Ja, ich habe durch Madame Caroline und andere Personen erfahren, daß der gnädige Herr im Begriffe ist, große Geschäfte zu unternehmen und daß er in der Lage sein wird, seinen Freunden und Bekannten große Gewinnste zukommen zu lassen ... Wenn der gnädige Herr sich für uns interessiren und uns Aktien geben wollte ...

Saccard war abermals gerührt, mehr als vorhin, als die Gräfin ihm die Mitgift ihrer Tochter anvertraute. Dieser schlichte Mann, dieser ganz kleine Capitalist, der seine Ersparnisse Sou für Sou zusammengelegt hatte: war er nicht der Typus der gläubigen, vertrauensseligen Menge, der großen Menge, welche die zahlreiche und solide Kundschaft ausmacht, die fanatisirte Armee, welche einem Kredithause eine unüberwindliche Macht verleiht? Wenn dieser wackere Mann in solcher Weise herbeieilte, bevor die Sache noch in der Oeffentlichkeit bekannt war, was wird erst geschehen, wenn die Kassenschalter geöffnet sein werden? Gerührt lächelte er diesem ersten kleinen Aktionär zu. Er sah hier das Vorzeichen eines großen Erfolges vor sich.

– Einverstanden, mein Freund, Sie sollen Aktien bekommen.

Das Antlitz Dejoie's strahlte, als wäre ihm eine unverhoffte Gnade angekündigt worden.

– Gnädiger Herr, Sie sind zu gütig. Nicht wahr, in 6 Monaten werde ich mit meinen 4000 Francs weitere 2000 Francs gewonnen haben und die für meine Tochter nothwendige Mitgift ergänzen können? Und da der gnädige Herr einwilligt, will ich die Sache lieber gleich abmachen, ich habe das Geld mitgebracht.

Er suchte in seinen Taschen, zog einen Briefumschlag hervor und reichte ihn Saccard hin, der unbeweglich, still und von Bewunderung erfüllt angesichts dieses letzten Zuges dastand. Und der furchtbare Seeräuber, der schon so viel Vermögen eingesackt hatte, brach in ein gutmüthiges Gelächter aus und war ehrlich entschlossen, diesen gläubigen Menschen reich zu machen.

– Aber, mein Wackerer, das macht man nicht so. Behalten Sie Ihr Geld, ich werde Sie auf die Liste setzen und Sie werden zu seiner Zeit und an seinem Orte bezahlen.

Diesesmal verabschiedete er sie, nachdem Dejoie seine Tochter dem gnädigen Herrn danken geheißen, was sie mit einem zufriedenen Lächeln that, welches ihre harten, keuschen Augen erhellte.

Als Maxime mit seinem Vater endlich allein war, sagte er mit seiner Miene spöttischer Unverschämtheit:

– Jetzt stattest Du gar junge Mädchen aus!

– Warum nicht? erwiderte Saccard heiter. Das Glück der Anderen ist eine gute Kapitals-Anlage.

Bevor er sein Kabinet verließ, ordnete er einige Papiere; dann sagte er plötzlich zu seinem Sohne gewendet:

– Und Du willst keine Aktien?

Maxime, der mit kurzen Schritten im Zimmer auf- und abging, wandte sich hastig um und stellte sich vor seinen Vater hin.

– Nein, wahrhaftig! Hältst Du mich für einen Tölpel? Saccard macht eine zornige Geberde; er fand die Antwort respektwidrig und unsinnig und war bereit ihm ins Gesicht zu schreien, daß das Geschäfts-Unternehmen wirklich vorzüglich sei und daß er ihn wirklich zu einfältig beurtheile, wenn er ihn für einen einfachen Dieb hält wie die Anderen. Allein, als er ihn anschaute, fühlte er Mitleid für seinen armen Sohn, der erschöpft war mit fünfundzwanzig Jahren, in geordneten Verhältnissen, fast geizig lebte, gealtert in Folge seiner Laster, so besorgt um seine Gesundheit, daß er keine Ausgabe und keinen Genuß wagte, ohne vorher die Vortheile zu berechnen. Und völlig getröstet, völlig stolz auf das leidenschaftliche Ungestüm seiner fünfzig Jahre begann er von Neuem zu lachen und sagte, seinem Sohne auf die Schulter klopfend:

– Komm frühstücken, mein armer Junge und pflege Deinen Rheumatismus!

Am zweitnächsten Tage – es war der 5. Oktober – begab sich Saccard, in Gesellschaft von Hamelin und Daigremont, zum Notar Dr. Lelorrain, in der Rue Sainte-Anne. Es wurde ein Akt aufgenommen, laut welchem unter dem Namen » Universalbank« eine Aktiengesellschaft gebildet wurde, mit einem Kapital von fünfundzwanzig Millionen, eingetheilt in 50 000 Aktien zu 500 Francs, von welchen ein Viertel einzuzahlen war. Der Sitz der Gesellschaft war das Hôtel Orviedo in der Rue Saint-Lazare. Ein Exemplar der Statuten, im Sinn des Gesellschafts-Aktes verfaßt, wurde in der Kanzlei des Dr. Lelorrain hinterlegt. Es war ein heller, sonniger Herbsttag und als die Herren das Notariat verließen, zündeten sie ihre Zigarren an und spazierten den Boulevard und die Chaussée-d'Antin hinauf, ihres Lebens sich freuend wie Schüler, die einen Ferialtag genossen.

Die konstituirende Generalversammlung fand erst in der nächsten Woche statt. Schauplatz derselben war ein kleiner Saal in der Rue Blanche, der früher als Tanzsaal gedient hatte, während jetzt Gemälde-Ausstellungen daselbst veranstaltet wurden. Die Syndikats-Mitglieder hatten jene ihrer Aktien, die sie nicht behalten wollten, bereits placirt und es erschienen zweiundzwanzig Aktionäre, welche nahezu vierzigtausend Aktien repräsentirten. Nachdem der Besitz von zwanzig Aktien eine Stimme verlieh, waren dies zweitausend Stimmen. Nachdem aber ein Aktionär mehr als zehn Stimmen auf sich nicht vereinigen konnte, betrug die genaue Stimmenzahl 1643.

Saccard bestand darauf, daß Hamelin den Vorsitz führe. Er selbst hatte sich unter die Menge gemischt. Er hatte für den Ingenieur und für sich selbst je 500 Aktien unterschrieben, welche durch einen Austausch von schriftlichen Erklärungen bezahlt werden sollten. Sämmtliche Syndikats-Mitglieder waren da: Daigremont, Huret, Sédille, Kolb, der Marquis von Bohain, Jeder mit jener Gruppe von Aktionären, welche seinen Weisungen gehorchte. Man bemerkte auch Sabatani, einen der Hauptunterzeichner, ferner Jantrou unter mehreren höheren Angestellten der Bank, die seit zwei Tagen schon ihre Thätigkeit begonnen hatten. Die zu fassenden Beschlüsse waren so genau vorhergesehen und im Voraus geregelt worden, daß noch niemals eine konstituirende Generalversammlung einen so ruhigen und einträchtigen Verlauf genommen hatte. Einstimmig wurde die Zeichnung des vollen Aktien-Kapitals anerkannt, ebenso die Einzahlung von hundertfünfundzwanzig Francs per Aktie. Dann wurde in feierlicher Weise die Gesellschaft für konstituirt erklärt. Der Verwaltungsrath wurde sogleich gewählt: er sollte aus zwanzig Mitgliedern bestehen, welche – laut einem Artikel der Statuten – nebst ihren Präsenzmarken, deren jährliches Entgelt mit fünfzigtausend Francs festgesetzt wurde, zehn Prozent des Gewinns empfangen sollten. Dies war nicht zu verachten und darum hatte jedes Syndikats-Mitglied verlangt, in den Verwaltungsrath gewählt zu werden. Daigremont, Huret, Sédille, Kolb, der Marquis von Bohain und Hamelin – welch' Letzterer zum Präsidenten ausersehen war – standen natürlich auf der Liste obenan, während vierzehn Herren von minderer Bedeutung folgten, aus der Reihe jener Aktionäre ausgewählt, mit welchen man am meisten Staat machen konnte und welche sich am fügsamsten erwiesen. Als der Augenblick gekommen war, wo ein Direktor gewählt werden sollte und Hamelin für diese Stelle Herrn Saccard vorschlug, erschien dieser endlich, nachdem er sich bisher im Dunkel gehalten hatte. Sein Name wurde mit einem sympathischen Gemurmel aufgenommen und er ward ebenfalls einstimmig gewählt. Es galt nur mehr, zwei Aufsichtsräthe zu wählen, welchen die Pflicht oblag, der Generalversammlung einen Bericht über die Bilanz vorzulegen und so die Rechnungen des Verwaltungsrathes zu kontrolliren: eine ebenso heikle wie überflüssige Funktion, für welche Saccard einen Herrn Rousseau und einen Herrn Lavignière in Aussicht genommen hatte. Der Erstere war dem Letzteren völlig ergeben; dieser war ein großer, blonder, sehr höflicher Mann, der zu Allem Ja sagte und von der Sehnsucht verzehrt war, später in den Verwaltungsrath einzutreten, wenn man mit seinen Diensten zufrieden sein würde. Nach der Wahl der Aufsichtsräthe sollte die Sitzung geschlossen werden, als der Präsident noch für nöthig erachtete, die Prämie von zehn Prozent, welche den Syndikats-Theilnehmern zugesichert worden, zur Sprache zu bringen; es waren im Ganzen viermal-hunderttausend Francs, welche die Generalversammlung – auf seinen Vorschlag – zu Lasten des Gründungskosten-Conto bewilligte. Es war eine Kleinigkeit, die man mit in den Kauf nahm. Nun ließ man die kleinen Aktionäre mit dem Getrappel einer Heerde abziehen; die Großaktionäre gingen zuletzt und tauschten auf dem Trottoir lächelnd Händedrücke aus.

Am folgenden Tage versammelte sich der Verwaltungsrath im Hotel Orviedo, in dem früheren Salon Saccard's, welcher in einen Sitzungssaal umgewandelt worden. In der Mitte stand ein großer, mit grünem Tuch überzogener Tisch, umgeben von zwanzig Lehnsesseln, die mit ähnlichem Stoffe belegt waren. Außerdem waren nur noch zwei große Bücherschränke da, deren Glasthüren inwendig mit grünem Seidenstoff verhängt waren. Dunkelrothe Vorhänge dämpften das Licht des Saales, dessen drei Fenster auf den Garten des Hôtel Beauvilliers gingen. Es kam von da nur ein Dämmerlicht, gleichsam die friedliche Stille eines im grünen Schatten seiner Bäume schlafenden alten Klosters. Das war streng und vornehm; man trat gewissermaßen in eine Sphäre uralter Rechtschaffenheit ein.

Der Verwaltungsrath versammelte sich, um das Bureau zu bilden und man war fast vollzählig, als es vier Uhr schlug. Der Marquis de Bohain, mit seinem kleinen, blassen, aristokratischen Kopfe, war ein würdiger Vertreter des alten Frankreichs, während der geschmeidige Daigremont die hohe Finanzwelt des Kaiserreiches mit ihren riesigen Erfolgen repräsentirte. Sédille, weniger bekümmert als sonst, plauderte mit Kolb von einer unvorhergesehenen Bewegung auf dem Wiener Platze; die anderen Verwaltungsräthe rings um sie her – die »Bande« – lauschten und trachteten irgend eine Nachricht zu erhaschen, oder unterhielten sich über ihre eigenen Beschäftigungen; denn sie waren nur da, um die Zahl zu vervollständigen und an Beutetagen ihren Theil einzusacken. Wie gewöhnlich, kam Huret verspätet; er war ganz athemlos, hatte sich im letzten Augenblick aus einer Kommission der Kammer losgerissen. Er entschuldigte sich und man nahm in den Lehnsesseln, rings um den Tisch Platz.

Der Aelteste, Marquis de Bohain, nahm den Vorsitz ein; sein Lehnsessel war höher, als die anderen und reicher vergoldet. Saccard, der Direktor, saß ihm gegenüber. Und als der Marquis erklärte, daß der Präsident gewählt werden solle, erhob sich Hamelin sogleich und lehnte jede Kandidatur für seine Person ab; er glaubte zu wissen, daß Mehrere an ihn als Präsidentschafts-Kandidaten gedacht haben; aber er gebe ihnen zu bedenken, daß er am nächsten Tage nach dem Orient abreisen müsse; ferner, daß er im Rechnungsfache, im Bank- und Börsewesen absolut keine Erfahrung habe und endlich, daß er sich die Verantwortlichkeit einer solchen Stellung nicht aufladen könne. Saccard hörte ihm sehr überrascht zu; denn noch am vorhergegangenen Tage waren sie über die Sache einig gewesen. Er vermuthete da den Einfluß von Madame Caroline auf ihren Bruder, denn er wußte, daß sie am Morgen eine lange Besprechung mit einander gehabt hatten. Da er keinen anderen Präsidenten als Hamelin haben wollte, weil irgend ein unabhängiger Mensch ihm unbequem gewesen wäre, erlaubte er sich, in der Sache das Wort zu ergreifen. Er erklärte, daß die Stelle des Präsidenten ein bloßes Ehrenamt sein würde und daß es genügen würde, wenn der Präsident in den Generalversammlungen erscheinen würde, um den Anträgen des Verwaltungsrathes Nachdruck zu verleihen und die üblichen Ansprachen zu halten. Ueberdies sollte ja auch ein Vizepräsident gewählt werden, welcher die Unterschriften versehen würde. Und für alles Andere, für die rein technische Seite, für die Buchführung, die Börse, die tausend internen Einzelheiten eines großen Bankhauses war er ja da, Saccard, der Direktor, der ja eben zu diesem Zwecke gewählt worden. Laut den Statuten hatte er die Obliegenheit die Bureaux-Arbeiten zu leiten, die Einnahmen und Ausgaben zu bewerkstelligen, die laufenden Geschäfte zu führen, die Beschlüsse des Verwaltungsrathes auszuführen, mit einem Worte: die exekutive Gewalt der Gesellschaft zu sein. Diese Gründe schienen überzeugend. Nichtsdestoweniger weigerte sich Hamelin noch lange; Daigremont und Huret mußten in dringlichster Weise auf ihn einwirken. Der Marquis beobachtete unter diesen Umständen eine majestätische, völlig selbstlose Haltung. Endlich gab der Ingenieur nach; er wurde zum Präsidenten gewählt. Vizepräsident wurde ein obskurer Agronom, ein ehemaliger Staatsrath, Vicomte de Robin-Chagot, ein sanfter, geiziger Herr, eine vorzügliche Maschine für Unterschriften. Der Sekretär wurde außerhalb des Kreises des Verwaltungsrathes gewählt, aus dem Bureau-Personal der Bank; man bestellte den Chef des Emissions-Dienstes zum Sekretär. Und als es in dem großen, ernst ausgestatteten Gemach dunkel ward, ein grünlicher Abendschatten von unsagbarer Trauer sich herniedersenkte, fand man, daß man genug und gut gearbeitet habe und bestimmte, daß man monatlich zwei Sitzungen halten werde, der kleine Rath am fünfzehnten, der Vollrath am dreißigsten. Dann trennte man sich.

Saccard und Hamelin gingen zusammen in den Saal hinauf, wo die Entwürfe ausgehängt waren. Sie wurden dort von Madame Caroline erwartet. Diese sah sofort an der Verlegenheit ihres Bruders, daß derselbe wieder einmal schwach war und nachgegeben habe. Einen Augenblick war sie darob erzürnt.

– Aber das ist nicht vernünftig! rief Saccard. Bedenken Sie, daß der Präsident 30 000 Francs beziehen wird, eine Summe, welche mit der Ausbreitung unserer Geschäfte sich verdoppeln kann. Sie sind nicht reich genug, um einen solchen Vortheil von sich zu weisen ... Und was fürchten Sie denn?

– Ich fürchte Alles, erwiderte Madame Caroline. Mein Bruder wird nicht da sein und ich verstehe nichts von Geldsachen. Sie haben ihn mit fünfhundert Aktien auf die Liste gesetzt, ohne daß er sie sogleich bezahlt. Nun denn: ist das nicht regelwidrig? Wird er nicht strafbar sein, wenn die Operation einen schlimmen Gang nimmt?

Saccard lachte.

– Eine schöne Geschichte! Fünfhundert Aktien mit einer ersten Einzahlung von 62.500 Francs! Wenn er das nicht aus dem ersten Gewinn, ehe sechs Monate ins Land gehen, bezahlen könnte, dann wäre es besser, wir stürzten uns sogleich in die Seine, als daß wir das Geringste unternehmen... Nein, Sie können ruhig sein; die Spekulation verschlingt nur die Ungeschickten.

Sie blieb streng, in dem wachsenden Dunkel des Zimmers. Doch man brachte zwei Lampen und die Wände empfingen ein breites Licht, die großen Pläne, die hellen Aquarelle, welche sie so oft von jenen fremden Ländern träumen ließen. Noch war die Ebene kahl, die Berge verschlossen den Horizont; sie erinnerte sich des Elends jener alten Welt, welche über ihren Schätzen schlief und welche die Wissenschaft aus ihrer Unwissenheit und aus ihrem Schmutz erwecken sollte. Welche großen, schönen und guten Werke waren dort zu vollbringen! Allmälig zeigte ihr eine Vision neue Geschlechter; eine ganze Menschheit – stärker und glücklicher als die bisherige – sproß aus dem alten Boden hervor, welchen der Fortschritt von Neuem bearbeitete.

– Die Spekulation, die Spekulation, wiederholte sie mechanisch, vom Zweifel gepackt. Ach, sie erfüllt mein Herz mit Angst und Sorge.

Saccard, der ihren gewohnten Gedankengang sehr wohl kannte, hatte auf ihrem Antlitz diese Hoffnung auf die Zukunft verfolgt.

– Ja, die Spekulation. Warum erschrecken Sie vor diesem Worte?... Die Spekulation ist der Köder des Lebens, die ewige Begierde, die uns zwingt zu kämpfen und zu leben... Wenn ich einen Vergleich wagen dürfte, würde ich Sie überzeugen...

Und er lachte wieder, von einem Zartheits-Skrupel angewandelt. Dann wagte er den Vergleich, denn er gefiel sich vor Damen in einer brutalen Art.

– Glauben Sie, daß ... wie soll ich es nur sagen? ... daß man ohne Wollust viele Kinder machen würde? Hundert Kinder werden verfehlt, bis es gelingt, eines zu machen. Durch die Ausschreitung erlangt man das Nothwendige, nicht wahr?

– Gewiß, erwiderte sie verlegen.

– Nun denn, liebe Freundin, ohne Spekulation würde man keine Geschäfte machen. Warum sollte ich mein Geld in Bewegung setzen, mein Vermögen riskiren, wenn mir nicht ein außerordentlicher Genuß verheißen wird, ein plötzlicher Glücksfall, der mir den Himmel öffnet? ... Mit dem legitimen und mittelmäßigen Lohn der Arbeit, mit dem klugen Gleichgewichte der alltäglichen Transaktionen ist das Leben eine trostlose Wüste, ein Sumpf, in welchem alle Kräfte schlummern; lassen Sie hingegen in Ihrem Ungestüm einen Traum am Horizont auflodern; versprechen Sie, daß man mit einem Sou hundert gewinnen kann; fordern Sie die Schläfer auf, sich an die Spitze der Jagd nach den Millionen zu setzen, wo inmitten des furchtbarsten Gemetzels in zwei Stunden Millionen zu gewinnen sind: und das Rennen wird beginnen, die Kräfte werden sich verzehnfachen, das Gedränge wird ein solches werden, daß es den Leuten, obgleich sie zu ihrem bloßen Vergnügen schwitzen, manchmal dennoch gelingt Kinder zu machen, ich will sagen lebendige, schöne und große Dinge zu machen. Gewiß, es gibt viele unnütze Unfläthigkeiten; aber diese müssen sein, sonst würde die Welt untergehen.

Madame Caroline lachte schließlich auch, denn sie kannte keine falsche Scham.

– Sie kommen demnach zu dem Schlusse, daß man sich darein fügen muß, weil dies so im Plan der Natur liegt. Sie haben Recht: das Leben ist nicht sauber.

Und sie schöpfte ordentlich Muth aus dem Gedanken, daß jeder Schritt vorwärts durch Blut und Koth führte. Man mußte nur wollen. Ihre Blicke verließen nicht die auf den Wänden aufgehängten Pläne und Zeichnungen und die Zukunft entrollte sich vor ihr, Häfen, Kanäle, Straßen, Eisenbahnen, Landschaften mit riesig großen, fabriksmäßig betriebenen Farmen, neue, gesunde, intelligente Städte, wo man sehr weise lebte und dabei sehr alt wurde.

– Ich sehe schon, daß ich nachgeben muß wie immer, hub sie in heiterem Tone wieder an. Trachten wir ein wenig Gutes zu thun, damit uns vergeben werde.

Ihr Bruder, der still geblieben, näherte sich jetzt und küßte sie. Sie drohte ihm mit dem Finger.

– Oh, Du bist ein Schlaumeier, Dich kenne ich... Morgen, wenn Du uns verlassen haben wirst, wirst Du Dich nicht mehr darum kümmern, was hier vorgeht. Und hast Du Dich erst dort in Deine Arbeiten versenkt, dann wird Alles gut gehen, Du wirst von Triumphen träumen, während hier vielleicht das Geschäft unter unseren Füßen krachen wird.

– Aber, rief Saccard galant, es ist doch abgemacht, daß er Sie bei mir zurückläßt, wie einen Gensdarm, um mich am Kragen zu fassen, wenn ich mich schlecht aufführe.

Alle drei lachten hell auf.

– Und Sie können darauf zählen, daß ich Sie am Kragen fasse... Erinnern Sie sich, was Sie uns versprochen haben, zuerst uns, dann den Anderen, zum Beispiel meinem wackern Dejoie, den ich Ihnen sehr empfehle... Ach, und auch unseren Nachbarinnen haben Sie es versprochen, diesen Gräfinnen von Beauvilliers, die ich heute gesehen habe, wie sie die Reinigung einiger Wäschestücke durch ihre Köchin überwachten, ohne Zweifel um die Rechnung der Wäscherin zu verringern.

Sie plauderten noch eine Weile sehr freundschaftlich und die Abreise Hamelin's wurde endgiltig geregelt.

Als Saccard in sein Kabinet hinabging, sagte ihm sein Diener, daß eine Frau da sei, die darauf bestanden habe zu warten, obgleich er ihr gesagt hatte, daß eine Sitzung stattfinde und daß der gnädige Herr sie nicht empfangen könne. Saccard erzürnte sich zuerst, weil er sich ermüdet fühlte; er gab den Befehl sie fortzuschicken; dann überlegte er, daß er es dem Erfolge schuldig sei sich zu opfern und daß ihm sonst das Glück abhold werden könnte. Dies änderte seinen Sinn. Die Fluth der Bittsteller nahm ja mit jedem Tage zu und er berauschte sich inmitten dieser Menge.

Eine einzige Lampe beleuchtete das Kabinet; er sah die Besucherin nur undeutlich.

– Herr Busch sendet mich, mein Herr ...

In seinem Zorn blieb er stehen und er bot auch ihr keinen Sitz an. An dieser dünnen Stimme, die aus einem so dicken Körper kam, erkannte er Madame Méchain. Eine schöne Aktionärin, dieses Weib, das die Aktien nach dem Pfund kaufte!

Sie erklärte ihm ganz ruhig, Herr Busch habe sie gesendet, um Erkundigungen über die Emission der Universalbank einzuholen. Ob noch Aktien verfügbar seien? Ob man hoffen dürfe, solche mit der Syndikats-Prämie zu bekommen? Aber dies war sicherlich nur ein Vorwand, um sich hier Eingang zu verschaffen, das Haus zu sehen, auszukundschaften, was er – Saccard – machte und ihm selbst an den Puls zu fühlen; denn ihre kleinen Aeuglein, die wie Bohrlöcher in ihrem fetten Gesichte saßen, spähten überall herum und kehrten immer wieder zu ihm zurück, als wollten sie ihm auf den Grund der Seele schauen. Busch hatte lange Zeit gewartet und das famose Geschäft mit dem verlassenen Kinde erwogen; dann hatte er sich entschlossen zu handeln und er sandte die Méchain als Kundschafterin.

– Es ist nichts mehr da, antwortete Saccard brutal.

Sie fühlte, daß sie von ihm nicht mehr erfahren würde und daß es unklug wäre, jetzt etwas zu unternehmen. Sie wartete denn auch nicht, bis er sie hinauswarf, sondern wandte sich zur Thür.

– Warum verlangen Sie nicht Aktien für sich selbst? fragte er, um verletzend zu sein.

Mit ihrer zischelnden, spitzigen Stimme, mit der sie sich über die Leute lustig zu machen schien, antwortete sie:

– Ach, das sind nicht meine Geschäfte ... Ich warte.

Und als er in diesem Augenblicke die große Ledertasche erblickte, die sie nie verließ, erbebte er. Sollte an einem Tage, wo Alles nach Wunsch gegangen, wo er endlich so glücklich war, das so heiß ersehnte Bankhaus geboren zu sehen, – sollte an jenem Tage diese alte Gaunerin die böse Fee sein, welche die Prinzessinnen in der Wiege verzaubert? Er hatte das Gefühl, daß die Ledertasche, die sie durch die Bureaux seiner Bank geschleppt, voll sei mit entwertheten Papieren, mit deklassirten Titres; er glaubte zu verstehen, daß sie ihm drohte so lange zu warten, als nothwendig sein würde, um nach dem Zusammenbruch seiner Bank auch seine Aktien darin zu vergraben. Es war das Gekrächze des Raben, der mit der Armee zugleich aufbricht, ihr folgt bis zum Abend des Gemetzels, sie umschwebt und dann niederfährt, weil er weiß, daß es Leichen zu verzehren geben werde.

– Auf Wiedersehen, mein Herr, sagte die Méchain, indem sie sich athemlos und sehr höflich zurückzog.

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