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Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 4
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typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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III.

Der Brief des Konstantinopler russischen Bankiers, welchen Sigismund übersetzt hatte, war eine günstige Antwort, ans welche Saccard gewartet hatte, um in Paris das Werk in Angriff zu nehmen.

Und Saccard hatte, als er am zweitnächsten Tage erwachte, die Eingebung, daß er noch an demselben Tage handeln mußte, daß er noch vor Anbruch der Nacht das Syndikat gebildet haben mußte, dessen er sich versichern wollte, um die 50 000 Stück Aktien zu 500 Francs seiner mit einem Aktienkapital von fünfundzwanzig Millionen zu gründenden Aktiengesellschaft im Voraus unterzubringen.

Als er vom Bette stieg, fand er endlich den Titel dieser Gesellschaft, die so lang gesuchte Firma. Das Wort » Universalbank« war plötzlich vor ihm aufgelodert, gleichsam in feurigen Buchstaben in diesem noch dunklen Zimmer.

– Die Universalbank! wiederholte er immerfort, während er sich ankleidete. Die Universalbank: das ist einfach, das ist groß, das umfaßt Alles, das bedeckt die Welt ...

Ja, ja, ausgezeichnet! Die Universalbank!

Bis halb zehn Uhr ging er nachdenklich in den weiten Räumen auf und ab; er wußte noch nicht, wo er seine Jagd nach Millionen in Paris beginnen sollte. Fünfundzwanzig Millionen findet man an der Straßenecke; was ihn nachdenklich machte, war die Schwierigkeit der Wahl, denn er wollte methodisch vorgehen. Er trank eine Tasse Milch und ward nicht böse, als der Kutscher erschien, um ihm zu melden, daß das Pferd in Folge einer Erkältung krank sei und daß es besser wäre, den Thierarzt kommen zu lassen.

– Gut, gut; ich werde einen Fiaker nehmen.

Doch auf dem Trottoir angekommen, war er überrascht von dem scharfen Wind, welcher durch die Straßen wehte; es war gleichsam eine plötzliche Wiederkehr des Winters in diesem gestern noch so milden Mai. Es regnete nicht, aber dichte, gelbe Wolken zogen am Horizont herauf. Und er nahm keinen Fiaker, um sich durch das Gehen die Beine zu erwärmen. Er sagte sich, daß er zunächst zu Mazaud, dem Wechselagenten in der Rue de la Banque gehen werde. Ihm war der Einfall gekommen, Mazaud über Daigremont auszuholen, den wohlbekannten Spekulanten, den Glückspilz, der allen Syndikaten angehörte. Allein, in der Rue Vivienne brach plötzlich ein so heftiges Hagelwetter los, daß er unter ein Hausthor flüchtete.

Seit einer Weile stand Saccard da, das Unwetter betrachtend, als ein das Rauschen des Regens übertönender, heller Klang von Goldstücken ihn die Ohren spitzen ließ. Das schien aus dem Innern der Erde zu kommen, fortdauernd, leicht und wohllautend, wie in einer Erzählung aus Tausend und einer Nacht. Er blickte um sich und sah, daß er sich unter dem Einfahrtsthor des Hauses Kolb befand, eines Bankiers, der sich besonders mit Gold-Arbitrage-Geschäften befaßte. Er kaufte gemünztes Gold in den Staaten, wo es tief im Kurse stand, ließ es einschmelzen und verkaufte es in Barren nach jenen Ländern, wo es hoch im Kurse stand. Und an den Tagen, wo geschmelzt wurde, stieg vom Morgen bis zum Abend aus den Kellern der metallische Klang der Goldstücke herauf, die dort aus den Kassen genommen und mit Schaufeln in den Schmelztiegel geworfen wurden. Jahraus jahrein klang dieses Geräusch den Passanten der Straße in den Ohren. Saccard lächelte jetzt wohlgefällig zu dieser Musik, welche gleichsam die unterirdische Stimme dieses Börsenviertels war. Er erblickte darin ein glückverheißendes Vorzeichen.

Der Regen hatte aufgehört; Saccard schritt quer über den Platz und befand sich sogleich bei Mazaud. Ausnahmsweise hatte der junge Wechselagent seine Wohnung im ersten Stockwerke desselben Hauses, wo seine Bureaux im zweiten Stockwerke untergebracht waren. Nach dem Tode seines Oheims hatte er sich mit den übrigen Erben dahin geeinigt, daß er das Wechselkontor an sich brachte; und mit diesem behielt er auch die Wohnung des Verstorbenen.

Es schlug eben zehn Uhr und Saccard stieg geradenweges zu den Bureaux hinauf, vor deren Thür er Gustav Sédille traf.

– Ist Herr Mazaud da?

– Ich weiß nicht, mein Herr; ich bin soeben angekommen.

Der junge Mann sagte dies lächelnd. Er kam immer verspätet, nahm es leicht mit seinem Amte, für welches er nicht bezahlt wurde. Er hatte sich darein gefügt, ein oder zwei Jahre als Freiwilliger da zuzubringen, seinem Vater zuliebe, dem Seidenfabrikanten in der Rue des Jeûneurs.

Saccard durchschritt die Kassenabtheilung, wo der Geldkassier und der Effektenkassier ihn grüßten. Dann betrat er das Kabinet der beiden Bevollmächtigten, wo er nur Berthier traf, denjenigen der beiden, welcher den Verkehr mit den Klienten hatte und den Patron zur Börse begleitete.

– Ist Herr Mazaud da?

– Ich denke, ja; ich komme soeben aus seinem Kabinet ... Schau, er ist nicht mehr da ... Er muß in der Buchhaltung sein.

Er öffnete eine Thür und blickte in einen ziemlich großen Raum, wo fünf Beamte unter der Aufsicht eines ersten Buchhalters arbeiteten.

– Nein; das ist sonderbar! ... Schauen Sie selbst in der Liquidatur nach.

Saccard betrat das Bureau der Liquidatur. Hier war der Liquidator – die Hauptstütze des Geschäftes – damit beschäftigt, mit Hilfe von sieben Beamten das Notizheft aufzuarbeiten, welches der Wechselagent ihm täglich nach der Börse übergab. Er trug die Geschäfte den betreffenden Klienten nach den empfangenen Weisungen ein und bediente sich dabei der Schlußzettel, welche behufs Kenntniß der Namen aufbewahrt wurden; denn das Notizheft enthält keine Namen, nur eine kurze Aufzeichnung des Kaufes oder Verkaufes: dieses und dieses Papier, so und so viel, zu dem und dem Kurse, durch den und den Agenten.

– Haben Sie Herrn Mazaud gesehen? fragte Saccard.

Man gab ihm keine Antwort. Der Liquidator war hinausgegangen, drei Beamte lasen ihre Zeitung, zwei andere schauten in die Luft, während der Eintritt Gustav Sédille's eben den kleinen Flory sehr interessirte, welcher am Vormittag bei den Schreibarbeiten mitthat, Engagements austauschte, am Nachmittag hingegen mit den Telegrammen an der Börse betraut war. Zu Saintes als der Sohn eines Registratur-Beamten geboren, zuerst Handelsbeflissener bei einem Bankier in Bordeaux, dann zu Ende des letzten Herbstes bei Mazaud gelandet, hatte er da keine andere Zukunft, als die, vielleicht in zehn Jahren sein Gehalt verdoppelt zu sehen. Bisher hatte er sich gut aufgeführt, sich als ordnungsliebend und gewissenhaft erwiesen. Allein seit einem Monat, seitdem Gustav in das Kontor eingetreten, ward er unordentlich, verleitet durch seinen neuen Kameraden, der mit Geld versehen, sehr elegant, sehr vergnügungssüchtig war und ihn mit den Weibern bekannt machte. Flory war ein vollbärtiger Mann mit einer leidenschaftlichen Nase, einem liebenswürdig lächelnden Munde und zärtlichen Augen. Er machte jetzt zuweilen kleine, nicht kostspielige Abstecher mit Fräulein Chuchu, einer Figurantin vom Variétés-Theater, einer mageren Heuschrecke vom Pariser Pflaster, der durchgebrannten Tochter einer Hausmeisterin von Montmartre, sehr ergötzlich mit ihrem Gesichte von Papier maché, in welchem wunderbare, große, braune Augen leuchteten.

Gustav erzählte ihm seinen gestrigen Abend, noch ehe er seinen Hut abgelegt hatte.

– Ja, mein Lieber, ich glaubte wahrhaftig, Germaine werbe mich hinauswerfen, weil Jacoby gekommen war. Allein, sie hat es so einzurichten gewußt, daß sie ihn an die Luft setzte. Ich weiß nicht wie sie es anfing, aber – ich bin geblieben.

Beide erstickten schier vor Lachen. Es handelte sich um Germaine Coeur, ein Prachtmädel von fünfundzwanzig Jahren, ein wenig träge und weichlich mit seinem üppigen Busen, ein Mädchen, welches ein Kollege Mazaud's, der Jude Jacoby, auf den Monat aushielt. Sie hatte es stets mit den Herren von der Börse gehalten und stets auf den Monat, weil dies bequem ist für stark beschäftigte Männer, die den Kopf voll haben mit Ziffern und die Liebe bezahlen wie sie alles Andere bezahlen, ohne zu einer wahren Leidenschaft Zeit zu finden. In ihrer kleinen Wohnung in der Rue de la Michodière hatte sie nur die eine Sorge, die Begegnungen zwischen solchen Herren zu verhindern, welche einander bekannt sein konnten.

– Ich dachte, daß Sie sich für die schöne Papierhändlerin aufbewahren? fragte Flory.

Doch diese Anspielung auf Madame Conin stimmte Gustav ernst. Diese wurde respektirt: sie war eine ehrbare Frau; und wenn sie sich manchmal willfährig zeigte, so gab es kein Beispiel dafür, daß ein Mann geschwatzt hätte, so sehr blieb man auf freundschaftlichem Fuße. Gustav blieb denn auch die Antwort auf Flory's Frage schuldig und fragte seinerseits:

– Haben Sie Chuchu in den Mabille-Tanzsaal geführt?

– Meiner Treu, nein; es ist zu kostspielig. Wir sind nach Hause gegangen und haben uns Thee bereitet.

Saccard, der hinter den jungen Leuten stand, hatte diese Frauennamen gehört, die sie mit hastiger Stimme flüsterten. Er lächelte und wandte sich an Flory mit der Frage:

– Haben Sie Herrn Mazaud gesehen?

– Ja, mein Herr. Er war da, um mir einen Auftrag zu geben und ist dann wieder in seine Wohnung hinabgegangen. Ich glaube, sein kleiner Junge ist krank und man hat ihm gemeldet, daß der Arzt da sei... Sie sollten bei ihm anläuten, denn es kann geschehen, daß er ausgeht, ohne heraufzukommen.

Saccard dankte und beeilte sich eine Treppe hinabzusteigen.

Mazaud war einer der jüngsten Wechsel-Agenten, vom Schicksal reich bedacht; er hatte das Glück, von einem Onkel eines der besten Wechselagenten-Kontors zu erben, in einem Alter, wo Andere erst das Geschäft lernen. Klein von Wuchs hatte er ein angenehmes Gesicht, einen feinen, braunen Schnurrbart, durchdringende, schwarze Augen; und er bekundete eine lebhafte Thätigkeit und einen hellen Verstand. Er war unter den Maklern schon bekannt durch seine geistige und körperliche Lebhaftigkeit, welche bei diesem Metier so nothwendig ist und welche, im Verein mit einer feinen Witterung, mit einer bemerkenswerthen Scharfsichtigkeit ihn bald in die vorderste Reihe bringen mußte. Außerdem besaß er eine helle Stimme, Nachrichten aus erster Hand von den fremden Börsen, Verbindungen mit allen großen Bankiers und – wie man sagte – einen Vetter bei der Agence Havas angestellt. Seine Frau, die er aus Liebe heimgeführt, hatte ihm eine Mitgift von zwölfmalhunderttausend Francs gebracht. Sie war eine reizende Frau, die ihm schon zwei Kinder geschenkt hatte, ein Mädchen, das jetzt drei Jahre zählte und einen Knaben, der jetzt achtzehn Monate alt war.

Mazaud gab eben dem Doktor das Geleite, der ihn lachend beruhigte.

– Treten Sie ein, sagte er zu Saccard. Es ist wahr, diese kleinen Wesen beunruhigen uns sogleich; man hält sie bei dem geringsten Unwohlsein für verloren.

Und er führte ihn in den Salon. Seine Frau war noch da, das Bébé auf den Knieen haltend, während das kleine Mädchen, glücklich darüber, die Mutter wieder heiter zu sehen, sich auf die Fußzehen stellte, um Mama zu küssen. Alle drei waren blond und milchfrisch, die junge Mutter von einem ebenso zarten und keuschen Aussehen wie die Kinder. Mazaud küßte seine Frau auf die Haare.

– Du siehst, daß wir uns unsinnig ängstigten.

– Ach, Das thut nichts, mein Freund; ich bin so glücklich darüber, daß er uns beruhigt hat.

Angesichts dieses schönen Familienglückes war Saccard mit stummem Gruße stehen geblieben. Das Gemach war luxuriös möblirt und seine Traulichkeit zeigte ordentlich das glückliche Leben dieses Ehepaares, bei welchem es noch keine Uneinigkeit gegeben, Sie waren jetzt vier Jahre verheirathet und man konnte Mazaud nichts vorwerfen, als eine vorübergehende Laune für eine Sängerin von der Opéra-Comique. Er blieb ein treuer Gatte und stand überdies in dem Rufe, daß er – sein jugendliches Ungestüm zähmend – nicht allzu viel auf eigene Rechnung spielte. Diesen wohlthuenden Geruch von geschäftlichem Glück und von häuslichem Glück athmete man förmlich ein in dem stillen Frieden dieser Teppiche und dieser Vorhänge, in dem Dufte, welches ein in einer chinesischen Vase steckender großer Rosenstrauß in dem Gemach verbreitete.

Madame Mazaud, die Saccard ein wenig kannte, sagte zu diesem in heiterem Tone:

– Nicht wahr, mein Herr, es genügt zu wollen, um stets glücklich zu sein?

– Ich bin davon überzeugt, Madame, antwortete er. Auch gibt es Frauen, die so schön und so gut sind, daß das Unglück nicht wagt sie zu berühren.

Sie hatte sich strahlend von ihrem Sitze erhoben. Sie küßte ihren Gatten und verließ das Gemach, den kleinen Knaben mitnehmend und gefolgt von dem Mädchen, das sich dem Vater an den Hals gehängt hatte. Mazaud, um seine Rührung zu verbergen, wandte sich zu seinem Besucher mit einem pariserischen Witzworte:

– Wie Sie sehen, langweilt man sich hier nicht. – Dann fügte er lebhaft hinzu:

– Sie haben mir etwas zu sagen? ... Kommen Sie in das Bureau hinauf, wir werden dort bequemer plaudern können.

Oben im Kassenbureau erkannte Saccard Sabatani, welcher soeben Differenzen in Empfang nahm, und er war überrascht zu sehen, daß der Wechselagent einen herzlichen Händedruck mit seinem Klienten wechselte. Als sie im Arbeitskabinet Mazaud's saßen, erklärte er diesem sogleich die Ursache seines Besuches, indem er ihn über die Formalitäten befragte, welche nothwendig wären, um die Zulassung eines Papiers zur amtlichen Notirung zu erwirken. In flüchtiger Weise sprach er von dem Unternehmen, welches er zu gründen im Begriffe war, von der »Banque Universelle«, mit einem Kapital von 25 Millionen. Jawohl, es sollte ein Kredithaus werden mit der hauptsächlichen Bestimmung, große Unternehmungen zu patronisiren und Saccard deutete in kurzen Worten diese Unternehmungen an. Mazaud hörte ihm zu, ohne mit einer Wimper zu zucken und erklärte ihm mit vollendeter Höflichkeit die zu erfüllenden Formalitäten. Doch er ließ sich nicht täuschen und vermuthete, daß Saccard wegen einer solchen Kleinigkeit sich gewiß nicht die Mühe gegeben hätte, ihn aufzusuchen. Er lächelte denn auch unwillkürlich, als Saccard den Namen Daigremont aussprach. Gewiß, Daigremont konnte sich auf ein kolossales Vermögen stützen; man sagte zwar, daß er nicht von sehr verläßlicher Treue sei; allein wer ist treu in den Geschäften wie in der Liebe? Niemand. Uebrigens würde er, Mazaud, sich Skrupel gemacht haben, die Wahrheit über Daigremont zu sagen nach dem Bruche, der zwischen ihnen stattgefunden und von dem noch die ganze Börse sprach. Daigremont gab jetzt seine meisten Aufträge dem Jacoby, einem Juden aus Bordeaux, einem sechszigjährigen Menschen mit breitem Gesichte, dessen Stimme auf der Börse berühmt war, der aber nachgerade schwerfällig, dickwanstig wurde. Es herrschte gleichsam eine Nebenbuhlerschaft zwischen den beiden Agenten; dem Jungen, der vom Glücke begünstigter war, und dem Alten, der, nachdem er lange Zeit Bevollmächtigter auf der Börse gewesen, endlich selbstständig geworden, weil seine Klientel ihm gestattete, das Maklergeschäft seines Patrons käuflich an sich zu bringen; er war von einer außerordentlichen Findigkeit und Verschlagenheit, aber unglücklicherweise mit der Spielleidenschaft behaftet, so daß er trotz seiner beträchtlichen Gewinnste täglich vor einer Katastrophe stand. Alles ging wieder in Liquidation auf. Germaine Coeur kostete ihm nur einige Tausendfrancs-Billets; seine Frau war niemals zu sehen.

– Kurz, in der berühmten Affaire von Caracas, – schloß Mazaud, indem er trotz seiner sehr korrekten Haltung seinem Groll nachgab – in der Affaire von Caracas hat Daigremont sicherlich betrogen, um den Gewinn einzustreichen. Er ist ein sehr gefährlicher Mensch.

Dann, nach kurzem Stillschweigen, fügte er hinzu:

– Warum haben Sie sich nicht an Gundermann gewendet?

– Niemals! rief Saccard, von der Leidenschaft übermannt.

In diesem Augenblicke trat Berthier, der Bevollmächtigte, ein und flüsterte dem Agenten einige Worte in's Ohr. Die Baronin Sandorff sei da, um ihre Differenzen zu bezahlen und werfe allerlei Chicanen auf, um ihre Rechnung herabzudrücken. Gewöhnlich beeilte sich Mazaud selbst, die Baronin zu empfangen; aber wenn sie verloren hatte, ging er ihr aus dem Wege, wie der Pest, weil er einen gar zu heftigen Angriff auf seine Galanterie zu befürchten hatte. Es gibt keine schlimmeren Klienten, als die Frauen; wenn es gilt, zu zahlen, muß man sich des Schlimmsten von ihrer Seite versehen.

– Nein, sagen Sie ihr, ich sei nicht zu Hause und lassen Sie nicht einen Centime nach, verstehen Sie?

Als Berthier draußen war und Mazaud merkte, daß Saccard zugehört hatte, fügte er hinzu:

– Es ist wahr, mein Lieber, sie ist ja sehr hübsch, aber Sie haben keinen Begriff von ihrer Habsucht. Ach, die Klienten, wie sehr würden sie uns lieben, wenn sie immer gewännen! Und je reicher, je vornehmer sie sind, desto mehr mißtraue ich ihnen, desto mehr zittere ich, mein Geld bei ihnen zu verlieren. Ja, an gewissen Tagen möchte ich – von einigen großen Häusern abgesehen – es vorziehen, blos eine Provinz-Klientel zu haben.

Jetzt ging die Thür auf, ein Beamter überreichte Mazaud ein Schriftenbündel, welches dieser am Morgen verlangt hatte, und ging wieder hinaus.

– Schauen Sie, das trifft sich gut. Das ist ein Renteneinnehmer in Vendôme, ein Herr Fayeux. Sie haben keine Vorstellung von der Menge von Aufträgen, welche ich von diesem Geschäftsfreund erhalte. Allerdings sind diese Aufträge nicht bedeutend, sie kommen zumeist von kleinen Bürgern, von kleinen Geschäftsleuten und Farmern. Aber die Masse macht es aus. In Wirklichkeit sind es die bescheidenen Spieler, die große anonyme Menge, welche den besten Theil unseres Geschäftes liefert.

Vermöge einer Ideenverbindung erinnerte sich Saccard des Sabatani, den er am Kassenschalter gesehen.

– Sie haben jetzt Sabatani in Ihren Diensten? fragte er.

– Ich glaube, seit einem Jahre, antwortete der Agent mit liebenswürdiger Gleichgiltigkeit. Er ist ein geschickter Junge, nicht wahr? Er hat klein angefangen, ist aber sehr klug und wird seinen Weg machen.

Was er nicht sagte und wessen er sich nicht mehr erinnerte, das war, daß Sabatani bei ihm blos eine Deckung von 2000 Francs erlegt hatte. Dies erklärte auch das mäßige Spiel ihrer ersten Verbindung. Ohne Zweifel erwartete der Levantiner, wie so viele Andere, daß die Bescheidenheit seines Garantiefonds vergessen worden und er legte Proben seiner Klugheit ab. Er vergrößerte nur stufenweise die Bedeutung seiner Aufträge, indem er des Tages harrte, an welchem er in irgend einer großen Liquidation zu Falle kommend verschwinden würde. Wie sollte man sich mißtrauisch erweisen einem liebenswürdigen Jungen gegenüber, dessen Freund man gewesen? Wie sollte man an seiner Zahlungsfähigkeit zweifeln, wenn man ihn so wohlgemuth, anscheinend reich sieht, mit jener eleganten Haltung, welche an der Börse unentbehrlich ist, gleichsam die Uniform des Diebstahls?

– Sehr artig, sehr klug, wiederholte Saccard, der den plötzlichen Entschluß faßte, sich Sabatani's zu erinnern an dem Tage, wo er eines verschwiegenen und skrupellosen Burschen bedürfen würde.

Dann erhob er sich, um sich zu verabschieden.

– Nun leben Sie wohl! Wenn unsere Titres fertiggestellt sind, werde ich Sie wieder aufsuchen, bevor ich mich bemühe, dieselben cotiren zu lassen.

Auf der Schwelle sagte Mazaud, indem er ihm zum Abschied die Hand reichte, noch einmal:

– Sie thun unrecht, wenn Sie Gundermann nicht aufsuchen, um ihn für Ihr Syndikat zu gewinnen.

– Niemals! rief Saccard nochmals mit wüthender Miene.

Während er ging, bemerkte er am Kassenschalter Moser und Pillerault; der Erstere sackte mit bekümmerter Miene seinen Gewinn der letzten zwei Wochen ein, 7–8000 Francs, während der Andere, der verloren hatte, eine Summe von ungefähr 10 000 Francs bezahlte mit einer kriegerischen und stolzen Haltung und mit geräuschvoller Stimme, als hätte er einen Sieg errungen. Es nahte die Stunde des Frühstücks und der Börse; das Comptoir leerte sich nach und nach. Als die Thür des Liquidations-Bureaus geöffnet wurde, vernahm man aus demselben ein helles Gelächter, verursacht durch die Erzählung Gustavs von einer Kahnpartie, bei welcher die am Steuerruder sitzende Dame in die Seine gefallen war und hiebei ihre gesammte Kleidung, selbst die Strümpfe verlor.

Auf der Straße angekommen, sah Saccard auf die Uhr; es war 11 Uhr. Wie viel Zeit hatte er verloren! Nun, er wird nicht zu Daigremont gehen und obgleich der bloße Name Gundermann ihn in Zorn versetzte, entschloß er sich plötzlich hinaufzugehen und demselben einen Besuch zu machen. Uebrigens hatte er ihn ja bei Champeaux angekündigt, indem er von seiner großen Unternehmung sprach, um sein boshaftes Lächeln ihm an die Lippen zu nageln. Zu seiner eigenen Entschuldigung sagte er sich, daß er von ihm nichts haben wollte, daß er nur ihm Trotz zu bieten, über ihn zu triumphiren strebte, weil Gundermann sich den Anschein gab, als behandelte er ihn wie einen unreifen Jungen. Da mittlerweile das Regenwetter sich erneuert hatte, sprang er in einen Fiaker und rief dem Kutscher die Adresse zu: Rue de Provence.

Gundermann bewohnte da einen riesigen Palast, gerade groß genug für seine unzählbare Familie. Er hatte fünf Töchter und vier Söhne, von diesen waren drei Töchter und drei Söhne verheirathet und hatten ihm vierzehn Enkel geschenkt. Wenn die ganze Familie an der Abendtafel versammelt war, zählte sie, ihn und seine Frau mitinbegriffen, 31 Personen. Mit Ausnahme von zwei Schwiegersöhnen, die nicht im Hause wohnten, hatten alle Anderen hier ihre Gemächer im rechten und linken Flügel des Palastes, die auf den Garten gingen, während der Mittelbau die weitläufigen Bureaux des Bankhauses aufnahm. In nicht ganz hundert Jahren war in dieser Familie durch Sparsamkeit und durch das glückliche Zusammentreffen der Ereignisse das ungeheure Vermögen von einer Milliarde erworben worden. Es war dies gleichsam die Bestimmung dieser Familie, unterstützt von einer lebhaften Intelligenz, von unermüdlicher Arbeit, von klugen, unbeugsamen Anstrengungen, welche unablässig einem bestimmten und demselben Ziele zustrebten. Jetzt strömten alle Goldflüsse diesem Meere zu, die Millionen verloren sich in diesen Millionen, es war eine Anhäufung des öffentlichen Reichthums in diesem immer mehr und mehr anwachsenden Reichthum eines Einzelnen. Und Gundermann war der wahre Gebieter, der allmächtige König, den Paris und die Welt fürchteten und dem sie gehorchten.

Während Saccard die breite steinerne Treppe emporstieg, deren Stufen durch das ewige Auf- und Niederwandern der Menge ganz abgenützt waren, mehr abgenützt, als die der alten Kirchen, fühlte er gegen diesen Menschen eine Empörung unauslöschlichen Hasses. Ha, der Jude! Er fühlte gegen den Juden den alten Groll gegen die Race, wie man ihn hauptsächlich in Südfrankreich antrifft und es war gleichsam eine Empörung seines Fleisches, ein Widerstreben der Haut, welches bei dem bloßen Gedanken an die geringste Berührung ihn mit Ekel und Wuth erfüllte, mit einer Wuth, die ihn um die Besinnung brachte und die er nicht zu meistern vermochte. Das Seltsame war, daß er, Saccard, dieser furchtbare Geschäftsmensch, dieser Henker des Geldes mit den verdächtigen Händen, das Bewußtsein seiner selbst verlor, sobald es sich um einen Juden handelte, und von demselben mit einer Erbitterung, mit der rachsüchtigen Entrüstung eines redlichen Mannes sprach, welcher von seiner Hände Arbeit lebt, frei von jedem wucherischen Geschäft. Und er richtete seine Anklage gegen die Race, gegen diese verfluchte Race, die kein Vaterland, keinen Fürsten mehr hat, die als Parasit bei den Nationen lebt, die so thut, als ob sie die Gesetze anerkennen würbe, aber in Wirklichkeit blos ihrem Gott des Diebstahles, des Blutes und des Zornes gehorcht und er stellte sie als eine Race hin, die überall jene Mission grausamer Eroberung erfüllt, welche dieser Gott ihr übertrug, die sich bei jedem Volke niederläßt, wie die Spinne inmitten ihres Gewebes, um auf ihre Beute zu lauern, um Allen das Blut auszusaugen, sich mit dem Leben der Anderen zu mästen. Hat man jemals einen Juden gesehen, der mit seinen zehn Fingern arbeitet? Giebt es jüdische Bauern, jüdische Arbeiter? Nein, die Arbeit entehrt, ihre Religion verbietet sie fast und gestattet nur die Ausbeutung der Arbeit eines Anderen. Ha, die Schurken! Saccard schien von einer Wuth ergriffen, die umso größer war, als er sie bewunderte, ihnen ihre großen finanziellen Fähigkeiten neidete, diese angeborene Wissenschaft der Ziffern, diese natürliche Leichtigkeit in den verwickeltesten Operationen, diese Witterung und dieses Glück, das ihnen in allen ihren Unternehmungen den Erfolg sichert. Bei diesem Diebesspiel, pflegte er zu sagen, sind die Christen nicht stark genug und ziehen schließlich immer den Kürzeren. Nehmt hingegen einen Juden, der nicht einmal die Buchhaltung versteht, schleudert ihn in das trübe Wasser irgend eines faulen Geschäftes und er wird sich retten und den ganzen Gewinn auf seinem Rücken mitführen. Das ist die Begabung der Race, ihre Existenzberechtigung inmitten der Nationalitäten, welche entstehen und vergehen. Und er prophezeite in höchster Wuth die schließliche Eroberung aller Völker durch die Juden, wenn sie einmal das ganze Vermögen des Erdballs an sich gebracht haben, was nicht lange mehr dauern wird, da man ihnen gestattet, von Tag zu Tag immer weiter ihr Königreich auszubreiten und da man in Paris schon einen Gundermann auf einem Thron herrschen sehen konnte, der fester stand und mehr respektirt war, als derjenige des Kaisers.

Als Saccard oben angekommen war und vor dem großen Vorzimmer stand, fühlte er sich versucht zurückzuweichen, als er das Vorzimmer mit Remisiers, Bittstellern, mit Männern und Frauen gefüllt sah, mit einem geräuschvollen Gewimmel von Menschen. Besonders die Remisiers führten einen förmlichen Kampf, wer früher hineingelangen würde, in der unwahrscheinlichen Hoffnung, einen Auftrag zu erhalten. Denn der große Bankier hatte seine eigenen Agenten; aber es war schon eine Empfehlung, von ihm empfangen zu werden und jeder von ihnen wollte sich dessen rühmen. Das Warten dauerte denn auch niemals lange; die zwei Bureaudiener dienten nur dazu, den Zug zu ordnen, einen unaufhörlichen Zug, einen wahrhaftigen Galopp durch die Flügelthüren. Und trotz der großen Menge wurde Saccard fast sogleich mit dem Strome eingelassen.

Das Arbeitskabinet Gundermann's war ein riesiger Raum, wo er nur einen kleinen Winkel im Hintergrunde, neben dem letzten Fenster einnahm. Vor einem einfachen Schreibtische von Acajou sitzend, wendete er dem Lichte den Rücken, so daß sein Gesicht völlig in Dunkel gehüllt war. Der Bankier stand um 5 Uhr von seinem Lager auf und war bei der Arbeit, wenn Paris noch schlief. Und wenn um 9 Uhr das Gedränge der gierigen Menge vor ihm begann, war sein Tagwerk schon vollbracht. In der Mitte des Arbeitskabinets hatten zwei seiner Söhne und einer seiner Schwiegersöhne vor großen Schreibungen ihren Platz; sie waren da, um dem Bankier beizustehen; nur selten setzten sie sich; sie bewegten sich inmitten einer Welt von Beamten, die fortwährend hin- und hergingen. Und der Zug ging durch das ganze Zimmer bis zu ihm, dem Herrn, der in seinem bescheidenen Winkel saß, wo er bis zur Frühstückszeit, Stunden hindurch, mit unempfindlicher, düsterer Miene empfing, zuweilen einen Wink, zuweilen ein Wort spendend, wenn er sich besonders liebenswürdig zeigen wollte.

Als Gundermann des Saccard ansichtig wurde, flog ein schwaches, spöttisches Lächeln über sein Antlitz.

– Ach, Sie sind es, mein lieber Freund? Setzen Sie sich einen Augenblick, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, sogleich stehe ich zu Ihren Diensten.

Dann that er, als vergäße er seiner vollständig.

Saccard war übrigens nicht ungeduldig, ihn interessirte das Defilé der Nemisiers, welche Einer hinter dem Andern mit derselben tiefen Verbeugung eintraten und aus ihrem korrekt geschnittenen Ueberrock denselben kleinen Karton hervorzogen, auf welchem die Börsenkurse verzeichnet waren und welche sie dem Bankier mit derselben flehenden und respektvollen Geberde reichten. Es kamen ihrer zehn, es kamen ihrer zwanzig. Der Bankier nahm jedesmal die Kursliste, warf einen Blick darauf und gab sie wieder zurück und nichts kam seiner Geduld gleich, höchstens noch seine vollständige Gleichgültigkeit bei diesem Hagel von Angeboten.

Doch jetzt erschien Massias mit seiner heiteren und scheuen Miene eines gutmüthigen geprügelten Hundes. Man empfing ihn manchmal so schlecht, daß er darüber hätte weinen mögen. An diesem Tage war er mit seiner Demuth augenscheinlich zu Ende, denn er erlaubte sich eine ganz unerwartete Beharrlichkeit.

– Sehen Sie doch, mein Herr, Mobilier stehen sehr tief ... Wie viel soll ich für Sie kaufen?

Ohne nach dem Kurszettel zu greifen erhob Gundermann seine grünen Augen auf diesen so zutraulichen jungen Mann. Dann sagte er rauh:

– Glauben Sie, mein Freund, daß es mir ein Vergnügen macht, Sie zu empfangen?

– Mein Gott, entgegnete Massias erbleichend, es macht mir noch weniger Vergnügen, seit drei Monaten jeden Morgen vergebens zu kommen.

– Nun, so kommen Sie nicht!

Der Remisier zog sich grüßend zurück, nachdem er mit Saccard den wüthenden und bekümmerten Blick eines Menschen ausgetauscht, welcher das plötzliche Bewußtsein hat, daß er niemals sein Glück machen wird.

Saccard fragte sich in der That, welches Interesse Gundermann haben konnte, alle diese Leute zu empfangen. Augenscheinlich besaß er eine besondere Fähigkeit sich zu isoliren, er versenkte sich in sein Brüten, fuhr fort nachzudenken. Uebrigens mußte es da eine Disciplin geben, eine bestimmte Art jeden Morgen eine Marktschau vorzunehmen, bei welcher immer ein Gewinn abfiel und sei es noch so wenig. Gierig zog er einem Coulissier achtzig Francs ab, dem er am Tage vorher einen Auftrag gegeben hatte und der ihn übrigens bestahl. Dann kam ein Raritätenhändler mit einer Dose von emaillirtem Gold aus dem vorigen Jahrhundert. Es war ein zum Theil ausgebessertes Stück und der Bankier witterte sofort den Betrug. Dann kamen zwei Damen, eine Alte mit einer Eulennase und eine Junge, brünett und sehr schön. Sie luden ihn ein, eine Kommode Louis XV. in ihrer Wohnung zu besichtigen. Er lehnte es rundweg ab zu ihnen zu kommen. Ein Juwelenhändler hatte Rubinen vorzulegen; diesem folgten zwei Erfinder, nach diesen wieder erschienen Engländer, Deutsche, Italiener, alle Sprachen, alle Geschlechter. Und das Defilé der Remisiers dauerte trotzdem fort, mitten durch die anderen Besuche, unaufhörlich, mit den nämlichen Geberden, mit der nämlichen mechanischen Darbietung des Kurszettels; während die Fluth von Beamten in dem Maße, als die Börsestunde nahte, immer zahlreicher durch den Raum strömte, Depeschen bringend, die Unterschrift der Chefs heischend.

Doch jetzt entstand ein Lärm, der alles Andere übertönte: ein kleiner Junge von fünf bis sechs Jahren stürmte auf einem Steckenpferd, die Trompete blasend, in das Arbeitszimmer. Dann kamen noch zwei Kinder, zwei Mädchen, das eine drei, das andere acht Jahre alt. Und die drei Kinder belagerten den Sessel des Großvaters, zerrten ihn an den Armen, hängten sich an seinen Hals. Er ließ Alldies ruhig geschehen, küßte die Kinder, eines nach dem andern, mit der leidenschaftlichen Liebe der Juden für ihre Familie, für die zahlreiche Nachkommenschaft, welche die Kraft ausmacht und welche man vertheidigt.

Plötzlich schien er sich Saccard's zu erinnern.

– Ach, mein Freund, Sie entschuldigen mich; Sie sehen ja, daß ich keine Minute für mich habe, Sie werden mir Ihr Geschäft erklären.

Und er schickte sich an ihm zuzuhören, als ein Beamter, welcher einen großen, blonden Herrn eingeführt hatte, ihm einen Namen ins Ohr flüsterte. Gundermann erhob sich sogleich, obschon ohne Eile, und ging, um mit dem Herrn in einer anderen Fensternische sich zu besprechen, während einer seiner Söhne fortfuhr, die Remisiers und die Coulissiers zu empfangen.

Trotz seiner inneren Gereiztheit begann Saccard von Respekt erfüllt zu werden. Er hatte den blonden Herrn erkannt, den Vertreter einer der Großmächte, in den Tuilerien von Stolz gebläht, hier leicht vorgeneigt, lächelnd, ein Bittsteller. Ein anderes Mal waren es hohe Verwaltungsbeamte, selbst die Minister des Kaisers, welche in diesem Räume stehend empfangen wurden, in diesem Arbeitszimmer, das geräumig war, wie ein öffentlicher Platz und von einem Kinderlärm erfüllt. Und hier kam das universelle Königthum dieses Menschen zur Geltung, der seine Gesandten an allen Höfen hatte, seine Consuln in allen Provinzen, seine Agentschaften in allen Städten und seine Schiffe auf allen Meeren. Er war kein Spekulant, kein Abenteurer-Kapitän, der mit den Millionen Anderer arbeitet und nach dem Beispiel Saccard's von heroischen Kämpfen träumt, in welchen er siegen, eine kolossale Beute mit Hilfe des ihm zur Verfügung stehenden Geldes erringen würde. Er war, wie er gemüthlich zu sagen pflegte, ein einfacher Geldhändler, der geschickteste, eifrigste, den man sich denken konnte. Allein, um seine Macht fest zu begründen, mußte er die Börse beherrschen. Und so gab es bei jeder Liquidation eine neue Schlacht, in welcher er, dank der entscheidenden Macht der starken Bataillone, unfehlbar den Sieg davontrug. Saccard, der ihn betrachtete, blieb einen Augenblick niedergedrückt unter dem Gedanken, daß all das Geld, welches er in Bewegung setzte, sein war, daß er in seinen Kellern die unerschöpfliche Waare besaß, mit welcher er als schlauer und vorsichtiger Kaufmann arbeitete, als absoluter Gebieter, dem man auf einen Wink gehorchte, der Alles hören, Alles sehen, Alles selbst machen wollte. Eine in solcher Weise gehandhabte Milliarde ist eine unbezwingbare Macht.

– Wir werden nicht eine Minute für uns haben, mein Freund, sagte Gundermann, indem er zurückkam. Ich will frühstücken gehen, kommen Sie mit mir in den anstoßenden Saal. Man wird uns dort vielleicht in Frieden lassen.

Es war der kleine Speisesaal des Hauses, der Frühstückssaal, bei welchem die Familie niemals vollständig anzutreffen war. Diesen Morgen waren nur ihrer neunzehn bei Tische, darunter acht Kinder. Der Bankier saß in der Mitte und hatte nur eine Schale Milch vor sich stehen. Er saß mit geschlossenen Augen, erschöpft, mit bleichem, zusammengezogenem Gesichte da, denn er litt an der Leber und an den Nieren; dann, nachdem er mit seinen zitternden Händen die Milchschale an den Mund geführt und einen Schluck getrunken hatte, seufzte er:

– Ach, wie müde bin ich heute!

– Warum ruhen Sie nicht aus? fragte Saccard.

Gundermann wandte sich mit erstauntem Blicke zu ihm und sagte naiv:

– Ich kann nicht ruhen.

In der That ließ man ihn nicht einmal seine Milch ruhig austrinken; schon hatte der Empfang der Remisiers wieder begonnen; der Galopp ging jetzt durch den Speisesaal, während die Familie, die Männer und Frauen, an dieses Gedränge gewöhnt, sich lächelnd unterhielten, mit gutem Appetit die kalten Braten und das Backwerk aßen, und die Kinder, von einem Gläschen Wein in gute Laune versetzt, einen betäubenden Lärm schlugen.

Und Saccard, der ihn unablässig betrachtete, bewunderte ihn immer mehr, wie er ihn seine Milch mit großer Anstrengung trinken sah, daß es schien, als würde er niemals die Schale vollends leeren.

Man hatte ihm die Milchdiät verordnet; er durfte kein Fleisch und keinen Kuchen berühren. Was nützt ihm nun seine Milliarde? Auch die Weiber hatten ihn niemals in Versuchung geführt. Vierzig Jahre war er seiner Frau streng treu geblieben und heute war sein gutes Betragen ein gezwungenes, ein unwiderruflich endgiltiges. Warum also um fünf Uhr Morgens aufstehen, dieses furchtbare Handwerk betreiben, sich diese ungeheure Anstrengung aufbürden, das Leben eines Galeerensträflings führen, das ein Bettler nicht angenommen haben würde, den Kopf voll mit Ziffern und mit einer Welt von Sorgen, die ihm den Schädel zu sprengen drohten? Warum so vielem Gelde noch mehr unnützes Geld hinzufügen, wenn man nicht ein Pfund Kirschen in der Straße kaufen und verzehren, nicht die erstbeste Dirne in eine Kneipe führen darf? wenn man nicht Alles genießen kann, was für Geld zu haben ist: Trägheit und Freiheit? Und Saccard, der in seinen furchtbaren Gelüsten aus purer Leidenschaft, der bloßen Macht wegen dem Gelde nachjagte, fühlte sich von einem heiligen Schauder ergriffen, wenn er dieses Gesicht sah, nicht mehr das Gesicht des klassischen Geizigen, der Schätze anhäuft, sondern das des unfehlbaren Arbeiters, der ohne fleischliches Bedürfniß, gleichsam verloren in seinem leidenden Greisenthum, hartnäckig fortfuhr seinen Millionenthurm zu bauen, mit dem einzigen Traume, denselben den Seinigen zu hinterlassen, damit sie ihn noch größer machen, bis er die Erde beherrschen würde.

Endlich neigte sich Gundermann zu ihm und ließ sich halblaut die projektive Schöpfung der Banque Universelle erklären. Saccard war übrigens enthaltsam in der Mittheilung der Details und machte nur eine Anspielung auf die in dem Portefeuille des Ingenieurs Hamelin liegenden Projekte, weil er gleich bei den ersten Worten merkte, daß der Bankier ihn nur auszuholen suchte und fest entschlossen war, ihn mit leerer Hand heimzuschicken.

– Schon wieder eine Bank, mein Freund, schon wieder eine Bank, wiederholte er mit spöttischer Miene; am liebsten würde ich mein Geld in eine Maschine stecken, welche allen diesen Banken mit einem Schlage den Hals abschneiden würde. Ein Riesenrechen wäre nöthig, um die Börse hinwegzufegen. Hat Ihr Ingenieur nichts Aehnliches unter seinen Papieren?

Dann nahm er eine väterliche Miene an und sagte mit ruhiger Grausamkeit:

– Seien Sie vernünftig, Sie wissen ja, was ich Ihnen gesagt habe ... Sie thun unrecht, zu den Geschäften zurückzukehren. Ich leiste Ihnen einen wirklichen Dienst, indem ich es ablehne, Ihr Syndikat zu unterstützen. Sie werden zugrunde gehen, das ist mathematisch sicher, denn Sie sind zu leidenschaftlich, Sie haben zu viel Einbildungskraft. Wenn man mit dem Gelde Anderer arbeitet, nimmt das immer ein schlechtes Ende ... Warum findet Ihr Bruder nicht eine gute Stelle für Sie? Irgend eine Präfektur oder eine Steuereinnehmer-Stelle? Nein, keine Steuereinnehmer-Stelle, das ist zu gefährlich. Nehmen Sie sich in Acht, mein Freund!

Saccard hatte sich zornbebend erhoben.

– Also das ist ausgemacht, Sie nehmen keine Aktien, Sie wollen nicht mit uns sein?

– Mit Ihnen? Niemals! Ehe drei Jahre vergehen, werden Sie aufgefressen sein.

Es entstand ein gewitterschwüles Schweigen, ein Austausch von drohenden Blicken.

– Nun denn, guten Tag, ich habe noch nicht gefrühstückt und bin sehr hungrig. Wir werden ja sehen, wer aufgefressen wird.

Und er ließ ihn mit seiner Familie, welche geräuschvoll das Frühstück beendigte. Gundermann empfing die letzten Makler und schloß von Zeit zu Zeit ermüdet die Augen, während er den letzten Rest seiner Milch trank.

Saccard warf sich in seinen Fiaker, indem er dem Kutscher die Adresse Rue Saint Lazare gab. Es schlug ein Uhr, der Tag war verloren. Außer sich vor Wuth kehrte er heim, um zu frühstücken. Ha, der schmutzige Jude! Das ist Einer, den er gerne mit den Zähnen zermalmen würde, wie ein Hund einen Knochen. Allerdings, ein großer und furchtbarer Bissen. Aber wer weiß? Man hat schon die größten Königreiche stürzen gesehen; es gibt immer eine Stunde, in welcher die Mächtigen unterliegen. Nein, nicht so gleich fressen wollte er ihn. Erst ihn anschneiden, ihm einige Fetzen seiner Milliarde entreißen und nachher ihn fressen. Ja, warum nicht? Er wollte sie vernichten, in ihrem anerkannten König vernichten, diese Juden, die sich die Herren der Welt dankten. Diese Erwägungen, dieser Zorn, den er von Gundermann mitgebracht, entfesselten in Saccard einen wüthenden Eifer, eine wahnsinnige Gier nach Geschäften, nach einem unmittelbaren Erfolg: er hätte mit einer Handbewegung sein Bankhaus aufbauen, in Betrieb setzen, triumphiren, die concurrirenden Häuser zermalmen mögen. Plötzlich erinnerte er sich Daigremont's und ohne Widerstreben, in einer unwiderstehlichen Regung neigte er sich zum Wagenfenster hinaus und rief dem Kutscher zu, nach der Rue Larochefoucauld zu fahren. Wenn er Daigremont treffen wollte, mußte er sich sputen, denn dieser ging, wie er wußte, gegen ein Uhr aus. Er wird eben später frühstücken. Dieser Christ wog allerdings zwei Juden auf und stand in dem Rufe, alle neuen Unternehmungen, die man ihm anvertraute, gierig zu verschlingen Allein in diesem Augenblicke wäre Saccard geneigt gewesen, mit Schinderhannes zu unterhandeln, um den Sieg zu sichern, selbst unter der Bedingung, mit Jenem theilen zu müssen. Später wird man ja sehen. Er wird immer der Stärkere bleiben.

Inzwischen fuhr der Fiaker langsam die ansteigende Straße hinan und hielt vor dem hohen, monumentalen Thor eines der letzten Hotels dieses Stadtviertels, welches deren so viele zählte. Der Palast, inmitten eines weiten, gepflasterten Hofes stehend, hatte ein Aussehen von königlicher Größe; dahinter lag ein Park mit hundertjährigen Bäumen, völlig isolirt von den volkreichen Straßen. Ganz Paris kannte dieses Hôtel wegen seiner glänzenden Feste, hauptsächlich aber wegen seiner wunderbaren Gemäldesammlung, welche kein nach Frankreich kommender Großfürst zu besichtigen unterließ. Mit einer Frau vermählt, welche vermöge ihrer Schönheit ebenso berühmt war wie seine Gemälde und welche in der vornehmen Gesellschaft als Sängerin große Erfolge einheimste, führte der Herr dieses Palastes ein fürstliches Haus, war ebenso stolz auf seinen Rennstall, wie auf seine Gemäldegalerie, gehörte einem der vornehmsten Clubs an, galt als der Beschützer der kostspieligsten Frauen, hatte seine Loge in der Oper, seinen Sessel im Hotel Drouot und sein Sitzbänkchen in den modernen Spelunken. Und dieses auf großem Fuße geführte Leben, dieser in einer Apotheose der Laune und der Kunst stammende Luxus wurde ausschließlich durch die Spekulation bezahlt, durch ein fortwährend in Bewegung befindliches Vermögen, welches unendlich schien, wie das Meer, bei welchem es aber auch Fluth und Ebbe gab, Differenzen von 2–300 000 Francs bei jeder zweiwöchentlichen Liquidation.

Als Saccard die majestätische Treppe erstiegen hatte, kündigte ein Diener ihn an und führte ihn durch drei Salons, die mit wunderbaren Kunstsachen angefüllt waren, bis zu einem kleinen Rauchzimmer, wo Daigremont, bevor er ausging, feine Zigarre beendigte. Im Alter von 45 Jahren stehend, kämpfte Daigremont gegen einen beginnenden Dickwanst; er war von hohem Wuchs, sehr elegant mit seinem sorgfältig gepflegten Haupthaar, das Gesicht rasirt bis auf einen Schnurrbart und einen Knebelbart, um die Barttour des von ihm fanatisch verehrten Kaisers nachzuahmen. Er spielte sich gerne auf den liebenswürdigen Menschen auf, hatte ein unbegrenztes Selbstvertrauen stets sicher zu siegen.

Sogleich eilte er dem Besucher entgegen.

– Ach, Sie sind es, mein lieber Freund? Was ist denn aus Ihnen geworden? Ich dachte neulich erst an Sie. Aber sind Sie denn nicht mein Nachbar?

Indeß beruhigte er sich bald wieder und verzichtete auf diese Redseligkeit, welche gut war für die große Menge, als Saccard, die diplomatischen Feinheiten des Ueberganges unnütz findend, sofort auf den Gegenstand seines Besuches einging. Er sprach von seinem großen Unternehmen und erklärte, daß er, bevor er die Universalbank mit einem Kapital von 25 Millionen in's Leben ruft, ein Syndicat von Freunden, Bankiers und Industriellen zu bilden bemüht ist, welches im Voraus den Erfolg der Actienemission sichern sollte, indem es sich verpflichtete, vier Fünftel der Emission, d. i. wenigstens 40 000 Actien zu übernehmen.

Daigremont war sehr ernst geworden, hörte ihm zu und betrachtete ihn, als wollte er bereits in's Innerste seines Geheimnisses eindringen, um zu sehen, welche Anstrengung, welche nützliche Arbeit er von diesem Menschen erwarten konnte, den er inmitten seiner fieberhaften Thätigkeit so rührig, so voll ausgezeichneter Eigenschaften kennen gelernt hatte. Anfänglich zögerte er.

– Nein, nein, ich bin überladen und will nichts Neues unternehmen.

Dann fühlte er sich dennoch versucht und stellte einige Fragen, wollte die Projekte kennen lernen, welche das neue Bankhaus patronisiren würde, die Projekte, von welchen Saccard vorsichtigerweise nur mit äußerster Zurückhaltung sprach. Und als er die erste Unternehmung vernahm, welche man in's Leben rufen wollte, die Vereinigung der Mittelmeer-Transport-Compagnien unter der Firma der »Allgemeinen Packetboot-Gesellschaft«, schien er überrascht und war mit einem Schlage gewonnen.

– Nun denn, ich will mitthun. Allein, unter einer Bedingung ... Wie stehen Sie mit Ihrem Bruder, dem Minister?

Saccard war von der Frage betroffen und machte kein Hehl aus seiner Erbitterung.

– Mit meinem Bruder? erwiderte er. Ach, er betreibt seine Geschäfte und ich betreibe die meinigen. Mein Bruder ist nicht von übergroßer Zärtlichkeit.

– Umso schlimmer, erklärte Daigremont rund heraus. Wenn Ihr Bruder nicht dabei ist, will ich auch nicht dabei sein. Ich will nicht, daß Sie auf gespanntem Fuße mit Ihrem Bruder seien, verstehen Sie wohl?

Saccard protestirte mit einer Geberde der Ungeduld. Bedurfte man des Rougon? Heißt das nicht Ketten suchen, um sich Hände und Füße damit zu fesseln? Aber gleichzeitig rieth ihm eine Stimme der Klugheit, stärker als seine Gereiztheit, daß er sich wenigstens die Neutralität des großen Mannes sichern sollte. Indeß lehnte er es in rauher Weise ab, sich nachgiebig zu zeigen.

– Nein, nein, er war immer sehr unanständig gegen mich. Niemals werde ich den ersten Schritt thun.

– Hören Sie, fuhr Daigremont fort, ich erwarte um 5 Uhr Huret wegen einer Kommission, die er übernommen hat. Sie werden nach dem gesetzgebenden Körper eilen. Huret beiseite nehmen und ihm Ihre Angelegenheit erzählen. Er wird sofort mit Rougon darüber sprechen und so erfahren, wie der Minister darüber denkt. Um fünf Uhr werden wir seine Antwort wissen. Wir treffen uns also um fünf Uhr.

Saccard sann gesenkten Hauptes nach.

– Mein Gott, wenn Sie dabei beharren ...

– Ich beharre durchaus dabei. Ohne Rougon nichts, mit Rougon Alles.

– Es ist gut, ich gehe.

Und er wandte sich zum Gehen, nachdem er Daigremont kräftig die Hand gedrückt. Doch dieser rief ihn zurück.

– Wenn Sie finden, daß die Dinge sich gut anlassen, so sprechen Sie auf dem Rückwege bei dem Marquis von Bohain und bei Sédille vor; sagen Sie diesen Herren, daß ich mit dabei bin und fordern Sie sie zum Eintritt auf. Ich will, daß diese Herren mit dabei seien.

Vor dem Hausthor fand Saccard seinen Fiaker, den er behalten hatte, obgleich er nur bis an das Ende der Straße gehen mußte, um zuhause zu sein. Er entließ den Miethwagen in der Hoffnung, daß er Nachmittags seinen eigenen Wagen werde anspannen lassen können und er kehrte heim, um zu frühstücken. Man erwartete ihn nicht mehr, die Köchin brachte ihm ein Stück kalten Braten, welchen er verschlang, während er den Kutscher ausschalt, der ihm meldete, der Thierarzt habe gesagt, man müsse dem Pferde drei bis vier Tage Ruhe gönnen. Und mit vollem Munde beschuldigte er den Kutscher der Nachlässigkeit und drohte ihm mit Madame Caroline, welche schon Ordnung schaffen werde. Endlich rief er ihm zu, einen Fiaker zu holen. Von Neuem fegte eine Sintfluth durch die Straßen, er mußte länger als eine Viertelstunde auf den Wagen warten; dann, als er mitten im strömenden Regen in den Wagen stieg, rief er dem Kutscher die Adresse zu:

– Nach dem gesetzgebenden Körper!

Sein Plan war, vor Beginn der Sitzung anzukommen, um Huret auf seinem Wege zu treffen und sich ruhig mit ihm zu besprechen. Unglücklicherweise erwartete man an diesem Tage eine leidenschaftliche Debatte, denn ein Mitglied der Linken gedachte die ewige mexikanische Frage aufzuwerfen und Rougon würde sicherlich genöthigt sein, zu antworten.

Als Saccard den Vorsaal betrat, fügte es sich so günstig, daß er den Deputirten Huret traf. Er führte ihn nach einem der anstoßenden kleinen Säle, wo sie dank der großen Bewegung, die in den Couloirs herrschte, allein blieben. Die Opposition wurde immer schrecklicher, man fühlte den Wind der Katastrophe, welcher immer mächtiger zu werden und Alles niederzuwerfen drohte. Huret war denn auch nachdenklich, er begriff nicht sogleich und ließ sich zweimal die Mission erklären, mit welcher man ihn betraute. Seine Bestürzung wurde nur noch größer, als er endlich begriff.

– Ach, mein lieber Freund, wo denken Sie hin? In diesem Augenblicke mit Rougon zu reden! Er wird mich zum Teufel schicken, das ist sicher.

Die Sorge um sein persönliches Interesse trat hier zu Tage. Huret existirte nur durch den Minister, welchem er seine officielle Kandidatur, seine Wahl und seine Stellung eines Factotums zu danken hatte, der von den Brosamen der Gunst des Gebieters lebte. Dank den sorgfältig gesammelten Abfällen von der Tafel des Meisters war es ihm bei diesem Metier in zwei Jahren gelungen, seine Ländereien im Departement Calvados »abzurunden« und es war sein Plan, sich dahin zurückzuziehen und nach dem Zusammenbruch dort zu thronen. Sein breites, schlaues Bauerngesicht hatte sich verdüstert und drückte die Verlegenheit aus, in welche dieses Verlangen nach einer Vermittlung ihn stürzte, ohne daß man ihm Zeit ließ, darüber nachzudenken, ob es bei diesem Geschäfte einen Nutzen oder einen Schaden für ihn geben werde.

– Nein, nein, ich kann nicht ... Ich habe Ihnen den Willen Ihres Bruders übermittelt und kann ihm nicht noch einmal mit der Sache kommen. Denken Sie nur ein wenig an mich. Er ist ganz und gar nicht sanft, wenn man ihn ärgert und ich habe keine Lust, statt Ihrer zu büßen und sein Vertrauen zu verlieren.

Saccard begriff und bemühte sich nunmehr, ihn zu überzeugen, daß es bei der Gründung der Universalbank Millionen zu gewinnen geben werde. In breiten Zügen, mit jener Lebhaftigkeit seiner Rede, welche ein Geldgeschäft in ein Feenmärchen zu verwandeln wußte, erklärte er die herrlichen Unternehmungen, den sicheren und kolossalen Erfolg. Daigremont sei begeistert von der Sache und wolle sich an die Spitze des Syndicats stellen. Bohain und Sédille hätten sich schon beworben, mit dabei sein zu dürfen. Es sei unmöglich, daß Huret nicht mit dabei sei, die Herren wollten ihn wegen seiner hohen politischen Stellung absolut zu den ihrigen zählen. Man hoffte sogar, er werde einwilligen, Mitglied des Verwaltungsrathes zu werden, weil sein Name Ordnung und Rechtschaffenheit bedeute.

Bei diesem Versprechen, ihn zum Mitgliede des Verwaltungsrathes zu machen, blickte der Deputirte ihm fest in's Gesicht.

– Was wollen Sie schließlich von mir, welche Antwort soll ich von Rougon erlangen?

– Mein Gott, fuhr Saccard fort, ich wäre gerne ohne meinen Bruder in die Sache eingetreten; allein Daigremont fordert, daß ich mich mit ihm versöhne. Vielleicht hat er Recht. Ich glaube denn, daß Sie mit dem furchtbaren Mann ganz einfach von unserem Geschäfte reden und von ihm, wenn nicht seine Unterstützung, so doch wenigstens die Zusage erlangen, daß er nicht gegen uns sei.

Huret stand mit halb geschlossenen Augen da und konnte sich noch immer nicht entschließen.

– Wenn Sie nur ein gutes Wort, nichts als ein gutes Wort von ihm bringen – verstehen Sie? – so wird Daigremont sich damit begnügen und wir Drei bringen die Sache noch heute Abends ins Reine.

– Nun denn, ich will es versuchen, erklärte plötzlich der Abgeordnete, indem er eine bäuerliche Offenheit heuchelte; aber ich thue es nur Ihrethalben, denn er ist gar nicht angenehm, Ihr Bruder, besonders wenn die Linke ihn ärgert ... Um 5 Uhr denn.

– Ja, um 5 Uhr.

Saccard blieb noch fast eine Stunde im gesetzgebenden Körper, sehr unruhig wegen der Kampfgerüchte, welche im Umlauf waren. Er hörte, wie einer der großen Redner der Opposition ankündigte, daß er das Wort ergreifen werde. Bei dieser Nachricht dachte er einen Augenblick daran, Huret wieder aufzusuchen, um ihn zu fragen, ob es nicht klug wäre, die Unterredung mit Rougon auf den nächsten Tag zu verschieben. Allein er war Fatalist und glaubte an das Glück, deshalb zitterte er vor dem Gedanken, Alles zu verderben, wenn er widerriefe, was verabredet worden. Vielleicht würde sein Bruder in dem Gedränge leichter das erwartete Wort fallen lassen. Und um die Dinge ihren Gang gehen zu lassen, entfernte er sich aus dem Gebäude des gesetzgebenden Körpers, stieg wieder in seinen Fiaker und war im Begriffe, über die Concorde-Brücke zu fahren, als er sich des Wunsches erinnerte, welchen Daigremont ausgesprochen hatte.

– Kutscher, nach der Rue de Babylone.

In der Rue de Babylone wohnte der Marquis von Bohain. Er hatte den Zubau zu einem großen Hotel inne, einen Pavillon, der ehemals dem Stallpersonal als Wohnung gedient hatte und aus welchem er ein sehr comfortables, modernes Haus gemacht hatte. Die Wohnung war prunkvoll und hatte ein kokettes, aristokratisches Aussehen. Seine Frau war niemals zu sehen; sie wäre kränklich, sagte er, und durch ihr Leiden in ihren Zimmern zurückgehalten. Und doch waren das Haus und die Möbel ihr Eigenthum; er wohnte nur als Miether bei ihr, besaß nichts als seine Fahrnisse in einem Koffer verwahrt, welchen er auf einem Fiaker hätte fortführen können; seitdem er vom Spiel lebte, hatte eine Trennung der Güter zwischen ihnen stattgefunden. Schon bei zwei Katastrophen hatte er rundweg sich geweigert, seine Differenzen zu bezahlen und der Richter, nachdem er sich von der Lage unterrichtet hatte, gab sich nicht einmal die Mühe, ihm das gestempelte Papier in's Haus zu schicken. Man sagte, einfach »Schwamm darüber!« Was er gewonnen, steckte er ein, wenn er verlor, zahlte er nicht. Das wußte man und man fügte sich darein. Er hatte einen berühmten Namen und machte Staat in den Verwaltungsräthen; die Unternehmungen, die nach hochklingenden Namen suchten, rissen sich um ihn. Er war stets vielumworben. Auf der Börse hatte er einen Sessel auf der nach der Rue Nôtredame-des-Victoire gelegenen Seite; es war die Seite der reichen Spekulation, welche that, als hätte sie kein Interesse für die kleinen Aufregungen des Alltagsspiels. Man respektirte ihn und zog ihn zu Rathe; oft hatte er den Markt beeinflußt; mit einem Worte: eine Persönlichkeit.

Saccard kannte ihn und war dennoch bewegt von dem außerordentlich höflichen Empfang dieses schönen Greises von 60 Jahren mit dem kleinen, auf einem riesigen Körper sitzenden Kopfe, mit dem bleichen Gesichte, das von einer braunen Perrücke eingerahmt, einen sehr vornehmen Eindruck machte.

– Herr Marquis, ich komme als ein wirklicher Bittsteller.

Er nannte sogleich den Beweggrund seines Besuches, ohne aber sich in Einzelheiten einzulassen. Uebrigens unterbrach ihn der Marquis gleich bei den ersten Worten.

– Nein, nein, meine ganze Zeit ist in Anspruch genommen, ich habe zehn Vorschläge abgelehnt.

Und als Saccard lächelnd hinzufügte:

– Daigremont ist es, der mich schickt; er hat an Sie gedacht, rief der Marquis sogleich aus:

– Ach, Daigremont ist mit dabei? Gut, gut. Wenn Daigremont eintritt, will ich ebenfalls eintreten. Zählen Sie auf mich.

Der Besucher wollte ihm einige Aufschlüsse geben, um ihm zu zeigen, in welche Art von Geschäften er einzutreten im Begriffe sei; doch der Marquis schloß ihm den Mund mit der liebenswürdigen Sorglosigkeit eines großen Herrn, der sich zu solchen Kleinigkeiten nicht herabläßt und ein natürliches Vertrauen in die Rechtschaffenheit der Menschen setzt.

– Kein Wort weiter, ich bitte Sie! Ich will nichts wissen, Sie bedürfen meines Namens, ich leihe Ihnen denselben und freue mich außerordentlich, das ist Alles. Sagen Sie Daigremont, er möge die Dinge einrichten, wie es ihm beliebt.

Als Saccard sehr heiter wieder in seinen Wagen stieg, sagte er kichernd:

– Er wird theuer sein, aber er macht eine schöne Figur.

Dann rief er dem Kutscher zu:

– Fahren Sie mich nach der Rue des Jeûneurs.

Dort hatte das Haus Sédille seine Magazine und seine Bureaux, welche im Hintergrunde eines Hofes ein ganzes Erdgeschoß einnahmen. Sédille, der von Lyon war und dort seine Fabrikswerkstätten behalten, hatte nach dreißigjähriger Arbeit es verstanden, aus seinem Seiden-Handelshause eines der bestbekannten und solidesten von Paris zu machen, als in Folge eines Glücksfalles die Spielleidenschaft bei ihm aufgetreten war und sich zur verheerenden Heftigkeit eines Brandes entwickelte. Zwei bedeutende Börsengewinne Schlag auf Schlag hatten ihm den Verstand geraubt. Warum sich dreißig Jahre abmühen, um eine armselige Million zu gewinnen, wenn man sie in einer Stunde durch eine einfache Börsenoperation in die Tasche stecken kann? Seither hatte er allmälig das Interesse an seinem Handelshause verloren, welches übrigens durch die eigene Kraft weiter gedieh; er lebte nur mehr in der Hoffnung auf einen gewaltigen Zug an der Börse; und als das Unglück kam und sich dauernd festsetzte, warf er die reichen Erträgnisse seines Handels in diesen Abgrund. Das Schlimmste bei diesem Fieber ist, daß man den Geschmack an dem legitimen Gewinn verliert und schließlich die genaue Kenntniß des Geldes einbüßt. Und das Ende dieses Weges war verhängnißvoller Weise der Ruin, wenn die Lyoner Fabrik jährlich 200 000 Francs abwarf, während das Spiel 300 000 Francs verschlang.

Saccard fand Sédille unruhig und aufgeregt, denn dieser war ein Spieler ohne Phlegma und ohne Philosophie. Er lebte in fortwährenden Gewissensbissen, stets hoffend, stets niedergeschlagen, krank durch die Ungewißheit, weil er im Grunde ein ehrlicher Mann geblieben. Die April-Liquidation war für ihn eine sehr ungünstige gewesen. Indeß röthete sich sein breites Antlitz mit dem dichten blonden Backenbart bei den ersten Worten Saccard's.

– Ach, mein Lieber, wenn Sie mir Glück bringen, seien Sie mir willkommen, sprach er.

Doch sogleich von einem Angstgefühl ergriffen, fügte er hinzu:

– Nein, nein, bleiben Sie mir mit Ihren Versuchungen vom Leibe. Ich thäte am besten, mit meinen Seidenstoffen mich einzuschließen und keinen Fuß mehr aus meinem Comptoir zu setzen.

Saccard wollte ihm Zeit lassen, sich zu beruhigen und sprach ihm von seinem Sohn Gustav, welchen er gestern bei Mazaud gesehen hatte. Doch Gustav war für den Kaufmann gleichfalls ein Gegenstand der Kränkung; er hatte einst davon geträumt, die Leitung des Geschäftshauses diesem Sohn zu übertragen. Gustav aber verachtete den Handel, lebte nur für die Vergnügungen, als rechter Sohn eines Emporkömmlings, der darauf losgeht, das Vermögen des Vaters wieder durchzubringen. Sédille hatte ihn zu Mazaud in's Comptoir gethan, um zu sehen, ob er daselbst Geschmack an den Finanzgeschäften finden würde.

– Seit dem Tode seiner armen Mutter, flüsterte er, habe ich wenig Freude an ihm. Doch vielleicht wird er bei Mazaud Einiges lernen, was uns nützlich sein kann.

– Nun denn, rief Saccard plötzlich, gehen Sie mit uns? Daigremont hat mir gerathen, bei Ihnen vorzusprechen, um Ihnen zu sagen, daß er mit bei der Sache sei.

Sédille hob die zitternden Arme in die Luft und sagte mit einer von der Gier und der Angst veränderten Stimme:

– Ach ja, ich bin dabei, Sie wissen ja, daß ich nicht anders kann. Wenn ich mich weigerte und Ihr Geschäft in die Blüthe käme, müßte ich vor Reue krank werden. Sagen Sie Daigremont, daß ich mit dabei bin.

Als Saccard sich wieder in der Straße befand, zog er die Uhr und sah, daß es kaum vier Uhr war. Er hatte fast noch eine Stunde vor sich und verspürte Lust, ein wenig zu gehen, daher entließ er den Fiaker. Er bereute dies sogleich, denn er war noch nicht auf dem Boulevard, als ein neuer Regenguß, eine mit Hagel gemengte Sintfluth ihn nöthigte, von Neuem unter einem Hausthor Zuflucht zu suchen. Welch' ein Hundewetter, wenn man Paris zu durchlaufen hatte! Nachdem er eine Viertelstunde das Unwetter betrachtet hatte, ward er von Ungeduld ergriffen und winkte einen vorbeifahrenden leeren Miethwagen herbei. Es war eine Victoria und er versuchte vergebens mit dem Lederschurz seine Beine zu bedecken; er kam in der Rue de Larochefoucauld ganz durchnäßt und um eine halbe Stunde zu früh an.

Der Diener führte ihn in's Rauchzimmer, indem er ihm mittheilte, daß der Herr noch nicht zurückgekehrt sei. Saccard ging eine Weile in dem Gemach umher und betrachtete die Gemälde. Doch als in dem stillen Hôtel eine Frauenstimme, ein Kontra-Alt von einer melancholischen und tiefen Gewalt ertönte, näherte er sich dem offen gebliebenen Fenster, um zuzuhören. Es war Madame Daigremont, welche am Piano ein Stück repetirte, welches sie ohne Zweifel am Abend in irgend einem Salon singen wollte. Von dieser Musik gewiegt, dachte Saccard an die außerordentlichen Geschichten, welche über Daigremont im Umlauf waren: hauptsächlich die Geschichte über »Hadamantine«, jene Anleihe von 50 Millionen, deren ganzen Stock er in der Hand behielt, indem er ihn fünfmal durch seine Makler verkaufen und wieder verkaufen ließ, bis er einen Markt geschaffen, einen Preis festgestellt hatte; und dann der wirkliche Verkauf, der verhängnißvolle Sturz von 300 Francs auf 15 Francs und der ungeheure Gewinn, den er von einer ganzen Menge naiver Käufer aus den unteren Klassen einsackte, die er mit einem Schlage ruinirte! Ach, das war ein schlauer Kerl, ein fürchterlicher Herr! Die Stimme der Frau des Hauses fuhr fort zu singen, verhallte in einer zärtlichen Klage von tragischer Breite, während Saccard in die Mitte des Gemaches zurückgekehrt vor einem Meissonnier stehen blieb, welcher auf 100 000 Francs geschätzt wurde.

Doch jetzt trat Jemand ein und Saccard war überrascht, Huret zu erkennen.

– Wie, Sie sind schon da? es ist noch nicht fünf Uhr! Ist die Sitzung zu Ende?

– Ach ja, zu Ende ... Sie balgen sich herum.

Und er erklärte ihm, daß der Deputirte von der Opposition noch immer sprach, so daß Rougon sicherlich erst am folgenden Tage würde antworten können. Als er das gesehen, entschloß er sich, während einer kurzen Pause den Minister zu sprechen.

– Nun, fragte Saccard nervös, was hat er gesagt, mein berühmter Bruder?

Huret antwortete nicht sogleich.

– Oh, er war von einem Hundehumor. Ich gestehe Ihnen, daß ich auf die Verbitterung zählte, in welcher ich ihn sah und hoffte, daß er mich ganz einfach zum Teufel schicken werde ... Ich erzählte ihm dann Ihre Angelegenheit und sagte ihm, daß Sie ohne seine Zustimmung nichts unternehmen wollen.

– Und dann?

– Dann packte er mich bei beiden Armen, schüttelte mich und schrie mir in's Gesicht: »Er soll sich hängen lassen!« und damit ließ er mich stehen.

Saccard erbleichte.

– Das ist artig, sagte er mit einem gezwungenen Lächeln.

– Ja, das ist artig, wiederholte der Deputirte in überzeugtem Tone. So viel verlangte ich gar nicht ... Mit dieser Empfehlung werden wir weit kommen.

Und da er aus dem benachbarten Salon die Schritte des heimkehrenden Daigremont hörte, fügte er mit leiser Stimme hinzu:

– Lassen Sie mich machen.

Augenscheinlich hatte Huret sehr große Lust, die Universalbank gegründet zu sehen und mit dabei zu sein. Ohne Zweifel hatte er sich schon die Rolle zurechtgelegt, welche er dabei spielen könnte. Er beeilte sich, Daigremont kräftig die Hand zu schütteln und rief mit strahlendem Gesichte und mit fuchtelnden Armen:

– Victoria, Victoria!

– Ach wirklich? erzählen Sie mir das.

– Mein Gott, der große Mann war, wie er sein sollte; er antwortete mir: »Ich wünsche meinem Bruder den besten Erfolg!«

Daigremont war entzückt und fand das Wort reizend. Er wünschte ihm besten Erfolg, damit war Alles gesagt. Das hieß: Wenn er Fiasko macht, lasse ich ihn fallen; wenn er Erfolg hat, will ich ihn unterstützen. Ausgezeichnet, in der That!

– Und, mein lieber Saccard, fügte er hinzu, wir werden Erfolg haben, feien Sie beruhigt. Wir werden Alles aufbieten, um an's Ziel zu gelangen.

Dann, als die drei Männer Platz genommen hatten, um die Hauptpunkte festzustellen, erhob sich Daigremont und ging das Fenster schließen, denn die allmälig angeschwollene Stimme seiner Frau stieß ein Schluchzen von endloser Verzweiflung aus, welches die Herren verhinderte sich zu verständigen. Und selbst als das Fenster schon geschlossen war, begleitete sie dieses unterdrückte Gejammer, während sie beschlossen, ein Kredithaus, die » Universalbank« mit einem Kapital von 25 Millionen, in 50 000 Actien zu 500 Francs eingetheilt, zu gründen. Es war übrigens abgemacht worden, daß Daigremont, Huret, Saccard, der Marquis Bohain und noch einige ihrer Freunde ein Syndicat bilden, welches vier Fünftel der Actien, d. i. 40 000 Stück im voraus nehmen und unter sich austheilen sollte, so daß der Erfolg der Emission gesichert wäre. Sie würben die Titres zurückbehalten, sie auf dem Markt selten machen und so nach ihrem Belieben den Kurs hinauftreiben. Doch die Unterhandlungen drohten in die Brüche zu gehen, als Daigremont eine Prämie von 400 000 Francs forderte, auf die 40 000 Actien zu 10 Francs per Stück zu vertheilen. Saccard protestirte laut und erklärte, es sei ein Unsinn, die Kuh zum Brüllen zu bringen, bevor man sie gemelkt. Der Anfang würde ohnehin schwierig sein, wozu die Lage noch mehr verwirren? Allein als Huret erklärte, die Sache sei ganz natürlich und werde überall so gemacht, mußte Saccard nachgeben.

Sie waren im Begriffe, sich zu trennen und verabredeten ein Zusammentreffen für den nächsten Tag, welchem auch der Ingenieur Hamelin zugezogen werden sollte, als Daigremont sich plötzlich an die Stirne schlug.

– Ach, ich hatte an Kolb ganz vergessen! rief er mit einer Miene der Verzweiflung. Er wird es mir nie verzeihen, er muß mit dabei sein. Mein lieber Saccard, wenn Sie mir gefällig sein wollen, gehen Sie sofort zu ihm, es ist noch nicht 6 Uhr und Sie werden ihn antreffen. Ja, Sie selbst und nicht erst morgen, sondern heute Abends; dies wird ihn rühren und er kann uns nützlich sein.

Saccard machte sich geduldig auf den Weg, weil er wohl wußte, daß die Glückstage sich nicht wiederholen. Doch er hatte abermals seinen Fiaker entlassen, in der Hoffnung heimkehren zu können; und da der Regen endlich aufhören zu wollen schien, ging er zu Fuße, ordentlich froh, wieder einmal das Pflaster von Paris unter seinen Sohlen zu fühlen, dieser Stadt, die er wiederzuerobern gedachte. In der Rue Montmartre begann es wieder zu tröpfeln und dies bestimmte ihn, durch die Passagen zu gehen. Er kam durch die Passage Verdeau, durch die Passage Jouffroy, dann, als er durch die Passage des Panoramas kam und eine Seitengalerie einschlug, um den Weg abzukürzen und die Rue Vivienne zu erreichen, sah er zu seiner Ueberraschung aus einer dunklen Allee Gustave Sédille auftauchen, welcher allsogleich verschwand, ohne sich umgeschaut zu haben.

Saccard blieb stehen und betrachtete das Haus, ein möblirtes Hotel von diskretem Aussehen, als er in einer kleinen blonden, verschleierten Frau, welche jetzt das Haus verließ, positiv Madame Conin, die hübsche Papierhändlerin, erkannte. Hieher also führte sie in ihren Zärtlichkeitsanfällen ihre Eintags-Liebhaber, während ihr gutmüthiger, dicker Mann glaubte, daß sie in der Stadt herumlaufe, um die Rechnungen einzukassiren. Dieser geheimnißvolle Winkel mitten im Stadtviertel war sehr geschickt gewählt und nur ein Zufall hatte ihm ihr Geheimniß verrathen. Saccard lächelte aufgeräumt und beneidete Gustave; Vormittag Germaine Coeur, Nachmittag Madame Conin; der junge Mann fuhr zweispännig. Und er betrachtete sich die Hausthür genau, um sie wieder zu erkennen, denn er fühlte sich versucht, auch von der Frucht zu kosten.

In der Rue Vivienne angekommen und in dem Augenblick, als er bei Kolb eintreten wollte, erbebte Saccard und blieb abermals stehen. Ein leichter, kristallheller Wohllaut, welcher aus dem Erdboden stieg gleich der Stimme der sagenhaften Feen, hüllte ihn ein und er erkannte die Musik des Goldes, das ewige Klingen dieses Stadtviertels des Handels und der Speculation, welches er schon am Morgen vernommen. Der Abend war wie der Morgen, der liebkosende Klang dieser Stimme machte sein Herz aufgehen und schien ihm ein Zeichen von guter Vorbedeutung.

Kolb befand sich eben unten in der Schmelzwerkstätte und Saccard, als Vertrauter des Hauses, ging hinunter, um ihn daselbst aufzusuchen. Im Kellergeschoß, welches breite Gasflammen unablässig erhellten, leerten die beiden Schmelzer mit der Schaufel die mit Zink ausgeschlagenen, au diesem Tage mit spanischen Goldstücken gefüllten Kassen und warfen die Goldmünzen in den großen Schmelzkessel, der auf einem viereckigen Herde stand. Es herrschte in dem Räume eine große Hitze und man mußte inmitten des unter dem niedrigen Gewölbe vibrirenden Goldklanges laut sprechen, um sich zu verständigen. Auf dem Tische des Chemikers waren Goldbarren und Goldziegel aufgereiht, die einen hellen Schimmer von neuem Metall zeigten und von dem Chemiker mit Zeichen versehen wurden. Seit dem Morgen waren in dieser Weise über 6 Millionen eingeschmelzt worden, welche dem Bankier einen Gewinn von kaum 3–400 000 Francs brachten, denn die Goldarbitrage, diese zwischen zwei Kursen realisirbare Differenz, ist sehr minim, bewerthet sich nach Tausendsteln, so daß nur bedeutende Quantitäten geschmolzenen Metalls einen Gewinn abwerfen. Dies erklärte das ewige Klingen und Fließen des Goldes vom Morgen bis zum Abend, von einem Ende des Jahres bis zum andern, in der Tiefe dieses Kellers, wo das Gold in geprägtem Zustande ankam und in Gestalt von Barren wieder fortgeschafft wurde, um wieder in der Form von Münzen anzukommen und wieder in der Form von Barren abzugehen, endlos, mit dem einzigen Zwecke, in den Händen des Kaufmanns einige Bruchstücke Gold zurückzulassen.

Als Kolb, ein kleiner, sehr brauner Mann, dessen Adlernase inmitten seines großen Bartes die jüdische Abstammung verrieth, den Antrag Saccard's verstanden hatte. welcher in dem Goldklang kaum zu hören war, nahm er sofort an.

– Vortrefflich! rief er, sehr erfreut, mit dabei zu sein, wenn Daigremont dabei ist. Ich danke Ihnen, daß Sie sich bemüht haben.

Doch sie hörten sich kaum und schwiegen denn. Sie verblieben noch eine Weile da, ganz betäubt von diesem sehr hellen und unablässigen Geräusch, in welchem ihr Fleisch erbebte, wie von einer auf den Violinen ausgehaltenen allzu hohen Note.

Draußen war wieder schönes Wetter, ein milder Maiabend. Trotzdem nahm Saccard einen Wagen, denn er fühlte sich ermüdet. Es war ein schwerer, aber gut ausgefüllter Tag.

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