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Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 13
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typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
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XII.

Die Vorbereitung des Prozesses ging so langsam von Statten, daß seit der Verhaftung Saccards und Hamelins schon sieben Monate verflossen waren, ohne daß für die Angelegenheit ein Termin angesetzt werden konnte. Man war in der Mitte des Monats September und Madame Caroline, die ihren Bruder jede Woche zweimal besuchte, sollte sich eines Montags, gegen drei Uhr, nach der Conciergerie begeben. Sie sprach niemals Saccards Namen aus; auf seine dringenden Bitten, ihn zu besuchen, welche er ihr hatte übermitteln lassen, hatte sie zehnmal mit einer formellen Weigerung geantwortet. Für sie, die sich in ihren starren Gerechtigkeitssinn einhüllte, existirte er nicht mehr. Und sie hoffte noch immer ihren Bruder zu retten; an den Besuchstagen war sie völlig heiter und froh, ihm über ihre neuesten Schritte berichten und einen dicken Strauß seiner Lieblingsblumen bringen zu können.

Am Morgen jenes Montags bereitete sie ein Bündel rother Nelken vor, als die alte Sophie, die Magd der Fürstin Orviedo herunterkam, um ihr zu sagen, daß ihre Herrin sie sogleich zu sprechen wünsche. Erstaunt, von einer unbestimmten Unruhe ergriffen beeilte sie sich hinaufzugehen. Seit mehreren Monaten hatte sie die Fürstin nicht mehr gesehen, seitdem sie, nach der Katastrophe der Universalbank, ihre Stelle als Sekretärin der Arbeits-Stiftung niedergelegt hatte. Sie ging auch in die Anstalt nur von Zeit zu Zeit, um Victor zu besuchen, den die strenge Zucht jetzt zu bändigen schien, mit seinem zu Boden gesenkten Blick, seiner linken Wange, die stärker war als die rechte und das Gesicht zu einem wilden Grinsen verzerrte. Sie hatte sogleich die Ahnung, daß man sie wegen Victors rufen ließ.

Die Fürstin Orviedo war endlich ruinirt. Nicht ganz zehn Jahre hatten ihr genügt, um den Armen die dreihundert Millionen zurückzugeben, welche sie von dem Fürsten geerbt und welche dieser aus den Taschen der leichtgläubigen Aktionäre gestohlen hatte. Wenn sie zuerst fünf Jahre gebraucht hatte, um in unsinnigen Wohlthätigkeitswerken die ersten hundert Millionen auszugeben, so war es ihr in weiteren vierundeinhalb Jahren gelungen, die anderen zweihundert Millionen in Stiftungen von einem noch mehr auserlesenen Luxus anzulegen. Der Arbeits-Stiftung, dem Kleinkinderheim zur heiligen Maria, dem Waisenhause zum heiligen Joseph, dem Asyl zu Châtillon und dem Krankenhause Saint-Marceau fügte sie eine Musterfarm bei Evreux hinzu, dann zwei Häuser für wiedergenesende Kinder am Ufer des Aermelkanals, ein Schutzhaus für Greise in Nizza, Hospize, Arbeitsstädte, Bibliotheken und Schulen in allen Gegenden Frankreichs; ungerechnet ihre bedeutenden Schenkungen an schon existirende Wohlthätigkeitswerke. Dabei waltete stets die nämliche Absicht fürstlicher Wiedererstattung; es war nicht ein aus Mitleid oder Furcht den Armen hingeworfenes Stück Brod, sondern die Freude am Leben, der Ueberfluß, alles Schöne und Gute den Bedürftigen gegeben, die nichts haben, den Schwachen, welchen die Starken ihren Antheil an der Freude gestohlen haben; endlich weit geöffnete Paläste für die Straßenbettler, damit auch sie auf seidenen Kissen schlafen und aus goldenen Gefäßen essen. Zehn Jahre hindurch hatte der Millionenregen nicht aufgehört und es entstanden Speisesäle mit Marmorwänden, Schlafsäle mit hellen, freundlich anheimelnden Malereien, Façaden so monumental wie diejenigen des Louvre, Gärten mit seltenen Pflanzen; es waren zehn Jahre voll großartiger Arbeiten, mit einem unglaublichen Gewimmel von Unternehmern und Architekten. Und die Fürstin war glücklich, gehoben durch das beseligende Bewußtsein, künftig reine Hände zu haben, ohne einen Centime. Sie hatte sogar das erstaunliche Resultat erlangt in Schulden zu gerathen; man verfolgte sie wegen rückständiger Rechnungen im Betrage von einigen hunderttausend Francs und es wollte ihrem Advokaten und ihrem Notar nicht gelingen, diese Summe noch aufzubringen aus den letzten Trümmern des kolossalen Vermögens, welches in Werken der Mildthätigkeit nach allen Winden verstreut worden. Und ein Zettel, der am Hausthor hing, kündigte den Verkauf des Hôtels an; es war der Kehraus, welcher die letzten Spuren des verdammten Geldes hinwegfegen sollte, jenes Geldes, das vom finanziellen Räuberthum aus Koth und Blut gesammelt worden.

Oben erwartete die alte Sophie Madame Caroline, um sie einzuführen. Die Dienerin war wüthend und brummte den ganzen Tag. Ach, sie hat es vorausgesagt, daß die Fürstin im Elend endigen werde! Sie hätte sich wiederverheirathen und mit einem andern Herrn Kinder haben sollen, da sie im Grunde nur die Kinder liebte. Nicht als ob sie selbst, Sophie, sich zu beklagen oder zu beunruhigen Ursache hatte; denn sie hatte längst ihre Rente von zweitausend Francs erhalten, welche sie in ihrer Heimath, in der Nähe von Angoulème verzehren wird. Aber der Zorn riß sie fort, wenn sie daran dachte, daß ihre Herrin sich nicht einmal die wenigen Sous zurückbehalten, um sich jeden Morgen ihre Milch und ihr Brod zu kaufen, welche jetzt ihre Nahrung bildeten. Es gab zwischen ihnen fortwährend Streit. Die Fürstin hatte nur ihr Lächeln himmlischer Zuversicht und erwiderte, sie werde am Schlusse des Monats nur eines Grabtuches bedürfen, wenn sie in das Kloster eingetreten sein wird, wo sie sich längst ihren Platz bezeichnet hatte, in das von der ganzen Welt abgeschlossene Kloster der Karmeliterinen. Die Ruhe, die ewige Ruhe!

Madame Caroline fand die Fürstin so, wie sie dieselbe seit vier Jahren gesehen, bekleidet mit ihrer ewigen schwarzen Robe, die Haare unter einem Spitzentuche verborgen, noch immer hübsch trotz ihrer neununddreißig Jahre, mit ihrem runden Antlitz und ihren Perlenzähnen; aber die Gesichtsfarbe war gelb, das Fleisch todt, wie nach zehn Jahren Klosterleben. Und das Zimmer, dem Bureau eines Gerichtsvollziehers in der Provinz gleichend, hatte sich mit einem unentwirrbaren Haufen von Papieren gefüllt, Pläne, Denkschriften, Aktenfaszikel, all' das papierne Gerümpel, welches die Verstreuung von dreihundert Millionen zurückgelassen.

– Madame, sagte die Fürstin mit ihrer milden und langsamen Stimme, welche keinerlei Erregung mehr zittern machte, ich habe Ihnen eine Nachricht mittheilen wollen, welche ich heute Morgens erhalten ... Es handelt sich um Victor, den Jungen, welchen Sie in der Arbeits-Stiftung untergebracht haben ...

Madame Caroline fühlte ihr Herz schmerzlich pochen. Ach, das erbärmliche Kind, welches sein Vater – trotz seiner Versprechungen – nicht einmal besucht hatte, während der wenigen Monate, daß er von seiner Existenz Kenntniß hatte, bevor er in der Conciergerie eingekerkert wurde! Was wird nunmehr aus ihm werden? Und sie, die sich ein Verbot an Saccard zu denken auferlegte, ward immer wieder an ihn erinnert und in ihrer angenommenen Mutterschaft jetzt so grausam gekränkt.

– Furchtbare Dinge haben sich gestern ereignet, fuhr die Fürstin fort; ein Verbrechen, das nicht wieder gut zu machen ist.

Und sie erzählte, mit ihrer eiskalten Miene, eine furchtbare Geschichte. Victor hatte sich seit drei Tagen auf die Krankenabtheilung bringen lassen, indem er unerträgliche Schmerzen vorgab. Der Arzt hatte zwar vermuthet, daß der Bursche nur aus Trägheit sein Uebel heuchle, allein Victor war in der That durch häufige neuralgische Anfälle geplagt. Gestern Nachmittags fand sich Fräulein Alice von Beauvilliers ohne ihre Mutter in der Anstalt ein, um der Schwester vom Dienste bei der Inventarisirung des Arzneien-Schreines zu helfen. Dieser Schrein befand sich in dem Raume, welcher das Krankenzimmer der Mädchen vom Krankenzimmer der Knaben trennt, in welch' letzterem sich bloß Victor allein, in einem der Betten befand. Als die Schwester, die sich für einige Augenblicke entfernt hatte, in das Zimmer zurückkehrte, fand sie zu ihrer Ueberraschung das Fräulein von Beauvilliers nicht da. Sie wartete eine kurze Zeit und begann sie dann zu suchen. Ihr Erstaunen wuchs noch, als sie feststellen konnte, daß die Thür des Krankenzimmers der Knaben von innen verschlossen war. Was ging denn vor? Sie mußte einen Umweg über den Korridor machen und sie war entsetzt, niedergeschmettert bei dem Anblick, der sich ihr darbot: das junge Mädchen lag halb erdrosselt da, mit einer um das Gesicht gewundenen Serviette, um ihre Schreie zu ersticken, mit zurückgeschlagenen Röcken, ihre magere Nacktheit einer bleichsüchtigen Jungfrau zeigend, mit einer unfläthigen Brutalität genothzüchtigt, befleckt. Am Boden lag ein leeres Geldtäschchen. Victor war verschwunden. Und man konnte sich die ganze Scene vergegenwärtigen: Alice trat, vielleicht gerufen, in das Krankenzimmer ein, um diesem fünfzehnjährigen Jungen, der behaart war wie ein Mann, eine Schale Milch zu reichen; dann war plötzlich die Gier des Ungeheuers für dieses schwächliche Fleisch, diesen zu langen Hals erwacht und das Thier im Hemde stürzte sich auf das Mädchen, erstickte seine Schreie, warf es auf das Bett wie einen Lappen, nothzüchtigte und bestahl es; schließlich warf sich der Erbärmliche in seine Kleider und entfloh. Aber wie viele dunkle Punkte, wie viele verblüffende und unlösbare Fragen tauchten da noch auf! Wie war es möglich, daß man nichts hörte, kein Geräusch eines Ringens, nicht eine Klage? Wie konnten so furchtbare Dinge so rasch, in kaum zehn Minuten sich ereignen? Und hauptsächlich: wie hatte Victor entkommen, spurlos verschwinden können? Denn man gelangte nach den genauesten Nachforschungen zu der Erkenntniß, daß er nicht mehr im Hause war. Er mußte durch den Bädersaal entkommen sein, welcher auf den Korridor ging und in welchem ein Fenster sich auf eine Reihe von staffelförmig sich erhebenden Dächern öffnete, die bis zum Boulevard reichten. Und selbst dieser Weg bot so große Gefahren dar, daß Viele nicht glauben wollten, ein menschliches Wesen könne diesen Weg einschlagen. Alice war zu ihrer Mutter gebracht worden und hütete seither das Bett, zermalmt, schier wahnsinnig, immerfort schluchzend und von Fieberschauern geschüttelt.

Madame Caroline hörte diese Erzählung mit solchem Entsetzen, daß ihr schien, als würde alles Blut ihres Herzens erstarren. Eine Erinnerung tauchte in ihr auf, furchtbar in ihrer Aehnlichkeit: Saccard, wie er einst die jämmerliche Rosalie auf einer Treppenstufe vergewaltigte und ihr die Schulter verrenkte in dem Augenblicke, wo dieses Kind empfangen wurde, welches davon gleichsam eine zerdrückte Wange behielt; und heute entehrte Victor seinerseits das erste Mädchen, welches das Schicksal in seine Gewalt lieferte. Welche unnütze Grausamkeit des Geschickes! Dieses so sanftmüthige Mädchen, der trostlose letzte Sproß eines Geschlechtes, auf dem Punkte sich Gott zu weihen, da sie keinen Gatten finden konnte, wie alle anderen! ... Hatte dieses blöde, abscheuliche Zusammentreffen einen Sinn? Warum mußte dieses Wesen an jenem anderen Wesen zerschellen?

– Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, Madame, schloß die Fürstin, denn es wäre ungerecht, Ihnen die mindeste Verantwortlichkeit zuzumessen. Aber, ich muß sagen: Sie hatten da einen furchtbaren Schützling.

Und als ob unausgesprochen eine Ideenverbindung sich in ihr vollzogen hätte, fügte sie hinzu:

– Nicht ungestraft lebt man in gewissen Umgebungen ... Ich selbst hatte die größten Gewissens-Skrupel; ich fühlte mich mitschuldig, als neulich diese Bank in Trümmer ging und so viele Ruinen und so viel Unrecht aufhäufte. Ja, ich hätte es nicht zugeben sollen, daß mein Haus die Wiege einer solchen Abscheulichkeit werde ... Aber schließlich ist das Uebel geschehen; das Haus wird gesäubert werden und ich ... ach, ich bin nicht mehr; Gott wird mir verzeihen.

Ihr schwaches Lächeln einer endlich verwirklichten Hoffnung erschien wieder auf ihren Lippen; mit einer Handbewegung gab sie zu verstehen, daß sie für immer aus der Welt verschwinde, wie eine unsichtbare gütige Göttin.

Madame Caroline ergriff ihre Hände und drückte sie und küßte sie, dermaßen durchrüttelt von Gewissensbissen und von Mitleid, daß sie nur zusammenhangslose Worte stammeln konnte.

– Sie thun unrecht, wenn Sie mich entschuldigen, ich bin strafbar ... Ich will das unglückliche Mädchen sehen; ich eile sogleich zu ihr ...

Sie ging fort und ließ die Fürstin und ihre alte Magd Sophie allein. Und diese begannen ihre Fahrnisse zu packen für die große Reise, welche, nach vierzigjährigem Zusammenleben, sie für immer trennen sollte.

Vor zwei Tagen, am Samstag, hatte die Gräfin von Beauvilliers sich entschlossen, ihr Hôtel ihren Gläubigern zu überlassen. Seit sechs Monaten bezahlte sie die Zinsen nicht mehr und die Lage war unerträglich geworden inmitten der Kosten jeder Art, unter der unaufhörlichen Drohung einer gerichtlichen Feilbietung. Ihr Advokat hatte ihr den Rath gegeben, Alles im Stiche zu lassen, sich in eine kleine Wohnung zurückzuziehen, wo sie mit geringen Kosten leben konnte, während er trachten würde ihre Schulden zu liquidiren. Und sie würde nicht nachgegeben haben, sie würde sich vielleicht daran geklammert haben ihren Rang zu behaupten, ihre trügerische Existenz eines unangetasteten Vermögens fortzuführen, bis ihr Geschlecht unter dem Einsturze des Gebälks vernichtet werden würde, wenn nicht ein neues Unglück hinzugekommen wäre, welches sie vollends niederschmetterte. Ihr Sohn Ferdinand, der letzte der Beauvilliers, dieser zu nichts brauchbare, jeder Beschäftigung entfremdete junge Mann, der päpstlicher Zuav geworden war, um seiner Nichtigkeit, seinem Müßiggang zu entrinnen, war in Rom gestorben, ruhmlos, dermaßen blutarm, dermaßen herabgekommen in dem heißen Klima, daß er nicht mitkämpfen hatte können bei Mentana, weil er schon brustkrank, von Fieberschauern ergriffen war. Da gab es nun eine plötzliche Leere in ihr, einen Zusammensturz aller ihrer Gedanken, all' dessen, was sie gewollt hatte, jenes ganzen mühseligen Gerüstes, mit welchem sie seit vielen Jahren so stolz die Ehre ihres Namens aufrecht erhalten hatte. Vierundzwanzig Stunden genügten, ihr Haus hatte Risse bekommen und bitteres Elend starrte aus seinen Trümmern. Das alte Pferd wurde verkauft; nur die Köchin blieb zurück und besorgte mit schmutziger Schürze ihre Einkäufe, indem sie um zwei Sous Butter und einen Liter dürre Bohnen nachhause brachte; die Gräfin aber sah man auf der Gasse in kothbefleckten Kleidern, mit Schuhen, in welche das Wasser eindrang. Das war die Armuth, welche über Nacht hereingebrochen; das Unglück hatte selbst den Stolz der Gräfin vernichtet, die im Kampfe gegen ihr Jahrhundert so tiefen Glauben an die längstvergangenen Tage gehegt hatte. Sie zog sich mit ihrer Tochter in die Rue de la Tour-des-Dames zurück, zu einer früheren Putzhändlerin, die mit der Zeit zu einer Frömmlerin geworden und an Priester möblirte Zimmer vermiethete. Dort bewohnten sie beide ein großes, kahles Zimmer, welches von ihrem würdigen und traurigen Elend zeugte und dessen Hintergrund von einem geschlossenen Alkoven eingenommen wurde. Zwei kleine Betten füllten den Alkoven und wenn man den Rahmen, der mit denselben Tapeten überzogen war, wie die Wände, schloß, konnte man das Zimmer in einen Salon verwandeln. Diese günstige Anordnung hatte sie einigermaßen getröstet.

Es waren aber noch kaum zwei Stunden verstrichen, seit die Gräfin Beauvilliers sich hier eingerichtet hatte, am Samstag, als ein unerwarteter, außergewöhnlicher Besuch sie wieder in Angst versetzte. Alice war glücklicherweise soeben hinuntergegangen, um etwas zu besorgen. Es war Busch mit seinem platten, schmutzigen Gesicht, mit seinem fettfleckigen Ueberrock, seiner weißen, gleich einem Strick zusammengerollten Halsbinde; Busch, dessen Spürsinn die Minute für geeignet fand, jenen Schein von zehntausend Francs, welchen der Graf vor Jahren der Léonie Cron unterzeichnet hatte, einlösen zu lassen. Mit einem Blick auf die Wohnung hatte er die Lage der Wittwe erkannt: sollte er vielleicht zu lange gezögert haben? Und als ein Mensch, der unter Umständen auch der Höflichkeit und Geduld fähig ist, trug er der bestürzten Gräfin lang und breit den Fall vor. Dies sei doch wohl, – nicht wahr, – die Schrift ihres Gatten, was den Thatbestand deutlich feststellte: es handle sich um eine Leidenschaft des Grafen für das junge Mädchen, um ein Mittel, sie zuerst zu besitzen und sich ihrer dann zu entledigen. Er verheimlichte ihr auch nicht, daß sie – wie er glaubt – nachdem seither fast fünfzehn Jahre verstrichen waren, im Sinne der Gesetze nicht verpflichtet sei zu zahlen. Er, der bloß der Vertreter seiner Klientin ist, wisse jedoch, daß diese entschlossen sei, zu den Gerichten ihre Zuflucht zu nehmen und den schrecklichsten Skandal heraufzubeschwören, wenn sie keine Abfindung erhalten sollte. Als die Gräfin, der diese wieder zum Leben erwachte schreckliche Vergangenheit das Herz zusammenschnürte, bleichen Gesichtes ihrer Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß man so lange gewartet hatte, bevor man sich an sie wandte, erfand er eine Geschichte, daß der Schein verloren gewesen und dann in einem Koffer wiedergefunden worden. Und als sie sich endgiltig weigerte in die Sache einzugehen, entfernte er sich, – immer sehr höflich, – indem er sagte, er werde mit seiner Klientin wiederkehren, nicht am nächsten Tage, da sie am Sonntag das Haus nicht verlassen könne, in welchem sie angestellt ist, aber sicher am Montag oder Dienstag.

Montag, nach dem fürchterlichen Ereigniß, welches ihre Tochter betroffen hatte, als man ihr diese im Delirium nachhause brachte und sie mit thränenerfüllten Augen an ihrem Bette wachte, dachte die Gräfin Beauvilliers nicht mehr an jenen schlecht gekleideten Menschen und an seine fürchterliche Erzählung. Endlich war Alice eingeschlummert und ihre Mutter hatte sich erschöpft, durch die harten Schicksalsschläge zu Boden geschmettert, niedergesetzt, als Busch neuerdings eintrat, diesmal in Begleitung von Léonie.

– Madame, hier ist meine Klientin, machen wir ein Ende.

Die Gräfin erbebte, als sie das Mädchen vor sich sah. Sie blickte sie an, wie sie dastand, in grellfarbige Gewänder gekleidet, mit ihren bis zu den Augenbrauen herabfallenden groben, schwarzen Haaren und ihrem breiten, schlaffen Gesichte mit der schmutzigen Niedrigkeit, die sich in ihrem ganzen Wesen widerspiegelte, abgenützt durch zehn Jahre Prostitution. Und die Gräfin litt und blutete in ihrem Frauenstolze, auch jetzt, nach so vielen Jahren der Verzeihung und des Vergessens. Gott, und wegen solcher Kreaturen, welche zu so tiefem Fall bestimmt waren, hat der Graf sie betrogen!

– Machen wir ein Ende, – drängte Busch, – denn meine Klientin hat sehr viel zu thun in der Rue Feydeau.

– Rue Feydeau, wiederholte die Gräfin, ohne etwas zu verstehen.

– Ja, sie ist dort ... sie ist dort in einem Hause. Bestürzt, mit zitternden Händen schloß die Gräfin den Alkoven ganz, da nur ein Flügel der Thür geschlossen war. Alice bewegte sich im Fieber unter der Decke. Wenn sie nur wieder einschlafen würde, damit sie nichts sehen, nichts hören könnte!

Busch begann wieder.

– Verstehen Sie recht, Madame ... Das Fräulein hat mich mit der Regelung der Sache betraut und ich bin einfach ihr Vertreter. Deshalb habe ich gewünscht, sie möge persönlich kommen, ihre Forderung zu begründen ... Nun, Léonie, erklären Sie die Sache.

Die Dirne fühlte sich unbehaglich und konnte sich nicht recht in die Rolle finden, welche er sie spielen ließ. Sie erhob ihre großen, trüben Augen, welche denen eines geprügelten Hundes glichen, zu ihm empor. Aber die Hoffnung auf die tausend Gulden, welche er ihr versprochen hatte, war entscheidend. Mit ihrer rauhen, infolge des Alkoholgenusses heiser gewordenen Stimme begann sie zu sprechen, während er den vom Grafen ausgestellten Schein wieder auseinanderfaltete und vor sich ausbreitete.

– Ja, es ist so, das ist das Papier, welches Herr Charles mir unterzeichnet hat ... Ich war die Tochter des Fuhrmannes Cron, Cron's des Hahnreis, wie man ihn nannte, – Sie wissen es wohl, Madame ... Herr Charles war immer an meine Röcke geheftet und verlangte von mir allerhand Unfläthigkeiten. Mich langweilte das. Wenn man jung ist, dann weiß man von nichts, nicht wahr, und man ist nicht artig zu den Alten. Und dann hat Herr Charles mir das Papier unterzeichnet, eines Abends, als er mich in den Stall führte.

Aufrecht, mit gemartertem Gesichtsausdruck ließ die Gräfin sie reden, bis sie aus dem Alkoven einen Klageruf zu hören vermeinte. Sie machte eine angsterfüllte Geberde.

– Schweigen Sie!

Aber Léonie war im Zuge und wollte beenden.

– Das ist doch nicht schön, ein tugendhaftes junges Mädchen zu verführen, wenn man nicht zahlen will ... Ja, Madame, Ihr Herr Charles war ein Dieb. Das sagen alle Frauen, denen ich die Geschichte erzähle. Und ich bürge Ihnen, daß ich dieses Geld werth war.

– Schweigen Sie! Schweigen Sie! schrie die Gräfin, in Wuth gerathen, ihre beiden Arme erhebend, wie um die Dirne zu zerschmettern, wenn sie weiter reden wollte.

Léonie hatte Angst, sie hob den Ellenbogen, um ihr Gesicht zu vertheidigen, mit der instinktiven Bewegung einer Dirne, die an Ohrfeigen gewöhnt ist. Es herrschte eine schreckliche Stille, während aus dem Alkoven ein neuer Klageruf, ein Geräusch wie von erstickten Thränen in das Zimmer zu dringen schien.

– Was wollen Sie also? fragte endlich die Gräfin, am ganzen Leibe zitternd und ihre Stimme dämpfend.

Hier trat Busch dazwischen.

– Das Mädchen will bezahlt werden, Madame. Und sie hat Recht, die Unglückliche, wenn sie sagt, daß der Herr Graf Beauvilliers an ihr sehr schlecht gehandelt hat. Das war einfach eine Gaunerei.

– Nie werde ich eine solche Schuld bezahlen!

– Dann werden wir sogleich einen Wagen nehmen und uns zu Gericht begeben, wo ich eine im vorhinein fertiggestellte Klage einreichen werde ... Hier ist sie. Alle Thatsachen, welche das Fräulein erzählt hat, sind angeführt.

– Mein Herr, das ist eine abscheuliche Erpressung; Sie werden das nicht thun!

– Ich bitte um Entschuldigung, Madame, ich werde es sofort thun. Geschäfte sind eben Geschäfte.

Die Gräfin wurde von einer unermeßlichen Mattigkeit, einer äußersten Entmuthigung ergriffen. Der Rest von Stolz welcher sie noch aufrecht erhalten hatte, war gebrochen, und ihre ganze Heftigkeit, ihre ganze Kraft verließen sie. Sie faltete die Hände und stammelte:

– Aber Sie sehen doch, wie weit wir gekommen sind. Sehen Sie doch dieses Zimmer! Wir haben nichts mehr, morgen werden wir vielleicht nicht einmal zu essen haben. Woher soll ich das Geld nehmen, mein Gott, zehntausend Francs!

Busch lächelte wie ein Mann, der gewohnt ist, aus solchen Ruinen Gewinn zu fischen.

– O, solche Damen haben immer Hilfsquellen. Wenn man nur recht sucht, so findet man auch.

Seit einigen Augenblicken hatte er mit seinen lauernden Augen ein auf dem Kamin stehendes Schmuckkästchen erblickt, welches die Gräfin diesen Morgen, beim Auspacken eines Koffers, dort stehen gelassen hatte, und er witterte in diesem Kästchen mit der Gewißheit des Instinkts Edelsteine. Sein Blick leuchtete in solchem Glanze, daß die Gräfin die Richtung desselben verfolgte und begriff was er meinte.

– Nein, nein, rief sie. Den Schmuck, – nie!

Und sie ergriff das Kästchen, wie um es zu vertheidigen. Diese letzten Schmucksachen, die so lange Eigenthum der Familie gewesen, diese wenigen Schmucksachen, welche sie auch inmitten der größten Verlegenheiten bewahrt hatte, als einzige Mitgift ihrer Tochter, und welche in dieser Stunde ihre letzte Hilfsquelle blieben.

– Nie, lieber gebe ich mein Blut her!

In diesem Augenblicke wurde die Aufmerksamkeit abgelenkt; Madame Caroline klopfte an der Thüre und trat ins Zimmer. Sie war ganz verstört und blieb betroffen stehen angesichts der Scene, in welche sie hineingerathen war. Mit einigen Worten bat sie die Gräfin, sich nicht stören zu lassen, und sie wäre ohne Zweifel fortgegangen, wenn sie nicht die flehende Geberde der Gräfin gesehen hätte, welche sie zu verstehen glaubte. Regungslos zog sie sich in den Hintergrund des Zimmers zurück.

Busch setzte wieder seinen Hut auf, während Léonie, die sich immer unbehaglicher fühlte, zur Thüre trat.

– Dann, Madame, bleibt uns nichts übrig, als uns zu entfernen.

Aber, er entfernte sich nicht. Er wiederholte die ganze Geschichte in noch schimpflicheren Ausdrücken, als ob er die Gräfin noch mehr demüthigen wollte, vor der Neuangekommenen, vor dieser Dame, gegen die er sich benahm, als würde er sie nicht kennen, wie dies seine Gewohnheit war, wenn er sich in Geschäften befand.

– Leben Sie wohl, Madame, wir gehen von hier geradenwegs zum Gericht. Die Geschichte wird mit allen ihren Einzelheiten in den Blättern stehen, bevor drei Tage vergehen. Sie haben es so gewollt!

In den Blättern! Dieser schreckliche Skandal auf den Trümmern ihres Hauses! So war es also nicht genug, daß der alte Reichthum in Staub zerfallen war, mußte Alles in den Koth rollen! Ach, so möge doch wenigstens die Ehre des Namens gerettet werden! Und mit einer mechanischen Bewegung öffnete sie das Kästchen. Die Ohrgehänge, das Armband, drei Ringe wurden sichtbar, Brillanten und Rubinen in ihren alten Fassungen.

Busch hatte sich rasch genähert. Seine Augen nahmen einen zärtlichen, einschmeichelnd-sanften Ausdruck an.

– O, sie sind nicht zehntausend Francs werth. Erlauben Sie mir, sie anzusehen.

Er hatte bereits die Schmucksachen in den Händen, wandte sie hin und her und erhob sie mit seinen dicken, zitternden Fingern in die Höhe, gleich einem Liebhaber, voll sinnlicher Leidenschaft für Edelsteine. Die Reinheit der Rubinen besonders schien ihn in ein Entzücken zu versetzen. Diese alten Brillanten, wenn auch ihr Schliff manchmal ungeschickt ist, sind doch von einem wunderbaren Wasser!

– Sechstausend Francs, sagte er mit der rauhen Stimme eines öffentlichen Taxators, seine Bewegung hinter dieser Schätzungs-Ziffer verbergend. Ich rechne bloß die Steine, die Fassungen sind höchstens zum Einschmelzen gut. Nun, wir würden uns schließlich mit sechstausend Francs begnügen.

Aber das Opfer, welches von der Gräfin gefordert wurde, war zu groß. Ihre Heftigkeit erwachte wieder, sie nahm ihm den Schmuck ab und preßte ihn in ihren convulsivisch zitternden Händen. Nein, nein, das war zu viel, zu verlangen, daß sie auch noch diese wenigen Steine in den Abgrund werfe, jene Steine, welche ihre Mutter getragen hatte und welche ihre Tochter am Hochzeitstage tragen sollte. Heiße Thränen füllten ihre Augen und rollten über ihre Wangen, und ihr Schmerz war dermaßen erschütternd, daß Léonie gerührt und ganz verstört vor Mitleid an Busch's Rock zu zerren begann, um ihn zu zwingen, fortzugehen. Sie wollte sich entfernen, denn es that ihr schließlich leid, dieser armen, alten Dame, welche so gütig aussah, so viel Schmerz zu bereiten. Busch blieb kalt, verfolgte die Scene aufmerksam und war nunmehr gewiß, daß er Alles bekommen werde; denn aus seinen langen Erfahrungen wußte er, daß die Thränen bei den Frauen den Zusammenbruch des Willens bedeuten; und so wartete er denn.

Vielleicht hätte sich die schreckliche Scene noch verlängert, wenn in diesem Augenblicke nicht eine entfernte, erstickte Stimme in Schluchzen ausgebrochen wäre. Es war Alice, die aus dem Alkoven rief:

– O Mama, sie tödten mich! ... Gieb ihnen Alles, mögen sie Alles davontragen ... O Mama, sie sollen fortgehen, sie tödten mich, sie tödten mich.

Die Gräfin machte eine Geberde der Verzweiflung, eine Geberde, mit welcher sie vielleicht ihr Leben hingegeben hätte. Ihre Tochter hatte Alles gehört, ihre Tochter starb schier vor Scham. Sie warf den Schmuck Busch hin, ließ ihm kaum Zeit, den Schein des Grafen auf den Tisch niederzulegen und stieß ihn hinaus, der bereits verschwundenen Léonie nach. Dann öffnete sie den Alkoven und warf sich auf Alicens Polster, – sie beide waren nun zu Grunde gerichtet, vernichtet und ihre Thränen vermischten sich miteinander.

Madame Caroline war in ihrer Empörung einen Augenblick im Begriff gewesen dazwischen zu treten. Sollte sie es geschehen lassen, daß dieser Elende die beiden armen Frauen in solcher Weise beraube? Aber sie hatte die schmutzige Geschichte gehört und was hätte man thun können, um den Skandal zu vermeiden? Denn sie wußte, daß dieser Mensch fähig war, seine Drohungen vollständig auszuführen. Sie selbst stand beschämt vor ihm, als Mitschuldige an den Geheimnissen, welche es zwischen ihnen gab. O, welche Leiden, welcher Schmutz! Es ergriff sie eine arge Verlegenheit. Was suchte sie hier, da sie weder ein Wort zu sagen noch Hilfe zu bieten vermochte? Alle Worte, welche ihr auf die Lippen kamen, die Fragen, die einfachsten Anspielungen auf das gestrige Drama erschienen ihr verletzend, bemakelnd, unsagbar vor dem Opfer, welches noch ganz verstört war und in seiner Entehrung schier mit dem Tode rang. Und welche Hilfe hätte sie bieten können, die nicht als ein lächerliches Almosen erschienen wäre, sie, die gleichfalls ruinirt war und schon mit Verlegenheit den Ausgang des Prozesses erwartete? Endlich trat sie näher, die Augen voll Thränen, die Arme geöffnet, voll unendlichen Mitleids und unermeßlicher Rührung, welche sie am ganzen Körper zittern machte. Jene beiden herabgekommenen, vernichteten Geschöpfe dort hinten im einfachen Alkoven einer Miethswohnung waren Alles, was von dem einst so mächtigen, souverainen, alten Geschlechte der Beauvilliers übrig geblieben war. Dieses Geschlecht hatte Ländereien von der Ausdehnung eines Königreiches besessen, zwanzig Meilen der Loire hatten ihm gehört, Schlösser, Wiesen, Felder und Forste. Dann war dieses unermeßliche herrschaftliche Vermögen im Laufe der fortschreitenden Jahrhunderte immer mehr zusammengeschmolzen, und die Gräfin hatte in einem Sturme moderner Spekulation, von welcher sie nichts verstand, die letzten Trümmer dieses Reichthums eingebüßt. Erst verlor sie ihre 20 000 Francs Ersparnisse, die sie Sou um Sou für ihre Tochter beiseite gelegt hatte, dann die 60 000 Francs, welche sie auf les Aublets aufgenommen hatte, und endlich diese ganze Farm selbst. Das Haus in der Rue Saint-Lazare genügte kaum, um die Gläubiger zufrieden zu stellen. Ihr Sohn war fern von ihr einen ruhmlosen Tod gestorben. Ihre Tochter hatte man ihr verletzt, von einem Banditen geschändet zurückgebracht, wie man ein von einem Wagen niedergeführtes Kind blut- und kothbefleckt von der Straße heraufbringt. Und die Gräfin, einst eine so edle Gestalt, schmächtig, groß, ganz weiß, mit ihren gealterten Zügen, sie war nichts mehr als eine arme, alte Frau, welche die Unglücksfälle gebrochen hatten, während Alice, unschön, ohne jede Jugendfrische, in der Unordnung ihres Hemdes ihren anmuthslosen, allzu langen Hals zeigend, mit den Augen einer Wahnsinnigen vor sich hinstarrte, aus welchen man ihren tödtlichen Schmerz und ihren letzten Stolz, ihre geschändete Jungfräulichkeit herauslesen konnte. Und alle beide schluchzten unaufhörlich, schluchzten ohne Ende ...

Madame Caroline sprach kein Wort, sie ergriff bloß die Beiden und preßte sie eng an ihr Herz. Sie fand nichts Anderes, sie weinte also mit ihnen. Und die beiden Unglücklichen verstanden sie, ihre Thränen flossen von Neuem, doch in sanfterer Weise. Wenn auch kein Trost möglich war, mußte man nicht dennoch leben, trotz alldem leben?

Als Madame Caroline wieder auf der Gasse war, bemerkte sie Busch in einem eifrigen Gespräch mit der Méchain. Er hatte einen Wagen angehalten, Léonie hineingeschoben und verschwand nun. Als Madame Caroline davoneilen wollte, schritt die Méchain geradenweges auf sie zu. Ohne Zweifel hatte sie sie erwartet, denn sie begann sofort von Victor zu sprechen, als eine Person, die bereits Kenntniß davon hat, was sich am Abend vorher in der Arbeits-Stiftung ereignet hatte. Seit Saccard sich geweigert, die viertausend Francs zu bezahlen, ließ ihr Zorn nicht nach und fortwährend sann sie auf Mittel, wie sie aus dieser Sache noch Nutzen schlagen könnte; und so hatte sie auch in der Anstalt, wohin sie sich in Anhoffung eines einträglichen Zwischenfalles oft zu begeben pflegte, diese Geschichte erfahren. Sie mußte ihren Plan bereits gefaßt haben, denn sie erklärte Madame Caroline, daß sie sich sofort auf die Suche nach Victor begeben werde. Das unglückliche Kind, es wäre zu schrecklich, es so seinen bösen Trieben zu überlassen, man mußte es zurückholen, wenn man es nicht eines schönen Morgens vor dem Strafgericht sehen wollte. Und während sie sprach, drangen ihre kleinen, in dem fetten Gesicht ganz verschwindenden Augen forschend in die gute Dame ein frohlockend, daß diese so erschüttert war; und sie sagte sich, daß sie von dem Tage angefangen, an welchem sie den Knaben gefunden haben wird, abermals Hundertsousstücke aus ihrer Tasche ziehen werde.

– Also, Madame sind einverstanden, ich werde mich mit der Sache beschäftigen. Falls Sie Neuigkeiten hören wollten, bemühen Sie sich nicht, den Weg bis in die Rue Mercadet zu machen, kommen Sie nur zu Busch in die Rue Feydeau, wo Sie mich jeden Tag gegen vier Uhr ganz sicher antreffen können.

Madame Caroline kehrte in die Rue Saint-Lazare zurück, von einer neuen Angst gequält. Es ist wahr: welches erbliche Uebel wird dieses von der Welt verlassene, herumirrende, herumgehetzte Ungeheuer gleich einem gefräßigen Wolf inmitten der Massen zu befriedigen trachten! Sie nahm rasch ihr Frühstück und bestellte einen Wagen. Bevor sie sich in die Conciergerie begab, wollte sie noch in die Anstalt eilen, brennend vor Begierde, Informationen über ihn zu erhalten. Unterwegs bemächtigte sich ihrer in dem Fieber, in welchem sie sich befand, eine Idee: sich zuerst zu Maxime zu begeben, ihn nach der Arbeits-Stiftung zu führen, ihn zu zwingen, sich mit Victor zu beschäftigen, der ja doch schließlich sein Bruder war. Er allein war reich geblieben, er allein konnte helfen, konnte sich mit der Sache in wirksamer Weise befassen.

Als jedoch Madame Caroline auf der Avenue de l'Impèratrice, im Vestibul des kleinen, luxuriösen Hôtels angelangt war, fühlte sie sich gleichsam zu Eis erstarrt. Tapezierer waren damit beschäftigt, die Tapeten und Teppiche zu entfernen, Diener legten den Stühlen und Kronleuchtern Ueberzüge an; von allen den hübschen Sachen, die auf den Möbeln umherlagen, ging ein welker Geruch aus, gleich dem Duft eines Bouquets, das am Tage nach einem Ball weggeworfen wird. Im Hintergrunde des Schlafzimmers fand sie Maxime, zwischen zwei riesigen Koffern, welche der Kammerdiener soeben mit einer wundervollen Ausstattung gefüllt hatte, reich und zierlich wie für eine Neuvermählte.

Als er sie bemerkte, sprach er sie zuerst an, mit kalter, trockener Stimme.

– Ah, Sie sind es? Sie kommen gerade zur rechten Zeit, ich brauche Ihnen nun wenigstens nicht zu schreiben ... Ich bin der Geschichte satt, ich reise ab.

– Wie, Sie reisen?

– Ja, ich reise heute Abend ab, ich werde mich in Neapel niederlassen und den Winter dort verbringen.

Dann, nachdem er den Kammerdiener mit einer Handbewegung hinausgeschickt hatte, fuhr er fort:

– Glauben Sie vielleicht, daß es sehr vergnüglich ist, seit sechs Monaten einen Vater in der Conciergerie zu haben! Ich habe wirklich keine Lust, noch länger hier zu bleiben, um ihn dann vielleicht noch in einer Strafanstalt zu sehen ... Ich, der ich das Reisen so verabscheue! Aber schließlich ist es in Neapel schön, ich nehme mit, was unerläßlich nöthig ist, vielleicht werde ich mich nicht allzusehr langweilen.

Sie betrachtete ihn, wie er in so korrekter Haltung, mit seiner hübschen Gestalt vor ihr stand; sie blickte auf die überfüllten Koffer, in welchen sich kein Hemd einer Gattin oder Geliebten befand, wo Alles nur von dem Kult seines Ichs zeugte, und trotzdem wagte sie es, ihre Absicht zur Sprache zu bringen.

– Ich wollte Sie noch um einen Dienst bitten ...

Sie erzählte ihm die Geschichte. Victor war ein Bandit geworden, welcher schändete und stahl, Victor war entflohen und war aller Verbrechen fähig.

– Wir dürfen ihn nicht verlassen. Kommen Sie mit mir, vereinigen wir unsere Bemühungen ...

Er ließ sie nicht beenden. Bleich, mit ängstlichem Zittern stand er da, als ob sich irgend eine mörderische, unfläthige Hand auf seine Schulter gelegt hätte.

– Nun, Das hat noch gefehlt! ... Einen Dieb zum Vater, einen Mörder zum Bruder zu haben! Ich habe schon zu lange gezögert, ich wollte schon vorige Woche verreisen. Aber das ist ja abscheulich, abscheulich, einen Menschen wie mich in eine solche Lage zu versetzen.

Als sie bei der Sache beharrte, wurde er unverschämt.

– Lassen Sie mich in Ruhe! Wenn dieses Leben voll Kummer Ihnen angenehm ist, so bleiben Sie dabei. Ich habe Sie gewarnt, es geschieht Ihnen Recht, wenn Sie jetzt weinen ... Was mich betrifft, so möchte ich, bevor ich eines meiner Haare hergäbe, diese ganze abscheuliche Sippe in die Gosse fegen.

Sie hatte sich erhoben.

– Also Adieu!

– Adieu!

Während sie sich entfernte, sah sie noch, wie er den Kammerdiener herbeirief und die sorgfältige Verpackung seines Toilette-Geräthes überwachte, dessen einzelne Stücke von vergoldetem Silber die feinste Arbeit zeigten, besonders aber das Waschbecken, auf welchem ein Reigen von Liebesgöttern eingravirt war. Während dieser Mensch fortzog, um sich unter der hellen Sonne von Neapel einem Leben der Trägheit und des Vergessens hinzugeben, erschien ihr im Geiste plötzlich der Andere, wie er an einem finsteren Abend, im Thauwetter, hungrig, mit dem Messer in der Hand, in irgend einem Gäßchen von La Vilette oder Charonne herumstrich. War das nicht eine Antwort auf die Frage, ob nicht das Geld die Erziehung, die Gesundheit, die Klugheit bedeute? Da unter der Oberfläche derselbe menschliche Schmutz zurückbleibt: beschränkt sich vielleicht die ganze Civilisation auf die Ueberlegenheit in der Fähigkeit gut zu riechen und gut zu leben?

Als Madame Caroline in der Arbeits-Stiftung anlangte, wurde sie von einer eigenthümlichen Empfindung innerer Empörung gegen den riesigen Luxus dieser Anstalt ergriffen. Wozu waren diese beiden majestätischen Flügel, die Wohnungen der Knaben und die der Mädchen, verbunden durch den monumentalen Trakt, welchen die Verwaltung einnahm? Wozu waren diese Höfe so groß wie Gärten, das Fayencegeschirr in den Küchen, der Marmor in den Speisesälen, die Treppenhäuser, die Gänge, groß genug für den Dienst eines Palastes? Wozu war dieses ganze großartige Werk der Nächstenliebe, wenn es unmöglich war, an dieser geräumigen und gesunden Stätte ein auf Irrwege gerathenes Wesen wieder aufzurichten, aus einem Kinde mit bösen Trieben einen gesunden Menschen von geradem Verstande zu machen? Sie begab sich sofort zum Direktor und bedrängte ihn mit Fragen, indem sie selbst die geringsten Einzelheiten wissen wollte. Aber das Drama blieb in Dunkel gehüllt und er konnte ihr bloß wiederholen, was sie schon von der Fürstin erfahren hatte. Seit gestern wurden die Nachforschungen im Hause und in der Umgebung fortgesetzt, ohne daß sie zu dem geringsten Resultate geführt hätten. Victor war schon fern und trieb sich in der Stadt herum, im furchtbaren Dunkel des Unbekannten. Er konnte kein Geld haben, denn Alicens Geldtäschchen, welches er geraubt hatte, enthielt bloß drei Francs und vier Sous. Der Direktor hatte es übrigens vermieden, die Polizei in die Geschichte hereinzuziehen, um die armen Gräfinnen Beauvilliers mit dem öffentlichen Skandal zu verschonen, und Caroline dankte ihm und versprach auch ihrerseits keine Schritte bei der Präfektur zu thun, obgleich sie eine brennende Begierde fühlte, etwas Gewisses zu erfahren. In ihrer Verzweiflung darüber, daß sie ebenso unwissend weggehen mußte wie sie gekommen, kam ihr die Idee, in die Krankenstube hinaufzugehen und die Pflegerinnen auszufragen. Aber auch dort erhielt sie keine genaueren Aufschlüsse; sie empfand jedoch in dem kleinen, ruhigen Zimmer, welches die Schlafstuben der Mädchen von denen der Knaben trennte, einige Minuten tiefer Beunruhigung. Froher Lärm tönte ihr ins Ohr, es war gerade Erholungspause, und sie fühlte, daß sie ungerecht war, da es auch glückliche Heilungen gab, welche die freie Luft, das Wohlbefinden und die Arbeit erzielten. Gewiß, es wuchsen da auch gesunde und starke Menschen heran. Ein Bandit im Durchschnitt auf vier bis fünf ehrliche Menschen: das wäre ja schön bei den Zufälligkeiten, welche die erblichen Uebel verschlimmern oder mildern!

Madame Caroline, die von der diensttuenden Schwester einen Augenblick allein gelassen wurde, trat zum Fenster, um dem Spiel der Kinder zuzusehen, als die kristallhellen Stimmen der kleinen Mädchen in der benachbarten Krankenstube ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Die Thüre war halb geöffnet, und so wurde sie Zeugin der Scene, ohne bemerkt zu werden. Diese weiße Krankenstube sah so heiter aus mit ihren weißen Wänden und ihren vier, mit weißen Gardinen umgebenen Betten. Ein breiter Sonnenstrahl vergoldete diese Weiße, es war, als ob Lilien in der lauen Luft sprießen würden. Im ersten Bette, links, erkannte sie Madeleine, jenes kleine Mädchen, welches als Wiedergenesende sich schon hier befand und Früchtenbrödchen aß, als Madame Caroline Victor hergebracht hatte. Sie fiel immer wieder in ihre Krankheit zurück, infolge des Alkoholismus, an dem ihre ganze Familie litt, und war so blutarm, daß sie trotz ihren großen Augen, die denen einer erwachsenen Frau glichen, zart und bleich aussah, wie ein Heiligenbild, auf ein Fenster gemalt. Sie war jetzt dreizehn Jahre alt und stand allein in der Welt, denn ihre Mutter war infolge eines Fußtrittes gestorben, den ihr eines Abends, da sie betrunken war, ein Mann versetzte, weil sie ihm die vereinbarten sechs Sous nicht gegeben hatte. Und sie war es, in ihrem langen, weißen Hemde, mit ihren blonden, offen auf ihre Schultern niederfallenden Haaren, welche, mitten im Bette knieend, den drei kleinen Mädchen, welche die anderen drei Betten einnahmen, ein Gebet lehrte.

– Faltet Eure Hände so und öffnet weit Eure Herzen ...

Die drei kleinen Mädchen knieten gleichfalls inmitten ihrer Betttücher. Zwei derselben waren 8-10 Jahre alt, das dritte noch nicht fünf. In ihren langen, weißen Hemden, mit ihren zarten Händchen und ihren ernsten, begeisterten Gesichtern hätte man sie für kleine Engelein halten können.

– Und Ihr werdet wiederholen, was ich sage. Merkt gut auf. »Mein Gott, lass' geschehen, daß Herr Saccard für seine Güte belohnt werde, daß er ein langes Leben habe und glücklich sei!«

Mit den Stimmen von Cherubim, einem Gezwitscher von liebenswürdig-kindlicher Ungeschicklichkeit wiederholten die vier Mädchen zusammen, in einer inbrünstigen Aufwallung, in welcher sie ihr ganzes kleines Wesen hingaben:

– Mein Gott, lass' geschehen, daß Herr Saccard für seine Güte belohnt werde, daß er ein langes Leben habe und glücklich sei!

Mit zorniger Geberde schickte sich Madame Caroline an, in das Zimmer einzutreten, um diesen Kindern Stillschweigen zu gebieten und ihnen Dasjenige zu verwehren, was sie für ein gotteslästerliches und grausames Spiel hielt.

Nein, nein, Saccard hatte nicht das Recht, geliebt zu werden. Es hieß die Kindlichkeit beflecken, wenn man sie für sein Glück beten ließ. Doch ein Schauer hielt sie zurück und Thränen traten ihr in die Augen. Warum sollte sie ihren Streit, den Zorn ihrer Erfahrung diesen unschuldigen Wesen mittheilen, die noch nichts vom Leben wußten? War Saccard nicht gut zu ihnen gewesen? Er, der bei der Gründung dieser Anstalt mitgeholfen und den Kleinen fast alle Tage Spielzeug gesandt hatte? Tiefe Verwirrung hatte sie ergriffen. Sie fand wieder einmal den Beweis, daß es keinen Menschen gebe, und wäre er noch so sehr verdammenswerth, welcher inmitten all' des Bösen, das er verübt haben konnte, nicht auch viel Gutes gethan hätte. Und sie entfernte sich, während die kleinen Mädchen ihr Gebet wieder aufnahmen; sie nahm in ihren Ohren diese Engelsstimmen mit, welche die Segnungen des Himmels auf den gewissenlosen, unglücklichen Menschen herabflehten, dessen wahnsinnige Hände eine ganze Welt in Trümmer gelegt hatten.

Als sie auf dem Boulevard du Palais, vor der Conciergerie, endlich ihren Fiaker verließ, bemerkte sie, daß sie in ihrer Aufregung das für ihren Bruder vorbereitete Nelkenbouquet zu Hause vergessen habe. Eine Blumenhändlerin war da, welche kleine Rosenbouquets um zwei Sous verkaufte; sie nahm ein solches und brachte ihren Bruder Hamelin, welcher die Blumen liebte, zum Lächeln, als sie ihm ihre Unbesonnenheit erzählte. Heute fand sie ihn traurig. In den ersten Wochen seiner Haft hatte er nicht glauben wollen, daß man ernstliche Anklagen gegen ihn erheben könne. Seine Vertheidigung schien ihm sehr einfach: man hatte ihn gegen seinen Willen zum Präsidenten gewählt, er war allen finanziellen Operationen fern geblieben und habe, fast immer von Paris abwesend, auch keinerlei Kontrole ausüben können. Allein, seine Unterredungen mit seinem Vertheidiger und die vergeblichen Schritte, welche Madame Caroline in seinem Interesse that, hatten ihn nachher die furchtbare Verantwortlichkeit erkennen lassen, die auf ihm lastete. Man wird ihn für die mindesten Ungesetzlichkeiten mitverantwortlich machen, man wird niemals zugeben wollen, daß ihm auch nur eine einzige derselben unbekannt gewesen; Saccard riß ihn in eine entehrende Mitschuld hinein. Und da schöpfte er aus seinem ein wenig einfältigen Glauben eines frommen Katholiken eine Resignation, eine Seelenruhe, welche seine Schwester in Erstaunen versetzten. Wenn sie von außen, von ihren angstbeklommenen Wegen, von dieser in Freiheit befindlichen, so trüben und so harten Menschheit kam, war sie ergriffen, ihn so ruhig lächelnd in seiner kahlen Zelle zu sehen, wo er als ein großes, frommes Kind vier grell kolorirte Heiligenbilder an die Wand genagelt hatte, rings um ein kleines Crucifix von schwarzem Holze. Wenn man sich Gott in die Hand gegeben, gibt es keinen inneren Aufruhr mehr, jedes unverdiente Leid ist ein Unterpfand des Heils. Seine einzige Traurigkeit, die ihn zuweilen ergriff, kam daher, daß seine großen Arbeiten unglücklicherweise unterbrochen waren. Wer wird sein Werk wieder aufnehmen, wer wird die Wiedererweckung des Orients durch die Allgemeine Packetschifffahrts-Gesellschaft und durch die Gesellschaft zur Ausbeutung der Silberminen des Karmel so glücklich begonnen, fortsetzen? Wer wird das Eisenbahnnetz von Brussa nach Beyrut und Damaskus, von Smyrna nach Trapezunt ausbauen, diesen Umlauf von jungem Blut in den Adern der alten Welt bewerkstelligen? Doch auch da war er gläubig und sagte, das begonnene Werk könne nicht sterben. Er bedauerte nur den Schmerz, daß nicht er Derjenige war, welchen der Himmel auserkoren, um es zu vollenden. Und seine Stimme brach sich hauptsächlich, wenn er danach forschte, welche Sünden ihn Gott büßen ließ, indem er ihm nicht gestattete, die große katholische Bank zu verwirklichen, welche bestimmt war, die moderne Gesellschaft umzugestalten, diesen Schatz vom heiligen Grabe, welcher dem Papst ein Königthum wiedergeben und schließlich aus allen Völkern eine einzige Nation machen sollte, indem er den Juden die souveraine Macht des Geldes entreißen würde. Er prophezeite diese Bank als ein unvermeidliches und unbesiegbares Werk, er kündigte den Gerechten mit den reinen Händen an, welcher sie eines Tages begründen würde. Und wenn er diesen Nachmittag sorgenvoll schien, so konnte dies nur deshalb sein, weil er in seiner Ruhe eines Gefangenen, aus dem man einen Strafbaren machen wollte, sich gesagt hatte, daß er dieses Gefängniß verlassend niemals die Hände rein genug haben würde, um das große Werk wieder aufzunehmen.

Mit zerstreutem Ohr hörte er, wie seine Schwester ihm erklärte, daß die Stimmung der Blätter für ihn eine günstige zu werden beginne. Dann schaute er mit seinen Augen eines wachen Träumers sie fest an und sagte ohne jeden Uebergang:

– Warum willst Du ihn nicht sehen?

Sie erbebte und begriff, daß er von Saccard sprach. Mit einem Kopfschütteln sagte sie nein und abermals nein. Da entschloß er sich denn und sagte verlegen, mit leiser Stimme:

– Nach Allem, was er für Dich gewesen, kannst Du Dich nicht weigern, ihn zu besuchen.

Mein Gott, er wußte! Eine glühende Röthe überkam sie, sie warf sich dem Bruder in die Arme, um ihr Antlitz an seiner Brust zu verbergen und sie stammelte und fragte, wer ihm die Sache gesagt haben mag, von welcher sie geglaubt, daß sie unbekannt und besonders ihm unbekannt sei.

– Meine arme Caroline, das ist schon lange her ... Anonyme Briefe, abscheuliche Leute, die uns beneideten ... Ich habe Dir niemals davon gesprochen; Du bist frei, wir stimmen in unseren Gedanken nicht mehr überein ... Ich weiß, daß Du die beste Frau der Welt bist. Geh' und besuche ihn.

Heiter und von Neuem lächelnd nahm er das Rosensträußchen wieder, welches er bereits hinter das Kruzifix gesteckt hatte, legte es in ihre Hand und fügte hinzu:

– Nimm, bringe es ihm und sage ihm, daß ich ihm nicht mehr zürne.

Erschüttert von dieser so erbarmungswürdigen Zärtlichkeit ihres Bruders, in der furchtbaren Schmach und der köstlichen Erleichterung, welche sie gleichzeitig fühlte, konnte Madame Caroline nicht länger widerstehen. Ueberdies stand sie schon seit dem Morgen unter dem inneren Drange, Saccard zu besuchen. War es möglich, daß sie ihn von der Flucht Victor's nicht unterrichte und von dem furchtbaren Abenteuer, dessen sie zitternd gedachte? Gleich am ersten Tage hatte er sie auf die Liste derjenigen Personen setzen lassen, die er zu sehen wünschte; als sie nun ihren Namen nannte, wurde sie von einem Wächter sofort in die Zelle des Gefangenen geführt.

Als sie eintrat, wandte Saccard der Thür den Rücken; er saß an einem kleinen Tische, vor ihm lag ein Blatt Papier, welches er mit Ziffern bedeckte.

Er erhob sich lebhaft und stieß einen Freudenruf aus.

– Sie! ... Ach, wie gütig Sie sind und wie sehr freue ich mich!

Er hatte eine ihrer Hände ergriffen; sie lächelte mit verlegener Miene, sehr bewegt, das Wort nicht findend, welches sie hätte sagen sollen. Dann legte sie mit ihrer frei gebliebenen Hand das Rosensträußchen zwischen die mit Ziffern bedeckten Blätter, welche auf dem Tische lagen.

– Sie sind ein Engel, murmelte er entzückt, indem er ihre Finger küßte.

Endlich sprach sie.

– Es ist wahr: es war aus, ich hatte Sie in meinem Herzen verurtheilt. Aber mein Bruder wollte, daß ich komme ...

– Nein, nein, sagen Sie Das nicht! Sagen Sie, daß Sie zu klug, zu gut sind, daß Sie begriffen haben und daß Sie mir verzeihen ...

Sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

– Ich beschwöre Sie, fragen Sie mich nicht so viel. Ich weiß selbst nicht ... Genügt es Ihnen nicht, daß ich gekommen bin? Und überdies habe ich Ihnen eine sehr traurige Sache mitzutheilen.

Halblaut und in einem Zuge erzählte sie ihm den Ausbruch der wilden Instinkte Victors, sein Attentat gegen Fräulein von Beauvilliers, seine seltsame, unerklärliche Flucht, die Erfolglosigkeit der bisherigen Nachforschungen und die geringe Aussicht, die man hatte ihn zu finden. Völlig bestürzt hörte er sie an, ohne eine Frage, ohne eine Bewegung; und als sie schwieg, schwellten zwei große Thränen seine Augen und rollten über seine Wangen, während er stammelte:

– Der Unglückliche ... Der Unglückliche ...

Niemals hatte sie ihn weinen gesehen. Sie war darob verblüfft und ergriffen, so seltsam waren diese Thränen Saccards, grau und schwer, von fern kommend, aus einem verstockten Herzen, wo sie unter einer Jahre lang betriebenen Räuberei vergraben waren.

– Aber Das ist ja furchtbar; ich habe den Jungen nicht einmal umarmt ... Denn Sie wissen, daß ich ihn nicht gesehen habe. Mein Gott, ja, ich hatte geschworen ihn zu besuchen und ich hatte nicht die Zeit dazu, nicht eine freie Stunde, bei den verwünschten Geschäften, die mich aufreiben ... Ach, es ist immer so: Thut man eine Sache nicht sogleich, dann thut man sie gewiß überhaupt nicht mehr ... Und jetzt sind Sie sicher, daß ich ihn nicht sehen kann? Man würde mir ihn hieher führen.

Sie schüttelte den Kopf.

– Wer weiß, wo er jetzt ist, im Dunkel dieses furchtbaren Paris!

Noch einen Augenblick ging er erregt hin und her, abgerissene Sätze vor sich hinbrummend.

– Man findet mir dieses Kind auf und nun verliere ich es von Neuem ... Nimmer werde ich es wiedersehen. Ich habe eben kein Glück, gar kein Glück ... Ach, mein Gott, so war es ja auch mit der Universalbank.

Er hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und auch Madame Caroline ließ sich, ihm gegenüber, auf einen Sessel nieder. Vor ihm lag ein umfangreicher Stoß von Papieren, die er seit zwei Monaten vorbereitete; während seine Hände unter diesen Papieren herumwühlten, begann er vor ihr seinen Prozeß und seine Vertheidigungsmittel auszukramen, als fühlte er das Bedürfniß sich ihr gegenüber zu rechtfertigen. Die Anklage warf ihm vor, er habe unaufhörlich das Aktienkapital erhöht, um den Kurs zu treiben und um glauben zu machen, daß die Gesellschaft im ungeschmälerten Besitze ihrer Fonds sei; ferner, daß Unterzeichnungen und Zahlungen fingirt wurden auf den Conti Sabatani's und Anderer, welche bloß mit Gegenerklärungen zahlten; ferner, daß fiktive Dividenden in der Form einer Liberirung der alten Aktien vertheilt wurden; endlich, daß die Gesellschaft ihre eigenen Aktien gekauft, eine unsinnige Spekulation getrieben habe, welche jene außerordentliche und trügerische Hausse zur Folge hatte, an welcher die Universalbank zugrunde ging, indem sie ihr Gold verschlang. Auf diese Anklagen antwortete er mit redseligen, leidenschaftlichen Erklärungen: er habe gethan, was jeder Bankdirektor thut, nur habe er es im Großen gethan, mit dem Muthe eines geistig überlegenen Mannes. Wenn man diese Anklage logisch durchführen wollte, müßten die Direktoren aller großen Bankhäuser von Paris seine Zelle theilen. Man machte ihn zum Sündenbock für die von Allen begangenen Ungesetzlichkeiten. Und anderseits welche seltsame Art die Verantwortlichkeiten zu bemessen! Warum verfolgte man nicht auch die Verwaltungsräthe, Daigremont, Huret, Bohain, welche nebst ihren fünfzigtausend Francs Präsenzmarken noch zehn Prozent vom Gewinn bezogen und bei allem Spiel mitgethan hatten? Und warum die vollständige Straflosigkeit der Rechnungsrevisoren – unter Anderen Lavignière's – welche sich hinter ihre Unfähigkeit und ihren guten Glauben verstecken durften? Dieser Prozeß drohte augenscheinlich die ungeheuerlichste Ungerechtigkeit zu werden, denn man hätte die Betrugsklage des Busch, welche sich auf unbewiesene Thatsachen stützte, ausscheiden müssen; ebenso war der nach einer oberflächlichen Prüfung der Bücher verfaßte Bericht des gerichtlichen Sachverständigen als von Fehlern strotzend erkannt worden. Warum war dann auf Grund dieser zwei Akten von Amtswegen der Bankerott erklärt worden, da von den Depôts nicht ein Sou unterschlagen worden und alle Klienten ihre Fonds zurückerhalten haben würden? Wollte man nur die Aktionäre zugrunde richten? Dies war allerdings gelungen; das Unheil breitete sich immer weiter aus und gestaltete sich immer schwerer. Und er beschuldigte dafür nicht sich selbst, sondern die Richter, die Regierung, alle Jene, welche sich verschworen hatten ihn zu unterdrücken, um die Universalbank todtzumachen.

– Ach, die Schufte! Hätten sie mich doch in Freiheit belassen! Sie hätten gesehen; sie hätten gesehen!

Madame Caroline betrachtete ihn, ergriffen von seiner Unbewußtheit, die zu einer wahrhaften Größe wurde. Sie erinnerte sich seiner ehemaligen Theorieen von der Nothwendigkeit des Spiels bei allen großen Unternehmungen, wo jeder rechtschaffene Lohn unmöglich ist; sie erinnerte sich, wie er die Spekulation als das menschliche Uebermaß betrachtete, als den nothwendigen Dung, als den Düngerhaufen, auf welchem der Fortschritt gedieh. War nicht er derjenige, der mit seinen skrupellosen Händen in toller Weise die riesige Maschine geheizt hatte, bis sie in Stücke ging und alle Jene verletzte, die sie mit sich riß? Hatte nicht er diesen Kurs von dreitausend Francs haben wollen, diesen unsinnig übertriebenen, blöden Kurs? Eine Gesellschaft mit einem Kapital von hundertfünfzig Millionen, deren dreimalhunderttausend Aktien mit 3000 Francs cotirt, neunhundert Millionen repräsentirten: konnte das gerechtfertigt werden? Und lag nicht eine furchtbare Gefahr in der Vertheilung der kolossalen Dividende, welche eine solche Summe selbst zu dem einfachen Zinsfuß von fünf Prozent erheischte?

Doch er hatte sich erhoben; er ging in dem engen Raume hin und her, mit den ruckweisen Schritten eines eingekerkerten großen Eroberers.

– Ha, die Schurken! Sie wußten wohl, was sie thaten, indem sie mich hier fesselten. Ich war im Zuge zu triumphiren, sie alle niederzuwerfen.

Sie fuhr auf, mit einer Bewegung der Ueberraschung und des Widerspruches.

– Wie? Triumphiren? Aber Sie hatten doch keinen Sou mehr, Sie waren überwunden!

– Augenscheinlich, sagte er bitter; ich war überwunden, ich bin ein Hundsfott ... Nur der Erfolg ist die Rechtschaffenheit, der Ruhm. Man darf sich nicht schlagen lassen, sonst ist man am folgenden Tage nur mehr ein Schwachkopf und ein Gauner ... Ach, ich errathe wohl, was man reden mag, Sie müssen es mir nicht erst wiederholen. Nicht wahr, man nennt mich allgemein einen Dieb; man beschuldigt mich, alle diese Millionen in meine Taschen gesteckt zu haben; man würde mich erwürgen, wenn man mich fressen könnte; und, was noch schlimmer ist, man zuckt mitleidig mit den Achseln, man sagt, ich sei einfach ein Narr, ein beschränkter Kerl ... Aber denken Sie sich, wenn es mir gelungen wäre! Wenn ich Gundermann untergekriegt, den Markt erobert hätte, wenn ich heute der unbestrittene König des Goldes wäre! Ha, welcher Triumph! Ich wäre ein Held und Paris läge zu meinen Füßen.

Doch sie hielt ihm Stand.

– Sie hatten weder die Gerechtigkeit, noch die Logik für sich, Sie konnten keinen Erfolg haben.

Er war mit einer plötzlichen Bewegung vor ihr stehen geblieben und gerieth in Zorn.

– Keinen Erfolg? Was reden Sie da? Mir hat das Geld gefehlt, das war Alles. Wenn Napoleon am Tage von Waterloo noch hunderttausend Mann in den Tod zu schicken gehabt hätte, dann hätte er auch den Sieg davon getragen und die Welt würde heute ein anderes Gesicht haben. Wenn ich noch einige hundert Millionen gehabt hätte, um sie in den Abgrund zu werfen, dann wäre ich heute der Herr der Welt.

– Aber das ist ja abscheulich! rief sie empört. Was? Sie finden, daß es noch nicht genug Ruinen, noch nicht genug Thränen, noch nicht genug Blut gibt? Sie wollen noch mehr Unheil, noch mehr ausgeplünderte Familien, noch mehr an den Bettelstab gebrachte Leute?

Er nahm seinen hastigen Gang wieder auf, machte eine Geberde überlegener Gleichgiltigkeit und rief:

– Kümmert sich das Leben um Das? Jeder Schritt, den man thut, zermalmt tausende von Existenzen.

Ein Stillschweigen trat ein; sie folgte mit den Blicken seinem Gange und Kälte bemächtigte sich immer mehr ihres Herzens. War das ein Schurke oder war das ein Held? Sie schauerte zusammen und fragte sich, welche Pläne eines besiegten, zur Ohnmacht verurtheilten Heerführers er seit sechs Monaten, seitdem er in dieser Zelle eingeschlossen war, schmieden mochte; und dann erst schaute sie umher und sah die vier kahlen Wände, das kleine eiserne Bett, den Tisch von weichem Holze und die zwei Strohsessel. Er, der inmitten eines glänzenden, verschwenderischen Luxus gelebt hatte!

Aber plötzlich setzte er sich wieder; die Beine waren ihm wie von Müdigkeit gebrochen; und nun sprach er lange, halblaut, in eine Art unwillkürliche Beichte sich versenkend.

– Gundermann hatte entschieden Recht: das Fieber an der Börse taugt nichts ... Ha, wie glücklich ist der Hallunke, daß er weder Blut, noch Nerven mehr hat, weder mit einer Frau schlafen, noch eine Flasche Burgunder trinken kann. Ich glaube übrigens, daß er immer so gewesen, in seinen Adern treibt nur Eis ... Ich bin zu leidenschaftlich, das ist offenbar. Der Grund meiner Niederlage ist nicht anderswo zu suchen; das ist's, weshalb ich mir so oft die Glieder gebrochen habe. Und ich muß hinzufügen, daß wenn meine Leidenschaft mich tödtet, meine Leidenschaft es auch ist, die mich am Leben erhält. Ja, die Leidenschaft reißt mich fort, sie läßt mich wachsen, treibt mich in die Höhe; dann schlägt sie mich nieder, zerstört mit einem Schlage mein ganzes Werk. Genießen heißt vielleicht nur sich aufzehren ... In der That, wenn ich an diese vier Jahre des Kampfes zurückdenke, sehe ich klar, daß Alles was mich verrathen hat, Alles ist, was ich begehrt und besessen habe. Der Schlag muß unheilbar sein. Ich bin verloren.

Da bemächtigte sich seiner eine Wuth gegen seinen Besieger.

– Ach, dieser Gundermann, dieser schmutzige Jude, der triumphirt, weil er keine Begierden hat! ... Das ganze Judenthum ist verkörpert in diesem hartnäckigen, kalten Eroberer, der das souveräne Königthum über die Welt erstrebt, inmitten der Völker, die einzeln durch die Allmacht des Goldes erkauft werden. Seit Jahrhunderten schon währt der Sieg dieser Race über uns, trotz der Fußtritte und trotz der Anspeiungen, die ihr zutheil wird. Er hat schon eine Milliarde; er wird deren zwei, zehn, hundert haben, er wird eines Tages der Herr der Welt sein ... Seit Jahren schon stoße ich diese Warnungsrufe aus, aber es scheint, daß mich Niemand hört; man glaubt, es sei der Aerger eines Börsenmannes, während es der Schrei meines Blutes ist. Ja, den Judenhaß habe ich seit langer Zeit her in der Haut, in allen Wurzeln meines Wesens!

– Welch' eine seltsame Sache, murmelte ruhig Madame Caroline mit ihrem weitreichenden Wissen, mit ihrer allumfassenden Duldsamkeit. Für mich sind die Juden Menschen wie die anderen. Sie halten sich abseits, weil man sie dorthin gedrängt hat.

Saccard, der ihr nicht zugehört hatte, fuhr noch heftiger fort:

– Was mich erbittert, ist, daß ich die Regierungen als Mitschuldige zu den Füßen dieser Hallunken sehe. So hat sich auch das Kaiserreich vollständig an Gundermann verkauft, als ob es unmöglich wäre, ohne das Geld Gundermanns zu regieren! Gewiß, mein Bruder Rougon, der große Mann, hat sich mir gegenüber sehr eklig benommen; denn – ich habe es Ihnen noch nicht gesagt – ich war feig genug, vor der Katastrophe eine Versöhnung mit ihm zu suchen; und wenn ich jetzt hier bin, so ist es nur, weil er es gewollt. Thut nichts; wenn ich ihm lästig bin, möge er sich meiner entledigen; ich werde ihm nur wegen seines Bündnisses mit den schmutzigen Juden zürnen ... Haben Sie an Das gedacht? Die Universalbank erwürgt, damit Gundermann seinen Handel fortsetzen könne! Jede allzu mächtige katholische Bank niedergetreten wie eine gesellschaftliche Gefahr, um den endgiltigen Triumph des Judenthums zu sichern, das uns verschlingen wird, und zwar bald! Ha, Rougon soll sich in Acht nehmen! Er wird zuerst gefressen werden, fortgefegt von dieser Macht, an die er sich klammert, für die er Alles verleugnet. Er spielt ein schlaues Schaukelspiel, macht heute der liberalen Partei, morgen der autoritären Partei Zugeständnisse; aber bei diesem Spiel bricht man schließlich sicher den Hals ... Und da nun Alles kracht, möge Gundermanns Wunsch in Erfüllung gehen; hat er doch vorausgesagt, daß Frankreich geschlagen wird, wenn wir mit Deutschland Krieg bekommen. Wir sind bereit, die Preußen können kommen und unsere Provinzen nehmen.

Mit einer Geberde des Schreckens und des Flehens hieß sie ihn schweigen, als würde er das Strafgericht des Himmels anrufen.

– Nein, nein, reden Sie nicht solche Dinge; Sie haben kein Recht so zu reden. Uebrigens hat Ihr Bruder nichts mit Ihrer Verhaftung gemein. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß der Siegelbewahrer Delcambre Alles gethan hat.

Saccards Zorn legte sich plötzlich.

– Ach, Der rächt sich, sagte er lächelnd.

Sie sah ihn fragend an und er fügte hinzu:

– Ja, es hat sich eine häßliche Geschichte zwischen uns ereignet ... Ich weiß im voraus, daß ich verurtheilt werde.

Ohne Zweifel mißtraute sie der Geschichte, denn sie drang nicht weiter in ihn. Es herrschte ein kurzes Stillschweigen, während dessen er sich seiner Papiere auf dem Tische wieder bemächtigte, völlig seiner fixen Idee hingegeben.

– Es ist liebenswürdig von Ihnen, liebe Freundin, daß Sie gekommen sind und Sie müssen mir versprechen wiederzukommen; denn Sie sind klug und ich will Ihnen gewisse Entwürfe vorlegen ... Ach, wenn ich Geld hätte!

Sie unterbrach ihn lebhaft und ergriff die Gelegenheit, um sich über einen Punkt Aufklärung zu verschaffen, der sie seit Monaten quälte. Was hatte er mit den Millionen gemacht, die er für seinen Theil besitzen mußte? Hatte er sie in das Ausland gesendet, oder am Fuße eines Baumes vergraben, der von ihm allein gekannt war?

– Aber Sie haben ja Geld! sagte sie. Die zwei Millionen von Sadowa, die neun Millionen nach Ihren dreitausend Aktien, wenn Sie dieselben zum Kurse von dreitausend verkauft haben.

– Meine Theure, ich habe nicht einen Sou! rief er.

Und dies war mit so bestimmter, verzweifelter Stimme gesprochen und er blickte sie dabei so überrascht an, daß sie überzeugt war.

– In den mißglückten Geschäften habe ich niemals einen Sou behalten, fuhr er fort. Ich ruinire mich mit den Anderen. Gewiß, ich habe verkauft, aber ich habe auch zurückgekauft und ich wäre arg verlegen, wenn ich Ihnen deutlich erklären sollte, wohin die neun Millionen und die anderen zwei Millionen gegangen sind. Ich glaube, daß meine Rechnung bei dem armen Mazaud mit einer Schuld von dreißig- bis vierzigtausend Francs schloß. Nicht ein Sou ist mir geblieben; es ist der große Kehraus, wie immer.

Sie ward dadurch so sehr erleichtert und so sehr erheitert, daß sie über ihren und ihres Bruders Ruin scherzte.

– So ist es auch uns ergangen; wenn Alles beendet sein wird, bleibt uns nichts und ich weiß nicht, wie wir einen Monat das Leben fristen werden. Ach, Sie erinnern sich, welche Furcht jene neun Millionen mir einjagten, die Sie mir versprochen hatten! Niemals vorher hatte ich in einem solchen Unbehagen gelebt; und welche Erleichterung fühlte ich an dem Tage, wo ich Alles verkaufte, um es der Masse zu überlassen! Selbst die dreimalhunderttausend Francs aus der Erbschaft unserer Tante sind mitgegangen. Das ist nicht sehr gerecht. Aber ich habe es Ihnen ja gesagt: man hängt nicht sonderlich an dem gefundenen Gelde, an dem Gelde, das man nicht erworben hat ... Sie sehen wohl, daß ich jetzt heiter bin und lache!

Er unterbrach sie mit einer hastigen Geberde; er hatte seine Papiere vom Tische genommen und fuchtelte damit in der Luft, wobei er ausrief:

– Lassen Sie Das, wir werden noch reich sein!

– Wieso?

– Glauben Sie, daß ich meine Ideen aufgebe? ...

Seit sechs Monaten arbeite ich hier; ich durchwache ganze Nächte, um Alles wieder aufzubauen. Die Schwachköpfe werfen mir besonders die anticipirte Bilanz vor, indem sie behaupten, daß von den drei Unternehmungen, der vereinigten Packetschifffahrt, dem Silberbergwerk im Karmel und der türkischen Nationalbank, blos die erste die vorhergesehenen Erträgnisse geliefert habe. Gewiß! aber die zwei anderen sind nur zugrunde gegangen, weil ich nicht mehr da war. Aber, wenn sie mich wieder freigelassen haben werden, wenn ich wieder der Herr werde, dann werden Sie sehen ...

Mit einer flehenden Geberde wollte sie ihn hindern weiter zu reden. Er war aufgestanden, erhob sich auf seinen kleinen Beinen und rief mit seiner schrillen Stimme:

– Die Berechnungen sind gemacht, da sind die Ziffern, schauen Sie her! Die Silberminen und die Nationalbank wurden nur so nebenher, gleichsam zum Vergnügen in Aussicht genommen. Wir müssen das weite Netz der Orientbahnen haben und wir müssen den Rest, Jerusalem, Bagdad haben, das ganze Kleinasien wieder erobern; was Napoleon mit seinem Säbel nicht vollbracht hat, werden wir mit unseren Spitzhacken und mit unserem Golde vollbringen ... Wie haben Sie glauben können, daß ich das Spiel aufgebe? Napoleon ist von der Insel Elba zurückgekehrt; ich werde mich nur zu zeigen brauchen und alles Geld von Paris wird sich erheben, um mir zu folgen; und diesesmal wird es kein Waterloo geben, das verbürge ich Ihnen, denn mein Plan ist von einer mathematischen Genauigkeit, bis auf die letzten Centimes vorgesehen. Wir werden endlich diesen unglückseligen Gundermann niedermachen! Ich verlange bloß vierhundert Millionen, vielleicht fünfhundert Millionen und die Welt wird mir gehören!

Es war ihr gelungen seine Hände zu ergreifen und sie schmiegte sich an ihn.

– Nein, nein, schweigen Sie! Sie erschrecken mich! Und gegen ihren Willen verwandelte sich dieser Schrecken in Bewunderung. In dieser erbärmlichen, kahlen, verriegelten, von der Welt abgeschlossenen Zelle hatte sie plötzlich das Gefühl einer überströmenden Kraft, eines Wiedererglänzen des Lebens; es war der ewige Wahn der Hoffnung, die unsterbliche Beharrlichkeit des Menschen. Sie suchte in sich den Zorn, den Abscheu vor den verübten Freveln und sie fand ihn nicht mehr. Hatte sie ihn nicht verurtheilt nach dem nicht wieder gut zu machenden Unheil, dessen Ursache er gewesen? Hatte sie nicht die Strafe, den Tod in der Einsamkeit, in der Verachtung für ihn angerufen? Von Alldem war nichts übrig geblieben, als ihr Haß gegen das Böse und ihr Erbarmen für den Schmerz. Er, mit seiner unbewußten und thätigen Kraft gewann abermals Gewalt über sie, wie die – ohne Zweifel nothwendigen – Mächte der Natur. Und dann, wenn es nur eine weibliche Schwäche war, überließ sie sich ihr mit einem wonnigen Gefühl, ganz und gar ihrer leidvollen Mutterschaft hingegeben, dem unendlichen Bedürfniß nach Liebe, welches bewirkt hatte, daß sie ihn liebe, ohne ihn zu achten, in ihrer durch die Erfahrung erschütterten hohen Klugheit.

– Es ist aus, wiederholte sie mehrere Male, ohne seine Hände loszulassen. Können Sie nicht endlich zur Ruhe kommen?

Dann, als er sich aufrichtete, um mit seinen Lippen ihre weißen Haare zu streifen, deren Löckchen mit jugendlicher Fülle auf ihren Schläfen lagen, hielt sie ihn fest und sagte mit einer Miene absoluter Entschlossenheit und tiefer Traurigkeit, indem sie den Worten ihre volle Bedeutung gab:

– Nein, nein, es ist aus, für immer aus. Ich bin froh, daß ich Sie ein letztes Mal gesehen habe, damit kein Groll zwischen uns bestehen bleibe ... Leben Sie wohl!

Als sie sich entfernte, sah sie ihn neben dem Tische stehen, wirklich ergriffen durch die Trennung, aber schon mit instinktiver Hand die Papiere ordnend, die er in seinem Fieber durcheinander geworfen hatte; und da das kleine Bouquet sich zwischen den Papieren entblättert hatte, schüttelte er diese einzeln und fegte mit den Fingern die Rosenblättchen fort.

Erst drei Monate später, um die Mitte des Monats Dezember, kam die Angelegenheit der Universalbank endlich vor das Tribunal. Sie nahm fünf lange Sitzungen des Zuchtpolizeigerichtes in Anspruch und erregte eine sehr lebhafte Neugierde des Publikums. Die Presse hatte anläßlich dieser Katastrophe einen ungeheuren Lärm geschlagen; ganz außerordentliche Geschichten zirkulirten über die Langsamkeit der Untersuchung. Viel bemerkt wurde die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, ein Meisterwerk von grausamer Logik, in welchem selbst die geringsten Einzelheiten mit unerbittlicher Klarheit gruppirt, ausgenützt und interpretirt waren. Man sagte übrigens allgemein, das Urtheil sei im voraus gefällt. In Wirklichkeit vermochte die offenkundige Thatsache, daß Hamelin in gutem Glauben gehandelt, ferner der Heldenmuth Saccards, welcher fünf Tage hindurch der Anklage Stand hielt, endlich die herrlichen Reden der Vertheidiger nicht verhindern, daß die Richter die beiden Angeklagten zu fünf Jahren Kerker und zu dreitausend Francs Geldbuße verurtheilten. Allein, da sie einen Monat vor der Verhandlung gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden und als auf freiem Fuße befindliche Angeklagte vor dem Tribunal erschienen waren, konnten sie Berufung einlegen und nach vierundzwanzig Stunden Frankreich verlassen. Rougon hatte diese Lösung gefordert, weil er den Verdruß los werden wollte, einen Bruder im Kerker zu haben. Die Polizei selbst überwachte die Abreise Saccards, welcher mit einem Nachtzuge nach Belgien entfloh. An demselben Tage reiste Hamelin nach Rom.

Und abermals verflossen drei Monate; man war im Monat April, Madame Caroline befand sich noch in Paris, wo die Regelung von schier unentwirrbaren Geschäften sie zurückgehalten hatten. Sie bewohnte noch immer die kleine Wohnung im Hôtel Orviedo, welches zum Verkauf angekündigt war. Sie hatte übrigens nunmehr die letzten Schwierigkeiten überwunden und konnte abreisen, allerdings ohne einen Sou in der Tasche, aber auch ohne irgend eine Schuld zurückzulassen; und sie sollte Paris am nächsten Tage verlassen, um sich nach Rom zu begeben, zu ihrem Bruder, der daselbst eine bescheidene Stelle als Ingenieur erlangt hatte. Er hatte ihr geschrieben, daß sie Lektionen finden werde; sie konnten ihr Leben von früher wieder aufnehmen.

Als sie am Morgen dieses letzten Tages, welchen sie in Paris zubringen sollte, sich von ihrem Lager erhob, fühlte sie das Bedürfniß sich nicht zu entfernen, ohne den Versuch zu machen, Nachrichten über Victor zu erhalten. Bisher waren alle Nachforschungen vergeblich geblieben. Allein sie erinnerte sich der Versprechungen der Méchain und sagte sich, daß dieses Weib vielleicht etwas wisse; und es war leicht sie zu befragen, wenn sie gegen vier Uhr sich zu Busch begab. Zuerst wies sie den Gedanken von sich: wozu sollte das, waren denn alle diese Dinge nicht todt und begraben? Dann aber hatte sie Herzleid, wie um ein verlorenes Kind, dessen Grab sie vor ihrem Scheiden nicht mit Blumen geschmückt haben würde. Um vier Uhr ging sie nach der Rue Feydeau.

Die auf den Flur gehenden beiden Thüren waren offen; aus der finsteren Küche vernahm man ein heftiges Zischen von siedendem Wasser, während auf der anderen Seite, in dem engen Kabinet, die Méchain in dem Lehnstuhle des Busch saß, mitten in einem Haufen von Papieren versinkend, welche sie in riesigen Bündeln aus ihrer alten, ledernen Handtasche hervorzog.

– Ach, Sie sind's, gute Frau! Sie kommen gerade in einer traurigen Minute. Herr Siegmund liegt im Sterben und der arme Herr Busch verliert darüber völlig den Kopf, so sehr liebt er seinen Bruder. Er läuft wie ein Narr herum; jetzt ist er wieder fort, um einen Arzt zu holen ... Sie sehen, ich bin genöthigt mich mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, denn seit acht Tagen hat er kein Papier mehr gekauft, noch eine Schuldforderung geprüft. Glücklicherweise habe ich soeben einen Glückskauf gemacht, der den lieben Mann ein wenig trösten wird, wenn er wieder zur Besinnung kommt.

Madame Caroline war betroffen und vergaß, daß sie wegen Victors gekommen war, denn sie hatte in den Papieren, welche die Méchain mit vollen Händen aus ihrem Ledersack holte, deklassirte Aktien der Universalbank erkannt. Der Sack war bis zum Bersten voll damit und sie holte noch immer solche Aktien hervor, wobei sie freudig schwatzte.

– Da haben Sie: Alldas habe ich für zweihundertfünfzig Francs erstanden; es sind an 5000 Stück, so daß das Stück auf einen Sou zu stehen kommt. Ein Sou! Aktien, die mit dreitausend Francs kotirt waren! Sie sind auf den Werth von Makulaturpapier gesunken ... Aber sie sind dennoch mehr werth; wir werden sie mindestens um zehn Sous verkaufen, denn sie werden von falliten Leuten gesucht. Sie begreifen: sie hatten einen so guten Ruf, daß sie in einer Konkursmasse noch gute Figur machen. Es ist geradezu vornehm, als ein Opfer dieser Katastrophe zu gelten. Kurz, ich hatte einen außerordentlichen Glücksfall; ich hatte die Grube gewittert, wo seit der großen Börsenschlacht diese Waare schlummerte; ein Schwachkopf, der schlecht unterrichtet war, hat mir Das für einen Pappenstiel überlassen. Und Sie können sich denken, daß ich darüber hergefallen bin. Ich habe nicht viel Umstände gemacht und rasch zugegriffen.

Und sie freute sich, als Raubvogel der Schlachtfelder der Finanzwelt; ihre ungeheure Gestalt schwitzte die unfläthige Nahrung aus, mit der sie sich mästete, während ihre kurzen, gekrümmten Finger unter diesen Todten herumwühlten, unter diesen werthlosen, bereits vergilbten Aktien, welche einen widerlichen Geruch ausströmten.

Doch jetzt ward eine ungeduldige, tiefe Stimme vernehmbar, welche aus dem Nachbarzimmer kam, dessen Thür weit offen stand, wie die beiden Flurthüren.

– Herr Siegmund fängt wieder zu reden an. Seit dem Morgen redet er unaufhörlich ... Mein Gott, und ich habe an das heiße Wasser vergessen. Er soll allerlei Kräuter-Absude bekommen. Gute Frau, weil Sie schon da sind, schauen Sie doch nach, ob er nicht etwas verlangt.

Die Méchain eilte in die Küche, während Madame Caroline, von dem Leid angezogen, in das Zimmer trat. Der kahle Raum wurde durch die Aprilsonne erhellt, von welcher ein Strahl gerade auf den kleinen Tisch von weichem Holze fiel, der mit Notizen, umfangreichen Schriftenbündeln angefüllt war, welche die Arbeit von zehn Jahren in sich bargen; und es war noch immer nichts Anderes da, als die zwei Strohsessel und die wenigen Bücher auf den Brettern. In dem engen eisernen Bette saß Siegmund, mit einem rothen Flanellhemde bekleidet, an drei Polster gelehnt, und sprach unaufhörlich, unter dem Eindruck jener seltsamen cerebralen Ueberreizung, welche zuweilen dem Tode der Lungenkranken vorausgeht. Er war im Delirium und hatte Augenblicke außerordentlicher Klarheit; seine maßlos erweiterten Augen in dem abgemagerten, von langen, lockigen Blondhaaren eingerahmten Gesichte, blickten fragend in die Leere.

Als Madame Caroline eintrat, schien er sie sogleich zu erkennen, obgleich sie einander niemals begegnet waren.

– Ach, Sie sind's, Madame ... Ich habe Sie gesehen und rief Sie mit allen meinen Kräften herbei. Kommen Sie, kommen Sie näher, daß ich Ihnen mit leiser Stimme sage ...

Trotz des ängstlichen Bebens, welches sie befiel, trat sie näher; sie mußte sich auf einen Sessel niederlassen, der knapp am Bette stand.

– Ich wußte nicht, aber ich weiß jetzt. Mein Bruder verkauft Papiere und ich habe hier, in seinem Kabinet, weinen gehört ... Mein Bruder! Ach, mir war, als wäre mir ein glühendes Eisen durch das Herz gefahren. Jawohl, dieses Gefühl ist mir in der Brust zurückgeblieben und es brennt da noch immer; denn das Geld, das Leid der armen Leute ist abscheulich! ... Wenn ich todt bin, wird mein Bruder meine Papiere verkaufen und ich will nicht, ich will nicht ...

Seine Stimme erhob sich allmälig zu einer Bitte.

– Schauen Sie, Madame, da sind sie, auf dem Tische. Reichen Sie sie mir, damit wir ein Packet daraus machen; und Sie werden sie mitnehmen, Sie werden Alles mitnehmen ... Oh, ich rief Sie, ich erwartete Sie! Meine Papiere verloren – das hieße die Vernichtung meines Lebenswerkes, der Frucht so vieler Forschungen und Anstrengungen!

Und als sie zögerte ihm zu reichen, was er verlangte, legte er bittend die Hände zusammen.

– Ich bitte Sie darum! Lassen Sie mich sehen, ehe ich sterbe, ob sie vollzählig da sind ... Mein Bruder ist nicht zuhause, er wird nicht sagen, daß ich mich tödte ... Ich bitte Sie ...

Nun gab sie seinen dringenden Bitten nach.

– Sie sehen wohl, daß ich unrecht thue, da Ihr Bruder sagt, dies schade Ihnen.

– Oh nein! Und dann, was liegt daran? Endlich, nach vielen schlaflosen Nächten, ist es mir gelungen, die Gesellschaft der Zukunft aufzurichten. Da ist Alles vorhergesehen, Alles gelöst; es ist die vollständige Gerechtigkeit, das vollständige Glück, insoweit sie erreichbar sind. Wie sehr bedaure ich, daß ich nicht die Zeit fand, das Werk mit den nothwendigen Einzelheiten auszuarbeiten! Aber meine Notizen sind da, vollständig und klassirt. Und, nicht wahr? Sie werden sie retten, damit ein Anderer eines Tages ihnen die endgiltige Form des Buches gebe, welches seinen Weg durch die Welt machen wird ...

Mit seinen langen, mageren Händen hatte er die Papiere genommen und blätterte liebkosend darin herum, wobei in seinen großen, schon trüben Augen sich abermals eine Flamme entzündete. Er sprach sehr schnell, abgehackt und monoton, mit dem Tiktak einer Wanduhrkette, welche das Gewicht fortreißt; es war gleichsam das Geräusch des cerebralen Mechanismus, welcher in der abrollenden Bewegung der Agonie unaufhaltsam arbeitete.

– Ach, wie ich sie sehe, wie sie sich klar vor mir erhebt, die Stadt der Gerechtigkeit und des Glückes! ... Dort arbeiten alle; Jeder verrichtet eine persönliche, gebotene und doch freie Arbeit. Die Nation ist nichts als eine riesige Kooperations-Gesellschaft, die Werkzeuge werden das Eigenthum Aller, die Erzeugnisse werden in geräumigen Hauptspeichern angehäuft. Wer so und so viel nützliche Arbeit geleistet, hat Anspruch auf so und so viel gesellschaftlichen Verbrauch. Die Arbeitsstunde ist der gemeinsame Maßstab; ein Gegenstand ist so viel werth, als er Arbeitsstunden gekostet hat; unter sämmtlichen Erzeugern gibt es nur mehr einen Austausch mittelst Arbeitsbons, und zwar unter der Leitung der Kommunität, ohne eine andere Abgabe, als die einzige Steuer, welche dazu dient, die Erziehung der Kinder, die Ernährung der Greise, die Erneuerung der Werkzeuge, die öffentlichen Arbeiten zu bestreiten ... Es gibt kein Geld mehr und folglich keine Spekulation, keinen Diebstahl, keine abscheuliche Betrügereien, keine durch die Habsucht herbeigeführten Verbrechen mehr. Es wird nicht mehr geschehen, daß die Töchter bloß ihrer Mitgift wegen heimgeführt, daß alte Eltern des Erbes wegen erdrosselt, Reisende ihrer Börse wegen ermordet werden! ... Keine feindseligen Klassen mehr, keine Arbeitgeber und Arbeiter und fortan keine beschränkende Gesetze und keine Tribunale, keine bewaffnete Macht, welche darüber wacht, daß die Einen ungerechterweise Reichthümer anhäufen, während die Anderen Hungers sterben. Keinerlei Müßiggänger mehr und fortan keine Hausbesitzer, welche durch die Miethe ernährt werden, keine Rentiers, welche den Dirnen gleich durch das Glück ausgehalten werden, endlich kein Luxus und kein Elend! Ach, ist das nicht die ideale Gerechtigkeit, die höchste Weisheit? Keine Bevorrechteten und keine Elenden, Jeder sein Wohlergehen durch seine eigene Kraft begründend, der Durchschnitt des menschlichen Glücks!

Er begeisterte sich; seine Stimme nahm einen sanften und gedämpften Klang an, als ob sie sich entfernte, in weiter Höhe verlöre, in der Zukunft, deren Kommen er verkündete.

– Und wenn ich in die Einzelheiten einginge ... Sehen Sie dieses abgesonderte Blatt mit den Randnoten: das ist die Organisation der Familie, der freie Vertrag, die Erziehung und Erhaltung der Kinder der Sorge der Kommunität übertragen ... Doch dies ist nicht die Anarchie. Betrachten Sie diese andere Notiz: da verlange ich ein leitendes Komité für jeden Produktionszweig, damit betraut, die Produktion nach dem Verbrauch zu regeln, indem die wirklichen Bedürfnisse festgestellt werden. Und hier noch ein Detail der Organisation: in den Städten, auf den Feldern werden ganze Heere von gewerblichen Arbeitern, ganze Heere von Feldarbeitern thätig sein unter der Führung von Oberhäuptern, die sie selbst gewählt haben, Vorschriften gehorchend, welche sie sich selbst gegeben haben ... Ich habe hier auch durch annäherungsweise Berechnungen angedeutet, auf wie viel Stunden die Tagesarbeit in zwanzig Jahren wird reduzirt werden können. Dank der großen Zahl von neuen Arbeiterhänden und besonders dank den Maschinen wird man nur vier Stunden, vielleicht nur drei Stunden arbeiten. Und wie viel Zeit wird man behalten, um das Leben zu genießen! Denn das ist keine Kaserne, das ist eine Stadt der Freiheit und des Frohsinns, wo Jeder frei sein Vergnügen wählt und Zeit genug hat, seine berechtigten Begierden zu befriedigen, die Freude zu lieben, stark zu sein, schön zu sein, klug zu sein, seinen Antheil an der unerschöpflichen Natur zu nehmen.

Und er machte eine Rundbewegung in dem erbärmlichen Zimmer, mit welcher er gleichsam von der Welt Besitz ergriff. In dieser Kahlheit, wo er gelebt hatte, in dieser bedürfnißlosen Armuth, in der er starb, vertheilte er mit brüderlicher Hand die Güter der Erde. Das war die allgemeine Glückseligkeit, Alles was gut ist und was er nicht genossen hatte, was er in solcher Weise vertheilte, wohl wissend, daß er es niemals genießen wird. Er hatte seinen Tod beschleunigt, um der leidenden Menschheit dieses letzte Geschenk zu machen. Doch seine Hände irrten tastend unter den zerstreuten Notizen herum, während seine Augen, die nicht mehr sahen, von der Blendung des Todes gefüllt waren, die unendliche Vollkommenheit zu erblicken schienen, jenseits des Lebens, in einem Entzücken, welches sein Antlitz völlig verklärte.

– Ach, welche neue Thätigkeiten! Die ganze Menschheit an der Arbeit, die Hände aller Lebenden damit beschäftigt, die Welt zu verbessern! ... Es gibt keine Sandflächen, keine Sumpfgebiete, keine unbebauten Felder mehr. Die Meerengen sind ausgefüllt, die hemmenden Berge verschwinden, die Wüsten verwandeln sich in fruchtbare Thäler, bewässert von den Bächen, die überall hervorquellen. Kein Wunder ist mehr unausführbar; die großen Arbeiten der antiken Welt zwingen uns nur ein Lächeln ab, so schüchtern und kindisch scheinen sie uns. Die Erde ist endlich bewohnbar ... Der Mensch ist völlig entwickelt, zur Größe herangewachsen, seiner tollen Begierden sich freuend, der wahre Herr geworden. Die Schulen und die Werkstätten sind offen, das Kind wählt frei seine Beschäftigung, welche von seinen Fähigkeiten bestimmt wird. Jahre sind schon vergangen und die Auswahl ist getroffen, dank den strengen Prüfungen. Es genügt nicht mehr, den Unterricht bezahlen zu können, man muß ihn auch auszunützen verstehen. Und so ist Jeder genau nach dem Grade seiner Fähigkeiten beurtheilt und nutzbar gemacht, was eine gerechte Auftheilung der öffentlichen Funktionen nach den Andeutungen der Natur selbst ermöglicht. Jeder für Alle, je nach seinen Kräften ... Ach, die von Arbeitsamkeit und Frohsinn erfüllte Stadt, die ideale Stadt der gesunden Ausnützung der Menschheit, wo das alte Vorurtheil gegen die Handarbeit nicht mehr existirt, wo man einen großen Dichter als Tischler, einen großen Gelehrten als Schlosser beschäftigt sieht! Ach, die glückselige, die siegreiche Stadt, nach der die Menschen seit so vielen Jahrhunderten streben, deren weiße Mauern dort, in weiter Ferne erglänzen ... In weiter Ferne, im Glück, in der blendenden Sonne ...

Seine Augen erblaßten, die letzten Worte wurden nur undeutlich, leise hingehaucht; und sein Kopf sank zurück, das verzückte Lächeln der Lippen bewahrend. Er war todt.

Madame Caroline betrachtete ihn, von Mitleid und Zärtlichkeit ergriffen. Da hatte sie plötzlich die Empfindung, daß hinter ihr ein Sturmwind hereindrang. Es war Busch, der ohne Arzt zurückkehrte, keuchend, von Angst verzehrt; während die Méchain, ihm auf dem Fuße folgend, ihm erklärte, sie habe dem Kranken seinen Labetrunk noch nicht bereiten können, weil das Wasser umgestürzt war. Doch schon hatte er seinen Bruder bemerkt, sein kleines Kind, wie er ihn nannte, auf dem Rücken liegend, unbeweglich, mit offenem Munde und starren Augen; er begriff und stieß ein Geheul aus, wie ein Thier, das getödtet wird. Mit einem Satze hatte er sich auf den Körper geworfen und hatte ihn mit seinen zwei großen Armen emporgehoben, wie um ihm Leben einzuflößen. Dieser furchtbare Goldfresser, der einen Menschen für zehn Sous getödtet haben würde, der das unfläthige Paris so lange abgeschäumt hatte, heulte in seinem scheußlichen Schmerze. Gott, sein kleines Kind, das er gehegt und gepflegt hatte wie eine Mutter! Er wird es fortan nicht mehr haben! Und in einem Anfall wüthender Verzweiflung raffte er die auf dem Bette verstreuten Papiere zusammen, zerriß sie, zertrat sie, als hätte er alle die blöde und eifersüchtige Arbeit vernichten wollen, die ihm seinen Bruder getödtet hatte.

Madame Caroline fühlte jetzt ihr Herz schmelzen. Sie hatte für den Unglücklichen nur mehr ein himmlisches Erbarmen. Aber wo hatte sie so heulen gehört? Schon früher einmal hatte der Schrei menschlichen Leides sie mit einem solchen Schauer durchdrungen. Und nun erinnerte sie sich: es war bei Mazaud, das Geheul der Mutter und der Kinder vor der Leiche des Vaters. Als wäre sie unfähig sich diesem Leid zu entziehen, blieb sie noch eine Weile, um hilfreiche Hand zu bieten. Dann, in dem Augenblick, als sie sich entfernen wollte und sich mit der Méchain in dem engen Geschäftszimmer allein befand, erinnerte sie sich, daß sie gekommen war, um dieses Weib wegen Victors zu befragen. Und sie befragte sie. Ach ja, Victor! Wenn er noch immer lief, mußte er jetzt weit sein. Sie hatte drei Monate lang Paris durchforscht, ohne auch nur eine Spur von ihm zu entdecken. Sie verzichtete darauf; es wird immer früh genug sein, diesen Banditen auf dem Schaffot wiederzufinden. Stumm und starr hörte Madame Caroline sie an. Ja, es war aus; das Ungeheuer rannte durch die Welt, der Zukunft, dem Unbekannten entgegen, wie ein wildes Thier, welches von dem ererbten Gifte schäumt und mit jedem Bisse das Uebel weiter verbreiten mußte.

Draußen, auf dem Trottoir der Rue Feydeau, war Madame Caroline überrascht von der Milde der Luft. Es war fünf Uhr; die Sonne ging an einem Himmel von zarter Reinheit unter und vergoldete in der Ferne die hohen Aushängschilder des Boulevard. Dieser April, so lieblich in seiner wieder erwachenden Jugend, war wie eine Liebkosung, welche ihr ganzes physisches Wesen, bis zum Herzen, berührte. Sie athmete, kräftig, erleichtert, schon glücklicher, mit dem Gefühl der unbesiegbaren Hoffnung, die wiederkehrte und erstarkte. Ohne Zweifel war es der so schöne Tod dieses Träumers, dessen letzter Seufzer seinem Wahn von Gerechtigkeit und Liebe galt, was sie so rührte; denn auch sie hatte von einer Menschheit geträumt, die von der abscheulichen Krankheit des Geldes geläutert wäre. Und sie war wohl auch bewegt von dem Geheul des Andern, von der verzweifelten, blutenden Bruderliebe des Währwolfes, den sie herzlos, der Thränen unfähig geglaubt hatte. Nein, doch nicht; sie war nicht unter dem tröstlichen Eindruck von so viel menschlicher Güte, inmitten so viel Leides weggegangen; sie hatte vielmehr die schließliche Verzweiflung ob des kleinen Ungeheuers mitgenommen, welches entkommen war, durch die Welt dahin rasete, allerwegen den Gährstoff der Verwesung ausstreuend, von welchem die Erde nimmer gesunden konnte. Was soll dann diese wieder erwachende Heiterkeit, die sie ganz und gar durchdrang?

Als Madame Caroline den Boulevard erreicht hatte, wandte sie sich links und verlangsamte ihre Schritte inmitten des Gewühls der Menge. Einen Augenblick blieb sie vor einem kleinen, mit Flieder und Nelken gefüllten Karren stehen, deren kräftiger Duft sie wie in einen Frühlingshauch einhüllt. Und während sie ihren Gang wieder aufnahm, stieg jetzt in ihr die Fluth der Freude, wie aus einer sprudelnden Quelle, welche sie vergeblich zu hindern, mit ihren beiden Händen zu verstopfen gesucht hätte. Sie hatte begriffen, sie wollte nicht. Nein, nein, die abscheulichen Katastrophen waren noch zu frisch im Gedächtniß, sie konnte nicht heiter sein, sich dem ewigen Strom des Lebens überlassen, der sie emporhob. Und sie nöthigte sich ihre Trauer zu bewahren, sie kehrte durch so viele grausame Erinnerungen zur Verzweiflung zurück. Was? nach dem Zusammensturz von Allem, nach einer so furchtbaren Summe Elends würde sie noch gelacht haben! Vergaß sie denn, daß sie mitschuldig war? Und sie führte sich die Thatsachen an, diese und jene und jene andere, welche sie ihr ganzes übriges Leben lang zu beweinen haben würde. Allein, zwischen ihren Fingern, die zusammengepreßt auf ihrem Herzen lagen, ward das Gähren des Lebenssaftes immer stürmischer; der Quell des Lebens überströmte, beseitigte die Hindernisse, um frei zu fließen, warf die Trümmer an die beiden Ufer und erschien hell und siegreich unter der Sonne.

Und von diesem Augenblicke angefangen mußte Madame Caroline sich der unwiderstehlichen Macht der unaufhörlichen Verjüngung überlassen. Wie sie es manchmal lachend gesagt hatte: sie konnte nicht traurig sein. Die Probe war gemacht; sie hatte eben erst den Kelch der Verzweiflung bis auf den Grund geleert und nun erwachte die Hoffnung von Neuem, gebrochen, blutend, aber dennoch lebendig und kräftiger von Minute zu Minute. Gewiß, kein Wahn war ihr geblieben; das Leben war entschieden ungerecht und unedel wie die Natur. Warum denn diese Unvernunft es zu lieben, es zu wollen? warum gleich einem Kinde, welchem man ein immer wieder aufgeschobenes Vergnügen verspricht, auf das ferne, unbekannte Ziel zu rechnen, welchem das Leben uns endlos entgegenführt? Dann, als sie in die Rue de la Chaussée-d'Antin einbog, klügelte sie nicht länger; die Philosophin, die Gelehrte in ihr streckte die Waffen, ermüdet durch das vergebliche Suchen nach Gründen: sie war nur mehr ein Geschöpf, das sich des heiteren Himmels und der warmen Luft freute, das einzige Vergnügen genoß, sich wohlzubefinden, die kleinen Füße fest auf das Trottoir auftreten zu hören. Ach, die Freude am Dasein: gibt es denn im Grunde noch eine andere? Die Freude am Leben, so wie es ist, in seiner Kraft, so abscheulich es auch sei, mit seiner ewigen Hoffnung!

In ihre Wohnung in der Rue Saint-Lazare zurückgekehrt, welche sie am nächsten Tage verlassen sollte, beendigte Madame Caroline das Packen ihrer Koffer; und während sie in dem bereits leeren Plänesaal die Runde machte, bemerkte sie an den Wänden die Entwürfe und die Aquarelle, welche sie im letzten Augenblicke zu einer einzigen Rolle zusammenbinden hatte wollen. Doch vor jedem Blatte blieb sie sinnend stehen, ehe sie die vier Nägel an den vier Ecken entfernte. Sie durchlebte noch einmal die nunmehr so fernen Tage, die sie einst im Orient verbracht hatte, in jenem geliebten Lande, dessen glänzendes Licht sie in sich selbst bewahrt zu haben schien; sie durchlebte die fünf Jahre, die sie in Paris verbracht, jene täglich sich erneuernde Krise, jene tolle Thätigkeit, den ungeheuren Orkan der Millionen, der durch ihr Leben gestürmt und es verwüstet hatte; und sie hatte das Gefühl, wie in den noch warmen Ruinen neues Wachsthum keimte und im Sonnenlichte hervorsproß. Wenn die türkische Nationalbank von der Universalbank mitgerissen worden, so stand die Packetschifffahrts-Gesellschaft aufrecht und gedieh. Sie sah die zauberische Küste von Beyrut, wo mitten unter riesigen Speichern die Verwaltungsgebäude sich erhoben, deren Plan sie soeben abstaubte: Marseille bis vor die Pforten Kleinasiens gerückt, das mittelländische Meer wieder erobert, die Nationen einander näher gebracht, vielleicht mit einander versöhnt. Und was die Karmelschlucht betraf, – dieses Aquarell, welches sie soeben vom Nagel nahm – so wußte sie aus einem jüngst empfangenen Briefe, daß eine ganze Bevölkerung daselbst aus dem Boden wuchs. Das Dorf von fünfhundert Einwohnern, welches anfänglich um die erschlossene Grube entstanden, war jetzt eine Stadt von mehreren tausend Seelen, eine vollständige Zivilisation mit Straßen, Fabriken, Schulen, welche diesen todten und verwilderten Winkel befruchtete. Dann kamen die Tracen, Nivellirungen und Profile der Eisenbahn Brussa-Beyrut über Angora und Aleppo, eine Serie großer Blätter, die sie eines nach dem andern einrollte. Gewiß, es wird noch Jahre dauern, bis man mittelst Dampfkraft über die Joche des Taurus setzen wird; aber schon strömte das Leben allenthalben herbei, der Boden der uralten Wiege wurde mit einer neuen Menschenernte besäet, dort mußte der Fortschritt der nächsten Zukunft gedeihen, mit einer Kraft außerordentlichen Wachsthums, in jenem wunderbaren Klima, unter glühendem Sonnenbrand. War dies nicht das Wiedererwachen einer Welt, eine neue Menschheit, viel weiter ausgebreitet und viel glücklicher?

Jetzt band Madame Caroline mit Hilfe einer starken Schnur das Packet der Pläne zusammen. Ihr Bruder, der sie in Rom erwartete, wo Beide ein neues Leben beginnen wollten, hatte ihr empfohlen, sie mit Sorgfalt zu verpacken; und während sie die Schnüre enger zog, dachte sie an Saccard, der jetzt in Holland war, von Neuem mit einem kolossalen Unternehmen beschäftigt. Es handelte sich diesesmal um die Trockenlegung riesiger Sumpfgebiete; durch ein komplizirtes System von Kanälen sollte dem Meer ein kleines Königreich abgerungen werden. Er hatte Recht: das Geld war bis zum heutigen Tage der Dünger, in welchem die kommende Menschheit gedieh; das vergiftende und zerstörende Geld wurde der Gährstoff alles gesellschaftlichen Wachsthums, die notwendige Düngererde der großen Arbeiten, welche das Dasein erleichterten. Sah sie diesesmal endlich klar? Kam ihre unbezwingliche Hoffnung denn doch von ihrem Glauben an die Nützlichkeit der Anstrengung? Mein Gott! soll es über so vielem aufgewühlten Koth, über so vielen zertretenen Opfern, über all' dem furchtbaren Leid, welches jeder Schritt nach vorwärts der Menschheit kostet, nicht ein dunkles, fernes Ziel geben, etwas Höheres, was gut ist und gerecht und endgiltig, welchem wir entgegen gehen ohne es zu wissen und welches unser Herz von dem beharrlichen Bedürfniß zu leben und zu hoffen schwellen läßt?

Und Madame Caroline war heiter trotz Alledem, mit ihrem stets lächelnden Antlitz, unter ihrem Kranz von weißen Haaren, als hätte sie sich auf dieser alten Erde mit jedem April verjüngt. Und bei der Erinnerung an die Schande, welche ihr Verhältniß mit Saccard ihr verursachte, dachte sie an den furchtbaren Schmutz, mit welchem man auch die Liebe befleckt hat. Warum soll man das Geld für alle die Unfläthigkeiten und alle die Verbrechen, deren Ursache es ist, büßen lassen? Ist die Liebe weniger besudelt, sie, die das Leben zeugt?

 

Ende.

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