Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emile Zola >

Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110605
projectid91af0931
Schließen

Navigation:

XI.

In ihrem Entsetzen sandte Madame Caroline noch am Abende desselben Tages eine Depesche an ihren Bruder ab, welcher noch eine Woche in Rom bleiben sollte. Drei Tage später traf Hamelin in Paris ein, um in den Tagen der Gefahr an Ort und Stelle zu sein.

Es gab eine stürmische Auseinandersetzung zwischen Saccard und dem Ingenieur, in der Rue Saint-Lazare, in demselben Plänesaale, wo ehemals die Geschäfts-Unternehmung mit so großer Begeisterung besprochen und beschlossen wurde. Während der drei Tage hatte der Krach an der Börse sich noch viel ernster gestaltet; die Aktien der Universalbank waren Schlag auf Schlag unter pari, auf 430 Francs gefallen; und die Baisse dauerte fort, das Gebäude krachte in allen Fugen, der Verfall machte stündlich Fortschritte.

Madame Caroline hörte stillschweigend zu und vermied es sich in den Streit einzumengen. Sie machte sich selbst Vorwürfe, klagte sich der Mitschuld an, weil sie, nachdem sie den Vorsatz gefaßt die Augen offen zu halten, Alles hatte geschehen lassen. Hätte sie nicht, anstatt einfach ihre Aktien zu verkaufen, um der Hausse Einhalt zu thun, etwas Anderes ersinnen, die Leute warnen, mit einem Worte: handeln müssen? In ihrer Anbetung für ihren Bruder blutete ihr Herz, als sie ihn so kompromittirt sah inmitten seiner großen Arbeiten, die nunmehr erschüttert waren, inmitten des ganzen Werkes seines Lebens, welches nunmehr wieder in Frage gestellt war; und sie litt umsomehr, als sie sich nicht berechtigt fühlte Saccard zu verurtheilen: hatte sie ihn nicht geliebt? gehörte sie nicht ihm kraft jenes geheimen Bandes, dessen Schmach sie jetzt noch mehr empfand? So zwischen diese beiden Männer gestellt war sie die Beute eines zerstörenden Seelenkampfes. Am Abende der Katastrophe hatte sie Saccard mit Vorwürfen überhäuft, von ihrem Freimuth fortgerissen, ihr Herz erleichternd von allen den Anklagen und Besorgnissen, die sich seit langer Zeit darin angehäuft hatten. Dann, als sie ihn lächeln sah, zäh und ungebrochen trotz Alledem, als sie überlegte, daß er stark sein müsse um aufrecht zu bleiben, hatte sie sich gesagt, daß sie, nachdem sie sich ihm gegenüber schwach gezeigt, nicht berechtigt sei, ihn, den am Boden Liegenden, vollends todtzumachen. Und in ihrem Stillschweigen Zuflucht suchend, auf den in ihrer stummen Haltung liegenden Tadel sich beschränkend wollte sie nur Zeugin sein.

Hamelin aber, sonst so versöhnlich, so gleichgiltig gegen Alles, was nicht seine Arbeiten betraf, gerieth diesesmal in Zorn. Er verurtheilte das Spiel mit außerordentlicher Heftigkeit; die Universalbank erliege dem Spielwahnsinn, einem Anfall absoluter Verrücktheit. Gewiß, er gehörte nicht zu Jenen, die da behaupten, eine Bank könne ihre Aktien sinken lassen, wie beispielsweise eine Eisenbahn-Gesellschaft; eine Eisenbahn hat ihr riesiges Material, welches ihr die Einnahmen bringt, während das wahre Material einer Bank ihr Kredit ist; wenn ihr Kredit wankt, beginnt ihr Todeskampf. Allein, es gilt Maß zu halten. Wenn es nothwendig, ja klug ist, die Kurse auf 2000 zu erhalten, so ist es unsinnig und strafbar, sie auf 3000 und darüber treiben zu wollen. Sogleich nach seiner Ankunft forderte er die Wahrheit, die ganze Wahrheit. Man konnte ihm jetzt nichts mehr vorlügen, man konnte ihm nicht mehr sagen, daß die Gesellschaft keine einzige ihrer Aktien besitze, wie er in der letzten Generalversammlung geduldet hatte, daß man in seiner Gegenwart dies erkläre. Die Bücher waren da, er durchschaute leicht alle Lügen derselben. So das Conto Sabatani; er wußte, daß hinter diesem Strohmann sich die von der Gesellschaft geflossenen Geschäfte bargen; und er konnte auf diesem Conto, Monat für Monat, das seit zwei Jahren steigende Fieber Saccards verfolgen. Anfänglich ging er behutsam vor, kaufte nur mit Vorsicht, dann wurde er zu immer bedeutenderen Käufen gedrängt, bis er bei der enormen Ziffer von 27 000 Aktien angelangt war, welche nahezu achtundvierzig Millionen gekostet hatten. War es nicht Wahnsinn und eine schamlose Herausforderung der Welt, unter dem Namen eines Sabatani Geschäfte in solcher Höhe zu schließen? Und dieser Sabatani war nicht der Einzige; es gab noch mehr Strohmänner, Angestellte der Bank, selbst Verwaltungsräthe, deren Käufe, auf den Report-Conto gesetzt, zwanzigtausend Stück Aktien überstiegen, welche gleichfalls nahezu achtundvierzig Millionen repräsentirten; und Alldies waren erst die festen Käufe, welchen man noch die Terminkäufe hinzufügen mußte, welche im Laufe der letzten Jänner-Liquidation abgeschlossen wurden, über zwanzigtausend Aktien für eine Summe von 67 ½ Millionen Francs, deren Lieferung die Universalbank zu übernehmen hatte; und endlich auch noch an der Lyoner Börse zehntausend Stück im Betrage von 24 Millionen. Alldies zusammengerechnet zeigte, daß die Gesellschaft nahezu den vierten Theil ihrer Aktien in Händen hatte und für diese Aktien die furchtbare Summe von zweihundert Millionen bezahlt hatte. Dies war der Abgrund, der sie verschlang.

Thränen des Schmerzes und der Wuth traten Hamelin in die Augen. Er hatte in Rom so glücklich die Grundlagen seiner großen katholischen Bank, des Schatzes vom heiligen Grabe niedergelegt, welche in den kommenden Tagen der Verfolgung ermöglichen sollte, dem Papst einen königlichen Wohnsitz in Jerusalem zu errichten, in der legendären Glorie der heiligen Orte; einer Bank, dazu bestimmt, das neue Königreich von Palästina vor politischen Wirren zu schützen, indem man das Budget desselben, nebst der Garantie der Hilfsmittel des Landes, auf eine ganze Serie von Emissionen basirt, deren Aktien die Christen der ganzen Welt sich streitig machen würden. Und Alldies sank mit einem Schlage in Trümmer wegen des blödsinnigen Spiels! Bei seiner Abreise ließ er eine wunderbare Bilanz zurück, Millionen und Millionen, eine Gesellschaft in so rascher und schöner Blüthe, daß sie das Erstaunen der Welt ausmachte; und bei seiner Rückkehr, kaum einen Monat später, waren die Millionen zerschmolzen, die Gesellschaft am Boden, in Staub verwandelt; und es war nichts mehr da als ein finsteres Loch, einer Brandstätte gleichend. Seine Bestürzung wuchs immer mehr an, er forderte in heftigem Tone Erklärungen; er wollte begreifen, welche geheimnißvolle Macht Saccard dazu getrieben hatte dermaßen gegen den kolossalen Bau zu wüthen, welchen er, Hamelin, aufgerichtet hatte, ihn auf der einen Seite Stein um Stein zu zerstören, während er auf der anderen Seite ihn zu vollenden glaubte.

Saccard antwortete sehr klar, ohne sich zu erzürnen. Nach den ersten Stunden der Aufregung und der Zerknirschung hatte er sich aufgerichtet, seine Festigkeit, seine unbeugsame Zuversicht wiedergefunden. Durch verrätherische Handlungen sei eine furchtbare Katastrophe herbeigeführt worden, aber noch sei nicht Alles verloren, er werde Alles wieder erheben. Und wenn übrigens die Universalbank zu einem so raschen und schönen Gedeihen gelangt war, hatte sie es nicht den Mitteln zu verdanken, welche man ihm jetzt zum Vorwurf machte? Diese Mittel waren: die Schaffung des Syndikats, die successiven Kapitals-Vermehrungen, die beschleunigte Bilanz des letzten Geschäftsjahres, die von der Gesellschaft behaltenen und die später massenhaft ausgekauften Aktien. Alldas gehörte zusammen. Wenn man sich den Erfolg gefallen ließ, mußte man sich auch die Risken gefallen lassen. Wenn man eine Maschine überheizt, kommt es vor, daß sie platzt. Uebrigens gab er keinerlei Fehler zu; er hatte – allerdings mit mehr Muth und Verstand – nur gethan, was jeder Bankdirektor thut; und er gab seine geniale Idee nicht auf, die Riesenidee, sämmtliche Aktien aufzukaufen und Gundermann zu Boden zu schlagen. Es hatte ihm nur das nöthige Geld gefehlt. Jetzt galt es von vorn anzufangen. Eine außerordentliche Generalversammlung wurde für den nächsten Montag einberufen; er behauptete, seiner Aktionäre vollkommen sicher zu sein, er wird von ihnen die unerläßlichen Opfer erlangen; ein Wort von ihm wird genügen, daß Alle ihr Vermögen herbeibringen. Inzwischen wird man das Dasein fristen dank den kleinen Summen, welche die anderen Kredithäuser, die großen Banken, zur Deckung der dringenden Bedürfnisse des Tages jeden Morgen vorschossen, aus Furcht vor einem allzu plötzlichen Zusammenbruch, der auch sie erschüttert haben würde. Ist erst die Krise überwunden, dann wird Alles von Neuem beginnen und von Neuem erstrahlen.

– Aber, warf Hamelin ein, den diese lächelnde Ruhe schon beschwichtigte, sehen Sie in dieser Aushilfe, welche unsere Rivalen uns bieten, nicht eine Taktik, einen Plan, sich vorerst zu schützen und unseren jetzt verzögerten Sturz später zu einem umso tieferen zu machen? Was mich beunruhigt, ist, daß ich Gundermann mit bei der Sache sehe.

In der That hatte Gundermann als Einer der Ersten seine Hilfe angeboten, um die sofortige Falliterklärung hintanzuhalten, mit dem außerordentlich praktischen Sinn eines Mannes, welcher, wenn er nun einmal gezwungen wäre das Haus des Nachbars in Brand zu stecken, sich hinterher beeilen würde, Wasser herbeizuschleppen, damit nicht das ganze Stadtviertel ein Raub der Flammen werde. Er war über Groll und Rache erhaben, er kannte keinen andern Ruhm, als der erste, reichste und klügste Geldhändler der Welt zu sein, nachdem es ihm gelungen war, alle seine Leidenschaften der fortwährenden Vermehrung seines Vermögens zu opfern.

Saccard machte eine ungeduldige Geberde, erbittert durch diesen Beweis der Klugheit und Mäßigung, welchen der Sieger lieferte.

– Ach, Gundermann spielt den Großmüthigen. Er glaubt mit seinem Edelmuth mich zu kränken.

Ein Stillschweigen trat ein und es war Madame Caroline, welche, nachdem sie bisher geschwiegen, den Faden der Unterredung wieder aufnahm:

– Mein Freund, ich habe meinen Bruder zu Ihnen reden lassen, so wie er es thun mußte, in seinem berechtigten Schmerz über alle diese beklagenswerten Dinge. Allein ich sehe unsere Lage klar vor uns. Es scheint mir unmöglich, daß er kompromittirt werde, wenn die Angelegenheit endgiltig eine Wendung zum Schlimmen nehmen sollte. Sie wissen, zu welchem Kurse ich verkauft habe; man wird nicht behaupten dürfen, daß er zur Hausse gedrängt habe, um einen größeren Nutzen von seinen Aktien zu ziehen. Und übrigens, wenn die Katastrophe kommt, wissen wir, was wir zu thun haben. Ich gestehe, ich theile Ihre zuversichtlichen Hoffnungen keineswegs. Allein, Sie haben Recht, man muß kämpfen bis zur letzten Minute und mein Bruder wird Sie gewiß nicht entmuthigen, seien Sie dessen sicher.

Sie war ergriffen, durchdrungen von ihrer Duldsamkeit für diesen so unbeugsam rührigen Menschen; aber sie wollte diese Schwäche nicht zeigen, denn sie konnte sich unmöglich länger über das abscheuliche Werk täuschen, welches er verrichtet hatte und welches er sicherlich von Neuem versuchen würde in seiner Diebesleidenschaft eines skrupellosen Corsars.

– Gewiß, erklärte nun Hamelin seinerseits in müdem, widerstandslosem Tone. Ich werde Ihnen nicht in die Arme fallen, wenn Sie kämpfen, um uns Alle zu retten. Zählen Sie auf mich, wenn ich Ihnen nützlich sein kann.

Und in dieser letzten Stunde, angesichts der furchtbarsten Gefahr beruhigte Saccard die Geschwister noch einmal und gewann sie abermals für sich, indem er sie mit dem vielverheißenden und geheimnißvollen Worte verließ:

– Schlafen Sie ruhig ... Ich darf noch nicht sprechen, aber ich habe die absolute Gewißheit, noch vor dem Ende der nächsten Woche Alles wieder in Fluß zu bringen.

Diesen Satz, welchen er nicht erklären wollte, wiederholte er allen Freunden des Hauses und allen Klienten, welche erschreckt herbeieilten, um sich Raths bei ihm zu holen. Seit drei Tagen hörte dieser Galopp durch sein Arbeitskabinet im Bankgebäude, Rue de Londres, nicht auf. Die Beauvilliers, die Maugendre, Sédille, Dejoie kamen nach der Reihe. Er empfing sie sehr ruhig, mit der Miene eines tapferen Kriegers und mit durchdringenden Worten, welche neue Hoffnungen in ihren Herzen erweckten; und wenn sie davon sprachen, verkaufen zu wollen, sich selbst mit Verlust ihrer Papiere zu entledigen, erzürnte er sich, schrie ihnen zu eine solche Dummheit nicht zu begehen und verpflichtete sich bei seiner Ehre, den Kurs von 2000, ja selbst von 3000 wieder zu erreichen. Und trotz der begangenen Fehler bewahrten Alle ein blindes Vertrauen zu ihm. Man sollte ihn ihnen nur lassen, man sollte ihm die Freiheit einräumen, sie noch weiter zu bestehlen und er werde Alles wieder ins Geleise bringen, er werde sie schließlich Alle reich machen, wie er es geschworen hatte. Wenn vor dem Montag keinerlei Zwischenfall eintritt, wenn man ihm Zeit läßt, die außerordentliche Generalversammlung um sich zu vereinigen, wird er die Universalbank – Niemand zweifelte daran – heil und gesund aus den Trümmern retten.

Saccard hatte an seinen Bruder Rougon gedacht und dies war die allmächtige Hilfe, von welcher er sprach, ohne sich näher erklären zu wollen. Als er dem Verräther Daigremont begegnet war und ihm bittere Vorwürfe gemacht, hatte er von Letzterem keine andere Antwort erlangen können, als die: »Aber, mein Lieber, nicht ich bin Derjenige, der Sie verlassen hat, sondern Ihr Bruder.« Dieser Mann war augenscheinlich im Rechte, er war in das Unternehmen nur unter der Bedingung eingetreten, daß Rougon mit dabei sein würde. Man hatte ihm diesen Rougon in aller Form versprochen, man durfte sich daher nicht darüber verwundern, wenn er in dem Augenblicke sich zurückzog, wo der Minister, weit entfernt, mit dabei zu sein, mit der Universalbank und ihrem Direktor auf dem Kriegsfuße lebte. Das war wenigstens eine Entschuldigung, auf welche sich nichts erwidern ließ. Sehr betroffen von der Antwort Daigremonts hatte Saccard das Gefühl seines ungeheuren Fehlers, seines Zerwürfnisses mit diesem Bruder, der allein ihn vertheidigen, auf jenen unnahbaren Punkt stellen konnte, wo Niemand es wagen würde, ihn vollends zugrunde zu richten, wenn man wissen würde, daß der große Mann hinter ihm steht. Und es war für seinen Stolz eine der schwersten Stunden, wo er sich entschloß den Abgeordneten Huret zu ersuchen, zu seinen Gunsten einzuschreiten. Uebrigens beobachtete er seine drohende Haltung, weigerte sich noch immer zu verschwinden, forderte wie eine ihm gebührende Sache den Beistand Rougons, welcher, wie er sagte, mehr Interesse habe, als er, Saccard selbst, einen Skandal zu vermeiden. Als er am folgenden Tage die von Huret versprochene Antwort erwartete, empfing er blos ein Billet, in welchem man ihm in unbestimmten Ausdrücken jagte, er solle nicht ungeduldig werden und auf einen guten Ausgang zählen, wenn die Umstände sich später nicht ungünstig gestalten würden. Er begnügte sich mit diesen wenigen Zeilen, welche er für ein Versprechen der Neutralität betrachtete.

Die Wahrheit war, daß Rougon den energischen Entschluß gefaßt hatte, mit diesem brandigen Gliede seiner Familie ein Ende zu machen, welches seit Jahren ihm lästig war, indem es ihm ewige Schrecken vor irgend einem unsauberen Handel verursachte, und welches er lieber mit einem muthigen Hieb abtrennen wollte. Wenn die Katastrophe kam, wollte er den Dingen freien Lauf lassen. Da Saccard sich zu einer Selbstverbannung niemals einverstehen würde, war es doch wohl das Einfachste, ihn zur Auswanderung zu zwingen, indem man ihm nach einer ausgiebigen Verurtheilung zur Flucht verhilft. Ein plötzlicher Skandal, ein Kehraus mit eisernem Besen: und Alles würde vorüber sein. Ueberdies war die Stellung des Ministers eine schwierige geworden, seitdem er im gesetzgebenden Körper in einer denkwürdigen Rede erklärt hatte, Frankreich werde es niemals zugeben, daß Italien sich Rom's bemächtige. Sehr beifällig von den Katholiken begrüßt, sehr heftig von dem dritten Stande angegriffen, welcher von Tag zu Tag mächtiger wurde, sah er die Stunde kommen, wo diese Partei, von den liberalen Bonapartisten unterstützt, ihn von der Macht verdrängen würde, wenn er nicht auch ihnen irgend ein Unterpfand geben würde. Dieses Unterpfand sollte, wenn die Umstände es so heischten, die Preisgebung dieser von Rom patronisirten Universalbank sein, welche nachgerade eine beunruhigende Macht geworden. Und was ihn vollends zu seinem Entschluß drängte, war eine geheime Mittheilung seines Kollegen, des Finanzministers, welcher, im Begriffe, eine Anleihe zu schließen, Gundermann und die übrigen jüdischen Bankiers sehr zurückhaltend gefunden hatte; sie hatten ihm zu verstehen gegeben, daß sie insolange kein Geld hergeben wollen, als der Markt für sie so unsicher und den Abenteurern ausgeliefert bleiben würde. Gundermann triumphirte. Lieber die Juden mit ihrem anerkannten Königthum des Geldes, als die ultramontanen Katholiken als Herren der Welt, wenn sie die Könige der Börse wären.

Man erzählte später, daß der Siegelbewahrer Delcambre in seinem unversöhnlichen Groll gegen Saccard seinem Ministerkollegen Rougon an den Puls gefühlt hatte in der Richtung, welche Haltung derselbe in dem Falle einnehmen würde, wenn die Justiz gegen seinen Bruder einzuschreiten haben würde; und daß er als Antwort einfach den Herzensschrei erhalten habe: »Ach, er soll mich von ihm befreien, ich werde ihm sehr dankbar sein!« Nachdem Rougon ihn fallen ließ, war Saccard ein verlorener Mann. Delcambre, der ihn, seitdem er zur Macht gelangt war, nicht mehr aus den Augen ließ, hatte ihn endlich an der Scheidegrenze des Strafgesetzes, am Saume des weiten justiziellen Netzes. Er brauchte nur mehr einen Vorwand zu finden, um seine Gendarmen und Richter gegen ihn loszulassen.

Eines Morgens begab sich Busch wüthend, weil er noch nicht gegen Saccard vorgegangen war, nach dem Justizpalais. Wenn er sich nicht beeilte, würde er jetzt nimmermehr die 4000 Francs von ihm erpressen, welche auf die famose Verpflegsrechnung der Méchain für den kleinen Victor noch rückständig waren. Sein Plan war einfach der, einen furchtbaren Skandal hervorzurufen, indem er Saccard der Sequestration eines Kindes beschuldigen würde; diese Anklage würde ermöglichen, abscheuliche Einzelheiten über die Entehrung der Mutter und über das Verlassen des Kindes an den Tag zu bringen. Ein solcher Prozeß gegen den Direktor der Universalbank inmitten der ungeheuren Aufregung, welche die Krise der Bank eben verursachte, würde sicherlich ganz Paris durchrütteln und Busch hoffte noch immer, daß Saccard bei der ersten Drohung zahlen würde. Allein der Staatsanwalt, der ihn empfing, ein Neffe des Justizministers Delcambre, hörte seine Geschichte mit ungeduldiger Miene an. »Nein, nein!« rief er, »mit solchem Tratsch ist nichts Ernstliches anzufangen, wir haben keinen Gesetzesparagraphen dafür.« Busch kam aus der Fassung und sprach wüthend von seiner langen Geduld, als der Staatsanwalt ihn plötzlich unterbrach, da er ihn sagen hörte, daß er, Busch, die Gutmüthigkeit Saccard gegenüber so weit getrieben habe, Gelder im Report bei der Universalbank anzulegen. Wie, er hatte bei dem sicheren Ruin dieser Bank gefährdetes Geld und er ging gegen diese Anstalt nicht vor! Die Sache war sehr einfach, er habe nur eine Betrugsklage anhängig zu machen; von diesem Augenblick an war die Justiz von fraudulosen Gebahrungen benachrichtigt, welche den Bankerott herbeiführen mußten. Das war der furchtbare Streich, welchen man gegen Saccard führen mußte und nicht die andere Geschichte, das Melodrama eines in Säuferwahnsinn verkommenen Mädchens und eines in der Pfütze herangewachsenen Kindes. Busch hörte mit aufmerksamer und ernster Miene zu, auf diesen neuen Weg gelenkt, zu einer Handlung gedrängt, die ihn nicht hieher geführt hatte, deren entscheidende Folgen er jedoch errieth: die Verhaftung Saccards, ein tödtlicher Streich gegen die Universalbank. Schon die Furcht allein, sein Geld zu verlieren, würde ihn sogleich bestimmt haben. Er verlangte ja nichts Anderes, als Unglücksfälle Anderer, um im trüben Wasser fischen zu können. Indeß zögerte er noch, er verlangte Bedenkzeit und er werde wieder kommen; der Staatsanwalt mußte ihm geradezu die Feder in die Hand drücken und ihn so zwingen, sofort auf seinem Schreibpulte die Betrugsklage aufzusetzen, welche er, als der Mann verabschiedet war, unverzüglich mit glühendem Eifer seinem Oheim, dem Siegelbewahrer überbrachte. Die Angelegenheit war nunmehr fertig.

Am folgenden Tage hatte Saccard in der Bank eine längere Unterredung mit den Rechnungsrevisoren und den gerichtlichen Bevollmächtigten, um die Bilanz festzustellen, welche er der Generalversammlung vorlegen sollte. Trotz der Summen, welche die anderen Finanzinstitute hergeliehen hatten, war man genöthigt gewesen, die Schalter zu schließen und die Zahlungen einzustellen, weil man den immer wachsenden Forderungen nicht genügen konnte. Diese Bank, die einen Monat vorher nahezu zweihundert Millionen in ihren Kassen hatte, konnte dem wahnsinnigen Ansturm ihrer Kundschaft jetzt nicht mehr als einige hunderttausend Francs entgegenstellen. Ein Urtheil des Handelsgerichtes hatte von Amtswegen das Fallissement ausgesprochen in Folge eines summarischen Berichtes, welchen zwei Tage vorher ein mit der Prüfung der Bücher betrauter Sachverständiger unterbreitet hatte. Trotz alledem versprach Saccard in seiner schier unbewußten Zuversicht, mit einem blinden Vertrauen und einem ganz außerordentlichen Muthe noch immer, die Situation zu retten. Gerade an jenem Tage erwartete er von dem Parquet der Wechselagenten die Antwort in Angelegenheit der Fixirung eines Compensationscurses, als der Thürsteher eintrat und ihm meldete, drei Herren seien in dem benachbarten Salon, die ihn zu sprechen wünschen. Dies war vielleicht das erwartete Heil. Er eilte sehr fröhlich in das Nachbarzimmer und fand daselbst einen Polizeicommissär mit zwei Agenten, welcher ihn augenblicklich verhaftete. Der Haftbefehl war erlassen worden nach Lesung des Sachverständigenberichtes, welcher Unregelmäßigkeiten in den Büchern anzeigte und insbesondere auf die Klage Busch' wegen Vertrauensmißbrauchs, welcher behauptete, daß Gelder, welche er der Bank zur Anlage im Report anvertraut hatte, eine anderweitige Verwendung gefunden hatten. Zur nämlichen Stunde verhaftete man auch den Präsidenten Hamelin in seiner Wohnung in der Rue Saint-Lazare. Diesmal war es in der That das Ende, als ob aller Haß und alles Unglück sich gegen sie vereinigt hatten. Die außerordentliche Generalversammlung konnte nicht abgehalten werden, die Universalbank hatte aufgehört zu leben.

Madame Caroline war nicht zuhause in dem Augenblicke, als ihr Bruder verhaftet wurde und dieser konnte ihr nur einige in aller Hast hingeworfene Zeilen zurücklassen. Sie war wie versteinert, als sie bei ihrer Heimkehr von der Sache Kenntniß erhielt. Niemals hatte sie geglaubt, daß man auch nur einen Augenblick daran denke ihn zu verfolgen, dermaßen schien er ihr frei von jeder unlauteren Handlung, durch seine langen Abwesenheiten vor jeder Anschuldigung geschützt. Am Tage nach der Falliterklärung hatten der Bruder und die Schwester sich ihres ganzen Vermögens zu Gunsten des Aktivums der Masse entäußert; sie wollten aus dieser Unternehmung arm hervorgehen, wie sie arm in dieselbe eingetreten waren. Und es war eine bedeutende Summe, nahezu acht Millionen, jene dreimalhunderttausend Francs mit inbegriffen, welche sie von einer Tante geerbt hatten. Sogleich unternahm sie verschiedene Schritte und Bittgesuche; sie lebte fortan nur der Sorge, die Lage ihres armen Georges zu verbessern, seine Vertheidigung vorzubereiten; und trotz ihres Muthes ward sie von Thränenanfällen ergriffen, wenn sie sich ihn unschuldig und hinter Schloß und Riegel vorstellte, beschmutzt von diesem abscheulichen Skandal, das Leben für immer zerstört. Er, so sanft, so schwach, fromm wie ein Kind, in allen Dingen, die nicht seine technischen Arbeiten betrafen, unwissend wie ein »großes Thier«, wie sie ihn zu nennen pflegte. Anfänglich hatte sie sich gegen Saccard erzürnt, den einzigen Urheber des Unheils, den Anstifter ihres Unglücks, dessen abscheuliches Werk sie ganz klar vor Augen hatte und verurtheilte, von den Tagen des Anfangs, als er sie neckte, weil sie das Gesetzbuch las, bis zu den Tagen des Endes, wo nach dem Mißerfolg alle die Unregelmäßigkeiten, die sie vorausgesehen und geschehen lassen hatte, schwer entgolten werden mußten. Dann aber hatte sie geschwiegen, gepeinigt durch die Gewissensbisse, die sie wegen ihrer Mitschuld zu ertragen hatte; sie vermied es sich offen mit ihm zu beschäftigen und war entschlossen zu handeln, als ob er nicht da wäre. Wenn sie seinen Namen aussprechen mußte, war es, als spräche sie von einem Fremden, von einer gegnerischen Partei, deren Interessen von den ihrigen verschieden waren. Sie besuchte fast täglich ihren Bruder in der Conciergerie, hatte es aber vermieden, eine Erlaubniß zum Besuche Saccards zu verlangen. Und sie hielt sich sehr tapfer; sie hauste noch immer in ihrer Wohnung in der Rue Saint-Lazare, empfing alle Jene, die daselbst vorsprachen, selbst Jene, die mit Schmähungen erschienen. In solcher Weise verwandelte sie sich in eine Geschäftsfrau, entschlossen zu retten was von ihrer Ehre und ihrem Glück noch zu retten war.

Während der langen Tage, die sie so oben, in dem Plänesaal verbrachte, wo sie so schöne Stunden der Arbeit und der Hoffnung durchlebt hatte, war es besonders ein Schauspiel, welches sie bekümmerte. Wenn sie sich einem Fenster näherte und einen Blick nach dem benachbarten Hôtel warf, sah sie mit beklommenem Herzen hinter den Fensterscheiben des schmalen Zimmers, wo die zwei armen Frauen wohnten, die bleichen Gesichter der Gräfin von Beauvilliers und ihrer Tochter Alice. Diese Feiertage waren sehr mild; sie sah die beiden Damen oft auch langsamen Schrittes und mit gesenktem Haupte in den Alleen des moosüberwucherten, durch den Winter verheerten Gartens sich ergehen. Der Zusammenbruch hatte in der Existenz dieser beiden Wesen furchtbare Wirkungen verursacht. Die Unglücklichen, die noch vor zwei Wochen in ihren sechshundert Aktien ein Vermögen von 1,800 000 Francs besessen, konnten sie heute höchstens mit achtzehntausend verwerthen, nachdem die Aktie von 3000 auf 30 gesunken war. Und ihr ganzes Vermögen war mit einem Schlage zerschmolzen: die zwanzigtausend Francs der Mitgift, welche die Gräfin so mühsam zurückgelegt hatte, die siebzigtausend Francs, die sie zuerst auf ihre Farm les Aublets entlehnt hatte und dann der Kaufschilling von zweimalhundertvierzigtausend Francs für les Aublets, welcher Besitz viermalhunderttausend Francs werth war. Was sollten sie anfangen, da die Hypotheken, welche das Hôtel belasteten, schon jetzt jährlich achttausend Francs aufzehrten und sie ihren Haushalt niemals weiter als auf siebentausend Francs einschränken konnten, trotz ihres Geizes, trotz der Wunder an schmutziger Knauserei, die sie vollbrachten, um den Schein zu retten und ihren Rang zu behaupten? Selbst wenn sie ihre Aktien verkauften, wie wollten sie fortan leben, ihre Bedürfnisse decken mit diesen achtzehntausend Francs, dieser aus dem Schiffbruch geretteten letzten Habe? Eine Nothwendigkeit drängte sich auf, welcher die Gräfin bisher nicht ins Auge hatte schauen wollen: das Hôtel zu räumen, es den Hypothekar-Gläubigern zu überlassen, da es unmöglich war die Zinsen zu bezahlen; nicht abzuwarten, bis die Gläubiger es versteigern lassen, sich sogleich in irgend eine kleine Wohnung zurückzuziehen, um dort ein kümmerliches, unbekanntes Leben zu führen, bis das letzte Stück Brod aufgezehrt sein würde. Die Gräfin widerstand nur noch, weil dies ein Losreißen ihrer ganzen Person, ja der Tod von Allem gewesen wäre, was sie zu sein geglaubt, der Einsturz des Gebäudes ihrer Race, welches sie seit Jahren mit ihren schwachen Händen, mit heroischer Ausdauer stützte. Die Beauvilliers in Miethe, nicht mehr unter dem Dache der Ahnen, bei anderen Leuten lebend, in dem eingestandenen Elend der Besiegten: war das nicht, um vor Schande zu sterben? Und sie kämpfte noch immer.

Eines Morgens sah Madame Caroline die beiden Damen unter dem im Garten stehenden kleinen Schoppen ihre Wäsche waschen. Die altersschwache Köchin konnte ihnen wenig Beistand leisten; während der letzten Fröste hatten sie dieselbe pflegen müssen; und ebenso war es auch mit ihrem Manne, der Hausmeister, Kutscher und Diener zugleich war; er hatte große Mühe das Haus reinzuhalten und den alten Gaul zu warten, der schon schlotterig und struppig war wie er selbst. Darum hatten die Damen sich entschlossen der Hauswirthschaft bemächtigt; die junge Gräfin ließ zeitweilig ihre Aquarellmalereien stehen, um die magere Suppe zuzubereiten, von welcher die vier Personen lebten, während die Mutter die Möbel abstaubte, die Kleider und Schuhe ausbesserte, in dem Wahne kleinlicher Sparsamkeit, daß Staubwedel, Nadel und Zwirn weniger abgenützt wurden, seitdem sie selbst sich ihrer bediente. Allein, wenn ein Besuch dazwischen kam, mußte man sie scheu, wie sie sich beeilten die Schürze abzulegen, sich zu waschen, als Herrinnen des Hauses zu erscheinen, mit weißen, müßigen Händen. In der Straße ließen sie keine Aenderung ihrer Lebensweise merken, da retteten sie die Ehre des Hauses: ihr Wagen war korrekt angeschirrt und führte die Gräfin und ihre Tochter zu ihren Besorgungen; alle vierzehn Tage sahen sie ihre Wintergäste zum Diner und es gab nicht ein Gericht weniger auf der Tafel und nicht eine Kerze weniger in den Kronleuchtern. Man mußte den Garten übersehen, wie Madame Caroline, um zu wissen, mit welchen Entbehrungen nachher all' der Luxus, all' der trügerische Schein eines verlorenen Vermögens bezahlt wurde. Wenn sie sie in diesem feuchten, von den benachbarten Häusern eingeschlossenen Schachte sah, wie sie in tödtlich-trauriger Stimmung unter den grünlichen Skeletten der hundertjährigen Bäume sich ergingen, war sie von unendlichem Mitleid ergriffen und entfernte sich vom Fenster, das Herz von Vorwürfen zerfleischt, als hätte sie sich mit Saccard mitschuldig an diesem Elend gefühlt.

An einem anderen Tage war ihr ein mehr unmittelbarer und schmerzlicher Kummer beschieden. Man kündigte ihr den Besuch des Dejoie an und sie machte sich stark, um ihn zu empfangen.

– Nun, mein armer Dejoie ...

Doch sie hielt erschreckt inne, als sie die Blässe des früheren Bureau-Dieners sah. Die Augen schienen erstorben in seinem entstellten Gesichte; früher hochgewachsen, schien er jetzt kleiner, wie eingeknickt.

– Muth, lieber Mann! Lassen Sie sich nicht zu Boden drücken durch den Gedanken, daß alldas Geld verloren ist.

Da hub er mit langsamer Stimme an:

– Ach, Madame, nicht das ist's ... Gewiß, im ersten Augenblick empfand ich es als einen harten Schlag, denn ich hatte mich daran gewöhnt uns reich zu glauben. Es steigt Einem zu Kopfe, man ist wie berauscht, wenn man gewonnen hat ... Mein Gott, ich war schon entschlossen wieder an die Arbeit zu gehen; ich würde gearbeitet haben, bis es mir gelungen sein würde, die Summe wieder zusammenzubringen ... Allein, Sie wissen nicht ...

Schwere Thränen rollten über seine Wangen.

– Sie wissen nicht ... Sie ist fort.

– Wer ist fort? fragte Madame Caroline.

– Nathalie, meine Tochter ... Ihre Heirath war vereitelt und sie war wüthend, als Theodors Vater kam, um uns zu sagen, daß sein Sohn schon zu lange gewartet habe und daß er nun die Tochter einer Krämerin mit 8000 Francs Heirathsgut heimführen werde. Ich begreife ihren Zorn, als sie erfuhr, daß sie keinen Sou mehr habe und Mädchen bleiben müsse ... Aber ich liebte sie so sehr! Noch im verflossenen Winter erhob ich mich des Nachts, um ihre Bettdecken in Ordnung zu bringen. Und ich verzichtete auf den Tabak, um ihr schönere Hüte kaufen zu können und ich war ihre wirkliche Mutter, ich hatte sie erzogen, ich hatte in unserer bescheidenen Wohnung keine andere Freude als sie zu sehen.

Die Thränen erstickten seine Stimme; er schluchzte bitter.

– Mein Ehrgeiz ist schuld an Allem ... Hätte ich verkauft, als meine acht Aktien mir einen Gewinn von sechstausend Francs sicherten, – soviel als wir zur Mitgift nöthig hatten – sie wäre jetzt verheirathet. Aber, die Aktie stieg immerfort und ich dachte an mich selbst; ich wollte zuerst sechshundert, dann achthundert, dann tausend Francs Rente, umsomehr, als die Kleine später dieses Geld geerbt haben würde. Wenn ich bedenke, daß ich einen Augenblick, bei dem Kurse von 3000, eine Summe von vierundzwanzigtausend Francs in Händen hatte, so viel, um ihr eine Mitgift von sechstausend Francs zu geben und mich mit einer Rente von neunhundert Francs zurückzuziehen! Nein, ich wollte tausend haben; war das nicht höchst dumm? Und heute sind meine Aktien nicht zweihundert Francs werth. Ach, es ist meine Schuld; ich hätte besser gethan, mich in die Seine zu werfen!

Sehr ergriffen von seinem Schmerze, ließ Madame Caroline ihn durch Worte sein Herz erleichtern. Indeß wünschte sie doch mehr zu erfahren.

– Sie ist fort, mein armer Dejoie? Wieso denn?

Er gerieth in Verwirrung und eine leichte Röthe färbte seine bleichen Wangen.

– Jawohl, fort, verschwunden, seit drei Tagen ... Sie hatte die Bekanntschaft eines Herrn gemacht, der uns gegenüber wohnte, eines feinen Herrn von vierzig Jahren ... Schließlich ist sie durchgegangen.

Und während er die Worte suchend, mit verlegener Stimme Einzelheiten angab, sah Madame Caroline im Geiste Nathalie wieder, blond und schmächtig, mit der zarten Anmuth eines Pariser Kindes. Sie sah im Besonderen ihre reiten Augen mit dem so ruhigen und kühlen Blick, von einer außerordentlichen Klarheit und Selbstsucht. Das Kind hatte sich von seinem Vater anbeten lassen, als glückliches Götzenbild, und war tugendhaft geblieben, so lange es ein Interesse daran hatte es zu sein, unfähig eines albernen Falles, so lange es eine Mitgift hoffen durfte, eine Heirath, ein Zahlpult in einem Kaufladen, wo sie gethront haben würde. Aber ein ärmliches Leben fortzuführen, als Hausmagd ihres Vaters, der nun gezwungen war wieder an die Arbeit zu gehen, nein! Sie hatte dieses wenig vergnügliche und fortan hoffnungslose Leben satt. Und so hatte sie ruhig ihre Schuhe angezogen und ihren Hut aufgesetzt und war fortgegangen.

– Mein Gott, stammelte Dejoie, sie hatte wenig Freude bei uns, das ist wahr; und wenn man hübsch ist, will man nicht seine Jugend in Langeweile hinbringen ... Immerhin hat sie sehr herzlos gehandelt. Bedenken Sie nur: ohne mir ein Lebewohl zu sagen, ohne eine Zeile zurückzulassen, das geringste Versprechen, mich dann und wann zu besuchen ... Sie hat die Thüre zugemacht und es war aus. Sie sehen, meine Hände zittern, ich bin davon ganz dumm. Es übersteigt meine Kräfte, ich suche sie immer zuhause. Ist es möglich, mein Gott, daß ich nach so vielen Jahren sie nicht mehr habe, sie nie mehr haben werde, – mein armes, kleines Mädchen!

Er hatte aufgehört zu weinen, und sein stummer Schmerz war so herzzerreißend, daß Madame Caroline seine beiden Hände ergriff und – da sie keinen anderen Trost fand, – nur die Worte wiederholte:

– Mein armer Dejoie, mein armer Dejoie ...

Dann kam sie, – um ihn zu zerstreuen, – wieder auf den Zusammenbruch der Universalbank zu sprechen. Sie entschuldigte sich dafür, daß sie ihn bewogen hatte Aktien zu nehmen und verurtheilte Saccard in strengen Worten, ohne jedoch seinen Namen zu nennen. Da aber ward der frühere Kanzleidiener sofort wieder lebendig. Von seiner Spielleidenschaft aufgestachelt, gerieth er noch immer in eine Erregtheit.

– O, Herr Saccard hatte ganz Recht, als er mich hinderte, zu verkaufen. Das Geschäft war ausgezeichnet, wir hätten sie alle zu Grunde gerichtet, wären die Verräther nicht gewesen, die uns verlassen haben ... Ach, Madame, wenn Herr Saccard hier wäre, würde Alles ganz anders gehen. Daß man ihn in das Gefängniß abgeführt hat, war unser Verderben. Auch jetzt könnte nur er allein uns retten ... Ich habe es auch dem Richter gesagt: »Mein Herr, geben Sie ihn uns zurück, und ich vertraue ihm aufs Neue mein Vermögen und mein Leben an; denn dieser Mann ist wie der liebe Gott, er macht Alles was er will.«

Verblüfft sah Madame Caroline ihn an. Wie, kein Wort des Zornes, kein einziger Vorwurf? Das war der glühende Glaube eines Fanatikers. Welch' mächtigen Einfluß mußte doch Saccard auf seine Anhänger geübt haben, daß er sie unter ein solches Joch von Gläubigkeit zu beugen vermochte!

– Ich bin blos gekommen, um Ihnen dies zu sagen, Madame. Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich Ihnen von meinem Kummer erzählt habe, aber mein Kopf sitzt nicht mehr ganz fest ... Wenn Sie Herrn Saccard sehen, sagen Sie ihm, daß wir noch immer zu ihm halten.

Mit schwankenden Schritten entfernte er sich, und sie, allein geblieben, fühlte einen Augenblick Abscheu vor dem Dasein. Dieser Unglückliche hatte ihr Herz tief bekümmert. Sie fühlte nun doppelten Zorn gegen Den, dessen Namen sie nicht nannte, unterdrückte jedoch den Ausbruch dieses Zornes. Uebrigens kamen neue Besuche, – sie war diesen Morgen überaus in Anspruch genommen.

Von den zahlreichen Besuchern waren es besonders die Eheleute Jordan, die ihre Rührung erregten. Paul und Marcelle waren gekommen, als gutes Ehepaar, welches die schwierigen Schritte immer zu Zweien unternimmt, um sich zu erkundigen, ob ihre Eltern, die Maugendre, aus ihren Aktien wirklich nichts mehr herausschlagen könnten. Auch da war ein nicht wieder gut zu machendes Unglück hereingebrochen. Vor den zwei letzten Liquidationen besaß der ehemalige Hackenfabrikant bereits fünfundsiebzig Aktien, welche er um ungefähr achtzigtausend Francs gekauft hatte; es war ein ausgezeichnetes Geschäft, da diese Aktien zu einer Zeit, als der Kurs auf dreitausend stand, einen Werth von 235 000 Francs repräsentirten. Das Schreckliche war jedoch, daß Maugendre in der Leidenschaft des Spieles und in seinem unbedingten Vertrauen zu dem Genie Saccards, ohne Deckung gespielt und fortwährend gekauft hatte, so daß die ungeheuren Differenzen, – mehr als 200 000 Francs, – die nun zu zahlen waren, auch den Rest seines Vermögens, jene Rente von 15 000 Francs aufzehrten, welche er durch eine dreißigjährige Arbeit so sauer verdient hatte. Er besaß nun gar nichts mehr, und konnte sich nur mit schwerer Mühe schuldenfrei aus dem Geschäfte ziehen, indem er sein kleines Hôtel in der Rue Legendre verkaufte, auf welches er so stolz gewesen. Für das ganze Unglück traf übrigens Madame Maugendre gewiß mehr Schuld, als ihn.

– Ach, Madame, erzählte Marcelle mit ihrem liebenswürdigen Antlitz, welches auch inmitten der Schicksalsschläge frisch und heiter geblieben war, – Sie können sich nicht vorstellen, wie Mama sich verändert hat. Sie, vordem so vorsichtig, so sparsam, ein Schrecken ihrer Dienstleute, denen sie immer auf den Fersen war, um ihre Rechnungen zu prüfen, – sie sprach nur mehr in Hunderttausenden von Francs. Sie war es auch, die Papa immer weiter trieb, ihn, der im Grunde genommen viel weniger Muth hatte und gern bereit gewesen wäre, den Rathschlägen Onkel Chave's zu folgen, wenn nicht sie ihn toll gemacht hätte mit ihrem Traum, die Million zu erreichen ... Das Lesen der Finanzblätter hat sie zuerst auf diesen Weg geführt. Erst wurde Papa von der Leidenschaft ergriffen, was er anfangs verheimlichte; als aber dann auch Mama, die lange Zeit gegen das Spiel den Haß einer guten Hausfrau fühlte, sich ihm angeschlossen hatte, war in kurzer Zeit Alles wie in Flammen aufgegangen. Ist es möglich, daß die Gewinnsucht sonst wackere Menschen in so hohem Maße verändern kann?

Hier mischte sich Jordan ins Gespräch, angeregt durch die Erwähnung Onkel Chave's.

– Wenn Sie Onkels Ruhe mitten in diesen Katastrophen gesehen hätten! Er hatte Alles vorausgesagt und triumphirte nun, eingeschlossen in seinem härenen Kragen. Keinen Tag hatte er die Börse versäumt, keinen Tag hatte er aufgehört, ganz im Kleinen zu spielen, immer im Baaren und zufrieden, wenn es ihm gelang, jeden Abend seine 15 oder 20 Francs nachhause zu tragen, gleich einem Beamten, der sein Tagewerk redlich vollendet hat. Um ihn her rollten auf allen Seiten Millionen, riesige Reichthümer entstanden und verschwanden im Laufe von zwei Stunden, inmitten der Blitzschläge regnete es Gold, wie aus Kübeln, er aber fuhr ruhig fort, sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen und kleine Gewinnste für seine kleinen Laster zu erzielen. Er ist ein Erzschlaukopf; die hübschen Mädchen in der Rue Nollet haben immer ihre Bäckereien und Bonbons zur Genüge gehabt.

Diese scherzhafte Anspielung auf die Leidenschaft des Kapitäns belustigte die beiden Frauen. Aber sofort wurden sie wieder von der Traurigkeit der Lage ergriffen.

– Leider glaube ich nicht, erklärte Madame Caroline, daß es Ihren Eltern möglich sein werde, etwas aus ihren Aktien herauszuschlagen. Mir scheint, daß Alles zu Ende ist. Die Aktien stehen heute auf dreißig Francs, sie werden auf zwanzig Francs, auf hundert Sous fallen ... Mein Gott, was werden die armen Leute in ihrem Alter, an Wohlstand gewöhnt, jetzt anfangen?

– Nun, antwortete Jordan einfach, wir werden uns eben ihrer annehmen müssen. Wir sind noch nicht sehr reich, aber es beginnt bereits besser zu gehen, und wir werden sie nicht auf der Straße lassen.

Er hatte in der letzten Zeit Glück gehabt. Nach so vielen Jahren undankbarer Arbeit schien sein erster Roman, der erst in einer Zeitung veröffentlicht und dann von einem Verleger herausgegeben wurde, plötzlich großen Erfolg zu haben, und so fand er sich auf einmal im Besitze einiger tausend Francs; alle Thüren standen ihm offen und er brannte vor Begierde, sich wieder an die Arbeit zu machen, des Erfolges und des Ruhmes sicher.

– Wenn es nicht möglich sein wird, sie zu uns zu nehmen, werden wir ihnen eine kleine Wohnung miethen. Es wird sich Alles machen.

Marcelle blickte ihn mit zärtlicher Bewunderung an. Ein leichtes Zittern befiel sie.

– O Paul, Paul, wie gut Du bist!

Und sie begann zu schluchzen.

– Beruhigen Sie sich, mein Kind, ich bitte Sie, – sprach Madame Caroline mehreremale in warmem Tone, erschüttert durch das Gehörte. Sie müssen sich die Sache nicht gar so stark zu Herzen nehmen.

– Nein, lassen Sie mich nur, das ist ja kein Schmerz ... Aber die Geschichte ist wirklich so dumm! Ich frage Sie nun, wäre es nicht besser gewesen, wenn Mama und Papa mir, als ich Paul heirathete, die Mitgift hergegeben hätten, von welcher sie immer gesprochen hatten? Aber unter dem Vorwande, daß Paul keinen Sou besitze und daß ich eine Thorheit begehe, wenn ich trotzdem mein Versprechen halte, haben sie nicht einen Centime ausgelassen. Nun sind sie weit gekommen, fürwahr! Sie würden heute wenigstens meine Mitgift wiederfinden, das Einzige, was die Börse nicht aufgezehrt hätte.

Madame Caroline und Jordan konnten sich eines Lächelns nicht erwehren. Aber das tröstete Marcelle nicht, sie weinte nur noch mehr.

– Und das ist noch nicht Alles! ... Als Paul arm gewesen, habe ich oft geträumt, – wie es in den Feenmärchen vorkommt – daß ich eine Prinzessin sei und eines Tages meinem ruinirten Prinzen viel, viel Geld bringen werde, um ihm zu helfen, ein großer Dichter zu werden ... Und nun bedarf er meiner nicht mehr, nun bin ich sammt meiner Familie für ihn nichts weiter als eine Last. Ihm wird alle Mühe zufallen, er wird uns Allen Geschenke machen ... O, mein Herz droht zu bersten!

Er hatte sie lebhaft in seine Arme genommen.

– Was erzählst Du uns da, großes Kind? Braucht denn ein Weib etwas mitzubringen? Du hast ja Deine Jugend, Deine Zärtlichkeit, Deine gute Laune mitgebracht, und keine Prinzessin der Welt könnte mir mehr geben!

Sie beruhigte sich sofort, glücklich, so geliebt zu sein, und fand, daß sie in der That sehr dumm war, so zu weinen. Er fuhr fort:

– Wenn Deine Eltern einverstanden sind, werden wir sie in Clichy unterbringen, wo ich nicht zu kleine Wohnungen im Erdgeschoß mit Gärten gesehen habe. Bei uns, in unserem mit Möbeln angefüllten Nest ist es sehr hübsch, aber zu eng, umsomehr, als wir bald Raum brauchen werden für ...

Und indem er aufs Neue lächelte und sich zu Madame Caroline wandte, welche dieser Familienscene gerührt zusah, fuhr er fort:

– Nun, ja, wir werden bald unser drei sein, man kann es ja gestehen, jetzt, da ich ein Herr bin, der seinen Lebensunterhalt verdient. Auch ein Geschenk, Madame, nicht wahr, welches sie mir macht, sie, die Thränen vergießt, weil sie glaubt, mir nichts mitgebracht zu haben.

Madame Caroline, die wegen ihrer unheilbaren Unfruchtbarkeit verzweifelt war, blickte auf Marcelle, welche ein wenig erröthete, und deren etwas stärker gewordene Taille sie gar nicht bemerkt hatte. Nun war die Reihe an ihr, Thränen zu vergießen.

– Theure Kinder, liebt Euch nur, Ihr seid die einzig Vernünftigen und die einzig Glücklichen!

Bevor sie sich verabschiedeten, erzählte Jordan noch Einzelheiten über das Blatt »Die Hoffnung«. Heiter, mit seiner instinktiven Abscheu vor Geschäften, sprach er darüber, wie von einer ganz außergewöhnlichen Räuberhöhle, welche von den Hammerschlägen der Spekulation widerhallte. Das ganze Personal, vom Direktor bis zum Kanzleidiener, spekulirte, nur er allein, – sagte er lachend, – hatte nicht gespielt, wofür er auch von Allen sehr ungern gesehen war und verachtet wurde. Der Zusammenbruch der Bank und besonders die Verhaftung Saccards hatten übrigens das Blatt sogleich todt gemacht. Die Redaktion hatte sich aufgelöst, nur Jantrou klammerte sich in höchster Noth eigensinnig an das, was zurückgeblieben war, um von den Trümmern des Schiffbruches zu leben. Er war durch diese drei Jahre andauernden Wohlergehens völlig zerstört worden, indem er Alles, was käuflich war, bis zum Mißbrauch genossen hatte, gleich jenen dem Hungertode nahen Menschen, welche an dem Tage, da sie sich wieder zu Tische setzen, an Verdauungsbeschwerden sterben. Und merkwürdigerweise war dies auch der endgiltige Verfall der Baronin Sandorff, die sich diesem Mann in dem Trubel der Katastrophe wie rasend an den Hals geworfen hatte, in der Absicht, ihr Geld wiederzugewinnen.

Bei der Nennung des Namens der Baronin war Madame Caroline leicht erröthet, Jordan aber, der die Nebenbuhlerschaft der beiden Frauen nicht kannte, fuhr in seiner Erzählung fort.

– Ich weiß nicht, weshalb sie sich ihm hingegeben hat. Vielleicht hat sie geglaubt, daß er ihr mit Hilfe seiner Verbindungen, die er als Journalist besaß, Informationen zukommen lassen werde. Vielleicht ist sie auch blos nach den Regeln des Falles immer tiefer und tiefer, bis zu ihm gesunken. Ich habe oft bemerkt, daß in der Spielleidenschaft ein zerstörender Gährstoff liegt, welcher Alles aufreißt, in Fäulniß versetzt und aus dem Sprossen des edelsten und stolzesten Geschlechtes einen menschlichen Fetzen macht, gleich den Abfällen, welche in die Gosse gekehrt werden. Jedenfalls ist dieser Schelm Jantrou, wenn er die Fußtritte in Erinnerung behalten hat, welche ihm – wie man sagt – der Vater der Baronin verabreicht hatte, als er seinerzeit zu ihm ging, um seine Aufträge entgegenzunehmen, jetzt gerächt; denn als ich einmal in der Redaktion erschien, um zu versuchen, ob ich nicht vielleicht doch meine Zahlung erhalten könnte und eine Thüre allzu schnell öffnete, fand ich die beiden in einer Auseinandersetzung und sah mit eigenen Augen, wie Jantrou die Sandorff ohrfeigte. Stellen Sie sich diesen betrunkenen, durch Alkohol und andere Laster herabgekommenen Menschen vor, wie er mit der Brutalität eines Kutschers auf diese Dame aus der vornehmen Gesellschaft losschlägt!

Mit einer schmerzlichen Geberde brachte ihn Madame Caroline zum Schweigen. Es schien ihr, als ob dieses Uebermaß von Erniedrigung sie selbst mit Koth bespritzen würde.

Schmeichelnd hatte Marcelle, im Begriff, sich zu entfernen, ihre Hand ergriffen.

– Glauben Sie nicht, Madame, daß wir gekommen sind, um Ihnen Verdruß zu bereiten. Im Gegentheil, Paul vertheidigt Herrn Saccard sehr.

– Gewiß, rief der junge Mann. Er war ja immer so gut zu mir. Nie werde ich vergessen, wie er uns von dem schrecklichen Busch befreit hat. Und dann, er ist doch ein sehr gescheidter Mann. Wenn Sie ihn sehen, Madame, sagen Sie ihm, daß wir ihm eine lebhafte Dankbarkeit bewahrt haben.

Als die Jordans fortgegangen waren, machte Caroline eine Geberde stummen Zornes. Dankbarkeit! wofür? Für den Ruin der Maugendre? Diese Jordan waren wie Dejoie, sie entfernten sich mit denselben Worten der Entschuldigung und der guten Wünsche. Und diese hatten doch Verständniß; denn der Schriftsteller, der die Finanzwelt kennen gelernt und seine so schöne Verachtung gegen das Geld bewahrt hatte, war ja kein Unwissender. Ihre Empörung nahm noch zu. Nein! hier war keine Verzeihung möglich, der Koth war zu tief. Die Ohrfeige, welche Jantrou der Baronin verabreicht hatte, rächte sie nicht genügend. Saccard war es, der Alles in Fäule versetzt hat.

An diesem Tage sollte Madame Caroline sich zu Mazaud begeben, in Angelegenheit gewisser Schriftstücke, welche sie dem ihren Bruder betreffenden Aktenstoß beifügen wollte. Auch wünschte sie zu wissen, wie er sich verhalten werde, falls er von den Vertheidigern als Zeuge vor Gericht berufen werden sollte. Das Zusammentreffen war für vier Uhr, nach der Börse, verabredet, und so verbrachte sie – endlich allein – mehr als anderthalb Stunden damit, die Informationen zu ordnen, welche sie bisher schon erhalten hatte. Sie begann bereits in diesem Trümmerhaufen klar zu sehen. Sie that, was man am Tag nach einer Feuersbrunst zu thun pflegt, wenn der Rauch weggezogen und die Gluth erloschen ist, – man räumt den Schutthaufen weg, in der lebhaften Hoffnung, das Gold der geschmolzenen Geschmeide zu finden.

Zunächst stellte sie sich die Frage, wohin das Geld gekommen sein mochte. Zweihundert Millionen waren wie in einem Abgrund verschwunden, und wenn einzelne Taschen geleert worden sind, so mußten sich doch andere gefüllt haben. Indessen schien es gewiß, daß der Rechen der Baissiers nicht die ganze Summe zusammengerafft hatte, ein gutes Drittel ging völlig verloren. An Tagen von Katastrophen könnte man an der Börse glauben, daß das Geld vom Boden aufgesogen wird, es zerstreut sich, und ein wenig davon bleibt an allen Fingern kleben. Gundermann allein mochte ungefähr fünfzig Millionen davongetragen haben. Dann kam Daigremont mit 12-15 Millionen. Man erwähnte auch den Marquis de Bohain, dessen klassischer Streich wieder einmal geglückt war; bei Mazaud, wo er à la hausse gespielt hatte, weigerte er sich zu zahlen, bei Jacoby, wo er à la baisse gespielt hatte, behob er fast zwei Millionen, nur drohte diesmal Mazaud, der durch seine Verluste zur Verzweiflung gebracht war und der wußte, daß der Marquis, wie ein ganz gewöhnlicher Spitzbube, seine Möbel auf den Namen seiner Frau hatte schreiben lassen, er werde einen Prozeß gegen den Marquis anstrengen. Beinahe alle Verwaltungsräthe der Universalbank hatten sich übrigens einen ausgiebigen Theil gesichert, die Einen – wie Huret und Kolb – indem sie ihre Papiere vor dem Zusammenbruch zu den höchsten Kursen realisirten, die Anderen – wie der Marquis und Daigremont – indem sie als Verräther zu den Baissiers übergingen; abgesehen davon, daß in einer der letzten Sitzungen, als die Gesellschaft bereits dem Verderben nahe war, der Aufsichtsrath jedem seiner Mitglieder einen Kredit von hundert und etlichen tausend Francs gewährte. Von Delarocque und Jacoby schließlich hieß es, daß sie persönlich große Summen gewonnen haben, welche übrigens bald von den beiden stets gähnenden und unfüllbaren Abgründen verschlungen waren, welche bei dem Ersteren die Leidenschaft für die Weiber und bei dem Anderen die Leidenschaft für das Spiel aufriß. Auch ging das Gerücht, daß Nathansohn zu einem der Könige der Coulisse geworden sei, dank einem Gewinne von 3 Millionen, welchen er realisirte, indem er auf eigene Rechnung à la baisse und für Saccard à la hausse spielte. Er hatte ein außerordentliches Glück, denn da er in beträchtlichen, im Namen der insolventen Universalbank geschlossenen Käufen engagirt war, wäre er sicher zu Grunde gerichtet worden, wenn man nicht gezwungen gewesen wäre, der als zahlungsunfähig erkannten Coulisse Alles was sie schuldete, nahezu 100 Millionen, zum Geschenk zu machen. Dieser Mensch, der kleine Nathansohn war entschieden glücklich und geschickt! Und wie schön war jenes vielbelächelte Stückchen, zu behalten was man gewonnen und nicht zu bezahlen, was man verloren hat!

Aber die Ziffern blieben unbestimmt und Madame Caroline war nicht im Stande, die Gewinnste genau abzuschätzen, denn die Operationen an der Börse sind in mysteriöses Dunkel gehüllt und die Wechselagenten bewahren streng das professionelle Geheimniß. Auch durch eine Prüfung der Notizbücher hätte man nichts erfahren, da in diese die Namen nicht eingeschrieben werden. Vergebens versuchte sie die Summe festzustellen, welche Sabatani davongetragen haben mochte, der nach der letzten Liquidation verschwunden war. Auch eine Katastrophe, welche Mazaud sehr nahe berührte. Es war die gewöhnliche Geschichte: der verdächtige Klient, zuerst mit Mißtrauen aufgenommen, erlegt eine kleine Deckung von zwei- bis dreitausend Francs und spielt einige Monate hindurch in vorsichtiger Weise, bis der Börsenagent die Geringfügigkeit der Deckung vergessen hat und ihn zu seinem Freunde macht; dann, nachdem er irgend einen Räuberstreich ausgeführt, ergreift der Klient die Flucht. Mazaud sprach von einer Exekution gegen Sabatani, wie er sie bereits gegen Schlosser durchgeführt hatte, einen Schurken von derselben unausrottbaren Bande, welche den Markt ausbeutet, wie vormals die Diebe einen Wald ausgebeutet haben. Und dieser Levantiner Sabatani, dieser Halbitaliener und Halborientale mit den Sammtaugen, den die Legende mit einer wunderbaren Eigenschaft ausstattete, von welcher die neugierigen Frauen so viel flüsterten, war verduftet, um die Börse irgend einer fremden Hauptstadt, – man sagte Berlins – abzuschäumen und dort abzuwarten, bis man ihn an der Pariser Börse vergessen hat und er zurückkehren darf, aufs Neue geachtet, bereit, seinen Streich unter dem Beistande der allgemeinen Duldsamkeit zu wiederholen.

Dann hatte Madame Caroline ein Verzeichniß der Verluste zusammengestellt. Die Katastrophe der Universalbank war eine jener Erschütterungen, welche eine ganze Stadt ins Wanken bringen. Nichts war fest und solid geblieben, die Risse dehnten sich auf die Nachbarhäuser aus, jeden Tag gab es neue Zusammenbrüche. Die Banken stürzten nach einander ein, mit jenem plötzlichen Geräusch, welches die nach einem Brande zurückgebliebenen Mauerüberreste machen. In stummer Verzweiflung hörte man diese Geräusche der Einstürze und man fragte sich, wann endlich die Ruinen ein Ende nehmen werden. Was sie betraf, so rührten sie weniger die zugrunde gerichteten, vom Strome fortgerissenen Bankiers, Gesellschaften und Finanzmänner, als vielmehr alle die armen Leute, Aktionäre oder auch Spekulanten, welche sie gekannt und geliebt hatte, und welche sich nun unter den Opfern befanden. Nach der verlorenen Schlacht zählte sie ihre Todten. Es waren unter diesen nicht nur ihr armer Dejoie, die schwachköpfigen, bedauernswerthen Maugendre und die betrübten Gräfinnen von Beauvilliers, deren Schicksal so ergreifend war. Auch ein anderes Drama hatte sie heftig aufgeregt, das Fallissement des Seidenfabrikanten Sédille, das gestern erklärt worden war. Von diesem hatte sie, als sie ihn im Aufsichtsrathe an der Arbeit sah, gesagt, er sei der Einzige, dem sie zehn Sous anvertrauen würde, und sie hatte ihn für den ehrlichsten Mann der Welt erklärt. Wie schrecklich war doch die Leidenschaft des Spiels! Dieser Mann hatte dreißig Jahre darauf verwendet, durch seine Arbeit und Rechtschaffenheit eines der solidesten Häuser in Paris zu begründen und nun hatte er es in weniger als drei Jahren angegriffen und zerstört, so daß es mit einem Schlage in Staub zerfiel. Wie bitter beklagte er nun die arbeitsamen Tage von früher, da er noch ein durch langsame, ausdauernde Bestrebungen erworbenes Vermögen erhoffte, bis ihm nicht ein erster, zufälliger Gewinn Verachtung für einen solchen Erwerb einflößte und er von dem Traume verzehrt wurde, an der Börse in einer Stunde jene Million zu erobern, welche das ganze Leben eines ehrlichen Kaufmanns erfordert! Und die Börse hatte Alles verschlungen, der Unglückliche war niedergeschmettert, unfähig und unwürdig die Geschäfte wieder aufzunehmen, mit seinem Sohn Gustav, diesem nur für Vergnügungen und Müßiggang geschaffenen Menschen, aus welchem das Elend einen Schurken machen mußte, der auf einem Fuße von 40-50 tausend Francs Schulden lebte und der schon in eine häßliche Geschichte verwickelt war in Folge von Wechseln, welche er für Germaine Coeur unterschrieben hatte. Dann gab es noch einen anderen armen Teufel, der Madame Caroline tief betrübte, den Remisier Massias, und sie hegte doch – Gott weiß – sonst nicht eben große Zärtlichkeit für solche Vermittler von Lügen und Diebstahl. Sie hatte auch ihn gekannt, mit seinen großen, lachenden Augen, seiner einem geprügelten Hunde ähnlichen Miene, wenn er durch Paris lief, um einige magere Aufträge zu erhaschen. Einen Augenblick hatte er sich an die Fersen Saccards geheftet und, dem Glücke Gewalt anthuend, für einen der Herren der Börse gegolten, und nun hatte ein fürchterlicher Sturz ihn aus seinem Traum gerissen und ihn mit gebrochenen Gliedern zu Boden geschleudert. Er schuldete siebzigtausend Francs und er zahlte sie auch, obgleich er die Einwendung des Spiels hätte geltend machen können, wie es so Viele thaten; er aber hatte, indem er von Freunden Darlehen nahm und sein ganzes Leben verpfändete, die erhabene Dummheit begangen zu zahlen, und doch wußte ihm Niemand Dank dafür, im Gegentheil, man zuckte hinter seinem Rücken die Achsel. Sein Haß richtete sich nur gegen die Börse, und wieder in sein früheres verabscheutes, schmutziges Geschäft zurückgeworfen, schmähte er, man müsse ein Jude sein, um an der Börse Erfolg zu haben. Doch fügte er sich darein, sein Geschäft beizubehalten, in der hartnäckigen Hoffnung, trotz alledem ein Vermögen zu gewinnen, so lange er nur offene Augen und gute Beine behielt. Besonders aber erfüllten die unbekannten Todten, die Opfer ohne Namen und ohne Geschichte, Carolinens Herz mit unendlichem Mitleid. Ihre Zahl war Legion, sie waren wie auf einem Schlachtfelde in den fernen Büschen, in den mit Gras gefüllten Gräben verstreut und es gab verlorene Leichname und in Todesängsten zitternde Verwundete hinter jedem Baumstumpf. Wie viele stumme Dramen! Eine Menge armer Rentiers, kleiner Aktionäre, die alle ihre Ersparnisse in demselben Papier niedergelegt hatten; in den Ruhestand getretene Hausmeister, bleiche, mit ihrer Katze lebende alte Fräulein, in Pension gegangene Leute aus der Provinz, die ein abgemessenes Leben von Maniaken führten, durch Almosengeben verarmte Landgeistliche, alle die kleinen Existenzen, deren Budget einige Sous beträgt: soviel für Milch, soviel für Brod; so knappe, auf das Minimum herabgedrückte Budgets, daß eine Mindereinnahme von zwei Sous schon eine Katastrophe herbeiführt! Und nun hatten sie plötzlich nichts mehr, ihr Leben war wie abgeschnitten, vernichtet; und die alten, zitternden Hände, unfähig zu arbeiten, tappten verzweifelt im Dunkel herum; alle diese niedrigen und ruhigen Existenzen waren mit einem Schlage dem Elend preisgegeben. Hundert verzweifelte Briefe waren aus Vendôme gekommen, wo Fayeux das Unglück noch dadurch vergrößert hatte, daß er die Flucht ergriff. Er hatte Depots an Geld und Effekten von seinen Klienten übernommen, für die er an der Börse operirte, hatte dann selbst wahnsinnig zu spielen begonnen, und da er verlor und nicht zahlen wollte, flüchtete er mit etlichen Hunderttausend Francs, welche sich in seinen Händen befanden. In der Gegend von Vendôme ließ er bis in die entferntesten Pachthöfe Alles in Jammer und Thränen zurück. So hatte das Elend überall die Hütten ergriffen. Es war wie nach einer großen Epidemie, die beklagenswerthen Opfer gehörten der Mittelklasse an, welche im Kleinen spart, so daß nur die Söhne im Stande sein konnten, nach langen Jahren harter Arbeit die erlittenen Schläge zu heilen.

Endlich ging Madame Caroline aus, um sich zu Mazaud zu begeben. Während sie zu Fuße auf die Rue de la Banque zuschritt, dachte sie an die Schicksalsschläge, welche diesen Bankier seit vierzehn Tagen wiederholt betroffen hatten. Fayeux hatte ihm 300 000 Francs gestohlen, Sabatani ließ eine unbezahlte Rechnung von einem fast doppelt so hohen Betrage zurück, der Marquis de Bohain und die Baronin Sandorff weigerten sich, die auf sie entfallenden Differenzen von insgesammt einer Million zu begleichen, Sédille's Fallissement verursachte ihm einen ungefähr ebenso großen Verlust, dazu kamen noch die acht Millionen, welche ihm die Universalbank schuldete, jene acht Millionen, für welche er Saccard reportirt hatte; dies war der furchtbare Verlust, der Abgrund, in welchem ihn verschwinden zu sehen die Börse stündlich angstvoll erwartete. Schon zweimal war das Gerücht der Katastrophe verbreitet gewesen. Und mitten unter diesen wuchtigen Schicksalsschlägen ereignete sich ein neues Unglück, gleichsam der Tropfen, der das bis an den Rand gefüllte Gefäß zum Ueberfließen brachte. Am Abend vorher hatte man Flory, den Angestellten Mazaud's, verhaftet; Flory war überführt, 180 000 Francs veruntreut zu haben. Die Ansprüche Fräulein Chuchu's, der früheren kleinen Figurantin, der mageren Heuschrecke des Pariser Pflasters, hatten zugenommen; erst handelte es sich um fröhliche Parthien, die nicht viel kosteten, dann kam die Wohnung in der Rue Condorcet, dann der Schmuck, die Spitzen; was aber diesen unglücklichen und zärtlichen Burschen ganz ins Verderben stürzte, war sein erster Gewinn von 10 000 Francs, welchen er nach dem Tage von Sadowa erzielt hatte, dieses so schnell gewonnene und so schnell zerronnene Geld, welches mehr und immer mehr Ausgaben nöthig machte, ein wahres Fieber der Leidenschaft für das so theuer erkaufte Weib erregte. Merkwürdiger wurde diese Geschichte dadurch, daß Flory seinen Herrn bestohlen hatte, um seine Spielschuld bei einem anderen Bankier begleichen zu können; eine eigenthümliche Ehrlichkeit, hervorgerufen wahrscheinlich durch die Furcht vor der unverzüglichen Exekution, und durch die Hoffnung, den Diebstahl verbergen, das Loch durch irgend eine wunderbare Operation wieder ausfüllen zu können. Im Gefängniß hatte er in seiner Schande und Verzweiflung viel geweint und man erzählte sich, daß seine Mutter, die an demselben Tage aus Saintes gekommen war, um ihn zu besuchen, sich bei den Freunden, bei welchen sie abgestiegen war, krank zu Bette legen mußte.

Welch' eine merkwürdige Sache ist doch das Glück! dachte Madame Caroline, während sie über den Börsenplatz schritt. Der ungewöhnliche Erfolg der Universalbank, dieser rapide Aufstieg zum Triumph, zur Eroberung und Herrschaft in weniger als vier Jahren, dann dieser plötzliche Zusammenbruch, dieses kolossale, in einem Monat zu Staub gewordene Gebäude erregten immer wieder ihr Erstaunen. War das nicht auch die Geschichte Mazaud's? Gewiß, nie hat das Schicksal einem Menschen so zugelächelt, wie ihm. Wechselagent mit zweiunddreißig Jahren, schon durch das Ableben seines Oheims sehr reich geworden, der glückliche Gatte einer reizenden Frau, die ihn anbetete und ihm zwei schöne Kinder geschenkt hatte, war er überdies ein hübscher Mann, nahm am Korbe einen Platz ein, welcher mit jedem Tage angesehener wurde durch seine Verbindungen, seine Rührigkeit, seine wahrhaft überraschende Voraussicht, seine schrille Stimme, – eine rechte Querpfeifenstimme – welche ebenso berühmt war, wie der dröhnende Baß Jacoby's. Und plötzlich war seine Stellung vollständig erschüttert; er befand sich am Rande des Abgrundes und ein Hauch genügte, um ihn hinein zu schleudern. Und doch hatte er nicht gespielt, durch seinen flammenden Arbeitseifer, durch seine jugendliche Rührigkeit geschützt. Mitten im ehrlichen Kampfe ward er getroffen, durch Leidenschaft und Mangel an Erfahrung, weil er den Anderen zu viel geglaubt hatte. Uebrigens blieben ihm die lebhaften Sympathien Aller erhalten, man behauptete, daß er mit starkem Muthe sich aus der Klemme ziehen werde.

Als Madame Caroline zum Kontor hinaufstieg, verspürte sie den Geruch des Ruines, den Schauer der geheimen Beklemmung in den still und düster gewordenen Bureaux. Als sie durch das Kassenzimmer kam, sah sie etwa zwanzig Personen, eine ganze harrende Menge, während der Geldkassier und der Effektenkassier noch den Verpflichtungen des Hauses gerecht wurden, allerdings mit zögernden Händen, wie Leute, welche die letzten Schubfächer leeren. Durch eine halboffene Thür sah sie das Liquidations-Bureau, welches gleichsam im Schlummer lag, mit seinen sieben Beamten, welche die Zeitung lasen, weil sie nur selten Geschäfte auszutragen hatten, seitdem es an der Börse still geworden. Nur im Komptantbureau herrschte einiges Leben. Hier empfing sie der Prokurist Berthier; auch er war sehr erregt und bleich in Folge der Unglücksschläge, welche das Haus heimsuchten. – Ich weiß nicht, Madame, ob Herr Mazaud Sie wird empfangen können ... Er ist ein wenig leidend. Er hat sich erkältet, indem er die ganze Nacht im ungeheizten Bureau arbeitete. Er ist soeben in seine Wohnung hinuntergegangen, um ein wenig auszuruhen.

Madame Caroline beharrte bei ihrem Vorhaben.

– Ich bitte Sie, mein Herr, zu ermöglichen, daß ich ihm einige Worte sage. Es handelt sich vielleicht um die Rettung meines Bruders. Herr Mazaud weiß sehr wohl, daß mein Bruder sich niemals mit den Börsenoperationen befaßt hat und seine Zeugenschaft wird von großem Gewichte sein ... Anderseits will ich ihn über gewisse Ziffern befragen; er allein kann mir über gewisse Dokumente Aufschluß geben.

Berthier zögerte noch immer, doch bat er sie schließlich, in das Kabinet des Bankiers einzutreten.

– Warten Sie hier einen Augenblick, Madame, ich will sehen.

Und Madame Caroline hatte in diesem Raume in der That ein Gefühl der Kälte. Das Feuer mußte seit gestern erloschen sein; Niemand hatte daran gedacht, es wieder anzuzünden. Doch was sie noch mehr überraschte, war die vollkommene Ordnung, wie wenn man die ganze Nacht und den Morgen dazu benützt hatte, die Tische und Schränke zu leeren, die unnützen Papiere zu vernichten, die aufzubewahrenden zu klassiren. Man sah nichts herumliegen, kein Schriftenbündel, nicht einmal einen Brief. Auf dem Schreibpulte war Alles schön geordnet, das Tintenfaß, der Federbehälter, eine große Schreibmappe, auf welcher bloß ein Bündel Schlußzettel des Hauses lag, grüne Zettel, in der Farbe der Hoffnung. In dem kahlen Raume herrschte eine drückende Stille und unendliche Traurigkeit.

Nach einigen Minuten kam Berthier zurück.

– Meiner Treu, Madame, ich habe zweimal vergebens geläutet und wage nicht länger zu beharren ... Wenn Sie hinabgehen, läuten Sie selbst, falls Sie es für gut finden. Aber ich rathe Ihnen, ein anderes Mal wiederzukommen.

Madame Caroline mußte sich fügen. Auf dem Flur im ersten Stock schwankte sie noch; sie streckte sogar die Hand aus, um den Knopf der elektrischen Klingel zu berühren. Und schließlich wandte sie sich dennoch zum Weggehen, als sie plötzlich durch Geschrei und Schluchzen, einen dumpfen Lärm, der aus dem Innern der Wohnung drang, zurückgehalten wurde. Plötzlich ward die Thür geöffnet und ein Diener stürzte mit verstörtem Gesicht heraus und verschwand im Treppenhause, immerfort stammelnd:

– Mein Gott! mein Gott! der gnädige Herr ...

Madame Caroline war unbeweglich stehen geblieben, vor dieser weit offenen Thür, durch welche jetzt ganz deutlich eine Klage unsäglichen Schmerzes hervordrang. Und ihr Blut erstarrte, denn sie errieth, von der deutlichen Vision dessen, was hier vorging, ergriffen. Zuerst wollte sie fliehen, dann aber konnte sie es nicht, außer sich vor Erbarmen, angezogen durch das Bedürfniß zu sehen und auch ihre Thränen beizutragen. Sie trat ein, fand alle Thüren weit offen und gelangte so bis zum Salon.

Sie fand da zwei Frauen, ohne Zweifel die Köchin und die Kammerfrau, welche den Hals vorstreckten und mit entsetzensstarrem Gesichte stammelten:

– Ach, der gnädige Herr! Ach, mein Gott, mein Gott!

Durch den Spalt der schweren seidenen Vorhänge drang das scheidende Licht des grauen Wintertages in das Gemach. Aber es war sehr warm daselbst; große Holzscheite verzehrten sich im Kamin in einer dichten Gluth und beleuchteten die Wände mit einem großen, rothen Widerschein. Auf dem Tische stand ein Bund Rosen; es war ein herrlicher Strauß in dieser winterlichen Saison, welchen der Bankier erst gestern seiner Frau gebracht hatte; und die Blumen erschlossen sich in dieser Treibhauswärme und erfüllten das ganze Gemach mit ihrem Dufte. Es war gleichsam der Duft des raffinirten Luxus der Einrichtung, der Wohlgeruch des Glückes, des Reichthums, der Liebesseligkeit, welche vier Jahre hindurch hier geblüht hatten. Und in dem rothen Widerschein des Feuers sah man Mazaud am Rande des Canapé's ausgestreckt liegen, den Kopf von einer Kugel zerschmettert, die gekrümmte Hand einen Revolver umklammernd. Vor der Leiche stand seine junge Frau und stieß ihre Klage aus, jenes ununterbrochene wilde Geschrei, welches im Treppenhause zu vernehmen war. Im Augenblicke der Detonation hatte sie ihren kleinen Jungen von vierundeinhalb Jahren auf dem Arm, der in seinem Entsetzen sich mit den kleinen Händen an ihren Hals klammerte; und ihr Töchterchen, schon sechs Jahre alt, war ihr gefolgt, hatte sich an ihre Röcke gehängt, an sie geschmiegt; und die zwei Kinder schrieen ebenfalls, als sie ihre Mutter so verzweifelt schreien hörten.

Madame Caroline wollte sie sogleich hinwegführen.

– Madame, ich bitte Sie ... Madame, bleiben Sie nicht da ...

Sie selbst zitterte, fühlte sich schwach werden. Von dem durchlöcherten Kopfe Mazaud's sah sie noch das Blut fließen, Tropfen um Tropfen auf den Sammt des Canapé's fallen, von wo es auf den Teppich herabfloß. Es gab am Boden einen Fleck, der sich immer mehr ausbreitete. Und es schien ihr, daß dieses Blut sie erreiche, ihr Füße und Hände bespritze.

– Madame, ich bitte Sie, folgen Sie mir ...

Doch die Unglückliche hörte nicht; mit ihrem Knaben, der an ihrem Halse hing, und ihrem Mädchen, das sich an sie schmiegte, stand sie da, unbeweglich, starr in dem Maße, daß keine Macht der Welt sie hätte von der Stelle bringen können. Alle drei waren blond, weiß wie Milch, die Mutter so zart und keusch aussehend wie die Kinder. Und in dem Entsetzen ob ihres todten Glückes, in der plötzlichen Vernichtung der Seligkeit, die für immer dauern sollte, fuhren sie fort zu schreien, ihr Geheul auszustoßen, in welchem das ganze furchtbare Leid des Geschlechts sich Luft machte.

Da sank Madame Caroline in die Kniee. Schluchzend stammelte sie:

– Ach, Madame, Sie zerreißen mir das Herz ... Um des Himmels willen, Madame, reißen Sie sich los von diesem Anblick; kommen Sie mit mir in das anstoßende Zimmer; ich will mich bemühen, Ihnen ein wenig von dem Uebel zu ersparen, das man Ihnen zugefügt hat.

Und die Jammergruppe, die Mutter mit ihren Kleinen, die mit ihr wie verwachsen schienen, sie standen unbeweglich da, mit ihren aufgelösten, langen, blassen Haaren. Und das furchtbare Geheul hörte nicht auf, die wilde Klage des Blutes, die im Forste emporsteigt, wenn die Jäger das Vaterthier getödtet haben.

Mit wirrem Kopfe hatte Madame Caroline sich wieder erhoben. Man hörte Schritte und Stimmen; ohne Zweifel kam der Arzt, um den Tod zu konstatiren. Und sie konnte nicht länger bleiben, sie floh, gefolgt von der furchtbaren, endlosen Klage, welche sie selbst aus dem Trottoir, in dem Rollen der Fiaker noch immer zu hören glaubte.

Der Himmel war fahl, das Wetter kalt; und sie schritt langsam für sich hin, aus Furcht, daß man, ihre verstörte Miene sehend, sie für eine Mörderin halten und verhaften könnte. Und Alles tauchte vor ihr auf, die ganze Geschichte des furchtbaren Einsturzes von zweihundert Millionen, welcher so viele Ruinen aufhäufte und so viele Opfer zermalmte. Welche geheimnißvolle Macht hatte diesen so rapid aufgebauten goldenen Thurm zerstört? Dieselben Hände, die ihn aufgeführt hatten, schienen in wahnsinniger Wuth daran zu arbeiten, daß kein Stein auf dem anderen bleibe. Allenthalben gab es Schmerzensschreie, Reichthümer stürzten ein mit dem Getöse von Demolitionskarren, die auf den öffentlichen Schutthaufen geleert werden. Die letzten Landgüter der Beauvilliers, die Sou für Sou zusammengekratzten Ersparnisse des Dejoie, die in der Großindustrie erzielten Gewinnste des Sédille, die Renten der Maugendre, die sich vom Handel zurückgezogen hatten: sie wurden durcheinander gemengt geräuschvoll in dieselbe Kloake geworfen, die sich nicht füllen wollte. Es war der im Alkohol ersäufte Jantrou, die im Koth erstickte Sandorff, Massias, zu seinem erbärmlichen Handwerk eines Spürhundes zurückgekehrt, durch die Schuld zeitlebens an die Börse gekettet; und Flory als Dieb im Gefängnisse, seine Schwächen für die Frauen büßend, Sabatani und Fayeux auf der Flucht, in ihrer Furcht vor den Gensdarmen galoppirend; und es waren – noch ergreifender und erbarmungswürdiger – die unbekannten Opfer, die große, namenlose Heerde all' der Armen, welche es durch die Katastrophe geworden, fröstelnd in ihrer Verlassenheit und vor Hunger jammernd. Und es war schließlich der Tod, Pistolenschüsse an allen vier Enden von Paris; der zerschmetterte Kopf Mazaud's, das Blut Mazaud's, welches Tropfen um Tropfen, mitten im Luxus und im Rosendufte, sein Weib und seine Kinder bespritzte, die in ihrem Schmerze heulten.

Und Alles, was sie seit einigen Wochen gesehen und gehört, brach jetzt aus dem gemarterten Herzen der Madame Caroline in einem Schrei der Verwünschung los. Sie konnte nicht länger schweigen, ihn beiseite lassen, als ob er nicht existirte, um zu vermeiden, daß sie ihn beurtheile und verdamme. Er allein war strafbar; dies ging aus jedem dieser Einstürze hervor, deren furchtbare Anhäufung sie entsetzte. Sie fluchte ihm; ihr Zorn und ihre Entrüstung, so lange zurückgehalten, überströmten in einem rächerischen Hasse, dem Hasse gegen das Böse. Liebte sie denn ihren Bruder nicht mehr, daß sie bis jetzt gewartet hat, den furchtbaren Mann zu fassen, welcher die alleinige Ursache ihres Unglücks war? Ihr armer Bruder, dieser harmlose Mensch, dieser starke Arbeiter, so ehrlich und so schlicht, jetzt mit dem untilgbaren Makel des Gefängnisses befleckt, das Opfer, das sie vergaß, schmerzlich und theurer als alle anderen! Ha, Saccard soll keine Vergebung finden! Niemand soll es wagen, seine Sache zu verfechten, selbst Jene nicht, die fortfuhren an ihn zu glauben, die nur seine Güte kannten! Er möge eines Tages einsam sterben, verachtet von Allen!

Madame Caroline erhob die Augen. Sie war auf dem Börsenplatze angekommen und sah vor sich die Börse. Die Dämmerung senkte sich herab, der dunstschwere Winterhimmel hing wie eine Rauchwolke hinter dem Gebäude, wie eine dunkelrothe Wolke, welche gleichsam aus den Flammen und aus dem Staub einer im Sturme eroberten Stadt zusammengesetzt war. Und von diesem Himmel hob die Börse sich grau und düster ab, in der Trauer der Katastrophe, die seit einem Monat sie verödet ließ, allen Winden geöffnet, gleich einer Halle, welche durch eine Hungersnoth geleert worden. Es war die verhängnißvolle, von Zeit zu Zeit wiederkehrende Epidemie, deren Verheerungen den Markt alle zehn oder fünfzehn Jahre ausfegen, die schwarzen Freitage, wie man sie nennt, welche den Boden mit Trümmern bedecken. Jahre vergehen, ehe das Vertrauen wiederkehrt, ehe die großen Bankhäuser sich erholen, bis die allmälig wiederbelebte Leidenschaft sich mit neuem Eifer in das Abenteuer stürzend eine neue Krise herbeiführt, in einem neuen Unheil Alles niederreißt. Doch dieses Mal, hinter jenem röthlichen Rauch am Horizont, in den verschwimmenden Fernen der Stadt gab es gleichsam ein dumpfes, mächtiges Krachen, wie die Ankündigung des bevorstehenden Endes einer Welt.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.