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Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 11
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typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X.

Im Jahresschlusse, am Tage der Dezember-Liquidation war der große Börsensaal schon um halb ein Uhr gefüllt und die Menge befand sich in einer außerordentlichen Erregtheit der Stimmen und Geberden. Schon seit einigen Wochen stieg die Aufregung und sie führte zu diesem letzten Kampftage. Es war eine fieberhafte Menge, in welcher schon der Entscheidungskampf grollte, zu dem man rüstete. Draußen war furchtbar kalt, aber eine helle Wintersonne sandte ihre schrägen Strahlen durch das hohe Glasdach und erhellte eine ganze Seite des kahlen Saales, mit seinen strengen Pfeilern und der trübseligen Wölbung, welche durch allegorische Gemälde, Grau in Grau gehalten, ein noch frostigeres Aussehen erhielt. Aus den Oeffnungen der Luftheizung, längs der Arkaden, drang eine wohlthuende Wärme in den Raum, inmitten des kalten Luftzuges, der durch die fortwährend auf- und zugehende Gitterthür Eingang fand.

Der Baissier Moser, noch unruhiger und gelber als sonst, rannte den Haussier Pillerault an, der arrogant auf seinen hohen Reiherbeinen stand.

– Wissen Sie schon, was man sagt?

Doch er mußte lauter sprechen, um sich verständlich zu machen in dem wachsenden Lärm der Gespräche; es herrschte ein regelmäßiges, monotones Rollen im Saal, dem endlosen Getöse aus den Ufern getretener Fluthen gleichend.

– Man sagt, wir werden im April den Krieg haben. Bei diesen furchtbaren Rüstungen kann es gar nicht anders sein. Deutschland will uns nicht Zeit lassen, das neue Militärgesetz, welches die Kammer votiren wird, anzuwenden. Und übrigens will Bismarck ...

Pillerault brach in ein Gelächter aus.

– Lassen Sie mich in Frieden, Sie und Ihr Bismarck. Ich, der ich da mit Ihnen spreche, habe diesen Sommer, als er hier war, fünf Minuten mit ihm geplaudert. Er hat eine sehr gutmüthige Miene. Wenn Ihr nach dem überwältigenden Erfolge der Ausstellung noch nicht zufrieden seid, was soll man Euch dann noch bieten? Mein Lieber, ganz Europa gehört uns.

Moser schüttelte verzweifelt den Kopf und von der drängenden und stoßenden Menge jede Sekunde unterbrochen, fuhr er fort, seine Befürchtungen zu entwickeln. Der Markt wäre zu gesund, von einer vollblütigen Gesundheit, die nichts taugte, wie die ungesunde Fette der allzu dicken Leute. Dank der Ausstellung hätte der Markt zu viel Geschäfte hervorgebracht. Man hätte sich zu sehr in Vertrauensseligkeit eingelullt und wäre im Spiel bei einem Grade angelangt, der an Wahnsinn streifte. Beispielsweise der Curs von 3030 bei der Universalbank: war das nicht unsinnig?

– Ach, da sind wir endlich bei der Sache! schrie Pillerault und indem er dem Andern noch näher rückte und jede Silbe nachdrücklich betonte, fügte er hinzu:

– Mein Lieber, heute Abends werden wir mit 3060 schließen, Ihr alle werdet zu Boden geschmissen werden, ich sage es Ihnen.

Der Baissier, obgleich sonst leicht zu beeinflußen, ließ ein leises Pfeifen des Mißtrauens vernehmen und er schaute in die Luft, um seine geheuchelte Gemüthsruhe zu markiren; er betrachtete einige Augenblicke die wenigen Frauenköpfe, die sich oben auf der Galerie des Telegrafenbureau's überneigten, erstaunt ob des Anblicks, den dieser Saal bot, welchen sie nicht betreten durften. Oben waren Schilder mit den Namen der Städte Frankreichs angebracht. Die Kapitäler und Karnieße boten eine lange, fahle Perspektive, welche durch Infiltrationen gelb gefleckt worden war.

– Schau, Sie sind's? hub Moser wieder an, indem er den Kopf neigte und Salmon erkannte, der vor ihm stand und sein ewig geheimnißvolles Lächeln zeigte.

In diesem Lächeln eine Bestätigung der Auskünfte Pillerault's erblickend, fügte Moser verlegen hinzu:

– Schließlich, wenn Sie etwas wissen, sagen Sie es. Mein Gedankengang ist einfach. Ich bin mit Gundermann, weil Gundermann doch Gundermann ist. Wenn man zu ihm hält, fährt man immer gut.

– Aber, wer sagt Ihnen denn, daß Gundermann in der Baisse ist? warf Pillerault höhnisch ein.

Moser riß erschreckt die Augen auf, als er dies hörte. Seit langer Zeit redete man an der Börse allgemein davon, daß Gundermann es auf Saccard abgesehen habe, daß er die Baisse gegen die Universalbank nähre, in der Absicht, nach einigen Monaten sie mit einer plötzlichen Anstrengung zu erwürgen, wenn die Stunde gekommen sein würde, den Markt mit seinen Millionen zu zermalmen. Und wenn der heutige Tag sich so heiß ankündigte, so war es deshalb, weil Alle glaubten und wiederholten, daß an diesem Tage die Schlacht angehen werde, eine jener mörderischen Schlachten, nach welcher einer der beiden Gegner vernichtet am Boden liegt. Aber war man denn jemals sicher in dieser Welt der Lüge und der List? Die sichersten Dinge, die am meisten im voraus angekündigt worden, boten bei dem leisesten Windhauch Ursache zu Zweifel und Angst.

– Sie leugnen das Offenkundige, murmelte Moser. Ich habe die Aufträge allerdings nicht gesehen und man kann nichts mit Bestimmtheit behaupten ... Was halten Sie davon, Salmon? Gundermann kann doch nicht nachgeben, alle Wetter!

Und er wußte nicht mehr was er glauben solle angesichts des stillen Lächelns Salmons, welches sich zu einer außerordentlichen Schlauheit zu verschmälern schien.

– Ja, wenn dieser da reden wollte, sagte er, mit dem Kinn auf einen dicken Mann zeigend, der eben vorüberging. Wenn dieser da reden wollte, wäre ich beruhigt. Er sieht klar.

Es war der berühmte Amadieu, der noch immer von seinem Erfolge in dem Geschäfte mit den Aktien der Bergwerke von Selsis lebte, welche er in einem blöden Einfall mit fünfzehn Francs pro Stück erstanden und später mit einem Gewinn von fünfzehn Millionen verkauft hatte, ohne etwas vorhergesehen oder berechnet zu haben, auf gut Glück. Man verehrte ihn wegen seiner großen finanziellen Fähigkeiten, ein wahrer Hof folgte ihm; die Leute trachteten seine geringsten Worte zu erhaschen, um in der Richtung zu spielen, welche diese Worte andeuteten.

– Bah! rief Pillerault, völlig seiner Lieblingstheorie eines Waghalses hingegeben, das Beste bleibt doch immer, auf Gerathewohl seinem Einfall zu folgen ... Es gibt nichts als das Glück. Entweder man hat Glück, oder man hat keins. Was hilft da das Nachdenken? So oft ich überlegte, ließ ich schier die Knochen dabei. So lange ich jenen Herrn fest auf seinem Posten sehen werde, mit seiner Miene eines Kerls, der Alles ausfressen will, werde ich kaufen.

Er zeigte mit einer Handbewegung auf Saccard, der eben angekommen war und auf seinem gewohnten Platze Aufstellung nahm, vor dem Pfeiler der ersten Arkade links. Wie alle Chefs großer Häuser hatte er an der Börse seinen bekannten Platz, wo die Beamten und die Klienten ihn sicher finden konnten. Blos Gundermann machte sich dadurch auffällig, daß er niemals einen Fuß in den großen Saal setzte; er sandte auch keinen offiziellen Vertreter dahin, aber man hatte das Gefühl, daß er eine Armee da habe; er herrschte da als abwesender und allgebietender Herrscher durch die zahllose Legion der Remisiers, der Agenten, die seine Aufträge brachten, um von seinen Kreaturen zu schweigen, die so zahlreich waren, daß vielleicht jeder anwesende Mann ein geheimer Streiter Gundermann's war. Gegen diese unfaßbare und überall thätige Armee kämpfte Saccard in Person, mit offenem Visier. Hinter ihm, in dem Winkel, welchen der Pfeiler bildete, stand eine Bank; aber er setzte sich dort niemals, er blieb die zwei Börsestunden hindurch stehen, als mißachtete er die Ermüdung. Zuweilen, in den Augenblicken der Ermattung, begnügte er sich einen Ellbogen auf den Stein zu stützen, welcher durch den Schmutz vieler Berührungen in Manneshöhe schwarz und glatt geworden war; und von der fahlen Nacktheit des Riesenbaues hob sich hier als ein charakteristisches Detail dieses Band schimmernden Schmutzes ab, an den Thüren, an den Wänden, in den Treppenhäusern, im Saale, ein schmutziger Unterbau, der angehäufte Schweiß ganzer Generationen von Spielern und Dieben. Sehr elegant, sehr korrekt gekleidet wie alle Börsenmänner, mit den feinen Stoffen seiner Gewandung und dem blendenden Weiß seiner Leibwäsche, hatte Saccard die freundliche, ruhige Miene eines Mannes ohne Sorgen, inmitten dieser schwarz umsäumten Mauern.

– Sie wissen ja, sagte Moser mit gedämpfter Stimme, daß man ihn beschuldigt, durch bedeutende Käufe die Hausse zu unterstützen. Wenn die Universalbank in ihren eigenen Aktien spielt, ist sie geliefert.

Doch Pillerault protestirte.

– Wieder so ein Gerede! ... Kann man denn genau sagen, wer verkauft und wer kauft? Er ist da, um die Klienten seiner Anstalt zu vertreten und das ist doch natürlich. Und er ist auch für seine eigene Rechnung da, denn er muß spielen.

Moser beharrte nicht weiter bei dem Gegenstande. Noch Niemand an der Börse würde gewagt haben den furchtbaren Feldzug zu behaupten, welchen Saccard führte, die Käufe, die er für die Rechnung der Gesellschaft machte, unter dem Namen von Strohmännern, von Sabatani, Jantrou und Anderen, hauptsächlich von Beamten seiner Direktion. Es war bloß ein Gerücht in Umlauf, ins Ohr geflüstert und in Abrede gestellt, immer von Neuem wieder erwachend, wenngleich unerwiesen. Anfänglich hatte er nur vorsichtig die Kurse gestützt und wiederverkauft, sobald er konnte, um die Kapitalien nicht allzu sehr festzurennen und die Kassen nicht mit Aktien anzufüllen. Allein, jetzt war er schon vom Kampfe fortgezogen und er hatte an diesem Tage die Nothwendigkeit von übertriebenen Käufen vorausgesehen, wenn er das Schlachtfeld behaupten wollte. Seine Aufträge waren ertheilt; er heuchelte seine heitere Ruhe der gewöhnlichen Tage, trotz seiner Ungewißheit über das schließliche Resultat und trotz der Verwirrung, die er fühlte, sich immer weiter auf einem Wege vorzuwagen, dessen furchtbare Gefährlichkeit ihm bekannt war.

Moser war inzwischen um den berühmten Amadieu herumgeschlichen, welcher in vertraulichem Gespräche mit einem kleinen, hageren Männchen stand. Jetzt kam er in großer Aufregung zurück und stammelte:

– Ich habe es gehört, mit eigenen Ohren gehört ... Er hat gesagt, die Verkaufs-Aufträge Gundermanns übersteigen zehn Millionen ... Oh, ich verkaufe, ich verkaufe; ich würde selbst mein Hemd verkaufen!

– Zehn Millionen, alle Wetter! murmelte Pillerault mit unsicherer Stimme. Das ist ja ein wahrer Krieg auf Messer.

Und in dem durch den Saal rollenden, immer stärkeren Getöse, das alle privaten Besprechungen nährten, war nur von diesem wüthenden Zweikampfe zwischen Gundermann und Saccard die Rede. Man unterschied die Worte nicht, aber die Nachricht war fertig da, sie allein tönte so laut: die ruhige, logische Beharrlichkeit des Einen im Verkauf, die fieberhafte Leidenschaftlichkeit im Kauf, die man bei dem Anderen vermuthete. Die widersprechenden Gerüchte, die anfänglich nur im Flüstertone die Runde machten, schlossen in hellem Trompetengeschmetter. Die Einen schrieen, sobald sie den Mund aufthaten, um sich in dem Getöse verständlich zu machen, während die Anderen geheimnißvoll einander ins Ohr flüsterten, selbst wenn sie sich nichts zu sagen hatten.

– Ach was, ich behalte meine Hausse-Posten, sagte Pillerault, schon wieder beruhigt. Die Sonne scheint zu schön, Alles wird wieder steigen.

– Alles wird zusammenbrechen, entgegnete Moser mit seiner zunehmenden Beharrlichkeit. Der Regen ist nicht mehr fern, ich hatte heute Nacht wieder einen Anfall.

Allein das Lächeln Salmons, der ihnen – Einem nach dem Andern – zuhörte, spitzte sich jetzt so scharf zu, daß Beide unzufrieden, ohne sicheren Halt blieben. Hat dieser verteufelte Mensch in seiner Pfiffigkeit und Verschlagenheit eine dritte Art zu spielen, wobei er weder in die Hausse, noch in die Baisse geht?

Saccard vor seinem Pfeiler sah die Menge seiner Schmeichler und seiner Klienten immer dichter werden. Fortwährend streckten sich ihm Hände entgegen und er drückte alle mit derselben zufriedenen Leichtigkeit und legte in jeden Druck seiner Finger eine Siegesverheißung. Einige liefen herbei, um ein Wort auszutauschen und eilten entzückt wieder davon. Viele harrten bei ihm aus, waren glücklich, zu seiner Gruppe gehören zu dürfen. Oft zeigte er sich liebenswürdig, ohne sich der Namen der Leute zu erinnern, die zu ihm sprachen. So mußte ihm der Kapitän Chave den Namen Maugendre's nennen, damit er diesen erkenne. Der Kapitän, der sich mit seinem Schwager ausgesöhnt hatte, drang in diesen, er solle verkaufen; allein, der Händedruck Saccard's genügte, um Maugendre in grenzenloser Hoffnung entflammen zu lassen. Dann kam der Verwaltungsrath Sédille, der große Seidenhändler, und bat um eine kurze Besprechung. Sein Handelshaus war dem Ruin nahe, sein ganzes Vermögen war bei der Universalbank festgelegt, in dem Maße, daß eine mögliche Baisse für ihn ein Zusammenbruch werden mußte; angstbeklommen, von seiner Leidenschaft verzehrt und weil auch sein Sohn Gustav, der bei Mazaud nicht vorwärts kam, ihm Kummer machte, fühlte er das Bedürfniß beruhigt und ermuthigt zu werden. Saccard schlug ihm auf die Schulter und entließ ihn von Muth und Zuversicht erfüllt. Und dann kam ein ganzer Zug: der Bankier Kolb, der längst verkauft hatte, aber dennoch auf einen günstigen Zufall lauerte; der Marquis de Bohain, der mit seiner stolzen Herablassung eines großen Herrn so that, als besuche er die Börse nur aus Neugierde und Müßiggang; selbst Huret, der mit Saccard unmöglich entzweit bleiben konnte, weil er zu geschmeidig war, um nicht bis zum Tage des schließlichen Versinkens der Freund der Leute zu sein, war gekommen, um zu sehen, ob es nichts mehr aufzulesen gäbe. Doch jetzt erschien Daigremont und Alle traten zur Seite. Er war sehr mächtig; man bemerkte seine Liebenswürdigkeit, die Art und Weise, wie er mit zutraulicher Kameradschaft Scherz trieb. Die Haussiers erstrahlten darob, denn er hatte den Ruf eines geschickten Mannes, der es verstand die Unternehmungen bei dem ersten Krachen der Bretter zu verlassen; und es galt nun für sicher, daß die Universalbank noch nicht krachte. Und schließlich kamen noch Andere vorbei, die mit Saccard blos einen Blick austauschten, Männer, die in seinem Dienste standen, Beamte, die damit betraut waren Aufträge zu ertheilen und auch für eigene Rechnung kauften in dieser Spielwuth, deren Epidemie die Reihen des Personals in der Rue de Londres lichtete, die sie – in ihrer Jagd auf Nachrichten – fortwährend auf der Lauer liegen, die Augen an alle Schlüssellöcher pressen ließ. So kam Sabatani zweimal vorüber mit seiner weichlichen Grazie eines auf einen Orientalen gepfropften Italieners; er that, als kennte er den Patron gar nicht, während Jantrou, der wenige Schritte weiter stand, ihnen den Rücken kehrte und sich völlig der Lesung der ausländischen Börsendepeschen zu widmen schien, die in vergitterten Rahmen hingen. Der Remisier Massias, der stets laufend die Gruppe anrempelte, nickte leicht mit dem Kopfe, was ohne Zweifel eine Antwort war, der Bescheid über einen rasch erfüllten Auftrag. Und in dem Maße, als die Eröffnungsstunde nahte, erfüllte das endlose Getrappel der Füße, der Doppelstrom der Menge, welche den Saal durchfurchte, diesen mit den tiefen Stößen und dem Getöse einer Hochfluth.

Man erwartete den Anfangs-Kurs.

Mazaud und Jacoby, die aus dem Zimmer der Wechselagenten kamen, erschienen jetzt am Korbe, Seite an Seite, mit der Miene korrekter Kollegialität. Sie wußten indessen, daß sie Gegner seien in dem unerbittlichen Kampfe, welcher seit Wochen gekämpft wurde und welcher mit dem Ruin des Einen oder des Andern endigen konnte. Mazaud, ein kleiner, schmächtiger, hübscher Mann war von einer frohen Lebhaftigkeit; darin kam eben sein bisheriges Glück zum Ausdruck, welchem er es zu danken hatte, daß er mit 32 Jahren das Maklergeschäft seines Oheims geerbt hatte. Jacoby, ein ehemaliger Prokurist, der dank seinen Klienten, die ihn kommanditirten, schon in vorgerückten Jahren Agent geworden, hatte den Dickwanst und den schweren Tritt seiner sechszig Jahre; er war ein großer, ergrauender, kahler Mensch mit einem breiten, gutmüthigen Spielergesicht. Mit ihren Notizbüchern in der Hand plauderten die Beiden vom guten Wetter, ganz so als hätten sie nicht auf diesen paar Zetteln die Millionen in der Hand, welche sie in dem mörderischen Handgemenge von Angebot und Nachfrage gleich Schüssen auszutauschen sich anschickten.

– Ein schöner, kalter Tag, nicht wahr?

– Oh, denken Sie sich, ich bin zu Fuße hergekommen, so schön war das Wetter.

Als sie vor dem Korbe ankamen, vor dem geräumigen, runden Becken, das noch rein war von den unnützen Papieren, von den Schlußzetteln, die man dort hineinwirft, blieben sie einen Augenblick stehen, stützten sich auf die Brüstung von rothem Sammt, welche den Korb umgibt, und fuhren fort, gleichgiltige, abgehackte Bemerkungen auszutauschen, während sie aus dem Augenwinkel spähend umherblickten.

Die durch Gitter abgeschlossenen, in Kreuzesform verlaufenden vier Quergänge, eine Art Stern mit vier Armen, dessen Mittelpunkt der Korb bildete, waren der dem Publikum unzugängliche geweihte Ort; und zwischen diesen Armen gab es vorn noch eine Abtheilung, wo die Angestellten des Komptantmarktes ihren Platz hatten, überragt von den drei Koteurs, den mit der Verzeichnung der Schlüsse betrauten Beamten, die auf erhöhten Stühlen vor ihren großen Registern saßen. Auf der anderen Seite gab es eine kleinere, offene Abtheilung, wegen ihrer Form die »Guitarre« genannt; hier konnten die Beamten und die Spekulanten sich mit den Agenten in direkte Verbindung setzen. Rückwärts, in dem Winkel, welchen die zwei anderen Arme bildeten, war der Markt der französischen Renten, wo jeder Agent, geradeso wie auf dem Komptantmarkte, durch einen besonderen Beamten vertreten war, der sein eigenes, unterschiedliches Notizheft hatte; denn die Wechselagenten rings um den Korb beschäftigen sich ausschließlich nur mit den Termingeschäften, widmen sich völlig dem zügellosen Treiben des Spiels.

Mazaud bemerkte jetzt in dem linken Quergang seinen Prokuristen Berthier, der ihm einen Wink gab; er ging denn hin und wechselte mit ihm halblaut einige Worte. Die Prokuristen durften sich nur in den Quergängen aufhalten, in respektvoller Entfernung von der Brüstung von rothem Sammt, die keine profane Hand berühren durfte. Jeden Tag erschien Mazaud an der Börse mit Berthier und mit zwei Beamten, demjenigen vom Komptantmarkte und demjenigen vom Rentenmarkte; zu diesen kam sehr häufig noch der Liquidator und außerdem der dem Depeschendienst zugetheilte Beamte, welcher stets der kleine Flory war, mit seinem immer dichter werdenden Barte, aus welchem nur mehr seine zärtlichen Aeuglein hervorschimmerten. Seitdem er nach dem Tage von Sadowa zehntausend Francs gewonnen, spielte Flory – durch die Geldforderungen der kapriziösen und verschwenderischen Chuchu getrieben – wahnsinnig auf eigene Rechnung, ohne jeden Kalkül, mit blinder Zuversicht dem Spiele Saccard's folgend. Die Aufträge, die er kannte, die Depeschen, die durch seine Hände gingen, genügten, um ihm eine Richtung zu geben. Als er eben wieder vom Telegraphenbureau, welches im ersten Stock installirt war, beide Hände voll mit Depeschen herabgelaufen kam, ließ er durch einen Saaldiener Mazaud herbeirufen, der Berthier stehen ließ, um zur »Guitarre« zu gehen.

– Mein Herr, soll ich sie heute öffnen und klassiren?

– Gewiß, wenn sie so massenhaft kommen. Was ist denn Alldas?

– Fast ausnahmslos Kaufaufträge auf Universalbank. Mit geübter Hand durchblätterte der Agent die Depeschen und er war augenscheinlich zufrieden. Mit Saccard stark engagirt, für welchen er seit langer Zeit bedeutende Summen im Report hatte und von dem er auch am Morgen desselben Tages riesige Verkaufsaufträge erhalten, war er schließlich der anerkannte Agent der Universalbank geworden. Und obgleich bisher ohne große Unruhe, hatten diese andauernde Voreingenommenheit des Publikums, diese beharrlichen Käufe trotz der übertriebenen Kurse ihn beruhigt. Unter den Unterzeichnern der Depeschen schlug ein Name an sein Ohr, derjenige des Fayeux, des Renteneinnehmers zu Vendôme, der sich eine außerordentlich zahlreiche Klientel von kleinen Käufern unter den Pächtern, Betschwestern und Geistlichen seiner Provinzgegend gemacht zu haben schien, denn es verging keine Woche, ohne daß er in solcher Weise Depesche auf Depesche sandte.

– Geben Sie das unserem Vertreter am Komptantmarkte, sagte Mazaud zu Flory. Und warten Sie nicht, bis man Ihnen die Depeschen bringt. Bleiben Sie oben und übernehmen Sie sie selbst.

Flory lehnte sich an die Balustrade des Komptantmarktes und rief mit lauter Stimme:

– Mazaud, Mazaud!

Es war Gustav Sédille, der auf diesen Ruf nahte; denn auf der Börse verlieren die Angestellten ihren Namen und haben nur den Namen des Agenten, welchen sie vertreten. Auch Flory selbst hieß hier Mazaud. Nachdem Gustav zwei Jahre hindurch von dem Geschäfte fern geblieben, war er vor Kurzem wieder eingetreten, um seinen Vater zu bestimmen, seine Schulden zu bezahlen; und an diesem Tage war er in Abwesenheit des Disponenten mit den Aufgaben des Vertreters am Komptantmarkte betraut worden, was ihm Spaß machte. Flory neigte sich zu seinem Ohr und sie kamen überein, für Fayeux nur zum letzten Kurs zu kaufen und vorher auf seine Ordres für ihre eigene Rechnung zu spielen, indem sie zunächst im Namen ihres gewöhnlichen Strohmannes kaufen und wieder verkaufen würden, so daß sie selbst die Differenzen einstreichen würden, weil ihnen die Hausse sicher schien.

Inzwischen kehrte Mazaud zum Korbe zurück. Bei jedem Schritt übergab ihm ein Saaldiener von Seite irgend eines Klienten, der sich nicht nähern konnte, einen Schlußzettel, welcher einen mit Bleistift hingeworfenen Auftrag enthielt. Jeder Agent hatte seine besonderen Zettel von specieller Farbe, roth, gelb, blau, grün, damit man sie leicht erkennen könne. Die Schlußzettel des Mazaud hatten die Farbe der Hoffnung, und die kleinen grünen Zettel häuften sich zwischen seinen Fingern bei dem fortwährenden Kommen und Gehen der Saaldiener, die sie an den Enden der Quergänge aus den Händen der Angestellten und Spekulanten empfingen, welche mit einem Vorrath dieser Schlußzettel versehen waren, um Zeit zu gewinnen. Als er abermals vor der Sammtbrüstung stehen blieb, fand er daselbst Jacoby, der gleichfalls die Hand voll mit Zetteln hatte. Seine Zettel waren blutroth. Es waren ohne Zweifel die Aufträge Gundermann's und seiner Getreuen, denn es war allgemein bekannt, daß Jacoby in dem Gemetzel, welches sich vorbereitete, der Agent der Baissiers, der Hauptvollstrecker der Todesurtheile der jüdischen Bankwelt war. Er plauderte jetzt mit einem anderen Agenten, Herrn Delarocque, seinem Schwager, einem Christen, welcher eine Jüdin geheirathet hatte. Delarocque war ein dicker, rother, untersetzter, ganz kahler Mensch, der sich in den Klubkreisen herumtrieb und dafür bekannt war, daß er die Aufträge Daigremont's erhielt, welcher seit Kurzem mit Jacoby entzweit war, wie ehemals mit Mazaud. Die Geschichte, die Delarocque erzählte, die saftige Geschichte einer Frau, die ohne Hemd zu ihrem Gatten heimgekehrt war, entflammte seine kleinen, zwinkernden Augen, während er mit einer leidenschaftlichen Mimik sein Notizbuch schüttelte, aus welchem ein ganzes Packet von himmelblauen Schlußzetteln hervorquoll.

– Herr Massias wünscht mit Ihnen zu sprechen, meldete ein Saaldiener Herrn Mazaud.

Mazaud kehrte rasch an das Ende des Querganges zurück. Der Remisier, der vollständig im Solde der Universalbank stand, brachte ihm Nachrichten von der Coulisse, die trotz der furchtbaren Kälte bereits unter dem Peristyl thätig war. Einige Spekulanten wagten sich zuweilen in den Saal, um sich kurze Zeit zu erwärmen, während die Coulissiers in ihren dicken Pelzröcken, mit aufgestülpten Pelzkragen, fest aushielten, wie gewöhnlich im Kreise, unterhalb der Uhr, lebhaft gestikulirend und so stark schreiend, daß sie die Kälte nicht fühlten. Einer der rührigsten war der kleine Nathansohn; er war im Zuge eine bedeutende Persönlichkeit zu werden, vom Glücke begünstigt seit dem Tage, da er als kleiner Beamter vom Crédit mobilier austretend auf den Einfall gekommen war ein Zimmer zu miethen und einen Kassenschalter zu öffnen.

Mit rascher Stimme erklärte Massias, daß unter der Masse von Werthen, mit welchen die Baissiers den Markt belasteten, die Kurse eine weichende Tendenz annehmen zu wollen scheinen, weshalb Saccard auf den Einfall gekommen sei, in der Coulisse zu operiren, um den Anfangskurs des Korbes zu beeinflussen. Universalbank hatte gestern 3030 geschlossen und er hatte Nathansohn den Auftrag gegeben, hundert Stück Aktien zu kaufen, welche ein anderer Coulissier mit 3035 anbieten sollte. Das war ein Ueberkurs von fünf Francs.

– Gut, wir werden den Kurs bekommen, sagte Mazaud.

Und er kehrte zu den Gruppen der Agenten zurück, die jetzt vollzählig waren. Die sechszig Agenten waren da und schlossen schon – der Börsenregel zuwider – Geschäfte zum Durchschnittscurse unter einander ab, einstweilen, bis die Glocke zur Eröffnung geläutet werden würde. Die zu einem im voraus fixirten Kurse ertheilten Aufträge beeinflußten den Markt nicht, da man diesen Kurs abwarten mußte, während die auf den möglichst guten Kurs ertheilten Aufträge, diejenigen, deren Durchführung man der Witterung des Agenten überließ, das fortwährende Schwanken der verschiedenen Kurse entschieden. Ein guter Agent mußte aus Schlauheit und Voraussicht, aus Geistesgegenwart und agilen Muskeln zusammengesetzt sein, denn die Raschheit sichert den Erfolg, ganz abgesehen von der Nothwendigkeit guter Verbindungen in der hohen Bankwelt, von den Erkundigungen, die man allerorten einholen muß, von den Depeschen, die man von den französischen und ausländischen Börsen erhält und mit welchen man jedem Anderen zuvorkommt. Schließlich war auch eine kräftige Stimme nothwendig, um laut schreien zu können.

Doch jetzt schlug es 1 Uhr und die Glocke sandte ihr helles Läuten wie einen Windstoß über das bewegte Meer von Köpfen; und noch war der letzte Schlag nicht verklungen, als Jacoby, beide Hände an die Sammtbrüstung gestützt, mit einer brüllenden Stimme, der stärksten unter allen, ausrief:

– Ich gebe Universalbank, ich gebe Universalbank! Er fixirte keinen Preis und wartete auf die Nachfrage. Die sechszig Agenten hatten sich genähert und schlossen den Kreis rings um den Korb. Und schon bildeten einige hingeworfene Schlußzettel helle Flecke am Boden. Einander gegenüber stehend betrachteten sich Alle, maßen sich mit den Augen, wie zwei Kämpfer zu Beginn des Waffenganges, sehr begierig, den Anfangskurs festgestellt zu hören.

– Ich gebe Universalbank! wiederholte der dröhnende Baß Jacoby's, ich gebe Universalbank!

– Zu welchem Kurs, die Universalbank? fragte Mazaud mit einer scharfen Stimme, welche diejenige seines Kollegen übertönte, wie man die Stimme der Flöte aus der Begleitung des Cellos heraushört.

Da proponirte Delarocque den Kurs von gestern.

– Mit 3030 nehme ich Universalbank!

Doch schon überbot ihn ein anderer Agent.

– Mit 3035 sendet mir Universalbank!

Es kam also der Kurs der Coulisse und verhinderte die Arbitrage, welche Delarocque vorbereiten wollte: einen Kauf am Korbe und einen prompten Verkauf in der Coulisse, um die fünf Francs der Hausse einstreichen zu können. Mazaud entschloß sich denn, der Zustimmung Saccard's sicher.

– Ich nehme mit 3040, sendet mir Universalbank mit 3040.

– Wie viel? mußte Jacoby fragen.

– Dreihundert Stück.

Sie warfen eine Zeile in ihr Notizheft und der Handel war abgeschlossen. Der Anfangskurs war fixirt mit einer Hausse von 10 Francs gegen den gestrigen Schlußkurs. Mazaud trat aus der Gruppe und begab sich zum Coteur, welcher die Universalbank auf seinem Register führte und gab den Kurs an. Und nun war es zwanzig Minuten hindurch, als wäre eine Schleuße geöffnet worden: die Kurse der anderen Werthe wurden ebenfalls festgestellt, der ganze Komplex von Geschäften, welche die Agenten mitgebracht hatten, wurde ohne große Variationen abgeschlossen. Die Coteurs auf ihren hohen Sitzen, zwischen dem Getöse des Korbes und demjenigen des Komptantmarktes, welcher ebenfalls in fieberhafter Thätigkeit war, hatten große Mühe, alle die neuen Kurse einzutragen, welche die Agenten und die Beamten ihnen zuriefen. Auch der Rentenmarkt rückwärts war in lebhafter Bewegung. Seitdem der Markt eröffnet war, grollte die Menge nicht allein mit dem anhaltenden Getöse der Hochfluth und dieses furchtbare Tosen wurde jetzt übertönt von dem wüsten Geschrei von Angebot und Nachfrage, ein charakteristisches Kreischen, welches anstieg, sich senkte, manchmal innehielt, um in ungleichen, abgehackten Tönen wieder zu beginnen, gleich dem Geschrei von Raubvögeln im Ungewitter.

Saccard stand lächelnd vor seinem Pfeiler. Sein Hof hatte sich noch verdichtet, die Hausse von zehn Francs in Universalbank hatte die Börse in Aufregung versetzt, denn man prognostizirte diesem Papier seit langer Zeit einen Krach für den Liquidationstag. Huret war mit Sédille und Kolb nähergetreten und er that, als bedauerte er seine Vorsicht, die ihn gedrängt hatte, seine Aktien zum Kurse von 2500 zu verkaufen; während Daigremont mit gleichgiltiger Miene, Arm in Arm mit dem Marquis Bohain, diesem in heiterem Tone die Niederlage seines Stalles bei den Herbstrennen erzählte. Vor Allem aber triumphirte Maugendre; er überhäufte mit seinem Spott und seinen Vorwürfen den Kapitän Chave, welcher trotz Allem in seinem Pessimismus verharrte, indem er sagte, man müsse das Ende abwarten. Dieselbe Scene wiederholte sich zwischen dem prahlerischen Pillerault und dem melancholischen Moser. Der Eine erstrahlte in dieser wahnsinnigen Hausse, der Andere ballte krampfhaft die Fäuste und sprach von dieser eigensinnigen, blöden Hausse, wie von einem wüthenden Thier, welches man schließlich doch niederschlagen wird. So verging eine Stunde. Die Kurse blieben beiläufig dieselben; man fuhr am Korbe fort Geschäfte abzuschließen, allerdings jetzt weniger, nach Maßgabe der neuen Aufträge und der einlaufenden Depeschen. Es gab so jeden Tag um die Mitte der Börsenzeit eine Art Verlangsamung, die Ruhe der laufenden Transaktionen, während welcher man den entscheidenden Kampf der Schlußkurse erwartete. Indeß hörte man noch immer das Brüllen Jacoby's, unterbrochen von den schrillen Rufen Mazaud's, welche Beide in Prämienoperationen engagirt waren. »Ich gebe Universalbank zu 3040 mit 15. – Ich nehme Universalbank zu 3040 mit 10. – Wie viele? – 25. – Senden Sie.« Dies mußten die Aufträge des Fayeux sein, welche Mazaud ausführte, denn viele Provinzspieler kauften und verkauften auf Prämie, bevor sie sich in fixe Geschäfte einließen, um ihren Verlust zu limitiren. Dann kam plötzlich ein Gerücht in Umlauf, abgehackte Stimmen erhoben sich: Universalbank ist um 5 Francs gefallen, und Schlag auf Schlag fiel sie um 10 Francs, 15 Francs und schließlich auf 3025.

Jantrou, der nach kurzer Abwesenheit wieder im Saale erschienen war, flüsterte jetzt Saccard ins Ohr, die Baronin Sandorff, die unten, in der Rue Brongniart, in ihrem Coupé sitze, lasse ihn fragen, ob sie verkaufen solle. Diese Frage, in dem Augenblicke gestellt, wo die Kurse zu weichen begannen, brachte ihn außer sich. Er sah im Geiste den hoch auf seinem Bocke thronenden Kutscher und sah die Baronin, wie sie hinter den geschlossenen Fenstervorhängen ihres Wagens, gleichsam zuhause sitzend, ihr Notizheft zu Rathe zog.

– Sie soll mich in Frieden lassen! rief er; und wenn sie verkauft, erwürge ich sie!

Bei der Verkündung der Baisse von fünfzehn Francs war Massias wie auf einen Alarmruf herbeigeeilt, weil er wohl fühlte, daß man seiner bedürfen könnte. Saccard, der eine Finte vorbereitet hatte, um mit dem Schlußkurse Sieger zu bleiben – eine Depesche von der Lyoner Börse, wo die Hausse sicher war – begann in der That unruhig zu werden, als er die erwartete Depesche nicht ankommen sah, und dieser unerwartete Kurssturz um fünfzehn Francs konnte eine Katastrophe herbeiführen.

Massias übte die Vorsicht, nicht vor ihm stehen zu bleiben; er streifte ihn bloß mit dem Ellbogen und empfing dann mit gespitzten Ohren seinen Auftrag.

– Rath zu Nathansohn: vierhundert, fünfhundert, so viel als nothwendig sein wird.

Dies vollzog sich mit einer solchen Raschheit, daß bloß Pillerault und Moser es merkten. Seitdem Massias im Dienste der Universalbank stand, war er eine sehr wichtige Persönlichkeit geworden. Man trachtete ihn auszuholen, über seine Schulter hinweg die Aufträge zu lesen, die er empfing. Derzeit strich er selbst prächtige Gewinnste ein. Mit seiner lächelnden Gutmüthigkeit eines Pechvogels, dem das Glück bisher abhold geblieben, war er erstaunt über diese Wendung; er erklärte, das Hundeleben an der Börse sei jetzt erträglich und er behauptete nicht mehr, daß man ein Jude sein müsse, um daselbst Erfolge zu erzielen.

In der Coulisse, in dem eisigen Luftzuge des Peristyls, welches die bleiche Drei-Uhr-Sonne nicht zu erwärmen vermochte, war die Universalbank weniger schnell zurückgegangen, als am Korbe. Und Nathansohn, den seine Makler benachrichtigten, hatte soeben die Arbitrage realisirt, welche Delarocque zu Beginn nicht gelungen war: nachdem er im Saale mit 3025 gekauft, hatte er unter der Kolonnade mit 3035 verkauft. Das hatte nicht drei Minuten erfordert und er gewann dabei sechszigtausend Francs. Schon ließ der Kauf am Korbe das Papier auf 3030 hinaufgehen, vermöge jener Gleichgewichts-Wirkung, welche die beiden Märkte, der legale und der geduldete, auf einander gegenseitig ausüben. Unaufhörlich währte das Laufen der Angestellten vom Saale zum Peristyl, wobei sie von ihren Ellbogen Gebrauch machten, um sich durch die Menge eine Bahn zu brechen. Indeß drohte der Kurs in der Coulisse wieder zu weichen, als der Auftrag, welchen Massias Nathansohn brachte, ihn auf 3035 erhielt und dann auf 3040 trieb, während das Papier, vermöge der Wechselwirkung, auch auf dem Parket den Anfangskurs wieder erreichte. Aber es war schwer, es auf diesem Kurse zu erhalten, denn die Taktik Jacoby's und der anderen Agenten, welche im Namen der Baissiers operirten, war augenscheinlich die, die großen Verkäufe auf den Schluß der Börse aufzusparen, um dadurch den Markt zu zerschmettern und in dem Wirrwar der letzten halben Stunde einen Zusammenbruch herbeizuführen. Saccard begriff so richtig die Gefahr, daß er Sabatani das zwischen ihnen vereinbarte Zeichen gab. Der Italiener, der nur wenige Schritte von Saccard entfernt, mit der zerstreuten und müden Miene eines Schürzenjägers seine Zigarrette rauchte, schlüpfte sogleich mit der Geschmeidigkeit einer Schlange durch die Menge und begab sich zur »Guitarre«, wo er mit gespannter Aufmerksamkeit die Kurse verfolgend nicht mehr aufhörte, dem Mazaud auf grünen Zetteln, mit welchen er versehen war, Aufträge zu senden. Trotz Alledem war der Angriff ein so heftiger, daß Universalbank abermals um fünf Francs zurückging.

Es schlug drei Viertel; man hatte nur mehr eine Viertelstunde bis zum Schlußläuten. In diesem Augenblicke gab es ein Kreisen und Schreien der Menge, als wäre sie von irgend einer höllischen Marter gepeinigt; der Korb bellte und heulte mit dem heiseren Widerhall geborstener Kupferkessel; und nun kam der von Saccard so sehnlich erwartete Zwischenfall.

Der kleine Flory, der seit Beginn der Börsezeit alle zehn Minuten vom Telegraphenbureau herunterkam und jedesmal die Hände voll mit Depeschen hatte, erschien jetzt wieder, drängte sich durch die Menge und las ein Telegramm, dessen Inhalt ihn zu entzücken schien.

– Mazaud! Mazaud! rief eine Stimme.

Flory wandte natürlich den Kopf, als wäre er bei seinem eigenen Namen gerufen worden. Es war Jantrou, der wissen wollte, was es Neues gäbe. Allein der Beamte schob ihn hastig beiseite, völlig in der Freude aufgehend sich sagen zu können, daß Universalbank mit einer Hausse endigen werde; denn die Depesche meldete, daß das Papier an der Lyoner Börse stieg, wo so bedeutende Käufe abgeschlossen worden waren, daß die Rückwirkung an der Pariser Börse fühlbar sein mußte. In der That kamen noch weitere Depeschen und zahlreiche Agenten erhielten Aufträge. Das Resultat war ein unmittelbares und ansehnliches.

– Ich nehme Universalbank mit 3040! wiederholte Mazaud mit seiner durchdringenden Stimme eines Lockvogels.

Und Delarocque, durch diese Nachfrage stutzig gemacht, überbot ihn noch um fünf Francs.

– Ich nehme mit 3045!

– Ich gebe mit 3045, brüllte Jacoby; zweihundert mit 3045!

– Senden Sie!

Da ging auch Mazaud in die Höhe.

– Ich nehme mit 3050!

– Wie viel?

– Fünfhundert ... Senden Sie!

Doch der Lärm wurde so furchtbar inmitten der epileptischen Gestikulationen, daß die Agenten sich selbst nicht mehr hörten. Und in dem professionellen Feuereifer, der sie antrieb, fuhren sie mit Geberden fort, nachdem die hohlen Baßstimmen der Einen versagten, während die Flötenstimmen der Anderen sich bis zum Nichts verdünnten. Man sah die Mäuler sich weit aufthun, ohne daß ein vernehmbarer Ton hervorzudringen schien, und es redeten bloß die Hände: eine Geberde von innen nach außen, welche anbot, eine andere von außen nach innen, welche annahm; die erhobenen Finger bezeichneten die Mengen, die Köpfe winkten ja oder nein. Es war, als hätte ein Wahnsinns-Anfall die Menge heimgesucht und die Eingeweihten allein wußten da Bescheid. Oben, auf der Gallerie des Telegraphen-Bureaus, neigten sich Frauenköpfe vor, betroffen, entsetzt ob des außerordentlichen Schauspiels. Auf dem Rentenmarkte glaubte man eine Rauferei zu sehen; es gab da in der Mitte einen Knäuel Menschen, völlig in Wuth gerathen und die Fäuste in die Luft streckend, während der Doppelstrom des Publikums, welcher diese Seite des Saales durchzog, in seiner unaufhörlichen Bewegung die Gruppen verdrängte, daß sie sich bald zertheilten, bald wieder schlossen. Zwischen dem Komptantmarkte und dem Korbe, über dem entfesselten Aufruhr der Köpfe, sah man nur mehr die drei Coteurs auf ihren hohen Sesseln, die Schiffstrümmern gleich auf der Oberfläche schwammen, mit dem großen, weißen Fleck ihres Registers, durch die rapide Fluktuation der ihnen zugerufenen Kurse bald nach rechts, bald nach links gezogen. In der Abtheilung des Komptantmarktes hatte das Gedränge seinen Höhepunkt erreicht; es war eine kompakte Masse von Haaren, keine Gesichter, ein dunkles Gewimmel, bloß durch die kleinen, lichten Flecke der in der Luft geschüttelten Notizhefte erhellt. Und am Korbe, rings um das Becken, welches die zerknüllten Schlußzettel jetzt wie mit Blumen in allen Farben füllten, sah man ergrauende Haare, schimmernde Schädel, unterschied man die Blässe der aufgeregten Gesichter, die fieberhaft vorgestreckten Hände, die ganze tanzende Mimik der Körper, die sich jetzt ganz und gar gehen ließen und bereit schienen, sich gegenseitig zu verschlingen, wenn die Rampe sie nicht zurückgehalten hätte. Diese Wuth der letzten Minuten hatte übrigens auch das Publikum ergriffen; im Saale gab es ein Gedränge zum Erdrücken, ein ungeheures Getrappel, als hätte man eine große Heerde durch einen zu engen Gang losgelassen; und inmitten des verschwimmenden Farbengemisches der Ueberröcke glänzten nur die Seidenhüte in dem Lichte, welches durch das Glasdach hernieder fließend sich im Saale verbreitete.

Doch plötzlich durchbrach helles Läuten den Tumult. Da beruhigte sich Alles, die Geberden hielten inne, die Stimmen schwiegen, auf dem Komptantmarkte, auf dem Rentenmarkte, am Korbe; man hörte nur mehr das dumpfe Grollen des Publikums, gleich dem anhaltenden Geräusch eines in sein Bett zurückkehrenden Stromes. Und in der fortdauernden Bewegung zirkulirten die Schlußkurse; Universalbank war auf 3060 gestiegen und stand um 30 Francs höher als gestern. Die Niederlage der Baissiers war eine vollständige, die Liquidation sollte sich für sie wieder einmal unheilvoll gestalten, denn es würden für den Halbmonat sehr bedeutende Summen an Differenzen zu bezahlen sein.

Ehe Saccard den Saal verließ, erhob er sich einen Augenblick auf den Fußspitzen, wie um die ihn umgebende Menge leichter mit einem Blick umfassen zu können. Er war wirklich gewachsen, von einem solchen Triumph gehoben, daß seine ganze, kleine Gestalt anschwoll, sich verlängerte, ins Riesenhafte sich vergrößerte. Derjenige, den er so über allen Köpfen zu suchen schien, war der abwesende Gundermann, den er gern niedergeschlagen, zähneknirschend, um Gnade stehend gesehen hätte; und er wollte wenigstens, daß alle die unbekannten Geschöpfe, dieses ganze schmutzige Judenpack, das geärgert und enttäuscht den Saal füllte, ihn verklärt in dem Ruhme seiner Erfolge sehe. Es war sein großer Tag, der Tag, von welchem man noch immer spricht, wie von Austerlitz und Marengo. Seine Klienten, seine Freunde waren herbeigeeilt. Der Marquis von Bohain, Sédille, Kolb, Huret drückten ihm beide Hände, während Daigremont mit dem falschen Lächeln seiner weltmännischen Liebenswürdigkeit ihn beglückwünschte, sehr wohl wissend, daß solche Siege an der Börse den Tod bringen. Maugendre hätte ihn am liebsten auf beide Wangen küssen mögen; er war begeistert und außer sich, als er sah, wie der Kapitän trotz Alledem mit den Schultern zuckte. In vollständiger, geradezu religiöser Anbetung war Dejoie von der Zeitung herbeigeeilt, um sogleich den Schlußkurs zu erfahren; er blieb einige Schritte abseits stehen, unbeweglich, festgenagelt durch die Zärtlichkeit und die Bewunderung, die Augen von Thränen erglänzend. Jantrou war verschwunden; er brachte ohne Zweifel der Baronin Sandorff die Nachricht. Massias und Sabatani keuchten und strahlten, wie am Abend einer großen, siegreichen Schlacht.

– Nun, was habe ich gesagt? schrie Pillerault entzückt.

Moser, der mit langer Nase dastand, brummte halblaute Drohungen in den Bart.

– Ja, ja, am Rande des Abgrundes ... Die mexikanische Rechnung muß bezahlt werden; die römische Frage verwickelt sich seit Mentana immer mehr und Deutschland wird eines schönen Morgens über uns herfallen ... Ach, Alles ist verloren, Ihr werdet sehen!

Und als Salmon ihn mit ernster Miene betrachtete, fügte er hinzu:

– Das ist auch Ihre Ansicht, nicht wahr? Wenn Alles gar zu gut geht, ist der Krach nicht weit.

Indessen leerte sich der Saal und bald sollte daselbst nichts Anderes zurückbleiben, als der Rauch der Zigarren, eine bläuliche Wolke, verdichtet und vergilbt durch all' den aufgewirbelten Staub. Mazaud und Jacoby, die ihre korrekte Haltung wieder angenommen hatten, waren zusammen in das Zimmer der Wechselagenten zurückgekehrt, der Zweite mehr erschüttert durch seine persönlichen Verluste, als durch die Niederlage seiner Klienten, während der Erstere, der nicht spielte, sich völlig der Freude ob des so tapfer errungenen Schlußkurses hingab. Sie sprachen einige Minuten mit Delarocque, um ihre Engagements auszutauschen; sie hielten ihre mit Notizen gefüllten Büchlein in der Hand, welche ihre Liquidatoren am Abend ausbeuten sollten, um die abgeschlossenen Geschäfte auszutragen. In dem Zimmer der Angestellten, einem niedrigen Saale mit dicken Pfeilern, welcher einer unordentlich gehaltenen Schulklasse glich mit seinen Schreibpultreihen und seinen Kleiderschränken im Hintergrunde, unterhielten sich inzwischen Flory und Gustav Sédille, die ihre Hüte holten, sehr heiter und geräuschvoll, während sie den Durchschnittskurs erwarteten, welchen die Beamten des Börsen-Syndikats an einem der Pulte nach dem höchsten und dem niedrigsten Kurse feststellten. Als gegen halb vier Uhr der Zettel auf einem der Pfeiler ausgehängt worden, begannen die Beiden zu wiehern, zu glucksen und zu krähen in ihrer Befriedigung ob des schönen Geschäftes, welches sie auf die Kaufaufträge des Fayeux hin für sich selbst gemacht hatten. Nun konnte Chuchu, die Flory mit ihren Forderungen peinigte, ihr Paar Solitaires bekommen; Gustav hingegen konnte sechs Monate Vorschuß seiner Germaine Coeur einhändigen, die er in seiner Dummheit dem Jacoby endgiltig abgefischt hatte, so daß dieser seither eine Kunstreiterin vom Hyppodrom auf den Monat genommen hatte. Uebrigens dauerte der Lärm im Saal der Angestellten fort; es waren alberne Späße, ein Einrennen der Hüte, inmitten eines Drängens und Stoßens wie unter losgelassenen Schuljungen. Unter dem Peristyl beeilte sich die Coulisse rasch noch einige Geschäfte abzuschließen, mitten in der Fluth der letzten Spekulanten, welche trotz der furchtbar gewordenen Kälte noch ausharrten. Alle diese Spieler, Wechselagenten, Coulissiers und Remisiers, nachdem die Einen ihren Gewinn oder Verlust festgestellt, die Anderen ihre Makler-Rechnungen ausgefertigt hatten, waren um sechs Uhr schon damit beschäftigt den Frack anzuziehen, um mit ihrer verderbten Auffassung vom Gelde ihren Tag in den Restaurants und Theatern, in den Abendgesellschaften und galanten Alkoven zu beschließen.

Das nachtwachende und sich vergnügende Paris sprach an jenem Abend nur von dem furchtbaren Zweikampfe zwischen Gundermann und Saccard. Die Frauen, die aus Leidenschaft und Mode dem Spiele huldigten, flunkerten mit Börse-Ausdrücken, wie Liquidation, Prämie, Report, Deport, ohne sie auch immer zu verstehen. Man sprach besonders von der kritischen Lage der Baissiers, die seit so viel Monaten bei jeder neuen Liquidation immer größere Differenzen bezahlten, in dem Maße, als Universalbank, alle vernünftigen Grenzen übersteigend, in die Höhe ging. Gewiß, Viele spielten gegen baar und ließen sich reportiren, da sie die Stücke nicht liefern konnten; und sie verbissen sich in ihr Spiel, fuhren fort à la baisse zu operiren, in der Hoffnung, daß ein Kurssturz der Aktien bevorstehe; allein, trotz der Reports, die umsomehr anschwollen, als das Geld knapp wurde, waren die erschöpften Baissiers auf dem Punkte vernichtet zu werden, wenn die Hausse noch länger andauerte. In Wahrheit war die Situation Gundermann's, den man für ihren allmächtigen Führer hielt, eine ganz verschiedene; denn er hatte in seinen Kellern eine Milliarde, unerschöpfliche Truppen, die er ins Treffen schickte, so lang und so mörderisch der Feldzug auch war. Das war die unüberwindliche Stärke: Verkäufer gegen baar bleiben zu können, mit der Gewißheit seine Differenzen zu bezahlen bis zu dem Tage, wo die verhängnißvolle Baisse ihm den Sieg bringen würde.

Und man redete davon und man berechnete die bedeutenden Summen, die er schon verschlungen haben mußte, indem er am 15. und am 30. Tage jedes Monats – gleich Soldatenreihen, welche von den Kugeln hinweg gefegt werden – die mit Thalern gefüllten Säcke vorstreckte, welche im Feuer der Spekulation schmolzen. Noch niemals hatte er an der Börse einen so heftigen Angriff auf seine Macht zu bestehen, welche er daselbst souverain, unbestritten wissen wollte; denn wenn er – wie er zu sagen liebte – ein einfacher Geldhändler und kein Spieler war, so hatte er das klare Bewußtsein, daß er, wenn er dieser Geldhändler bleiben wollte, – und zwar der erste der Welt, der über das öffentliche Vermögen verfügte – der absolute Herr des Marktes sein mußte; und er kämpfte nicht um den unmittelbaren Gewinn, sondern um sein Königthum, um sein Leben. Dies erklärt die kühle Hartnäckigkeit, die wilde Großartigkeit seines Kampfes. Man traf ihn auf den Boulevards, längs der Rue Vivienne, mit seinem bleichen, unempfindlichen Gesichte, seinem Gang eines erschöpften Greises, ohne daß irgend etwas an ihm die mindeste Unruhe verrieth. Er glaubte nur an die Logik. Ein Kurs über zweitausend bei den Aktien der Universalbank war die beginnende Verrücktheit, ein Kurs von dreitausend war der reine Wahnsinn; sie mußten fallen, wie ein in die Luft geschleuderter Stein nothwendigerweise fallen muß. Und er wartete. Wird er bis ans Ende seiner Milliarde gehen? In der Umgebung Gundermanns zitterte man vor Bewunderung, aber auch vor Verlangen, ihn endlich zu sehen, wie er den Gegner verschlingt. Saccard hingegen hatte eine noch geräuschvollere Begeisterung erweckt; er hatte die Frauen, die Salons, die ganze schöne Welt der Spieler für sich, welche so schöne Differenzen einsackten, seitdem sie ihren Glauben in Geld umsetzten, indem sie auf den Berg Karmel und auf Jerusalem spekulirten. Der baldige Ruin der jüdischen Bankwelt war beschlossen; der Katholizismus sollte die Herrschaft über das Geld erlangen, wie er die Herrschaft über die Seelen hatte. Allein, wenn seine Truppen große Gewinnste erzielten, so war Saccard selbst mit seinen Geldmitteln zu Ende, denn er hatte mit seinen fortwährenden Käufen seine Kassen geleert. Von disponiblen zweihundert Millionen waren in dieser Weise mehr als zwei Drittel festgerannt: das war der allzu große Besitz, der erstickende Triumph, an welchem man zugrunde geht. Jede Gesellschaft, die an der Börse herrschen will, um den Kurs ihrer Aktien aufrecht zu erhalten, ist verurtheilt. Er hatte denn auch anfänglich nur mit Vorsicht eingegriffen. Allein, er war stets der Mann der Einbildungskraft gewesen, der übergroß sah, seine verdächtigen, abenteuerlichen Machenschaften geradezu in Gedichte umwandelte; und dieses Mal, mit diesem wirklich kolossalen und gedeihlichen Unternehmen, war er zu überschwänglichen Eroberungsträumen gelangt, zu einer so tollen, so ungeheuerlichen Idee, daß er sie sich selbst nicht deutlich formulirte. Ach, wenn er Millionen, immer neue Millionen gehabt hätte, wie diese schmutzigen Juden! Das Schlimmste war, daß er das Ende seiner Truppen sah; es waren noch einige Millionen da, gut für das Gemetzel. Dann, wenn die Baisse kam, war an ihm die Reihe Differenzen zu bezahlen; und da er die Stücke nicht übernehmen konnte, wird er genöthigt sein, sich reportiren zu lassen. Mitten in seinem Siege war der kleinste Kiesel im Stande, seine riesige Maschine umzuwerfen. Und man fühlte dies unklar, selbst unter seinen Getreuen, selbst unter Jenen, die an die Hausse glaubten, wie an den lieben Gott. Und dies war es, was Paris vollends in eine leidenschaftliche Aufregung versetzte: die Verwirrung, der Zweifel, in welchem man lebte, dieser Zweikampf zwischen Saccard und Gundermann, in welchem der Sieger all' sein Blut verlor, dieses Ringen der zwei legendären Ungeheuer, die zwischen sich die armen Teufel zertraten, die es wagten ihr Spiel mitzuspielen, die da drohten, sich gegenseitig auf den Trümmern zu erdrosseln, welche sie aufhäuften.

Plötzlich, am 3. Jänner, einen Tag nach der Regulirung der Rechnungen der letzten Liquidation, ging Universalbank um 50 Francs zurück. Das rief eine große Aufregung hervor. In Wahrheit war Alles zurückgegangen; der Markt, seit zu langer Zeit überbürdet, über alle Maßen angeschwollen, krachte auf allen Seiten; zwei oder drei faule Geschäfts-Unternehmungen waren geräuschvoll zusammengebrochen; und übrigens hätte man an diese heftigen Sprünge der Kurse gewöhnt sein sollen, welche zuweilen um mehrere hundert Francs an demselben Börsentage variirten, wie toll, der Magnetnadel inmitten des Gewitters gleichend. Ein heftiger Schauer ergriff die Menschen und Alle fühlten den Beginn des Zusammenbruches. Universalbank fiel: dieser Ruf kam in Umlauf, wurde verbreitet, mitten in einem Aufschrei der Menge, welcher aus Erstaunen, Hoffnung und Furcht sich zusammensetzte.

Am folgenden Tage stand Saccard fest und lächelnd auf seinem Posten und es gelang ihm durch bedeutende Käufe den Kurs wieder um 30 Francs zu heben. Allein, am 5. Jänner, sank der Kurs – trotz seiner Anstrengungen – um 40 Francs. Universalbank stand nur mehr auf dreitausend. Und fortan brachte jeder Tag seine Schlacht. Am 6. Jänner stieg Universalbank, am 7. und 8. fiel sie wieder. Es war eine unwiderstehliche Bewegung, welche das Papier in einem langsamen Falle mit sich riß. Man schickte sich an, sie zum Sündenbock zu machen, sie für die Thorheit Aller büßen zu lassen, für die Verbrechen der anderen, weniger im Vordergrunde stehenden Unternehmungen, jenes Gewimmels von verdächtigen, durch Reklamen überheizten Geschäften, welche gleich ungeheuerlichen Pilzen in dem zersetzten Erdreiche des herrschenden Systems gediehen. Saccard aber, der seinen Schlaf verloren hatte, der jeden Mittag seine Kampfstellung vor dem Pfeiler wieder aufnahm, lebte in der Halluzination des noch immer möglichen Sieges. Als Heerführer, der von der Vortrefflichkeit seines Planes überzeugt ist, wich er nur schrittweise, opferte seine letzten Soldaten und nahm aus den Kassen der Gesellschaft die letzten Thalersäcke, um den Angreifern den Weg zu verrammeln.

Am 9. Jänner trug er abermals einen im voraus angekündigten Erfolg davon: die Baissiers zitterten, wichen zurück; wird die Liquidation vom 15. Jänner sich wieder einmal mit den von ihnen gebrachten Opfern mästen? Und er, mit seinen Mitteln schon zu Ende, wurde genöthigt, Wechsel in Umlauf zu bringen, wagte nunmehr, wie die Hungerleider, die im Delirium ihres Hungers ungeheure Schmäuse sehen, sich selbst das wunderbare und unmögliche Ziel zu gestehen, nach welchem er strebte, die riesenhafte Idee, sämmtliche Aktien zurückzukaufen und die Kassaverkäufer mit gefesselten Händen und Füßen seiner Gnade ausgeliefert zu sehen. Dasselbe hatte sich vor Kurzem in Betreff einer kleinen Eisenbahngesellschaft vollzogen; das Emissionshaus hatte auf dem Markte Alles aufgekauft und die Verkäufer, die nicht liefern konnten, hatten sich ihm als Sklaven ergeben und waren genöthigt, ihr Vermögen und ihre Person anzubieten. Ach, wenn er Gundermann so weit gehetzt und in Schrecken gejagt hatte, daß er ihn zahlungsunfähig vor sich sehen würde! Wenn er ihn eines Morgens so sehen könnte, wie er mit seiner Milliarde vor ihm erscheint und ihn bittet, ihm nicht Alles zu nehmen, ihm die zehn Sous zu lassen, deren er bedarf, um sich seine tägliche Schale Milch zu kaufen! Allein, zu einem solchen Schlage waren 7–800 Millionen nothwendig. 200 Millionen hat er bereits in den Abgrund geschleudert, es mußten deren noch 500 bis 600 ins Treffen geführt werden. Mit 600 Millionen konnte er die Juden hinwegfegen, würde er der König des Geldes, der Herr der Welt sein. Welch' ein Traum! Und die Sache war so einfach; bei diesem Grade der Fieberhitze verschwand die Idee von dem Werthe des Geldes und es gab nur mehr Bauern, die man auf dem Schachbrett vorwärts schob. In seinen schlaflosen Nächten entsandte er eine Armee von 600 Millionen und ließ sie tödten um seines Ruhmes willen und blieb endlich Sieger inmitten des Zusammenbruches, inmitten der Ruinen Aller.

Am 10. Jänner hatte Saccard einen schweren Unglückstag. An der Börse bewahrte er noch immer seine Ruhe und seine Heiterkeit. Und doch war niemals ein Krieg mit solch' stummer Wildheit geführt worden. Es war ein Würgen von Stunde zu Stunde, Hinterhalte überall. In diesen geheimen und feigen Schlachten des Geldes, wo die Schwachen geräuschlos ausgeweidet werden, gibt es keine Bande, keine Verwandtschaft und keine Freundschaft mehr; es ist das grausame Gesetz der Starken, Derjenigen, die fressen, um nicht gefressen zu werden. Er fühlte sich denn auch absolut allein, hatte keine andere Stütze, als seine unersättliche Gier, die ihn aufrecht erhielt, unaufhörlich fressend. Er fürchtete besonders den 14., an welchem Tage die Prämienkündigung stattfinden sollte. Aber er fand abermals Geld für die vorhergehenden drei Tage und der 14. Jänner, anstatt einen Zusammenbruch herbeizuführen, befestigte den Kurs der Universalbank, welche bei der Liquidation am 15. mit dem Kurse von 2860 schloß, also mit einer Baisse von bloß 100 Francs, gegenüber dem Schlußkurse vom Dezember. Er hatte eine Katastrophe befürchtet und that, als glaubte er nun an einen Sieg. In Wirklichkeit war es der erste Sieg der Baissiers. Sie empfingen endlich Differenzen, nachdem sie deren seit drei Monaten bezahlt hatten; und nachdem die Lage sich gewendet hatte, mußte er, Saccard, sich bei Mazaud reportiren lassen, welch' Letzterer fortan stark engagirt war. Die zweite Hälfte des Monats Jänner sollte entscheidend werden.

Seitdem Saccard in solcher Weise unter täglichen Erschütterungen kämpfte, welche ihn in den Abgrund schleuderten und aus demselben wieder zurückholten, hatte er jeden Abend ein zügelloses Bedürfniß, sich zu betäuben. Er konnte nicht allein bleiben, speiste in der Stadt und vollendete seinen Abend am Halse einer Frau. Niemals hatte er so maßlos gelebt. Er zeigte sich überall, besuchte die Theater und die Gasthäuser, wo man soupirt, und trieb den übermäßigen Aufwand eines allzu reichen Menschen. Er ging Madame Caroline aus dem Wege, deren Vorstellungen ihn belästigten, denn sie sprach ihm stets von den unruhigen Briefen, die sie von ihrem Bruder erhielt und war nun selbst verzweifelt über seinen furchtbar gefährlichen Hausse-Feldzug. Er sah jetzt häufig die Baronin Sandorff, als würde diese kühle, verderbte Person in der kleinen Erdgeschoßwohnung der Rue Caumartin ihn an einen andern Ort zaubern, ihm eine Stunde des Vergessens schenken, die er so nothwendig brauchte, um seinen überreizten, überbürdeten Kopf zu zerstreuen. Zuweilen flüchtete er dahin, um gewisse Schriftenbündel zu prüfen, über gewisse Geschäfte nachzudenken und er war glücklich sich sagen zu können, daß ihn dort Niemand stören würde. Dort warf ihn der Schlaf hin und er schlief 1–2 Stunden, die einzigen köstlichen Stunden des Vergessens; und dann machte die Baronin sich keinen Skrupel daraus, seine Taschen zu durchsuchen, die Briefe, die in seinem Portefeuille lagen, zu lesen. Denn er war vollkommen stumm geworden, sie konnte keine nützlichen Nachschläge mehr von ihm erlangen und war sogar überzeugt, daß er sie belog, wenn sie ihm dennoch ein Wort entriß, so daß sie endlich nicht mehr wagte, nach seinen Anleitungen zu spielen. Indem sie ihm so seine Geheimnisse stahl, hatte sie die Gewißheit von den Geldverlegenheiten erlangt, mit welchen die Universalbank zu kämpfen hatte; es war ein ganzes großes System von in Umlauf gesetzten Gefälligkeitswechseln, welche die Bank aus Furcht im Auslande escomptiren ließ. Als Saccard eines Abends zu früh erwachte und sie dabei ertappte, wie sie seine Brieftasche durchsuchte, ohrfeigte er sie, wie eine Dirne, die in den Westentaschen der Herren kleine Münze sucht. Seither prügelte er sie häufig; dies versetzte Beide in Wuth, brach ihre Kraft und beruhigte sie schließlich.

Nach der Liquidation vom 15. Jänner, die ihr abermals einen Betrag von zehntausend Francs entführt hatte, begann die Baronin einen Plan zu erwägen. Der Gedanke ließ sie nicht mehr los und sie zog schließlich Jantrou darüber zu Rathe.

– Meiner Treu, sagte dieser, ich glaube, Sie haben Recht; es ist Zeit, daß Sie bei Gundermann vorsprechen. ... Besuchen Sie ihn und erzählen Sie ihm die Geschichte, nachdem er Ihnen versprochen hat, Ihnen für einen guten Rath einen andern im Tausch zu geben.

Gundermann war in einer Hundestimmung an dem Morgen, an welchem die Baronin bei ihm erschien. Erst gestern war Universalbank wieder gestiegen. Wird man denn niemals fertig werden mit diesem gefräßigen Raubthier, welches so viel von seinem Golde verschlungen hat und noch immer nicht hin werden wollte? Es war sehr wohl im Stande, sich noch einmal aufzurichten und am 31. des Monats wieder mit einer Hausse zu schließen; und er grollte sich selbst, weil er sich in diesen unheilvollen Wettkampf eingelassen, während es vielleicht besser gewesen wäre, sich an der neuen Anstalt zu betheiligen. In seiner gewöhnlichen Taktik erschüttert, seinen Glauben an den unabwendbaren Sieg der Logik verlierend, wäre er in diesem Augenblick bereit gewesen sich zum Rückzug zu entschließen, wenn er zurückweichen hätte können, ohne Alles zu verlieren. Selten überkamen ihn diese Augenblicke der Entmuthigung, welche die größten Heerführer oft am Vorabende des Sieges, wenn Menschen und Dinge ihren Erfolg haben wollen, kennen gelernt haben. Und diese Trübung seines sonst so klaren, mächtigen Blickes kam von dem Nebel her, der sich im Laufe der Zeit gebildet hatte, von jenem Geheimnisse der Börse-Operationen, unter welche man niemals mit Sicherheit einen Namen setzen kann. Gewiß, Saccard kaufte und spielte. Aber spielte er für ernste Klienten, oder für die Gesellschaft selbst? Er fand sich nicht mehr zurecht in all' dem Tratsch, den man ihm von allen Seiten hinterbrachte. Die Thüren seines riesengroßen Arbeitszimmers wurden heute sehr geräuschvoll zugeschlagen; sein ganzes Personal zitterte vor seinem Zorne; er empfing die Remisiers so brutal, daß ihr gewohnter Durchzug zu einem regellosen Galopp wurde.

– Ach, Sie sind's? sagte Gundermann zur Baronin ohne jede Höflichkeit. Ich habe heute keine Zeit mit Frauen zu verlieren.

Sie kam dadurch dermaßen aus der Fassung, daß sie alle Einleitungen fallen lassend, sogleich mit ihrer Nachricht herausplatzte.

– Wenn man Ihnen bewiese, daß die Universalbank nach ihren bedeutenden Käufen mit ihren Geldmitteln zu Ende ist, und daß sie, um den Feldzug fortführen zu können, genöthigt ist Gefälligkeitswechsel im Auslande eskomptiren zu lassen?

Der Jude hatte ein freudiges Erbeben unterdrückt. Sein Auge blieb matt und ausdruckslos und er antwortete mit grollender Stimme:

– Das ist nicht wahr.

– Wie? nicht wahr? Ich habe mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gesehen.

Und sie wollte ihn überzeugen, indem sie ihm erklärte, daß sie von Strohmännern unterschriebene Wechsel in der Hand gehabt habe. Sie nannte die Strohmänner und nannte auch die Bankiers in Wien, Frankfurt, Berlin, welche die Wechsel eskomptirt hatten. Seine Geschäftsfreunde würden ihm ja Aufschlüsse bieten können, sagte sie, und er würde sich überzeugen, daß ihre Berichte nicht aus der Luft gegriffen seien. Gleichzeitig versicherte sie, daß die Gesellschaft für sich selbst gekauft hat, mit dem einzigen Zweck, die Hausse aufrecht zu erhalten, und daß dadurch zweihundert Millionen bereits verschlungen seien.

Gundermann, der ihr mit düsterer Miene zuhörte, regelte bereits seinen morgigen Feldzug, in einer so raschen Geistesarbeit, daß er in einigen Sekunden die Aufträge vertheilt, die Summen festgestellt hatte. Jetzt war er des Sieges sicher; er wußte sehr wohl, aus welchem Unflath ihm diese Nachrichten kamen und war voll Verachtung gegen diesen Spieler Saccard, der in dem Maße blöd war, daß er sich einem Weibe auslieferte und sich verrathen ließ.

Als sie zu Ende war, schaute er sie mit seinen großen, glanzlosen Augen an und sagte:

– Nun wohl, was soll Alldas mich kümmern, was Sie mir da erzählen?

Sie war völlig betroffen angesichts seiner scheinbaren Ruhe und Uninteressirtheit.

– Aber es scheint mir, daß Ihre Stellung in der Baisse ...

– Ich? Wer hat Ihnen gesagt, daß ich in der Baisse bin? Ich gehe niemals zur Börse, ich spekulire nicht ... Alldas ist mir sehr gleichgiltig.

Und seine Stimme war so harmlos, daß die Baronin, wankend gemacht und erschreckt, ihm schließlich geglaubt hätte, wären nicht gewisse gar zu schlau-naive Wendungen in dieser Stimme gewesen. Augenscheinlich hielt er sie zum Besten in seiner absoluten Verachtung eines abgetakelten, völlig begierdelosen Mannes.

– Also, liebe Freundin, ich habe wenig Zeit und wenn Sie mir nichts Interessanteres zu sagen haben ...

Er wies ihr die Thür. Von der Wuth erstickt wandte sie sich gegen ihn.

– Ich hatte Vertrauen zu Ihnen und habe zuerst gesprochen ... Das ist eine wahre Falle, die Sie mir gestellt haben. Sie hatten mir versprochen, wenn ich Ihnen nützlich sein würde, mir ebenfalls nützlich zu sein, mir einen Rath zu geben ...

Er erhob sich und unterbrach sie. Er, der niemals lachte, ließ ein leises Kichern vernehmen, dermaßen ergötzte ihn dieser brutale Betrug einer jungen und hübschen Frau gegenüber.

– Einen Rath will ich Ihnen nicht verweigern, liebe Freundin. Hören Sie genau zu: Spielen Sie nicht, spielen Sie niemals! Das wird Sie häßlich machen; eine Frau, die dem Spiel huldigt, ist sehr häßlich.

Und als sie, außer sich vor Wuth, sich entfernt hatte, schloß er sich mit seinen beiden Söhnen und seinem Schwiegersohn ein, vertheilte die Rollen, sandte sogleich zu Jacoby und zu anderen Wechselagenten, um den großen Schlag des morgigen Tages vorzubereiten. Sein Plan war einfach: Das zu thun, was er bisher nur aus Vorsicht nicht gewagt hatte, weil ihm die wirkliche Lage der Universalbank nicht bekannt gewesen, den Markt mit ungeheuren Verkäufen zu erdrücken, nachdem er nunmehr wußte, daß die Bank mit ihren Hilfsmitteln zu Ende war und daher die Kurse nicht halten konnte. Er schickte sich an, die furchtbare Reserve seiner Milliarde ins Treffen zu schicken, wie ein General, der ein Ende machen will und den seine Spione über den schwachen Punkt des Feindes unterrichtet haben. Die Logik wird triumphiren: jede Aktie ist verurtheilt, deren Kurs ihren wahren Werth übersteigt.

Saccard, der die Gefahr witterte, begab sich gerade an jenem Tage, gegen fünf Uhr zu Daigremont. Er war in fieberhafter Aufregung; er fühlte, daß die Stunde dränge einen Schlag gegen die Baissiers zu führen, wenn er nicht von ihnen endgiltig geschlagen werden wollte. Und ihn bearbeitete sein riesenhafter Gedanke, die kolossale Armee von sechshundert Millionen, die noch aufzubieten wären, um die Welt zu erobern. Daigremont empfing ihn mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit, in seinem fürstlich eingerichteten Palaste, mitten unter seinen kostbaren Gemälden und all' dem glänzenden Luxus, welchen von fünfzehn zu fünfzehn Tagen die Börsedifferenzen bezahlten, ohne daß man jemals wußte, inwieweit dieser Prunk auf fester Grundlage ruhte, oder in steter Gefahr schwebte, von einer Wendung des Glücks hinweg gefegt zu werden. Bisher hatte er die Universalbank nicht verrathen, hatte sich geweigert zu verkaufen, ein absolutes Vertrauen zur Schau getragen, glücklich ob seiner Haltung eines muthigen Spielers in der Hausse, aus welcher er übrigens bedeutende Gewinnste zog; er hatte sich sogar darin gefallen, nach der bösen Liquidation vom 15. Jänner nicht zu zucken, überzeugt – wie er überall sagte – daß die Hausse-Bewegung wiederkommen werde, aber dennoch wachsam und bereit, bei dem ersten bedenklichen Anzeichen zum Feinde überzugehen. Der Besuch Saccards, die außerordentliche Energie, welche dieser bekundete, die von ihm entwickelte ungeheure Idee den ganzen Markt aufzukaufen: sie erfüllten ihn mit wahrer Bewunderung. Es war wahnsinnig; aber sind die großen Heerführer und die großen Finanzmänner nicht oft nur Narren, die Erfolg haben? Und er versprach in aller Form, ihm schon an der morgigen Börse seinen Beistand zu leihen; er habe schon starke Posten und werde bei seinem Agenten Delarocque vorsprechen, um deren neue zu nehmen; seine Freunde ungerechnet, die er gleichfalls besuchen werde, ein ganzes Syndikat, welches er als Verstärkung heranziehen wolle. Man könne, behauptete er, dieses sofort ins Treffen zu führende neue Armeekorps mit hundert Millionen beziffern. Das würde genügen. Saccard strahlte, war des Sieges sicher und stellte sogleich den Schlachtplan fest, eine Umgehungsbewegung von seltener Kühnheit, den berühmtesten Schlachtenlenkern entlehnt: zu Beginn der Börse bloß ein Scharmützel, um die Baissiers anzuziehen und ihnen Vertrauen einzuflößen; dann, wenn sie einen ersten Erfolg errungen haben und die Kurse sinken würden, die Ankunft Daigremonts und seiner Freunde mit ihrer schweren Artillerie, mit allen den unerwarteten Millionen, wie aus einer Erdfalte hervorbrechend, die Baissiers im Rücken fassend und niederwerfend. Sie sollen zermalmt, in die Pfanne gehauen werden. Die beiden Männer trennten sich mit triumphirenden Händedrücken und Gelächter.

Eine Stunde später war Daigremont, der an jenem Tage nicht zuhause speiste, eben im Begriff sich zum Diner anzukleiden, als die Baronin Sandorff zu Besuch kam. In ihrer maßlosen Verwirrung war ihr der Einfall gekommen ihn zu Rathe zu ziehen. Es hatte eine kurze Zeit gegeben, wo man sie für seine Geliebte hielt; aber in Wirklichkeit hatte es zwischen ihnen nur eine sehr freie Kameradschaft gegeben. Beide waren zu schlau, durchschauten einander zu sehr, um zur Täuschung eines Liebesverhältnisses zu gelangen. Sie erzählte ihm ihre Befürchtungen, ihren Schritt bei Gundermann, die Antwort des Letzteren; dabei log sie übrigens hinsichtlich des Verraths-Fiebers, welches sie dorthin gedrängt hatte. Und die Geschichte belustigte Daigremont; er machte sich den Spaß sie noch mehr zu erschrecken, that, als ob er wankend gemacht und schier geneigt wäre zu glauben, daß Gundermann die Wahrheit gesagt habe, als er schwor, daß er nicht in der Baisse sei. Kann man denn jemals wissen? Die Börse ist ein wahrer Wald, ein Wald in finsterer Nacht, wo Jeder nur tastend vorwärts kommt. Wenn man in dieser Finsterniß das Unglück hat Alles mit anzuhören, was an Blödsinn und an Widersprüchen erfunden wird, ist man sicher, sich den Kopf einzurennen.

– Also, soll ich nicht verkaufen? fragte sie angstbeklommen.

– Verkaufen? Warum? Das wäre eine Thorheit! Morgen werden wir die Herren sein; Universalbank wird wieder auf 3100 steigen. Und halten Sie aus, was immer geschehen mag: Sie werden mit dem Schlußkurse sehr zufrieden sein ... Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.

Als die Baronin fort war, konnte Daigremont sich endlich ankleiden; da kündigte die Thürglocke einen dritten Besuch an. Nein, diesen wird er nicht empfangen. Doch als man ihm die Karte Delarocque's übergab, rief er sogleich, man solle ihn einlassen; und als der Agent, der sehr aufgeregt schien, zu reden zögerte, schickte Daigremont den Diener hinaus und legte sich selbst, vor einem hohen Spiegel stehend, die weiße Halsbinde um.

– Mein Lieber, sagte Delarocque mit der Vertraulichkeit eines Klubgenossen, ich vertraue auf Ihre Freundschaft, denn die Sache, die ich Ihnen zu sagen habe, ist sehr delikat ... Denken Sie sich: mein Schwager Jacoby war so artig, mir einen Wink zu geben, daß sich ein Schlag vorbereite. Gundermann und die Anderen sind entschlossen, an der morgigen Börse die Universalbank in die Luft zu sprengen. Sie wollen das ganze Packet auf den Markt werfen. ... Jacoby hat bereits die Aufträge und ist zu mir geeilt ...

Daigremout war sehr bleich geworden.

– Alle Wetter! sagte er bloß.

– Sie begreifen: es sind sehr starke Posten à la hausse bei mir engagirt; jawohl, für ungefähr fünfzehn Millionen; man kann Arme und Beine dabei brechen ... Da habe ich denn einen Wagen genommen und mache die Runde bei meinen ernsten Klienten. Das ist nicht korrekt gehandelt, aber die Absicht ist eine gute ...

– Alle Wetter! wiederholte der Andere.

– Kurz, mein lieber Freund, da Sie gegen Kassa spielen, bin ich gekommen, um Sie zu bitten, daß Sie decken oder sich Ihres Postens entledigen mögen.

– Schlagen Sie los, mein Lieber ... Ach, nein, ich bleibe nicht in Häusern, die einzustürzen drohen; das wäre ein unnützer Heldenmuth. Kaufen Sie nicht, verkaufen Sie! Ich habe bei Ihnen Universalbank für nahezu drei Millionen; verkaufen Sie, verkaufen Sie Alles!

Und als Delarocque ging, indem er sagte, daß er noch andere Klienten zu besuchen habe, erfaßte er seine Hände und drückte sie sehr energisch.

– Ich danke Ihnen; ich werde es nie vergessen. Verkaufen Sie, verkaufen Sie Alles!

Allein geblieben rief er seinen Diener zurück, um sich Haare und Bart ordnen zu lassen. Ach, welche Schule! Diesesmal hat nicht viel gefehlt und er hätte sich ausspielen lassen wie ein Kind. Das hat man davon, wenn man sich mit einem Narren einläßt!

Schon an der Abendbörse desselben Tages begann die Panik. Die Abendbörse wurde damals auf dem Trottoir des Boulevard des Italiens gehalten, am Eingang der Passage de l'Opéra; und dort fand sich nur die Coulisse ein und operirte mitten in einer verdächtigen Menge von Maklern, Remisiers, faulen Spekulanten. Inmitten des Getrappels der Gruppen zirkulirten Wanderhändler, Zigarrenstummel-Sammler krochen auf allen Vieren herum. Es war das beharrliche Ansammeln einer Heerde, die den Boulevard verrammelte, von der Fluth der Spaziergänger fortgerissen, getheilt wurde und sich wieder schloß. An jenem Abend standen so nahezu zweitausend Menschen beisammen, begünstigt durch die milde Temperatur unter dem bewölkten Himmel, welcher nach den furchtbaren Frösten Regen verhieß. Der Markt war sehr lebhaft; von allen Seiten wurde Universalbank ausgeboten, die Kurse fielen rapid. Alsbald kamen allerlei Gerüchte in Umlauf und ein Gefühl der Angst begann sich zu verbreiten. Was ging denn vor? Halblaut nannte man die wahrscheinlichen Verkäufer, je nach dem Remisier, der den Auftrag ertheilte, oder dem Coulissier, der ihn ausführte. Wenn die Großen in solcher Weise verkauften, mußte sicherlich etwas Ernstes sich vorbereiten. Und es gab von acht bis zehn Uhr Abends ein Gedränge; alle Spieler, die eine gute Spürnase hatten, entledigten sich ihrer Posten; es gab sogar solche, die Zeit fanden, sich von Käufern in Verkäufer umzuwandeln. Man ging in einem fieberischen Unbehagen zu Bette, wie am Vorabende der großen Unglücksfälle.

Am nächsten Tage war das Wetter ganz abscheulich. Es hatte die ganze Nacht geregnet; ein feiner, eisiger Regen hüllte die Stadt ein, welche durch das Thauwetter in eine Kloake von gelbem, flüssigem Koth verwandelt worden. In dieser Sintfluth begann die Börse um halb ein Uhr ihr Geschrei. Unter dem Peristyl und im Saale Schutz suchend war die Menge riesig groß geworden; die nassen Regenschirme, von welchen das Wasser abfloß, verwandelten den Saal alsbald in eine schlammige Pfütze. Der schwarze Schmutz der Mauern schwitzte die Feuchtigkeit aus, durch das Glasdach drang ein trübes, röthliches Licht von trostloser Melancholie in den Saal.

Inmitten der schlimmen Gerüchte, die in Umlauf waren, der ganz außerordentlichen Geschichten, welche die Köpfe verdrehten, suchten alle Blicke gleich beim Eintritt Saccard und betrachteten ihn. Er stand auf seinem gewohnten Posten vor dem Pfeiler; und er trug dieselbe Miene zur Schau, wie an anderen Tagen, an Siegestagen, seine Miene tapferer Heiterkeit und absoluter Zuversicht. Es war ihm nicht unbekannt, daß Universalbank an der gestrigen Abendbörse um 300 Francs zurückgegangen waren. Er witterte eine unermeßliche Gefahr und machte sich auf einen wüthenden Ansturm der Baissiers gefaßt; doch sein Schlachtplan schien ihm unanfechtbar: das Umgehungs-Manöver Daigremont's, das unerwartete Eintreffen einer frischen Armee von Millionen mußte Alles hinwegfegen und ihm wieder einmal den Sieg sichern. Er selbst war fortan ohne Hilfsmittel; die Kassen der Universalbank waren leer, er hatte die letzten Pfennige zusammengekratzt; aber er verzweifelte dennoch nicht, er hatte sich von Mazaud reportiren lassen, er hatte ihn in dem Maße gewonnen, indem er ihm die Unterstützung des Syndikats Daigremonts anvertraute, daß der Agent, ohne Deckung zu fordern, neuerlich Kaufaufträge auf mehrere Millionen annahm. Sie hatten die Taktik vereinbart, die Kurse zu Beginn der Börse nicht allzu stark sinken zu lassen, sie zu halten und bis zum Eintreffen der Hilfsarmee zu kämpfen. Die Aufregung war eine so lebhafte, daß Massias und Sabatani, auf unnütze Listen verzichtend, nachdem die wahre Situation schon Gegenstand des allgemeinen Geschwätzes war, ganz offen mit Saccard sprachen und dann mit seinen letzten Weisungen davon eilten, der Eine zu Nathansohn, der unter dem Peristyl stand, der Andere zu Mazaud, der sich noch in dem Zimmer der Wechselagenten befand.

Es war zehn Minuten vor ein Uhr und Moser, der eben ankam, – bleich in Folge eines Anfalles seines Leberleidens, welcher ihn die verflossene Nacht kein Auge hatte schließen lassen – bemerkte zu Pillerault, daß heute alle Welt gelb und krank aussehe. Pillerault, der bei dem Herannahen der Katastrophen sich aufrichtete und sich in den Prahlereien eines fahrenden Ritters gefiel, brach in ein Gelächter aus.

– Sie selbst, mein Lieber, haben die Kolik. Alle Welt ist sehr heiter. Wir werden Euch eine Tracht Hiebe versetzen, daß Ihr lange Zeit daran denken sollt.

Die Wahrheit war, daß der Saal in der allgemeinen Beklemmung, in dem röthlich-trüben Lichte ein sehr düsteres Bild zeigte; man merkte dies hauptsächlich an dem gedämpften Gemurmel der Stimmen. Das war nicht mehr der stürmische Lärm der großen Haussetage, die Aufregung, das Tosen der Hochfluth, die sich siegreich über alle Dämme ergießt. Man lief nicht, man schrie nicht; man schlüpfte nur durch den Saal, sprach leise, wie in dem Hause eines Kranken. Obgleich die Menge bedeutend war und man sich drängen mußte, um zu zirkuliren, war nur ein beklommenes Murmeln zu vernehmen; man flüsterte sich die umlaufenden Gerüchte, die traurigen Nachrichten ins Ohr. Viele schwiegen bleichen, verstörten Gesichtes, mit weit geöffneten Augen, welche verzweifelt die Gesichter der Anderen befragten.

– Salmon, Sie sagen nichts? fragte Pillerault voll herausfordernder Ironie.

– Ach, er ist wie die Anderen, brummte Moser; er hat nichts zu sagen, aber er hat Furcht.

In der That, inmitten der sorgenvollen, stummen Erwartung Aller kümmerte sich heute Niemand um das Stillschweigen Salmons.

Aber besonders Saccard war von Klienten stark umdrängt, die vor Ungewißheit zitterten, nach einem guten Worte lechzten. Man bemerkte später, daß Daigremont sich nicht gezeigt hatte und auch Huret nicht, der, ohne Zweifel gewarnt, wieder der treue Hund Rougons geworden war. Kolb, inmitten einer Gruppe von Bankiers stehend, that als wäre er durch ein großes Arbitrage-Geschäft in Anspruch genommen. Der Marquis von Bohain, über die Wechselfälle des Schicksals erhaben, spazierte ruhig mit seinem kleinen, blassen, aristokratischen Kopfe; er war sicher, in jedem Falle zu gewinnen, nachdem er Jacoby beauftragt hatte ebenso viele Universalbank-Actien zu kaufen, als er Mazaud beauftragt hatte deren zu verkaufen. Und Saccard, von der Menge der Anderen, der Gläubigen und Naiven belagert, zeigte sich besonders liebenswürdig und beruhigend den Herren Sédille und Maugendre gegenüber, die mit zitternden Lippen und schier unter Thränen die Verheißung des Sieges von ihm erbettelten. Er drückte ihnen kräftig die Hand und legte in diesen Händedruck das absolute Versprechen zu siegen. Dann, als ein ewig glücklicher Mann, der vor jeder Gefahr geschützt ist, begann er über eine Kleinigkeit zu jammern.

– Sie sehen mich ganz bestürzt. Bei diesen starken Frösten hat man eine Kamelie in meinem Hofe vergessen und nun ist sie verloren.

Das Wort machte die Runde; alle Welt war gerührt von dem Schicksal der Kamelie. Welch' ein Mann, dieser Saccard! Von einer unempfindlichen Sicherheit, stets lächelnden Gesichtes, ohne daß man wissen konnte, ob dies nicht eine bloße Maske sei, welche furchtbare Sorgen verdecken sollte, die jeden Andern gemartert haben würden.

– Wie schön ist der Kerl! murmelte Jantrou dem Massias ins Ohr, der eben zurückkehrte:

Soeben rief Saccard Jantrou. In diesem bedeutungsvollen Moment ergriff ihn eine Erinnerung; er gedachte jenes Nachmittags, wo er in Gesellschaft Jantrous das Coupé der Baronin Sandorff in der Rue Brongniart sah. War der Wagen heute, an diesem Krisentage wieder da? Saß der Kutscher im strömenden Regen wieder auf dem Kutschbock, in steinerner Unbeweglichkeit, während die Baronin hinter den geschlossenen Wagenfenstern der Kurse harrte?

– Gewiß, sie ist da, antwortete Jantrou halblaut; und sie hält mit ganzem Herzen zu Ihnen, fest entschlossen, keinen Schritt zurückzuweichen. Wir alle sind da, fest auf unserem Posten.

Saccard war hocherfreut ob dieser Treue, wenngleich er an der Selbstlosigkeit der Dame und der Anderen zweifelte. In der Blindheit seines Fiebers glaubte er sich noch immer auf einem Eroberungszuge, mit seinem Volk von Aktionären, diesem Volk von unterthänigen und von eleganten Leuten, diesem verhexten, fanatisirten Volke, wo sich schöne Frauen und Mägde in derselben begeisterten Zuversicht vereinigten.

Endlich ertönte die Glocke; ihr Schall fuhr mit dem Gewimmer einer Sturmglocke über das entsetzte Gewoge der Köpfe dahin. Und Mazaud, der eben Flory Aufträge ertheilte, kehrte rasch zum Korbe zurück, während der junge Beamte nach dem Telegraphenbureau stürzte. Flory war in großer Aufregung wegen seiner eigenen Interessen; seit einiger Zeit im Verlust, eigensinnig dem Schicksal der Universalbank folgend, riskirte er an jenem Tage einen entscheidenden Schlag, gestützt auf das Gerücht von dem Eingreifen Daigremont's, welches er im Bureau seines Chefs hinter einer Thür erlauscht hatte. Am Korbe war man ebenso angstbeklommen wie im Saale selbst; die Agenten fühlten seit der letzten Liquidation den Boden unter sich zittern, inmitten so ernster Anzeichen, daß sie in ihrer Erfahrung darob unruhig wurden. Schon hatte es da und dort einen Sturz gegeben; der erschöpfte, überbürdete Markt wurde rissig auf allen Seiten. Sollte dies eine jener großen Katastrophen werden, wie sie alle zehn oder fünfzehn Jahre einmal vorkommen, eine jener tödtlichen Spielkrisen im Zustande akuten Fiebers, welche die Börse dezimiren, gleich einem todbringenden Wind über sie hinwegfegen? Auf dem Rentenmarkte, auf dem Komptantmarkte schienen die Schreie zu ersticken; das Gedränge wurde ärger, beherrscht von den hohen Schattenrissen der Koteurs, die mit der Feder in der Hand der Anmeldungen harrten. Und Mazaud, mit den Händen auf die Rampe von rothem Sammt gestützt, bemerkte sogleich Jacoby auf der anderen Seite des Beckens; und Letzterer stieß mit seiner tiefen Stimme den Ruf aus:

– Ich gebe Universalbank mit 2800!

Dies war der Schlußkurs der gestrigen Abendbörse. Um der Baisse sogleich den Weg zu verlegen, hielt Mazaud es für klug, zu diesem Kurse zu nehmen. Seine scharfe Stimme erhob sich, beherrschte alle anderen.

– Ich nehme mit 2800! Senden Sie dreihundert Universalbank!

So war denn der Anfangskurs fixirt. Aber es war ihm unmöglich ihn zu halten. Von allen Seiten strömten die Angebote herbei. Er kämpfte eine halbe Stunde verzweifelt, ohne anderen Erfolg, als daß er den rapiden Sturz verlangsamen konnte. Er war überrascht, sich von der Coulisse nicht mehr unterstützt zu sehen. Was machte denn Nathansohn, dessen Kaufaufträge er erwartete? Er erfuhr erst später die geschickte Taktik des Letzteren, welcher, durch seinen jüdischen Spürsinn gewarnt, für eigene Rechnung verkaufte, während er für Saccard kaufte. Massias, als Käufer selbst stark engagirt, eilte athemlos herbei und meldete Mazaud die Deroute der Coulisse. Der Wechselagent verlor darüber den Kopf und verschoß seine letzten Patronen, indem er auf einmal die Kaufaufträge losließ, die er nur staffelweise hatte ausführen wollen, bis die Verstärkungen eintreffen würden. Dies hob die Kurse wieder ein wenig; von 2500 stiegen sie auf 2650, mit den tollen Sprüngen der stürmischen Tage; und noch einmal kehrte grenzenlose Hoffnung ein bei Mazaud, bei Saccard, bei allen Jenen, welche in den Schlachtplan eingeweiht waren. Da der Curs jetzt in die Höhe ging, war der Tag gewonnen, der Sieg mußte ein niederschmetternder werden, wenn die Reserve in der Flanke der Baissiers hervorbricht, und ihre Niederlage in eine furchtbare Deroute verwandeln würde. Es gab einen Moment tiefer Freude; Sédille und Mazaud waren versucht, Saccard die Hand zu küssen; Kolb näherte sich, während Jantrou verschwand, um der Baronin Sandorff die gute Nachricht zu bringen. Und man sah in diesem Augenblick den kleinen Flory strahlend und überall Sabatani suchend, der ihm jetzt als Vermittler diente, um ihm einen neuen Kaufauftrag zu geben.

Doch jetzt schlug es zwei Uhr und Mazaud, der den Angriff auszuhalten hatte, ermattete von Neuem. Seine Ueberraschung wuchs noch mehr, als er sah, wie die Verstärkungen zögerten in die Schlachtlinie einzurücken. Es war hohe Zeit. Was säumten sie denn noch, ihn aus der unhaltbaren Position zu befreien, in welcher er sich erschöpfte? Obgleich er in seinem professionellen Stolz ein unempfindliches Gesicht zeigte, fühlte er dennoch die Kälte in seine Wangen steigen und fürchtete bleich zu werden. Jacoby fuhr fort, mit seiner dröhnenden Stimme ihm in regelmäßigen Packeten seine Angebote zuzurufen, welche Mazaud jetzt anzunehmen aufhörte. Und nicht Jacoby war es, den er jetzt betrachtete; seine Augen wandten sich zu Delarocque, dem Agenten Daigremont's, dessen Stillschweigen er nicht begriff. Dick und stämmig, mit seinem rothen Bart und seinem zufriedenen Gesicht, welches sich lächelnd der ausschweifenden Unterhaltung von gestern zu erinnern schien, stand Delarocque ruhig in seiner unerklärlichen Erwartung da. Wird er nicht bald alle diese Angebote aufnehmen und Alles retten mit seinen Kaufaufträgen, von welchen die Schlußzettel, die er in Händen hatte, ohne Zweifel strotzten?

Plötzlich trat Daigremont mit seiner etwas heiseren Stimme in den Kampf ein.

– Ich gebe Universalbank, ich gebe Universalbank!

Und in einigen Minuten bot er mehrere Millionen Universalbank aus. Andere Stimmen antworteten ihm. Die Kurse sanken rapid.

– Ich gebe mit 2400, ich gebe mit 2300! Wieviel? fünfhundert, sechshundert ... Senden Sie!

Was sagte er? Was ging denn vor? Brach anstatt der erwarteten Hilfe eine neue feindliche Armee aus den benachbarten Wäldern hervor? Wie bei Waterloo wollte Grouchy nicht eintreffen und der Verrath vollendete die Niederlage. Unter diesen dichten und frischen Massen von Verkäufern, welche im Laufschritt herbeieilten, entstand eine furchtbare Panik.

In diesem Augenblicke hatte Mazaud das Gefühl, daß der Tod ihm über das Gesicht husche. Er hatte Saccard für allzu große Summen reportirt und er hatte die klare Empfindung, daß die Universalbank in ihrem Zusammenbruch ihn zermalmte. Allein sein hübsches, braunes Gesicht mit dem dünnen Schnurrbart blieb undurchdringlich und muthig. Er kaufte noch immer, erschöpfte die empfangenen Aufträge mit seiner hellen Stimme eines jungen Hahnes, die noch immer so scharf klang, wie in den Tagen des Erfolges. Und seine Gegner ihm gegenüber, der brüllende Jacoby und der schlagflüssige Delarocque, ließen trotz ihrer gezwungenen Gleichgiltigkeit jetzt mehr Unruhe durchbrechen, denn sie sahen ihn fortan in großer Gefahr; und wird er sie bezahlen, wenn er in die Luft gesprengt wird? Ihre Hände preßten krampfhaft den Sammt der Rampe; ihre Stimmen klangen fort, gleichsam mechanisch, vermöge der Gewohnheit des Metiers, während ihre starren Blicke das Entsetzen des Dramas des Geldes austauschten.

Die letzte halbe Stunde brachte den Zusammenbruch, eine Deroute, die immer schwerer wurde und die Menge in einem regellosen Galopp mit sich riß. Nach dem äußersten Zutrauen, der blinden Hingebung kam die Reaktion der Furcht, Alle stürzten herbei, um zu verkaufen, wenn es noch Zeit wäre. Ein Hagel von Verkaufsaufträgen prasselte auf den Korb nieder; man sah nur mehr Schlußzettel regnen; und diese riesigen Bündel Aktien, so blindlings hingeworfen, beschleunigten die Baisse, gestalteten sie zu einem wahren Einsturz. Von Stufe zu Stufe fielen die Kurse auf 1500, auf 1200, auf 900. Es gab keine Käufer mehr; die Ebene war glatt gefegt, mit Leichen bedeckt. Die drei Coteurs über dem dunklen Gewühl der Röcke schienen nur Todesfälle zu verzeichnen. Vermöge einer seltsamen Wirkung des unheilvollen Sturmes, welcher durch den Saal fuhr, stockte die Aufregung, erstarb der Lärm, wie in dem Entsetzen ob einer schweren Katastrophe. Es herrschte eine erschreckende Stille, als nach dem Abläuten der Schlußkurs von 830 Francs bekannt wurde. Und unaufhörlich prasselte der Regen auf das Glasdach nieder, welches nur mehr ein trübes Dämmerlicht durchließ; unter dem Abtröpfeln der Regenschirme und dem Getrappel der Menge hatte sich der Saal in eine Kloake verwandelt, es war der jauchige Boden eines schlecht gereinigten Stalles, mit Papierfetzen jeder Art bedeckt, während der Korb von Schlußzetteln in allen Farben strotzte, von grünen, gelben, rothen, blauen, die an diesem Tage mit vollen Händen, so zahlreich hingeworfen wurden, daß das weite Becken sie kaum zu fassen vermochte.

Mazaud war gleichzeitig mit Jacoby und Delarocque in das Kabinet der Wechselagenten zurückgekehrt. Er trat zum Buffet, trank mit brennendem Durste ein Glas Wein und betrachtete den riesigen Raum mit seinem Kleiderschrein, seinem langen Tische in der Mitte, um welchen die Lehnsessel der sechszig Agenten aufgestellt waren, mit seinen Vorhängen von rothem Sammt, mit all' dem banalen, verblaßten Luxus, welcher diesem Raum das Aussehen eines Wartesaales erster Klasse in einem großen Bahnhofe verlieh. Er betrachtete ihn mit der erstaunten Miene eines Mannes, der ihn früher nie so recht gesehen. Dann, als er wortlos ging, drückte er Jacoby und Delarocque gewohnheitsmäßig die Hand; alle drei erbleichten dabei, bewahrten jedoch ihre alltägliche, korrekte Haltung. Mazaud hatte Flory gesagt, er solle ihn an der Thür erwarten und er traf ihn daselbst in Gesellschaft Gustavs, der seit einer Woche endgiltig das Kontor verlassen hatte und bloß aus Neugierde gekommen war, stets lächelnd, ein fröhliches Leben führend, ohne daran zu denken, ob sein Vater am nächsten Tage noch im Stande sein werde seine Schulden zu bezahlen; wahrend Flory, bleich und mit einem blöden Grinsen sich zum Plaudern zwang, trotz des furchtbaren Verlustes von hunderttausend Francs, welchen er soeben erlitten, und nicht wissend, woher er den ersten Sou nehmen sollte. Mazaud und sein Beamter verschwanden im Platzregen.

Doch im Saale hatte die Panik hauptsächlich in der Umgebung Saccards gewüthet: hier hatte der Krieg die größten Verheerungen angerichtet. Ohne die Sache recht zu begreifen hatte Saccard der Deroute beigewohnt und der Gefahr Trotz geboten. Was sollte dieser Rummel? Waren das nicht die eintreffenden Truppen des Daigremont? Dann, als er den Kurssturz hörte, ohne sich dieses Unheil erklären zu können, hatte er sich stark gemacht, um aufrecht zu sterben. Eine eisige Kälte stieg vom Boden bis zu seinem Schädel empor; er hatte das Gefühl einer nicht wieder gut zu machenden Niederlage; und das niedrige Leid um das Geld, der Zorn ob der verlorenen Freuden hatte nichts mit seinem Schmerze zu schaffen: er blutete nur von seiner Demüthigung als Besiegter, nur von dem offenkundigen, endgiltigen Siege Gundermanns, welcher wieder einmal die Allmacht dieses Königs des Goldes befestigen sollte. In diesem Augenblicke war er wirklich erhaben; seine ganze kleine Person trotzte der Gefahr, die Augen zuckten nicht, das Gesicht behielt seinen Eigensinn; er allein hielt Stand gegen die Fluth von Verzweiflung und Groll, welche er gegen sich herankommen fühlte. Der ganze Saal gährte und schien sich gegen seinen Pfeiler zu ergießen; Fäuste wurden geballt, Mäuler stammelten schlimme Worte. Und seine Lippen hatten ihr unbewußtes Lächeln erspart, welches man für eine Herausforderung halten konnte.

Inmitten einer Art Nebels erkannte er zuerst Maugendre; dieser war tödtlich bleich und wurde von Chave weggeführt, der ihm wiederholte, daß er es ihm vorhergesagt habe; und der Kapitän wiederholte dies immer wieder von Neuem, mit der Grausamkeit eines kleinen, unbedeutenden Spielers, welcher entzückt ist die großen Spekulanten zerschlagen zu sehen. Dann tauchte Sédille auf, mit verzerrtem Gesicht und mit dem Wahnsinns-Ausdruck eines Kaufmannes, dessen Haus zusammenbricht. Er kam heran, um ihm die Hand zu drücken, als gutmüthiger Mensch, der ihm gleichsam sagen wollte, daß er ihm deshalb nicht grolle. Bei dem ersten Krachen war der Marquis von Bohain verschwunden, zur siegreichen Armee der Baissiers übergegangen, und er hatte Kolb – der sich ebenfalls vorsichtig abseits hielt – erzählt, welche quälenden Zweifel dieser Saccard seit der letzten Generalversammlung ihm verursachte. Jantrou hatte sich kopflos, in toller Eile abermals entfernt, um der Baronin Sandorff die letzten Kurse zu bringen. Diese wird sicherlich einen Nervenanfall in ihrem Coupé bekommen, wie es ihr an Tagen schwerer Verluste zu widerfahren pflegte.

Der stets stumme und räthselhafte Salmon befand sich abermals dem Baissier Moser und dem Haussier Pillerault gegenüber; dieser schaute herausfordernd und stolz drein trotz seines Ruins; jener, der ein Vermögen gewann, verdarb sich seine Freude durch unbestimmte Aengstigungen.

– Sie werden sehen, daß wir im Frühjahr den Krieg mit Deutschland haben werden. Etwas Böses liegt in der Luft, Bismarck lauert uns auf.

– Ach, lassen Sie uns in Ruhe! Ich habe diesesmal wieder gefehlt, indem ich zu viel nachdachte ... Umso schlimmer; wir werden von Neuem anfangen und Alles wird gut gehen.

Bisher war Saccard stark geblieben. Der hinter seinem Rücken ausgesprochene Name Fayeux, der Name dieses Renteneinnehmers in Vendôme, mit welchem er als mit dem Vertreter einer ganzen Kundschaft von kleinen Aktionären in Verbindung stand, dieser Name allein verursachte ihm ein Unbehagen, indem er ihn an die riesige Masse der erbarmungswürdigen kleinen Kapitalisten erinnerte, welche unter dem Zusammenbruch der Universalbank zermalmt werden mußten. Doch der Anblick Dejoies, der bleich und verstört erschien, steigerte sein Unbehagen plötzlich auf das Höchste; dieser ihm bekannte arme Mann stellte gleichsam all' das Unheil dar, welches der Sturz der Universalbank in den unteren Klassen verursachte. Wie in einer Art Halluzination tauchten gleichzeitig die bleichen, trostlosen Gesichter der Gräfin von Beauvilliers und ihrer Tochter vor ihm auf, die ihn mit verzweifelten, thränenerfüllten Augen betrachteten. Und Saccard, dieser Korsar mit dem durch eine zwanzigjährige Räuberei verstockten Herzen, Saccard, dessen Stolz es war, niemals seine Beine wanken gefühlt, niemals auf der Bank vor dem Pfeiler Platz genommen zu haben, Saccard ward in diesem Augenblicke von seinen Kräften verlassen und mußte sich auf die Bank niedersetzen. Die Menge strömte noch immer zurück und drohte ihn zu ersticken. In einem Bedürfniß nach Luft erhob er den Kopf und er stand sogleich wieder auf den Beinen, als er oben, auf der Gallerie des Telegraphen Bureaus, über den Saal gebeugt die Méchain erkannte, die mit ihrem riesigen Fettleib das Schlachtfeld beherrschte. Neben ihr, auf der steinernen Brustwehr lag ihre alte Tasche von schwarzem Leder. In Erwartung der entwertheten Aktien, die sie in ihre Tasche stopfen würde, spähte sie nach den Todten, wie der gefräßige Rabe, der bis zum Tage des Gemetzels den Armeen folgt.

Festen Schrittes entfernte sich nun Saccard. Sein ganzes Wesen schien ihm leer; aber in einer außerordentlichen Willens-Anstrengung schritt er fest und gerade vorwärts. Nur seine Sinne waren gleichsam stumpf geworden; er fühlte den Boden nicht mehr und glaubte auf einem dichten, wollenen Teppich zu gehen. Eine Art Nebeldunst legte sich vor seine Augen und ein Geschrei ließ seine Ohren summen. Während er die Börse verließ und den Perron hinabstieg, erkannte er die Leute nicht mehr; schwankende Phantome umgaben ihn, undeutliche Formen, verhallende Klänge. Hatte er nicht das breite, grinsende Antlitz des Busch gesehen? War er nicht einen Augenblick stehen geblieben, um mit Nathansohn zu plaudern, der sehr heiter war und dessen geschwächte Stimme ihm aus weiter Ferne zu kommen schien? Gaben ihm nicht Sabatani und Massias das Geleite inmitten der allgemeinen Bestürzung? Er sah sich abermals von einer zahlreichen Gruppe umgeben; vielleicht waren Sédille und Maugendre wieder da, allerlei Gesichter, die auftauchten und wieder verschwanden, oder sich umwandelten. Und als er sich anschickte fortzugehen, sich in dem Regen, in dem flüssigen Kothe zu verlieren, in welchem Paris versank, wiederholte er mit scharfer Stimme allen diesen Gespenstergestalten, als wollte er seinen letzten Ruhm darein setzen, seine Geistesruhe zu zeigen:

– Ach, wie verdrossen bin ich wegen dieser Kamelie, die man im Hofe vergessen hat und die dort in der Kälte abgestorben ist!

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