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Das gelbe Haus

René Schickele: Das gelbe Haus - Kapitel 8
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authorRené Schickele
titleDas gelbe Haus
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Oft spielen wir

Ihrer Inbrunst fliegt ein Lächeln an, und dann ist sie, der kaltheiße gotische Engel, eine hübsche Frau in ihrem Boudoir, die, ein wenig überlegen, weiß, daß sie Freude gibt. Mitten in der Unterhaltung neigt sie liebevoller das Gesicht, ihre Stimme bekommt einen helleren Klang, sie bewegt ihre Fußspitzen. Das alles ist kaum merkbar und sehr wohlerzogen, und doch hat sich die Welt vor ihr geöffnet, hat sich mit aufleuchtenden Türen weit aufgetan wie jene großen Ankleidespiegel. Sie ist froh, weil sie froh macht, und ruft Erde und Himmel zu Zeugen. Himmel und Erde – in sich.

So schön macht Übermut!

Oft spielen wir, und wenn wir müde sind oder die Arbeit ruft, denke ich bis in den Schlaf, bis mitten ins neue Gewühl, wo ich nichts mehr weiß von mir: Sprang nicht auch Achill vom Pferd, warf die blutbespritzten Waffen, die staubigen Kleider ab und beugte sich über das Wasser, das da vorbeifloß? Und suchte in den kampfverzerrten Zügen nach einem Lächeln, an das er sich zu erinnern glaubte, so, als ob es einmal auf seinem erhitzten Gesicht gelegen habe: Maske aus Meerkühle und Kräuterruch ... und über der betäubten Stirn sich federleise gerührt: ein Helm aus Wind und Sonne? Und sah es frohlockend heraufsteigen! Denke: Scheeler Schuster an der Straßenecke, böser, wilder Kerl, der mich haßt, weil ich keine Stiefel sohle, weißt du – ja, du weißt, feurigster Narziß, wie du strahlst, wenn unsere Köchin dir zunickt. Ich ging einmal zwanzig Schritte hinter ihr. Als ich an deinem Fenster vorbeikam, schwangst du den Hammer: Siegfried! Ja, du riefst mir freudig »Guten Tag« zu.

Und unsere Enten wissen davon, wenn sie sich, eben noch ernst und verdrossen, heraldisch bäumen und die Flügel spreizen und sich, hochgereckt, über den ganzen schwellenden Körper schütteln, als wollten sie jetzt senkrecht in den Himmel fliegen ... dann plötzlich, mit einem großen Schwung tauchend, einander unter dem Wasser jagen und so einige Minuten wie irrsinnig herumrasen!

Der Dackel des Nachbars im schaukelnden Boot, der sonst nie müde wird, sie mit drohenden Sprüngen zu erschrecken und anzubellen, verwandelt sich in die lustige Galionsfigur, die in reglosem Staunen dem rasselnden Turnier zusieht.

Beate läßt die Angel fallen und stürzt zur Mutter: »Die Enten tun sich was!« Und hoch, hoch über mir, eine Glaskugel auf der Spitze eines himmelblauen Springbrunnens, gaukelt eine Lerche: schlägt, ich weiß, ein übermütig tolles Herz.

 

Ernst und Willy zanken sich.

Beate steht über ihnen auf der Treppe, in weißem Kleid, ein blaues Band im offenen Haar.

»Ihr seid häßlich«, ruft sie, »alle beide. Macht, daß ihr fortkommt.«

Die beiden Jungen halten ein und blicken verlegen zu ihr hinauf. »Ja, macht, daß ihr fortkommt«, wiederholt sie. Welche Kraft in ihren dunkelblauen Augen!

Willy hebt den Arm und zeigt auf Ernst: »Er!« schreit er, da wird er blutrot und wirft sich mit gesenktem Kopf auf den andern. Sie stürzen zu Boden und rollen in erbittertem Ringen über den Gartenweg, dann über die Astern, in den Kohl, wo sie fast verschwinden. Man sieht nur ihre strampelnden Beine, mit denen sie jetzt den Kampf auszufechten scheinen. Sie suchen einander in der Luft, umklammern, drücken nieder.

Die Jungen sind gleichaltrig, aber Ernst überragt seinen Freund um Kopfeslänge, er turnt, und das Fußballspiel hat ihn daran gewöhnt, den Gegner im ersten Anlauf niederzurennen.

Beate steht auf der Treppe, die Augen weit geöffnet. Sie hat den Kopf zurückgeworfen, als ob sie den beiden etwas sehr laut zurufen wollte. Ihre Mundwinkel zucken, und sie scheint fast erwachsen in dieser leidenschaftlichen Frauenpose.

Willy ist aufgesprungen, zwei Schritt von Ernst zurück, der sich nun ebenfalls aufrichtet. Zitternd, die Stirn voll Schweiß, steht der Kleine mit geballten Händen und atmet schwer. Ein zarter David, der sich mit dem schwarzen Goliath halbtot gerungen hat.

»Beate!« ruft er, »Ernst ist ein Feigling. Er hat gebissen!«

»Ja«, antwortet Beate, ohne ihre Stellung zu ändern. »Er ist ein Feigling. Er weiß, daß er stärker ist als du.«

Langsam dreht Ernst sich nach ihr um und sagt gleichmütig:

»Ich habe ihn gebissen, weil er mir die Kehle zudrückte – immer legt er sich um die Kehle, wie eine Schlange, und zieht sich zusammen. Dann beiß' ich.«

Und er kommt auf Beate zu, mit reuevollen Augen und einem verschämten Feixen, das ebenfalls um Verzeihung bittet – und der gewissen Sicherheit des anerkannten Bräutigams. Wie er die langen Arme nach ihr ausstreckt, tritt sie leise zur Seite und ist blitzschnell an ihm vorüber, bei Willy. Der greift sie am Handgelenk und zieht sie mit sich fort.

Ernst, der nicht begreift, was hier vorgeht, sieht ihnen nach, wie sie in kleinen Sprüngen nach dem Wasser eilen. Im Laufen wendet Beate sich, ihre Haare fliegen, und ruft: »Ich liebe Willy!« Aber als Willy ihre Hand hebt und an seinen Mund drückt, entreißt Beate sie ihm, und indem sie stehenbleibt:

»Was fällt dir ein! Habe ich dir erlaubt – ?« Willy wird wieder blutrot und blinzelt an Beate vorbei nach Ernst, der richtig eine krampfhaft laute Lache anschlägt. »Hast du nicht gesagt ...«, stottert er und greift hastig, zwischen Furcht und Zorn, nach ihrem Handgelenk. Ernst nähert sich mit einem Gesicht, als hielte er nur mühsam das Lachen zurück.

»Du ...«, sagt Beate unterwürfig und streichelt Willy die Hand. »Wir spielen ja bloß.«

Dann reicht sie die andere Hand Ernst und zieht die beiden nach dem Boot. Sie ist sehr hübsch, wie sie mit einem Ruck das Haar herumwirft und Willy ihr lächelndes Gesicht hinhält:

»Du darfst dich zu mir ans Steuer setzen, und Ernst rudert.« Das Haar fliegt nach der andern Seite:

»N'est-ce pas, mon ami?«

Ernst nickt wie ein Mann, der seiner Sache sicher ist.

Sie fahren schweigend in den See hinaus. Bis Beate anfängt, laut »eins ... zwei ...« zu zählen, weil Ernst dann besser rudert.

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