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Das geheimnisvolle Haus

Edgar Wallace: Das geheimnisvolle Haus - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDas geheimnisvolle Haus
publisherGoldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbnISBN 3442001137
created20111025
projectid0ef479d0
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19

Farrington hatte sich mit Dr. Fall in dem Büro des letzteren eingeschlossen. Es war ein Ereignis eingetreten, das dem Arzt, den kaum etwas aus der Fassung bringen konnte, doch Sorgen bereitete. Düstere Falten lagen auf seiner Stirn. Farringtons Gesicht war vor Wut verzerrt.

»Sind Sie dessen auch ganz sicher?« fragte er.

»Ganz sicher«, erwiderte Dr. Fall kurz. »Er hat alle Vorbereitungen getroffen, um London zu verlassen. Seine Koffer sind gestern abend vom Charing-Cross-Bahnhof nach Paris geschickt worden. Sein Haus ist vermietet – die Miete hat er sich im voraus zahlen lassen. Seine Möbel sind so gut wie verkauft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er uns betrogen hat.«

»Er sollte es wagen!« stieß Farrington atemlos hervor. Die Adern auf seiner Stirn schwollen an, und nur mit größter Anstrengung unterdrückte er seine leidenschaftliche Aufwallung.

»Ich habe diesen Kerl aus dem Rinnstein aufgelesen; ich habe diesem verhungerten Hund erst eine Existenz geschaffen; ich habe ihm noch eine Chance gegeben, als er sein Leben schon verspielt hatte ... Ich kann nicht daran glauben, daß er so kühn war!«

»Diese Art von Verbrechern nimmt sich alles heraus«, sagte Dr. Fall gelassen. »Sie sehen, er ist ein ganz abscheulicher Vertreter seiner Rasse – er besitzt ihre aalglatte Gewandtheit, ihre Hinterlist und ihre rücksichtslose Energie. Er würde Sie verraten, er würde seinen eigenen Bruder preisgeben. Hat er nicht seinen Vater – vielmehr seinen angeblichen Vater – seinerzeit niedergeschossen? Ich bat Sie gleich, ihm nicht zu trauen, Farrington. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er das Haus überhaupt nicht mehr verlassen.«

»Um Doris' willen habe ich ihn gehen lassen. Ja, ja«, fuhr er fort, als er den überraschten Blick in den Augen Dr. Falls sah. »Ich brauchte jemand, der Angst vor mir hatte und meine Pläne in dieser Richtung förderte. Die Heirat war notwendig.«

»Sie haben ein wenig sentimental gehandelt, wenn ich meine Meinung sagen darf.«

»Ich will Ihre Meinung nicht hören«, fuhr Farrington auf. »Sie werden niemals begreifen, was ich für dieses Kind empfinde. Ich nahm sie nach dem Tod ihres Vaters zu mir, der einer meiner besten Freunde war. Ich gestehe, daß mich in der ersten Zeit der Gedanke reizte, mir ihr Vermögen anzueignen. Aber als die Jahre vergingen, wurde sie mir immer lieber – sie trug einen neuen und schönen Einfluß in mein Leben, Fall. Es war ein Gefühl, das meinem Dasein bis dahin fremd geblieben war. Ich liebte Doris, und ich liebte sie mehr als Geld oder Macht – und das will viel heißen. Ich wollte alles tun, was zu ihrem Vorteil war, und als meine Spekulationen fehlschlugen und ich mir Geld von ihrem Vermögen lieh, zweifelte ich niemals daran, es mit der Zeit zurückzahlen zu können. Als alles Geld verbraucht war« – er sprach ganz leise – »und ich vor der Tatsache stand, daß ich das einzige menschliche Wesen in der Welt, das ich liebte, finanziell ruiniert hatte, entschloß ich mich zu einem Schritt, den ich von allen meinen Verbrechen am meisten bedauert habe. Ich räumte George Doughton aus dem Weg, um Doris mit dem Erben der Tollington-Millionen verheiraten zu können. Denn ich wußte seit langem, daß Doughton der Mann war, den wir suchten. Ich tötete ihn«, sagte er trotzig, »um der Frau seines Sohnes willen. Es ist eine Ironie des Schicksals!«

Er lachte rauh.

»Poltavo ließ ich gehen, weil ich ihn brauchte, um meine Pläne im Hinblick auf Doris zu fördern. Daß er in dieser Beziehung nichts taugte und wir schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht haben, tut nichts zur Sache. Doris ist nun glücklich verheiratet«, sagte er mit Befriedigung. »Wenn sie ihren Gatten auch jetzt noch nicht liebt, so wird sie ihn doch später lieben lernen. Sie achtet Frank Doughton, und jeder Tag wird ihr Zugehörigkeitsgefühl zu ihm stärken, und daraus wird allmählich ihre Liebe erwachsen. Ich kenne Doris, ihre geheimen Gedanken und Wünsche. Sie wird mich vergessen –« Seine Stimme zitterte. »Gott gebe, daß sie mich wirklich vergißt!« Er änderte das Thema schnell. »Haben Sie heute morgen eine Nachricht von Poltavo bekommen?«

»Nichts Besonderes. Er hat sich mit dem einen oder anderen Agenten in Verbindung gesetzt und die üblichen Briefe geschrieben. Unser Mann, der ihn überwacht, sagt aber, daß er eine große Sache vorhat, von der er uns nicht unterrichtet hat.«

»Wenn er uns wirklich betrügt –«

»Was könnten Sie dann tun?« fragte Dr. Fall ruhig. »Er ist jetzt nicht mehr in unserer Hand.«

Ein leises Summen kam aus der einen Ecke des Raumes.

Der Arzt wandte sich bestürzt an Farrington.

»Vom Signalturm – was mag das sein?«

Hoch über dem Haus erhob sich ein viereckiger einzelner Turm, in dem Tag und Nacht ein Wachtposten stationiert war. Fall ging ans Telefon und nahm den Hörer ab. Er sprach einige Worte und horchte dann. Schließlich hängte er wieder an und berichtete.

»Poltavo ist in Great Bradley. Einer unserer Leute hat ihn gesehen und es hierher signalisiert.«

»In Great Bradley?« Farrington kniff die Augen zusammen. »Was tut er denn hier?«

»Was hatte er neulich in seinem Wagen hier zu schaffen, als er Frank Doughton entführte?« fragte Dr. Fall. »Er wollte damit doch nur den Verdacht auf uns lenken, das ist ganz klar.«

Wieder summte es leise, und wieder führte Dr. Fall mit gedämpfter Stimme ein Gespräch mit dem Wachtposten auf dem Turm.

»Poltavo befindet sich auf dem Hügelgelände südlich der Stadt«, wandte er sich dann an Farrington. »Er ist offenbar dorthin gekommen, um jemanden zu treffen. Der Posten sagt, daß er ihn vom Turm aus mit seinem Fernglas sehen kann. Er beobachtet auch einen Mann, der auf ihn zukommt.«

»Wir wollen selbst nach oben gehen«, erwiderte Farrington.

Sie verließen das Zimmer, traten in einen anderen Raum und öffneten dort die Tür eines scheinbaren Schrankes, die aber in Wirklichkeit zu einem der unzähligen Fahrstühle führte, mit denen das Haus versehen und zu deren Inbetriebsetzung das große Kraftwerk notwendig war.

Sie gingen in die Kabine und erreichten ein paar Sekunden später das Innere des Turmes, von dessen oberstem Gemach aus man durch zahlreiche Fenster und Teleskope einen vollkommenen Rundblick über die Umgebung des »geheimnisvollen Hauses« hatte. Einer der ausländischen Arbeiter, die Farrington angestellt hatte, beobachtete das entfernt liegende Hügelgelände durch ein großes Fernglas, das auf einem Dreifuß montiert war.

»Sehen Sie, dort ist er«, sagte der Mann.

Farrington schaute selbst durch das Glas. Es war zweifellos Poltavo. Aber wer mochte der alte Mann sein, der gebückt daherkam und dessen weißer, langer Bart vom Winde zerzaust wurde?

Dr. Fall suchte die Gegend mit einem anderen großen Fernglas ab.

»Es wird der Vermittler sein«, meinte Farrington schließlich.

Sie beobachteten die Begegnung und den Austausch der Briefe. Farrington stieß einen Fluch aus. Aber plötzlich sah er, daß der Fremde auf Poltavo zusprang und daß die beiden auf dem Boden miteinander rangen. Als die Handschellen aufblitzten, wandte er sein bleiches Gesicht Dr. Fall zu.

»Mein Gott«, sagte er leise, »er ist in eine Falle gegangen!«

Sie sahen sich ein paar Augenblicke schweigend an.

»Wird er uns verraten?« Farrington sprach den Gedanken des anderen aus.

»Er wird soviel wie möglich verraten. Wir müssen sehen, was sich weiter ereignet. Wenn sie ihn in die Stadt mitnehmen, sind wir verloren.«

»Ist irgend etwas von der Polizei zu sehen?« fragte Farrington.

Sie suchten den Horizont ab, konnten aber nichts entdecken. Sie beobachteten Mr. Smith, der mit seinem Gefangenen langsam über das Hügelgelände kam.

»Sie gehen zu dem kleinen Sommerhaus«, rief Dr. Fall plötzlich.

»Unmöglich!« erwiderte Farrington, aber in seinen Augen blitzte Hoffnung auf.

»Sie gehen tatsächlich nach Moor Cottage«, sagte Dr. Fall. »Wir müssen schnell handeln!«

Im nächsten Augenblick waren die beiden wieder in dem Fahrstuhl und hielten erst an, als sie ganz unten angekommen waren.

»Haben Sie eine Pistole bei sich?« fragte Farrington.

Fall nickte.

Sie verließen die Fahrstuhlkabine und eilten einen gewölbten Gang entlang. In gewissen Abständen brannten Lampen in Nischen. Sie kamen an einer Tür vorbei, die an der linken Seite in die starke Mauer eingelassen war.

»Wir müssen sie hier herausbringen, wenn es notwendig ist«, sagte Farrington leise. »Sie macht uns doch keine Schwierigkeiten?«

»Sie ist eine sehr ruhige Gefangene.«

Am Ende des langen Ganges befand sich eine schwere eiserne Tür. Fall schloß sie auf, und sie traten in einen dunklen Raum. Dr. Fall drehte den Lichtschalter an. Es war ein kleines Zimmer ohne Fenster, das indirekt beleuchtet wurde. In einer Ecke war eine graugestrichene, eiserne Schiebetür zu sehen. Dr. Fall schob sie geräuschlos beiseite, und ein anderer Fahrstuhl wurde sichtbar. Die beiden gingen hinein, und der Fahrstuhl sank und sank, als ob er niemals auf Grund kommen würde. Aber schließlich hielt er doch an, und die Männer traten in einen aus dem Felsen gehauenen Gang.

Es war leicht zu erkennen, daß es einer der alten Stollen des Bergwerks war, das nicht mehr benutzt wurde und über dem das Haus errichtet war. Fall tastete nach dem Schalter, und gleich darauf strahlte helles Licht auf.

Auf den Schienen, die den Gang entlangliefen bis zu einer Stelle; die sie von ihrem Standpunkt aus nicht sehen konnten, stand ein kleiner Wagen, der durch elektrischen Antrieb bewegt werden konnte. Eine dritte Schiene führte den Strom zu.

Farrington stieg ein, und Dr. Fall folgte ihm. Bläuliche Funken knisterten auf der mittleren Schiene, als der kleine Wagen in Bewegung gesetzt wurde. Bald war er in voller Fahrt.

In den Kurven verlangsamten sie die Geschwindigkeit – wenn sie lange Strecken vor sich hatten, fuhren sie schneller. Nach fünf Minuten stellte Farrington den Strom ab und zog die Bremsen an. Sie stiegen in einem großen Räume aus, der ähnlich dem war, von dem sie abgefahren waren. Auch hier war wieder ein Fahrstuhl eingebaut, der sie in die Höhe brachte.

»Wir wollen langsam fahren«, flüsterte Dr. Fall Farrington ins Ohr. »Es hat keinen Zweck, Geräusche zu verursachen und Verdacht zu erregen. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir es jetzt mit Mr. Smith zu tun haben.«

Farrington nickte, und plötzlich stand der Fahrstuhl von selbst still. Sie machten keinen Versuch, die Tür zu öffnen. Sie konnten Stimmen hören: Mr. Smith und Poltavo unterhielten sich miteinander. In diesem Augenblick sprach der Pole.

Er erbot sich, alles zu verraten. Die beiden waren im Dunkeln Zeugen seiner Hinterlist. Sie hörten auch, daß das Auto ankam und daß sich der Detektiv entfernte. Eine Tür schlug zu, und ein Schlüssel drehte sich im Schloß. Dr. Fall trat einen Schritt vorwärts, drückte eine Feder in dem Holzwerk, vor dem er stand, und eins der Paneele glitt lautlos zur Seite.

Poltavo sah die beiden nicht, bis sie vor ihm standen. Als er dann in ihre haßerfüllten Gesichter blickte, wußte er, welches Schicksal ihn erwartete.

»Was wollen Sie?« flüsterte er kaum vernehmlich.

»Seien Sie ruhig«, sagte Farrington leise, »oder Sie sind ein toter Mann.« Er hielt ihm die Spitze eines Messers an die Kehle.

»Wohin bringen Sie mich?« fragte Poltavo, der totenbleich geworden war und von Kopf bis Fuß zitterte.

»Dahin, wo Sie möglichst wenig Gelegenheit haben, uns zu verraten«, erwiderte Dr. Fall.

Ein höhnisches Lächeln zeigte sich auf seinen Zügen. Poltavo, der ahnte, was ihm jenseits des Tunnels bevorstand, vergaß das Messer an seiner Kehle und schrie.

Starke Hände packten ihn und unterdrückten den Schrei. Poltavo fühlte einen Schlag hinter dem Ohr und verlor das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich auf dem kleinen elektrischen Wagen, der den alten Bergwerksstollen entlangfuhr. Er lag halb auf dem Boden, halb stützte er sich gegen Dr. Falls Knie. Er machte keinen Versuch, sich zu bewegen. Es wurde kein Wort gesprochen, als sie ihn aus dem Wagen zerrten, in einen anderen Fahrstuhl brachten und nach oben fuhren. Schließlich standen sie wieder in dem kleinen Zimmer am Ende des Ganges, der unter dem »geheimnisvollen Haus« entlanglief.

Eine Tür wurde geöffnet, und Poltavo wurde hineingestoßen. Er hörte, daß sich die Stahltür hinter ihm schloß. Als der Raum erhellt worden war, erkannte er, daß er sich in seinem früheren Gefängnis befand.

Dort standen der Tisch und der schwere Stuhl, in der Ecke war der verschlossene Eingang zu dem anderen Fahrstuhl. Immerhin war er jetzt nicht mehr in den Händen der Polizei, das war sein erster Gedanke, der ihn in gewisser Weise beruhigte. Er war hier allerdings auch nur so lange sicher, als es Farrington und seinem Freund gut dünkte. Was würden sie mit ihm beginnen? Wie konnte er sich entschuldigen? Sie hatten seine Unterhaltung mit dem Detektiv angehört, dessen war er sicher. Er ärgerte sich über seine Torheit. Er hätte nicht nach Moor Cottage gehen sollen. Es lag etwas Unheimliches über diesem Platz. Aber Mr. Smith hätte das doch besser wissen sollen als er. Warum hatte er ihn allein gelassen?

Diese und tausend andere Fragen schossen ihm durch den Kopf, als er unruhig in dem gewölbten Raum auf und ab ging. Diesmal hatten sie keine Eile, ihn mit Nahrung zu versorgen. Er hatte fast vergessen, welche Zeit es war. In diesem unterirdischen Gewölbe, in das kein Sonnenstrahl drang, war es ja auch gleich, ob es Tag oder Nacht war. Sie hatten ihm nicht einmal die Handschellen abgenommen. Würden sie nun kommen und ihn davon befreien? Was hatten sie mit ihm vor? Er fühlte sorgfältig an seinen Taschen entlang. Mr. Smith hatte ihm die einzige Waffe genommen, die er mit sich führte. Zum erstenmal seit vielen Jahren war Poltavo unbewaffnet.

Sein Herz schlug zum Zerspringen, und er atmete schwer. Eine entsetzliche Angst packte ihn. Er wandte sich nach der Wand und wollte die Tür suchen, durch die er hereingekommen war, aber zu seinem größten Erstaunen war sie nicht zu finden. So weit er sehen konnte, lief die Steinwand ohne Unterbrechung von einem Ende des Raumes zum anderen. Entfliehen konnte er nicht, er mußte geduldig warten, bis er ihre Pläne entdeckte. Er zweifelte nicht daran, daß es ihm schlechtgehen würde, denn er hatte jedes Recht auf ihr Vertrauen verwirkt. Aber wenn das die einzige Folge seines Verhaltens gewesen wäre, hätte ihn das wenig gekümmert. Er hatte sich Dr. Fall gegenüber gerühmt, daß er schon in sehr schwierigen Lagen gewesen war und dem Tod in manchen merkwürdigen und schrecklichen Situationen ins Auge gesehen hatte, aber die Überzeugung, daß er einem unvermeidlichen Schicksal nicht entgehen konnte, war noch nie so stark in ihm aufgetaucht wie diesmal. Denn er lag im Keller des »geheimnisvollen Hauses«, von hundert geheimen Kräften bewacht.

Es blieb ihm nur die schwache Hoffnung, daß Mr. Smith entdecken würde, auf welche Weise er aus dem Raum in Moor Cottage entführt worden war, und ihm bis hierher folgen würde.

Offenbar befürchteten die Bewohner des »geheimnisvollen Hauses« dasselbe, denn selbst hier in der Stille des unterirdischen Gefängnisses konnte Poltavo sonderbare Geräusche hören. Es polterte und knirschte, als ob die Konstruktion des ganzen Hauses von Grund auf geändert würde.

Er brauchte nicht lange zu warten. Der Fahrstuhl in der Ecke des Raumes kam schnell herunter, und Dr. Fall trat ein.

»Mr. Smith ist im Haus«, sagte er. »Er nimmt eine Durchsuchung vor. In einigen Augenblicken wird er hier unten sein. Unter diesen Umständen muß ich Ihnen allerdings eins der Geheimnisse dieses Hauses verraten.« Er packte ihn heftig am Arm und führte ihn halb, halb zerrte er ihn in eine Ecke des Zimmers. Da Poltavo gefesselt war, konnte er keinen Widerstand leisten. Scheinbar berührte Dr. Fall nur einen Teil der Wand, aber er mußte entweder mit der Hand oder mit dem Fuß auf eine starke Feder gedrückt haben, denn ein Teil der Steinwand schwang nach rückwärts und enthüllte eine dunkle Öffnung.

»Gehen Sie hier hinein«, sagte Dr. Fall und stieß ihn ins Dunkle.

Wenige Augenblicke später betrat Mr. Smith in Begleitung dreier Detektive den Raum, den Poltavo eben verlassen hatte, aber er konnte keine Spur von dem Gefangenen finden, der hier geweilt hatte.

Poltavo mußte im Dunkeln warten. Er befand sich in einem kleinen, zellenartigen Raum, der offenbar nur den einen Eingang hatte, durch den er gekommen war.

Er konnte allerdings unbehindert atmen, denn das Entlüftungssystem in den Kellerräumen war großartig und genial angelegt.

Die zwanzig Minuten, die er allein blieb, erschienen ihm wie Stunden. Endlich öffnete sich die Tür wieder, und er wurde herausgerufen.

Farrington war jetzt in dem Raum. Er war von Dr. Fall, seinem treuen Assistenten, und dem einäugigen Italiener begleitet. Poltavo erinnerte sich, daß er diesen Mann im Kraftwerk gesehen hatte, als man ihm eines Tages erlaubte, die Anlage zu besichtigen.

Der Raum sah etwas verändert aus. Poltavo war so nervös, daß er das sofort wahrnahm. Der Tisch war zurückgezogen, so daß der auf dem Boden befestigte Stuhl frei stand.

Er hatte sich schon das erstemal über die schweren Schrauben gewundert, die ihn festhielten. Dr. Fall und der Italiener packten ihn derb, führten ihn quer durch den Raum und stießen ihn auf den Stuhl.

»Was haben Sie vor?« fragte Poltavo totenbleich.

»Das werden Sie gleich sehen.«

Sie nahmen ihm die Handfesseln ab und schnallten ihn geschickt an den Stuhl. Seine Handgelenke und Ellenbogen wurden an den Armlehnen, seine Schenkel an den Beinen des massiven Möbels befestigt.

Poltavo sah Farrington vor sich stehen. Das Gesicht des großen Mannes war erstarrt wie eine Maske. Kein Muskel bewegte sich darin, die Augen waren fest auf den Verräter gerichtet. Dr. Fall kniete nieder, und Poltavo hörte, wie Tuch zerrissen wurde.

Er hatte jedes seiner beiden Hosenbeine aufgerissen.

»Soll das Ganze ein Scherz sein?« fragte Poltavo mit einer verzweifelten Anstrengung, seine Furcht zu überwinden.

Aber er erhielt keine Antwort.

Er beobachtete seine Kerkermeister mit wachsendem Entsetzen. Was war der Sinn all dieser Vorbereitungen? Die beiden Männer, die sich an dem Stuhl zu schaffen machten, hoben merkwürdig aussehende Gegenstände vom Boden auf und befestigten sie an jedem seiner Handgelenke. Er fühlte die kalte Oberfläche einer Metallplatte, die sich gegen seine Haut drückte. Noch war er sich nicht über die Gefahr klar, in der er schwebte, noch ahnte er nichts von dem grausamen Entschluß der beiden Männer, deren Geheimnis er hatte verraten wollen.

»Mr. Farrington«, wandte er sich bittend an den großen Mann, »wir wollen uns doch verständigen. Ich habe verloren.«

»Das stimmt«, erwiderte Farrington. Es waren seine ersten Worte.

»Geben Sie mir genug Geld, daß ich das Land verlassen kann, nur das Geld, das ich in der Tasche habe, und ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen nie wieder Schwierigkeiten bereiten werde.«

»Mein Freund, ich habe Ihnen nur zu lange getraut. Sie haben sich mir aufgedrängt, als ich Sie nicht wünschte, Sie haben meine Pläne bei allen möglichen Gelegenheiten durchkreuzt, Sie haben mich betrogen, wann es Ihnen nur möglich war oder wann sich Ihnen ein Vorteil dadurch bot. Ich bin fest entschlossen, Ihnen jede Möglichkeit zu nehmen, mir noch einmal zu schaden.«

»Was soll denn dieses Theater bedeuten?« fragte Poltavo. Blinde Furcht und Wut kämpften in ihm.

Jetzt erst entdeckte er, daß die sonderbaren Klammern an seinen Handgelenken durch dicke, grüne Schnüre mit einem Kontakt in der Wand verbunden waren. Er stieß einen entsetzten Schrei aus, als er das sah, und nun wurde ihm der schreckliche Ernst seiner Lage plötzlich klar.

»Mein Gott!« schrie er. »Sie wollen mich doch nicht umbringen?!«

Farrington nickte langsam.

»Ja, wir werden Sie schmerzlos töten, Poltavo. Wenn wir weiterleben wollen, müssen Sie sterben. Wir werden Ihnen keine unnötigen Qualen bereiten, aber das Abenteuer Ihres Lebens ist nun zu Ende, mein Freund.«

»Sie werden mich doch nicht durch elektrischen Strom töten?« stöhnte der Mann in dem Stuhl. Seine Stimme war heiser und krächzend geworden. »Sagen Sie doch, daß es nicht wahr ist sagen Sie, daß Sie mich nicht hinrichten wollen, Farrington! Geben Sie mir doch die Möglichkeit, zu leben – machen Sie mit mir, was Sie wollen, übergeben Sie mich der Polizei! Alles andere, nur das nicht, Farrington, nur das nicht!«

Farrington gab einen kleinen Wink, Dr. Fall ging zur Wand und legte seine Hand auf einen großen, schwarzen Schalter.

»Ich verrate Sie nicht ...« Poltavos Stimme klang hohl. »Geben Sie mir doch die Möglichkeit ... Ich werde ihnen nicht sagen – daß Sie –«

Dann verstummte er plötzlich, denn der schwarze Schalter hatte sich umgedreht, und der Tod kam mit blitzartiger Schnelligkeit über Poltavo.

Die drei Männer beobachteten die Gestalt. Man sah noch ein leises Zittern in den Händen, dann nickte Farrington, und der Arzt drehte den Schalter wieder ab.

Schnell lösten sie alle Fesseln, und der bewegungslose Körper glitt von dem Stuhl herunter.

So starb Ernesto Poltavo, ein Abenteurer und ein Schurke, in der Blüte seines Lebens.

Farrington schaute mit düsteren Blicken auf die Leiche. Er wollte eben etwas sagen, als plötzlich eine scharfe Stimme hinter ihm erklang.

»Hände hoch!«

Die steinerne Tür, durch die Poltavo vom Korridor zu seiner Richtstätte gebracht worden war, stand weit offen, und im Eingang stand Mr. Smith, dicht hinter ihm tauchte Ela auf. Eine Pistole blitzte in der Hand des Detektivs auf.

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