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Das Geheimnis des Schneefeldes

Salvatore Farina: Das Geheimnis des Schneefeldes - Kapitel 9
Quellenangabe
authorSalvatore Farina
titleDas Geheimnis des Schneefeldes
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
translatorEmil Thieben
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180309
projectid1f4a18c5
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Achtes Kapitel.

Bevor Irma gegangen war, hatte sie Herr Felice gefragt, in welchem Hotel sie abgestiegen sei, und die Antwort erhalten, sie wohne im »Hotel Firenze«, also ganz nahe dem Gefängnis. Die Arme hatte dieses, durch ein Versprechen des Direktors getröstet, verlassen, ein Versprechen, das aus seinem Munde wie eine vom Altar erteilte Segnung klang. Aber während die priesterlichen Benediktionen häufig nur Worte, die nichts helfen, oder höchstens langfristige Versprechungen sind, hatte der Direktor für den folgenden Tag einen guten Rat zugesagt, der die Unglückliche die Nacht weniger schlecht verbringen ließ, wenn auch die Erinnerung an die Eindrücke des Tages den Schlaf von ihren Augen verscheuchte.

Dieser unselige Fritz hatte des Direktors Schweigen verlangt. Wenn er das Geheimnis errate, so solle er es dennoch keiner Seele enthüllen, da es keine Hilfe gäbe. Doch ein Versprechen, zu schweigen, hatte er nicht abgegeben, sondern nur etwas recht Schwieriges für morgen zugesagt. Und bisher hatte er alle schwierigen Fragen stets mit Hilfe seiner treuen Lebensgefährtin gelöst. Deswegen beeilte er sich, nach Hause zu kommen. Er traf aber seine Gattin nicht an, sie war eben ausgegangen, würde aber zum Abendessen wieder heimkehren. So hatte er noch genug Zeit, über alle Einzelheiten des Besuches jener unglücklichen Frau nachzudenken. Wenn sie nicht die Witwe Flavio Campanas war, wie konnte sie sich dann Irma Campana nennen? Sicherlich steckte dahinter ein anderes Geheimnis. Dieser dunkle Prozeß, der so bös mit einer Verurteilung geendet hatte, würde gewiß noch einmal aufgenommen werden und die Neugierde des Publikums noch mehr als früher reizen. Weder der Staatsanwalt noch der Verteidiger könnten aber auf Grund der Aussage dieser geheimnisvollen Frau die Wiederaufnahme des Prozesses verlangen. Der Verteidiger nicht, weil ja der Verurteilte seine besonderen Gründe hätte, die Strafe ergeben zu tragen, der Staatsanwalt noch weniger, weil die Tatsache, daß die Zeugin Irma Campana, die in London verhört worden sei, nunmehr aber ihrer damaligen Aussage widersprach, an dem Tatbestande des Verbrechens nichts änderte. Es handelte sich um eine res judicata.

Herr Felice erinnerte sich noch ganz gut der damaligen Empfehlung des befreundeten Richters und er fragte mit aller Genauigkeit sein Gewissen, beschloß aber endlich, keine offizielle Mitteilung zu machen, bevor nicht ein Umstand zutage gefördert werde, der als neue Tatsache betrachtet werden könne.

Gerade als er mit sich darüber einig geworden war, kehrten Frau und Töchterchen zurück. Die kleine Felicita wurde sofort zu der barbarischen Strafe der Fingerübungen verurteilt, damit der gute Direktor mit seiner Frau allein bleiben und ihr jede Einzelheit des Besuches erzählen konnte. Und zum Schlusse fragte er seine Frau, was nun zu machen sei.

Merkwürdigerweise stellte Frau Caterina zuerst die Frage: »Ist sie wirklich so schön?«

»Ja, sie ist sehr schön. Doch was tut das zur Sache?«

Da meinte Frau Caterina, daß dieser Umstand gar wichtig sei, da die Schönheit einer jungen Frau niemals unbeachtet bleibe. Wenn er mit seinem einen Auge imstande gewesen sei, sie zu bemerken, wie gut würden dies dann zwei Augen, zumal wenn sie einem Neugierigen oder Übelgesinnten angehörten, wahrnehmen. Und was würden die Gefängniswärter, die Schildwachen und die Sträflinge denken? Wenn diese Frau viermal käme, um den sogenannten Gatten zu besuchen, so könnte man wetten, daß sogar das Bächlein, das den Garten durchfloß, bald allen die Geschichte von der wunderschönen Irma Campana zumurmeln würde.

Herr Felice war mit diesen Bemerkungen seiner Ehehälfte keineswegs zufrieden und er fragte sie: »Glaubst du ihnen nicht, wenn sie bei Gott und ihrem Unglück schwören?«

Caterina gab keine klare Antwort und meinte, es sei nur gewiß, daß die beiden ineinander wahnsinnig verliebt seien und daß der Himmel mit der Liebe, auch wenn sie zur Lüge greife, eine besondere Nachsicht habe. Die beiden Eheleute waren diesmal nicht ein und derselben Meinung, indem der Direktor zu dem Paare festes Vertrauen hatte, während Frau Caterina ihre Zweifel nicht unterdrücken konnte. Der Direktor gestand seiner Gattin, daß dieser Flavio Campana wirklich nicht viel wert gewesen, wenn es wahr sei, daß die beiden Mann und Frau wären.

Noch eine andere Idee kam jetzt dem Direktor. Wenigstens sagte er dies Frau Caterina, die aber mit allem Fragen nicht herausbekommen konnte, worin denn eigentlich diese Idee bestünde. Dagegen mußte er zugeben, daß eine Lüge unter gewissen Bedingungen anständig scheine, und er hatte sich eine Kombination zurechtgelegt, die ihm aber zu unbestimmt vorkam, als daß er sie ausgesprochen hätte.

Wie sollte er aber morgen früh den guten Rat erteilen, den er versprochen hatte, wenn er ihn selbst noch nicht wußte. Er legte sich die Frage vor, um was es sich denn eigentlich handle. Zwei Verliebte, die behaupteten, verheiratet zu sein, wollten sich von Zeit zu Zeit sehen. Die große Schwierigkeit liege aber darin, daß sie die Witwe des Ermordeten und er der Mörder sei, und eine solche Liebe sowohl in der Welt des Gefängnisses als auch in der Freiheit etwas Odiöses haben müsse. Ja, wenn sie sich nicht mit der Visitenkarte »Irma Campana« angekündigt hätte, wenn sie sich als Schwester oder Verwandte vorgestellt haben würde, so hätte er wohl gelächelt und ein Auge zugedrückt, bis vielleicht die Neugierde und der Verdacht innerhalb der Kerkermauern diese unschuldige Lüge aufgedeckt hätten, um dann das Elend erst recht fühlbar zu machen.

Plötzlich sagte Frau Caterina zu ihrem Gatten: »Wenn die Dame morgen wiederkommen sollte, bringe sie zu mir, da auch ich sie kennen lernen möchte.«

So kehrte denn der Direktor zu seinen eingekapselten Nummern zurück und erhielt die unangenehme Nachricht, daß Nr. 800 erkrankt sei, wenn er auch versuche, sich aufrechtzuerhalten und in seinen Buchungsarbeiten fortzufahren, während die Wangen mit ihrer Fieberröte und der unruhige Puls seinen Zustand unzweifelhaft verrieten. Vielleicht hatte die verzweifelte Angst, daß der Hoffnungsstrahl, den der heutige Besuch erweckt hatte, trügerisch sei, den fieberhaften Zustand des Gefangenen verursacht. Der Direktor wollte den Arzt rufen, um dem Kranken so wenigstens ein bequemes Bett in dem geräumigen Saale des Gefängnisspitals zu verschaffen. Aber Fritz beschwor seinen Wohltäter, ihn in seiner Zelle zu lassen, wo er mit seinem Traum allein sein und aus dem vergitterten Fenster nach einem Hause sehen könnte, in welchem seine Irma gleich ihm wache und an ihr Leid denke. So erfuhr der Arzt nichts von dem Fieber, das Nr. 800 befallen hatte.

Als am nächsten Morgen die arme Schöne erschien und nach dem Direktor fragte, wurde sie von einer Wache durch den weiten Hof geführt und bis zum Wohnhause des Herrn Felice begleitet. Ein Dienstmädchen öffnete ihr die Tür und ließ sie in den Salon eintreten, in welchem sie aber nicht lange allein blieb, da Frau Caterina bald kam. Die Begegnung war warm und herzlich, hatte doch Frau Caterina keineswegs die Absicht gehabt, die schöne Besucherin in eine Falle zu locken.

»Ist Herr Felice nicht zu Hause?« fragte die Unglückliche.

Und die Gefragte erwiderte mitleidsvoll: »Er wird gleich kommen. Man hat ihn schon von Ihrem Besuch verständigt, aber am Morgen hat er immer sehr viel zu tun. Hoffentlich wird er nicht lange ausbleiben. Unterdessen leiste ich Ihnen Gesellschaft, wenn Sie damit zufrieden sind. Mein Mann hat mir schon von Ihnen erzählt.«

»Sind Sie die Frau dieses guten Mannes?«

Frau Caterina antwortete nicht sofort, da sie in den Gedanken versunken war, wie wunderbar die Natur, die doch so häufig das Oval des Gesichtes recht mangelhaft zeichnet, diesmal etwas so Vollkommenes geschaffen hatte, als sie plötzlich fühlte, wie ihre beiden Hände geküßt wurden.

»Was tun Sie?«

»Ich küsse in den Ihrigen die Hände Ihres Gatten.«

Diese seltsamen Worte schienen nach der naiven Handlung so schlicht, daß sie Frau Caterina tief bewegten, die in der Besucherin nichts als eine von einer gewaltigen Liebe erschütterte Frau erblickte. Wie in einem stillschweigenden Übereinkommen sprach Irma kein Wort über sich, und Frau Caterina fragte nichts. Auf ihre Seelen war gleichsam ein Schleier gesunken, hinter dem sich Mitleid und Jammer verbargen.

Jetzt trat die kleine Felicita ein, wollte sich aber wieder entfernen, als sie sah, daß sie ihren Platz am Klavier nicht einnehmen konnte. Doch die Mutter hielt sie zurück, und so blieb das Mädchen in Betrachtung der schönen neuen Freundin ihres Mütterchens im Zimmer.

»Felicita! Ein schöner Name,« sagte Irma, indem sie darauf einen großen Nachdruck legte, »mögest du so werden, wie es der Traum deiner Eltern ist. Doch warum willst du auf deine Übung verzichten? Laß mich sehen, was du schon kannst, wenn es deine Mutter erlaubt.«

So waren sie schon Freunde geworden. Das Mädchen zauderte nur einen Augenblick und flüsterte ihrer Mutter ins Ohr, daß die Besucherin so herrlich schön sei, was Frau Caterina indiskret der Bewunderten verriet, die in dem Bewußtsein des inneren Schmerzes und der traurigen Erinnerungen die Augen senkte.

Felicita gab nun eine Sonatine zum besten, die wie ein schüchternes Stammeln klang. Nichtsdestoweniger zollte Irma der Kunst der Kleinen lebhaften Beifall, die dann die freundliche Dame fragte, ob auch sie spielen könnte, was diese bescheiden bejahte. Nun drängten Mutter und Tochter in sie, daß sie etwas spiele; und Irma, die sich schon seit vielen Wochen von ihrem Klavier getrennt hatte, das ihr ein treuer Leidensgefährte im Unglück gewesen war, gab bald nach und bewährte sich als wahre Meisterin auf dem Instrumente, so ergreifend drückte sie ihren Schmerz in Tönen aus.

Als diese verstummt waren, hatten die Tasten eine förmliche Tränentaufe erhalten, und Irma schluchzte laut.

»Hole doch den Vater,« sagte jetzt Mütterchen, »dann kannst du wiederkommen.«

Irma bat wegen ihrer Tränen um Entschuldigung, indem sie stammelte: »Ich hätte vorsichtiger sein sollen ... die Tasten haben es mir wiederholt, daß ich das unglücklichste Weib bin ... wie oft habe ich dieses traurige Stück zusammen mit ihm gespielt, als wir noch heiter waren und in der süßen Melancholie der Musik schwelgten ... er ...«

Die Dame unterbrach sich, aber Frau Caterina verstand, wer der andere sei, von dem sie sprach, und sie meinte, daß er kein so trefflicher Pianist sei wie Irma, und fragte, ob er vielleicht die Geige besser beherrsche.

Irma zögerte ein wenig mit der Antwort, dann sagte sie: »Er spielt besser auf der Violine ... doch ist er eigentlich Pianist. Er spielt übrigens alle Instrumente mit gleicher Meisterschaft.«

Diese Unterredung dauerte lange, und es war fast der Vormittag vorübergegangen, als Herr Felice tausendmal um Entschuldigung bat, weil er sich zu seinen unangenehmen Pensionären, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, die schwarze Suppe nicht zu essen, begeben mußte. Zudem hatte es in der Abteilung der Schuhmacher einen Zank gegeben, in dessen Verlauf zwei Sträflinge mit Ahlen gegeneinander losgegangen waren. Ein Gefängniswärter hatte sich ins Mittel gelegt und ein paar Stiche davongetragen, so daß er in das Krankenzimmer gebracht werden mußte, während die Herren Schuhmacher in Dunkelarrest gesetzt wurden.

Irma schien sich aber für diese Vorfälle sehr wenig zu interessieren, ihre wunderbaren Augen fragten nur nach ihm.

Herr Felice verstand diese stumme Frage und erwiderte mit leiser Stimme: »Es geht ihm jetzt ganz gut. Er arbeitet in meiner Kanzlei, und wenn er fertig ist, wird er für einen Augenblick hierherkommen; nur unter dieser Bedingung kann ich es wagen, die Gefängnisordnung zu verletzen. Jetzt will ich Ihnen auch den Rat geben, den ich Ihnen versprochen hatte. Heute nacht ist mir eine Idee gekommen: Quartieren Sie sich in jenem nahe gelegenen Hotel ein, kommen Sie manchmal zu uns zu Besuch, nicht in das Gefängnis, sondern hier in unsere Privatwohnung; denn im Kerker haben die Wände schlechte Gewohnheiten, sie sind stumm und reden doch. Hier aber werde ich Ihnen, so oft ich es ohne Gefahr tun kann, den Trost verschaffen, ihn zu sehen, Ihren ...«

»Meinen Gatten,« ergänzte Irma mit zarter Stimme.

»Jawohl, Ihren Gatten. Ich glaube es ja, und wenn ich es nicht glaubte, so möchte ich es doch glauben.«

Irma hatte ihr Haupt gesenkt und war in dieser Haltung ein paar Sekunden lang geblieben, dann schaute sie aber den Direktor mit ihren klaren Augen an und sagte: »Nein, nein, Sie können mir nicht glauben und ich kann Ihnen nichts anderes sagen. Nur er allein kann alles aufklären, aber ich glaube nicht, daß er es jemals tun wird und ich muß ihm gehorchen. Gestern ermahnten mich seine ersten Worte zur Schweigsamkeit. Und dann gibt es so viele traurige Dinge, die ich noch gar nicht weiß und von ihm erfahren werde; wenn Sie es mir erlauben, und wenn er damit einverstanden ist, werden wir alles sagen.«

Der Gefängnisdirektor war wie von einer verborgenen Macht gefesselt und er fügte nun beinahe schüchtern hinzu: »Nehmen Sie sich wohl in acht, einem Kerkermeister zu viel zu sagen, der seine Pflichten hat. Man darf ihn niemals in die Notwendigkeit versetzen, eine Vertraulichkeit zu mißbrauchen.«

In diesem Augenblick hörte man vom Garten her ein Geräusch, wie wenn jemand mit einem Gartenmesser einen Ast abschneiden wollte. Dann folgte der Klang eines Axthiebes und der Ast stürzte unter Blätterrascheln zu Boden.

»Das ist er!« sagte Herr Felice. Er öffnete das Fenster, und in dem Salon, den die Sonne mit ihrem Licht erfüllte, leuchtete die blasse Freude der unglücklichen Frau auf.

»Nr. 800,« rief der Direktor mit lauter Stimme, »kommen Sie doch ein wenig hierher!«

Darauf folgte ein Schweigen, das lange zu dauern schien. Dann trat Fritz in das Haus ein, und schon lag Irma in seinen Armen. Und die beiden sagten einander in jener unbekannten Sprache hundert schöne Dinge, indem sich die Worte, die sicherlich zarte Liebe ausdrückten, überstürzten.

Herr Felice und Caterina hatten sich über ihr Töchterchen gebeugt und liebkosten es, bis endlich Irma in italienischer Sprache sagte: »Unsere Zeit ist kurz,« wobei sie aber in jener anderen unbekannten Sprache Worte hinzufügte, die gewiß bedeuten wollten: »Unser Glück ist so groß.«

Bevor noch der Direktor eine Anspielung machte, kam ihm Irma zuvor, indem sie Nr. 800 aufforderte: »Jetzt mußt du gehen.«

Und Nr. 800 sprach noch einige Worte in der fremden Sprache und schickte sich an, zu gehorchen. Der Direktor hielt ihn aber noch einen Augenblick zurück und fragte ihn: »Was haben Sie im Garten gearbeitet? Was für einen Lärm haben wir vorhin gehört?«

»Ich habe einen toten Ast abgesägt, und morgen wird sich die Fichte schon besser befinden.«

Diese letzten Worte sagte er in traurigem Tone, ganz anders als jene freudigen Worte, die er früher Irma zugeflüstert hatte. Vielleicht dachte er bei der Erwähnung des toten Astes, der amputiert worden war, an einen Mann, den die menschliche Gesellschaft aus ihrer Mitte gestoßen hatte.

In später Abendstunde, als Felicita in ihrem Bettchen neben dem großen Bette ihrer Eltern ruhig schlief, sagte Frau Caterina: »Du hattest gestern eine Idee, nicht wahr? Jetzt ist mir eine eingefallen. Wir wollen sehen, ob wir eine und dieselbe Idee gehabt haben.«

»Sag sie mir doch!« antwortete der Direktor.

»Irma,« meinte Frau Caterina, »muß sich so oft als möglich in der Nähe ihres Fritz befinden. Könnte sie nicht bei uns wohnen?«

Sie unterbrach sich, um in den Mienen ihres Herrn und Gebieters die Wirkung dieses kühnen Planes zu lesen, und da sie nichts Besonderes bemerkte, überzeugte sie sich, daß ihr Gatte ganz ähnliche Gedanken gehabt habe. Herr Felice forderte sie auf fortzufahren, und Frau Caterina gehorchte und fügte hinzu: »Natürlich gegen Bezahlung, denn wir können es nicht wagen, ihr ein Almosen anzubieten und noch weniger ein Honorar. Jedoch ...«

»Jedoch?«

»Hast du diese Irma spielen gehört?«

»Nein! Wie spielt sie denn?«^

»Sie ist eine ausgezeichnete Pianistin, sie hat eine wunderbare Geläufigkeit und einen großartigen Anschlag. Sie könnte vielleicht Felicita Stunden geben. Hast du nicht dieselbe Idee gehabt?«

»Einen Augenblick lang, dann habe ich sie aber fallen lassen,« antwortete der Direktor.

»Du stimmst also mit mir nicht überein?«

»Das will ich gerade nicht sagen, aber meine Idee ist doch ein wenig verschieden von der deinigen, in der ja viel Gutes enthalten ist. Bedenke doch, was es heißt, eine junge und schöne Frau als Pensionärin ins Haus nehmen. Das geht nicht an.«

»Und warum nicht?«

»Weil man ja sagen müßte, sie sei unsere Verwandte, oder Freundin, oder Gesellschaftsdame. Wenn man aber erführe – und solche Dinge bleiben niemals verborgen –, daß unser Gast die Witwe Campana sei, wie könnte ich dies meinen Vorgesetzten gegenüber rechtfertigen? Nein, nein! Wir müssen etwas Besseres finden.«

Frau Caterina schüttelte melancholisch ihr Haupt, als wollte sie schweigend etwas sagen, das ihr Gatte sehr gut verstanden hatte, daß nämlich nach der Meinung Irmas und der Nr. 800 sicherlich kein besseres Asyl zu finden gewesen wäre.

»Vorläufig sollte Irma,« so lautete die Idee des Direktors, »in dem ›Hotel Firenze‹, also in unmittelbarer Nähe des Gefängnisses, bleiben und, um ja keinen Verdacht in der Nachbarschaft und bei den Gefängniswachen zu erregen, jeden Freitag unserer Familie einen Besuch machen.«

Frau Caterina fügte hinzu, daß es gut wäre, wenn sie von irgendeinem Manne, der als ihr Verwandter ausgegeben werden müßte, begleitet würde. Da meinte aber der gute Direktor, Nr. 800 könnte eifersüchtig werden, worauf seine Gattin bemerkte, daß der betreffende Begleiter natürlich sehr alt und häßlich sein müsse.

Nach dieser Auseinandersetzung faßte Herr Felice ihr Ergebnis im folgenden zusammen: »Wenn ich die Dinge recht betrachte, so möchte ich doch zu dem Schlusse kommen, daß sie ohne Begleitung ihre Besuche machen soll. Es ist doch besser, niemand anders ins Vertrauen zu ziehen. Je mehr Menschen ein Geheimnis wissen, desto größer ist die Gefahr, daß es entdeckt werde. Deswegen hat jedes Gefängnis nur einen einzigen Direktor, und wenn dieser Direktor zufällig nur ein Auge hat, so darf er sich keine zu schwere Verantwortung aufbürden. Lache nicht! Du begreifst mich nicht und meinst, daß ein Auge besser sehe als zwei. Doch jetzt genug. Ich lösche aus und schlafe.«

Und er löschte das Licht wirklich aus. Nach einer kurzen Weile versuchte Frau Caterina, das Gespräch wieder anzuknüpfen, aber Herr Felice gab keine Antwort. Und doch schlief keiner von beiden. Gatte und Gattin dachten über den Kriminalroman nach, dessen Held Nr. 800 war. Und mitten in der Nacht fragte Frau Caterina ein zweites Mal ihren Mann, ob er schlafe. Herr Felice war diesmal aufrichtiger und gestand, daß er kein Auge geschlossen habe. Frau Caterina stellte folgende Frage: »Kennst du irgendeinen europäischen Staat, dessen Gesetze es einer Frau erlauben, zwei Männer zu heiraten? Nein? Nun, wenn Irma nicht in dieser seltsamen Weise gleichzeitig mit zwei Männern verheiratet war, habe ich an einen schrecklichen Roman gedacht, der alles ganz einfach erklärt. Soll ich ihn dir in wenigen Worten erzählen?«

Der Direktor antwortete mit »Ja«.

»Merke wohl auf. Irma war die rechtmäßige Frau von Nr. 800, und dieser Fritz war Kollege und Freund von Flavio Campana. Folgst du meinem Gedankengange? Sie führten ein gemeinsames Leben, und das scheint das Unglück heraufbeschworen zu haben. Flavio Campana weiß nicht allein durch die Gewalt seiner Musik, sondern auch durch persönliche Suggestion Irma zur Seinen zu machen. Dann zwingt er sie zu strengstem Schweigen. Aus Gründen, die man sich in irgendeiner Weise vorstellen kann, bleiben sie kurze Zeit allein, und dann folgt das übrige.«

»Hier muß ich dir schon etwas Wichtiges einwerfen,« unterbrach der Direktor den Redefluß seiner Gattin, »indem ich dich frage, welche Gründe du dir eigentlich vorstellst. Sage mir wenigstens einen vernünftigen Grund.«

»O Gott! Fritz konnte ja an das Krankenbett seines Vaters oder seiner Mutter gerufen werden, oder eine Erbschaftsangelegenheit mochte ihn zwingen, seine Frau allein zu lassen, die vielleicht gerade leidend war. Er glaubte sie, dem Schutze eines treuen Freundes anvertraut, sicher, während der Freund sie erobert und sie für seine eigene Frau ausgibt, entschlossen, ihre Trennung von dem Violinisten durchzusetzen. Fritz aber kehrt unversehens zurück, und Irma gesteht in einem Augenblick der Verzweiflung, in welchem sie den Zauber des anderen überwindet, alles. Fritz weiß zu schweigen, er hat dies in der Gerichtsverhandlung bewiesen. Die beiden Freunde unternehmen eine Konzertreise, und auf dem Schneefelde spielt sich die schreckliche Szene ab. Der Rest ist dir bekannt.«

Im Dunkel des Zimmers konnte Frau Caterina aus den Gesichtszügen ihres Mannes die große Befriedigung, die sich in ihnen malte, nicht erkennen. Er drückte aber seine Zustimmung durch den Zuruf »Sehr gut!« aus, fügte jedoch dann hinzu: »Warum hat sich aber Irma als Witwe des Flavio Campana vorgestellt, während doch ihr wirklicher Gatte, den sie so sehr liebte, am Leben war? Kannst du dies mit einer posthumen Suggestion erklären?«

»Warum nicht? Die Suggestion vermag sehr viel. Erinnere dich doch an den Fall Donato im Aristokratenklub!«

Jetzt entschloß sich auch Herr Felice, seiner Ehehälfte auseinanderzusetzen, was er glaube, nachdem er sich von ihr hatte feierlich versprechen lassen, daß sie strengstes Schweigen bewahren werde.

»Was würdest du sagen,« so begann er, »wenn Flavio Campana noch am Leben wäre, indes Fritz Neumüller mit dem Namen eines anderen begraben worden ist?«

Frau Caterina warf einige Worte ein, die ihr Erstaunen kundgaben, doch der Direktor fuhr fort: »So würde die gefürchtete neue Tatsache vorhanden sein, durch die der Prozeß wieder aufgenommen werden müßte. Natürlich müßte dann auch Irma, die Pseudowitwe Campana, auf der Bank der Entlastungszeugen erscheinen, von der krankhaften Neugierde der Menge angegafft.«

»Würde aber Fritz Neumüller dann freigesprochen werden?«

»Nein, er würde verurteilt werden, denn der Mord bliebe bestehen. Es würde sich dann bloß um einen Fall der Feststellung des wirklichen Namens handeln und eine neue Untersuchung würde zu nichts anderem führen als zu einer Richtigstellung der Todesurkunde und der Eheakten, während Nr. 800 in den Kerker zurückkehren müßte, noch dazu mit dem erschwerenden Umstande der Verheimlichung seines wahren Namens.«

»Es wäre also nichts gewonnen?«

»Absolut nichts.«

Alle diese Gedanken, die ihr Mann im Dunkel ausgesprochen hatte, stürmten auf das romantische Gemüt der Frau Caterina mit derartiger Macht ein, daß sie nicht widerstehen konnte und, weil sie Klarheit wollte, das Licht anzündete, um besser sehen zu können.

»Weißt du,« sagte sie, »daß wir der Wahrheit sehr nahe sind?«

»Ich hoffe es noch nicht, aber ich fürchte es.«

»Dann ist es beinahe besser, daß die beiden Armen Ehebrecher und Mörder bleiben. Wenn ich dir jetzt, da uns niemand hört, meine Meinung sagen soll, sie gefallen mir trotzdem. Und wenn sich die Sache wirklich so verhält, was hätten sie gewonnen?«

Herr Felice machte keineswegs den Anspruch, für einen Philosophen gehalten zu werden, wenn er nunmehr in gutmütiger Weise die Meinung ausdrückte, das Leben sei immer ein böses Spiel, in welchem jeder etwas verliere. Er zum Beispiel habe, als er zur Welt gekommen war, zwei Augen gehabt und eines im Laufe des Lebens eingebüßt.

Jedenfalls hatte der einäugige Direktor durch seine Hypothese bewiesen, daß er trotz seines physischen Mangels scharfsichtig sei, und jetzt, nachdem auch die zwei Augen seiner Gattin den Fall vom gleichen Standpunkt aus betrachtet hatten, begann die Sache eine furchtbare Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Denn wenn Herr Felice eines Tages zur Überzeugung käme, daß Nr. 800 durch sein Schweigen seinen wahren Namen verborgen habe, so würde es ihm die Amtspflicht auferlegen, seine Entdeckung zu beichten, und der Beichtvater würde in diesem Falle niemand anders als der Staatsanwalt sein. Und dieser arme Teufel hätte dann nur noch neue Unannehmlichkeiten und gar keine Hoffnung, seine Lage zu verbessern. Im Gegenteil, es würde nur schlimmer werden. Der Untersuchungsrichter käme mit neuen Fragen, der Rechtsanwalt mit dem dringenden Ersuchen, daß der Angeklagte die ganze Wahrheit gestehe. Die Photographie, die Graphologie, die Psychiatrie, der ganze Apparat von Zeugen, der neuerdings aufgeboten werden würde, müßten dann diesem Fritz oder Flavio die schwersten Qualen bereiten. Übrigens konnte der Staatsanwalt dem Direktor antworten, wenn der Angeklagte selbst und kein Geschädigter die Wiederaufnahme des Verfahrens beantrage, so sei kein Anlaß für diese vorhanden.

Da erhob Frau Caterina den Einwurf: »Ist nicht die Gattin die Erbin des Toten? Aber freilich ist dieser Tote am Leben, wie sie selbst sagt und sogar beweisen will, und eine Frau muß dies doch am besten wissen.«

Herr Felice stellte diesen Irrtum richtig. »Irma konnte die Erbin sein, vorausgesetzt, daß Flavio Campana seinen letzten Willen eigenhändig geschrieben und seiner Frau zur Verwahrung übergeben hatte, wie man das manchmal macht, bevor man eine Reise unternimmt. Wenn aber auch Irma kein Interesse daran hätte, den Prozeß zu erneuern, so wäre doch die große Gefahr vorhanden, daß der Untersuchungsrichter gegen die wahre oder falsche Witwe einen Haftbefehl erlasse. Stelle dir den Gemütszustand der beiden vor, die dann getrennt in zwei verschiedenen Gefängniszellen untergebracht sein würden. Es braucht dann nur noch ein neugieriger und schwatzhafter Untersuchungsrichter die Sache zu führen, und die Ärmsten würden dann weiß Gott wie lange von der Welt getrennt sein.«

An demselben Tage dachte Frau Caterina eine Probe zu machen, zu der sie teils von himmlischem Mitleid, teils von weltlicher Neugierde veranlaßt wurde. Sie begab sich in das »Hotel Firenze« und fragte nach Frau Irma.

»Irma?« sagte der Hotelier und erhob seine Augen unwillkürlich zur Zimmerdecke, als würde dieser Name dort angeschlagen sein. Da er aber nichts fand, so fragte er nach dem Familiennamen.

Frau Caterina war in einiger Verlegenheit und sagte endlich: »Witwe Campana-Neumüller«.

Jetzt sah der Hotelier im Fremdenbuche nach und antwortete: »Witwe Irma Campana, nicht Neumüller. Zimmer Nr. 13. Wollen Sie sich in den Salon begeben. Die Dame ist wahrscheinlich zu Hause.«

Von dem Kellner begleitet, trat Frau Caterina in den Salon ein, der aber recht armselig aussah. Sie bemerkte einen runden Tisch in der Mitte des Raumes; der rote Überzug zweier Diwane, die an die gegenüberliegenden Wände gelehnt waren, fiel ihr auf. Keine lebende Seele befand sich in diesem für die Benutzung aller Hotelgäste bestimmten Zimmer, in welchem eine Wanduhr mit stolzer Gleichgültigkeit ihre Pendelschläge zum besten gab.

Die anmutige Irma ließ nicht lange auf sich warten und erschien, ein wenig eingeschüchtert von dem Laufe der Dinge, in dem ihr so übel mitgespielt worden war.

»Hoffentlich bringen Sie mir keine schlimmen Nachrichten?« war die erste Frage an Frau Caterina.

»Sicherlich nicht,« antwortete die Frau des Direktors, »ich bin nur gekommen, um Ihnen diese kleine Medaille zu bringen, die Sie in unserem Hause vergessen haben.«

Natürlich war dieser kleine silberne Gegenstand, der an eine Kunstausstellung erinnerte, nur ein Vorwand gewesen. Irma betrachtete ihn lange, gab ihn aber dann zurück, indem sie bemerkte, daß sie ihn nicht verloren habe. Jetzt schien sich Frau Caterina daran zu erinnern, daß er vielleicht einer anderen Freundin gehöre, und entschuldigte sich, Frau Irma unnütz belästigt zu haben. Irma wies diese Entschuldigung mit der Versicherung zurück, daß sie über den Besuch ihrer Wohltäterin überglücklich sei und daß sie jeden folgenden Besuch mit der größten Freude empfangen werde. Sie meinte, das Hotel sei ja kein Gefängnis, und hier könne jeder eintreten, ohne sich böse Gedanken zu machen wie beim Anblick der Schildwachen. Sie sprach diese Worte mit der Naivität eines Kindes, und Frau Caterina wußte nicht recht, in welcher Weise sie fortfahren sollte. Den kleinen Betrug hatte sie ja in der besten Absicht versucht und sie wollte doch noch nicht den Rückzug antreten. So griff sie zu einer List.

»Herr Flavio,« sagte sie ganz harmlos, »hat mir, da er wußte, daß ich Sie hier finden würde, viele Grüße aufgetragen.«

»Wie geht es ihm denn?«

Frau Caterina hatte erwartet, daß Irma gegen den Namen Flavio Einspruch erheben würde, was sie aber nicht tat. Wie war dies zu erklären? Vielleicht hatte sie nicht gut verstanden. Natürlich konnte sie nicht sofort den Namen wiederholen, weil ja Irma leicht aufmerksam geworden wäre. So verlängerte sie ihren Besuch. In der Fensternische hatten die beiden Platz genommen und führten miteinander ein recht melancholisches Gespräch, das nur hier und da durch ein schwaches Lächeln erheitert wurde. Frau Caterina sprach von ihrem Gatten, der jetzt in seinen Mienen und in seinem Gehaben ganz verändert schien. Das Interesse für seinen Schreiber hatte ihn sogar etwas zerstreut gemacht. Dann erzählte sie von ihrem Gärtchen, das noch nie so sorgfältig gepflegt worden war. Die Pflanzen hatten keinen Durst zu leiden, der neue Salat wurde rechtzeitig verpflanzt, die Bohnenstauden erhielten ihre Stütze, und sogar ein frecher Kürbis, der sich an einem Maulbeerbaum hinaufranken wollte, war energisch in sein Beet zurückgewiesen worden.

»Wenn Flavio Campana nicht der berühmte Violinist wäre, als den ihn die Welt kennt, verdiente er ein Meisterdiplom als Gemüsegärtner.«

Und wieder protestierte Irma nicht gegen diesen Namen und Vornamen, die beide ganz klar ausgesprochen worden waren. So hieß also der Gefangene wirklich Flavio Campana! Aber Frau Caterina wollte sich nicht mit einer bloß negativen Probe begnügen, sondern suchte nach einem positiven Beweis und fuhr daher in ihrem Geplauder fort.

»Gestern abend,« sagte sie, »haben wir im Freien gespeist. Und denken Sie, wo? In der Hopfenlaube. Wir tun dies immer, sobald die Hitze beginnt. Sie, die Sie aus nördlichen Ländern kommen, werden den Schatten gar nicht zu würdigen wissen. Ihr Fritz indes hat es begriffen, während er im Garten arbeitete. Neulich, als mein Felice ihn rief, arbeitete er in der Sonne, während wir den Schatten genossen. Doch er lachte, der arme Herr Flavio, freilich recht melancholisch.«

Irma konnte nicht begreifen, warum ihr die gute Frau Caterina all dies erzähle, bis diese sie einlud, in der schattigen Laube mit ihren Lieben das Abendbrot einzunehmen. Fritz – oder Flavio könne dann, von den Hopfensträuchern verborgen, so daß ihn vom Gefängnis aus niemand sah, mit in der Gesellschaft sein. Frau Caterina hatte in ihren letzten Worten von Fritz oder Flavio gesprochen und dabei vorausgesetzt, daß Frau Irma endlich einmal den richtigen Namen sagen werde. Aber als nichts dergleichen geschah, fragte Frau Caterina, wie sie denn eigentlich den armen Gefangenen nennen solle. Aber die Antwort brachte absolut keine Aufklärung, denn sie lautete: »Sagen Sie jenen Namen, der ihnen gefällt. Am besten tun Sie daran, von Nr. 800 zu sprechen.«

Dieses Versteckenspielen und Erraten, diese Vertraulichkeit, die mit mißtrauischer Furcht abwechselte, ging allmählich in eine immer größere Intimität über, die sich zwischen der büßenden und der mitleidigen Seele bildete.

Eines Tages ließ sich Irma ein paar Worte entschlüpfen, die wie ein Versprechen klangen.

»Wie gut sind Sie doch, Frau Caterina! Ich komme mir recht undankbar vor, weil ich Ihnen etwas verschweige. Ein bißchen muß ich noch warten. Ich glaube, daß auch er mir keinen Vorwurf machen würde, wenn ich alles unseren Freunden enthüllte.«

Frau Caterina bestand nicht darauf, in das Geheimnis einzudringen. Sie erinnerte sich der Ermahnung ihres Mannes, der ihr gesagt hatte: »Sobald du etwas Außerordentliches zu erfahren im Begriffe stehst, hindere sie daran, sich auszusprechen. Denke an meine Stellung als Gefängnisdirektor. Erinnere dich, daß ich gezwungen bin, meine Vorgesetzten zu verständigen, sobald ich in meinem Amte eine neue Tatsache erfahren habe.«

Und das war die volle Wahrheit. Solange die Verhältnisse bestehen blieben, konnte niemand etwas einwenden. Nr. 800 war gelehrig, hatte keine Absicht, aus dem Kerker oder aus dem Leben zu entfliehen, und wenn man ihm das Vergnügen gestattete, seine Frau oder seine Geliebte hier und da zu sehen, so war dies doch nur eine kleine Freude, mit jenen schönen früheren Tagen verglichen, in denen die beiden einander ganz angehört hatten. Wenn man diesen Gedankengang verfolgte, waren die kleinen Zugeständnisse an den Sträfling eigentlich mehr eine Sicherung der Ruhe des Gefängnisses und des Seelenfriedens seines Direktors. Ihm, der mit seinem einen Auge jeden Morgen all das Böse sah, dessen die Inwohner seiner traurigen Anstalt fähig waren, war es bisher niemals zugestoßen, daß ein Häftling einen Selbstmord begangen hatte, wie dies häufig in Strafanstalten geschieht, wo die Direktoren die ihrem Schutze anvertrauten Diebe und Mörder mit eiserner Gewalt auf den rechten Weg bringen wollen.

In ihren kurzen, aber häufigen Gesprächen mit Nr. 800 hatte Irma alles erfahren, was sie wissen sollte, und ebenso hatte sie ihm alles gesagt. Was in ihrer Vergangenheit noch dunkel geblieben war, erhellte sich jetzt für beide. Der Familie des Direktors war zwar all das noch immer ein Geheimnis, da sie die Sprache, in der der Gefangene und Irma ihre Gedanken austauschten, nicht verstanden. Aber selbst wenn es das verständlichste Italienisch gewesen wäre, Herr Felice wäre doch taub geblieben. Eigentlich hätte er ja gar nicht erlauben dürfen, daß die beiden in ungarischer Sprache miteinander verkehrten. Aber angesichts seiner heiklen Stellung war er ganz froh, nichts von alledem zu verstehen. Er hatte nur Furcht, was geschehen würde, wenn er seinen Posten verließe. Herr Felice war nämlich ein Piemontese und hoffte, seine Tage nicht im nebligen Mailand, sondern auf den Hügeln seiner Heimatstadt Alba oder an den Ufern des Poflusses in Turin zu beschließen. Schon bei der Übernahme der Leitung des Strafhauses von Porta Nuova hatte er seinen Vorgesetzten gegenüber den Wunsch geäußert, nur so lange in Mailand zu bleiben, bis der Posten eines Direktors des Turiner Gefängnisses »La Generale« frei würde. Viel Wasser sollte aber noch den Redefossikanal hinabfließen, bevor dieses Ereignis eintrat. Doch bis dahin würde vielleicht Nr. 800 begnadigt worden sein, zumal wenn sich Irma darum bemüht hätte. Auch auf christlichem Boden hat das Heidentum seine Kraft noch bewahrt, die Götzenbilder sind nicht alle zertrümmert, und Venus steht noch immer auf dem Altar. Aber nein, Irma konnte nichts ausrichten, wenn es nicht nachgewiesen sein würde, daß sie die rechtmäßige Gattin des Sträflings sei.

Schon zu jenen Zeiten hatte das Strafhaus von Porta Nuova in Befolgung der modernen Gefängnissysteme nicht nur die Aufgabe übernommen, seine Inwohner zu behüten und zu ernähren, sondern sie auch zu bessern. Hierbei tat auch der Gefängniskaplan sein möglichstes, ohne aber viel auszurichten. Denn wenn er seinen Büßern das Paradies versprach, so wußte er, daß er eine Lüge sagte, und wenn er von der Hölle sprach, so drohte er ihnen doch mit nichts Schlimmerem als ihrem gegenwärtigen Leben. Ein Teil der Sträflinge hatte dem Priester geantwortet, daß die Hölle, wie immer sie auch beschaffen sei, wenigstens die Freiheit des Leidens böte, und der Diener Gottes hatte versichern müssen, daß Luzifer ein ganzes Heer von großen und kleinen Teufeln beschäftigt, um die Verdammten in Ketten zu schlagen, zu knebeln, gleichzeitig durch Frost und Feuer zu martern, kurz, ihnen alle möglichen Strafen ohne einen Funken von Hoffnung aufzuerlegen. Aber all das hatte keinen großen Eindruck auf die Bewohner des Strafhauses ausgeübt.

Der Arzt hatte seine Sache schon besser angepackt, indem er den Himmel in Frieden ließ und nur auf dem Erdboden blieb, wobei er aber von den Gefühlen edler Menschlichkeit beseelt war, wenn er häufig einen Sträfling ins Spital schickte und ihm eine kräftige Kost vorschrieb. Manchmal ließ er die Krankheit recht lange andauern und versicherte sich dadurch der Dankbarkeit eines Menschen, der im Leben Schiffbruch erlitten hatte.

Herr Felice aber erzielte mit seiner außerordentlichen Herzensgüte noch größere Erfolge als der Gefängnisarzt, der ja nur den Puls des Sträflings fühlte, seine Zunge betrachtete, während der Direktor häufig einer Schar von Aufrührern gegenüberstand, die mit dem schweren Hammer oder mit der leichten Ahle drohten. Diesen wilden Gesellen mußte er, stark in seiner eigenen Schwäche, entgegentreten. Und so siegte er immer, weil die Schwäche für denjenigen, der sie gut anzuwenden weiß, eine große Macht bedeutet. Als Herr Felice nach Mailand gekommen war, um die Kranken zu heilen, deren moralisches Gefühl so gelitten hatte, daß sie ihrem Nächsten etwas Böses zufügten, hatte er nicht daran gedacht, für die Erholungsstunden Musikübungen einzuführen. Aber er hatte diese Maßregel von seinem Vorgänger angeordnet gefunden, nachdem sie der Präfekt, die Generaldirektion des Gefängniswesens, das Ministerium und vielleicht auch der liebe Gott selbst erlaubt hatten. Anfangs hatte er dieser Einrichtung ein gewisses Mißtrauen entgegengebracht, dann über sie gelacht, endlich aber sich selbst sagen müssen, daß er kurzsichtig gewesen sei und sein Verständnis mit jenem der berühmten Rechtsgelehrten und Psychiater nicht zu vergleichen war. So ließ er denn das Wasser des Kanals ruhig fließen.

Die Musikbande zählte schon einige Mitglieder, die teils vor ihrer Bestrafung gespielt, teils nachher ein Instrument gelernt hatten. Unter ihnen war ein Klarinettist, der das Orchester dirigierte. So schien dieses ernste Strafhaus in einen heiteren Ort verwandelt, an dem auch das Falschspielen erlaubt war. Ein Wettstreit von brummenden, seufzenden und stöhnenden Tönen erhob sich manchmal, so daß die Spaziergänger erstaunt stehenblieben und horchten, manchmal aber sicherlich wünschten, daß hinter diesen Gefängnismauern eine größere Harmonie herrsche. Dieser Wunsch sollte jetzt in Erfüllung gehen, da ja Nr. 800 als berühmter Musiker wie kein anderer berufen war, das Orchester des Gefängnisses zu reformieren. Er tat auch sein möglichstes, weigerte sich aber standhaft, die Stellung des Dirigenten zu übernehmen, die sein Kollege Nr. 233, einer der ältesten Insassen, so lange ausgefüllt hatte. Er hätte auch gar zu viel Zeit der Arbeit im Garten entziehen müssen, wo manchmal für einen kurzen Augenblick eine wunderbare Blume, die schöne Irma, erschien.

Dieses melancholische Sträflingsleben, das aber im verborgenen durch eine große Freude verschönt wurde, hatte einige Monate angedauert, Frau Irma war die Hausfreundin der Familie des Direktors geworden, gab Felicita wertvolle Klavierstunden und war häufig eingeladen, mit diesen lieben Menschen in der Hopfenlaube das Abendbrot zu essen. In diesen müden Stunden des Tages nahm man gar nie die Spur einer Bewachung wahr, besonders nicht in jenem Teil des Gartens, der dem Gefängnisdirektor zugeteilt war.

Der Vizedirektor und der Kaplan waren nach Möglichkeit bemüht, nicht zu stören, und wichen der Laube in weitem Bogen aus. Sie konnten wohl manchmal Nr. 800, auf seine Schaufel gestützt, außerhalb der Laube bemerken, wie er anscheinend seinem Direktor Rede stand, während er in Wirklichkeit in jener seltsamen Sprache sprach, die niemand außer Irma verstand.

Einmal hatte Herr Felice eine gute Idee, die dahin zielte, Nr. 800 über seine Kameraden zu erheben. Er wollte seiner Eitelkeit schmeicheln und hatte in einem großen Zimmer am 20. September, dem italienischen Nationalfest, ein Konzert vorbereitet, welches die Musikbande der Sträflinge durch ein Orchesterstück einleiten sollte. Dann sollte jener Fritz, der vielleicht eigentlich Flavio hieß, auf seiner Violine spielen und die Zuhörerschaft zu Tränen rühren. Aber schließlich hatte er diesen Gedanken lieber aufgegeben. Auch Nr. 800 hätte sich entschieden geweigert, seine Kunst zu zeigen. Nur einmal hatte er, als Irma noch fern war, auf einer elenden Geige alle seine Gefühle ausgedrückt. Er wollte von jener bösen Kunst, die ihn ins Unglück gebracht hatte, nichts mehr wissen, und das Zartgefühl des Gefängnisdirektors begriff das Seelenleben des Künstlers.

Unterdessen aber öffneten sich nach und nach die Spalten, durch die in die grauenvolle Vergangenheit von Nr. 800 allmählich Licht eindringen sollte.

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