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Das Geheimnis des Schneefeldes

Salvatore Farina: Das Geheimnis des Schneefeldes - Kapitel 2
Quellenangabe
authorSalvatore Farina
titleDas Geheimnis des Schneefeldes
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
translatorEmil Thieben
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180309
projectid1f4a18c5
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Erstes Kapitel.

Vor dem Bezirksrichter, der ihn in dem kleinen Speisesaal in Gegenwart des Gerichtsschreibers und des Hauptmanns der Carabinieri befragte, machte der Besitzer des Gasthofes »Zur Post« in Sondrio folgende Aussage: »Ich weiß nur dieses. Die beiden Fremden brachen vor drei Tagen bei Sonnenaufgang auf und schlugen die Straße nach dem Malencotal ein. Ich glaube, daß sie den Monte della Disgrazia besteigen und dann über die Schneefelder und Gletscher den Malojapaß erreichen wollten, um von dort nach dem Kulmhotel abzusteigen, an dessen Besitzer, meinen guten Freund, ich ihnen eine Empfehlung mitgegeben hatte. Ich bemerke aber, Herr Richter, daß ich alles dies nur mutmaße, da keiner der beiden etwas Bestimmtes gesagt hatte. Ich habe dies aber daraus geschlossen, daß die Fremden ihr Gepäck über Poschiavo nach St. Moritz in das Palacehotel gesandt hatten.«

»Und wie hießen sie eigentlich?« fragte der Richter, indem er den Kopf senkte und über seine Augengläser hinweg den Hotelier aufmerksam betrachtete.

»Sie hatten sich ins Fremdenbuch als Fritz Neumüller und Flavio Campana eingeschrieben oder richtiger, der eine von ihnen besorgte für beide die Eintragung. Dieser dürfte wohl Flavio Campana gewesen sein. Er sprach Italienisch, aber mit etwas fremder Aussprache, während der andere gar nie auch nur ein paar Worte gesprochen hatte. Sie hielten sich hier nur wenige Stunden der Nacht auf und verließen bei Sonnenaufgang das Hotel. Sie hatten die Begleitung von zwei Führern gewünscht, ein Beweis, daß sie den Monte della Disgrazia besteigen wollten, da man ja für das Malencotal niemals solche braucht.«

»Und wie sahen sie aus?«

Der Gasthofbesitzer dachte ein wenig darüber nach, was denn eigentlich der Richter mit dieser Frage bezwecke, und begriff, daß er von ihm eine Personenbeschreibung seiner beiden Gäste wünsche. Beschreibungen waren aber nicht seine starke Seite. Immerhin war er bemüht, die Frage des Richters, der immer wortkarg war, heute aber überhaupt nur ein paar Worte von sich gab, um die Zunge der anderen zu lösen, nach besten Kräften zu beantworten.

»Die beiden ähnelten einander ein wenig, waren gegen dreißig Jahre alt, ziemlich mager und auch in ihrem Wesen recht trocken. Beide waren bartlos und trugen langes schwarzes Haar, das die bleichen Gesichter, aus denen schwarze Augen funkelten, reichlich umrahmte. Man hätte sie für Brüder oder wenigstens für Verwandte gehalten, hätten nicht ihre Namen darauf hingewiesen, daß sie zwei verschiedenen Nationalitäten angehörten. Der eine war sicher ein Italiener gewesen, der andere vielleicht ein Deutscher, vielleicht ein Ungar.«

Mit diesen letzten Worten schien der Wirt den Richter nach seiner Meinung über die Nationalität des zweiten Fremden zu fragen, ohne aber eine Aufklärung zu erhalten. Der Vertreter der Behörde begnügte sich damit, jedes einzelne Wort, das der Schreiber aufs Papier brachte, mit einer Fingerbewegung zu begleiten. Und als dieser zu Ende war, fragte der Richter weiter: »Haben Sie den Toten gesehen? Natürlich müssen Sie ihn gesehen haben, wir haben ihn ja photographiert. Und können Sie mit Gewißheit behaupten, daß es jener war, der ins Fremdenbuch die Namen eingeschrieben hatte?«

»Ich könnte es nicht beschwören, da ich ihn nur flüchtig beim Gaslicht gesehen hatte und weil die beiden einander sehr ähnelten, auch weil der Tod das Gesicht Flavio Campanas sehr entstellt hatte.«

»Sie glauben also, daß der Tote Flavio Campana sei?«

»Ich kann gar nichts behaupten. Er könnte auch Fritz Neumüller sein.«

Da meinte der Hauptmann der Carabinieri: »Ich möchte wetten, daß nicht einmal der Lebende von den beiden seinen toten Freund erkennen würde, so sehr hat die Wunde im Gesicht seinen Ausdruck verändert.«

Der Hotelier erinnerte daran, daß sich der Tote selbst als Flavio Campana zu erkennen gegeben hatte, hatte man doch in der Tasche seiner nach ungarischer Manier geschnittenen und verschnürten Jacke eine Brieftasche mit einem Dutzend Visitenkarten, die auf Flavio Campana lauteten, gefunden, außerdem noch eine an den »berühmten Violinisten« gerichtete Postkarte, ein kleines Bild einer schönen Frau, aber keinen Heller Geld.

Der Hotelier zweifelte nach dieser Entdeckung nicht mehr und hielt es für gewiß, daß der Tote Flavio Campana, der Richter schien aber noch nicht überzeugt, daß der Ermordete Flavio Campana und sein Mörder Fritz Neumüller sei.

Als das Protokoll endlich geschlossen war und sich der Beamte seines richterlichen Gewandes entledigt hatte, da erhob er sich und öffnete den Mund zu einem starken Gähnen, das dann einem mitleidigen Lächeln Platz machte, als wollte er zu dem Gasthofbesitzer sagen: »Geduld, mein lieber Herr, wenn ich Sie heute so viel Zeit verlieren ließ. Doch jetzt ist die zwölfte Stunde vorbei, und Sie werden wohl ebenso großen Hunger haben wie ich.«

In diesem Augenblick schien der Richter auf das Niveau eines gewöhnlichen Sterblichen herabzusinken, während sich der Wirt über den Richter, den Hauptmann, den Schreiber, mit einem Wort über die ganze Justiz erhaben fühlte, weil jetzt alle in dem Problem der Ernährung von ihm abhingen.

Er drückte den Knopf einer elektrischen Klingel, und sogleich erschien ein Kellner, der die gewöhnliche Liste der Suppen herunterleierte.

Während der Untersuchungsrichter und der Hauptmann der Carabinieri einer Reissuppe huldigten, erzählte der Hotelier seiner Gattin, einer Frau von großem physischen und moralischen Gewicht, alle Einzelheiten des langweiligen Verhörs und aller jener Fragen, durch die Dinge erklärt werden sollten, die ohnehin so klar wären wie das Licht der Sonne.

Dieses Sonnenlicht war aber von einer seltsamen grauen Wolke immer noch verschleiert.

Der Fall hatte sich in folgender Weise ereignet.

Vor drei Tagen waren im Posthotel von Sondrio mit der letzten Postkutsche zwei Fremde eingetroffen, von denen der eine ein gutes, wenn auch in der Aussprache sonderbares Italienisch sprach, während der andere ganz stumm blieb. Der erste hatte, aufgefordert, seinen Namen ins Fremdenbuch einzuschreiben, jene beiden Namen geschrieben, über die in Sondrio so viel gesprochen werden sollte: »Flavio Campana, Violinist. Fritz Neumüller, Pianist.« Sie hatten ein Zimmer mit zwei Betten verlangt. Ohne ein Abendessen einzunehmen, hatte der eine einen nächtlichen Spaziergang durch die Gassen Sondrios gemacht, der andere war im Zimmer geblieben und hatte mit zwei Führern vereinbart, am nächsten Morgen über den Monte della Disgrazia nach dem Malojapaß und St. Moritz zu marschieren. Der Hotelier erhielt den Auftrag, das Gepäck über Poschiavo nach dem Palacehotel von St. Moritz zu senden.

Um vier Uhr morgens hatten sie die Rechnung beglichen, dem Kellner, dem Hausdiener und dem Portier ein gutes Trinkgeld gegeben, und waren dann, von dem Führer Antonio Meda und seinem Neffen Massimo Villa begleitet, nach dem Malencotal aufgebrochen. Jeder von beiden trug einen Revolver und einen Feldstecher in über die Brust gehängten Ledertaschen. Sie waren ferner mit Schneebrillen und mit Bergstöcken versehen. Die Rucksäcke, die Eispickeln und die Stricke hatten die Führer zum Tragen übernommen.

Am Abend des folgenden Tages waren die Führer ins Hotel zurückgekehrt und hatten eine seltsame Geschichte erzählt. Es war ihnen etwas zugestoßen, was sie in ihrer Laufbahn als Führer bisher noch niemals erlebt hatten.

Nachdem sie das Dörfchen Chiesa im Malencotal verlassen hatten, wurde der direkte Weg nach dem Monte della Disgrazia eingeschlagen. Zehn Uhr vormittags war vorüber, und obgleich die Julisonne schon ganz tüchtig heiß machte, hatten weder die Fremden noch die Führer zur Feldflasche gegriffen. So war man weitermarschiert und über Chiareggio in Pian del Lupo, dem Orte der festgesetzten Rast, angekommen. Dort hielten sich die beiden Fremden länger als die Führer auf, die langsam vorausgingen und von der Ferne hörten, wie der eine dem anderen mit gebieterischer Stimme einen Auftrag zu erteilen schien. Die Sprache, in der dies geschah, war den Führern unbekannt; es war nicht Italienisch, nicht Ladinisch, nicht Deutsch, weder Französisch noch Englisch.

Erschrocken blieben die Führer stehen und kehrten, als ihnen dieselbe gebieterische Stimme in italienischer Sprache die Worte: »Hierher!« zurief, zu den Fremden zurück.

Dort bot sich ihnen ein merkwürdiger Anblick dar. Der eine der Fremden war wachsbleich geworden, seine Augen schweiften wie verloren über das Schneefeld, und der Gletscher des Monte Nero war nicht so eisig kalt wie der Gesichtsausdruck des bösen Gefährten, den ein plötzlicher Wahnsinn erfaßt zu haben schien. Zwischen diesen beiden, die noch kurz vorher in der Kleidung, in den langen schwarzen Haaren, in der Blässe des Gesichtes, in den schönen stolzen Augen einander so ähnlich gesehen hatten, war mit einem Male ein riesiger Gegensatz entstanden, so entschlossen trotzig in ihrer Kälte war die Miene des einen, so von wildem Schrecken erfaßt die Physiognomie des anderen. Beide zitterten, aber in verschiedener Weise. Und verschieden war auch die Blässe ihrer Gesichter.

Jener, der auf dem Wege immer geschwiegen hatte, sprach jetzt im Tone der Entschlossenheit, aber ohne Zorn. Seine Stimme klang rauh. Sicherlich sprach er zu dem Freunde, der sich noch kurz vorher über den ersten Schnee, auf den man gestoßen war, und dann über den in der Sonne blinkenden Gletscher gefreut hatte, fürchterliche Worte. Einen Augenblick schien er fliehen zu wollen, aber der andere setzte ihm mit einem Sprunge nach und faßte ihn bei der Schulter.

»Wißt ihr, daß wir hier bleiben wollen?« rief der Wütende den Führern, die nahe herangekommen waren, zu, »wir brauchen nicht weiterzugehen. Was wir tun wollen, können wir auch hier tun. Es ist etwas ganz Einfaches: Wir wollen uns schlagen. Ihr werdet die Zeugen eines Zweikampfes sein, der mit dem Tode des einen von uns beiden enden muß. Hier haben wir beide unsere Waffen.«

Derjenige, der so sprach, hielt den Revolver in der Hand, während der andere die Waffe noch nicht aus der Tasche genommen hatte.

»Ihr werdet zwanzig Schritte auf dem Schneefeld abzählen und warten, bis die Sache vorüber ist. Lange wird's nicht dauern. Der Überlebende wird euch bezahlen.«

Der Vorschlag schien den Führern so sonderbar, daß sie, wenn der andere Fremde sie aufgefordert hätte, seinen Freund, der plötzlich wahnsinnig geworden sei, zu entwaffnen und einem Irrenarzte zu übergeben, diesen Befehl bestimmt ausgeführt hätten. Aber der zum Zweikampf Geforderte war von solchem Schrecken ergriffen, daß kein Wörtchen aus seinem Munde kam. Man hörte nur einen schwachen Seufzer.

Der alte Antonio Meda ließ den wütenden Fremden nicht zu Ende sprechen, sondern unterbrach ihn mit den ablehnenden Worten: »Ich bin euer Führer. Für andere Dinge bin ich nicht zu haben. Die Touristen, die sich mir anvertraut hatten, sind stets mit mir zufrieden gewesen, weil ich meine Pflicht getan habe. Was ihr aber verlangt, kann ich nicht erfüllen.«

»Du wirst gut bezahlt werden, entweder von mir oder von meinem Reisegefährten. Oder fürchtest du vielleicht, daß die Kugeln so tückisch seien und uns beide töten werden? Auch in diesem Falle werdet ihr nicht zu kurz kommen; denn wir geben euch die Erlaubnis, aus unseren Taschen so viel Geld zu nehmen, als ihr glaubt, durch eure Mühe verdient zu haben. Oder noch besser, wir zahlen euch gleich!«

»Sie sind im Irrtum,« warf der junge Massimo jetzt ein, nachdem er mit seinem Oheim einen Blick des Einverständnisses gewechselt hatte, »wir wollen uns zu solchen Diensten nicht hergeben, sondern ehrenhafte Führer bleiben. Würden wir die Schlechtigkeit begehen, Zeugen eines Duells zu sein, ohne es um jeden Preis verhindert zu haben, so würde uns jeder verachten. Die großen Herren können etwas Derartiges und auch noch Schlechteres tun. Ihnen ist es erlaubt. Uns armen Leuten würde man die Sache ganz anders auslegen. Wenn die Herren über den Monte della Disgrazia nach dem Malojapaß gehen wollen, stehen wir zu ihrer Verfügung. Wenn sie aber anderes von uns verlangen, wenn sie wollen, daß wir ihre Mitschuldigen werden, so kehren wir um. Und weil es nicht rätlich ist, den Weg ohne uns fortzusetzen, so geben wir Ihnen den guten Rat, gleichfalls umzukehren und sich eines Bessern zu besinnen.«

»So denke auch ich!« fügte Antonio Meda hinzu.

Nach diesen Worten wandten sich die beiden zum Gehen. Aber der Wütende gab sich noch nicht zufrieden und suchte noch einmal erst den Jungen, dann den Alten zu überreden, auf seinen Vorschlag einzugehen. Als er aber sah, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren, da begnügte er sich, den Führern nur noch folgendes zu sagen: »Ihr habt vielleicht recht. Diese Dinge müssen wir unter uns abmachen. Doch ihr sollt den Tag nicht verloren haben; sagt mir, was wir euch schuldig sind.«

Das schien den Führern ein vernünftiges Wort, und Antonio Meda antwortete: »Wir hatten fünfzig Lire für jeden vereinbart, nicht wahr, Massimo?«

Massimo war einverstanden, und so zahlte der Fremde jedem fünfundzwanzig Lire und erlaubte, daß sie sich entfernten. Er begleitete sie mit einem stolzen Blick, als wollte er sagen, daß er auch ohne ihre Mitwirkung seinen Vorsatz verwirklichen werde.

Die Führer ließen im Schnee eine lange Linie der Spuren ihrer Schritte zurück, während der aufgeregte Fremde wartete, bis sie vollkommen verschwunden waren. Dann wandte sich der Wütende gegen seinen einstigen Freund, der sich von seinem Schrecken erholt zu haben schien und, den Revolver in der Hand, flüchtete.

Die Führer glaubten zu sehen, daß der furchtsame Fremde, ohne auf die Gefahren des Weges zu achten, das Schneefeld entlang lief, während ihm der andere beharrlich folgte. Die Flucht und die Verfolgung dauerten eine Weile, bis die beiden den Augen der Führer gänzlich entschwunden waren.

»Was sollen wir jetzt machen?« fragte Massimo.

Und Antonio Meda antwortete: »Wenn das, was die beiden tun wollen, geschehen sein wird, muß einer von ihnen zurückkommen, da er doch nicht allein zum Malojapaß gehen kann. Und den anderen, der auf dem Schneefeld liegengeblieben ist, können wir zwei nicht hinuntertragen. Darum ist es besser, rasch nach Chiesa zu eilen und mit einer Hilfsexpedition zurückzukehren. Doch du wirst sehen, daß die beiden miteinander Frieden schließen und zum Abendessen hinabsteigen werden.«

Doch in einem bestimmten Augenblick glaubte Massimo, der das feine Gehör der Jugend hatte, einen dumpfen Ton zu vernehmen. Antonio hatte nichts gehört.

»Einer hat jetzt geschossen,« sagte der Junge.

»Und nunmehr antwortet der andere!« ergänzte der Alte. »Gehen wir rasch nach Hause. Zurückkehren will ich nicht, da ich mit dem Gericht nichts zu tun haben will.«

Gesagt, getan; sie beschleunigten ihre Schritte und in weniger als zwei Stunden waren sie in Chiesa eingetroffen, wo sie sofort einige junge Leute trafen, die bereit waren, mit ihnen die Spur der beiden Unglücklichen aufzusuchen. Diese war nicht schwer zu finden, da ja auf dem Schnee wie auf einer unbeschriebenen Seite weißen Papiers auch der kleinste Eindruck deutlich sichtbar war.

Und so wurde, auf dem blutigen Schnee hingestreckt, ein Leichnam gefunden, die Wollkappe etwa zweihundert Meter entfernt. Bevor der Arzt, der die kleine Karawane begleitet hatte, den Leichnam untersuchte, wurde in ein kleines Notizbuch das erste Protokoll geschrieben. Dem Gemeindeschreiber diktierte der Arzt, es sei ein Leichnam gefunden worden, dessen Kopf tieferliegend gewesen sei als der Körper und die Beine, vielleicht infolge des Einsinkens des schneeigen Terrains. Da der Unbekannte, wahrscheinlich von seinem Feinde verfolgt, in den Rücken getroffen wurde, so wäre zu erwarten gewesen, daß er nach vorwärts hätte fallen müssen. Überdies sei noch eine schreckliche Schußwunde im Gesicht des Toten zu bemerken gewesen. Das Geschoß habe das Nasenbein und den Kieferknochen zerschmettert. Der Tod müßte aber schon nach dem ersten Schuß eingetreten sein, weil die Kugel die Wirbelsäule verletzt habe und dann in die Brusthöhle eingedrungen sei, um dort zu bleiben, ein Umstand, der durch die Tatsache, daß keine Austrittsöffnung gefunden wurde, seine Bestätigung erhalte.

Nachdem der Ort, wo der Leichnam entdeckt worden, durch ein Zeichen kenntlich gemacht worden war, wurde der Tote auf eine Tragbahre gelegt und in die Totenkammer des Kirchhofes von Sondrio gebracht, wo man zu später Nachtstunde eintraf.

Von dem anderen Fremden war aber nicht die geringste Spur gefunden worden, als hätte sich, nachdem er die Missetat verübt, die Erde aufgetan und ihn verschlungen oder ihn ein böser Engel auf seinen Flügeln davongetragen, um ihn der irdischen Gerechtigkeit zu entziehen.

Aber man brauchte weder an Abgründe noch an Dämonen zu denken, da man deutlich Fußspuren bemerken konnte, die von dem Leichnam wegführten, sich aber plötzlich verloren, was das Protokoll gewissenhaft verzeichnete.

Auf dem Rückwege begleiteten die Gedanken aller Mitglieder der Karawane nicht so sehr den Toten, den die Grabesruhe erwartete, als den Bösewicht, der dem Unglücklichen zum Verhängnis geworden war. Jedem leuchtete ein, daß sich der Mörder mit größter Vorsicht über das Schneefeld geflüchtet hatte, indem er so lange in die bereits vorhandenen Fußspuren getreten war, bis ihm der schneefreie Boden Sicherheit verheißen hatte. Und er war, wie der Führer Meda mutmaßte, nicht ohne reiche Beute geflohen, denn dieser erinnerte sich wohl, in der Brieftasche des aufgeregten Fremden ein stattliches Bündel Banknoten gesehen zu haben, während in den Taschen des Toten nichts gefunden worden war als eine Schachtel Streichhölzer, ein Schlüssel, zwei wollene Lappen und eine goldene Uhr, die an einer Lederkette hing. In der Brieftasche waren elf Visitenkarten und eine Photographie einer Dame mit der Aufschrift: Meine Irma, 26. März 1878, gewesen.

Der Gemeindeschreiber und der Arzt von Chiesa hatten, als sie in einem Wägelchen dem traurigen Zuge folgten, der den Toten nach Sondrio begleitete, über diesen Umstand des langen und breiten gesprochen und waren zu dem Schlusse gelangt, daß Flavio Campana auch das Opfer eines Diebstahls geworden sei. Freilich hatten die Führer behauptet, es habe sich um ein Duell gehandelt, dessen Zeugen sie hätten sein sollen, und sich sogar erboten, diese Tatsache zu beschwören. Der menschenfreundliche Doktor suchte das Rätsel dadurch zu erklären, daß er annahm, der Täter habe das Geld nicht in der Tasche des Toten lassen wollen, weil es ja dann vielleicht für immer im Schnee begraben gewesen wäre und so zu gar nichts getaugt hätte. War der Mörder ein ehrlicher Kerl, so konnte er doch das Geld den rechtmäßigen Erben übersenden. Der Gemeindeschreiber warf aber ein, daß es recht sonderbar sei, wenn der Mörder aus der Brieftasche nur das Geld genommen habe. Das deute darauf hin, daß das Duell wohl nur eine Komödie gewesen sei. Derjenige, der es vorgeschlagen habe, sei sich dessen sicherlich bewußt gewesen, daß die Führer die Aufforderung, dem Zweikampf als Zeugen beizuwohnen, ablehnen werden. Was wäre also daraus zu folgern? Doch der gute Doktor wollte keine Schlüsse ziehen und meinte, daß noch lange nicht alles klar sei.

*

Nach dem Mittagessen, das ziemlich reichlich ausgefallen war, machte Richter Gioia, der mit der Voruntersuchung des Prozesses betraut worden war, um der Gerichtswelt und den Liebhabern der Gerichtssaalberichte Vergnügen zu bereiten, ein Schläfchen, um alle mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit eingesammelten Ideen in Ordnung zu bringen und sie dann nach genossener Ruhe zu einer klaren Übersicht zu sammeln. Erst um vier Uhr begann er wieder mit der Vernehmung weiterer Zeugen und der Einsichtnahme in die verschiedenen Beweisstücke. Die Führer wurden verhört, dann das erste Protokoll des Arztes und des Gemeindeschreibers geprüft. Dann wurde die Obduktion des Leichnams durch den Bezirksarzt von Sondrio und seinen Kollegen von Torre und Chiesa vorgenommen. Hierbei wurde konstatiert, daß Flavio Campana, wenn er der Tote war, ein schöner Mann in den Dreißigern, von starkem Körperbau und ohne physische Gebrechen gewesen sei. Zwei Revolverkugeln waren in den Rücken eingedrungen, hatten die Wirbelsäule zerschmettert und waren dann in der Brust steckengeblieben, nachdem sie das Rippenfell und andere innere Organe verletzt hatten.

Diese beiden Kugeln hatten sicherlich genügt, um den armen Flavio Campana, wenn er es war, in ein besseres Jenseits zu schicken. Der dritte Schuß war vollständig überflüssig gewesen, weil er gegen einen Leichnam abgegeben worden war. Man brauchte den Schußkanal gar nicht erst zu verfolgen, um zu begreifen, daß eine Kugel, die die Nase abreißt und den Kinnbacken zerschmettert, um dann im Munde zu verharren, keineswegs tödlich wirken konnte. Darüber waren die Ärzte vollkommen einig. Sie hatten die Kugel ganz leicht aus dem Munde herauszunehmen vermocht und dem Untersuchungsrichter gebracht, der seinerseits den Ärzten gestand, daß ein berühmter Kollege von ihm aus einer gutmütigen Kugel, die durch einen Carabiniere durchgegangen war und sich dann in einen Baumstamm eingebohrt hatte, ohne demjenigen, für den sie bestimmt war, eine tödliche Wunde zuzufügen, sich ein Anhängsel hatte machen lassen. Dann kam die Rede auf den mutmaßlichen Mörder. Richter Gioia zeigte sich sehr skeptisch, als ihn der Arzt aus Chiesa um seine Meinung fragte.

»Wenn Sie, mein lieber Doktor, der Sie dem Eisfeld so nahe sind, nichts wissen, wenn uns die Führer mit ihrer großen Erfahrung keinen Anhaltspunkt geben können, was soll die Justiz wissen? Freilich haben das Verbrechen und die Lüge kurze Beine, und so wird auch dieses Geheimnis an den Tag kommen. Die Polizei und ich haben bereits alle Verfügungen getroffen, um den Mörder der Strafe zuzuführen.«

Da warf der Arzt die Frage ein: »Verehrter Herr Untersuchungsrichter, nicht wahr, man wird doch gegen Fritz Neumüller den Prozeß führen?«

Der Gefragte dachte einige Sekunden angestrengt nach, um dann die delphische Antwort zu geben: »Gegen den Lebenden.«

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