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Das Geheimnis des Schneefeldes

Salvatore Farina: Das Geheimnis des Schneefeldes - Kapitel 13
Quellenangabe
authorSalvatore Farina
titleDas Geheimnis des Schneefeldes
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
translatorEmil Thieben
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180309
projectid1f4a18c5
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Zwölftes Kapitel.

»Was machen wir also jetzt?« fragte Herr Felice vergeblich seine Gattin, die seine Frage wiederholte. Als Irma trostlos zu ihnen gekommen war, hatten sie eine Idee, die vielleicht ganz gut gewesen wäre. Nr. 800 sollte veranlaßt werden, den Irrtum des ersten Urteilsspruches aufzuklären und einen anderen zu verlangen. Hierbei wäre besonders auf die offene Zeugenaussage seiner Gattin Gewicht zu legen. Kein Zweifel, daß die Geschwornen, sobald sie aus dem Munde Irmas ihr unsägliches Leid und die Schändung ihrer Ehre erfahren hätten, überzeugt worden wären, daß es sich um keinen Mord, sondern um einen Zweikampf gehandelt habe. Hätte auch der Mallerofluß die Pistole des Toten nicht wiedergegeben, so wären doch die Zeugenaussagen der beiden Führer, denen der Vorschlag gemacht worden war, dem Duell beizuwohnen, genügend gewesen, um das Wort des Lebenden zu bestätigen. Und in jedem Falle war die Provokation so klar gewesen, daß auch der strengste Richter mit ihr hätte rechnen müssen. Sicherlich wäre die Strafe vermindert oder vielleicht sogar ein Freispruch erzielt worden.

Bei jedem Worte des Herrn Felice hatte sich Irma neu belebt gefühlt. Sie schien zu allem bereit, sogar dazu, die krankhafte Neugierde der Menge und den Verdacht des Staatsanwalts herauszufordern, wenn nur Flavio wieder zur Freiheit, Kunst und Liebe zurückkehren würde.

Aber Flavio wollte um diesen Preis nicht frei werden. Der Gedanke, daß alle von der Beschimpfung seiner Gattin erfahren sollten, schien ihm wie eine Entblößung ihres schönen Leibes auf offener Straße. Er wollte noch überlegen. Niemals konnte er sich aber entschließen, Herrn Felice zu bitten, einen seiner Rechtsanwälte zu befragen, bevor er Mailand verließe. Vielleicht würde der junge Rechtsanwalt Masi dem Gefängnisdirektor raten, den Kampf vor Gericht wieder zu beginnen.

Herr Felice wartete aber die Aufforderung Flavias nicht ab, sondern begab sich heimlich zu dem Rechtsanwalt Masi, um ihn mit größter Vorsicht vom Stande der Dinge zu unterrichten. Dieser junge Advokat erfaßte sofort alles, was ihm der Direktor erzählte, und mutmaßte den Rest. Er war natürlich Feuer und Flamme für die Wiederaufnahme des Prozesses, die ihm einen wahren Triumph verschaffen könnte. Er meinte, die Justiz könne die Identität des Verurteilten durch Zeugen feststellen, schwerer sei es aber, der Zeugenschaft der Frau Irma Campana volles Vertrauen zu schenken. Auch der Umstand, daß Flavio die eine Pistole in den Fluß geworfen habe, sei recht unangenehm. In jedem Falle konnte man ja den Versuch wagen und sicher sein, daß der Rechtsanwalt Masi alles tun werde, um den Staatsanwalt in den Sack zu stecken. Also frisch ans Werk!

Aber der Gefängnisdirektor, der ja keinen Auftrag hatte, das Terrain der Gerechtigkeit zu sondieren, dem dies sogar beinahe verboten war, kühlte die Begeisterung des jugendlichen Cicero schnell ab, indem er ihn darauf aufmerksam machte, Nr. 800 sei gar nicht davon überzeugt, daß ein Gerichtsskandal, wie ihn die Wiederaufnahme des Prozesses bedeute, seiner Sache nützen könne. Der Verteidiger meinte, es sei Sache des Herrn Felice, ihn davon zu überzeugen. Als dieser nun einwandte, daß er ja nur mehr kurze Zeit Direktor sein werde, da erwiderte Rechtsanwalt Masi mit stürmischer Lebhaftigkeit: »Eben weil Sie heute noch Direktor sind, darf keine Zeit verloren werden. Ich werde Sie morgen in Ihrem Bureau aufsuchen und dann mit dem Unglücklichen sprechen. Wenn ich ihn nicht von dem Glück, die Freiheit zu atmen, überzeuge, so müßte er direkt ein perverser Mensch sein, der Sehnsucht hat, im Gefängnis zu bleiben, was ich, wenn jene Irma wirklich so schön ist wie sie das Bild gezeigt hat, um so weniger begreifen kann.« Der Direktor betonte noch einmal, daß Nr. 800 ausdrücklich um strengstes Stillschweigen gebeten habe, bis er sich für die Revision des Prozesses entschied, worauf der Advokat die Hoffnung aussprach, daß der Gefangene den Rat des Direktors beschlafen und Vernunft annehmen werde.

Herr Felice war wirklich von peinigender Unruhe gequält, wenn er daran dachte, dieses unglückliche Paar ohne Schutz und Trost zurücklassen zu müssen, und so entschloß er sich doch dazu, dem Advokaten zu sagen: »So kommen Sie morgen zu mir, ich werde dann Nr. 800 rufen lassen. Aber erinnern Sie sich wohl, daß Sie nichts wissen dürfen. Versprechen Sie es mir? Wenn er schweigt, werden auch wir schweigen, und das Unglück wird er dann selbst zu tragen haben.«

Am nächsten Tage begab sich der Rechtsanwalt Mast in den ersten Nachmittagsstunden in den Salon des Gefängnisdirektors, der Nr. 800 unverzüglich rufen ließ. Der Arme erschien auf der Schwelle, bleich wie ein weißes Tuch, die Augen vom Wachen gerötet, die Stirne von schwarzen Gedanken umdüstert. Als er seinen ehemaligen Verteidiger erblickte, blitzte einen Augenblick lang eine Regung des Zornes über sein Antlitz, dann aber senkte er den Blick. Der Direktor suchte eine Entschuldigung für den unerwarteten Besuch, indem er log: »Rechtsanwalt Masi macht mir einen Abschiedsbesuch und hat sich nach Ihnen, Herr Fritz, sehr warm erkundigt, und da habe ich eben geglaubt, Ihnen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich Sie Ihren alten Freund vom Schwurgericht begrüßen lasse.«

Nr. 800 lächelte melancholisch, nahm die Hand, die ihm der junge Rechtsanwalt bot, an, machte aber nicht die geringste Miene, sein Geheimnis zu enthüllen. Tags darauf begab sich der Direktor in die Säle, in denen die Sträflinge schweigsam arbeiteten, um sich von den unglücklichen Inwohnern der Strafanstalt zu verabschieden. Er hielt keine lange Rede, sondern sprach nur ein paar Worte, wie sie ihm eben sein mitleidiges Herz eingab. Und auf den bleichen Gesichtern zeigte sich manche Träne.

Kurz nach der Mittagsstunde fuhr in die Vorhalle des Gebäudes ein Mietwagen ein, nachdem sich das Gitter leise geöffnet hatte. Jetzt wurde es mit der Abreise des Direktors und seiner Familie ernst. Die Beamten der Strafanstalt waren alle versammelt, um bewegten Herzens den Direktor zum letzten Male zu begrüßen, der das bißchen Licht und Luft, das hier geherrscht hatte, mit sich fortzutragen schien. Herr Felice wandte sich im letzten Augenblick, um nach dem bekannten Gesicht von Nr. 800 zu schauen, um, und da er es nicht sah, fragte er den Vizedirektor, der bis zur Ankunft des neuen Direktors die Anstalt zu leiten hatte: »Ist Nr. 800 nicht im Garten? Gestern fühlte er sich nicht wohl. Ich empfehle Ihnen jenen Armen, der von solcher Höhe herabgesunken ist. Ich bitte Sie auch, den Mann meinem Nachfolger ans Herz zu legen, hat er sich doch immer so gut aufgeführt.«

Es waren die letzten Worte, die Herr Felice in dem großen Hause des Schreckens ausgesprochen hatte. Schnell verschwand der Wagen, in dem der Direktor mit Frau Caterina und Felicita Platz genommen hatten. Während die Beamten zu ihrer Arbeit zurückkehrten, ohne ihren ehemaligen Vorgesetzten zum Bahnhof begleitet zu haben, war der Direktor von all diesen Eindrücken zu Tränen gerührt. Frau und Kind mußten ihm zusprechen, damit er sich beruhige.

In der Bahnhofshalle erwartete Irma ihre kleine Schülerin, und es gab einen unsäglich traurigen Abschied.

Als die Sonne des trüben Tages am Horizont verschwunden war und die Sträflinge in ihre Zellen zurückkehrten, fehlte Nr. 800. Der Vizedirektor ließ ihn zweimal vergeblich rufen, dann ging er selbst in seine Zelle, die sich am äußersten Ende des Gebäudes in der Nähe des Gefängnisspitals befand. Die Tür stand offen, aber von Nr. 800 war keine Spur zu sehen. Zwei Aufseher hatten den Armen auch in der Krankenabteilung und in allen Werkstätten vergeblich gesucht. Als festgestellt worden war, daß sich Nr. 800 nicht im Hause befand, wurde im Garten gesucht. Dort, wo die zwei Umfassungsmauern zusammentrafen und einen Winkel bildeten, schien dem Vizedirektor etwas verdächtig vorzukommen. Man sah dort Spuren von Spatenhieben, und dann waren an der Mauer Einschnitte zu bemerken, in die ein gewandter Kletterer seine Füße setzen konnte, um die Mauer zu übersteigen. Der Gedanke, daß Nr. 800 geflohen sei, drängte sich allen auf. Er schien den Augenblick, in welchem alle Beamten und Aufseher von ihrem Chef Abschied nahmen, zur Flucht benützt zu haben. Der Vizedirektor war von nicht geringer Verzweiflung erfaßt, denn einen solchen Amtsantritt hatte er sich nicht träumen lassen. Dieses Ereignis konnte ganz leicht das Ende seiner Laufbahn bedeuten. Einstweilen dachte er nach, was zu tun sei, während die beiden Aufseher die Frage aufwarfen, wie es denn möglich gewesen wäre, daß Nr. 800 der Aufmerksamkeit der Schildwache entgangen sei. Endlich gab der Vizedirektor den Befehl, daß einer der Aufseher, ohne Verdacht zu erregen, auf der anderen Seite der Mauer nach Spuren suche. Vielleicht würde er dort sogar, zu seiner nicht geringen Überraschung, den vom Sturze verwundeten Flüchtling finden, der natürlich sogleich zurückgebracht werden müsse. Der Gefängnisaufseher ging langsamen Schrittes zum Gitter, ließ es sich öffnen und kehrte nach kurzer Zeit zurück, um mitzuteilen, daß er nichts gesehen habe. Der Vizedirektor meinte, daß Nr. 800 noch innerhalb der Mauern sein müsse und die Stufen nur vorbereitet habe, um in der Nacht die Mauer zu übersteigen. Er werde jedenfalls irgendwo im Keller verborgen sein.

Jetzt wurden alle unterirdischen Räume des Gefängnisses durchsucht und jeder Winkel durchstöbert, in dem er sich verborgen haben konnte. Aber das Resultat war gleichfalls negativ. Jetzt begab sich der Vizedirektor persönlich in jede einzelne Zelle. Er weckte viele Gefangene auf, die über diese Störung ihres Schlafes nicht wenig überrascht waren. Fast alle waren zu dritt eingeschlossen, nur ganz wenige hatten die Erlaubnis, allein eine Zelle bewohnen zu dürfen. Aber Nr. 800 war nicht zu finden. Endlich gab der arme Vizedirektor den Befehl, daß die Schildwachen in der Nacht verdoppelt werden müssen, und ging selbst gar nicht zu Bette, sondern blieb angekleidet, um für jede Überraschung bereit zu sein. Glücklicherweise war es eine kurze Juninacht, und so konnte man annehmen, daß recht bald die Sonne, die beste Schildwache, erscheinen würde.

Während der Nacht entlud sich ein fürchterliches Gewitter, Blitze zuckten über dem Strafhaus und der Donner erschütterte die Grundfesten des Gebäudes. Und dann ergossen sich ungeheure Wassermassen aus den tief herabhängenden Wolken.

Auch am Morgen war Nr. 800 noch nicht wiedergefunden worden.

Der Vizedirektor hatte einen bösen Traum gehabt, der ihn auch in wachem Zustande noch quälte, so töricht war er.

Gerade in dem Augenblick, in welchem der Direktor gefragt hatte, ob Nr. 800 im Garten sei, und der Vizedirektor nicht hatte antworten können, sah er Nr. 800 in den Wagen steigen und neben Herrn Felice Platz nehmen. Im Traume war der Vizedirektor beruhigt, weil er annahm, daß die Schildwache den Häftling nicht passieren lassen würde, und selbst wenn dies geschähe, die ganze Verantwortung auf seinen Vorgesetzten fallen müsse. Immerhin aber schrie er im Traume laut auf, als die Schildwache keine Schwierigkeiten gemacht hatte und er den Wagen mit dem Direktor und mit Nr. 800 verschwinden sah. Dann drückte ihn aber doch wieder das Bewußtsein der Schuld, da er sich erinnerte, Herr Felice sei in jenem Augenblick keine Amtsperson gewesen, und daher hätte er, der Vizedirektor, die Pflicht gehabt, diese Flucht zu vereiteln.

Ach, zum Glück war es nur ein Traum gewesen. Freilich war die Wirklichkeit nicht tröstlicher, denn Nr. 800 blieb verschwunden. Es war ein Rätsel, wo er diese höllische Nacht verbracht hatte. Sicherlich nicht im Freien, da ihn dort die Gewalt der Wasserfluten einfach weggespült hätte. Er mußte also in den Kellerräumen sein, und so begann man neuerdings mit aller Vorsicht zu suchen, um ja nicht die Aufmerksamkeit der anderen Gefangenen zu erregen. Bekanntlich wirkt jede Flucht aus dem Gefängnis mit suggestiver Gewalt. Sobald einer geflohen ist. versuchen bald zwei andere die Flucht. So wurde in aller Stille jede Werkstätte und jeder unterirdische Raum durchsucht. und sogar die Totenkammer nicht verschont, da man an die Möglichkeit dachte, Nr. 800 hätte sie ausgesucht, um sich hier das Leben zu nehmen. Aber vergeblich! Der große Steintisch in der Mitte dieses traurigen Gemachs war leer, und auch die fünf Bahren, die längs den Wänden ausgestellt waren, zeigten keine Spur von Nr. 800. Als kein einziger Raum undurchsucht geblieben war und die Gefängniswachen nichts gefunden hatten, blieb nichts anderes übrig, als zum ursprünglichen Gedanken zurückzukehren, daß nämlich Nr. 800 über die Mauer gestiegen, geflohen und in Sicherheit gekommen sei. Bevor sich aber der Vizedirektor entschloß, der Behörde von der Flucht der Nr. 800 Mitteilung zu machen, kam ihm in den Sinn, daß man auch noch die Wäscherei, den Wassergraben, die Zufluß- und Abflußkanäle durchsuchen müsse. Erst dann sei alles geschehen.

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