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Das Geheimnis der Kazikengräber

Viktor Helling: Das Geheimnis der Kazikengräber - Kapitel 7
Quellenangabe
authorVictor Helling
titleDas Geheimnis der Kazikengräber
publisherAugust Scherl G. m. b. H
year1921
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Sechstes Kapitel.
Der Reiter im Wetterleuchten.

Auch die langen, finsteren, aufregenden Urwaldnächte gehen vorüber. Mit marternden Gedanken hatten wir endlich die Mosquiteros über uns gezogen und Schlaf gefunden, in den hinein uns die bunten Bilder des Tages, ins Unheimliche verzerrt, verfolgt hatten. Die grüne Dämmerung des neuen Morgens zerriß die Phantasiegebilde. Erst vereinzelt, dann in Scharen setzten die Singvögel und Papageien mit ihrem großen Wecken ein. Mit wahnsinnigem Geheule sprangen die Affen in den jungen Tag.

Es hatte viel Tau in dieser Nacht gegeben, und mancher von uns erhob sich mit steifen Gliedern. Aber über uns lachte ein blauer Himmel, und das Rundfeuer, das wir gestern entbehrt hatten, flammte nun, wo es uns nicht mehr als Feuersäule verraten konnte, im Handumdrehen auf. Von allen Seiten kamen die Peonen mit ihren Kochnäpfen.

Der Professor eilte noch vor dem Frühstück nach dem Saum der hohen Stämme, hinter denen er den nächtlichen Besucher zur Strecke gebracht haben wollte. Und wir folgten ihm, von ein paar Indios begleitet. Wieder, wie gestern, wendete Huitaca hier ein Blatt, da einen Stein und hob dabei wie ein schnuppernder Jagdhund die Nase. Tyras bellte und scheuchte ein Stinktier auf, das erschrocken in seinen dachsähnlichen Bau hineinschlüpfte, ein Exemplar jener fürchterlich riechenden Chingues, die, weil nächtliche Räuber, glücklicherweise noch nie bei Tage unseren Weg gekreuzt hatten.

Er bellte aber unablässig weiter und führte uns diesmal schneller als der Indianer an eine wenig über fünfzig Schritt von der Mitte unseres Biwaks entfernte Stelle, wo, die Tatzen weit von sich gestreckt, ein mächtiges, rotgelbes Untier mit großen, schwarzen Flecken an den Weichen verendet im Grase lag.

Es war ein Jaguar von außergewöhnlicher Größe und besonders jetzt, wo er ausgestreckt dalag, kaum kleiner als ein Königstiger anzusehen, mit dem er es zweifellos auch an Stärke und Furchtbarkeit hätte aufnehmen können. Die Kugel des Professors hatte den Schädel zerschmettert. Die blutige Fährte ließ sich von der Fundstelle noch auf einige Schritte ins Dickicht verfolgen.

»Drei Sprünge, und die Bestie hätte mitten zwischen uns am Feldtisch gesessen! War es nun richtig, daß ich nichts anderes tat, als die Knarre hochreißen und Feuer geben?«

»Alle Achtung! Man könnte schußneidisch werden«, nickte Mr. Harper. »Ein mustergültiger Kopfschuß – schnurgerade über die Nasenwurzel. Sehen Sie bloß, wie es die Kopfadern auseinander gesprengt hat! Das einzige Rätsel ist mir, wie sich das Biest noch so weit hat schleppen können. Und seit wann schießen Sie mit Dum-dum

»Seit mir der Waffenhändler in Bogotá nordamerikanische Patronen verkauft hat. Für uns weidgerechte Jäger – da haben Sie ganz recht! – ist das nichts. Und nun fragen Sie bitte ruhig weiter, wie der Büchsenmacher in Bogotá zu den abgefeilten Dingern kommt, die ausgerechnet den Stempel der Bethlehem-Stahlwerke auf der Messinghülse tragen!«

Aber Mr. Harper fragte nicht weiter. Die Wahrscheinlichkeit lag gar zu nahe, daß die geschäftstüchtigen Yankees die Restbestände ihrer völkerrechtlich nicht immer einwandfreien Kriegsmunition nach Südamerika abgestoßen hatten.

»Und das andere Rätsel bleibt, woher der Todesschrei kam«, sagte Dr. Stenger. »Bis jetzt glaubten wir doch wohl alle, daß der Neger der gereizten Bestie vor die Pranken geraten sei ...«

»Einen Augenblick! Huitaca winkt mit allen Zeichen des Schreckens!«

Das Gestrüpp schlug hinter ihm zusammen, wir folgten ihm, und schon nach wenigen Schritten durchlief jeden, der näher kam, ein unheimlicher Schauer. Inmitten einer Blutlache lag der bis zur Unkenntlichkeit zerfetzte Körper Franciscos. Neben ihm der zerfranste Hut und die blutigen Sandalen.

»Der Mann ist schnurstracks in seinen Tod gerannt. Er vertraute wohl darauf, daß Wagemanns Schuß die großen Katzen verscheucht hatte.«

»Oder er vermeinte vielmehr das Raubtier, wie es ja tatsächlich der Fall ist, niedergestreckt und ungefährlich. Statt dessen ist er einem Doppelgänger des Wagemannschen Jaguars zum Opfer gefallen.«

»Und dieser Doppelgänger dürfte das Weibchen der erlegten Katze dargestellt haben. Sie ist die schnelle Rächerin ihres Männchens geworden. Es stimmt also nicht immer, was Sie über die Feigheit dieser Unholde sagten, Mr. Harper.«

»Das ist nicht zu leugnen. Die Ausnahme bestätigt die Regel, und das Leben wäre nicht zu ertragen, wenn es keine Überraschungen gäbe. Glücklicherweise gibt es nichts als Neues unter der Sonne, und das Leben bedeutet eine fast lückenlose Reihe persönlichster Entdeckungen.«

»Sie haben sich eine praktische Philosophie zurechtgelegt.«

» No – im Gegenteil. Ich halte nichts von Philosophie, die den German so anmutet. Die Philosophie hat einen noch nie über etwas richtig getröstet. Das versteht meine kurze Pfeife zehnmal besser. Und nun lassen Sie uns zu der Pferdedecke zurückgehen.«

»Wohin, bitte?«

»Zu Ihrer Jagdbeute, Professor. Ich denke, wir haben hier nichts mehr zu suchen. Sie werden aber den Wunsch haben, Ihrem Jaguar das Fell über die Ohren zu ziehen, um sich später eine Pferdedecke daraus schneidern zu lassen.«

»Das erstere wohl. Das letztere aber werde ich ebensowenig tun, wie Sie nicht Ihre mühsam erbeuteten Orchideen zu Salat verarbeiten. Vielmehr will ich das Tier aufs sorgsamste präparieren lassen.«

»Auch gut, nur um Himmels willen nicht hier. Noch sind wir im Gefahrenbereich Arboledas.«

Nachdem die Eingeweide dem Jaguar herausgeschnitten waren, verteilten die Indios hastig unter sich sein Fleisch. Sie versicherten, daß es ein begehrtes Wildbret sei und daß sie es auch dann mit Leidenschaft verzehrt hätten, wenn der Jaguar, statt mit dem Feuerrohr, mit vergiftetem Pfeil erlegt worden wäre. Noch ehe wir das Feuer löschen ließen, hatten sie die unverhoffte Beute geröstet und den Tragtieren aufgepackt. Für europäische Nasen war das Fleisch freilich nichts.

» Adelante!« schrien die Arrieros. Es war nicht aus ihnen herauszubringen, daß sie auf die Tiere einschlugen, und auch das Carajo-Fluchen ihnen abzugewöhnen, hatten wir allmählich als aussichtsloses Beginnen aufgegeben. Es ließ sich auch nicht leugnen, daß die Maultiere in den ersten Marschstunden besonders widerspenstig waren, und Dr. Stengers Leibpferd war ein richtiger Verstellungskünstler. Jeden Morgen lahmte der Mustang. Wahrscheinlich hatte er seinen früheren Besitzer auf diese Weise mit Erfolg täuschen können und war dann zu Hause gelassen worden. Ein Gertenhieb über die Kruppe entlarvte den Simulanten aber immer schnell, und dann trug er das ansehnliche Schlachtgewicht des guten Doktors reibungslos und, ohne rückfällig zu werden, durch dick und dünn.

Und wieder gab es, nachdem wir die Capoeira in scharf östlicher Richtung überschritten hatten, Gestrüpp und mühselig zu durchdringendes Flechtwerk, wieder dicke, faulende Baumstämme, über denen tausendfaches junges Leben blühte, wieder Blumen und Schmetterlinge, Affentollen in den Wipfeln und das Lärmen der geschwätzigen, grünen, blauköpfigen, roten und gelben Papageien, die nur geschaffen schienen, um ein Leben voll Humor und Sangesfreudigkeit zu durchfliegen. Dichtgedrängt, wie daheim auf der deutschen Dorflinde die Krähen, hockten sie mitunter im silberigen Grün der Guarumos- und der Korallenbäume, aber ungleich lauter als ihre norddeutschen Kameraden.

Unsere Leute hatten Bonaparte von dem grausigen Fund erzählt. Es war erstaunlich, mit welcher Gemütsruhe er sich damit abfand. »Señores sein gut,« versicherte er neuerdings, »ich gehen mit weiße Señores bis an Ende von Welt.« Und er traf sogar Anstalten, sich mit einem Gepäckstück zu beladen. Mit sicherem Blick hatte er dabei das kleinste und leichteste Stück als für sich passend herausgefunden. Kamen wir in seine Nähe, war er von hündischer Demut und fand es scheinbar in bester Ordnung, seinen Herrn so geschwind zu wechseln wie andere Leute das Hemd. Er selbst besaß keines. Er trug nur weite Zamarros und die gleichen Alpargatas, wie wir sie an der zerfleischten Leiche Franciscos gefunden hatten.

Die drei Venezolaner hatten ihre Angaben ergänzt. Obwohl nur Juarez eigentlicher Polizeiagent war, dienten auch Barrada und Enrico schon seit längerer Zeit einer politischen Abteilung, die den Umsturzplänen gewisser Hitzköpfe und Abenteurer nachspürte. Diese Abteilung war durch Alarmnachrichten, die über den vertriebenen Gegenpräsidenten umliefen, dauernd beunruhigt und unablässig bemüht, hinter die dunklen Machenschaften dieser Ruhestörer zu kommen, deren geheime Fäden ins Kolumbianische führten. Ein kleines Heer von Spionen war unterwegs, von dem ein Teil mit den beunruhigendsten Meldungen, ein anderer unverrichteter Dinge und der Rest überhaupt nicht zurückgekehrt war.

»Das furchtbare Los dieser Unglücklichen hätten wir, wenn Sie uns nicht aus der Gewalt des ›Schrecklichen‹ auf so tapfere Weise befreit hätten,« sagte Juarez, »ganz sicher geteilt, und nichts hätte durch diese Wälder, die uns wie ein Meer von der Heimat absperren, jemals wieder von uns Kunde gebracht. Als wir in den Keller geworfen wurden, hatten wir schon alle Hoffnung aufgegeben. Der Allmächtige, Caballeros, machte Sie zum Werkzeug, das unsere Ketten zerbrach.«

»Nichts von Dank! Nichts von schönen Redensarten, von denen wir nachgerade wissen, daß sie hierzulande wohlfeil sind wie anderswo die Fliegenpilze«; wehrte Mr. Harper ab. »Uns fesselt vielmehr, was Sie über den Mann wissen, der den harmlosen Haziendado Don Carlos spielt und dabei in Wirklichkeit –«

»Nennen Sie nicht seinen Namen! Er soll ausgetilgt sein. Es ist ein stillschweigendes Übereinkommen aller rechtlichen Venezolaner, daß nie sein Name erwähnt wird. Wir bezeichnen ihn stets nur als den ›Schrecklichen‹ und führen ihn auf unseren Meldungen nur als › T †††‹, als das T mit den drei Kreuzen. Kein gedrucktes Blatt unseres Landes soll den Namen des Schrecklichen auf die Nachwelt bringen. Nirgends werden sie ihn genannt hören. Wie er selbst, so ist auch sein unseliger Name in Acht und Bann getan.«

»Davon hörte ich«, nickte Mr. Harper.

»Und uns anderen erklärt es«, sagte Dr. Stenger, »den Umstand, daß wir den Mann, der seit seiner kurzen angemaßten Herrschaft nie erwähnt wurde, schon für gestorben und verdorben hielten.«

»Gestorben ist er freilich noch nicht, verdorben war er und wird er bleiben, bis ihn die Kugel eines Rächers ereilt. An unversöhnlichen Feinden, die auf diesen Augenblick sehnsüchtig warten, fehlt es nicht. Nur die Gelegenheit fehlte, an den Verhaßten heranzukommen. Sie sahen ja, wie er seinen Fuchsbau umpanzert hat. Tag und Nacht mag er keine ruhige Stunde haben. Ich sagte es ihm ins Gesicht, als er uns im Keller von Elisardo verhören wollte. Er zuckte zusammen und warf mich dann mit einem Faustschlag zu Boden. Ich lag lange ohnmächtig auf der Erde und war gerade erst zu mir gekommen, als Mr. Harper seine großartige Idee mit der Flasche zur Ausführung brachte.«

»Der Mann muß wirklich verhaßt und verabscheut sein«, sagte Wagemann. »Daß man ihn totschweigt, erinnert an den verabscheuungswürdigen Herostratos, der auf der Folter eingestand, daß die Sucht, von sich reden zu machen, ihn zu dem Einäschern des Artemistempels getrieben habe und dessen Namen zu nennen durch Beschluß der Epheser verboten ward.«

»Und dessen Namen dennoch ein Geschichtsschreiber bis auf uns gebracht hat.«

»Ganz recht, Herbert. Der Mann, der von der herostratischen Untat schrieb, war Theopomp.«

»Sie dürfen uns glauben,« sagte Enrico, »daß sich bei uns keiner finden wird, der ohne Not den Namen des großen Brand- und Unruhestifters in den Mund nimmt. Trotzdem hat er noch Anhänger, die ihm blind ergeben sind.«

»Und solche Anhänger waren es,« fuhr Barrada fort, »an deren Fersen wir uns hefteten. Die Herren hatten sich verdächtig gemacht und in Atures eine Lancha bestiegen, mit der sie den Orinoco stromab segelten. Wir folgten ihnen zu sechst unbemerkt. Zwei unserer Leute trennten sich kurz darauf von uns, um besser beobachten zu können, wohin die Reise der uns als Verschwörer bezeichneten Personen gehen sollte. Wir selbst, vier Mann stark, hatten uns aber mit einer Curiara, die uns notdürftig faßte, so glücklich an den Segler herangepirscht, daß wir sehr wohl bemerkten, wie die Herren heimlich das Schiff verließen und, kurz vor der Einmündung des Meta in den Orinoco, einen Bongo bestiegen, um nach Calabozo zu fahren.«

»Das wäre also den Rio Meta stromauf?«

Die Venezolaner nickten. »Schon mit dem Dampfer kostet die Fahrt gute zwei Tage. Es schien ein Ding der Unmöglichkeit, daß wir den Verdächtigen in unserer Nußschale folgen könnten. Deshalb waren wir nicht wenig erfreut, als schon nach der ersten halben Tagereise auch der Bongo wieder verlassen und von den Verschworenen, unter denen sich ein paar Offiziere befanden, unsere kleine ›Boyacá‹ bestiegen wurde – wie Ihnen wohl nicht unbekannt, einer der Dampfer, die von Ciudad Bolívar den Orinoco und Rio Meta bis nach Barrigon hinauf befahren. Es war Abend, und es gelang uns, daß wir wie die Ratten an Bord kletterten. Übrigens fanden wir in dem Kapitän, der ein guter Venezolaner ist, einen wertvollen Helfer, der uns geschickt versteckte.«

»Schwieriger«, nahm Juarez wieder das Wort, »gestaltete sich das Verlassen des Dampfers. Es ging am hellen Tage unweit von Elisardo vor sich, und an der Landestelle wurden die Verschworenen vom ›Schrecklichen‹ und seinen schwarzen Knechten mit den nötigen Pferden erwartet. Hier müssen wir, als wir von Bord gingen, gesehen worden sein und Verdacht erregt haben. Nur scheinbar kümmerte sich weder der Verhaßte um uns, noch seine Gäste, ja man ließ uns mehrere Tage Zeit, daß wir die Umgegend durchstreiften. Wie wir jetzt wissen, geschah das, um uns völlig in Sicherheit zu wiegen. In Wahrheit sahen wir uns von der ersten Stunde an beobachtet. Da war zum Beispiel ein Indio in rotem Hemd, der mit zwei Knaben mehrmals scheinbar rein zufällig an uns vorübergaloppierte –«

»Ein Reiter etwa mit zwei weißen Knaben?«

»Ganz recht. Ein Reiter mit zwei weißen Knaben, die trotz ihrer jungen Jahre auf den Pferden saßen, als ob sie mit den Tieren verwachsen wären.«

Dr. Stenger nickte lebhaft. »Das sind dieselben, die auch wir dahinjagen sahen. Was ist es mit ihnen?«

Juarez zuckte mit den Schultern. »Nicht mehr, als ich soeben sagte. Es ist nur eine naheliegende Vermutung von mir und meinen Gefährten, daß der Mann einer der Aufpasser des ›Schrecklichen‹ war. Das heißt, all dies sagten wir uns damals noch nicht. Wir machten unsere Erkundungen, wir teilten uns und verständigten uns durch verabredete Signale –«

»Mit einem Brennspiegel?«

Die Venezolaner nickten stumm. »Unser Kamerad Queiroz ließ sein Leben auf jenem jäh abfallenden Felsvorsprung, wo Sie ihn beobachteten. Wir empfingen noch seine für uns äußerst wertvollen Meldungen. Dann ereilte ihn das Schicksal, von dem uns erst durch Sie Kunde ward. Wenige Minuten später überrumpelten uns die Neger in unserem Versteck am Flusse. Was dann kam, wissen Sie, Señores. Unser Leben ist zu kurz, als daß wir Ihnen je den gebührenden Dank zollen könnten. Ich wiederhole –«

»Das fehlte noch! Da haben wir keine Zeit dazu«, schnitt ihm Mr. Harper das Wort ab. »Sagen Sie lieber, was Ihnen Ihr unglücklicher Kamerad meldete.«

»Nichts, was Sie inzwischen nicht selbst wüßten. Es war Queiroz gelungen, den Weg aufzuspüren, der nach der Quebrada führte. Er hatte dort Schüsse fallen hören.«

»Aha! Das unrühmliche Gefecht mit unseren Guaqueros!«

»Er hatte, im Zweigwerk eines Baumes versteckt, Brocken aus der Unterhaltung der Verschwörer aufgefangen. Es war von einem Waffentransport die Rede gewesen. An einem bestimmten Tage – wenn ich nicht irre, am heutigen! – sollten Munition und Waffen aus der Quebrada nach dem Rio Meta geschafft werden.«

»Da haben wir's wieder!« Mr. Harper köpfte mit der Reitgerte eine schwefelgelbe Schwertlilie. »Deswegen wollte es ja unser durchtriebener Gastfreund um keinen Preis dulden, daß wir die alten Kaziken besuchen gingen. Also heute war ein Abtransport des Arsenals geplant? Da konnten die Abenteurer freilich keine Zaungäste gebrauchen.«

Der Amerikaner ritt an die Spitze des Zuges. Vorn fielen schon wieder die Streiche der Äxte. Die Bäume wurden zusehends höher, dichter und wirrer. Wir mußten ausspähen, wo sich gerade ein gangbarer Pfad bot, und jeder kleinen Lichtung zustreben, die uns ein einigermaßen schnelleres Vorwärtskommen versprach. Nur mit dem Kompaß in der Hand war dies möglich, denn der schmale Pfad krümmte sich infolgedessen natürlich unablässig gleich einem Rinnsal, das sich um die im Wege stehenden Hindernisse herumwindet.

Mit den höheren Stämmen kamen wir wieder ins Reich der dichten Lianennetze, zwischen deren Maschen glühende Orchideen ihren aufdringlich süßen Duft verströmten und große, sammetglänzende Schmetterlinge mit leuchtenden Augen auf den Flügeln gaukelten und schaukelten. Tiefer und tiefer verloren wir uns in die grüne Üppigkeit.

Dr. Stenger ließ sich von unserem blonden Professor zum soundsovielten Male den tönernen Opferstock vor der Quebrada beschreiben. Allmählich drückten ihn die Selbstvorwürfe, daß er uns nicht gefolgt war. Es war schwer, ihm die Überzeugung beizubringen, daß von den auf Bahadillas alter Karte verzeichneten Gräbern nichts mehr zu sehen gewesen sei. Er seufzte: »Manchmal ist es wie verhext. Jahrelang wartet man auf das Glück, und wenn es leise an die Türe klopft, schläft man. Es ist unverzeihlich, daß ich meine Siesta hielt, während Sie den Opferstock fanden. Ich hätte nicht geruht, bis ich den weiten Umkreis nach den Gräbern abgesucht hätte.«

Wagemann schüttelte den Kopf. »Wohl jeder Mensch kann ein Lied von verpaßten Gelegenheiten singen. In der düsteren Quebrada bei Elisardo aber versäumten Sie nicht nur nichts, sondern es blieben Ihnen auch jene grausigen Eindrücke erspart, die wir anderen daraus mit fortnahmen. Zu den heiteren Farben, in denen Sie das Antlitz des südamerikanischen Waldes bisher sahen, hätte jene Hütte des Grauens wenig gepaßt.«

»Das soll mir ein Trost sein. Gewiß! Aber so viel habe ich nun an strapaziösen Eindrücken gesammelt, daß ich schon sehe, daß nirgends der dunkle Schatten fehlt, wo viel Licht ist. Das alte Wort besteht zu Recht, daß keiner straflos unter Palmen wandert. Sagen Sie, meinen Sie, daß die politischen Herrschaften sich bald von uns trennen?«

»Wenn Arboleda sie uns nicht abjagt, was auch für uns wenig angenehm ablaufen dürfte, wohl nicht eher, als bis wir wieder von den Wogen des Urwalds in den ersten Hafen der Zivilisation gespült werden. Wir können sie doch nicht aussetzen –«

»Auf keinen Fall! Ich wollte nur sagen, daß ich nicht böse bin, wenn sie uns bei der Sache mit ihrem Staatsverbrecher ganz aus dem Spiele lassen.«

»Unbesorgt, lieber Doktor! Die drei Leute sind froh, daß sie mit einem blauen Auge davongekommen und in unserer Expedition gut aufgehoben sind. Wir Deutschen haben keinen Anlaß, uns in ihre Händel einzumischen. Sie begleiten uns und machen sich nützlich. Sehen Sie nur, wie wacker alle drei eben mit dem Machete den Büschen zu Leibe gehen und die Hindernisse fällen helfen. Später wird sich guter Rat finden.«

Da kam Mr. Harper zurück. Er bemerkte scheinbar beiläufig, daß das Buschwerk immer mehr zusammenrücke und das Vordringen versperre.

»Das sagen Sie, dem der dichteste Wald der liebste ist?«

Der Amerikaner schob seine Pfeife in den anderen Mundwinkel. »Zu jeder anderen Zeit ... warum nicht? Aber wir haben Eile.«

»Hat sich die Gefahr, daß Arboleda unsere Verfolgung aufnimmt, nicht schon dadurch wesentlich verringert, daß Francisco nicht zu ihm zurückkehrte?«

»Ich habe mir meine Gedanken über andere Dinge gemacht«, lautete des Misters Antwort. Und nun kam es heraus: was wir gerade vermeiden wollten, nämlich jede weitere Einmischung in die Angelegenheiten, die mit Arboledas Machenschaften zusammenhingen, lag dem Amerikaner besonders am Herzen. Er erklärte, den Männern aus Venezuela müsse Gelegenheit gegeben werden, ihre wichtigen Ermittlungen sobald wie möglich weiterzugeben und womöglich den staatsgefährlichen Waffentransport auf dem Meta aufzuhalten. Das könne nur dadurch geschehen, daß ein Funkspruch abgeschickt werde. Kurz und gut, es kam auf den Vorschlag hinaus, daß wir unseren Kurs mehr nach Nordosten verlegen sollten. Mr. Harper wollte versuchen, eine drahtlose Verbindung nach dem Fluß herzustellen, was von unserer jetzigen Marschroute aus ein Ding der Unmöglichkeit sei.

»Vergessen Sie die Funkerstation auf Elisardo? Don José Vicente würde über Ihr Lebenszeichen ebenso erfreut sein, wie es uns zum Schaden gereichen müßte.«

»Die Entzifferung würde ihm unmöglich sein, da die Venezolaner, wie es rechtschaffenen Detektivs zukommt, über ein Geheimalphabet verfügen, dessen Schlüssel nur ihre Kollegen jenseits der Grenze besitzen.«

»Und deswegen sollen wir einen Umweg machen, der uns Tage kostet? Nein,« sagte Dr. Stenger, »ich will mit der verwünschten Geschichte überhaupt nichts zu tun haben.«

Mr. Harper gab sich nicht so schnell zufrieden. Er sprach von Pflichten der Menschlichkeit, von der Aussicht, ein wildes Gemetzel zu verhüten, wenn Arboledas Pronunziamiento im Keime erstickt werde, von den Geboten aller rechtlich Denkenden und von Arboledas Verlogenheit und Unmenschlichkeit. Und seltsam, die Beschaffenheit des Waldteils, in dem wir uns vorwärtsmühten, gab ihm recht: auf weite Strecken hin verriegelten unsere Straße die messerscharfen Blätter jener abscheulichen Tiririqua, mit der wir schon einmal unangenehme Bekanntschaft gemacht hatten. Aber damals war das ein Kinderspiel im Vergleich zu der Undurchdringlichkeit der sich weit nach Süden hinziehenden Waldpartie, an der sich heute unsere Haumesser abquälten. Wollten wir uns den Durchgang ertrotzen, so kostete uns das die harte Arbeit von Stunden, so daß es sich von selbst fügte, daß wir genau in der Richtung ausbogen, in die uns Mr. Harpers Überredungskünste hatten schicken wollen.

Der jetzige Weg, der das Auge jedes Beschauers mit Entzücken erfüllen mußte, versöhnte Dr. Stenger zusehends. Gab es denn für ihn, den privater Sammeleifer in die Terra incognita gelockt hatte, überhaupt einen Umweg? Nur in großen Zügen hatte er seinen Reiseplan ausarbeiten können, über den einzelnen Strecken des Durchstichs durch das jungfräuliche Wunderland aber stand der Zufall, das kurze Besinnen, ein schneller Entschluß, und gewissermaßen glichen wir Jägern, die sich willig von einer erhofften Beute über Stock und Stein locken lassen. Und in diesem wilden Erdengarten bedeutete jeder Schritt ein Entdecken, jede Blume, jeder Schmetterling für uns eine Lockung, jede Vogelstimme einen Lockruf.

»Außerdem wissen Sie nicht, wozu es gut ist«, meinte der Professor zu Dr. Stenger gewandt. »Ich habe eine Ahnung, daß wir auf diesem Wege bald auf irgendeinen Nebenfluß des Rio Meta und, wenn nicht alle Zeichen trügen, auch auf menschliche Ansiedlungen stoßen.«

»Und was wären das für Zeichen?«

»Ich fand die noch frischen Spuren eines kleinen Rundfeuers und dabei die noch ebenso frischen Gräten mehrerer Fische. Das ist genug, um daraus zu folgern, daß hier vorige Nacht Eingeborene kampiert haben. Huitaca hat mir das an Fußspuren bestätigt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es sich um ungezähmte Stammesangehörige unserer Guahibos handelt.«

»Mit der Aussicht, auf solche zu stoßen, mußten wir ja rechnen. Hoffentlich sind sie nicht allzu kriegslustig. Sie wissen, ich gehöre nun einmal zu denen, die so lange friedlich bleiben, wie es möglich ist.«

»Es ist müßig, hierüber vorher Betrachtungen anzustellen. Daß wir unter keinen Umständen den angreifenden Teil darstellen, bedarf keiner Worte.«

Der Mittag zwang uns zur Rast, eine feuchte Hitze erfüllte den Wald, das Summen der Insekten klang wie ein Brodeln. Buchstäblich wie hingemäht lagen unsere Peonen, gierig ihre Flaschenkürbisse an die Lippen führend. Nur Huitaca schnupfte behaglich. Er war fest davon überzeugt, daß wir auf engere Landsleute von ihm stoßen würden. Er hatte mehr gesehen als die Spuren im Sande. Dieser helle Kopf sah es dem Knick eines Zweiges an, ob ihn ein Indio oder ein Fremder des Landes umgebogen hatte.

»Wir werden Freunde finden,« sagte er, »die am Wasser wohnen.« Er kannte sich aus; seine Rückschlüsse waren verblüffend. Er fand die winzigen Federn eines Kolibris, den ein Schütze erlegt hatte. Er hob sie sorgsam auf. Er entdeckte irgendwo, wohin nie unser Blick irrte, Federn von der gleichen Farbe. Er wußte, daß in der Nähe ein Stamm wohnte, der hauptsächlich dieser Art von Tominejas, wie er die Kolibris nannte, nachstellte – nur den Männchen. Denn die weiblichen Tominejas hatten nur ein schlichtes, mattgrünes Kleid. Die Männchen prunkten in allen Farben. Und die rubinfarbenen Federn aus dem Brustlatz dieser Kolibris trugen Huitacas Freunde!

»Sie werden solche Federn im Kopfputz tragen«, versicherte er mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Widerspruch duldete.

Wir fanden den Fluß. Er war etwas breiter als der letzte, an dem wir tags zuvor angekommen waren, und sein Wasserstand, dank der nur kurze Zeit zurückliegenden Regenperiode, noch erheblich. Es war ohne weiteres anzunehmen, daß er fischreich war wie die vielen großenteils namenlosen Nebenflüsse, die von den Llanos und Wäldern dem Rio Meta zueilen. Wir entdeckten zunächst an der Böschung des Ufers nur eine große Anzahl von Schildkröten, die an Häßlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Das beste an ihnen waren zweifellos die Eier, die von unseren Trägern und Treibern mit fröhlichem Eifer aus den Nestern gerissen und als mühelos erworbene Delikatessen den roten und dunkelfarbigen Leibern einverleibt wurden.

Über die negative Schönheit der Matamata, wie diese Chelys fimbriata getauft ist, herrschte dagegen nur eine Stimme. Aus dem scharfgebuckelten Panzer reckte sich der widerwärtige, mit häutigen Fransen besetzte Truthahnhals, und der Kopf mit dem tiefgespaltenen Maul war dreiseitig zusammengedrückt und endete in einer rüsselartigen Nase.

»Ein Jammer,« sagte Herbert lachend, »daß der alte Ovidius Naso diese mißgestaltete, schreckliche Gesellschaft nicht gekannt hat! Sicherlich hätte er sonst den abgefeimtesten Sünder in eine Matamata verwandeln lassen.«

»Und Pablo Arboleda hätte ihm dazu Modell stehen können«, knurrte Mr. Harper. Er machte kein Hehl daraus, daß er nachträglich sein konnte und an einem Menschen, der die Yankees beleidigt hatte, kein gutes Haar ließ.

Huitaca machte uns ein Zeichen. Auf den Boden an der Böschung deutend, sagte er, daß an dieser Stelle eine Furt durch den Fluß führe. Der Boden war dicht bewachsen, und dennoch blieb der Scharfsichtige bei seiner Behauptung.

»Vor nicht langer Zeit sind hier die Männer mit den hochroten Federn der Tominejas durch das Wasser gegangen.«

Der Professor nickte. »Es scheint sich in der Tat um eine geheime Furt zu handeln. Huitacas Zuverlässigkeit hat bisher jeder Probe standgehalten, ich schlage deshalb den Uferwechsel vor.«

Es gab kein langes Besinnen, und Huitaca behielt recht. Das andere Ufer entlang, bisher dem Blicke verborgen, führte ein regelrechter getretener Pfad, der in dieser menschenfernen Gegend gewiß eine Seltenheit war. Bis zur Dämmerung führte er uns ein gutes Stück nordostwärts, ohne daß indes der Wigwam eines Eingeborenenvölkchens in Sicht gekommen wäre. Hingegen stießen wir auf zwei Hütten, die bis auf einige rohgeflochtene Bastmatten und ein Gerüst zum Braten vollständig leer waren. Sie mochten Kautschuksuchern, die weiter gewandert waren, als Notquartier gedient haben. Immer verrät sich solch eine Wohnung der wenigen Weißen, die in die Wildnis vordringen, durch etliche leere Konservenbüchsen oder wenigstens deren Deckel und kümmerliche Reste. Und das war auch hier der Fall. Dann kam der Abend, schwül und drückend, wie der Tag gewesen war, und der Himmel flammte stundenlang in Wetterleuchten. Aber kein Donner rollte und kein erfrischender Tropfen sank zu Boden. Die Affen brüllten gereizt, und auf dem Fluß waren alle Laute vom unheimlichen Grunzen irgendeines Riesengeschöpfes bis zum Froschgequake und dem Plätschern eines aus der Flut emporschnellenden Fisches unablässig lebendig.

Diesmal brannte unser Lagerfeuer, aber Schlangen und Katzen verschonten uns. Nur einmal faßte mich Herbert Stenger hart an den Arm. Kaum hörbar flüsterte er: »Der Nigger!«

Ich sah, daß Bonaparte sich aufgerichtet hatte. Sann auch er auf Flucht? War es denkbar, daß ihn das entsetzliche Schicksal seines Genossen nicht gewarnt hatte? Ich konnte es nicht glauben. Der Mann war doch ein Feigling ...

Da sahen wir plötzlich am jenseitigen Flußufer einen Reiter. Deutlich hob er sich beim Flackerschein des Blitzens von der Waldkulisse ab. Ein Reiter, der sich im Sattel aufgerichtet hatte und zu unserem Wachtfeuer herüberspähte. Nie will mir das Bild dieses Reiters, wie ich ihn dort regungslos halten sah und zunächst für eine Ausgeburt des Fiebers hielt, aus der Erinnerung verschwinden. Es war ein Reiter in dunkler Ruana, in weiten Zamarros und mit der auf den Bug des Sattels aufgestützten Flinte.

Und diesem Reiter galt Bonapartes Blick! Als der nächste Blitz des wetterleuchtenden Himmels das jenseitige Ufer sekundenlang in bläuliches Licht tauchte, hob der Reiter den linken Arm und machte ein Zeichen, das einem Winken glich, nach der Richtung, in die der Fluß rann. Und Bonaparte hob den Arm und führte ihn schnell ans Auge. Dann warf er sich schnell wieder neben dem Feuer zu Boden. Als wir wieder nach dem spukhaften Reiter sehen wollten, war nichts mehr zu entdecken. Reiter und Pferd waren verschwunden!

Ich gab Herbert einen Wink, liegenzubleiben, und trat mit kurzen Schritten nahe ans Feuer heran. Bonaparte drehte sich auf dem Rücken wie ein unruhiger Schläfer, rührte sich aber plötzlich nicht mehr. Da verlor ich die Geduld. Ich rüttelte ihn unsanft an der Schulter. In meiner Hand blitzte bedrohlich der Revolver.

»Keine Lüge! Mit wem sprachst du eben, Bonaparte?«

Er klappte ein paarmal mit den Augenlidern und war schnell gefaßt.

»Ich mit niemand sprach, Señor. Ich nur schwer träumte. Und da sah ich, als ich aufsprang, dort drüben einen Mann auf einem Mustang halten.«

»Du kennst den Mann?«

»Es schien ein Indio zu sein, Señor. Überall wohnen hier, wie man sagt, Indios.«

»Keine Ausflüchte!« Ich hob die kleine Waffe. »Du kennst den Menschen!«

»Und wenn ich ihn kennen würde, Señor – sage selbst, ob ich ihn hätte wiedererkennen können? Es gibt viele Reiter. Wenn ich ihn bei Tage sehe, werde ich dir sagen, ob ich ihn schon sah.«

Herbert stand neben mir. Er machte mir ein verstohlenes Zeichen.

»Du hast drei Minuten Bedenkzeit, Bonaparte. Strenge dein Gehirn an. Wer war der Mann, mit dem du Gebärden tauschtest? Ich zähle!«

Da gab der Neger sein Versteckspiel auf. »Du bist gut, Señor, und ich bin dein armer Sklave. Ich glaubte, den Reiter zu erkennen. Es ist einer von den Indios, die für meinen alten Herrn, für Don Carlos, gelegentlich als Bote reiten. Er nennt sich Koläko, das bedeutet ›der Specht‹, und er besitzt drei Mustangs und verdient nicht schlecht. Auch sagen sie, er habe ein Haus, das klein ist. Seit langer Zeit ist er ein Botenreiter auf Elisardo, und seine weißen Knaben begleiten ihn.«

»Seine – seine weißen Knaben?« Ich tauschte einen schnellen Blick mit Herbert. »Hörst du, Junge? Jetzt kommt's ans Licht! Es ist derselbe Mann, über den wir uns den Kopf zerbrachen.«

»Ein Spürhund Arboledas! Während wir hier den Schwarzen verhören, gibt er seinem Mustang die Sporen und hetzt uns die Verfolger auf den Hals. Wir müssen sofort Alarm geben!«

»Beruhige dich! Soweit sind wir noch nicht. Der Mann kann nicht fliegen.« Und auf spanisch fragte ich Bonaparte, was er in seiner Gebärdensprache mit dem Reiter gesprochen habe. Ich war überzeugt, er würde wieder vollendet lügen, aber zu unserer Verwunderung brachte er etwas heraus, das verdammt wahrscheinlich klang.

»Ich will Euch alles sagen, denn Ihr seid gute Señores, und Ihr werdet mich belohnen, statt mir wehzutun. Koläko wünschte nichts weiter zu wissen, als wohin wir in der Frühe aufbrechen würden. Ich zeigte flußabwärts, weil ich weiß, daß Ihr den Ort sucht, wo die Indios bravos wohnen. Ebendahin wird Koläko Euch folgen, sobald es Tag wird. Ihr werdet ihn vor der Hütte der Indios finden, denn er will Euch bestehlen. Er will die Maschine stehlen, mit der Euere Esel beladen sind und mit der man bis ans Ende der Erde sprechen kann.«

»Mr. Harpers Röhrensender!« Ich sah Herbert sprachlos an.

»Und was antwortetest du, als wir dich beobachteten?«

»Ich faßte an mein rechtes Auge und zog das Lid herunter. Das will sagen: ich habe verstanden! Und nun, gute Señores, habe ich Euch alles gesagt, was ich weiß. Ihr mögt mich erschießen, wenn ein unwahres Wort darunter war.«

»Das soll geschehen!« Ich ging zu Mr. Harpers Hängematte. Der Amerikaner war schon munter geworden.

»Was gibt's?«

»Bonaparte hat wichtige Nachrichten für uns.«

»Märchen natürlich? Was verhörten Sie denn den Schlingel eine geschlagene Viertelstunde?«

»Keine Märchen, Mr. Harper! Der Mann ist da, der mit den weißen Knaben neulich über das Feld jagte. Arboleda hat die Fühlung mit uns aufgenommen –«

» Well! Aber wir nicht mit ihm.« Der Mister gähnte. »Wir werden ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Heute funke ich.«

»Wenn Sie es noch können. Der Reiter hat ernste Absichten auf Ihren Funkerapparat.«

Da war Mr. Lear Harper mit einem Satz auf den Beinen. Er riß mich fast um, so hastig stürmte er zu seinem Gepäck. Er fluchte und schrie und fand es unversehrt. Aber er hatte das ganze Lager aus dem Schlafe gescheucht.

Über uns blaßte der Himmel. Sein blauer Schimmer strahlte im Osten herauf. Wenige Minuten später leuchtete das rötliche Morgenlicht auf den braunen Fluten des Flusses und überglänzte die stumpfen Schnauzen, die ein Rudel von Kaimans aus dem Wasser aufreckte.

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