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Das Geheimnis der Kazikengräber

Viktor Helling: Das Geheimnis der Kazikengräber - Kapitel 4
Quellenangabe
authorVictor Helling
titleDas Geheimnis der Kazikengräber
publisherAugust Scherl G. m. b. H
year1921
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Drittes Kapitel.
Don Carlos und seine Caballeros

Unbemerkt hatten wir die Fremdenzimmer wieder erreicht. Herbert erwartete uns und sagte uns, daß sich sein Oheim und Professor Wagemann zu kurzer Rast niedergelegt hätten. Die Funkeninstrumente waren von Negern hereingebracht und in Mr. Harpers Zimmer, das ich mit ihm teilen sollte, aufgestellt worden.

»Mein Oheim hat über die Vorsicht zwar gelächelt,« fügte Herbert hinzu, »denn er sagte, auf Elisardo würden wir aufgehoben sein wie in Abrahams Schoß. Ich selbst dagegen habe unruhig Ihre Rückkehr erwartet. War denn alles in Ordnung?«

Mr. Harper gab mir einen Wink mit den Augen. »Was sollte nicht in Ordnung sein?« fragte er. Ich selbst hatte Mühe, mich zu beherrschen; die Eindrücke des eben Erlebten waren noch zu stark, und solange sie uns vor ein undurchdringliches Rätseldunkel stellten, brauchte Herbert nicht beunruhigt zu werden.

»Das Unheimliche,« fuhr Herbert fort, während er Mr. Harper behilflich war, die transportable Funkenanlage aufzustellen, »das Unheimliche ist die völlige Stille dieses Hauses. Sie wirkt doppelt, nachdem wir das nächtliche Konzert des Waldes gewöhnt sind. Es ist wirklich wie in einer kleinen Festung hier. Es dringt kein Laut herein und nichts hinaus. Am beruhigendsten wirkt noch die Person Don José. Aber auch er, der doch ein lebenslustiger Mensch zu sein scheint, will mir nicht in diese Umgebung passen. Auf seinen Vater und die angekündigten Gäste dürfen wir gespannt sein.«

»Sie können ja nicht mehr lange auf sich warten lassen«, antwortete ich ausweichend. Mr. Harper hatte sich seine kurze Pfeife angezündet. Er machte ein paar Schritte auf und ab. Ich wußte, daß er überlegte. Einmal untersuchte er die Riegel der Rolläden, die vorm Fenster waren. Er schüttelte den Kopf. »Vollkommen nach außen abgeblendet«, murmelte er. »Außerdem sind die Fenster von der Umwallung überhöht. Der Patio liegt an der anderen Seite. Wenn Sie Lust haben, mich zu begleiten,« wandte er sich an mich, »begleiten Sie mich noch einmal hinunter. Wir wollten uns doch den Patio noch ansehen.«

»Und ich?« fragte Herbert.

»Du wirst das alles morgen bei Lichte sehen. Bleibe jetzt! Ruhe dich aus.«

Wenige Minuten später stand ich mit Mr. Harper im dunklen Patio. Wir hatten schnell die Stelle entdeckt, wo Don Josés Leute den Toten niedergelegt hatten, aber wir drückten uns rasch an die Wand, als wir Stimmen hörten. Ein beladener Karren stand für uns gelegen, und das Geräusch, das entstand, als wir uns hinter dem Fahrzeug versteckten, ward glücklicherweise übertönt von einer scheltenden Frauenstimme – der ersten weiblichen Stimme, die wir auf Elisardo hörten! – und die aus dem Stockwerk über uns herausschallte.

Die anderen Stimmen, die wir gehört hatten, kamen von der entgegengesetzten Hofseite. Wieder unterschieden wir deutlich Don José und seinen weißgekleideten Nigger, der wie ein Windspiel um ihn herumhuschte. Daneben ging einer der riesenhaften schwarzen Kerle, und eben öffnete sich auch das Tor wieder, durch das ein Trupp von Männern kam. Waren es Don Carlos und die sogenannten Gäste?

Sie machten bei Don José halt. Über ihren Schultern ragten Karabiner. Verwegene Hüte bedeckten ihre Köpfe. Am Schluß kamen zwei Maultiere, von deren einem ein Schwarzer herab sprang.

»Da sind wir, Señor!« sagte er.

»Alle drei?« lautete die Gegenfrage.

»Wie du siehst, Señor. Sie gingen richtig in die Falle.«

»Ausgezeichnet. Sie bleiben heute im Keller. Gebt ihnen zu trinken.«

»Gefangene!« flüsterte mir Mr. Harper zu. Die Frauenstimme über uns keifte noch immer. Eine Señora schien ihre Mägde zu schelten.

»Macht Licht!« befahl Don José. Gleich darauf flammte unweit des offengebliebenen Tores eine Glühbirne auf. Wir sahen, wie sich aus dem Pulk ihrer schwarzen Schergen drei gefesselte Männer lösten, die ähnlich gekleidet waren wie der Savannero, der tot unter seinem Mantel lag. Eine Tür ward aufgestoßen. Don José fragte die Gefangenen nach ihrem Namen. Man reichte ihm Papiere, die bei den Eingebrachten gefunden sein mochten. Er behielt sie in der Hand und winkte nur. Eine Minute später waren die Unglücklichen unseren Blicken entschwunden. In einer der zum Keller gehörenden winzigen Luken tauchte ein Lichtschein auf. Dort hinunter hatte man die Gefangenen gestoßen. Der Arriero Antonio hatte nicht zu viel gesagt: Diese Männer auf Elisardo führten Krieg. Schon das befestigte Haus bestätigte es. Man baute als Haziendado kein leibhaftiges Fort, um sich gelegentlich herumschweifende, kriegerische Indianer vom Halse zu halten. Und weder der von den Hunden zerfleischte Savannero noch die eben eingelieferten Gefangenen waren Indianer. Hier hauste einer, der ein heimliches, uns völlig unerklärliches Gewerbe trieb. Ob wir hinter sein Geheimnis kommen sollten? Ob wir selbst ungefährdet diesen unheimlichen Ort wieder verlassen würden? Gewalt und List schienen hier zum täglichen Brot zu gehören, Mord und Totschlag an der Tagesordnung zu sein. Und ein gebildeter junger Mann, wie es Don José Vicente war, ging mit ein paar kurzen Worten, ohne eine Erschütterung zu zeigen, über die Tatsache hinweg, daß zu seinen Füßen ein Mensch tot dalag, duldete und hieß es gut, daß andere gefangen in dieses unselige Haus geschleppt wurden! Das ging über meinen Menschenverstand. Hier wartete in der Tat ein furchtbares Rätsel auf seine Lösung.

»Pst!« machte mich Mr. Harper aufmerksam. »Pferdegetrappel ...«

Ich hörte es selbst. Wir schmiegten uns enger an die dunkle Mauer, besorgt, daß nicht unser Schatten, der über die Wagenräder hinweglief, uns zum Verräter wurde. Meine Scheu, Don José bei seinem geheimnisvollen Tun zu belauschen, war verschwunden. Schon der Umstand, daß wir wehrlose Männer in seiner Gewalt wußten, rechtfertigte unsere Wißbegierde. Schon damals kreisten meine Gedanken in der Richtung, daß wir alles aufbieten müßten, um den Leuten, die gefesselt eingebracht waren, zu helfen oder wenigstens ihr Los zu erleichtern.

Es war eine regelrechte Kavalkade, die jetzt durch das Tor hereinzog. Es mochten zwölf Pferde sein, und hinter den Reitern kamen Arrieros, die, wenn sie nicht Neger waren, doch jedenfalls Mischlinge mit einem starken Einschlag schwarzen Blutes waren, mit allerhand Waffen und Gerätschaften zu Fuß.

Unsere ungeteilte Aufmerksamkeit aber nahm der Mann an der Spitze in seiner dunklen Ruana und dem unnatürlich breitrandigen Panamahut in Anspruch, auf den Don José grüßend zutrat und ihm beim Absitzen behilflich war. Ohne Zweifel war das der geheimnisvolle Herr des Hauses ... Don Carlos, dessen Familienname niemand anzugeben wußte, der Herr über Leben und Tod in dieser seltsamsten aller Hazienden.

Don José erstattete ihm eingehend Bericht. Es war gewiß auch von uns die Rede, denn er zeigte wiederholt nach dem Teil des Hauses, wo unsere Zimmer lagen. Don Carlos stellte ein paar Fragen und schien von den Antworten einigermaßen befriedigt. Die Unterhaltung selbst, in die sich auch einige der Begleiter des Hausherrn mischten, konnten wir nicht verstehen. Aber dann kamen alle quer über den Hof, und ein schwarzer Diener hob eine Laterne. Don Carlos stand zu Häupten der Leiche und ließ den Mantel wegziehen.

»Unbekannt«, sagte er. »Das war vorauszusehen. Der fünfte Tote an einem Tage. Vier liegen am Opferstock in unserer Quebrada. Sie griffen uns an. Das Gefecht war kurz. Kolumbianer der niedersten Klasse ... Raubzeug, nichts anderes. Wir fanden Karten bei ihnen. Sie haben System in ihren Gräberraub gebracht. Hielten uns wohl selbst für Hyänen. Als die erste Flinte losging, war's zu spät, den Irrtum aufzuklären. Du kannst morgen mit hinausreiten und begraben, was die Aasgeier übriggelassen haben. Das ehrliche Grab soll ihnen werden, wenn sie auch selbst keines respektierten. Das Wunderlichste aber sind die Karten. Blanco wird sie dir geben ...«

Wir verstanden nichts weiter. Der Neger mit der Laterne ging auf die Tür zu, hinter der die drei Gefangenen verschwunden waren. Don Carlos nahm seinen mächtigen Panama ab. Sekundenlang sahen wir ein finsteres, sehr ausdrucksvolles Gesicht. Seine Gestalt war groß und kräftig, er überragte Don José um Haupteslänge. Dann traten alle, sich bückend, in die Tür, die zum Verlies führte. Die Arrieros und Peonen schirrten und sattelten ab. Als die ersten Pferde an uns vorbeigeführt wurden, benützten wir den Lärm, unser Versteck zu verlassen. Es war höchste Zeit, denn schon kamen die Señores aus dem Keller zurück. Don Carlos sollte uns in unseren Zimmern finden.

Aber es verging noch mehr denn eine halbe Stunde, ehe wir ihn zu Gesicht bekommen sollten.

»Na, wie steht's?« fragte der blonde Wagemann. »Don Josés Vater ist eingerückt? Sprachen Sie ihn schon?«

Auch Dr. Stenger war vom Hufschlag der Heimkehrenden wach geworden. »Jetzt kann das Diner beginnen, die kurze Rast tat mir gut. Und ein Gutes hat dieses Fort. Nie habe ich auf kolumbianischem Boden so verhältnismäßig kühle Zimmer anzutreffen gehofft. Des ganzen Rätsels Lösung ist am Ende die, daß sich der ehrenwerte Don Carlos durch Wall und Graben, Kasematten und dicke Mauern eine großzügige Kühlanlage geschaffen hat. Was denken Sie, Mr. Harper? Wer sich den Luxus leisten kann ...«

»Eine Kühlanlage, in dem es manchem höllenheiß werden mag«, lautete die Antwort des Amerikaners. »Daß ich nicht auf den Hof gegangen bin, um in den Mond zu gucken, dürfen Sie mir glauben. Wie denn überhaupt die Zeit vorüber ist, wo Sie und Professor Wagemann den ungläubigen Thomas spielen durften. Lassen Sie es sich, bitte, bestätigen,« – Mr. Harper wies auf mich – »daß hier dicke Luft herrscht. Selbst auf die Gefahr hin, daß hier die Wände Ohren haben, will ich nur das eine sagen, daß sich der Herr von Haus Elisardo den Luxus leistet, sich über landläufige Moralbegriffe mit erstaunlichem Gleichmut hinwegzusetzen. Die eine Rätsellösung habe ich inzwischen gefunden, über das Weitere lassen Sie mich nachdenken, bevor man uns in die Sala zur Comida ruft.«

»Ihr Ernst?« Professor Wagemann war aufgesprungen. Er legte mir die Hände auf die Schultern. »Wahrhaftig! Ihnen sehe ich es an, daß es bitter Ernst ist. Reden Sie! Sprechen Sie!«

Ich berichtete in gedrängter Kürze, was sich, seit Antonio mich stutzig gemacht hatte, vor unseren Augen und Ohren abgespielt hatte. Meine Worte spiegelten meine Erregung wider, und meine Zuhörer unterbrachen mich wiederholt durch ebenso aufgeregte Zwischenrufe. Es verstand sich von selbst, daß Herberts Augen mir an den Lippen hingen. Daß hier Gefahren Leben gewannen, die sonst nur romantische Phantasie im Knabenherzen ersann, war ihm gerade recht. Hier schäumte ein Strom von wilden Begebenheiten und Abenteuern, wie er ihn sich erträumt haben mochte. Sein Oheim und der blonde Professor sahen die Sache allerdings sofort von ihrer ernstesten Seite an. Als ich von dem Schicksal erzählte, das den Savannero ereilt hatte, waren sie ergriffen. Den unten im Keller Eingekerkerten Hilfe zu bringen, war auch bei ihnen der erste Gedanke. Und nicht weniger empörten sie die Vorgänge, die sich in einer Schlucht, die Don Carlos als »unsere Quebrada« bezeichnet hatte, abgespielt haben mußten.

»Fast möchte man glauben,« meinte Dr. Stenger, »Ihre erhitzte Phantasie habe Ihnen einen bösen Streich gespielt. Aber da Sie ihrer zwei waren, muß ich ja leider all dies glauben. Wir sind somit in ein richtiges Wespennest geraten, denn daran, daß hier von Staats wegen eine militärische Station läge, die im Umkreise als Hazienda gilt, ist ja nicht zu denken. Andererseits ist mir ein Privatmann, der auf eigene Faust Krieg führt, noch nicht vorgekommen. Das ist Räuberart, wie sie das graue Mittelalter von den Burgen über die Landstraßen wüten ließ.«

»Einfach unfaßbar«, pflichtete der Professor bei; »ich suche vergeblich nach einer Lösung.« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Ein wahres Labyrinth von Ungeheuerlichkeiten, in das wir uns da versetzt sehen!«

»Nichts anderes habe ich ja prophezeit«, ließ sich Mr. Harper hören. »Aber wenn wir die Augen aufsperren, wird auf die Dauer nichts labyrinthisch bleiben. Einige Zusammenhänge, die ich witterte, haben sich mir bereits entwirrt. Ich bin entschlossen, dem Hausherrn möglichst vorsichtig auf den Zahn zu fühlen. Sie haben nichts weiter zu tun, als genau aufzupassen, wenn ich auf eine empfindliche Stelle stoße. Man hat uns eingelassen, weil man uns für harmlos hält. Wenn wir uns anmerken ließen, daß wir Verdacht geschöpft und schon gehörig hinter die Kulissen gesehen haben, hätten wir nicht nur von vornherein das Spiel verloren, sondern könnten obendrein die unangenehmsten Überraschungen erleben.«

»Mir ist der Appetit vergangen,« erklärte der dicke Stenger, »und es wird mich Überwindung kosten, mich mit dem gewalttätigen Menschen an einen Tisch zu setzen.« Er brach ab. In der Tür stand der Neger von vorhin.

»Die Comida ist bereit. Ich werde die Herren führen!« sagte er, und es war mir, als grinse er spöttisch. Wir hatten ihn nicht kommen hören. Hatte er uns belauscht? Nein, das war undenkbar; schon deshalb undenkbar, weil keiner von uns etwas anderes als deutsch gesprochen hatte.

» Well! Kommen Sie also!« Mr. Lear Harper drehte den Schlüssel von außen ins Schloß. »Kommen Sie, Dr. Stenger, der Appetit wird Ihnen wiederkommen. Und was Sie da von gewalttätigem Menschen sagten, so werden Sie schnell sehen, daß er einen ganz anderen Eindruck aus der Nähe macht, als man nach dem, was wir wissen, annehmen könnte. Er stieg vom Pferde wie ein Gentleman und jede seiner Bewegungen war vornehm. Darin liegt gerade das, was mir so schleierhaft ist ...«

In dem salonartigen Raum, wo der Flügel stand, erwartete uns Don José Vicente. Ein mächtiger, geschliffener Kronleuchter aus bizarrem Glasgebilde überstrahlte sein feingeschnittenes Gesicht, an dem man vergebens einen Zug der Verworfenheit suchte.

»Es ist spät geworden«, sagte er. »Dafür finden Sie schon alle versammelt. Sie werden meine Mutter im Comedor treffen und meinen Vater mit einigen Jagdfreunden.«

»Und wir kommen Ihrem Herrn Vater willkommen? Ganz aufrichtig gesprochen, Don José Vicente?« fragte der Professor.

»Da wir wissen, wen wir vor uns haben, hat mein Vater in fast allen Punkten meine Anordnungen gutgeheißen. Er wird sich aufs herzlichste freuen.«

Don José lächelte zu dieser echt lateinisch-überschwenglichen Versicherung verbindlich, fügte aber, ernster blickend, hinzu: »Sie gestatten mir als Ihrem jüngsten Freunde einen geringfügigen Hinweis. Es hat sich in unserem, Sie vermutlich in mancher Hinsicht fremd anmutenden Hause die Sitte eingebürgert, daß Familiennamen nicht in den Mund genommen werden. Wenn auch ich Ihnen nur meine Vornamen nannte, so seien Sie davon überzeugt, daß dafür maßgebende Gründe vorliegen, über die zu sprechen jetzt nicht die Zeit ist. Nehmen Sie also die Gastfreundschaft an, wie sie sich Ihnen bietet, ohne sich Gedanken zu machen über Gepflogenheiten, die Ihnen befremdlich erscheinen. Ich bleibe für Sie Don José Vicente und mein Vater Don Carlos, unter welchem Namen Sie ihn bisher kennen. Und dort« – er wies auf die sich bewegende grünseidene Portiere – »kommt mein Stiefbruder Alfonso.«

Vor uns stand ein junger Mann mit glänzend schwarzem Haar, der die gleiche stattliche Figur wie Don José hatte. Er musterte uns mit höflichen, müden Augen und reichte uns die Hand, als kenne er uns bereits. Auch er sagte eine Begrüßung, der etwas Auswendiggelerntes anhaftete. Er trug einen weißen Anzug, und sein Gesicht zeigte im Gegensatz zu der blühenden Farbe seines Bruders das bräunliche Blaß des Kreolen. Über der Oberlippe krauste sich ein zierliches schwarzes Bärtchen. Etwas Raubrittermäßiges haftete indes auch ihm nicht an.

Die Erscheinung des Hausherrn hingegen wirkte überraschend. Sobald Don Alfonso den Vorhang vollends zurückschlug, erhob sich aus einem der seitlich von der weißgedeckten Tafel stehenden Schaukelstühle ein Mann von imponierender Größe und von gebietenden Bewegungen. Neben ihm verschwanden förmlich die sechs übrigen Herren, die seinem Beispiel folgten und sich artig erhoben. Fürwahr, das war der scharfgeprägte Kopf eines Mannes mit eisernem Willen! So blickten die Augen eines tyrannischen Despoten. Das war der Mund eines Mannes, der an herrisches Befehlen gewöhnt war. Wie ein Vogel, der sich verirrt hat und schleunigst wieder Reißaus nimmt, nahm sich auf diesen Lippen das gequält liebenswürdige Willkommenlächeln aus, das sich Don Carlos abnötigte, weil es der gesellschaftliche, in Südamerika besonders gepflegte Zwang so wollte. Wer in den Ländern des lateinischen Amerika gereist ist, weiß ja, daß man hier mit Höflichkeitsphrasen, mit Unterwürfigkeiten, mit Händeschütteln und Umarmungen nicht gerade geizt und daß es zum guten Ton des für gebildet Geltenwollenden nun einmal gehört, dem noch fremden Gast so viel artige Versicherungen zu machen, als bestehe schon eine jahrelang geübte, ungetrübte Freundschaft. So bekam auch jeder von uns bis zum Jüngsten ein paar Liebenswürdigkeiten gesagt, auf die wir keinen Anspruch zu machen hatten, und der Wunsch, daß wir unter seinem »ärmlichen« Dach, das noch nie europäische Gäste habe beherbergen dürfen, uns wohlfühlen möchten, wurde gut ein halbes dutzendmal ausgesprochen – ein Kotau in Worten, der hinter dem Kotau eines Chinesen nicht zurückbleibt, wo bekanntlich vom Gastgeber genau so viel Ergebenheitsverbeugungen gemacht werden, als Gäste vorhanden sind.

Don José Vicente nannte unsere Namen, und wir sprachen von unserem Beruf und unserem Reiseziel. War es Einbildung, daß ich es in den Augen des Hausherrn flüchtig aufblitzen sah, als Mr. Harper seinen Beruf nannte? Gleich darauf lächelte er aber wieder und sagte uns etwas wirklich Angenehmes. »Die Deutschen sind sehr beliebt in Südamerika. Nicht zuletzt nach diesem Kriege, den Sie mit unübertrefflicher Tapferkeit gegen eine wahre Meute von Feinden geführt haben. Jeder einzelne meiner Gäste wird Ihnen seine besondere Sympathie aussprechen. Ich darf Sie den einheimischen Señores, meinen teuren Freunden, vorstellen ...«

Das Händeschütteln begann von neuem, und wieder wurden zierliche Phrasen ausgetauscht, denen erst das Eintreten der Señora ein Ende bereitete. Die Gattin des Hausherrn, natürlich nicht mehr jung, hieß Donna Alienor und erschien in rauschendem Schleppkleid. Sowohl an den Fingern ihrer weißen Hände wie in ihrem blauschwarzen Haar funkelten Brillanten, und eine Duftwoge kam mit ihr ins Zimmer. Plaudere ich ein Geheimnis aus, wenn ich hinzufüge, daß sie etwas reichlich mit Schminke und Puderquaste ihrer nicht mehr jugendlichen Schönheit nachgeholfen hatte? Mr. Harper und ich hatten ihre Stimme, die jetzt so schmelzend süß klang, noch gut von unserem Lauscherwinkel im Patio in Erinnerung.

Dann begann ohne weiteres das Mahl, das von Schwarzen gereicht wurde. Don Carlos saß an der einen Stirnseite der Tafel – alles andere als das Bild eines einsamen Haziendado. Unwillkürlich fielen einem, wenn man ihn so sah, die Bilder der alten Konquistadoren ein, jener größten und grausamsten vor allem, Cortez und Pizarro, die Mexiko und Peru mit Blut überschwemmten und den spanischen Namen in Südamerika verhaßt machten. Solche kühlen, grauen Augen mochten jene Statthalter des allerchristlichsten Königs gehabt haben, die mit Feuer und Schwert gegen die Indios gewütet und ihre Bluthunde auf die Wehrlosen losgelassen hatten. In diesen Augen glomm Haß, auf diesem Mund lag Menschenverachtung. Die Stirn aber hatten Sorgen zerfurcht, und der Blick konnte mitunter von tiefer Traurigkeit erzählen. Zweifellos war Don Carlos ein ernster Mann, der nicht müßig lachte. Seine Höflichkeit uns gegenüber blieb ausgesucht. Und dasselbe galt von den Gästen, die mit ihm in den Patio geritten waren.

Diese Männer mit den kreolischen Gesichtern sahen einer wie der andere verwegen und kühn aus. Man sah ihnen an, daß sie durch Sonnenbrand galoppiert und mancher Gefahr ins Auge geschaut hatten. Eine fast erschreckende Energie sprach aus ihren Zügen, unstete Blicke blitzten unter hochgewölbten Brauen hervor. Dabei war ihnen ein weltmännisches Auftreten gemeinsam. Gegen Donna Alienor waren sie chevaleresk, an den Lippen des Hausherrn hingen sie mit Ehrfurcht. Man hätte sich vorstellen können, daß sie Offiziere gewesen wären. Mindestens waren sie das, was der Engländer als › gentlemanlike‹ bezeichnet, und wenn man sie nur hier bei der Tafel gesehen hätte, wäre man versucht gewesen, alles, was uns in den letzten Stunden unruhvoll bewegt hatte, für eine Ausgeburt der Phantasie zu halten. Die nie stockende Unterhaltung offenbarte nichts, was zweideutig gewesen wäre und unserem Argwohn neue Nahrung gegeben hätte. Der junge Don José Vicente unterhielt sich, wiederholt hell auflachend, mit Herbert prächtig, und Donna Alienor bat den dicken Dr. Stenger, ihr von deutschen Bräuchen und Sitten, sogar von den Speisen, die man in Deutschland zubereite, zu erzählen. Und auch sie lachte ungezwungen, schlürfte ihren süßen Likör behaglich, spielte mit ihren blitzenden Ringen und warf mitunter dem Neger, der hinter ihrem Stuhl einen ungeheuren Fächer in Bewegung hielt, ein paar Befehle zu. Als das »Dulce«, der unausbleibliche Schlußbestandteil jeder kolumbianischen Comida, serviert war, zündete sie sich eine Zigarette aus einem kostbaren Goldetui an und ließ sich in einem Schaukelstuhl nieder. Ein gezähmter Papagei, der ganz erstaunlich viel spanische Worte konnte, hatte auf diesen Augenblick nur gewartet, um auf ihre Schulter zu fliegen. Als Professor Wagemann sich der Señora näherte, um ihr gesegnete Mahlzeit zu wünschen, bewegte der Vogel ungestüm seine Flügel und schrie: » Carajo ... Carlo ... Esp'ranza!«

»Ich drehe dem Balg den Hals um!« rief Don Carlos, sich rasch umwendend.

Er warf dabei einen wütenden Blick nach dem Tierchen, sagte aber gleich darauf möglichst harmlos: »Rauchen wir eine Puro im Salon, Señores!« Alle gingen in den angrenzenden großen Raum, nur die Hausfrau blieb, mit ihrem Papagei kosend, zurück. Die schwarzen Diener brachten Finos, wie die guten Zigarren im Gegensatz zu den › populares‹ und den › tabacos‹, die zwei schlechtere Sorten darstellen, in Kolumbien genannt werden, und bald saßen wir, scheinbar sehr gemütlich, in den Schaukelstühlen, wo nochmals giftgrüner, auf Eis gekühlter Schnaps, sogenannter Aguaardiente, serviert wurde. Ich sah, wie Mr. Harper verstohlen lächelte. »Ein Prachtkerl, dieser Papagei!« flüsterte er mir zu. »Er hat mich auf den richtigen Trichter gebracht.«

Ich schüttelte nichtverstehend den Kopf. Was hatte das Tier geschwatzt? › Carajo‹ – das war der ziemlich ordinäre Fluch, der überall zu hören war. Und daß er den Vornamen des Hausherrn gerufen hatte, war gleichfalls nichts Absonderliches. Und ›Esperanza‹? Sollte das etwa der Familienname von Don Carlos sein, nach dem wir nicht fragen sollten? Welch ein lächerlicher Einfall von Mr. Harper!

»Mein Sohn hat Ihnen gesagt,« nahm Don Carlos, um den wir uns gruppiert hatten, das Wort, »daß nur selten Fremde unter unser armseliges Dach kommen. Ich darf Ihnen offen sagen, daß ich darüber nicht böse bin. Hingegen wird kein einsichtiger Mensch Männern der Wissenschaft sein Tor verschließen. Vor Neugierigen halte ich es verschlossen.«

»Also machen Sie mit uns eine große Ausnahme? Galt es Ihnen für so ausgemacht, daß uns nur Forscherlust und nicht am Ende auch Neugier nach Elisardo führte?«

»Sie sind Deutsche. Man sieht es auf den ersten Blick. Ich habe früher, als ich mich noch nicht in diese einsamen Gründe vergraben hatte, mit manchem klugen Kopf aus Ihrem Volke gesprochen. Mein Sohn José hat gut daran getan, Sie in mein bescheidenes Quartier zu bitten. Und selbst wenn Sie neugierig wären, so habe ich vor Ihnen nichts zu bewahren. Sie als Deutsche haben nichts gemein mit den Leuten, die ich nicht liebe.«

»Sind Sie ein so großer Menschenfeind, Don Carlos? Könnten Sie nicht glücklich und ohne Sorgen leben, der Sie sich in einem so herrlichen Winkel der Erde von überall sichtbarem Wohlstand umgeben sehen? Der Sie sich über Ihre beiden Söhne freuen dürfen? Kann das, worum Tausende Sie beneiden würden, zum Menschenfeind machen?«

»Das bin ich nicht in Ihrem Sinne, Doktor Stenger. Aber ich habe – pro todos dios! – die Menschen verachten gelernt. Die ich für die besten Freunde hielt, übten Haß, Tücke, Hinterverrat. Menschen, die ich auf die Beine gestellt hatte, wandten ihren Arm gegen mich. Kreaturen, die mir ihr Alles verdankten, sannen auf mein Verderben. Wissen Sie, daß es Esel gibt, die tote Adler mit den Zähnen rupfen, um sich in ihren Federn zu wälzen? Pah! Genug davon! Genug! Wir sitzen nicht beim Aguaardiente, um uns etwas vorzujammern. Sie wissen nun, daß ich keinen Wert darauf lege, daß Elisardo bekannter wird, als es so schon ist. Erzählen Sie von den Widrigkeiten, die Ihnen begegneten. Sie funkten dem ›Libertador‹, daß man Sie bei Nacht überfallen habe? Waren es Indios?«

»Sind Ihnen die Leute bekannt, die man Guaqueros nennt, Don Carlos?«

»Ah! Gewiß! Heute noch – sprach ich von solchem Raubgesindel. Erzählen Sie! Erzählen Sie!«

Das war bald geschehen. Don Carlos und seine sogenannten Jagdfreunde hörten aufmerksam zu. Dr. Stenger begann damit, daß er in San Pedro de Arimenas seine alten Karten ausgebreitet habe und von seinem Plan, die sagenumwobenen Gräber zu besuchen, die er einen Tagesmarsch südlich von Elisardo suche, etwas zu viel habe laut werden lassen.

» Permitame ... das ist ja ein Wunder!« unterbrach ihn Don Carlos, und er wechselte einen schnellen Blick mit Don Blanco. Bei der Erwähnung der von Dr. Stenger erwähnten Gräber und Karten ging es durch die Caballeros wie ein Ruck. »Die Karten hat man Ihnen gestohlen?«

Dr. Stenger nickte. In Mr. Harpers Gesicht zuckte kein Muskel. Während Dr. Stenger den wiederholten Überfall durch die Guaqueros näher beschrieb, beobachtete er Don Carlos scharf. Doch der verriet sich durch keinen Zwischenruf mehr. Erst als Dr. Stenger geendet hatte, sagte er: » Querido amigo ... das ist eine leibhaftige Räubergeschichte! Seien Sie froh, daß Sie die Kerls von sich abgeschüttelt haben. Die Leute wollten Ihnen zuvorkommen, und deswegen haben Ihnen die Toren auch das Kartenmaterial entwendet. Ich sage ausdrücklich ›die Toren‹! Denn die schönsten Karten hätten ihnen ebenso wenig etwas genützt wie Ihnen selbst. Die von Ihnen erwähnten Häuptlingsgräber existieren längst nicht mehr. Sie sind dem Erdboden gleichgemacht, und der Urwald hat die letzten Spuren überwuchert. Es wäre ein verlorener Tag, wollten Sie ernstlich nach den Fabelgräbern suchen. Sie geben die Absicht auf, nicht wahr?«

Wir sahen einander an. Fast gleichzeitig erwiderten wir, daß es nicht in unserem Plane gelegen habe, unserer Absicht untreu zu werden. Dabei war ich sicherlich nicht der einzige, dem der Widerspruch auffiel, in den sich Don Carlos verwickelt hatte. Einmal sprach er von Gräbern, die dem Erdboden gleichgemacht seien, die also doch vorher tatsächlich vorhanden gewesen sein mußten, und im selben Atem verwies er sie ins Reich der Fabel.

»Ich rate Ihnen ernstlich von dem Beginnen ab. Denken Sie auch daran, daß Ihre Karte, die doch wohl einzig und allein die genaueren Ortsbezeichnungen enthielt, in fremden Händen ist.«

»Oh, was das anlangt –«, begann Dr. Stenger, wurde aber von Mr. Harper sofort unterbrochen, der uns durch einen unauffälligen Blick verständigte, daß Don Carlos irregeführt werden sollte. »Was das Fehlen der Karte betrifft,« sagte der Amerikaner, »so ist das kein Hinderungsgrund für einen Mann, der um seiner Forschung willen in die Wildnis zieht. Einigermaßen hatten wir uns mit den Angaben der alten Karte vertraut gemacht.«

»Dann müßten Sie ein wunderbares Gedächtnis haben«, antwortete Don Carlos, einen triumphierenden Blick zu seinen kreolischen Caballeros werfend. Die vermeintliche Tatsache, daß uns keine weitere Karte mit genauen Angaben zum Aufsuchen der Kazikengräber zur Hand war, schien ihn mit Befriedigung zu erfüllen. »Sie würden in die Irre gehen. Sie wissen, wo Sie kaum die äußersten Ausläufer des Urwaldes durchmessen haben, nicht, was der eigentliche Urwald ist, der Sie erwartet, wenn Sie ostwärts nach der Grenze vordringen. Er ist schlimmer als die Wüste, in der man sich nach der Sonne richten kann. Unser Wald ist ein Meer, unermeßlich, ewig gleich, ewig wechselnd, aber ein erbarmungsloses Meer. Wehe dem, der darin verschlagen! Jagen Sie keinem Hirngespinst nach. Es ist eine der gefährlichsten Partien, die man kennt, zudem sumpfig und voll eklen Gewürms. Und, pro dios, Sie würden von Ihrem Wege abkommen und nichts, nichts finden. Betrachten Sie es als einen Stern, daß Ihnen die Karte eines alten Phantasten geraubt ist!«

Don Carlos hatte sich in Hitze geredet. Jetzt zerdrückte er den Rest seiner Puro in der Aschenschale. Seine Freunde stimmten ihm, plötzlich beredt geworden, in allen Punkten bei. Sie schworen, daß es die melancholisch graueste Öde wäre, in die wir ziehen wollten, eine morastige, tagereisengroße Waldpartie, die keinem Forscher oder Sammler die erhoffte Ausbeute schenke – ein nutzloser Zeitverlust, den wir noch dazu mit Fieber oder Tod bezahlen müßten.

»Sie glauben doch nicht ernstlich, meine Herren,« ließ sich der blonde Wagemann hören, »daß uns diese Gefahren schrecken? Um sie aufzusuchen, sind wir doch gekommen. Auch wußten wir, daß die Götter vor den Preis den Schweiß legten, wie es beim Vater Homer heißt.«

»Stimmt!« nickte der dicke Stenger. »Einen gehörigen! Aber weder die Schwitz- und Schmorkur noch Ihre wohlgemeinten Warnungen dürfen uns bange machen.«

»Aber Sie reisen nicht morgen! Sie werden es sich noch überlegen!« Es klang wie ein Befehl, wenn sich Don Carlos auch sofort wieder in den unumgänglichen Ton hispano-amerikanischer Urbanität zurückfand. »Wir würden untröstlich sein,« sagte er, »fänden wir Sie nicht jeden Abend hier vor. Es erwarten Sie unvergleichliche Nächte. Sie sind gescheit gewesen, Ihre Reise unmittelbar nach der Regenzeit anzutreten. Nein, Sie dürfen morgen und übermorgen noch nicht aufbrechen!«

»Würden Sie es uns verbieten?« fragte Mr. Lear Harper, jede Silbe betonend. Es klang ruhig, aber die kreolischen Caballeros horchten auf. Mit der Frage flog eine Kampfansage in die Luft.

Der Hausherr schoß einen finsteren Blick auf den Mister. Es war uns schon vorher aufgefallen, daß er ihm mit Zurückhaltung begegnete. So deutschfreundlich die Südamerikaner zu sein vorgeben, so wenig machen sie ein Hehl daraus, daß sie keine Freunde der Nordamerikaner sind. Und das wird ja jeder verstehen, der an Panama und die Öl-Kreeks von Mexiko denkt. Aber auch hier beherrschte sich Don Carlos schnell. »Sie scherzen, mein Herr! Jeder kann tun und lassen, was er will.«

»Also können wir morgen früh« – wieder betonte der Mister die Worte – »nach den Häuptlingsgräbern aufbrechen?«

Don Carlos zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie keinen Rat annehmen wollen, warum nicht? Ihre deutschen Begleiter dagegen werden anderer Meinung sein. Es ist nicht gleichgültig, ob man in sein Unglück rennt oder nicht.«

Professor Wagemann suchte abzulenken. »Unser Goethe hat einmal gesagt: ›Die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze, es auszuführen; alles übrige ist gleichgültig.‹ Schelten Sie daher nicht unseren Eifer, der uns morgen weitertreibt. Wenn Sie also nichts anderes gegen unseren Abstecher einzuwenden haben als die Sorge um unser Leben, so machen Sie sich keine Gedanken über uns.«

»Aber tragen Sie dann die Folgen selbst!« Don Carlos machte ein völlig ernsthaftes Gesicht. Er wandte sich kurz ab. Der Fall war für ihn erledigt. »Bringe unseren lieben Gästen Zigarillos«, sagte er zu Don José Vicente.

»Wäre es nicht klüger gewesen, auf die Wünsche des Hausherrn einzugehen?« fragte mich Dr. Stenger, während sich die Unterhaltung der anderen gleichgültigen Dingen zuwandte. »Der Wunsch, daß wir den Gräbern nicht nachspüren, ist doch unverkennbar. Sicherlich nicht aus Pietät, zumal Don Carlos zweifellos nicht Kolumbianer ist. Da könnte man noch den Respekt vor den Grabstätten der Altvordern verstehen.«

»Ich war versucht, ihn mit den Guaqueros in Zusammenhang zu bringen – aber das ist ja Unsinn. Vielmehr scheinen die Guaqueros, die uns nachstellten, Don Carlos in die Hände geraten zu sein.«

»So und nicht anders!« nickte der blonde Professor. »Aber beiden, den Goldgräbern der Kirchhöfe wie Don Carlos und seinen seltsamen Freunden, ist der eine Wunsch gemeinsam, uns mit allen Mitteln von den Kazikengräbern fernzuhalten.«

»Das ist der springende Punkt«, sagte Mr. Harper.

»Und welchen Beweggrund sollte Don Carlos haben?«

»Das werden wir an Ort und Stelle sehen. Auf jeden Fall bestehen wir auf unserem Abrücken morgen in der ersten Frühe.«

»Und was wird dann aus den Unglücklichen, die hier gefangengehalten werden?«

»Ich will nichts unversucht lassen, um mit ihnen wenigstens noch Fühlung zu gewinnen«, erwiderte der Amerikaner, der sich durch seine unverkennbare Zielsicherheit und Geschicklichkeit immer mehr unser Vertrauen gewonnen hatte. Mochte er gern echt yankeehaft prahlen und flunkern, ein gewandter Kerl, in dem ein Stück Detektiv steckte, war er doch. »Ich hätte gern noch mehr festgestellt, aber das ging nicht, ohne das wachgewordene Mißtrauen nicht noch mehr zu erregen. Aus diesem Grunde fragte ich auch nicht nach dem Reiter mit den weißhäutigen Knaben. Und die angesägte Brücke ist höchstwahrscheinlich nicht auf das Konto der Guaqueros zu setzen, sondern von Don Carlos präpariert worden – fragt sich nur, ob für uns oder seine venezolanischen Feinde.«

»Venezolanische Feinde? Was denn?«

»Blicken Sie sich um. Don Carlos ist Venezolaner. Sie brauchen nur die Fahne da oben neben den damaszierten Doppelflinten und den Hirschfängern zu betrachten. Auch die Caballeros sind Venezolaner. Ich sah es schon im Patio an ihren gestickten Sätteln. Nun wird Ihnen gewiß vieles klar, wie?«

»Daß ich nicht wüßte.«

»Es tut nichts zur Sache. Vor einem Mann vom Schlage eines Don Carlos muß man immer auf der Hut sein, wenn man in Südamerika reist. Und nun still! Die Caballeros, die schon eine Weile Gähnkrämpfe hatten, brechen auf.«

Mit den unerläßlichen Redensarten wünschten die »Jagdfreunde« des Hauses Gute Nacht, und Don Carlos winkte seinen Negern, daß sie uns zu unseren Zimmern brächten. Er reichte uns die Hand und wünschte, daß wir unter seinem erbärmlichen Dach gut schlummern möchten. Wir hatten erwartet, er werde auf unsere Abreise zurückkommen, aber nichts dergleichen geschah.

Dafür wäre ich noch zu guter Letzt fast an Mr. Harper irre geworden. Als dieser dem einen Caballero die Rechte schüttelte, stibitzte er mit einer unglaublichen Gewandtheit, die jedem Taschendieb Ehre gemacht hätte, von dem hinter ihm stehenden Tisch eine Flasche und ließ sie ebenso geschwind unter seinem Rock verschwinden.

»Mein Gott!« rief ich ihm zu, noch ehe sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, »sind Sie ein heimlicher Trinker?«

»Warten Sie's ab«, lautete seine Antwort kurz. »Es ist Ihnen doch wohl aufgefallen, daß Don Alfonso vor einiger Zeit das Zimmer verlassen hat? Der junge Mann ist kein Verstellungskünstler. Als ich ihn verschwinden sah, dachte ich, jetzt macht sich ein böses Gewissen auf die Strümpfe. Der Eindruck verstärkte sich, als er wieder eintrat und mich scheu beobachtete.«

»Und was hat das mit der von Ihnen in die Tasche praktizierten Likörflasche zu tun, bester Mister?«

»Nicht mehr und nicht weniger, als daß Don Alfonso der letzte war, der die – übrigens leere – Flasche in der Hand hatte.«

Ich schüttelte den Kopf, aber Mr. Harper stand schon vor seiner Tür, und als sich die Schwarzen entfernt hatten, zeigte er uns ein geschwärztes Stück Seidenpapier. »Wenn sich die Herren für die Fingerabdrücke des ehrenwerten Don Alfonso interessieren – hier sind sie! Die einen entnahm ich dem Türschloß, die anderen glänzen buchstäblich auf der Flasche. Der junge Mann hat unsere Zimmer inspiziert. Man ist vorsichtig in diesem Hause. In mein Zimmer konnte er zu seinem Leidwesen nicht hinein, obwohl ihm am meisten daran gelegen haben dürfte. Und einen zweiten Schlüssel hat er nicht gehabt, sonst hätte ich an meinem Funker manche tragische Entdeckung machen können. Er mußte sich damit begnügen, mir seine Visitenkarte in Gestalt seiner am Schloß herumtastenden Finger zurückzulassen. Wünschen Sie noch andere Beweise? Sonst genügt ja nach Ihrem großen Meister Goethe, wie wir schon kürzlich festgestellt haben, was man schwarz auf weiß besitzt.«

»Ich hätte meinen Tyras mit hineinnehmen sollen!« meinte der Professor. Aber wir antworteten ihm, daß der gute Aufpasser vielleicht im Lager noch nötiger gebraucht werde.

»Wohl kaum.« Mr. Harper beschrieb ein Papier und befestigte einen langen Bindfaden am Flaschenhals. »Geben Sie mir einen Lappen, junger Freund«, wandte er sich an Herbert. »Da links unten bei der viereckigen Spule meines Empfangsapparates liegen etliche. Auf den Empfangsapparat nämlich haben unsere Wirte es abgesehen. Ihm galt der mißglückte Besuch des werten Mr. Alfonso. Sie werden bemerkt haben, daß gerade ich den dunklen Ehrenmännern ein Dorn im Auge bin. Das ist die Folge der sehr richtigen Erkenntnis, daß Sie anderen harmloser sind als ich.«

»Sagen Sie uns lieber, was wir noch zu tun haben!«

Der Amerikaner stopfte sich seine Pfeife. »Ihre Kopie von der Karte des Schiffsfähnrichs Bahadilla gut zu verwahren und sich im übrigen den Mückenschleier um die Ohren zu schlagen. Ich werde Sie rechtzeitig wachtrommeln.«

»Und Sie, Mr. Harper? Was haben Sie noch vor?«

»Geben Sie mir noch ein Stümpfchen Licht und Schwefelhölzer. Danke!« Er steckte die mit Lappen umwickelte Flasche in die Tasche. »Ich, fragen Sie? Ich gedenke noch draußen meine Pfeife zu Ende zu rauchen. Haben Sie die Güte,« sagte er zu mir gewendet, »diese Tür solange von innen zugeriegelt zu hatten. Und nun ... a very good night, gentlemen

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