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Das Geheimnis der Kazikengräber

Viktor Helling: Das Geheimnis der Kazikengräber - Kapitel 12
Quellenangabe
authorVictor Helling
titleDas Geheimnis der Kazikengräber
publisherAugust Scherl G. m. b. H
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170404
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Elftes Kapitel.
Vor der Trennung.

Das Ereignis der wunderbaren Errettung des totgeglaubten Farmers war so überwältigend, daß alle anderen Erlebnisse des Tages und unserer Expedition überhaupt daneben verblaßten. Unser heißbegehrtes Forscherziel hatte der Auffindung der sagenhaften Weißhäute der kolumbisch-venezolanischen Terra incognita gegolten, keiner von uns allen aber hatte sich träumen lassen, daß uns so unerwartet schnell zur Erfüllung ward, was anderen Forschern – von blutwenigen abgesehen! – Zeit ihres Lebens eine eitle Hoffnung geblieben war. Daß uns der geschehnisreiche Tag aber zugleich mit den schrecklichen Wilden einen teuren Landsmann auffinden und aus jahrelanger Qual befreien ließ, von dem wir jede Erdenspur verweht glaubten – das überstieg verwegenstes Menschenhoffen.

Die Churruyes frohlockten ihres »Sieges«. Sie brachten Verwundete und aufgelesene Wurfspieße, Bogen und Speere und blutige Stirnbänder, die sie den Erschlagenen abgenommen hatten. Sie sangen und jubelten und zweifelten nicht, daß der panische Schrecken, den sie mit unserer Waffenhilfe ihren bösen Nachbarn eingejagt hatten, den Unholden so nachhaltig in die Knochen gefahren sei, daß sie in aller Zukunft vor ihnen Ruhe haben würden.

Es war nicht unsere Sache, ihnen diesen Glauben zu erschüttern. Wir lauschten der ergreifenden Erzählung Fritz Ramshorns, der seine Söhne in die Arme geschlossen hielt, als wolle er sie niemals mehr lassen oder als fürchte er, daß alles noch ein verworrener Traum sei. Tiefe Runen hatte grauenvolles Leid in sein Gesicht geschrieben. Ernst und Julius erkannten ihn nicht, sahen erst nur erschrocken das elende abgehärmte, spitze, haarbewachsene Gesicht, und die Stimme allein ließ die Knabenaugen erstaunt aufleuchten und weckte die ersten zagen Erinnerungen. Mühsam nur vermochte sich der Vater zu sammeln. Dieser Mann war fürwahr schon jenseits des Lebens gewesen ...

Seinem Bericht entnahmen wir, daß sich auf dem Rancho alles so abgespielt hatte, wie wir es schon aus Koläkos Munde wußten. Die hellhäutigen Indios hatten vor Fritz Ramshorns Augen alles zertrümmert, woran sein Herz hing. Daß er selbst, von den mordgierigen Räubern gepackt, sein nacktes Leben gerettet hatte, verdankte er einem seltsamen Umstand. Er hatte zufällig in einem kleinen Fläschchen ein Gegenmittel gegen Schlangengift bei sich getragen, wie er es zu benützen pflegte, wenn sein Vieh von einer der bösartigen Vipern gestochen wurde. In jener furchtbaren Nacht war der Anführer der Ando-gues von einer großen Giftnatter angesprungen und von seinen Leuten schon aufgegeben worden. Ramshorn hatte den Unseligen gerettet, hatte seinem Feind das Leben erhalten in der verzweifelten Hoffnung, daß er seine Familie, über die er in jener schmerzdurchwühlten Stunde noch im Ungewissen bangte, schonen würde. Er hatte aber durch die als Wunder angestaunte Handreichung nur erreicht, daß man ihm selbst das Leben ließ, das für ihn seinen Sinn und Wert verloren hatte. Er blieb ein Gefangener, wurde mit fortgeschleppt, später aber als Medizinmann – als Payé – in die Reihen der Wilden aufgenommen.

Eine in ihrer Grausamkeit und menschlicher Erniedrigung unfaßbare Leidenszeit war damit für den Unglücklichen angebrochen. Jede Hoffnung, aus den Höllenabgründen je wieder ins Reich der Menschlichkeit zurückzukehren, war ihm bereits erstorben, als mit dem heutigen Morgen der Angriff der Churruyes und Marqui Ritares erfolgte. Was dann gekommen war, hatten wir miterlebt ...

Wir blieben noch zwei Nächte im Churruyeslager. Im Tauschhandel erwarben wir eine Anzahl Kanus. Unsere Tiere blieben zurück, dafür wurde alles, was wir hatten, auf die leichten Fahrzeuge verladen, und bis zur Einmündung des Flusses in den Rio Vichada gaben uns unsere roten Wirte hilfsbereit das Geleite.

Ohne ein ernstliches Abenteuer erreichte unsere Expedition auf dem, durch keine Stromschnellen gefährdeten Wasserwege zehn Tage später die erste menschliche Niederlassung, in der wir geborgen waren. Bald danach den kleinen Ort Ocune und über Pueblo Viego die Grenze Venezuelas. Wenige Tage, bevor die zweite Regenperiode des Jahres einsetzte, grüßten uns die Kokoshaine von Maipures.

Abschiednehmen braucht nicht immer mit schmerzlichen Gefühlen verbunden zu sein. Die Trennung von dem ersten, der uns verließ, hinterließ keine brennende Wunde. Zumal sich der betreffende, wie man sagt, französisch empfahl. Es war der kraushaarige, plattnasige Master Bonaparte, der mit uns bis ans Ende der Welt zu gehen geschworen hatte, es aber schließlich vorzog, unter Mitnahme von Dr. Stengers Browning am ersten Abend an Land sang- und klanglos zu verduften. Antonio hinterbrachte uns, er habe ihn in die Flußschenke »Zum Orinocokrokodil« einschwenken sehen, wo braune und schwarze Matrosen bei Schnaps und Würfelspiel mimischen und musikalischen Niggervorführungen beizuwohnen pflegten, und wir hätten ihn beim Kragen nehmen können. Aber der dunkle Ehrenmann besaß erstens keinen Kragen, und zweitens gewann es Dr. Stenger, der bekanntlich ein gutes Herz besaß, nicht über sich, mit rauher Hand in die zarten Fäden einzugreifen, die Bonaparte mit den Musen des »Orinocokrokodils« anzuknüpfen willens schien.

»Man soll auch einmal die kleinen Diebe laufen lassen«, sagte er.

»Und manchmal hängt man auch die großen!« rief Mr. Harper, der die letzten Worte gehört hatte. Er war, ein Zeitungsblatt schwenkend, zu uns ins Speisezimmer gestürmt. »Endlich! Endlich hat den abgefeimten Schurken sein wohlverdientes Schicksal ereilt! Und daß das so gekommen ist, verdankt die Welt mir ... einzig und allein meiner Fixigkeit!«

Professor Wagemann schüttelte frische Eisstückchen in sein Limonadenwasser. »An Ihrer Fixigkeit hat nie jemand gezweifelt. Aber von wem reden Sie denn?«

»Hier! Lesen Sie selbst!« Er drückte dem Professor das Zeitungsblatt in die Hand. Es war die eben mit der Schiffspost eingetroffene neueste Telegrammausgabe des » El Tiempo« aus Ciudad Bolívar. »Von wem anders kann die Rede sein als von Pablo Arboleda!«

Juarez, Barrada und Enrico fuhren von ihren Stühlen empor.

»Lesen Sie! Mein Werk! Unser Werk! Lesen Sie!«

Und Professor Wagemann las: »Dank der rastlosen Tätigkeit unserer Geheimpolizei, die in vorbildlicher Weise arbeitete, ist es gelungen, einen entscheidenden Schlag gegen einen Feind unseres Staates zu führen, der auf dem Sprunge stand, unser Land in neues namenloses Elend zu stürzen und die Flamme des Bürgerkrieges emporlodern zu lassen. Das gesamte Waffenmaterial, das allein noch zur Ausführung des verruchten Angriffes fehlte, konnte auf dem Rio Meta rechtzeitig angehalten und konfisziert werden. Der Abenteurer selbst, dessen Name im ganzen Lande verfemt ist, wurde an Bord des angehaltenen Fahrzeuges inmitten seiner Mitverschworenen durch einen Schuß in die Schläfe getötet. Nähere Nachrichten werden folgen. Die Verantwortlichkeit für die Richtigkeit der Meldung übernimmt der Gouverneur persönlich.«

»Was sagen Sie nun?« Mr. Harper rieb sich die Hände. »Unsere Reise wird einem Triumphzuge gleichen!«

»Das wird sie!« bestätigten die drei Venezolaner, die von dieser Minute an darauf brannten, so schnell wie möglich nach Ciudad Bolívar zu gelangen, wo ihrer gewiß hohe Belohnung wartete.

Professor Wagemann aber wehrte den smarten Amerikaner ab. »Unser Sinn steht nicht nach Gepränge und lärmenden Empfängen. Zudem ist die Unschädlichmachung des nie Ruhe gebenden Gegenpräsidenten nicht unser, sondern Ihr eigenstes Verdienst. Keiner von uns Deutschen wünscht es Ihnen zu schmälern. Wir sind zufrieden, daß Arboleda uns soweit in Ruhe ließ –«

»An den nötigen Versuchen, uns Steine in den Weg zu werfen, hat er es, denke ich, nicht fehlen lassen!«

»Sie ließen mich den Satz nicht zu Ende bringen, Mr. Harper. Ich wollte sagen: wir sind zufrieden, daß er uns so weit in Ruhe ließ, daß wir vollzählig und wohlbehalten am Ziel unserer Fahrt anlangen durften. Unsere Sammlungen, die uns nach der Heimat folgen werden, werden immer von dem Glück zeugen, das uns beschieden war –«

»Und Sie an das Glück erinnern, das Sie anderen brachten!« nahm Fritz Ramshorn das Wort. »Ein Menschenleben ist zu arm, um Ihnen das zu danken, was Sie an mir getan haben. An mir und meinen Kindern.« Und sein Blick ging hinaus zum Garten, wo Herbert mit Julius und Ernst bei fröhlichem Spiele ihr Wesen trieben. Schlanke Palmen bewegten sich leicht im Winde. In rotem Glühen lag die Sonne über den orientalischen Dächern der weißen Häuser, deren jedes wie einen Fächer eine Riesenpalme über dem Haupte hielt, überall aber, dort, wo der Orinoco rauschte, fern, wo in gewaltigen, blauen Ketten die Berge zum kristallklaren Himmel stiegen, bis dicht heran an die heiße, blendende Reihe der Häuser – überall wogte das grüne Meer des Urwaldes. In ewiger Majestät beherrschte er das Feld, soweit das suchende Auge reichte.

Dr. Stenger beschattete die Stirn mit der Rechten. Gebannt gingen seine Blicke in die farbigzitternde Ferne.

»Wie voneinander,« sagte er, »so sollen wir auch von diesem Walde Abschied nehmen ... von diesem Walde mit seinen Blumen und Früchten, Schmetterlingen und Vögeln, aber auch mit seinen Schlangen und sprungbereiten Katzen.

Von dem Walde mit seinen Kindern der Sonne, die das Lachen lieben und dennoch haßerfüllt die Sperre schütteln.

Von dem Walde, wo jeder Tag, jede Stunde neue Schaustücke und Schönheiten hervorquellen läßt und im gleichen Atemzuge Verderben und Vernichtung gebiert.

Von dem Urwald mit seinen Geheimnissen und Gräbern, Finsternissen und Schrecken.

Und der dennoch immer und ewig der große, bunte Zaubergarten bleibt, dessen Wunder des Menschen Seele emporheben!«

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