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Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
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20.

Am selben Morgen, nur eine Stunde früher, saß Stufer im halbverfinsterten Speisezimmer seiner Villa, die am Westabhang derselben Hügel lag, und sprach, vor dem Tische sitzend, mit einem Menschen, der gar nicht anwesend war. Besser gesagt, es waren Phrasen voll Beschimpfungen. Auf dem mit Asche beschmutzten Tische lagen Zigarrenstummel umher, wie auch Stufers Kragen und Kravatte. Er trug am Körper nur seine Leibwäsche, kratzte sich auf der Brust, dann strich er über seinen kahlen Schädel, starrte zu der einzigen brennenden Glühlampe auf dem riesigen eisernen Lüster empor, stieß auf und beschimpfte irgend jemand mit den letzten, in seinem betrunkenen Gehirn noch vorhandenen Worten.

Feierlich, mit Turmuhrschlag schlug die Speisezimmeruhr Sieben. Fast zu gleicher Zeit war ein stoppendes Auto hörbar. Ins Speisezimmer trat Garin, von der Morgenluft durchgeblasen, die Ledermütze im Nacken, spöttisch, mit gefletschten Zähnen:

»Sie sind ein fixer Kerl! Haben die ganze Nacht durchgesoffen?«

Stufer sah mit blutunterlaufenen Augen schief zu ihm auf. Garin gefiel ihm. Freigiebig, bezahlte er alles. Ohne zu handeln hatte er für die Sommermonate die Villa samt dem Weinkeller gemietet, Stufer aber gestattet, die dort befindlichen Reste von altem Rheinwein, französischem Champagner und Likören auszusaufen. Womit sich nur der Kerl beschäftigen mochte? Sicher spekulierte er irgendwie. Jedenfalls aber fluchte auch er über die Amerikaner, die Stufer vor zwei Jahren zugrunde gerichtet hatten, verachtete die Menschen und Regierungen, nannte überhaupt alle Leute Schweinehunde – das paßte Stufer. Im Auto brachte Garin Fressalien mit, die Stufer selbst in besseren Zeiten nicht zu Gesicht bekommen hatte, schmierte mit einem Suppenlöffel herrliche Straßburger Gänseleberpastete aufs Brot, russischen Kaviar, fast flüssigen, weichen Brie und den vielgeliebten Camembert, auf dessen Oberfläche bereits kleine, weiße Würmchen krochen. Nach Garins Berechnungen erschien es nicht ausgeschlossen, daß dieser hoffte, man könnte Stufer im Bedarfsfalle ständig im Alkoholdusel halten.

»Sie sehen aus, als hätten Sie die ganze Nacht gebetet!« röchelte Stufer.

»Ich habe die Zeit famos verbracht. In Köln, bei Mädchen. Und sehen Sie: trotzdem bin ich ganz munter und sitze nicht in Unterhosen vor dem Tisch. Sie ruinieren sich, Stufer, Achtung! Ja, nebenbei: man hat mich vor einer nicht sehr angenehmen Tatsache gewarnt. Es hat sich herausgestellt, daß Ihre Villa überhaupt viel zu nahe den chemischen Fabriken liegt … Wie auf einem Pulverkeller.«

»Blödsinn …« – brüllte Stufer – »da untergräbt wieder irgendein Schweinehund … In meiner Villa sind Sie vollkommen außer Gefahr!«

»Um so besser. Geben Sie mir den Schlüssel zur Station.«

Mit dem Schlüssel in der Hand ging Garin in den Garten, wo ein großer, grasgedeckter Schuppen stand, der gerade unter den Masten der Antenne lag. Es war ringsum tiefe Stille und es roch nach Kiefernharz. In den vernachlässigten Blumenbeeten standen hier und dort Zwerge aus Keramik, von Vögeln beschmiert. Garin hob den Kopf. Hinter den Kieferzweigen schwammen im blauen Himmel Sommerwolken. Er lächelte. Zuckte mit den Achseln. Er sperrte die Glastüre auf und trat in den Schuppen. Oeffnete die Fenster, stützte sich aufs Fensterbrett und blieb so eine Zeit lang stehen. Angenehm summte in seinem Körper die Müdigkeit der vergangenen, schlaflosen Nacht. Fast zwanzig Stunden hatte er im Auto zugebracht, um alle Geschäfte mit den Banken und Fabriken zu erledigen. Nun war vor dem achtundzwanzigsten alles in Ordnung gebracht.

Er dachte an Zoe. Wie wunderbar: von der Minute an, wo er sie in der Nachtkneipe auf Montmartre zum ersten Male gesehen hatte, war sein ganzes Leben um ihn her wie ein Traum verflossen: Kampf, Gefahr, blutige Zusammenstöße, diese ganze, verrückte Arbeit, all das war vor seinen Augen vorbeigeflogen, wie die Landschaft vor einem Waggonfenster – ohne seine Gefühle zu erschüttern. Bei dem Gedanken an sie verfinsterten sich seine Augen. Er hatte nur ein einziges Ziel: Das Weib, Zoe! Und auf dieses Ziel schritt er los – wie im Traum. Eine einzige Nacht nur war sie ihm nahe – damals, als in Ville Davray hinter den Fenstern feuchte Blätter rauschten. Diese Nacht hatte ihn betäubt, berauscht, verführt – für immer verblendet. Wer vermag es zu ergründen, welche Kräfte es sein mögen, die – mächtiger als alle Erdenschwere, als Todesangst, als Gier nach Leben – gerade diese beiden Wesen aus der Masse von anderthalb Milliarden, die auf der Erde leben, zwangen zu erbeben, wenn ihre beiden Körper einander berührten, wenn Auge in Auge blickte, wenn ihre Hände sich ineinander verkrampften – als hätten im ganzen Weltall nur diese beiden Lebewesen aufeinander gewartet, sich gesehnt, einander gesucht, um in der gegenseitigen Berührung, im Ineinanderaufgehen das Gesetz zu verwirklichen, das auf ihnen lastete.

Er erinnerte sich nicht mehr, wie lange er so vor dem Fenster gestanden war. Er reckte sich, um die Schwärmerei von sich abzuschütteln, begann eine Zigarre zu rauchen und schloß geschäftig den Dynamo der Stadtstromleitung an, besah und überprüfte die Apparate, dann stellte er sich vor das Mikrophon und begann, laut und abgeteilt hineinzusprechen:

»… Zoe, Zoe, Zoe … Hören Sie, hören Sie, hören Sie … Alles wird sein, wie du willst. Nur mußt du es verstehen, zu wünschen … Wünsche, sei verrückt in deinen Wünschen – um so besser. Gerade das brauche ich. Dich brauche ich! Ohne dich ist mein Werk – tot. Ich werde dieser Tage in Neapel sein. Morgen werde ich Genaues berichten. Sei um nichts besorgt. Alles steht günstig …«

Er schwieg, biß an seiner Lippe und begann von neuem: »… Zoe, Zoe, Zoe …« Dann schloß er die Augen. Er sprach, als könnten seine Worte den lebenden Körper Zoes berühren. Weich surrte der Dynamo und unsichtbare Blitze rissen sich, einer hinter dem anderen, von der Antenne zwischen den beiden siebartig mit Drähten verbundenen Masten.

Wäre um diese Zeit ein Artillerietransport vorübergefahren – sicher hätte Garin ihn überhört. Er hörte nicht einmal, daß am Rand der Lichtung ein paar Steine ins Rollen kamen. Dann wurde, fünf Schritte vom Eingang in den Schuppen, das Gebüsch zur Seite geschoben und Garin konnte ebenfalls nicht sehen, wie dort in Augenhöhe der schwarze, auf ihn gerichtete Stahllauf eines Revolvers auftauchte.

21.

Rolling führte die Telephonmuschel ans Ohr:

»Ja.«

»Hier spricht Semjonow. Eben wurde ein Radio Garins abgefangen. Gestatten Sie, es Ihnen vorzulesen?«

»Ja.«

»Es wird so sein, wie du willst. Nur mußt du zu wünschen verstehen –« begann Semjonow zu lesen, indem er mit Mühe aus dem Russischen ins Französische übersetzte. Rolling hörte zu, ohne einen Laut vernehmen zu lassen, und die Worte dieses Telephonogramms, das er sich seinerseits wieder aus dem Französischen ins Englische übersetzte, drangen wie glühendes Eisen in sein Gehirn.

»Alles?«

»Jawohl, alles!«

Rolling hängte das Telephon hin. Preßte seine Hand an die Schläfe und saß ungefähr eine Minute bewegungslos da. Dann streckte er wieder die Hand zum Telephon aus:

»Meudon!«

»Hallo, spricht Semjonow? … Ah, da sind Sie ja! Notieren Sie!« begann Rolling zu diktieren, »sofort um einen Monteur schicken, der die Sendestation genau auf Welle 421 einstellen soll. Morgen, zehn Minuten vor der Zeit, zu welcher Sie heute das Radiogespräch abgefangen haben, beginnen Sie, zu senden: … Zoe, Zoe, Zoe … Ein unerwartetes Unglück ist eingetreten. Wenn Ihnen das Leben Ihres Freundes teuer ist. steigen Sie Freitag in Neapel ans Land, logieren sich im Hotel Splendid ein und warten bis Samstag Mittag auf Nachricht. Das haben Sie ununterbrochen zu wiederholen – verstanden? – ununterbrochen mit lauter und überzeugender Stimme. Schluß!«

Rolling klingelte an der Zimmerglocke.

»Suchen Sie Tiklinsky und bringen Sie ihn sofort zu mir –« sagte er zu dem ins Zimmer geeilten Sekretär. »Gehen Sie sofort ins Aerodrom. Pachten oder – egal – kaufen Sie ein geschlossenes Passagierflugzeug. Engagieren Sie zwei Piloten. Am achtundzwanzigsten muß alles zum Abflug vorbereitet sein.«

22.

Wolf und Chlinow verbrachten den ganzen Rest des Tages in K. Sie wanderten durch die Straßen, übersiedelten von einem Kaffeehaus ins andere, ließen sich Zeitungen geben, rasieren (unter dem Schild mit dem kupfernen Becken und dem Roßschweif), besichtigten das Haus, in welchem Goethe drei Tage lang gelebt hatte, und eine bronzene Kanone, die den Bewohnern der Stadt im siebzehnten Jahrhundert zur Verteidigung gegen den Herzog von Savoyen gedient hatte.

Wie in allen kleinen Städten, waren auch hier die Frauen neugierig und aufmerksam, die Männer redselig. Auf die vielen Fragen, die man ihnen stellte, antwortete Wolf unentwegt, er warte mit seinem Kameraden auf den morgigen Vieruhrzug und sie wüßten nicht, wie sie die Zeit totschlagen sollten. In den Bewohnern erwachte ihr patriotischer Stolz und sie rieten, trotz der schon hereinbrechenden Dämmerung, das Goethehaus und die berühmte Kanone zu besichtigen. Als sie erfuhren, daß sowohl das eine, als auch das andere schon besichtigt worden war, schüttelten sie bedauernd den Kopf. Was für eine Zerstreuung hätte man für diese beiden Fremden noch ausdenken können?

Als schon vollkommene Nachtstille eingetreten war, gingen Wolf und Chlinow neuerdings in die Berge. Mitternachts waren sie bereits am Gartenrand der Villa Stufer. Sie hatten beschlossen, sich für verirrte Touristen auszugeben – falls überhaupt die Polizei auf sie aufmerksam werden sollte. Würde man sie aber festhalten, dann – um so besser: wenigstes fanden sie auf diese Art Gelegenheit, das Haus auszuforschen, wo zweifellos der Apparat Garins versteckt sein mußte. Eine Verhaftung war ungefährlich, sie konnten für die Beibringung ihres Alibis die ganze Stadt anrufen. Nach dem Schuß aus dem Gebüsch, wobei deutlich zu bemerken war, wie von Garins Schädel Splitter flogen, waren Wolf und Chlinow innerhalb von vierzig Minuten bereits wieder in der Stadt gewesen.

Sie krochen über das niedere Gitter, umgingen vorsichtig die Lichtung hinter den Gebüschen und kamen endlich zu dem Hause. Sie blieben stehen, blickten einander an, ohne zu verstehen, wie sie eigentlich daran waren. Sowohl im Garten wie auch im Innern des Hauses war alles in Ordnung. Einige Fenster waren beleuchtet. Die große Flügeltüre, die aus den Zimmern direkt in den Garten führt, war offen. Friedliches Licht fiel auf die steinernen Stufen, auf Gras, Blumenbeete und auf die von den Vögeln beschmutzten Mützen der Keramikzwerge. Auf der obersten Stufe der Freitreppe saß mit gespreizten Beinen ein Mensch und spielte Flöte. Neben ihm stand eine strohumflochtene Weinflasche. Es war derselbe Mensch, den sie unerwartet bemerkt hatten als sie auf dem Fußsteig nahe dem Radioschuppen waren, derselbe, der, als er den Schuß hörte, eilig zur Villa zurückgelaufen war. Nun ließ er den Herrgott einen guten Mann sein – als wäre gar nichts vorgefallen.

»Gehen wir zu ihm hin,« flüsterte Chlinow, »wir müssen Näheres erfahren!«

Wolf brummte: »Es ist unmöglich, daß ich nicht getroffen habe!«

Sie näherten sich der Freitreppe. Auf halbem Wege schon sagte Chlinow, nicht allzu laut:

»Entschuldigen Sie bitte die Störung – sind hier keine bissigen Hunde?«

Stufer ließ die Flöte sinken, drehte sich auf der Stufe herum, reckte den Hals nach ihnen und betrachtete ihre undeutlichen Silhouetten:

»O ja – hier sind die Hunde sehr böse!«

Chlinow erklärte: »Wir haben uns verirrt, wollten ursprünglich die Ruinen des »angeketteten Skeletts« besichtigen … Gestatten Sie uns, bei Licht ein wenig auszuruhen!«

Stufer brummte einige unverständliche Worte. Wolf und Chlinow traten auf ihn zu, verneigten sich und setzten sich auf eine untere Stufe – beide aufs äußerste gespannt und aufgeregt. Stufer betrachtete sie von seinem erhöhten Sitz aus:

»Und, nebenbei gesagt,« sagte er halblaut und mit einem verärgerten Ton in der Stimme – »als ich noch reich war, habe auch ich in meinem Garten hungrige Hunde nachts patrouillieren lassen. Zudringliche, nächtliche Gäste waren mir stets ein Greuel.« (Chlinow preßte mit einer raschen Bewegung Wolfs Hand zusammen, was bedeuten sollte, er möge sich beherrschen.) »Die Amerikaner haben mich ruiniert und mein Garten wurde eine Art Passage für Taugenichtse, trotzdem ich überall Tafeln anbringen ließ, worauf deutlich steht, daß die Durchfahrt bei tausend Mark Strafe verboten wäre. Aber, Deutschland hat aufgehört ein Land zu sein, in welchem Gesetz und Eigentum respektiert werden.«

»Entschuldigen Sie,« brummte Wolf, »diese teuflische Finsternis in den Bergen …«

»Kurzum, man hat einfach aufgehört, zur Kenntnis zu nehmen, daß ich noch existiere – seitdem ich ruiniert bin. Nur diese Flöte hier ist mir geblieben. Und ein wenig Wein im Keller, nebenbei. Und so vertrinke ich diesen Wein, ohne Nieren oder Leber zu schonen – denn er ist bis auf den letzten Pfennig bezahlt.«

Stufer ergriff die umflochtene Flasche, goß sich den dickflüssigen Rotwein in ein Glas, schnaubte, trank und wischte sich mit der Hand über den Mund:

»Stufer wurde aus dem Leben hinausgeschmissen, aber Stufer behält immer Recht, merken Sie sich das. Ich sagte zu dem Menschen, der meine Villa gepachtet hat: lassen Sie den Garten mit Stacheldraht umzäunen und nehmen Sie einen Wächter in Dienst. Er aber hat nicht auf Stufer gehört – nun ist er selber schuld dran …«

Wolf ergriff einen Stein und warf ihn irgendwo hin, in die Dunkelheit. Dann fragte er:

»Ist Ihnen im Zusammenhang mit diesem Gast etwas Unangenehmes widerfahren?«

»Nur, heute früh … Allenfalls sind meine ökonomischen Interessen nicht in Mitleidenschaft gezogen. Ich kann mich nach wie vor meinen Zerstreuungen in meinen Mußestunden hingeben, ohne auf irgendeinen Schweinehund Rücksicht zu nehmen …«

Er führte die Flöte an seine Lippen und ließ ein paar ohrenbetäubende Töne erklingen. Goß sich wieder Wein ins Glas, trank gierig aus, dann kroch seine Hand in die Rocktasche, um die Pfeife hervorzuholen.

»Was geht es mich schließlich auch an, ob er hier lebt oder sein Geld in Köln mit Mädels versauft? Geld, Geld! … Er hat alles bezahlt, bis auf den letzten Pfennig … Da kann ihm niemand einen Vorwurf machen. Aber wissen Sie, es stellte sich heraus, daß er ein nervöser Herr ist. Zur Erklärung: folgender Zufall ergab sich. Irgendein Taugenichts schoß nach einer Elster … Nein. Sofort packte er seine Siebensachen – auf Wiedersehen, auf Wiedersehen – und war schon über alle Berge … Nichts zu machen. Ich wünsch' ihm jedenfalls gute Reise.«

»Er ist für immer weggefahren?« fragte Chlinow plötzlich mit lauter Stimme. Stufer stand auf, setzte sich aber sogleich wieder. Man sah seine fette, lächelnde Wange im Schein des Lichts, das aus der geöffneten Tür ins Freie fiel. Der holprige, nackte Schädel begann wieder auf- und abzuschlenkern:

»So ist die Sache. Er hat mich gewarnt – es würden sicherlich ganz unerwartet Leute über seine Abreise anfragen … Ja, er ist fortgefahren, meine verehrten Gentlemen. Wenn Sie mir nicht glauben: bitte! Treten Sie ein, ich werde Ihnen seine Zimmer zeigen. Sind Sie seine Freunde, überzeugen Sie sich … das ist Ihr gutes Recht … Die Zimmer sind ja bezahlt …«

Stufer wollte wieder aufstehen, aber seine Füße trugen ihn kaum mehr. Es war aus ihm nichts Gescheites mehr herauszubringen. Wolf und Chlinow kehrten in die Stadt zurück. Unterwegs sprachen sie kein einziges Wort miteinander. Nur auf der Brücke, unter der sich im dunklen Wasser der Schein einer Laterne, an der sie eben vorbeikamen, spiegelte, sagte Wolf, der plötzlich stehen geblieben war, zu Chlinow, starren Blicks, mit geballten Fäusten:

»Ein Teufelskerl, dieser Garin … Wo ich doch mit eigenen Augen gesehen habe, wie die Kugel in seinen Schädel gefahren ist …«

*

Ein mittelgroßer, starker Mann mit graumeliertem Haar, glattem Scheitel und runden, blauen Brillen, die seine leidenden Augen verdeckten, stand neben dem Kachelofen und hörte Chlinow an, während er mit einem zerbrochenen Federmesser zerstreut spielte.

Chlinow war zuerst vor dem ovalen, roten Tisch auf dem Diwan gesessen, hatte sich später auf das Fensterbrett gesetzt, um schließlich unablässig in dem kleinen, mit hellrotem Stoff tapezierten Empfangszimmer der Sowjetgesandtschaft auf- und abzurennen.

Er erzählte von Garin und Rolling. Sein Bericht war deutlich und folgerichtig, aber er selbst fühlte während des Sprechens die Unglaubwürdigkeit aller dieser überstürzenden Ereignisse. Das einzige, ihm zur Verfügung stehende, glaubwürdige Dokument war der Zeitungsausschnitt mit der Photographie aus dem »Intransigent«.

»Nehmen wir an, Wolf und ich – wir irren uns – wir werden nur glücklich sein, wenn es so sein sollte, wenn wir uns in unseren Mutmaßungen getäuscht hätten. Aber 50 Prozent der Begleitumstände lassen darauf schließen, daß es zur Katastrophe kommen muß. Und diese 50 Prozent müssen uns interessieren. Sie, als Gesandter, sind jedenfalls imstande, die Leute zu überzeugen, zu beeinflussen, ihnen die Augen zu öffnen … Es ist bitterer Ernst. Der Apparat existiert, Schelga hat ihn mit seinen Händen berührt. Man muß unverzüglich eingreifen, gleich in diesem Augenblick. Es steht ihnen nicht mehr als ein Tag und eine Nacht zur Verfügung. Morgen nacht muß es losgehen. Wir hatten vereinbart: ich fahre mit dem Vieruhrzug nach Berlin, zu Ihnen, während Wolf in K. bleibt. Er unternimmt, was er kann, um die Arbeiter, Gewerkschaften und die Stadtbevölkerung, wie auch die Verwaltungen der Werke zu warnen. Selbstverständlich aber glaubt uns niemand, sogar Sie …«

Der Gesandte hob die Augenbrauen – sagte aber nichts. Noch immer drehte er zwischen seinen Fingern das Federmesser hin und her.

*

In der Redaktion der Lokalzeitung lachte man Tränen. Man hielt die beiden bestenfalls für Verrückte.

»Haben Sie sich an das hiesige Parteikomitee gewandt?«

Ja. Aber auch dort hatte man nichts für uns übrig als ein Achselzucken …, da kommen zwei vom Wind hereingefegt und verlangen unverzüglich die Evakuierung einer ganzen Stadt … ein abgeschmackter Blödsinn … Es ist entsetzlich!«

Langsam hob Chlinow die Hände und preßte sie an den Kopf. Zwischen seinen schmierigen Fingern standen ungekämmte, wirre Haarbüschel hervor. Sein Gesicht war abgemagert, staubig und schweißverschmiert. Seine Augen blieben stehen, wie angesichts der ganzen, bevorstehenden Katastrophe. Der Gesandte beobachtete ihn aufmerksam hinter seinen blauen Brillen.

»Warum sind Sie nicht schon früher zu mir gekommen?«

»Wie konnte ich das?! Wir hatten noch keine Fakten. Und trotzdem gibt es selbst jetzt noch Minuten, wo es mir scheint, als müßte ich doch endlich aufwachen, und die ganze, entsetzliche Sache wie einen bösen Traum von mir schütteln … Der Teufel soll ihn holen! Acht Tage und Nächte lang haben Wolf und ich uns weder zur Ruhe gelegt, noch die Kleider vom Leibe ziehen können!«

Nach einem kurzen Schweigen sagte der Gesandte, sehr ernst:

»Genosse Chlinow! Ich bin überzeugt, daß Sie kein Mystifikator sind. Sie leben aber, wie mir scheint, unter einer fixen Idee.« – Er hob den Arm, um Chlinow vor einer verzweifelten Bewegung zurückzuhalten. – »Aber für mich waren die erwähnten 50 Prozent Wahrscheinlichkeit genügend, um mich zu überzeugen. Ich werde fahren und nichts unversucht lassen, was in meinen Kräften steht …«

23.

Seit Frühmorgens sammelten sich auf dem Hauptplatz von K. am achtundzwanzigsten Gruppen von Bewohnern an und besprachen – teils mit Zweifel, teils mit einer gewissen Angst – die sonderbaren Ankündigungen, die an verschiedenen Plätzen der Stadt angeklebt waren. Es waren dies Papierfetzen, mitunter sogar unter Zuhilfenahme von gekautem Brot, die an Häuser und bei Straßenkreuzungen affichiert waren. Auf ihnen stand, mit schwungvoller Schrift, in Bleistift, geschrieben:

»Weder Regierung, noch Werkadministrationen und Gewerkschaften wollten auf unsere verzweifelte Warnung hören. Heute – dessen sind wir sicher – droht den Fabriken, der Stadt, der ganzen Bevölkerung – der Untergang! Wir haben versucht ihn rechtzeitig zu verhindern, aber die Uebeltäter, bestochen von amerikanischen Bankiers, sind unauffindbar. Rettet euch, flieht aus der Stadt, hinaus, in die Ebene! Glaubt uns, bei Eurem Leben, beim Leben Eurer Kinder – und in Gottes Namen!«

Die Polizei erriet, wer diese Proklamationen geschrieben hatte und suchte Wolf. Aber er war verschwunden. Gegen Mittag veröffentlichten die städtischen Behörden eine Warnung, die Stadt keinesfalls zu verlassen, da eine Räuberbande in schurkischer Weise scheinbar beabsichtige, die verlassenen Häuser indessen zu plündern. »Man hält Euch zum Besten, Bürger! Besinnt Euch, die Schurken werden noch im Laufe des Tages festgenommen und dem Gesetze überantwortet.«

Die Behörden erreichten ihren Zweck: das schreckenerregende Geheimnis erwies sich einfach als Ente. Alsbald hatten sich die Bewohner beruhigt und begannen bald darauf, sich über die geschickt erfundene Geschichte lustig zu machen. »Hätten schön in unseren Wohnungen und Geschäften gewirtschaftet, die Herrschaften … Und wir Narren hätten die ganze Nacht hindurch draußen auf der Ebene vor Schreck zittern können, haha!«

Es kam der Abend, ein Abend unter tausenden – und die Fenster der Stadt glänzten im Schein des Sonnenuntergangs. Die Vögel in den Bäumen wurden still. Auf den feuchten Flußufern begannen die Frösche zu quaken. Zum Schrecken der grindigen Franzosen schlug die Uhr auf dem Turm der protestantischen Kirche ›Acht‹ und spielte die »Wacht am Rhein«. Aus den Fenstern der Kneipen floß geruhiges Licht auf die Straßen, und ohne Uebereilung wischten die Stammgäste mit Genuß und Zurückhaltung ihre Schnurrbärte im Bierschaum. Auch der Wirt des »angeketteten Skelettes« beruhigte sich nach und nach, ging auf seiner Terrasse auf und ab, während er über Regierung, Sozialisten und Juden fluchte. Dann befahl er, die Fensterläden zu schließen und fuhr zu seiner Geliebten in die Stadt, per Rad.

Um diese Zeit sauste lautlos und mit verlöschten Lichtern über einen wenig benützten Weg an den westlichen Abhängen ein Auto dahin. Die Sonnenröte war geschwunden, die Sterne hatten noch wenig Leuchtkraft, und hinter den Bergen kroch langsam der Mond herauf. In der Ebene waren hie und da kleine gelbe Lichter sichtbar. Nur in der Gegend der Fabriken war es noch nicht still.

Ueber der Schlucht, dort, wo die letzten Ausläufer der Ruinen stehen, saßen Wolf und Chlinow. Noch einmal waren sie heraufgeklettert, waren in allen Winkeln herumgekrochen, auf den quadratischen Turm gestiegen – nirgends auch nur die winzigste Spur von Garins Vorbereitungen. Eine Zeitlang schien es ihnen, als sauste irgendwo in der Ferne ein Auto. Starr lauschten sie. Der Abend war außerordentlich ruhig, es roch nach Wermut und all der altertümlichen Erdenruhe, der solchen Gegenden eigen ist. Hier und da brachte eine kleine Luftwelle von unten her feuchten Blumengeruch.

»Ich habe mir die Karte angesehen,« sagte Chlinow, »wenn wir, von Westen kommend, ins Tal steigen, können wir die Eisenbahnstrecke auf der Zwischenstation überqueren, wo der Postzug um 5 Uhr 30 Minuten hält. Ich glaube nicht, daß auch dort Polizei Dienst versieht.«

Wolf antwortete traurig:

»Komisch und urdumm hat diese ganze Geschichte geendet, lieber Freund. Noch zu wenig Zeit ist verstrichen, seit sich der Mensch angewöhnt hat, unter der Last von all den Millionen unaufgeklärter Grausamkeiten entschwundener Jahrhunderte auf allen Vieren dahinzukriechen. Es ist eine furchtbare Sache, so eine Menschenmasse, die von keinerlei großer Idee geleitet wird. Man kann die Menschen nicht ohne Führer lassen, nein. Es zieht sie allzu sehr, sich wieder auf alle Vier niederzulassen …«

»Warum so traurig, Wolf?«

»Ich bin müde …« Wolf saß auf einem Steinhaufen, das Kinn in die Fäuste gestützt. »Als ob uns nur eine Sekunde lang der Gedanke in den Kopf gekommen wäre, daß man uns am achtundzwanzigsten wie ganz gemeine Schurken wird einfangen wollen?! Wenn Sie gesehen hätten, wie diese Vertreter der Behörde einander anblickten, als ich bei ihnen eintrat, um ihnen mit Leib und Seele zu erklären … Ach, was für ein Narr bin ich doch! Und Sie haben recht – die Leute werden nie erfahren, was ihnen gedroht hat …«

»Wenn Ihr Schuß nicht …«

»Teufel, wenn ich nicht fehlgeschossen hätte … Ich wäre bereit, zehn Jahre schweren Kerkers abzusitzen, könnte ich diesen Idioten nur beweisen …«

Wolfs Stimme widerhallte in den Ruinen. Dreißig Schritte von den Beiden – ganz wie ein Jäger auf der Auerhahnpirsche – schlich Garin im Schatten einer verfallenden Mauer. Er sah deutlich die Konturen von zwei Menschen, die über der Schlucht saßen. Jedes Wort war vernehmbar. Er kroch zwischen dem Ende der Mauer und dem Erdgeschoß des Turmes, wo eine kleine Oeffnung war, hindurch. Daran schloß das Gewölbe mit der Höhle des »angeketteten Skeletts«. Dort lag ein Stück einer Sandsteinsäule, hinter dem Garin verschwand … Ein Stein kam ins Rollen und verrostetes Eisen klirrte. Wolf sprang auf.

»Haben Sie gehört?«

Chlinow drehte sich nach dem Steinhaufen um, hinter dem Garin verschwunden war. Sie liefen hin. Gingen rings um den Turm.

»Es kommen Füchse in der Gegend vor,« sagte Wolf.

»Nein – ich glaube eher, eine Nachteule hat geschrien.«

»Wir müssen zusehen, daß wir fortkommen. Wir beginnen schon beide, an Halluzinationen zu leiden.«

Als sie zu dem steilen Fußweg gekommen waren, der von den Ruinen zur Bergstraße führt, hörten sie neuerdings ein Geräusch, als wäre etwas zu Boden gefallen und ins Rollen gekommen. Wolf zitterte am ganzen Körper. Lange horchten sie, atemlos. Selbst die Stille schien ihnen ins Ohr zu läuten. Aber sie hörten nichts als ein paar Nachteulen.

»Gehen wir!«

»Ja – es ist zu dumm!«

Diesmal faßten sie rasch den Entschluß, sich einfach um nichts mehr zu kümmern und sie stiegen talwärts. Das hat ihnen das Leben gerettet.

24.

Wolf war nicht so sehr im Unrecht, als er versicherte, er hätte gesehen, wie die Kugel Garin in den Kopf gefahren wäre und die Splitter davonflogen. Nachdem Garin seine ständig wiederholten Phrasen ins Mikrophon zu Ende gesprochen hatte und seinen Arm nach der Zigarre ausstreckte, die auf dem Rande des Tisches rauchte, zersprang plötzlich die Hörmuschel aus Ebonit, die er zur Kontrolle seiner eigenen Stimmweitergabe auf dem Ohr hatte, in tausend Splitter. Gleichzeitig hörte er die nahe Detonation eines Schusses und fühlte einen kurzen Schmerz auf der linken Schädelseite. Er warf sich sofort auf die Seite, schlug mit dem Gesicht auf den Boden und horchte, fast erstarrt. Er hörte, wie Stufer heulte, wie Schritte davonlaufender Leute über die Steine holperten. Mörder …

»Wer? Rolling oder – Schelga?« Ueber diesem Rätsel brütete er, als er zwei Stunden später im Auto nach K. fuhr. Aber erst jetzt, nachdem er das Gespräch der zwei Menschen am Rande der Schlucht belauscht hatte, konnte er dieses Rätsel lösen: Schelga! Geschickter Kerl! Aber doch … zu unerlaubten Mitteln greifen …

Er räumte das Säulenstück fort, das die verrostete Luke verdeckte, huschte unter die Erde und stieg unter Zuhilfenahme einer elektrischen Taschenlampe über die zerstörten Stufen in den »steinernen Sack« hinunter, eine Einzelkammer, die dort lag, ebenso dick von Mauerwerk umgeben wie der normannische Turm. Dies war eine blinde Kammer, zweiundeinhalb Schritte breit, ebenso lang. In der Mauer staken noch Bronzeringe und Ketten. An der gegenüberliegenden Wand lagen vier Blechdosen mit Dynamit. Vor der Mündung des Apparates war die Mauer ausgehöhlt. Von außen war diese Oeffnung durch das Knochengerippe des »angeketteten Skeletts« gedeckt.

Garin verlöschte die Taschenlampe, rückte die Mündung abseits und, indem er die Hand durch die Oeffnung streckte, schob er das Gerippe beiseite. Der Schädel sprang fort und rollte davon. Durch die Oeffnung konnte man genau die Lichter der Fabriken sehen. Garin hatte scharfe Augen gehabt. Er unterschied jetzt sogar die winzigen menschlichen Gestalten, die sich zwischen den Gebäude bewegten. Sein ganzer Körper zitterte. Die Zähne waren zusammengepreßt. Er hatte nicht vorausgesehen, wie schwer es sein würde, bis er diese Minute erleben konnte …

Er stellte die Mündung des Apparates wieder auf die Oeffnung ein. Dann öffnete er den rückwärtigen Deckel und prüfte die Pyramidchen. Er zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Seine Zähne klapperten. Weder das Gewissen (was konnte es schon für ein Gewissen geben nach dem Weltkrieg?), auch nicht Angst (dazu war er viel zu waghalsig), nicht das Mitleid mit seinen Opfern, sie waren viel zu weit entfernt – alle diese Dinger waren es nicht, die ihn mit Fieberschauern übergossen. Er verstand vielmehr, daß er mit einer einzigen Hebelbewegung zum Feinde der ganzen Menschheit würde. Es war ein rein ästhetisches Erleben der Wichtigkeit dieser Minute.

Er nahm für einen Augenblick sogar noch einmal seine Hand von dem Hebel fort, um eine Zigarette aus der Tasche zu holen. Dann antwortete sein Gehirn auf diese Handbewegung, wies ihn zur Ordnung.

»Jetzt genießest du? Das ist Wahnsinn! …«

Garin betätigte die Magnetzündung. In dem Apparat loderte es auf und begann zu sieden. Die Flamme wurde sichtbar. Und langsam begann er die Mikrometerschraube zu drehen.

25.

Chlinow war der erste, der auf die sonderbaren Lichtbündel hoch am Himmel aufmerksam wurde.

»Da! – Noch eines!« sagte er leise. Auf halbem Wege nach der Schlucht blieben sie stehen. Sie erhoben die Köpfe gegen den Himmel. Ein wenig niedriger als das erste entstand das zweite Lichtbündel, feurig, über den Konturen der Bäume. Es ließ Funken zur Erde fallen, wie eine erlöschende Rakete, senkte sich allmählich …

»Da, sehen Sie, die Vögel …, sie brennen …,« flüsterte Wolf. Ueber dem Walde flog eilig, in unregelmäßigem Fluge – vielleicht ebendieselbe Nachteule, die sie erst vor kurzem gehört hatten. Sie flackerte auf, überschlug sich und fiel herunter.

»Sie haben den Draht berührt!«

»Welchen Draht?«

»Sehen Sie denn nicht, Wolf?«

Chlinow zeigte auf den leuchtenden Faden, dünn, wie eine Nadel. Dieser leuchtende Faden zog sich von oben, von den Ruinen in der Richtung gegen die Anilinwerke. Ihr weiterer Weg war gezeichnet von verbrannten Blättern und brennenden Knäueln von Vögeln. Jetzt leuchtete der Faden greller auf – er hatte die schwarze Mauer eines Kiefernstammes durchschnitten.

»Er fällt – der Faden fällt …« schrie Wolf, beendigte aber seinen Satz nicht. Beide verstanden sehr gut, um was für einen Faden es sich handelte. In ihrer Erstarrung konnten sie nur die Richtung verfolgen.

Der erste Schlag der infraroten Strahlen fiel auf einen Fabrikrauchfang – er wankte, brach in der Mitte ab, dann stürzte er zu Boden. Die Entfernung war aber so groß, daß der Lärm des Falles nicht bis hierher drang.

Fast sofort darauf erhob sich links von dem Rauchfang eine Dampfsäule über dem Dach eines langgestreckten Gebäudes, wurde rosafarben und vermischte sich mit dem Rauch. Weiter links stand ein fünfstöckiges Fabrikgebäude. Plötzlich wurde es in allen seinen Fenstern finster. Von oben nach unten lief seiner ganzen Fassade entlang ein Zickzackstrahl, mehrmals, immer wieder … Chlinow schrie auf – das Gebäude wankte, neigte sich zur Seite und stürzte zusammen. Seine stehengebliebenen Trümmer wurden in dichte Rauchwolken gehüllt.

Erst jetzt eilten Chlinow und Wolf unter Aufbietung aller ihrer Kräfte den Berg hinauf, zu den Ruinen zurück. Sie überquerten den geschlängelten Pfad, krochen über den steilen Abhang, der mit Haselsträuchern und Niederholz bedeckt war. Unterwegs fielen sie oftmals zu Boden, glitten aus, rutschten zurück. Sie brüllten und fluchten – der eine russisch, der andere deutsch. Da drang ein dumpfer Ton an ihr Ohr, als hätte die Erde geseufzt.

Sie wandten sich um. Jetzt war die ganze Anlage der Anilinwerke sichtbar, die sich mehrere Kilometer weit hinstreckte. Die Hälfte der Fabrikgebäude flammte auf, als wären sie aus Karton. Unten, ganz nahe der Stadt, standen graugelbe Rauchmassen. Und inmitten dieser allgemeinen Zerstörung tanzte der infrarote Strahl und tastete nach dem wichtigsten – den Depots mit den explosiven Halbfabrikaten. Die Brandröte verbreitete sich schon über das halbe Firmament. Rauchwolken, gelb, graubraun und silberweiß, Funkengarben stiegen zum Himmel, höher als Berggipfel …

»Ach – es ist zu spät!« schrie Wolf.

Man konnte von hier aus beobachten, wie auf den aus der Stadt hinausführenden Wegen, wie auf kreideweißen Bändern irgendein Wirrwarr von Lebewesen dahinkroch. Der Flußstreifen, der den ganzen Riesenbrand spiegelte, schien von einer Unzahl von Punkten wie blatternarbig zu sein; die Bevölkerung rettete sich, die Leute liefen alle der Ebene zu.

»Zu spät, zu spät!« schrie Wolf. Schaum und Blut flossen über sein Kinn.

Es war zu spät an Rettung zu denken. Das Grasfeld, zwischen Stadt und Fabriken, wo lange Reihen von Ziegeldächern zu sehen waren, schien sich plötzlich zu heben. Die Erde blähte sich auf. Und unmittelbar darauf schlugen aus den Erdspalten wütende Flammenzungen. Es entstanden Flammensäulen, die eine noch von niemand und nie zuvor gesehene Grellheit besaßen, die sich zu einem Berge von Feuer und erhitzten Gasen entwickelten, die, immer mehr und mehr anschwellend, die Form einer sich aufwärts reckenden, lodernden Pyramide annahmen. Es hatte den Anschein, als wäre der Himmel oberhalb der Ebene noch höher nach oben geflohen. Die Riesenräume des Luftmeeres waren von einem grünrosa Licht erfüllt. Und wie bei einer Sonnenfinsternis hoben sich vom Himmel jeder Ast, jedes Grasbüschel, Steine, zwei erstarrte, irrsinnige Menschengesichter ab.

Es donnerte und krachte. Das Brüllen der sich spaltenden Erde schwoll. Die Berge erbebten. Der Sturm wogte und knickte Bäume. Steine und glimmende Balken flogen in der Luft herum. Die Rauchwolken bedeckten bereits die ganze Ebene. Es wurde finster. Und in der Finsternis dröhnte die zweite Explosion. Der ganze, raucherfüllte Luftraum schwängerte sich mit düsterem, rotem, eitrigem Licht.

Wind, Gesteinsplitter und abgebrochene Aeste zogen Chlinow und Wolf mit sich den Abhang hinunter.

26.

»Kapitän Jansen, ich will an Land gehen!«

»Zu Befehl!«

»Ich will, daß Sie mit mir kommen!«

Jansen errötete vor Freude. Eine Minute später wurde die sechsrudrige lackierte Schaluppe sanft vom Bord der »Arizona« auf das durchsichtige Meer herabgelassen. Drei rotbraune Matrosen – Dänen, die nie von ihrer Vergangenheit zu sprechen pflegten – glitten über die Strickleiter auf die Ruderbänke, wo sie starr sitzend, auf weiteren Befehl warteten.

Jansen erwartete Zoe. Sie zögerte – noch immer blickte sie unverwandt auf die kreidigen, in der Hitze flimmernden Umrisse von Neapel, das terrassenförmig anstieg, auf die in der heißen Luft unbeweglichen Laubdächer von Parks und Gärten, auf den wie hellblauer Wolkensaum scheinenden Gipfel des Vesuvs. Aus seinem stumpfen Krater stieg ein Rauchstrahl empor, der sich in dem Leuchten der Vororte – Villen, Parks, öden Steinruinen des untergegangenen Herculanum – verlor. Die Ausläufer vom Herculanum zogen sich wie ein schmaler Streifen Ufersand bis ins Meer. Es war windstill und die See spiegelglatt.

Eine Unmenge von Booten hing im Wasser. Faul bewegten sie sich in dem Meerbusen. In einem der vorüberfahrenden Boote stand, am Ruder, ein hochaufgeschossener Alter, einer Zeichnung von Michelangelo ähnlich. Der graue Bart fiel auf seinen zerrissenen, über und über geflickten, ärmellosen Mantel, auf dem Haupt saßen graue Locken, wie eine Krone. Ueber die Schulter hatte er einen leinenen Bettelranzen gehängt. Dies war der weltbekannte Bettler Beppo. Er fuhr mit seinem eigenen Boot kreuz und quer, um Almosen bittend. Gestern erst hatte ihm Zoe von Bord aus ein Päckchen mit Hundertlirenoten zugeworfen. Heute steuerte er sein Boot abermals in der Richtung gegen die »Arizona«. Beppo war der letzte Romantiker des alten Italien, von Göttern und Musen geliebt. Ach, all das ist unwiederbringlich entschwunden. Niemand mehr weint angesichts der altrömischen Ruinen Tränen des Glücks. Verwest sind auf den Kriegsschauplätzen die Maler, die ihn noch mit klingendem Gold bezahlt hatten, wenn sie Beppo inmitten der Ruinen des Hauses Caecilia Jucundus in Pompeji gemalt hatten. Die Welt ist langweilig geworden.

Mit langsamen Ruderschlägen fuhr Beppo entlang dem grünbeleuchteten, schmalen Rumpfe der »Arizona«, hob sein prächtiges Haupt, das einer Medaille glich, mit dem faltigen Gesicht und den buschigen Brauen, blickte nach oben, an Bord der Yacht, und streckte bittend die Hand aus. Er verlangte eine Gabe. Zoe, nach unten blickend, fragte ihn italienisch:

»Rate, Beppo: gerade oder ungerade?!«

»Gerade, Signora!«

Zoe warf ihm wieder ein Paket Banknoten zu.

»Ich danke Ihnen, schöne Signora!« sagte Beppo majestätisch. Nun brauchte man nicht mehr zu zögern. Zoe hatte es sich folgendermaßen zurecht gelegt: kommt wieder der alte Bettler mit seinem Boot und errät er ›gerade‹, dann wird alles gut ausgehen. Trotzdem war sie von bösen Vorahnungen gequält. Wenn im Hotel Splendid die Polizei einen Hinterhalt gelegt hatte? Aber die befehlende Stimme hallte noch in ihren Ohren: »… wenn Ihnen das Leben Ihres Freundes teuer ist …« Es gab nichts mehr zu überlegen.

Zoe sprang in die Schaluppe, Jansen setzte sich ans Steuer, die Ruder holten kräftig aus und sie flogen den Kais von Neapel entgegen, sahen Häuser mit Vortreppen, Wäsche und Lumpenwerk, auf Stricken hängend, schmale Gassen mit bergansteigenden Stufen, auf denen sich halbnackte Kinder tummelten, Frauen vor den Türen, rothaarige Ziegen, Schilder verdächtiger Kneipen, Austernzelte ganz nahe dem Wasser, und Fischernetze, die an Granitsockeln befestigt waren.

Kaum hatte die Schaluppe an den grünen Pfählen des Kais angelegt, als von oben ein ganzer Schwall von Verkäufern, Agenten und zerlumpten Kerlen ihnen entgegenstürzte, die Korallen, Broschen und Hotels empfahlen. Mit den Peitschen schnalzend riefen ihnen Zweispänner einladende Worte entgegen, halbnackte Straßenjungen schlugen vor ihnen Purzelbäume, sprangen an ihnen bis in Augeshöhe hinauf, baten die wunderschöne Forestiera heulend um Soldi. Jansen schob seinen Unterkiefer vor.

»Splendid«, sagte Zoe und setzte sich in die Kalesche.

27.

Beim Hotelportier fragte Zoe, ob auf den Namen »Madame Lamolle« keine Korrespondenz liege. Man überreichte ihr ein Radiotelephonogramm ohne Unterschrift: »Warten Sie bis Samstag abends.«

Zoe zuckte mit den Achseln, bestellte ein Zimmer und fuhr mit Jansen, um die Stadt zu besichtigen. Jansen schlug die Museen vor.

Sie wanderten durch leere, staubige Säle. Mit gelangweilten Blicken glitt Zoe durch die Räume mit den auf ewig erstarrten, abgeschmackten Schönen aus der Renaissancezeit, in altmodischen Rahmen, mit hohen Miedern beladen, in schwerem Brokat, nicht kurzgeschnittenem Haar. Man sah ihnen an, daß sie gewiß nicht täglich gebadet hatten und stolz darauf waren, so mächtige Schultern und Hüften zu besitzen, deren sich heute sicherlich jedes Pariser Marktweib geschämt hätte.

Noch langweiliger war es, die zerbrochenen Statuen zu besichtigen, Steine mit Inschriften und die kindlichen Pornographien der pompejanischen Fresken. Nein, das alte Rom und die Renaissance hatten einen schlechten Geschmack. Sie hatten kein Verständnis für die kluge Schärfe des Zynismus. Begnügten sich mit verwässertem Wein und gekochtem Schaffleisch, küßten sich gemächlich mit dicken, tugendhaften Frauen, waren stolz auf Edelmut, Muskeln und Tapferkeit im Kriege. Mit Verehrung schleppten sie ihre Vergangenheit hinter sich her, vergangene Jahrhunderte. Sie wußten nicht, was es bedeute, hundert Kilometer auf einer Rennmaschine zurückzulegen. Sie verstanden es nicht, aus jeder Minute des Lebens mit Hilfe von Auto, Aeroplan, Elektrizität, Telephon, Radio, Lift, Modeschneider und Scheckbuch (mit dessen Hilfe man innerhalb von fünfzehn Minuten mehr Gold beheben kann, als das ganze alte Rom wert war) – das Elixier des Genusses bis auf den letzten Tropfen herauszupressen …

»Jansen,« sagte sie zu dem Kapitän, der einen halben Schritt hinter ihr ging, kupferrot im Gesicht, weißgebügelt und für jede Tollheit zu haben –, »Jansen, wir verlieren damit nur Zeit – ich langweile mich!«

Sie fuhren in ein Restaurant. Zwischen den einzelnen Gängen erhob sich Zoe, warf ihren wunderschönen, nackten Arm um Jansens Schultern und tanzte mit ihm Shimmy und Foxtrott, mit gleichgültigem Gesicht und halbgeschlossenen Augen. Alle Anwesenden waren schon auf ihre Schönheit aufmerksam geworden. Der Tanz hatte Appetit und Durst angeregt. Die Nüstern des Kapitäns begannen zu zittern, er sah unentwegt auf seinen Teller, um nicht den Glanz seiner Augen zu verraten. Jetzt wußte er, wie die Liebhaberinnen von Milliardären beschaffen sind. Seine Hand hatte noch nie im Leben einen so zarten, langen, nervösen Rücken während des Tanzes gefühlt, noch nie hatten seine Nasenflügel einen solchen Wohlgeruch von zarter Haut und Parfum eingeatmet. Und diese singende, ein wenig spöttische Stimme … und klug war sie … schick! …

Als sie das Restaurant verließen, fragte Jansen:

»Wo befehlen Sie, daß ich diese Nacht verbringe, auf der Yacht oder – im Hotel?«

Zoe blickte ihn rasch und sonderbar an, wandte aber den Kopf sofort wieder ab und antwortete nichts.

28.

Wein und Tanz hatten Zoe ein wenig trunken gemacht … oh, la, la – als wäre ich irgend jemand Rechenschaft schuldig …« Während sie in die Halle des Hotels traten, stützte sie sich ein wenig auf die steinerne Hand Jansens. Als ihr der Portier den Schlüssel überreichte, lächelte er ein wenig mit seinem schlechtausrasierten, braun-neapolitanischen Gesicht. Zoe wurde plötzlich stutzig:

»Gibt es etwas Neues?«

»Gar nichts, Signora!«

Zoe sagte zu Jansen:

»Gehen Sie in das Rauchzimmer, rauchen Sie eine Zigarette und wenn es Ihnen nicht langweilig ist, noch ein wenig zu plaudern – werde ich Ihnen läuten …«

Leichten Schrittes stieg sie über den roten Laufteppich nach oben. Jansen stand unten. Auf dem Treppenabsatz wandte sie sich um, lächelte ihm zu. Wie ein Betrunkener wankte er ins Rauchzimmer und setzte sich ans Telephon. Begann zu rauchen: so hatte sie befohlen. Warf den Kopf zurück und phantasierte: »… Jetzt ist sie ins Zimmer getreten … Zieht den Hut aus, das weiße Cape … Langsam, wie immer, mit lässigen Bewegungen, ein wenig ungeschickt, wie ein Backfisch, beginnt sich auszukleiden …, das Kleid fällt zu Boden, sie schreitet darüber hinweg, bleibt vor dem Spiegel stehen … verführerisch … betrachtet ihr Spiegelbild mit großen Pupillen … Ja, sie beeilt sich nicht – so sind schon einmal die Frauen … Es tut ihnen wohl, zu quälen … soll er warten … Oh, Kapitän Jansen kann warten, er versteht zu warten … Ihr Telephon steht auf dem Nachttischchen … Das heißt: er wird sie im Bett sehen … Sie stützt den Ellenbogen auf, streckt die Hand nach dem Apparat aus …«

Aber das Telephon läutete nicht. Jansen schloß die Augen, um das verfluchte Telephon nicht zu sehen … Pfui, wie kann man aber auch in eine Frau so verliebt sein … Und wenn sie es sich plötzlich überlegt hat?

Jansen sprang auf. Vor ihm stand – Rolling! Das ganze Blut stieg ihm ins Gesicht.

»Kapitän Jansen,« sagte Rolling mit knirschender Stimme, »im Namen von Madame Lamolle danke ich Ihnen – sie bedarf für heute nicht mehr Ihrer Dienste! Ich schlage Ihnen vor, an den Ort Ihrer Verpflichtungen zurückzukehren! …«

»Zu Befehl!« sprachen Jansens Lippen. Rolling hatte sich während dieses Monats stark verändert – sein Gesicht war dunkler geworden, seine Augen eingefallen, der Bart kroch wie eine schwarzrote Borte über die Wangen. Er trug einen warmen Ueberrock, die Brusttaschen standen ab, vollgepfropft mit Geld und Scheckbüchern … Wäre Zoe in dieser Sekunde hier gewesen und hätte sie nur einen einzigen einverständlichen Blick auf Jansen geworfen, seine geballten Fäuste hätten sich auf Rolling gestürzt und von ihm wäre nichts, als ein Knochenhaufen übrig geblieben.

»In einer Stunde werde ich auf der »Arizona« sein,« sagte Rolling. Jansen wandte sich um, nahm seine Mütze vom Tisch, setzte sie tief in die Stirn. Ging hinaus, sprang in einen Fiaker. »Auf den Kai!« Es schien ihm, als lachte ihm jeder Passant ins Gesicht: ›Nun, hast eine tüchtige Backpfeife bekommen!‹ Er sprang in die Schaluppe: »Rudert, Hundesöhne!« Er eilte über die Strickleiter hinauf an Bord der Yacht, brüllte den Vizekapitän an: »Das Deck sieht aus wie ein Stall!« Dann sperrte er sich in seine Kajüte und warf sich auf die Koje.

… dieser Kerl, möge ihn der Satan zerreißen, hol' ihn die Pest und die Cholera, diesen Katzenlumpen, diesen fauläugigen Hund – diese Kosenamen durchflogen das Seemannsgehirn Jansens, scheinbar in bezug auf Rolling … Dem Nachkommen der Wikinger wurde es schwer, dieses heutige Abenteuer zu ertragen. Sein Chef hatte ihm einen Tritt versetzt … ›Scher dich fort, dränge dich nicht an fremde Liebhaberinnen heran …‹

Jansen brüllte gedämpft vor sich hin. Innerhalb ganz kurzer Zeit faßte er hintereinander ein paar völlig widersprechende Beschlüsse. Aber, es war entsetzlich … Auf alles pfeifen, die »Arizona« im Stich lassen und Zoe nie mehr wiedersehen, das konnte er einfach nicht tun.

Pünktlich nach einer Stunde rief der Wachhabende an und vom Wasser antwortete eine schwache Stimme. Die Strickleiter knirschte. Laut rief der Vizekapitän:

»Blasen! Alle Mann an Deck!«

Es kam der Besitzer der Yacht. Nun galt es für Jansen, die letzten Reste von Selbstdisziplin zu retten. Das konnte man aber nur in der Weise zeigen, daß man ihm begegnete, als wäre auf dem Ufer gar nichts vorgefallen. Würdevoll und ruhig betrat Jansen die Kommandobrücke. Rolling stieg zu ihm hinauf, nahm Rapport über den ausgezeichneten Zustand der Yacht entgegen und drückte ihm die Hand. Der offizielle Teil war erledigt. Rolling begann, eine Zigarre zu rauchen – diese kleine Landratte, die in ihrem warmen, dunklen Anzug nur die Eleganz der »Arizona« und den neapolitanischen Himmel beleidigte.

Es war schon Mitternacht. Zwischen Masten und Rahen leuchteten die Gestirne.

Die Lichter der Stadt und der Schiffe spiegelten sich in dem schwarzen, wie basaltfarbenen Wasser des Meerbusens. Die Sirene eines Schleppers heulte, dann verstummte sie. In der Ferne schaukelten feurige Säulen.

Es schien, als wäre Rolling ganz in den Genuß seiner Zigarre vertieft – er blies den Rauch nach der Seite zu, wo Kapitän Jansen, formell, mit herabfallenden Armen neben ihm stand.

»Madame Lamolle wünschte am Ufer zu bleiben,« Sagte Rolling, »das ist eine Laune, aber wir Amerikaner achten stets den Willen der Frau – selbst wenn er überspannt ist.«

Der Kapitän war gezwungen, mit dem Kopfe zu nicken – seinem Chef gegenüber. Rolling führte die Linke an die Lippen, zog ein wenig an der Haut eines Fingers:

»Ich bleibe bis morgen früh auf der Yacht. Vielleicht auch den ganzen morgigen Tag. Mein Aufenthalt hier soll nicht mit scheelen Augen gedeutet werden.« (Nachdem er an der Hand gesaugt hatte, führte er sie so, daß unwillkürlich das Licht aus der offenstehenden Kajüte auf sie fiel.) »Ja …, nicht mit scheelen Augen … (Jetzt warf Jansen einen Blick auf seine Hand: sie zeigte deutlich bis aufs Blut Kratzspuren von Fingernägeln.) »Ich will aber Ihre Neugierde befriedigen: ich erwarte einen Menschen, er ist nicht darauf gefaßt, mich hier anzutreffen. Er kann jede Stunde eintreffen. Ordnen Sie an, daß mir sofort Nachricht gegeben wird, wenn er an Bord steigt. Das ist alles. Gute Nacht!«

Jansen rauchte der Kopf. Er bemühte sich krampfhaft, diese unmögliche Situation zu verstehen. Madame Lamolle war am Ufer geblieben. Wozu? Eine Laune … Mit anderen Worten – sie erwartet ihn? Nein. Und die frischen Kratzspuren auf der Hand seines Chefs? Es ist etwas vorgefallen … Selbstverständlich – es wäre ein Unsinn, Madame Lamolle am Ufer zu lassen und selber auf der Yacht die Ankunft irgendeines Narren zu erwarten … Und wenn sie am Ende im Hotel lag, mit durchschnittener Kehle?! Oder – in einem Sack, am Grunde des Meerbusens? Solche Milliardäre kennen keine Hemmungen …

Bei dem Abendessen in der Gesellschaftskajüte verlangte Jansen einen Whisky ohne Soda, um in seinem Gehirn irgendwie klar zu werden. Der Vizekapitän erzählte von einer Zeitungssensation – einer ungeheuren Explosion in den deutschen Anilinwerken, Zerstörung des nahegelegenen Städtchens und Vernichtung von mehr als zweitausend Menschen.

Maestro Billini, der berühmte Geiger, auf der »Arizona« gegen fixe Gage engagiert, sein Pianist, ein solider Deutscher namens Schwarz und der Maler unabhängiger Richtung, der Ungar Tito, deren sich Zoe während ihrer ganzen Reise kein einziges Mal erinnert hatte – aßen kräftig und tranken viel, dann stritten sie über die Ursache der Explosion. Schwarz versicherte, das könne nur das Werk der Amerikaner sein. Der Vizekapitän sagte:

»Unsinn. Unserem Chef glückt einfach alles. An der Vernichtung der Anilinwerke wird er so viel verdienen, daß er ganz Deutschland, samt seinen Eingeweiden, den Hohenzollern und den Sozialdemokraten, kaufen wird. Und wir haben schließlich damit nichts zu tun. Auf das Wohl unseres Chefs!«

Jansen nahm die Zeitungen zu sich in die Kajüte. Aufmerksam las er die Beschreibung der Explosion und die Vermutungen über deren Ursachen. Die Zeitungsspalten wimmelten von dem Namen Rolling. In den Modeberichten teilte man mit, daß in der nächsten Saison die Barttracht wieder Mode würde, die die Wangen bedeckt, hoher, steifer Hut und goldene Vorderzähne. Im »Excelsior« sah man auf dem Titelblatt eine Abbildung der »Arizona« und im Oval – den reizenden Kopf von Madame Lamolle. Jansen verlor seine Geistesgegenwart. Seine Unruhe wuchs.

Um zwei Uhr nachts trat er aus der Kajüte und sah Rolling auf dem Oberdeck in einem Lehnstuhl sitzen. Der Chef beobachtete jemand. Dann kehrte Jansen in seine Kajüte zurück, zog seine Kleider aus, zog auf den bloßen Körper einen dünnen Tropenanzug, Mütze, Schuhe, Brieftasche und Revolver verwahrte er in einem Gummisack. Die Glasuhr schlug drei. Rolling saß noch immer im Lehnsessel. Um vier Uhr saß er noch immer dort, aber seine Silhouette mit dem ganz auf die eine Schulter gesenkten Kopf schien nicht mehr zu wachsen – er schlief. Eine Minute später glitt Jansen geräuschlos über die Ankerkette hinunter ins Wasser und schwamm zum Kai.

29.

»Madame Zoe, beunruhigen Sie sich nicht vergeblich! Das Telephon und die Glockenleitung sind durchschnitten!«

Zoe setzte sich wieder auf den Bettrand. Ein böses Lächeln lag auf ihren Lippen. Stasij Tiklinskij saß langausgestreckt in einem Lehnstuhl, inmitten des Zimmers, drehte an seinem Schnurrbart, betrachtete seine Lackschuhe, zog seine gebügelten Beinkleider nach oben. Zu rauchen getraute er sich denn doch nicht. Zoe hatte es sich energisch verbeten und Rolling hatte befohlen, der Dame gegenüber strengste Höflichkeit zu bewahren.

Er versuchte, ihr von seinen Liebessiegen in Warschau und Paris zu erzählen, aber Zoe blickte ihm derart verachtungsvoll in die Augen, daß seine Zunge hölzern wurde. Es blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als zu schweigen. Es war schon bald fünf Uhr morgens. Alle Versuche Zoes, sich zu befreien, ihn zu betrügen, indem sie versuchte, ihn zu verführen, blieben erfolglos.

»Es ist schließlich egal – ich werde so und so die Polizei verständigen« sagte Zoe.

»Die Dienerschaft des Hotels ist mit hohen Geldsummen bestochen.«

»Ich werde das Fenster einschlagen und schreien, wenn ich auf der Straße Leute vorübergehen sehe.«

»Auch dieser Fall ist vorgesehen. Es wurde sogar ein Arzt engagiert, der Ihre nervösen Anfälle bestätigen kann. Madame, Sie befinden sich der Außenwelt gegenüber sozusagen in der Lage einer Frau, die versucht, ihren Mann zu betrügen. Sie stehen – außer Gesetz. Niemand wird Ihnen helfen oder Glauben schenken. Seien sie deshalb ruhig, sträuben Sie sich nicht.«

Zoe knirschte mit den Zähnen und sagte russisch:

»Scheusal! Knecht, polnischer …«

Tiklinskij begann, sich zu ärgern, sein Schnurrbart sträubte sich. Aber es war ihm nicht gestattet, sich seinerseits aufs Fluchen zu verlegen. Er brummte:

»Ach, das kennen wir schon, wie Frauen imstande sind, zu fluchen, wenn sie fühlen, daß ihre Schönheit nicht die gewünschte Wirkung tut. Es tut mir leid um Sie, Madame Lamolle. Aber wir müssen wohl noch einen Tag und eine Nacht, vielleicht sogar länger, in diesem tète-à-tète bleiben. Legen Sie sich lieber zu Bett, beruhigen Sie Ihre Nerven … heidi … heidi … Madame …«

Zu seinem Erstaunen folgte diesmal Madame Lamolle seinem Rat. Sie warf ihre Pantoffel hin, legte sich aufs Bett, machte sich's in den Polstern bequem und schloß die Augen. Zwischen den fast geschlossenen Wimpern konnte sie das dicke, zornige Gesicht Tiklinskijs beobachten. Sie gähnte einmal, noch einmal, legte die Hand an ihre Wange:

»Müde bin ich – möge geschehen, was geschieht« sagte sie leise und gähnte abermals. Tiklinskij machte sich's im Lehnstuhl bequem. Zoes Atem ging regelmäßig. Nach einiger Zeit begann er, seine Augen zu reiben. Stand auf, ging im Zimmer auf und ab, lehnte sich an den Türpfosten. Scheinbar hatte er beschlossen, stehend zu wachen.

Tiklinskij war dumm – Zoe hatte aus ihm alles herausgeholt, was sie wissen wollte. Nun wartete sie, bis er einschlief. Vor der Tür würde er es nicht mehr lange aushalten, zu stehen. Er betrachtete noch einmal das Schloß, dann kehrte er in seinen Lehnstuhl zurück.

Schon in der nächsten Minute sank sein fetter Unterkiefer herab. Dann glitt Zoe sachte aus dem Bett. Mit gewandtem Griff zog sie aus seiner Westentasche den Türschlüssel, nahm ihre Pantoffel, steckte den Schlüssel ins Schloß. Das Schloß aber, das sehr strenge funktionierte, knarrte plötzlich. Tiklinskij schrie, wie in einem bösen Traum: »Wer? Was?« Fuhr aus dem Lehnsessel. Zoe hatte die Tür bereits aufgesperrt. Aber er ergriff sie bei den Schultern. Sofort biß sie mit Genuß in seine Hand, indem sie ihm mit Vergnügen mit ihren spitzen Zähnen die Haut durchbiß.

»Hundemagd, Kurwa!« brüllte er polnisch. Er schlug Zoe mit seinem Knie in den Rücken. Warf sie zu Boden. Indem er sie mit dem Fuß in die Tiefe des Zimmers zurückzustoßen versuchte, wollte er die Tür schließen. Aber irgend etwas hinderte ihn daran. Zoe sah, wie sein Hals immer mehr blutgerötet wurde, angelaufen war.

»Wer ist da?« fragte er mit heiserer Stimme, indem er versuchte, die Tür mit seinem Körpergewicht zurückzudrücken. Aber seine Füße glitten immer weiter über das Parkett ins Zimmer – langsam wurde die Tür geöffnet. Eilig wühlte er in seiner rückwärtigen Tasche nach dem Revolver und floh plötzlich in die Mitte des Zimmers.

In der Tür stand Kapitän Jansen. An seinem muskulösen Körper klebte der durchnäßte Tropenanzug. Eine Sekunde lang blickte er in die Augen Tiklinskijs. Mit riesiger Wucht stürzte er sich auf ihn. Der Schlag, der für Rolling bestimmt gewesen war, sauste auf den Polen nieder. Ein doppelter Schlag: mit der Schwere seines Körpers auf die ausgestreckte Linke Tiklinskijs und mit der weit ausholenden Rechten von unten, ein wohlgezielter Kinnhaken. Ohne einen einzigen Laut von sich geben zu können, fiel Tiklinskij auf den Teppich. Sein Gesicht war total zertrümmert.

Mit einer dritten Bewegung wandte sich Jansen zu Madame Lamolle. Er war noch ganz in Feuer von der getanen Arbeit:

»Sie befehlen, Madame Lamolle?«

»Jansen! So rasch als möglich: auf die Yacht. Sonst verspäten wir uns!«

»Sie wollen auf die Yacht zurückkehren?«

»Unterwegs werde ich Ihnen alles erklären. Ich flehe Sie an!«

Wie damals, im Restaurant, umschlang sie seinen Hals mit dem linken Arm. Ohne ihn zu küssen rückte sie ihren Mund ganz nahe an seine Lippen:

»Der Kampf hat erst begonnen, Jansen. Das Furchtbarste steht uns erst bevor. Nur Sie allein können mir helfen …«

»Gut. – Fahren wir!«

 

* * *

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