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Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
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Zweites Buch.
Durch den Olivingürtel.

1.

Längs der weißen, ein wenig sich bewegenden Stores liefen die Schatten des Laubs. Hinter den Stores war ununterbrochenes Rieseln hörbar. Es war das Wasser, das aus tragbaren Rohren den Rasen des Spitalgartens berieselte, Regenbogen zeigte und an der Oberfläche der Platanenblätter vor dem Fenster herabfloß.

In dem hohen, weißen Zimmer, wohin das Tageslicht nur durch den Store gelangen konnte, schlummerte Schelga. Von weit her dröhnte das lärmende Paris. Ganz nahe aber hörte er nur das Rauschen der Bäume, Vogelstimmen und das eintönige Plätschern des Wassers.

Ratterte aber ein Auto in der Nähe oder ertönten Schritte vom Korridor, dann öffnete Schelga eilig die Augen, blickte unruhig umher und heftete seine Blicke auf die Tür. Er konnte sich nicht bewegen. Seine beiden Arme waren in Gips gefesselt, Brust und Kopf verbunden. Zur Verteidigung waren ihm nur die Augen geblieben. Und wieder wiegten ihn die süßen Stimmen aus dem Garten in Schlummer.

Die Schwester-Karmeliterin, ganz in weiß, weckte ihn und führte vorsichtig mit ihren starken Händen eine Fayence-Sauciere mit Tee an Schelgas Lippen. Als sie fort ging, blieb ein Lavendelgeruch im Zimmer. Zwischen Traum und Unruhe verging der Tag. Es war schon der siebente, seit man den bewußtlosen, blutenden Schelga im Walde von Fontainebleau aufgefunden hatte.

Schon zweimal hatte ihn der Untersuchungsrichter verhört und Schelga hatte durch den Dolmetsch folgende Aussagen gemacht:

»Um zwölf Uhr nachts wurde ich von zwei Leuten überfallen. Ich verteidigte mich mit einem Stock und meinen Fäusten. Bekam vier Schüsse, an alles weitere kann ich mich nicht erinnern.«

»Haben Sie die Gesichter Ihrer Angreifer deutlich sehen können?«

»Ihre Gesichter waren fast ganz in Tüchern verborgen, die sie umgebunden hatten!«

»Also, Sie haben sich mit einem Stock verteidigt?«

»Es war einfach ein Ast, den ich im Walde aufgelesen hatte.«

»Wieso kamen Sie zu so später Stunde in den Wald von Fontainebleau?«

»Ich war auf einem Spaziergang, habe das Schloß besichtigt, wollte durch den Wald zurückkehren und habe mich verirrt.«

»Womit erklären Sie den Umstand, daß man nahe dem Tatort ganz frische Automobilspuren gefunden hat?«

»Das heißt, daß die Verbrecher im Auto ankamen!«

»Um Sie zu plündern – oder zu töten?«

»Ich glaube weder das eine noch das andere. In ganz Paris kennt mich niemand. Auch in der Gesandtschaft bin ich nicht beschäftigt, habe keinerlei politische Mission zu erfüllen. Und Geld habe ich sehr wenig bei mir.«

»Dann haben diese Verbrecher nicht auf Sie gewartet, als Sie unter der Doppeleiche standen, an der Lisière, wo einer von den beiden rauchte und der zweite einen Manschettenknopf mit einer wertvollen Perle verloren hat!«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach waren dies zwei junge Leute der Gesellschaft, die beim Rennen oder im Kasino verloren hatten und Gelegenheit suchten, ihre Finanzen aufzufrischen. Sie hofften, unter Umständen im Walde von Fontainebleau vielleicht einem Menschen zu begegnen, dessen Taschen mit Tausendfrancsscheinen gefüllt sind.«

Beim zweiten Verhör zeigte der Untersuchungsrichter Schelga die Kopie eines Telegramms, die ihm die Schwester Karmeliterin übergeben hatte. Schelga antwortete:

»Chiffriert. Es handelt sich darum, eines schweren Verbrechers habhaft zu werden, der aus Rußland flüchtig ist.«

»Könnten Sie mit mir nicht aufrichtiger sprechen?«

»Nein, über dieses Geheimnis kann ich nicht verfügen.«

Schelga beantwortete alle Fragen klipp und klar, mit einem ehrlichen, ein wenig dummen Ausdruck in den Augen. Der Untersuchungsrichter mußte schließlich nolens volens an seine Zuverlässigkeit glauben. Aber die Gefahr war noch nicht vorüber. Von Gefahr waren alle Zeitungsspalten durchtränkt, voll Details über die schreckliche Tat in Ville-Davray, die Gefahr lauerte hinter der Tür, hinter dem weißen Store, wiegte sich im Wind und war selbst in der Fayence-Sauciere, die von den liebevollen Händen der Schwester-Karmeliterin den Lippen dargeboten wurde.

Rettung lag nur in dem einen: so bald als möglich den Gipsverband abnehmen können. Schelga schien im Halbschlummer förmlich vor Bewegungslosigkeit zu erstarren, so sehr wollte er hierdurch die geheime Arbeit an der Heilung seines zerbrochenen, verwundeten Körpers beschleunigen.

2.

Die Laternen sind verlöscht. Das Auto fährt langsamer. Aus dem Wagenfenster beugt sich Garin und flüstert:

»Schelga, lenken Sie von der Straße weg. Wir sind gleich an der Lichtung. Dort …«

Die Maschine polterte über die Straßenrinne, fuhr eine Weile zwischen den Bäumen durch, kehrte um und blieb stehen.

Im Sternenlicht lag eine etwas längliche Lichtung vor ihnen. Hinter den Schatten der Bäume waren undeutlich Felsen sichtbar.

Der Motor stand still. Es roch stark nach Gras. In der Richtung gegen die Felsen hörte man das Plätschern des schlafenden Baches. Ueber ihm lag ein feiner Nebel, der sich in der Tiefe der Lichtung verlor wie schwach wahrnehmbare Leinwand.

Garin sprang auf das feuchte Gras heraus. Er streckte seine Hand aus und aus dem Auto stieg Zoe Montrose, den Hut tief in die Stirn gedrückt. Sie hob den Kopf zu den Sternen, zuckte mit den Achseln.

»Steig' doch schon endlich aus!« sagte Garin mit scharfer Stimme.

Hinter ihr kroch, mit dem Kopf nach vorne, Rolling aus dem Wagen. Im Schatten seines steifen Hutes glänzte ein Goldzahn, wie bei einem Hund.

Zwischen den Steinen plätscherte murmelnd das Wasser. Rolling zog die Hand aus der Tasche, die er dort scheinbar schon lange geballt hatte und begann, mit stark englischem Akzent zu sprechen:

»Wenn hier ein Todesurteil vollstreckt werden soll – protestiere ich! Im Namen der Gerechtigkeit … Im Namen der Menschlichkeit … Als Amerikaner protestiere ich! Als Christ! Ich biete für mein Leben ein beliebig hohes Lösegeld!«

Zoe stand mit dem Rücken gegen ihn. Garin öffnete den Mund, atmete die nächtliche Feuchtigkeit ein:

»Ich hätte Sie auch dort töten können …«

»Also – Lösegeld?«

»Nein!«

»Teilnahme an Ihren … (hier wackelte Rolling mit dem steifen Hut) an Ihren sonderbaren Unternehmungen?«

»Ja. Sie sollen sich daran erinnern, was … auf dem Boulevard Malesherbes. Was ich damals gesagt habe …«

»Gut,« antwortete Rolling, rasch entschlossen, »ich werde Sie morgen empfangen. Ich muß mir Ihre Vorschläge noch einmal überlegen.«

Zoe sagte halblaut:

»Rolling, reden Sie keinen Unsinn!«

»Mademoiselle,« fuhr Rolling auf, seinen steifen Hut nach hinten rückend, »Mademoiselle, Ihr Benehmen ist unerhört … Verrat, hinterlistiger Verrat!«

Ebenso halblaut antwortete Zoe:

»Scheren Sie sich zum Teufel! Sprechen Sie mit Garin!«

Hierauf gingen Rolling und Garin zu der Doppeleiche. Dort flammte eine elektrische Lampe auf. Zwei Köpfe neigten sich zueinander. Im Lichtschein floh ganz nahe dem Erdboden ein nächtlicher, aufgescheuchter Vogel. Das Wasser plätscherte murmelnd über die Steine.

»Aber, wir sind nicht drei – hier ist noch ein Zeuge«, rief Rolling mit scharfer Stimme.

*

3.

»Wer da? Wer da?« murmelte die zitternde Stimme Schelgas noch im Traum. Dann wachte er auf und riß die Pupillen weit auf.

Vor ihm in dem weißen Sessel, den Hut auf dem Knie, saß Chlinow, ein Freund aus Moskau.

»Ich habe diesen Coup nicht voraussehen können … Hatte überhaupt keine Zeit, nachzudenken,« erzählte Schelga. »Ich habe mich sauber blamiert. Aerger war's nicht mehr möglich!«

»Ihr Fehler war der, daß Sie im Auto Rolling mitgenommen haben!« sagte Chlinow.

»Zum Teufel, den habe ich ja gar nicht mitgenommen! Als im Hotel die Schießerei und das Gemetzel begonnen hatten, saß Rolling im Auto, wie eine Ratte, und sträubte sich, in jeder Hand einen Revolver. Ich aber hatte keine Waffe bei mir. Ich kroch auf den Balkon und sah, wie Garin mit den Banditen fertig wurde … Davon benachrichtigte ich den Mister … Rolling wurde feige, zischte, knirschte mit den Zähnen. Weigerte sich entschieden, das Auto zu verlassen. Dann versuchte er, Zoe Montrose anzuschießen. Aber Garin und ich drehten ihm die Hände um … Wir hatten nicht mehr viel Zeit, uns mit ihm noch weiter zu beschäftigen, ich sprang auf den Chauffeursitz und – auf und davon …«

»Nun, und als sie bei der Lichtung berieten – haben Sie denn gar nichts aufgefangen, was sie sprachen?«

»Ich verstand, daß es mit mir aus wäre. Was sollte ich tun? Fliehen? Wissen Sie, ich bin doch Sportsmann … Außerdem hatte ich schon den ganzen Plan genau ausgearbeitet … In der Tasche einen falschen Paß für Garin, mit zehn Visa. Sein Apparat war bei der Hand … im Auto … Unter solchen Begleitumständen! War ich da imstande, an meine eigene Haut zu denken?«

»Nun gut, sie wurden also einig …«

»Rolling unterschrieb irgendein Papier – das sah ich ganz deutlich. Da hörte ich, wie er von dem vierten Zeugen sprach – das war auf mich gemünzt. Die Sache schien also verloren für mich. Ich machte einen Schritt gegen Zoe Montrose und sagte zu ihr:

»Gnädiges Fräulein, weder Ihr Garin noch Ihr Rolling kann bei Nacht die Maschine steuern. Wenn man mich jetzt tötet, werden Sie nicht davonfahren können und morgen früh haben Sie alle drei Handschellen!«

»Wissen Sie, was sie mir geantwortet hat? Das ist ein Weib! … Ueber die Schulter, ohne mich anzublicken:

›Gut, ich werde das zur Kenntnis nehmen!‹

»Und wie schön sie ist! Diese Teufelin! … Nun gut. Garin und Rolling kehrten zum Auto zurück. Ich tat, als wäre nichts vorgefallen. Als erste stieg Zoe ein. Streckte sich im Wagen aus und zwitscherte, wie ein Vogel ein paar englische Worte. Hierauf Garin zu mir:

›Genosse Schelga, nun mit voller Geschwindigkeit auf der Straße gegen Westen!‹ Ich hockte mich vor den Radiator. Das war ein Fehler. Sie hatten nur diese Minute zur Verfügung. Wäre die Maschine schon in Gang, hätten sie mir nichts mehr anhaben können, sie hätten sich gefürchtet … Gut, ich kurble an. Plötzlich war mir, als wäre über meinem Kopf ein Haus zusammen gestürzt, alle Schädelknochen krachten, man schlug auf mich los, vor mir sah ich kurzes Feuer, fiel rücklings zu Boden … Ich sah nur noch, wie vor meinen Augen die schiefe Schnauze Rollings vorbeihuschte … Dieser Hundesohn von einem Amerikaner! … Vier Kugeln hat er mir in den Leib gejagt … Dann, als ich die Augen wieder aufschlug, war ich hier, in diesem Zimmer …«

Schelga war von der Erzählung müde geworden. Lange schwiegen beide. Dann fragte Chlinow:

»Wo kann Rolling jetzt sein?«

»Was soll das heißen, wo? Natürlich in Paris! Diktiert die Presse. Er hat eben einen großen Angriff an der chemischen Front begonnen. Hamstert Milliarden ein. Deshalb bin ich ja jede Minute darauf gefaßt, daß eine Kugel durchs Fenster auf mich abgefeuert wird – oder daß in dieser Sauciere Gift ist. Er wird mich doch zweifellos töten!«

»Warum schweigen Sie also noch immer? … Man muß sofort den Polizeichef verständigen!«

»Lieber Genosse, Sie sind verrückt! Wenn ich in diesem Augenblick noch am Leben bin, so ist dies eben darum der Fall, weil ich schweige.

4.

»Also, Schelga, Sie haben mit Ihren eigenen Augen die Wirkung des Apparates gesehen?«

»Jawohl. Und ich habe mich überzeugt, daß dagegen Kanonen, Gase, Aeroplane lauter Kinderspielzeuge sind. Vergessen Sie nicht, hier handelt es sich nicht mehr um Garin allein, hier handelt es sich um Garin und Rolling! Um die todbringende Maschine und Milliarden. Man muß auf alles gefaßt sein.«

Chlinow zog den Store in die Höhe und stand lange vor dem Fenster, blickte auf das smaragdfarbene Grün, auf den alten Gärtner, der im Schatten des Parkes überallhin die metallenen Rohre schleppte, auf die schwarzen Drosseln, die geschäftig und besorgt unter den Eisenkrautsträuchern herumhüpften und aus der Erde schwarze Regenwürmer zogen.

»Soll man also der Sache ihren Lauf lassen, sollen sie sich in ihrer ganzen Pracht entfalten, die Herren Rolling und Garin, dann kommt das Ende um so rascher,« sagte Chlinow, diese Welt wird unvermeidlich zugrunde gehen … Nur diese Drosseln hier unten, die leben vernünftig. Der Mensch aber …!«

Chlinow kehrte dem Fenster den Rücken.

»Die Menschen der Steinzeit haben mehr vorgestellt … ohne Geld zu verlangen, haben sie steinerne Höhlen bemalt, aus innerem Triebe. Sie saßen vor ihrem offenen Feuer, dachten an Mammuts, an Gewitter, an den sonderbaren Lauf des menschlichen Lebens, an den Tod und an sich selber. Bei Gott, das war ehrlich, anständig! … Das Gehirn war wohl noch klein, der Schädel dick, aber geistige Energien strahlten gleich Blitzen aus diesen Köpfen! Und der heutige Mensch?! Wozu, zum Teufel, braucht er Flugzeuge? Könnte man so einen Modestutzer vom Boulevard des Capucines in eine Höhle, gegenüber einem paleolitischen Menschen setzen! Der behaarte Onkel würde ihn fragen: ›Erzähle, kranker Hundesohn, was hast du in diesen hunderttausend Jahren ausgedacht?‹ ›Ach, ach,‹ würde der Stutzer antworten, ›ich, wissen Sie, Herr Urgroßvater, ich habe mich mehr aufs Genießen verlegt! Ich sitze in einem samtenen Klubfauteuil und vor mir huschen über die Leinwand die Schatten, Schatten … Ich aber gebe mich dem süßen, vorgeschlechtlichen Schlummer hin. Und das übrige Leben – nun, da gibt es z. B. Kriege, Gasexplosionen in den Städten, ewiger Kampf, entschuldigen Sie, und die ekelhafte Arbeit – alles das aber hat schließlich nur das eine Ziel: sich mit einem pikanten Dämchen in einen Lehnstuhl zu setzen und die Schatten vorüberziehen zu lassen …‹ ›Ach, so etwas!‹ würde der Urgroßvater antworten, während er den Stutzer mit glühenden Augen messen würde, ›mir aber gefällt es, zu denken! Ich sitze einfach hier und achte auf die Tätigkeit meines Gehirns! Es ist sogar interessanter, als das des Affen‹!«

Chlinow schwieg. Lächelnd starrte er vor sich in das Dunkel der paleolitischen Höhle. Schüttelte den Kopf.

»Was wollen Garin und Rolling erreichen? Einen Kitzel. Mögen Sie ihn Macht über die ganze Erde nennen. Es bleibt doch nichts anderes als ein Kitzel. Im letzten Kriege sind dreißig Millionen Menschen zugrunde gegangen. Die beiden werden versuchen, dreihundert Millionen umzubringen. Amerikanische Waren werden sich frei über die ganze Erde ergießen. Die spärlichen Reste der Menschheit werden nicht mehr wie bisher in samtenen, sondern nun in goldbrokatenen Lehnstühlen ihre Tage dahindösen. Tiefste Ohnmacht geistiger Energien. Professor Reicher wird nur mehr Sonntags ein Mittagessen nehmen können. Die übrigen Tage der Woche wird er nur zwei belegte Brötchen essen. Mit Margarine zum Frühstück. Gekochte Erdäpfel mit Salz zu Mittag. Das wird so lange andauern, ehe man nicht die gesamten Pulverlager der Erde gesprengt und alle Waffen auf neuntausend Meter in den Ozean versenkt haben wird, ehe nicht Garin in ein Irrenhaus gesperrt und Rolling Buchhalter des Volkskommissariats für Finanzen wird … Natürlich haben Sie recht, Schelga, – man muß kämpfen. Was bleibt denn sonst übrig? … Ich bin bereit. Ich habe über alle diese Dinge schon nachgedacht, während ich auf dem Wege nach Paris war … Garins Apparat muß in den Besitz Rußlands kommen!«

»Wir werden den Apparat bekommen!« sagte Schelga, während er die Augen schloß.

»Wie werden wir die Sache anpacken?«

»So, wie es sich gehört. Zunächst durch Auskundschaften.«

»In welcher Richtung?«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach baut jetzt Garin in rasendem Tempo Apparate. In Ville Davray hat er nur ein Modell mit sich geführt. Hat er Zeit, zu bauen, wird es schwer sein, sich seiner zu bemächtigen. Zunächst müssen wir erfahren, wo er die Apparate baut.«

»Wir werden Geld brauchen!«

»Fahren Sie noch heute nach der Rue Grenelle, sprechen Sie mit unserem Gesandten, ich habe ihm schon in einer Angelegenheit Nachricht zukommen lassen. Geld werden wir haben. Nun das zweite: wir müssen Zoe Montrose ausforschen. Das ist sehr wichtig. Sie ist ein kluges Weib, grausam, aber voll Fantasie. Garin und Rolling sind ihr bis in den Tod verbunden. In ihr liegt der Ursprung der gesamten Machinationen dieser beiden Leute!«

»Entschuldigen Sie, aber mit Frauen zu kämpfen – dagegen weigere ich mich!«

»Alexej Semjonowitsch, sie ist stärker als wir beide zusammen! Sie wird noch viel Blut fließen lassen. Und schön ist sie, verführerisch … Nehmen Sie sich in Acht …!«

5.

Zoe Montrose stieg aus dem runden, niederen, ganz am Boden verlaufenden Badebassin, streckte ihren Rücken der Zofe hin, die ihr einen zottigen Morgenrock überwarf und setzte sich auf die Marmorbank, über und über mit Meerwasserbläschen bedeckt.

Durch die Illuminatoren huschten fließende Sonnenspiegel, grünliches Licht spielte auf den Marmorwänden. Das Badezimmer wackelte ein wenig. Die Zofe Fernanda trocknete vorsichtig, wie Kostbarkeiten, die Füße Zoes, zog ihr Strümpfe und weiße Pantöffelchen an.

Faul erhob sich Zoe. Man zog ihr so feine Wäsche an, daß man glauben mochte, diese Wäsche existiere fast gar nicht. Mit gefurchten Augenbrauen blickte sie am Spiegel vorbei. Man zog ihr eine breite weiße Hose an und eine weiße Marinejacke mit goldenen Knöpfen – ganz so, wie es sich für die Besitzerin einer Dreihunderttonnen-Yacht im Mittelländischen Meer gebührt.

»Schminke, Madame?«

»Sind Sie verrückt geworden?« antwortete Zoe gedehnt, warf noch einen Blick auf die Zofe und stieg nach oben, aufs Deck, wo auf der Schattenseite auf einem Tischchen aus Schilfrohr das Frühstück bereit stand – Kaffee, frischgebackene Brötchen, Butter in Eis, Krabben und Früchte.

Zoe setzte sich an das Tischchen. Brach ein Stück Brot ab und verlor sich sogleich im Anblick der prächtigen Umgebung. Der schmale, weiße Körper der Motoryacht glitt über die spiegelglatte See. Das Meer war klar, hellblau, nur eine kleine Spur dunkler als der wolkenlose Himmel. Es roch nach der Frische des erst vor kurzem gesäuberten Decks. Eine warme Brise wehte schmeichelnd um ihre Füße. Längs der Biegung der Bordwände, die mit schmalen, wie sämischledernen Brettern beschlagen waren, standen geflochtene Lehnsessel. In der Mitte lag ein silberfarbener, anatolischer Teppich mit lässig hingeworfenen Brokaten und gestickten Polstern. Von der Kommandobrücke bis zum Heck war ein blauseidenes Zelttuch gespannt, mit Fransen und Quasten.

Zoe seufzte und begann zu frühstücken.

Mit dem breiten Gang des Seemanns näherte sich vorsichtig der Kapitän, ein glatt rasierter Norweger mit blauen Kinderaugen. Stramm legte er zwei Finger an den Rand seiner Mütze, die fest auf einem Ohr saß:

»Guten Morgen, Madame Lamolle!« (Zoe reiste unter diesem Namen unter französischer Flagge.)

Der Kapitän sah ganz schneeweiß gebügelt aus, ein wenig krummbeinig, wie ein rechter Seemann, elegant. Zoe betrachtete ihn, von dem goldenen Eichenlaub auf seiner Mütze bis zu den seidenen Socken. Dann sagte sie befriedigt:

»Guten Morgen, Jansen!«

»Ich habe die Ehre, zu melden: Kurs: West-Nordwest. So und soviel Grad Länge und Breite. Auf dem Horizont sieht man den rauchenden Vesuv. In weniger als zwei Stunden werden wir Neapel sichten.«

»Setzen Sie sich, Jansen!«

Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, mit ihr zu frühstücken. Jansen setzte sich auf das Bänkchen aus Schilfrohr, das unter seiner Last laut krachte. Er lehnte das Frühstück dankend ab, er habe bereits um neun Uhr gefrühstückt. Aus Höflichkeit nahm er eine Tasse Kaffee. Zoe blickte durchdringend in sein abgebranntes Gesicht mit den hellen Wimpern. Er wurde rot, das Täßchen in seiner Hand begann zu zittern. Ohne einen Schluck genossen zu haben, stellte er es wieder auf das Tischtuch:

»Man muß das Süßwasser auswechseln und Benzin für die Motoren fassen!« sagte er, ohne die Augen zu erheben.

»Wie? In Neapel anlegen? Wie langweilig! Bleiben wir dann lieber auf der Außenreede, wenn Ihnen schon so viel am Wasser und an dem Benzin gelegen ist!«

»Zu Befehl, an der Außenreede,« sagte der Kapitän leise.

»Jansen – Ihre Ahnen waren Seepiraten?!«

»Jawohl, Madame.«

»Wie interessant muß das gewesen sein! Abenteuer, Gefahren, rasende Zechgelage, Raub schöner Frauen … Tut es Ihnen nicht leid, daß Sie kein Seepirat sind?«

Jansen schwieg. Seine rothaarigen Wimpern zitterten, der Mund zog sich zusammen. Auf die Stirn legten sich Falten.

»Nun?«

»Ich habe eine gute Erziehung genossen, Madame …«

»Das glaube ich gerne.«

»Was soll also in mir sein, das Grund gäbe, zu glauben, ich wäre ungesetzlicher Handlungen fähig?«

»Pfui!« sagte Zoe, »so ein starker, tapferer, ausgezeichneter Mensch, Abkömmling von Piraten. Und all das nur, um ein kapriziöses Weib über eine warme, langweilige Pfütze zu steuern. Pfui!«

»Aber, Madame …«

»Machen Sie irgendeine Dummheit, Jansen. Ich langweile mich …«

»Zu Befehl!«

»Wenn es starken Sturm geben wird, lassen Sie die Yacht irgendwo auf Felsen auflaufen.«

»Zu Befehl, die Yacht auf Felsen auflaufen lassen …«

»Sie sind ernstlich bereit, das zu tun?!«

»Wenn man es mir befiehlt?!«

Er blickte auf Zoe. Seine Augen waren ein wenig feucht, vor Kränkung und noch aus einem anderen Grunde. Sie dehnte sich und legte ihre Hand auf seinen weißen Aermel:

»Ich spaße nicht, Jansen. Ich kenne Sie nun schon drei Wochen, aber es scheint mir, Sie sind einer von Jenen, die ergeben sein können.« (Sein Gebiß preßte sich zusammen.) »Und wer trotzdem geneigt ist, Taten zu begehen, die jenseits der Gesetze liegen, wenn solche Taten dem Leben einen gewissen Rausch geben können …«

In diesem Augenblick wurden auf der lackierten, verbronzten Stiege der Kommandobrücke herablaufende Füße sichtbar. Jansen sagte rasch:

»Madame, es ist Zeit …«

Der Vizekapitän stieg die Treppe herab, salutierte:

»Madame Lamolle, es ist in drei Minuten zwölf. Der Radioruf ist jede Minute zu erwarten …«

6.

Der Wind blies in ihren Rock wie in ein Segel. Zoe ging über das Oberdeck zum Turm des Radiotelegraphen. Sie hob den Kopf, blinzelte und atmete die salzige Luft ein. Von der Kommandobrücke aus gesehen, schien sich eine unermeßliche Flut von Sonnenlicht über das gläsernnarbige Meer zu ergießen. Dieses Licht allein hätte genügt, um Milliarden Leben zu spenden.

Zoe konnte sich nicht satt sehen, während sie sich an der Einfriedung festhielt. Der schmale Körper der Yacht flog in dieser unermeßlichen Lichtflut mit erhobener Bugspriet dahin.

Das Herz bebte von dem vogelhaften, tierischen Glück, inmitten dieser Lichtfeier des Universums atmen zu können. Es schien ihr, als brauchte sie nur die Einfriedung loszulassen – und schon würde auch sie fliegen. Der Mensch ist doch ein wunderbares Geschöpf. Mit welchen Ziffern ließen sich die unverhofftesten seiner Wandlungen errechnen? Böse Ausstrahlungen des Willens, das fließende Gift ihrer lüsternen Wünsche, ihre Seele, die in kleine Splitter zersprungen zu sein schien, die ganze quälende, unangenehme und dunkle Vergangenheit Zoes, all das rückte in den Hintergrund, schien sich irgendwo zu verflüchtigen …

»Ich bin jung, jung …« Das sagte sie sich immerzu auf dem Deck ihres Schiffleins mit dem zur Sonne erhobenen Bugspriet. »Ich bin schön, ich bin gut – im Flug werde ich das Glück erhaschen …« Der Wind schmeichelte ihr um Brust, Hals und um die Beine. Verzückt sehnte sich Zoe nach ihrem Glück.

Fast außerstande, sich dem prächtigen Lichtbad von Himmel und Meer zu entziehen, drehte sie die kühle Schnalle der Tür herum, trat in den Kristallturm, wo an der Sonnenseite die Stores heruntergelassen waren und der Kapitän überreichte ihr die Hörmuschel. Zoe stützte die Ellbogen auf den Tisch, verdeckte die Augen mit den Fingern – ihr Herz aber glühte noch immer. Sie sagte:

»Gehen Sie!«

Sie noch einmal scheel ansehend, verließ der Vizekapitän Madame Lamolle. Nicht nur, daß sie teuflisch schön war, schlank, schick und von elegantem Wuchs, verbreitete sie um sich einen Duft, der für Seemannsnasen etwas ganz Außergewöhnliches war. Sie verbreitete einfach Erregung …

7.

Die Doppelschläge des Chronometers schlugen Zwölf – wie eine Glasuhr. Zoe lächelte. Es waren nur drei Minuten vergangen, seit sie sich aus dem Lehnstuhl unter dem seidenen Zelttuch erhoben hatte.

»Man muß lernen, jede Minute zu einer Ewigkeit zu machen,« – dachte sie, sich »stets bewußt sein: vor dir liegen noch Millionen Minuten, Millionen Ewigkeiten. Ein Herz scheint kaum zu genügen, um alles erleben zu können … Nein, es wird genügen …«

Sie legte ihre Finger auf den kleinen Hebel, rückte ihn nach links und stellte den Apparat auf Welle 137,5 ein. Gleich darauf ertönte aus der schwarzen Leere des Hörers die langsame, harte Stimme Rollings:

»Mme. Lamolle. Mme. Lamolle, Mme. Lamolle … Hören Sie? Hören Sie? Hören Sie?«

»Ja, ich höre, beruhige dich doch endlich …«

»Ist bei Euch alles in Ordnung? Fehlt nichts? Ob Euch nichts fehlt? Ich werde mich glücklich schätzen, heute, um dieselbe Stunde wie gewöhnlich, Ihre Stimme zu hören. Senden Sie die Welle von derselben Länge wie gewöhnlich … Plus dreiviertel Meter – das gilt für heute! Mme. Lamolle, entfernen Sie sich nicht von 10 Grad östl. Länge und 40 Grad nördl. Breite. Die Möglichkeit eines baldigen Wiedersehens ist nicht ausgeschlossen. Bei uns ist alles in Ordnung. Die Geschäfte gehen glänzend. Der, der schweigen sollte, schweigt … Viele Hunderttausend Dollar würde ich dafür hingeben, könnte ich jetzt mit Ihnen vor dem Kamin sitzen – wie damals … Seien Sie glücklich und gesund – klare Fahrt! …«

Zoe nahm den Hörer ab. Eine Falte durchzog ihre Stirn. Während sie auf den Zeiger des Chronometers blickte, der über das leblose Feld des Zifferblatts kroch, sagte sie, zwischen den Zähnen:

»Zuwider … Er hat tatsächlich noch immer nicht genug Weiber …«

Diese alltäglichen Radio-Liebeserklärungen, ungeschickt, eckig, langweilig, ganz wie Rolling selber, ärgerten sie furchtbar. Er kann und will sie nicht in Ruhe lassen. Es war über seine Kraft … Er wäre imstande gewesen, jedes beliebige Verbrechen zu begehen, nur um des Glücks teilhaftig zu werden, ihr noch mit seinem letzten Todesröcheln durchs Mikrophon zurufen zu können: »Seien Sie glücklich und gesund – klare Fahrt!« …

Nach dem Mord in Ville Davray und Fontainebleau und der rasenden Autofahrt mit Garin am Steuer, nach Havre, über leere, vom Mondlicht übergossene Chausseen hatten sich Zoe und Rolling nicht mehr getroffen. In dieser Nacht hatte er auf sie geschossen, versucht, sie zu beleidigen – dann aber war er ruhig geworden. Es schien, als hätte er damals, als er so gebeugt im Auto saß, sogar geweint.

In Havre setzte er sie in seine Yacht »Arizona« und morgens schon war sie im Golf von Biscaya. In Lissabon erhielt sie Dokumente auf den Namen »Lamolle« und war Besitzerin einer der luxuriösesten Yachten der ganzen Erde. Von Lissabon aus fuhren sie ins Mittelländische Meer, wo die »Arizona« nahe den Ufern Italiens kreiste, sich ständig unter ca. 10 Grad östl. Länge und 40 Grad nördl. Breite haltend.

Es wurde unverzüglich eine Verbindung zwischen der Yacht und der privaten Radiostation Rollings in Meudon bei Paris hergestellt. Kapitän Jansen berichtete Rolling über alle Details der Reise. Als am zehnten Tage die Apparate der »Arizona« die umliegenden Sprüche abhorchte, nahmen sie kurze Wellen in einer unverständlichen Sprache auf. Man verständigte Zoe und schließlich unterschied sie eine Stimme, die ihr Herz fast zum Stehen brachte:

»… Zoe … Zoe … Zoe …«

Gleich einer großen Fliege unter einem Glassturz klingelte Garins Stimme in den Hörern. Er wiederholte immer wieder ihren Namen und dann, in gewissen Intervallen:

»… antworte zwischen eins und drei … nachts …«

Und wieder:

»… Zoe … Zoe … Zoe … Sei vorsichtig, sei vorsichtig …«

In derselben Nacht flogen die Wellen einer Frauenstimme über das dunkle Meer, über das schlafende Europa, über die altertümlichen Brandstätten Kleinasiens, über die weiten Ebenen Afrikas, die mit Nadeln und verdorbenem Pflanzenstaub bedeckt sind:

»An den, der befohlen hat, zwischen Eins und Drei zu antworten …«

Diesen Ruf wiederholte Zoe so lange, bis ihre Zunge kaum mehr sprechen konnte. Dann sagte sie:

»… Ich will dich sehen. Auch wenn das von mir sehr unvernünftig ist. Bestimme einen beliebigen italienischen Hafen! … Rufe mich nicht beim Namen an! Ich werde deine Stimme erkennen! Sie ist mir allzu sehr in Erinnerung …«

8.

In derselben Nacht, zur selben Minute, als Zoe so eigensinnig ihre Anrufe wiederholte, hoffend, Garin werde irgendwo – in Europa, Asien, Afrika oder auf dem Meer die Wellen des Elektromagneten der »Arizona« abtasten, klingelte zweitausend Kilometer weit entfernt, in Paris, auf dem Nachtkästchen neben dem goldenen Doppelbett, in welchem einsam, die Nase unter der Decke, Rolling schlief, das Telephon.

Rolling sprang auf und ergriff die Hörmuschel. Semjonows Stimme sprach eilig:

»Rolling – sie spricht!«

»Mit wem?«

»Man hört schlecht. Sie nennt keinen Namen.«

»Gut, horchen Sie weiter ab! Bericht morgen!«

Rolling legte die Hörmuschel auf, ging wieder zu Bett, drehte das Licht ab und seine Goldzähne bissen in die Polster.

Die Aufgabe war nicht leicht: mitten durch zwischen den wie ein Sturm über Europa fegenden Foxtrotts, Reklamegeschrei, Kirchenchorälen, Berichten über internationale Politik, Opern, Sinfonien, Börsenbulletins und Witzen bekannter Humoristen die schwachen Stimmen Garins und Zoes einzufangen.

Zu diesem Zwecke saß Semjonow Tag und Nacht in Meudon. Es gelang ihm, ein paar Phrasen abzufangen, die Zoes Stimme gesprochen hatte. Aber die genügten vollkommen, um die eifersüchtige Phantasie Rollings zu entfachen.

Nach jener Nacht in Fontainebleau fühlte sich Rolling elend. Schelga war am Leben geblieben, hing wie eine furchtbare Drohung über seinem Kopf. Mit Garin hatte er einen Vertrag unterschrieben, obwohl er ihn mit Vergnügen wie einen Neger auf dem nächstbesten Ast aufgehängt hätte. Vielleicht wäre Rolling damals hartnäckiger gewesen: lieber Tod oder Schaffott, als dieses Bündnis – aber Zoe hatte seinen Willen zertreten. Während er sich mit Garin verabredete, konnte er Zeit gewinnen und vielleicht würde sich dann diese verrückte Frau noch einmal besinnen, bereuen, zurückkehren … Rolling hatte im Auto tatsächlich geweint, mit zusammengekniffenen Augen, schweigend – wegen dieses Weibes … Weiß der Teufel, wie das alles so gekommen war … Wegen eines liederlichen, käuflichen Weibes … Aber die Tränen waren salzig und qualvoll. Als eine der Vertragsbedingungen stellte er die folgende: eine langwierige Reise Zoes auf seiner Yacht (dies war unentbehrlich, um die Spuren zu verwischen). Er hoffte, sie mit der Zeit zu überzeugen, zur Besinnung zu bringen, sie an sich ziehen zu können. Auch durch die alltäglichen Radiogespräche. Diese seine Hoffnung aber war vielleicht noch dümmer, als seine Tränen im Auto.

Nach den Vereinbarungen mit Garin sollte Rolling unverzüglich mit einem »allgemeinen Angriff auf der chemischen Front« beginnen. An demselben Tage, wo Zoe in Havre die »Arizona« bestieg, kehrte Rolling mit dem Zuge nach Paris zurück. Er verständigte die Polizei, daß er in Havre war und auf dem Rückwege von drei Banditen überfallen worden war (die Gesichter vermummt), die ihm Geld und Auto raubten. (Um dieselbe Zeit sauste Garin verabredungsgemäß gegen Osten, überfuhr die Luxemburgische Grenze und versenkte Rollings Auto im erstbesten Kanal.)

Der »Angriff auf der chemischen Front« begann. In Paris entstand eine rasende Panik. »Die rätselhafte Tragödie in Ville Davray«. »Der geheimnisvolle Ueberfall auf den Russen im Park von Fontainebleau.« »Die freche Plünderung des chemischen Königs.« »Amerikanische Milliarden in Europa.« »Das Verderben der nationalen deutschen Industrie.« »Frankreichs Rettung liegt in der Armee, in der Armee – und noch einmal in der Armee!« – »Rolling oder – Moskau.« All das war klug und listig durcheinandergemischt und tat seine Wirkung, indem die Pariser einfach den Kopf verloren. An der Börse wankten die Effektenkurse. Sie bebte bis auf den Grund. Zwischen ihren grauen Säulen, wo an den schwarzen Tafeln hysterische Hände mit Kreide die Ziffern der ständig fallenden Papiere aufschrieben, fortwischten, aufschrieben, wieder fortwischten – dort irrten und brüllten mit einem letzten Röcheln verrückt gewordene Menschen mit Augen, die nahe daran waren, aus ihren Höhlen zu treten und mit Lippen, vor denen brauner Schaum stand.

Aber das wurde noch so halbwegs abgewehrt. Die Großindustriellen und die Banken hielten mit zusammengepreßten Zähnen noch immer ihre Aktienpakete. Es war nicht leicht, sie über den Haufen zu rennen, selbst für die Hörner Rollings. Für diese stärkste, allerernsteste Operation aber bereitete sich der Schlag vor – von Garins Seite!

Garin baute, wie Schelga so richtig erraten hatte, in Deutschland in rasendem Tempo nach seinem Modell einen Apparat. Er fuhr von Stadt zu Stadt und bestellte überall in den Fabriken verschiedene Bestandteile. Zum Verkehr mit Paris benützte er die Rubrik der Privatannoncen in der »Kölnischen Zeitung«. Rolling seinerseits plazierte im »Intransigeant« zwei – drei Zeilen. »Die ganze Aufmerksamkeit auf Anilin konzentrieren.« »Jeder Tag ist kostbar – sparen Sie nicht mit Geld« …

Garin antwortete: »… Werde früher als vermutet fertig sein« … »Der Platz ist bereits gefunden« … »Beginne …« »… Unvorhergesehene Verzögerung.«

Rolling: »Bin besorgt« – »Bestimmen Sie den Tag!«

Garin antwortete: »Zählen Sie 35 Tage vom Tag der Unterfertigung des Kontraktes an!« …

Beiläufig mit diesen seinen Mitteilungen fiel das nächtliche Telephonogramm Semjonows an Rolling zusammen. Rolling geriet in Wut – man führte ihn an der Nase herum. Der geheime Verkehr Garins mit der »Arizona« war, abgesehen von allem anderen, gefährlich. Aber Rolling verriet sich mit keinem Wort, als er am nächsten Tag mit Madame Lamolle sprach.

Aber jetzt, in schlaflosen Stunden, begann er über seine »Partie« mit dem Todfeind neuerlich nachzudenken. Er fand Lücken. Er kam darauf, daß Garin gar nicht so gut beschützt war. Garins Fehler lag in dem Einverständnis mit Zoes Seereise. Das Ende der »Partie« schien ihm im voraus entschieden zu sein. Das »Matt« wird an Bord der »Arizona« gesprochen werden.

9.

Aber an Bord der »Arizona« ging nicht alles so, wie es sich Rolling vorgestellt hatte. Er erinnerte sich Zoes als einer klugen, ruhigen, berechnenden, kalten und ergebenen Frau. Er wußte, was für einen Ekel sie vor allen echt weiblichen Schwächen hatte. Er konnte es nicht zulassen, daß ihr Gefühl für Garin, diesen halbverrückten Bettlerbanditen von langer Dauer sei. Eine schöne Reise im Mittelländischen Meer sollte sie zur Besinnung bringen.

Zoe war wirklich wie in einem Delirium, als sie sich in Havre auf der Yacht einschiffte. Ein paar Tage der Einsamkeit unter der Sonne, inmitten des Ozeans hatten sie beruhigt, der Wind hatte sie durchgeblasen. Sie erwachte, lebte und schlief inmitten des blauen Lichtglanzes des Wassers ein, unter der Begleitung des ruhigen, wie ewigen Rauschens der Wellen. Sie war so angewidert, daß ihr ganzer Körper bebte, wenn sie sich an das schmierige Zimmer, die gläsernen Augen der Leiche Lenoirs erinnerte, die siedenden, rauchigen Streifen quer über die Brust der »Entennase«, an die feuchte Lichtung in Fontainebleau, an ihre eigenen, eisigen Hände und an die plötzlichen Schüsse Rollings, als hätte er einen wütenden Hund töten wollen …

Und all das war vorüber … Auf ewig, zusammen mit der Zoe von einst. Die Hände dieser Zoe von einst hätten sich nicht so leicht wieder erwärmt … Sie fühlte, daß in ihr ein neues Weib erwacht war, sonderbar, ihr gänzlich unbekannt. Sie war erregt, wenn sie an »Madame Lamolle« dachte.

Aber ihr Verstand klärte sich nicht in der Weise, wie dies Rolling erhofft hatte. Ihr Kopf schwindelte im Vorgefühl irgend eines »phantastischen Glückes«. Zoe sah im Traum Inseln inmitten des Meeres, wunderschöne Städte, hohe Paläste, Treppen, die bis zu den Wellen herunter führten, schöne Menschen – und all das besaß sie, sie allein, die Herrscherin der Welt.

Diese Träume und Visionen, die sie hatte, wenn sie unter dem blauen Zeltdach im Lehnstuhl saß und auf die glänzende See hinausblickte, waren die Fortsetzung von Gesprächen, die sie mit Garin in Ville Davray geführt hatte. (Eine Stunde vor dem Mord.) Nur der einzige Garin war es, der sie in diesem Augenblick hätte verstehen können. Aber mit ihm sind untrennbar die gläsernen Augen Lenoirs und der offene, schreckliche Mund von Gaston-»Entennase« verbunden. Auch Garin hatte eisig kalte Hände …

Und deshalb war Zoes Herz stillgestanden, als sie so unerwartet Garins Stimme in der Hörmuschel des Radios murmeln hörte. Von diesem Tage an rief sie ihn täglich, flehte, drohte. Sie wollte ihn sehen – und dennoch fürchtete sie sich. Inmitten der azurnen Reinheit des Meeres und des Firmaments schien er ihr ein schwarzer Fleck zu sein. Sie mußte ihm von ihren wahnsinnigen Wünschen erzählen. Ihn fragen, wo denn sein Olivin-Gürtel blieb? Und es lief ihr kalt über den Rücken, wenn sie sich seine umschatteten Augen, seinen lächelnden, bösen Mund vorstellte. Sie warf sich auf der Yacht von einem Ende ans andere und brachte schließlich Kapitän Jansen um seine letzten Reste von Geistesgegenwart und Appetit.

Garin antwortete ihr:

»… warte! Es wird alles so kommen, wie du es willst. Du brauchst nur wünschen. Wünsche dir die verrücktesten Dinge – das ist gut … Ich brauche dich, mit all diesen deinen verrückten Wünschen. Ohne dich wäre mein Werk – der Tod.«

Dies war sein letztes Radiogespräch, das wahrscheinlich ebenfalls von Rolling aufgefangen wurde. Heute erwartete Zoe seine Antwort auf ihre Frage, an welchem Tage sie ihn bestimmt auf der Yacht erwarten konnte. Sie ging aufs Deck und lehnte sich an die Einfriedung. Die Yacht schien sich kaum zu bewegen. Der Wind hatte sich gelegt. Das Meer war von weißem Licht überflutet. Im Osten war ein leichter Dunst der noch nicht sichtbaren Küste wahrnehmbar und eine Aschensäule von Rauch stand über dem Vesuv.

Kapitän Jansen, der auf der Kommandobrücke stand, ließ langsam die Hand mit dem Fernglas sinken und Zoe fühlte, wie er sie ganz verzückt betrachtete. Wie sollte er auch nicht zu ihr hinsehen, wo doch alle Wunder des Himmels und der Meere nur dazu geschaffen schienen, damit sich Madame Lamolle, an der Einfriedung dieser milchigen Lazurweite hängend, an ihnen ergötzen sollte.

Unmöglich, lächerlich erschien ihr die Zeit, als Zoe noch für ein Dutzend Seidenstrümpfe, für eine Robe aus einem großen Modehaus, oder einfach für tausend Franken beliebigen jungen Leuten mit kurzen Fingern und grauen Wangen erlaubt hatte, sich an ihr zu begeistern …

Pfui! … Paris, Kneipen, blöde Dirnen, scheußliche Männer mit roten Gesichtern, Straßengestank – wie erbärmlich! … Die Schmutzereien in der stinkenden Grube … Geld, Geld, Geld … Pfui! … Wenn man bedenkt, wonach die jämmerlichen Menschen trachten …

Garin hatte in jener Nacht gesagt: »Sie brauchen nur zu wünschen – und sie werden Statthalter Gottes oder des Teufels sein – was mehr ihrem Geschmack entspricht! Sie werden den Wunsch bekommen, Menschen zu vernichten – mitunter hat man auch danach Verlangen … Sie werden Macht über die ganze Menschheit haben! So ein Weib, wie Sie, wird auch für die Schätze das Olivingürtels Verwendung finden …«

Zoe dachte:

»Im Altertum haben sich die Kaiser zu Göttern gemacht. Wahrscheinlich bereitete ihnen das Vergnügen. Aber auch in unserer Zeit ist dies keine schlechte Zerstreuung. Zu irgend etwas müssen die Menschen doch nützlich sein. Verkörperung der Gottheit, eine lebende Göttin, inmitten von unerhörtem Luxus. Warum nicht? Die Presse könnte meine Vergöttlichung rasch und mit Leichtigkeit vorbereiten. Ueber die ganze Erde regiert eine märchenhaft schöne Frau. Es wäre ein zweifelloser Erfolg, sich dem Volke in solcher Pracht zeigen, daß ihm die Augen aus den Höhlen treten. Eine prächtige Stadt bauen, für ausgewählte Jünglinge, die vermutlichen Liebhaber der Göttin. Inmitten dieser ausgehungerten Jungen zu erscheinen – das wäre gar kein übler Kitzel …«

Zoe zuckte mit den Achseln und blickte wieder auf den Kapitän:

»Kommen Sie her!«

Jansen fuhr zusammen und näherte sich ihr, breitspurig und weichen Schrittes über das heiße Deck schreitend.

»Kapitän Jansen, haben Sie noch nie gedacht, daß ich wahnsinnig sei?«

»Das denke ich nicht, Madame Lamolle, und werde es auch niemals denken, unabhängig davon, was sie mir auch befehlen mögen!«

»Danke schön. Ich ernenne Sie zum Kommandeur des Ordens der göttlichen Zoe.«

Jansen blinzelte mit seinen hellen Augenwimpern. Dann salutierte er. Ließ die Hand sinken. Blinzelte noch einmal. Zoe lachte und auch über seine Lippen huschte ein Lächeln.

»Jansen, es besteht die Möglichkeit, die wahnsinnigsten Wünsche zu verwirklichen … All das, was eine Frau in so einer heißen Mittagsstunde auszudenken vermag … aber es wird einen Kampf kosten …«

»Zu Befehl« antwortete Jansen kurz.

»Wieviel Knoten kann die ›Arizona‹ zurücklegen?«

»Bis vierzig.«

»Welche Schiffe können sie im offenen Meer einholen?«

»Sehr wenige … die Hydroplane …«

»Hydroplane sind nicht gefährlich. Es ist möglich, daß wir eine beharrliche Verfolgung aushalten müssen!«

»Befehlen Sie, die volle Ladung flüssigen Heizmaterials aufzunehmen?«

»Jawohl. Konserven, Süßwasser, Champagner … Kapitän Jansen, wir begeben uns auf eine sehr gefährliche Unternehmung!«

»Zu Befehl!«

»Aber hören Sie: ich bin des Sieges sicher!«

Zoe hatte kaum zu Ende gesprochen, als die Glasuhr halb Eins schlug. Rasch kehrte sie in den Verschlag mit dem Radiotelephon zurück und setzte sich an den Apparat. Schweigen. Sie berührte den Hebel des Empfängers. Von irgendwo empfing sie ein paar Takte Foxtrott. Mit gefurchten Augenbrauen blickte sie auf den Chronometer. Garin schwieg. Wieder begann sie, den Hebel zu bewegen. Nur schwer konnte sie ihre zitternden Finger meistern … Bis endlich eine langsame, unbekannte Stimme in russischer Sprache ganz leise in ihr Ohr sprach:

»… das Leben ist wertvoll … Freitag landen Sie in Neapel. Steigen im Hotel Splendid ab und warten bis Samstag Mittag auf Nachricht …«

Dies war das Ende einer Phrase, die von Welle 421 gesandt wurde, das heißt, von derselben Station, die während dieser ganzen Zeit von Garin benützt worden war. Nach den Internationalen Radiotabellen sollte diese Wellenlänge sonst von keiner anderen Station benützt werden.

 

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