Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi >

Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
Schließen

Navigation:

31.

Der goldene Bleistift berührte den Notizblock:

»Ihr Familienname, mein Herr?«

»Pjankow-Pitkjewitsch!«

»Zweck Ihres Besuches?«

»Sagen Sie Mr. Rolling,« sagte Garin, »daß ich beauftragt bin, in bezug auf den bewußten Apparat des Ingenieurs Garin, Unterhandlungen zu pflegen!«

Augenblicklich verschwand der Sekretär. Eine Minute später trat Garin durch die Nußtür in das Arbeitszimmer Rollings. Er schrieb. Ohne die Augen zu erheben, schlug er ihm vor, Platz zu nehmen. Dann sagte er, ebenfalls, ohne ihn anzusehen:

»Kleine Geldtransaktionen gehen zwar durch meinen Sekretär, aber« – und er nahm mit seiner schwachen Hand die Löschwiege, mit der er das eben Geschriebene abtrocknete, – »nichtsdestoweniger bin ich bereit, Sie anzuhören. Ich gebe Ihnen zwei Minuten Zeit. Was gibt's Neues mit Ingenieur Garin?«

»Ingenieur Garin möchte wissen, ob Ihnen die Bestimmung seines Apparates genau bekannt ist!«

»Ja,« antwortete Rolling, »soweit er für industrielle Zwecke in Betracht kommt, stellt dieser Apparat immerhin für mich einen Gegenstand von Interesse vor. Ich habe mit einigen Mitgliedern des Verwaltungsrates unseres Konzerns gesprochen – sie bestanden darauf, das Patent zu erwerben.«

»Dieser Apparat ist nicht für industrielle Zwecke bestimmt!« sagte Garin scharf, »es ist ein Vernichtungsapparat! Er kann allerdings auch erfolgreich der metallurgischen und der Montanindustrie dienen. Aber Ingenieur Garin hat momentan ganz andere Absichten!«

»Politische?«

»Ach … Politik interessiert Ingenieur Garin nicht. Er hofft nur, jenes soziale Regime zu festigen, das seinem Geschmack am meisten entsprechen wird. Und Politik – das ist ja nur eine lächerliche Kleinigkeit, eine Funktion!«

»Ueberall selbstverständlich – auf allen fünf Kontinenten!«

»Oho!« sagte Rolling.

»Ingenieur Garin ist kein Kommunist – in dieser Hinsicht können Sie sich beruhigen! Aber er ist auch keiner der Ihrigen! Ich wiederhole – er hat sehr große Absichten! Zunächst erwägt er die Wahl des Ortes …«

»Welches Ortes?«

»Des Kampfortes!«

»Wessen – mit wem?!«

»Des amerikanischen Kapitals mit dem europäischen, des Kampfes für die armseligen, ständig verminderten Vorräte der physischen Energie.«

»Gut, also setzen wir das alles voraus …« sagte Rolling.

»Diese Vorräte werden von Tag zu Tag weniger. Petroleum wird nur für ein Jahrzehnt genügen. Die Kohlen – ein wenig länger. Der europäische Krieg aber, das war der Anfang dieser Schläge, die über die Welt kommen, eines Kampfes bis zum Tod – um den letzten Bissen Brot!«

»Nun, sagen wir, nicht um den letzten …«

»Für Sie persönlich, Mr. Rolling, wird es immer noch genug Petroleum geben, so viel, daß Sie sich selbst darin ertränken könnten« – fuhr Garin fort, noch immer so ernst, ja sogar ehrerbietig, »aber wir meinen hier den auf der ganzen Welt sich vergrößernden Maßstab der heranrückenden Not. Sie führen neue Kampfmittel ins Treffen – chemische. Amerika wirft jährlich allein für die chemische Produktion fünfzig Millionen Dollar aus. Amerika will das alte Europa mittelst Senfgas vernichten – und ich glaube, daß der Sieg euer sein wird. Aber die Energievorräte werden sich deshalb nicht einmal um eine Tonne Kohle, nicht um eine einzige Zisterne Naphtha vermehren. Es kommt unvermeidlich die Stunde, wo die Dampfkessel erkalten, das Benzin versiegen, die Fabriken still stehen, das Licht in den Städten verlöschen werden. Vor kalten Herden werden sich Leichen wälzen. Der Ackerbau wird in den Urzustand zurückkehren und die Erde wird nicht mehr imstande sein, die zwei Milliarden Menschen zu ernähren.«

»Mehr zur Sache«, sagte Rolling trocken, »die Sorge um die kommenden Generationen der Menschheit schlägt nicht in meine Geschäfte ein!«

»Ich spreche im Auftrage Garins und darf von dem, was er mir aufgetragen hat, Ihnen zu bestellen, kein Wort fortlassen. Zweifellos grenzt die gegenwärtige Zivilisation, Mr. Rolling, unmittelbar an eine tote, öde Aera. Wenn nicht neue riesige Vorräte physischer Energie ausfindig gemacht werden, liegen vor uns Gräber und Ruinen. Und das liegt gar nicht in so weiter Ferne! Der Absatz an Naphtha und Kohle wächst …«

Rolling runzelte die Brauen und machte mit den Lippen: »Psst!«

»Ich verstehe Sie, Mr. Rolling. Sie rechnen stark auf die staunenswerten Experimente, die in Berlin auf dem Gebiete des Atomzerfalls, mit Hilfe von Hochspannungsströmen durchgeführt werden. Sie haben ganz recht: der Wilde zitterte seinerzeit in seiner finsteren Höhle, vor Hunger und Kälte, während ihm dennoch schon damals die Naturkräfte Pulver, Dampfkraft und Elektrizität zur Verfügung standen. In derselben Lage befinden wir uns jetzt. Es wird eng, wir sind hungrig, trotzdem rings um uns unerschöpfliche Energievorräte sind. Atomzerfall! Wenn man sein Geheimnis gelüftet haben wird, kommt neuer Frühling über die Erde, die Kontinente werden sich mit paradiesischen Gärten bedecken, mit einem Worte – es wird ein verteufelt schönes Leben sein! Aber die Sorge um die Zukunft der Menschheit schlägt nicht in Ihre Geschäfte ein. Und wir existieren, das heißt: wir wollen existieren. Einstweilen – bis die Sonne unseres Jahrhunderts untergeht, vor uns aber ist ein Zwischenraum, erfüllt von eisiger Nacht. Wir sind die letzten. Ingenieur Garins Aufgabe besteht darin, diesen letzten Tropfen des Lebensabends der Zivilisation auszupressen. Vielleicht wird sich das in der Schaffung eines Weltimperiums ausdrücken, irgendeiner märchenhaften Stadt – mit halbgöttlicher Macht – das sind – Details. Das wichtige ist das Prinzip: die Geschichte der gegenwärtigen Menschheit mit Brausen beenden! Der Apparat des Ingenieurs Garin gibt ihm die Möglichkeit, die allerphantastischsten, allerfieberhaftesten Träume zu verwirklichen. Nur die Energie des Atoms allein – ist mächtiger als sein Apparat. Vorläufig aber will man nur das Interesse daran wecken. Garins Apparat ist bereits fertig gebaut; er kann sogar heute schon demonstriert werden!«

»Hm …« sagte Rolling.

»Außerdem gibt der Besitz dieses Apparates die Chance neunzig zu hundert, daß man damit auch zeitlich die Lösung der Frage des Atomzerfalls an sich reißt. Ingenieur Garin hat Ihre Tätigkeit beobachtet und er findet, daß Sie sehr viel Unternehmungsgeist haben, nur fehlt Ihnen eine große Idee zur Verwirklichung … Chemischer Konzern, gut, chemischer Luftkrieg, auch gut, Verwandlung Europas in einen amerikanischen Markt – sehr gut. Aber das sind alles schon sehr stark ausgetretene Wege. Ingenieur Garin schlägt Ihnen seine Mitarbeit vor!«

»Sie oder er – sind verrückt!« sagte Rolling.

Garin lachte und rieb sich eifrig mit dem Finger die Nase. »Sehen Sie, es ist doch gut, daß Sie mich nicht zwei, sondern zehneinhalb Minuten anhören! Ein minder bedeutender Mensch hätte natürlich schon längst befohlen, mich bei der Tür hinauszuwerfen …«

»Ich erkläre mich bereit, Ingenieur Garin für seine Erfindung fünfzigtausend Francs anzubieten!« sagte Rolling und begann wieder zu schreiben.

»Dieser Vorschlag wäre also folgendermaßen zu verstehen: Sie beabsichtigen, sich mit Gewalt und List des Apparates zu bemächtigen und mit Garin ebenso zu verfahren, wie mit seinem Mitarbeiter auf der Krestowskij-Insel!«

Rasch legte Rolling die Feder hin, nur das Rot, das auf seinen blaßgelben Backen erschien, verriet seine Erregung. Er nahm seine rauchende Zigarre aus dem Aschenbecher, lehnte sich in den Stuhl zurück und blickte mit trüben, ausdruckslosen Augen auf Garin:

»Und wenn man voraussetzt, daß ich mit Garin ebenso verfahren würde – was resultiert daraus?«

»Daraus resultiert, – daß sich Garin scheinbar geirrt hat …«

»Worin?«

»Vermutlich darin, daß er nicht erkannt hat, daß Sie ein Nichtsnutz ärgsten Kalibers sind!«

»Es wäre dumm von mir, mit Garin den Reingewinn zu teilen, wo ich doch alle hundert Prozent für mich allein haben kann!« Rolling blies den blauen Rauch langsam vor sich hin und fuhr langsam mit der Zigarre vor der Nase hin und her.

»Also – im Ernst: ich biete hunderttausend Francs – und damit ist unser Gespräch zu Ende!«

»Wahrhaftig – Sie müssen sich immer irgendwie selbst verwirren, Mr. Rolling. Sie riskieren nichts. Ihre Agenten Semjonow und Tiklinsky haben ausgespürt, wo Garin wohnt. Zeigen Sie ihn doch bei der Polizei an und er wird sofort als bolschewistischer Agent verhaftet. Inzwischen werden Semjonow und Tiklinsky den Apparat und die Zeichnungen stehlen können. Das alles zusammen wird Sie nicht mehr als fünftausend Francs kosten. Und Garin, damit er nicht neuerdings versucht, seine Pläne zu verwirklichen, kann man etappenweise bis an die polnische Grenze abschieben, nach Rußland, wo man ihn einfach niederschlägt. Nett, einfach und – billig. Wozu also hunderttausend Francs?«

Rolling stand auf, blickte von der Seite her auf Garin und begann, mit seinen Lackschuhen in dem dicken Teppich fast versinkend, auf und ab zu gehen. Plötzlich zog er die Hand aus der Tasche und schnalzte mit dem Finger:

»Ein billiges Spiel – Sie lügen! Ich habe fünf Schachzüge erwogen – fünf Kombinationen. Es gibt keine Gefahr für mich. Sie sind einfach ein armseliger Charlatan. Garins Partie steht für ihn – Schach! und matt! Das weiß er sehr gut – und deshalb hat er Sie geschickt, um zu unterhandeln. Ich gebe für sein Patent keine zwei Louisdor. Garin ist entlarvt und hereingefallen.« Er blickte rasch auf die Uhr, steckte sie eilends wieder in die Westentasche. »Scheren Sie sich zum Teufel!«

Garin hatte sich ebenfalls erhoben und stand mit hängendem Kopf vor dem Tisch. Als Rolling ihm sagte, er möge sich zum Teufel scheren, fuhr er sich mit der Hand über den Scheitel und sagte, wie ein Mensch, der unerwartet in eine Falle geraten ist:

»Gut, Mr. Rolling, ich bin einverstanden mit Ihren Bedingungen. Sie sagten: hunderttausend Francs …«

»Nicht eine einzige Centime!« schrie Rolling, »schauen Sie, daß Sie fort kommen, sonst lasse ich Sie hinauswerfen!«

Garin steckte den Finger in seinen Halskragen, seine Augen begannen sich zu drehen. Er taumelte. Rolling brüllte:

»Keine Faxen – hinaus!«

Garin röchelte und fiel mit der einen Körperhälfte schwer auf den Schreibtisch. Seine rechte Hand schlug auf die beschriebenen Blätter auf und preßte sie krampfartig zusammen. Rolling sprang zur elektrischen Klingel. Sofort erschien der Sekretär.

»Werfen Sie dieses Subjekt hinaus!«

Der Sekretär zog sich wie ein Panther zusammen, sein eleganter Schnurrbart begann sich zu sträuben, unter dem dünnen Sacco spannten sich die Muskeln wie Stahl an … Aber Garin ging schon vom Tisch fort, seitwärts geneigt sich vor Rolling ständig verbeugend, zog er sich zurück. In dem Wartesalon entstand unter den Besuchern eine ungeheure Aufregung. Garin aber lief in gestrecktem Lauf über die Marmortreppe auf den Boulevard Malesherbes hinab, sprang in ein geschlossenes Lohnauto, nannte eine Adresse, schloß beide Fenster, ließ die grünen Vorhänge herab und lachte kurz und scharf auf.

Aus seiner Rocktasche zog er das zerknitterte Papier und begann, es vorsichtig zu glätten. Auf dem zerknitterten Papier, das aus dem Notizblock herausgerissen war, standen in der großen Schrift Rollings verschiedene geschäftliche Notizen für den laufenden Tag. In der Minute, als Garin sein Arbeitszimmer betreten hatte, hatte Rolling, scheinbar maschinell seine geheimen Gedanken verratend, dreimal untereinander folgendes geschrieben: Rue Gobelin 63, Ingenieur Garin«. (Dies war die neue Adresse von Victor Lenoir, die Semjonow knapp vorher Rolling telephonisch mitgeteilt hatte.) Dann: 1000 Francs – für Semjonow!« …

»So ein Glücksfall! … So ein Glück!« flüsterte Garin, den Teil des Blattes, der die geschäftlichen Notizen trug, vorsichtig abreißend.

32.

Zehn Minuten später sprang Garin auf dem Boulevard Michel aus dem Auto. Die Spiegelscheiben des Café »Pantheon« waren hochgezogen. Im Fonds des Cafés, im Halbdunkel, erhob sich Lenoir hinter einem Pflanzenarrangement und schnalzte mit den Fingern. Rasch setzte sich Garin an seinen Tisch – mit dem Rücken gegen das Licht. Es schien, als sitze er seinem Spiegelbild gegenüber – Victor Lenoir hatte ebensolchen Spitzbart, dunkles Haar, ebensolchen weichen Hut, Schmetterlingskrawatte, gestreiften Sacco – wie Garin.

Mit den Augen lachend, sagte Garin:

»Rolling ist mit allem einverstanden. Die vorläufigen Ausgaben trägt er allein. Wenn die Sache beginnt: fünfzig Prozent ihm, fünfzig Prozent uns.«

»Hast du den Vertrag schon unterschrieben?«

»Wir unterschreiben in zwei, drei Tagen. Man muß die Demonstration des Apparates ein wenig in die Länge ziehen. Rolling hat die Bedingung gestellt: er unterschreibt erst, nachdem er sich persönlich von der Tätigkeit des Apparates überzeugt hat!«

»Spendest du eine Flasche Champagner?«

»Zwei, drei, ein Dutzend …«

»Und doch ist es schade, daß dieser Haifisch die Hälfte unseres Gewinnes verschlingen wird,« sagte Lenoir und winkte mit dem Finger den Kellner herbei: »Eine Flasche Irroy, Sekt!«

»Ohne Kapital könnten wir schließlich doch nichts anfangen! He, Kellner … Salzmandeln zum Champagner. Ach Viktor, wenn mein sibirisches Unternehmen nur von Erfolg gekrönt wäre … zehn Rollings könnten wir dann zum Teufel schicken!«

»Welches sibirisches Unternehmen?«

Der Kellner warf ein blendend weißes Tischtuch über den Tisch, stellte eine Vase mit Blumen darauf und Champagnerpokale, aus dünnstem, geschliffenem Glas. Garin begann, eine Zigarre zu rauchen, lehnte sich in den Korbsessel zurück und erzählte, sich auf dem Sessel schaukelnd:

»Kannst du dich an Nikolai Christoforitsch Manzew, den Sibirier, erinnern? Er hat mich im Jahre 1915 in Petersburg ausfindig gemacht und bat mich, ihm zu helfen. Er war eben aus dem fernen Osten zurückgekehrt, wohin ihn die Mobilisierung gerufen hatte und wollte sich nun von der Front drücken.«

»Manzew hat in der englischen Goldsucherkompagnie gedient?«

»Er hat in den Oberläufen der Flüsse Lena, Aldan und Olekma Forschungen betrieben. Ein talentierter Bursche, ausdauernd, hervorragend, ist mit den örtlichen Verhältnissen dort glänzend vertraut. Er hat mir wahre Wunder von seinen Expeditionen erzählt. Schon in einer Tiefe von 70 Zentimetern hat man Goldsand mit 25-30 Solotnik Gehalt gefunden. Sie gingen auf Gold, wie auf Dünger. Aber die Bedingungen, unter welchen die Ausbeutung zustande kommt, sind entsetzlich: Man fand Kupfer, Blei, Anthrazitadern, direkt an der Erdoberfläche. Noch nicht alles! Die Jakuten zeigten ihnen irgendwelche ›eiserne Steine‹ von ungeheurer Schwere. Es stellte sich heraus, daß es Molybden-Erz war, Molybden in fast reinem Zustand! Eine Seltenheit von ungeheurem Wert! Aus diesen Steinen haben sie ein paar Pyramiden gebaut.«

»Aber Kohle, Erz, Molybden, sogar Gold – das ist alles nicht für uns – das ist nur, um lange Zähne zu machen. Diese Ausbeutung erheischt Millioneninvestitionen für die Vorarbeiten. Aber plötzlich, unerwartet, stieß er auf eine wunderbare Sache. Wie er mir bloß davon erzählte, fühlte ich, wie sich förmlich meine Taschen mit Geld füllten … Ich habe Manzew unverzüglich beim »Roten Kreuz« untergebracht und wir begannen uns für die Expedition vorzubereiten.«

»Was hat er denn dort gefunden?«

»Weißt du, er hatte einen photographischen Apparat mit sich. Eines Tages, während der Rast, begann er sich für das Profil eines Felsen zu interessieren, der wie zwei Hörner seine Zacken gegen den Himmel streckte. Der Führer, ein Jakute, sagte, es sei ein ›Schajtanstein‹ (Satanstein). Im Vertikalriß des Steines fand man eine merkwürdige Zeichnung und außerdem war in der Höhe von zehn Faden – unbegreiflich auf welche Weise – eine furchtbar altertümliche Zeichnung eines Satan aus dem Gestein gehauen, ein gehörnter Kopf.«

»Manzew ließ sich angesichts des Felsens mit seinem photographischen Apparat nieder. Er hatte eine Kassette, die aus Holz war, auf eine Steinplatte hingelegt. Als er die Photographie dieses Felsens noch in derselben Nacht entwickeln wollte, wurde die Platte momentan schwarz, es war nichts auf ihr zu sehen, weder die Gesteinsschichtung, noch der Satanskopf – das Negativ war schwarz und auf ihm, kreuzförmig, zwei lichte Streifen.

»Verdorbene Platte!« sagte Lenoir.

»Nein. Er probierte die anderen Platten derselben Schachtel – alle waren in Ordnung. Tags darauf überprüfte er nochmals aufmerksam das Negativ. Auf dem schwarzen Grund fand er außer den beiden lichten Streifen, kaum bemerkbar, dünne Schichten, als wären sie von mahagoniholzartiger Zeichnung. Er versuchte, sich zu erinnern, wo er die Kassette hingelegt hatte, während er den Apparat für die Aufnahme eingestellt hatte. Sie war ungefähr zehn Minuten dort auf der Erde gelegen. Es sah so aus, als wären irgendwelche Strahlen durch die Kassette gedrungen, die nur an der Stelle der kreuzförmigen Sprungfeder und teilweise in den dichteren Schichten des Mahagoniholzes zurückgehalten wurden. Es konnte sich also nur um – Alpha-Strahlen handeln!«

»Radium!« flüsterte Lenoir und stieß den Champagnerkelch um.

»Ja. Der Satanstein und der ganze Boden rings um ihn erwiesen sich als harzerzhaltig, um ein hundertfaches reicher, als alle bisher bekannten, radioaktiven Gesteine, sogar stärker als die böhmischen Radiumquellen … Manzew hatte damals keine physikalischen Apparate mit sich. Er legte die Kassette mit einer anderen Platte für einige Sekunden auf den Felsen – dieselbe Geschichte. Er fing eine Krähe, fesselte sie und legte sie in die von dem Fels ausgegrabene Höhlung. In zweiunddreißig Minuten war die Krähe von Alphastrahlen getötet. Radiumemanation! Zwei Wochen verbrachte er neben diesem Felsen und es gelang ihm, in ganz gewöhnlichen Flaschen soviel Quantität Radiumemanation zu sammeln, daß ihm die reichsten Radiumbesitzer darum neidig sein könnten!

Du verstehst, daß mir nach diesen Erzählungen zumute wurde, als hätte man auf mein Gesäß Senfpflaster gepickt. Wir hatten wenig Geld – der Krieg stand uns furchtbar hemmend im Weg. Aber während des Winters 1916 gelang es uns trotzdem, Manzew als Vorhut abzusenden. Ich habe die Absicht, mich im Frühjahr mit ihm in Verbindung zu setzen und eine kleine Arbeiterabteilung und Feldlaboratorien hinzuschicken. Außerdem wollte ich bis dahin das Modell meines Apparates fertigstellen, Erd- und Gesteinsbohrungen damit versuchen. Aber im Frühling kam die Revolution! Manzew blieb in Omsk stecken. Dann: Koltschak usw. Im Jahre 1922 bekam ich von Manzew ein Telegramm aus Novo-Nikolajewsk: »Verliere nicht die Hoffnung.« Seit jener Zeit ist er aber wie von der Erdoberfläche verschwunden.«

»Warum aber versuchst du nicht selbst, dieses Gebiet auszuforschen?«

»Ja, darum eben handelt es sich: nur Manzew allein weiß, wo in der Taiga der Schajtanstein steht!«

33.

In schwarzer Seidenbluse, wie sie Midinettes zu tragen pflegen, in kurzem Röckchen, gepudert, mit geschminkten Wimpern, sprang Zoe Montrose bei dem alten Tore von Saint Denis aus dem Autobus, lief quer über die lärmende Straße und trat in das große Café »Globus«, dessen Fronten nach zwei Straßen gingen – ein Asyl für die Sänger vom Montmartre, Schauspieler und Schauspielerinnen mittleren Formats, anarchistisch gesinnte junge Leute, aller Jener, die mit zehn Sous in der Tasche die Boulevards ablaufen, die fiebrigen Lippen abschleckend, von Frauen, Schuhen, Seidenwäsche und Brillantringen träumend. Hier gab es auch Diebe, Prostituierte und lustige alte Herren.

Unter den trockenen Stichen vieler auf ihr ruhender Augen fand Zoe endlich einen freien Tisch. Sie begann, eine dünne Zigarette zu rauchen. Legte ein Bein über das andere. Sofort ging ganz nahe an ihr ein Mensch mit venerischen Beinen vorüber und murmelte heißer: »Warum so böse, Kleine?« Sie wandte sich ab. Ein anderer, der in der Nähe saß, zeigte die Zunge. Ein dritter, als hätte er sich geirrt, kam zu ihrem Tisch »Ki-ki … endlich!« Zoe Montrose erledigte ihn kurzerhand.

Man klebte sich sehr stark an sie, trotzdem sie versucht hatte, sich den Anstrich eines Straßenmädchens zu geben. Im Café »Globus« hatte man in bezug auf die Frauen feine Nasen. Sie bestellte bei dem Kellner einen Liter Rotwein und setzte sich vor das eingegossene Glas, den Kopf auf die Hand gestützt. »Das ist nicht gut Kleine, wenn du zu saufen beginnst!« sagte ein alter, vorbeigehender Schauspieler und streichelte ihr den Rücken.

Schon drei Zigaretten hatte sie aufgeraucht. Endlich kam der, auf den sie wartete, ohne Eile – ein Mensch von nicht hohem Wuchs, in mittleren Jahren, mit schmaler, verwachsener Stirn, eisigen Augen. Sein starker Schnurrbart war aufgedreht, der farbige Kragen schnitt in seinen starken Hals. Er war ausgezeichnet gekleidet – ohne überflüssigen Schick. Er setzte sich, begrüßte Zoe kurz. Dann blickte er rings um sich, irgend jemand senkte vor ihm den Blick. Dieser Mann war Gaston, genannt »die Entennase«, in der Vergangenheit ein Dieb, später Mitglied einer der gefürchtetsten Räuberbanden. Während des Krieges brachte er es bis zum Unteroffizier, nach der Abrüstung ging er zur Friedensarbeit über – er wurde Zuhälter, ein »Louis« großen Maßstabs.

Jetzt ging er mit der nicht wenig bekannten Suzanne Bourge. Aber sie war im Verwelken. Sie sank auf jene Stufe, die Zoe Montrose voriges Jahr glücklich überschritten hatte. Gaston-Entennase sagte: »Suzanne hat gutes Material, aber sie wird es nie auszunützen verstehen. Suzanne geht nicht mit der Zeit. Als ob das ein Wunder wäre: Spitzenhosen und ein Morgenbad in Milch! Veraltete Sache – für Feuerwehrleute aus der Provinz! Nein, bei dem Senfgas, das mir an der Yser den Rücken verbrannt hat, schwöre ich: eine Kokotte von heute, wenn sie schick sein will, muß in ihrem Schlafzimmer einen Radioapparat stehen haben, boxen lernen, prickelnd sein, wie Stacheldraht, trainiert wie ein achtzehnjähriger Junge, Handstand machen und aus einer Höhe von zwanzig Metern ins Wasser springen können. Sie muß faszistische Versammlungen besuchen, über Giftgase sprechen und den Liebhaber jede Woche wechseln, um sie nicht an Schweinereien zu gewöhnen. Und die Meine können sie im Milchbad liegen sehen, wie einen norwegischen Lachs, wo sie von einer landwirtschaftlichen Farm träumt, in der Größe von vier Hektar. Eine abgeschmackte Närrin – hinter ihren Schultern steht bereits drohend das Freudenhaus.«

Zoe Montrose gegenüber benahm er sich mit größter Achtung. Wenn er ihr in einem Nachtlokal begegnete, forderte er sie ehrerbietig zum Tanz auf und küßte ihr als der einzigen Frau von Paris die Hand. Zoe begrüßte flüchtig die nicht wenig bekannte Suzanne Bourge, hielt aber die Freundschaft mit Gaston aufrecht. Er mußte von Zeit zu Zeit ihre besonders heiklen Aufträge ausführen.

Heute hatte sie ihn eilends ins Café »Globus« bestellt und war selber in dem verführerischen Aufzug der Straßenmidinettes erschienen. Gaston preßte nur die Kiefer aneinander, benahm sich aber durchaus korrekt.

Während er den sauren Wein schlürfte und durch den Qualm seiner Pfeife blinzelte, hörte er dumpf dem zu, was Zoe ihm zu erzählen hatte. Als sie geendet hatte, schnalzte sie mit dem Finger. Er sagte:

»Aber, es ist – gefährlich!«

»Wenn das gelingt, Gaston, sind Sie für ewige Zeiten ein versorgter Mann!«

»Für kein Geld, Gnädige, unternehme ich jetzt weder trockene, noch nasse Geschäfte – die Zeiten sind vorbei. Heutzutage ziehen es die Apachen vor, bei der Polizei zu dienen, während die professionellen Diebe Zeitungen herausgeben, oder sich mit Politik beschäftigen. Nur Anfänger, Burschen aus der Provinz, oder Jungens, die sich irgendwo angesteckt haben, eventuell Dilettanten, die rauben oder morden noch heute. Und werden sofort darauf von der Polizei ertappt. Nichts zu machen – reife Menschen müssen in den ruhigen Häfen abstehen. Wenn Sie mich für Geld engagieren wollen, weigere ich mich. Eine andere Sache wäre es, wenn ich die Sache für Sie machen würde. Dann möchte ich selbst riskieren, mir den Hals zu brechen!«

Zoe Montrose lächelte zart und ließ den Rauch aus den Ecken ihres kirschrot geschminkten Mundes. Sie legte ihre schöne Hand auf den Aermel der »Entennase«:

»Mir scheint es – wir werden übereinkommen, nicht wahr?«

Gaston-Entennases Nasenflügel zitterten, der Schnurrbart bewegte sich. Mit den bläulichen Lidern überdeckte er den unerträglichen Glanz seiner etwas hervorquellenden Augen:

»Sie meinen damit, ich könnte schon jetzt Suzanne aus meinen Diensten entlassen?«

»Ja, Gaston!«

»Mit vollen Segeln aus dem Hafen fahren?«

»Ja, Gaston!«

Er neigte sich über den Tisch, preßte den Pokal in seiner Faust:

»Mein Schnurrbart wird nach Ihrer Haut riechen?«

»Ich denke, das wird sich nicht vermeiden lassen, Gaston!«

»Gut so.« Er warf sich zurück. »Gut so … Es wird alles geschehen, so wie Sie es wollen!«

34.

Das Diner ist beendet. Der schwarze Kaffee und der hundertjährige Kognak ausgetrunken, die Zweidollarzigarre – Corona Coronas – bis zur Hälfte ausgeraucht, die Asche nicht heruntergefallen. Es kam die qualvolle Stunde: wohin jetzt? Mit welchem teuflischen Bogen konnte man auf diesen müden Nerven noch etwas lustiges spielen?

Rolling verlangte die Programme sämtlicher Pariser Vergnügungslokale.

»Wollen Sie tanzen?«

»Nein,« sagte Zoe, mit ihrem Pelz die Hälfte des Gesichts verdeckend.

»Theater, Theater, Theater!« las Rolling. Das war alles so langweilig: drei Akte fader Gespräche in der Comédie, wo sich die Schauspieler vor Langeweile und Ekel nicht einmal mehr schminken und die Schauspielerinnen in Toiletten aus berühmten Modehäusern mit leeren Augen in den Zuschauerraum blickten.

»Revue, Revue … da: Olympia – hundertfünfzig nackte Frauen, nur in Schuhen. Das Wunder der Technik: ein hölzerner Vorhang, in Schachfelder geteilt, auf welchen beim Aufstehen und Fallen nackte Frauen stehen. Wollen Sie – fahren wir hin?«

Mein lieber Freund – sie sind alle krummbeinig, diese Mädchen von den Boulevards!«

»Apollo! Hier waren wir noch nicht! Zweihundert nackte Frauen, nur in … Das lassen wir fort« Scala! Wieder Frauen … So, so … Außerdem: die weltberühmten musikalischen Clowns Pim und Jack.«

»Man spricht von ihnen« – sagte Zoe – »fahren wir dorthin!«

Sie nahmen die Proszeniumloge, neben der Bühne. Es lief eben die Revue. Ein junger Mensch in Frack und Zylinder, der keinen Augenblick ruhig sein konnte, und eine überreife Dame, mit rotem, breitkrempigem Hut und Stock unterhielten eine gutmütige Konversation, die aus Anzüglichkeiten gegen die Regierung, unschuldigen Neckereien des Polizeichefs bestanden, sie belächelten verführerisch die Edelvaluta-Ausländer und baten sie, sie mögen, so nebenbei, nicht am Ende gleich nach dieser Revue Paris den Rücken kehren und auch nicht ihren Freunden und Bekannten abraten, das lustige Paris zu besuchen. Ebenso fanden es wahrscheinlich auch in vergangenen Zeiten die hier ansässigen russischen Liberalen der Mühe wert, auf die Bühne zu sehen, während sie in dieser Loge saßen: hier wurde, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch die Idee geboren, in Rußland ein konstitutionell demokratisches Ministerium zu schaffen, um den Geist der freien Kritik, der Elegance und der europäischen Flottheit ins derbe Rußland zu verpflanzen. Dort aber …

Nachdem er über Politik gescherzt hatte, begann der junge Mann ununterbrochen mit den Füßen zu tänzeln und die Dame mit ihrem Stock rief unablässig hopp-la-la dazu. Dann kamen nackte, gepuderte Mädchen auf die Bühne gelaufen. Sie stellten ein lebendes Bild, das die angreifende Armee darstellen sollte. Im Orchester ertönten Fanfaren und Hornsignale.

»Das muß auf die jungen Leute wirken!« sagte Rolling.

»Wenn so viele Frauen auf der Bühne stehen – nicht mehr!« antwortete Zoe.

Der Vorhang fiel, ging wieder hoch. Die Hälfte der Bühne einnehmend, stand bis vorne, an der Rampe, ein unechtes Klavier, aus Karton. Die hölzernen Klöppel einer Jazz-Band begannen zu klopfen – Pim und Jack erschienen. Pim – wie sich's schickt, in einem unmöglichen Frack, Weste bis an die Knie, Hosen wie Schrauben, meterlangen Schuhen, die ihm sofort nach seinem Auftreten davonliefen (Applaus), in der Maske eines gutmütigen Idioten. Jack war mit Mehl überschüttet, trug eine Filzkappe und hatte auf dem Gesäß – eine Fledermaus aufgemalt.

Zunächst taten sie alles mögliche, um das Publikum zum Lachen bis zur Bewußtlosigkeit zu bringen, was ihnen auch gelang. Jack schlug Pim in die Fresse, worauf diesem aus dem Gesäß eine Staubwolke entstieg. Dann schlug Jack dem Pim auf den Schädel, wo sogleich eine riesige Geschwulst wuchs.

Jack sagte: »Hör' mal, wenn du willst, spiele ich auf diesem Klavier!« Pim lachte furchtbar, dann sagte er: »Nun, spiele auf diesem Klavier!« und setzte sich abseits auf einen Stuhl. Jack schlug mit voller Wucht auf die Tasten ein, das Ende des Klaviers stürzte ein. Wieder lachte Pim aus vollem Halse. Jack schlug ein zweites Mal auf die Klaviatur – die andere Seite des Klaviers fiel zu Boden. »Das macht nichts« sagte Jack und schlug Pim in die Fresse. Pim kollerte unter Trommelwirbel über die ganze Bühne, stand auf, sagte: »Das macht nichts,« spuckte eine Handvoll Zähne aus, nahm aus der Tasche einen Kehrbesen und eine Schaufel, wie man sie auf der Straße zum Sammeln des Unrats zu benützen pflegt, und begann, sich abzuputzen. Dann schlug Jack zum dritten Male auf das Klavier ein. Es zerfiel nun vollständig und unter ihm erschien ein wirklicher Konzertflügel. Die Filzkappe auf die Nase gedrückt, begann Jack plötzlich mit unbegreiflicher, wahrer Kunst und Eingebung die Campanella von Liszt zu spielen.

Zoe Montrose's Hände wurden eisig. Zu Rolling gewendet flüsterte sie: »Das ist ein großer Künstler!«

»Das ist nichts,« sagte Pim, als Jack sein Spiel beendet hatte, »jetzt höre zu, wie ich spiele!«

Er begann, aus verschiedenen seiner Taschen Damenhosen, alte Schuhe, Klystierspritzen, eine lebende Katze (Applaus) herauszuziehen, dann fand er auch eine Geige und sein gramvolles Gesicht des guten Idioten dem Publikum zugewendet, begann er, die unsterbliche Paganini-Etude zu spielen.

Zoe erhob sich, warf die Zobelboa um den Hals, ihre Brillanten funkelten: »Gehen wir, ich kann das nicht mit ansehen. Leider – war doch auch ich einmal Künstlerin …«

»Wohin sollen wir denn jetzt gehen, Kleine – es ist halb zwölf?!«

»Trinken will ich!«

Ein paar Minuten später hielt die Limousine auf dem Montmartre, in einer alten Straße, vor der zehn Fenster breit erleuchteten Front der Spelunke: »Zum Nachtmahl des Königs.« In dem niederen und schmalen Saal mit dem Spiegelplafond und Spiegelwänden, die grellrot verziert waren, herrschte eine heiße und rauchige Atmosphäre. In dem Gedränge, inmitten eines Regens von fliegenden Papierserpentinen, Zelluloidkugeln und Confetti, wiegten sich die tanzenden Paare: bis an die Hüften entblößte Frauen, die ihre geschminkten Wangen an die roten, blassen, betrunkenen, abgenützten, oder erregten Männergesichter preßten. Das Klavier donnerte über die Menge hin. Es heulten und winselten die Geigen und drei Neger, in Schweiß gebadet, arbeiteten an den eigentlichen Jazzbandinstrumenten: sie schlugen in riesige Becken, brüllten mit Autohupen, rasselten mit Brettchen, klirrten mit Tellern, schlugen auf eine türkische Trommel ein. Irgend eines Menschen feuchtes Gesicht rückte dicht an Zoe Montrose heran, irgendwelche Frauenarme umschlangen Rollings Hals.

»Gebt Platz, Kinder – für den chemischen König!« schrie der Maitre d'hotel und fand mit Mühe Platz an einem schmalen Tisch an der roten Wand, wo er Rolling und Zoe bat, Platz zu nehmen. Kugeln, Confetti und Serpentinen flogen auf die beiden Angekommenen.

»Man ist auf Sie aufmerksam geworden!« sagte Rolling.

Mit halb heruntergelassenen Augenlidern schlürfte Zoe Champagner. Schwül und feucht war es ihr unter der leichten Seide, die kaum ihre Brüste bedeckte. Eine Zelluloidkugel traf sie auf die Wange. Langsam wandte sie den Kopf herum. Irgendwelche Männeraugen, dunkel, wie mit Streifen umrändert, blickten mit finsterem Entzücken auf sie. Sie machte eine Bewegung nach vorne, legte ihre nackten Arme auf den Tisch und sog diesen Blick, wie Wein, in sich. Ist es denn nicht gleichgültig, womit ich mich betrinke, dachte sie.

Es schien, als wäre das Gesicht dieses Mannes in diesen paar Minuten schmäler geworden. Zoe stützte das Kinn auf die Hände. Sie fühlte, weshalb sein Gesicht schmäler wurde. Hat sie ihn nicht schon irgendwo gesehen? Wer ist er? Weder Franzose – noch Engländer! In dem dunklen Bart verfingen sich Confettis. Ein schöner Mund. »Ich bin neugierig, ob Rolling eifersüchtig ist!« dachte Zoe.

Ein Kellner wand sich durch die Tanzenden, überreichte ihr einen Zettel. Sie staunte, warf sich über die Lehne des Diwans, blickte von der Seite auf Rolling, der an seiner Zigarre sog, dann las sie den Zettel:

»Zoe, derjenige, auf welchen Sie mit solcher Zärtlichkeit blicken, ist Garin … Mit Handkuß Semjon …«

Sie wurde aller Wahrscheinlichkeit nach derart blaß, daß irgendeine Stimme in der Nähe, inmitten des Lärms schrie: »Sehen Sie, der Dame ist unwohl …« Aber sie nahm sich zusammen, hielt dem Kellner ihr leeres Glas hin, der es mit Champagner füllte. Rolling fragte:

»Was hat Ihnen Semjonow geschrieben?«

»Ich werde es Ihnen später sagen!«

»Er hat etwas über den Herrn geschrieben, der Sie so unanständig fixiert. Es ist derselbe, der gestern bei mir war. Ich habe ihn davongejagt.«

»Rolling, haben Sie ihn denn nicht erkannt? … Erinnern Sie sich an die Place Etoile … Es ist – Garin!«

Rolling schnaubte ein wenig. Dann nahm er die Zigarre aus dem Mund, sein Gesicht sah aus, wie damals, als er über den schweren Teppich hin- und hergelaufen war, alle fünf Kombinationen der Kampfmöglichkeiten gegen Garin erwägend. Damals hatte er laut mit den Fingern geschnalzt. Jetzt wandte er sich an Zoe, mit entstellten Zügen im Gesicht:

»Fahren wir, wir müssen ernst sprechen!«

In der Tür wandte sich Zoe noch einmal um. Inmitten des Rauchs und des allgemeinen Durcheinander sah sie wieder die glühenden Augen Garins. Plötzlich verdoppelte sich sein Gesicht, derart unerklärlich, daß ihr Kopf schwindelte. Dieser zweite, der vor ihm, mit dem Rücken gegen die Tanzenden saß, rückte zu ihm und beide blickten auf Zoe. Oder war es eine Spiegelung? …

Zoe kniff für einen Augenblick die Augen zusammen und lief über die abgetretenen Laufteppiche der Spelunke zum Auto, wo Rolling sie erwartete. Nachdem die Tür hinter ihr zugeschlagen war, berührte er ihre Hand:

»Ich habe Ihnen nicht alles von der Zusammenkunft mit dem mutmaßlichen Pjankow Pitkjewitsch erzählt … etwas blieb mir unverständlich: wozu hatte er es nötig, diesen hysterischen Anfall vorzuspiegeln? Er konnte doch nicht vermuten, daß ich einen Tropfen Mitleid für ihn haben würde. Sein ganzes Benehmen ist verdächtig … Wozu aber ist er zu mir gekommen? … Wozu ist er auf den Tisch gefallen? …«

»Rolling, das alles haben sie mir nicht erzählt!«

»Ja, ja … er hat die Uhr umgeworfen … die Papiere, die dort lagen, zerknittert.«

»Hat er versucht, Ihre Papiere, die auf dem Schreibtisch lagen, zu stehlen?«

»Wie? Stehlen?« – Rolling schwieg. »Nein, so war es nicht. Er verlor das Gleichgewicht und schlug mit der Hand auf der Schreibmappe auf … Dort lagen ein paar lose Blätter …«

»Sind Sie sicher, daß nichts verschwunden ist?«

»Es waren durchweg unbedeutende Notizen. Sie waren zerknittert und ich warf sie dann in den Papierkorb.«

»Ich flehe Sie an, erinnern Sie sich an alle Einzelheiten des Gesprächs!«

Die Limousine hielt auf der Seinestraße. Rolling und Zoe gingen in das Schlafzimmer. Rasch warf Zoe ihr Kleid ab und legte sich in das breite, modellierte Bett mit den Adlerkrallen unter dem Brokatbaldachin – eines der authentisch echten Betten Kaiser Napoleons I. Rolling erzählte nun das gestrige Gespräch mit Garin bis in die kleinsten Einzelheiten, indem er im Zimmer auf und ab ging, hie und da im Vorbeigehen dieses und jenes Kleidungsstück, das er eben ausgezogen hatte, über die Lehnen der goldenen Sessel hängend.

Zoe hörte ihm zu, auf die Ellbogen gestützt. Rolling begann, seine Hose auszuziehen, begann, von einem Fuß auf den anderen zu springen. In dieser Minute glich er keineswegs einem König. Dann legte er sich auch zu Bett und sagte: »Das ist entschieden alles, was vorgefallen ist!« Er zog die Atlasdecke bis zur Nase hoch. Die hellblaue Nachtlampe beleuchtete dieses prächtige Schlafzimmer, die hingeworfenen Kleidungsstücke, die goldenen Amoretten auf den Säulen des Bettes und die fleischige Nase Rollings, die aus der Decke hervorlugte. Sein Kopf versank in den Kissen, der Mund war halb offen, er glich nach und nach einem Toten.

Seine Nähe insbesondere hinderte Zoe am Nachdenken. Diese Nase lenkte ihre Gedanken nach einer anderen, ganz unnützen Erinnerung ab. Sie schüttelte mit dem Kopf, verscheuchte die Erinnerung. An Stelle Rollings schien ihr ein ganz anderer Kopf aus dem Polster entgegen zu blicken. Es wurde ihr überdrüssig, gegen diesen Gedanken anzukämpfen, sie schloß die Augen, lächelte. Aber das blasse, von Aufregung erfüllte Gesicht Garins tauchte wieder vor ihr auf …« Vielleicht wäre es doch besser, Gaston – Entennase zu telephonieren, er möge noch zuwarten …!?« Plötzlich durchzuckte es sie, wie von einem Nagel: »… mit ihm saß sein Doppelgänger … ebenso wie in Leningrad!! …«

Sie glitt unter der Decke hervor, zog eilends die Strümpfe an. Rolling brummte im Schlaf, sie stürzte zu ihm. Dann aber überlegte sie sich's anders, lief in das Ankleidezimmer. Sie zog rasch ein Kleid an, einen Regenmantel, den sie fest um die Taille schnallte und kehrte ins Schlafzimmer zurück, um die Handtasche mit dem Geld zu holen.

»Rolling!« rief sie leise, »Rolling … wir sind verloren!«

Aber er brummte nur im Schlaf – das war die ganze Antwort. Sie stieg ins Vestibül hinunter und schloß mit Mühe die altertümlichen Eingangstore auf. Die Seinestraße war leer. Ueber den schmalen Mansarden auf den Dächern stand der gelbe Mond. Gram erfaßte Zoe. Sie blickte immerzu auf diese Mondkugel über der schlafenden Stadt … »Mein Gott, mein Gott, wie einsam bin ich … wie unheimlich ist es … wie finster …« Mit beiden Händen drückte sie den Hut tiefer in die Stirn und lief gegen den Kai.

35.

Das alte, zweistöckige Haus Nr. 63, Rue Gobelin, mit einer Wand an schräg aufgestellte Stützpfeiler gelehnt, hatte eine Wand gegen einen unbebauten Platz zu, wo ein Bretterschild zu lesen war »Grundstück zu verkaufen«. An dieser Wand gab es nur Fenster von der Mansarde im zweiten Stock. Eine zweite (blinde) Wand grenzte an einen Park. Zu ebener Erde, an der Straßenseite, war eine Kneipe untergebracht. Für Kutscher und Chauffeure. Im ersten Stock war ein Stundenhotel. Die Zimmer des zweiten Stockes und die Mansarden wurden an ständige Mieter abgegeben. Dorthin kam man durch den Haupteingang und einen langen Tunnel.

Es war bereits ein Uhr nachts vorüber. Auf der Rue Gobelin gab es kein einziges, beleuchtetes Fenster mehr. Das Café war schon geschlossen – alle Stühle standen bereits umgekehrt auf den Tischen. Zoe blieb vor dem Tor stehen, über welchem die Nummer »63« in einem Laternchen brannte. Sie ließ den Kopf hängen. Schließlich faßte sie sich, läutete. Der Glockenstrang rauschte, das Tor öffnete sich. Von weitem brummte die Stimme des Hausbesorgers: »Nachts soll man schlafen, zur Zeit nach Hause kommen.« Aber er fragte gar nicht, wer gekommen sei. Hier herrschte eine richtige Spelunkenordnung. Eine furchtbare Unruhe erfaßte Zoe. Vor ihr erstreckte sich ein niederer, finsterer Tunnel. An der rauhen Wand, welche die Farbe von Stierblut hatte, brannte eine trübe Gasflamme. Semjonows Angaben waren folgendermaßen: am Ende des Tunnels, links, über eine Wendeltreppe, im zweiten Stock, links, Zimmer Nr. II.

In der Mitte des Tunnels blieb Zoe stehen. Es schien ihr, als hätte vor ihr, in der Ferne, jemand von links hervorgelugt – um sogleich wieder zu verschwinden. Ob sie nicht umkehren sollte? Sie lauschte – kein Laut. Sie lief bis zu einer Biegung, dort war ein stinkender Treppenabsatz. Hier begann ein schmaler Raum – eine von oben beleuchtete Wendeltreppe. Zoe ging auf den Fußspitzen – sie wollte die klebrigen Geländer nicht mit den Fingern berühren.

Das ganze Haus schlief. Auf dem Treppenabsatz des ersten Stockes führte ein alter, abgebröckelter Steinbogen in den finsteren Korridor. Während sie höher stieg, wandte sich Zoe wieder um – und wieder schien es ihr, als hätte hinter dem Bogenpfeiler jemand hervorgeblickt – um sofort wieder zu verschwinden … Aber das war nicht Gaston Entennase … Nein, nein, Gaston Entennase war noch nicht hier, er konnte noch nicht hier gewesen sein … er hatte noch keine Zeit dazu gehabt.

Auf dem Treppenabsatz des zweiten Stockes brannte ein Gaslicht, das die braune Wand beleuchtete, die mit Inschriften und Zeichnungen über nicht gestillte Wünsche bekritzelt war. Wenn Garin nicht zu Hause ist – wird sie hier auf ihn warten, bis morgen. Ist er zu Hause, wird sie hier bleiben, so lange, bis er ihr die Papiere, die er auf dem Boulevard Malesherbes an sich genommen hat, zurückgeben wird. Im Zweikampf – mit wem immer auch – würde sie Siegerin bleiben.

Zoe zog die Handschuhe aus, ordnete das Haar unter dem Hut und ging über den Korridor nach links, um die knieförmige Biegung. An der fünften Tür stand mit weißer Farbe geschrieben, in großen Ziffern die Nummer »II«. Zoe drückte die Türschnalle herab, die Tür öffnete sich leicht.

Durch das offene Fenster fiel Mondlicht in das kleine Zimmer. Auf dem Fußboden wälzte sich ein Koffer herum. Wie tote weiße Flecke lagen verschiedene Papiere umher. An der Wand, zwischen Waschtisch und Kommode, saß ein Mensch, nur im Hemd, mit an den Leib gezogenen Beinen, nackten Knien. Seine nackten Füße schienen riesig groß zu sein. Die eine Gesichtshälfte war vom Mond beleuchtet. Sie sah das eine, weitgeöffnete Auge glänzen. Dieser Mensch lächelte mit gefletschten Zähnen.

Wie eisige Schauer überlief Zoe Entsetzen. Sie blickte auf dieses unbewegliche, lachende Gesicht – das war Garin. Noch heute morgens hatte sie zu Gaston Entennase im Café »Globus« gesagt: »Stiehl bei Garin Zeichnungen und Apparat und töte ihn womöglich!« Heute abends aber hatte sie inmitten einer Rauch- und Dunstwolke, über einem Glas Champagner die furchtbaren Augen Garins gesehen – und hatte im Augenblick verstanden, daß so ein Mensch wie Garin sie nur rufen brauchte – und alles würde sie verlassen, vergessen, nur um ihm zu folgen. Heute Nacht, nachdem sie die Gefahr erkannt und sich auf die Suche nach Gaston Entennase begeben hatte, um ihn zu warnen, war sie sich selbst nicht bewußt, was es eigentlich war, das sie in solcher Unruhe durch das nächtliche Paris jagte, von einer Schenke in die andere, in Spielhäuser, überall hin, wo nur Gaston sein konnte – um schließlich in der Rue Gobelin zu landen. Welche Gefühle mochten diese kluge, kalte, grausame Frau bewogen haben, die Tür in das Zimmer dieses schlafenden Menschen zu öffnen, den sie selbst zum Tode verurteilt hatte?

Zoe wurde von Entsetzen gepackt. Starr blickte sie auf die gefletschten Zähne und das hervorquellende Auge Garins. Leise schrie sie heiser auf, näherte sich ihm und beugte sich über ihn. Er war tot. Das Gesicht blau, auf dem Hals Kratzspuren von Fingernägeln. Es war dasselbe magere, anziehende Gesicht mit den erregten Augen und den Confettis in dem seidenweichen Spitzbart … Zoe klammerte sich an die eisige Marmorplatte des Waschtisches und erhob sich mit Mühe. Sie vergaß, weshalb sie gekommen war. Bitterer Speichel füllte ihren Mund: »Das fehlte noch, hier bewußtlos zusammen zu stürzen.« Es drängte sie unaufhaltsam, sich auf das Bett zu werfen. Mit einer letzten Anstrengung riß sie sich den Knopf auf, der den Halskragen schloß, der sie würgte und ging zur Tür. In der Tür aber stand Garin.

Er erhob den Finger und drohte. Zoe verstand, preßte die Hand auf den Mund, um nicht aufzuschreien. Ihr Herz schlug furchtbar.

»Er lebt … er lebt …«

»Nicht ich bin tot,« sagte Garin, noch weiter drohend, »Victor Lenoir, meinen Mitarbeiter haben sie getötet … Rolling wird in den schweren Kerker wandern müssen …«

»Er lebt … er lebt …« sagte sie mit heiserer Stimme.

Er packte sie bei den Ellbogen. Sofort warf sie den Kopf zurück, ließ den Körper vornüber sinken ohne jeden Widerstand. Er zog sie an sich und da er fühlte, daß sie sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte, faßte er sie mit einem Arm um die Schulter.

»Wozu sind Sie hier?«

»Ich habe Gaston gesucht!«

»Wen? Wen?«

»… den, dem ich befohlen habe, Sie zu töten! …«

Für eine Sekunde wurden seine Hände schwächer. Dann erschütterte ihn eine krampfartige Muskelbewegung. Er preßte Zoe, ihre Knochen knackten, leise ächzte sie.

»Wenn Gaston Sie getötet hätte, hätte ich mich umgebracht …«

»Ich verstehe nicht …«

Und wie in ohnmächtigem Schlummer wiederholte sie, mit zarter, erlöschender Stimme:

»Ich selbst – verstehe nicht …«

Dieses sonderbare Gespräch ging in der Tür vor sich. Vor dem Fenster setzte sich der Mond auf die Graphitdächer. An der Wand, grell beleuchtet, fletschte Lenoir die Zähne.

Garin sagte wie zerstreut:

»Der Mörder ist über die Stützpfeiler durch das Fenster eingedrungen!«

»Gnade!«

»Für wen? Für Rolling?«

»Nein – für mich …«

»Sie sind um die Aufzeichnungen Rollings gekommen?«

»Gnade!« wiederholte sie.

»Sehen Sie, da sitzt er … mit gefletschten Zähnen … Blicken Sie zurück … Ich habe meinen Freund geopfert, um Ihren Rolling zu vernichten. Ich bin eben so ein Mörder – wie Sie … Gnade! … Nein, nein … Die Aufzeichnungen Rollings müssen von der Polizei in diesem Zimmer gefunden werden …«

Er lauschte irgendeinem Geräusch. Sofort machte Zoe eine Bewegung gegen die Tür. Ihre Arme an den Ellbogen zusammenpressend, blickte Garin über den Bogenpfeiler nach der Treppe.

»Gehen wir … ich werde Sie durch den Park ins Freie führen … Hören Sie, Sie erschütterndes, wunderbares Weib …« seine Augen blitzten, wie von wahnwitzigem Humor, »unsere Wege haben zusammengeführt. Fühlen Sie das? – Rolling – oder ich

Auf dem Treppenabsatz zu ebener Erde angekommen, bog Garin nach links, über den Korridor – auf eine schmale, finstere Treppe, welche direkt zu der Tür in den Park führte. Schweigend und aufmerksam sah Zoe zu, wie er eine Wachskerze anzündete und mit einem Stahlschlüssel, seinen ganzen Körper an die Tür stemmend, die anscheinend jahrelang nicht benützt worden war, das Schloß aufsperrte.

»Wie Sie sehen – war alles vorbedacht.« Sie traten ins Freie – unter die finsteren Bäume des Parks.

Um dieselbe Zeit trat von der Straße eben eine Abteilung Polizei ins Tor, die Garin vor einer Viertelstunde telephonisch verständigt hatte.

36.

»DER VIERFINGERIGE HIER. DROHENDE EREIGNISSE.«

(Paris, Jahr, Monat und Tag. Aufgegeben: 5 Uhr 30 Min. abends.)

 

Was für einen Grund, was für einen Zweck sollte es haben, daß Garin dieses Telegramm an Schelga aufgab. Als Fortsetzung des Schachturniers, das ihm auf dem Boulevard der Gewerkschafts-Verbände vorgeschlagen wurde? Schwer möglich – nur um des Spiels willen? Nein.

Schelga erinnerte sich sehr gut seines »verlorenen Bauern« im Sommerhaus auf der Krestowskij-Insel. Damals, auf dem Boulevard der Gewerkschafts-Verbände, hatte Schelga bald verstanden, daß Pjankow-Pitkjewitsch unbedingt noch einmal in das Sommerhaus auf der Krestowskij-Insel zurückkehren würde, um etwas zu holen, was er dort im Keller versteckt hatte. In der Abenddämmerung desselben Tages noch drang Schelga in das Sommerhaus ein, ohne den Wächter zu beunruhigen, und stieg mit einer Taschenblendlaterne in die Kellerluke ein. Der »Bauer« war sofort verloren: Zwei Schritte vor der Luke, in der Küche, stand Pjankow-Pitkjewitsch. Eine Sekunde, bevor Schelga erschienen war, war er aus dem Keller gesprungen, mit einem schweren Koffer vor sich wartete er hinter der Tür versteckt, bis Schelga durch die Luke in den Keller steigen würde. Mit Gepolter schlug er hinter Schelga dann die Luke zu und begann, die Falltür mit Kisten, Koffern und Säcken voll Kohle zu verrammeln. Schelga hatte mit erhobener Laterne zugesehen, wie durch die Ritzen der Falltürstaub auf ihn gefallen war. Er beabsichtigte damals, in Friedensverhandlungen einzutreten. Aber um diese Zeit wurde es oben plötzlich still. Davoneilende Schritte wurden hörbar. Schüsse krachten, dann vernahm er einen wilden Schrei. Es war ein Scharmützel mit dem Vierfingerigen. Eine Stunde später war die Miliz erschienen. Der fingierte Pjankow-Pitkjewitsch hatte sie verständigt. Das Spiel war klar.

Nachdem Schelga diesen »Bauern« verloren hatte, machte er einen guten Zug. Direkt von dem Sommerhaus eilte er in das Milizgebäude, per Auto von dort in den Yachtklub, weckte den Diensthabenden, einen zerzausten Matrosen, mit heiserer Stimme und fragte ihn:

»Was für ein Wind?«

Selbstverständlich ohne nachdenken zu müssen, antwortete der Seemann:

»Südwest!«

»Wieviel Knoten?«

»Fünf!«

»Sie bürgen dafür, daß alle Yachten vor Anker liegen?«

»Ich bürge!«

»Wer bewacht die Yachten?«

»Petjka, der Wächter.«

»Kann ich sie besichtigen?«

»Zu Befehl – Besichtigung!« Und er schlüpfte in seine Seemannsbluse, fand kaum die Armlöcher, so verschlafen war er noch.

»Petjka!« schrie er mit seiner Takelage-Stimme, während er mit Schelga auf die Klubveranda trat. Niemand antwortete. »Sicher schläft er irgendwo, man wird ihn an den Beinen zerren müssen!« sagte der Seemann und stellte den Kragen auf, um sich gegen den Wind zu schützen. »Ich habe mich um einen Viertelknoten geirrt. Windstärke: fünfeinviertel, nicht fünf!«

Nicht weit entfernt fanden sie den Wächter, der in einem Gebüsch, der Länge nach ausgestreckt, dalag, den Kopf unter dem Kragen seines Schafspelzes versteckt – tüchtig schnarchend. Der Seemann fluchte ausgiebig. Der Wächter stotterte, erhob sich. Sie gingen den Strand entlang, wo über dem stahlfarbenen, schon blau gewordenen Wasser ein ganzer Wald von Masten schaukelte. Wellen schlugen, mit starken Stößen fegte ein heftiger Wind von dem Finnischen Meerbusen herüber.

»Sind Sie sicher, daß alle Yachten hier sind?« fragte Schelga noch einmal.

»Es fehlt ›Orion‹, der ist in Peterhof … Und außerdem haben die Metallarbeiter zwei Yachten nach Strelna genommen …«

Schelga ging den Anlegeplatz entlang und fand an einem der Eisenringe, an welchen die Yachten mit Tauen festgebunden waren, ein Tau, das knapp an dem Eisenring abgeschnitten war – eine Yacht fehlte! Ohne sichtliche Erregung betrachtete der Diensthabende dieses abgeschnittene Tauende. Dann kratzte er sich den Nacken, rückte seinen Südwester auf die Nase, schwieg. Dann ging er den Anlegeplatz entlang, zählte die Yachten nach. Aber der Wind keilte die Yachten ein, warf sie, trotzdem sie festgebunden waren, durch einander, das Zählen fiel ihm schwer, er begnügte sich schließlich mit mehr allgemeinen Flüchen, da es in der Klubdisziplin ausdrücklich verboten war, die in der imperialistischen Kriegszeit üblichen Schimpfworte zu gebrauchen:

»Ob so – oder so, stimmt nicht …« brüllte er aus vollem Halse, – »einen Totschläger in die Fresse … ›Bibigonda‹, unsere beste Rennyacht … ist beim Teufel … soll seine Seele vom Teufel zerrissen werden … dieser Hundesohn, Pech soll sich über ihn ergießen … Petjka, dreißigmal hintereinander sollst du in diesem trüben Wasser ersaufen … wohin hast du denn geglotzt, statt hier Acht zu geben?! Du Parasit, du Dorftrottel! Die ›Bibigonda‹ ist fort …«

Petjka ächzte ohnmächtig, schlug sich mit den Fausthandschuhen in die Hüften. Und der Seemann fegte noch immer mit vollen Segeln durch die unerforschten Abgründe der groß-russischen Sprache dahin. Hier war nichts mehr zu tun. Schelga fuhr in den Hafen.

Es vergingen mindestens drei Stunden, bis es ihm gelang, auf einem Kutter der Tscheka mit großer Geschwindigkeit, ins offene Meer hinaus fahren zu können. Es war ziemlich starker Wellengang. Der Kutter bohrte sich mühsam seinen Weg. Die aufgepeitschte Gischt trübte den Ausblick durch das Fernglas. Als die Sonne aufging, bemerkte Schelga in den finnischen Gewässern, weit hinter dem Leuchtturm, ein Segel. Dort schlug sich die unglückliche »Bibigonda« zwischen den Klippen herum. Ihr Deck war verlassen. Von Bord des Kutters aus gab man ein paar Schüsse ab, gewissermaßen der Ordnung halber. Es blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge wieder umzukehren.

Auf diese Weise war es Garin gelungen, über die Grenze zu fliehen, indem er noch in derselben Nacht den zweiten »Bauern« erbeutet hatte. Die Anteilnahme des Vierfingerigen an diesem Spiele war nur Garin und Schelga bekannt. In dieser Hinsicht überlegte Schelga während der Rückfahrt nach dem Hafen noch Verschiedenes.

Zweifellos wird nun Garin im Auslande seinen Apparat entweder verkaufen oder selbst irgendwie benützen. Diese geheimnisvolle Erfindung war nun für die Sowjets verloren – wer weiß, ob sie nicht in künftigen Tagen noch eine entscheidende Rolle im Kampf der Sowjets gegen den Westen spielen würde. Aber im Auslande blieb für Garin eine ständige Gefahr: der Vierfingerige. Solange der Kampf gegen diesen Menschen für Garin nicht zu einem siegreichen Ende führt, wird er es schwerlich wagen können, mit seinem Apparat ans Tageslicht hervorzukriechen. Stellt man sich aber in diesem Kampf auf die Seite Garins, kann man nur Vorteile erringen. Das Dümmste wäre es jedenfalls (wenn auch für Garin das Vorteilhafteste), in Leningrad unverzüglich den Vierfingerigen zu verhaften. Garin würde vor Dank zerfließen. Also …

Die Schlußfolgerung war einfach: Schelga fuhr aus dem Hafen direkt nach seiner Wohnung, zog frische Wäsche an, telephonierte ins Kriminalamt, daß die Sache sich »von selbst« liquidiert hätte, schaltete das Telephon aus und legte sich schlafen, während er noch innerlich darüber lachte, wie eben der Vierfingerige wahrscheinlich daran war, von Gasen halbvergiftet und vielleicht auch verwundet, Hals über Kopf aus Leningrad zu fliehen. Das war Schelgas Gegenzug und Antwort auf den »verlorenen Bauer«.

Nun war das Telegramm angelangt: »Der Vierfingerige hier. Drohende Ereignisse.« Das war ein Schrei um Hilfe. Garin wandte sich an seinen Gegner um Hilfe gegen diesen Feind. Je länger Schelga nachdachte, umso klarer wurde es ihm: er mußte nach Paris fliegen. Er erkundigte sich telephonisch über die Abflugzeit des nächsten Passagierflugzeuges und kehrte auf die Veranda zurück, wo in der Halbdämmerung Taraschkin und Iwan saßen. Nachdem man auf dem Rücken des obdachlosen Knaben die Aufzeichnungen gelesen hatte, war der Bursche auffallend still geworden und wich nicht mehr von der Seite Taraschkins.

Durch die Zweige über dem orangefarbenen Wasser drang Stimmengewirr, Plätschern von Rudern, Weiberlachen. Dinge, die so alt sind, als die Welt selber, spielten sich in dieser lauen Nacht unter den dunklen Baumkronen des Waldes auf den Inseln ab, wo allerlei Vögel im Schlaf einander zuriefen, manche von ihnen durch die Menschenstimmen ein wenig scheu geworden, die Nachtigall schlug … Alle Lebewesen, aus Schnee, Regen und Stürmen des langen Winters aufgetaucht, beeilten sich, aufzuleben und man verschlang mit fröhlicher Gier den berauschenden Reiz dieser Nacht. Taraschkin hielt mit einem Arm Iwan um die Schulter umarmt, lehnte am Geländer, unbeweglich, und blickte auf das Wasser hinab, wo geräuschlos die Bote vorbeiglitten. Sein unschönes Gesicht wurde ernst, wichtig und ruhig.

»Nun, Iwan …« sagte Schelga, rückte näher und beugte sich über das Gesicht des Knaben, »wo gefällt es dir besser: dort oder hier? An der Olekma hast du wahrscheinlich schlechter gelebt, als hier, gehungert?!«

Iwan blickte auf Schelga, ohne mit den Augen zu zucken. In der Dämmerung schienen seine Augen traurig zu sein, wie bei einem erwachsenen Menschen.

Schelga zog aus seiner Westentasche ein Stück Zucker und klopfte damit Iwan an die Zähnchen, bis der Junge den Mund auftat und der Zucker dort verschwand.

»Und wir, Iwan, wir gehen mit den Jungens besser um, als die Leute dort, an der Olekma … Wir zwingen sie nicht zu arbeiten, schreiben auf ihre Rücken keine Briefe, schicken sie nicht siebentausend Werft weit mit der Bahn fort, unter den Waggons hängend … Siehst du, wie schön es bei uns auf der Insel ist? Weißt du, wem das da alles gehört? Das haben wir den Kindern geschenkt, für ewige Zeiten! Das alles – ist dein! (Iwan blinzelte.) Du denkst, ich hielte dich zum besten?! Ich gebe dir mein Ehrenwort als Pionier: alles, bis aufs letzte Baumblatt, Fluß, Vögel, Boote und der Himmel, bis auf achtzig Werft gegen oben – alles ist dein! Denke nur, wie reich du plötzlich geworden bist! Und du hast noch nicht alles gesehen! Die Stadt, die Fabriken, Tramways, Eisenbahnen – das alles gehört ebenfalls dir!«

»Sie werden den Jungen noch verwirren!« sagte Taraschkin.

»Durchaus werde ich ihn nicht verwirren! Sag, Iwan, hast du schon etwas über den Zaren gehört?«

»Ja, ich habe schon etwas über ihn gehört!«

»Früher hat das alles dem Zaren gehört – jetzt aber gehört es dir! Dir und mir und Taraschkin und den Leuten, die da unten in den Booten fahren – vielen Menschen. Darüber hat man dir an der Olekma sicherlich nichts erzählt!«

»Nein, davon hat man mir nichts erzählt!«

»Und wie bist du dorthin gekommen, hast du Verwandte dort gehabt?«

»Nein, niemand. Die Mutter ist an Flecktyphus gestorben, den Vater hat man getötet.«

»Wer war dein Vater?«

»Kosak, ein Partisan. Wir stammen aus dem Altai …«

»Wer hat Ihn getötet, die Weißen?«

»Irgendwelche Leute waren es, sauber angezogen … Auf Pferden sind sie gekommen. Und den Vater habe ich tot gesehen: er lag in einer Schlucht. Die Ameisen haben ihn aufgefressen …«

»Und was geschah mit dir?«

»Man hat mich im Wald gefunden, halb verhungert …«

»Diese Leute von der Olekma haben dich gefunden?«

»Ja. Sie haben mich als Küchenjungen beschäftigt. Ich mußte auf Bäume klettern, Zapfen mit Nüssen herunterholen, Eichhörnchen fangen, fürs Essen …«

»Was haben die Leute denn dort an der Olekma getan? Gold gesucht?«

»Gold selbstverständlich auch.«

»So, Gold selbstverständlich auch. Und aus wieviel Leuten bestand denn diese Gesellschaft?«

»Mit mir – sieben!«

»Wer waren sie?«

Iwan gab keine Antwort. Eine kurze Weile später rannen dicke Tränen aus seinen großen, offenen Augen.

Taraschkin schmiegte ihn behutsam an sich, schmeichelte ihm:

»Versteh' doch, du Kleiner, nicht die dort, wir sind deine Freunde. Antworte doch, hab' keine Angst. Wir fragen dich ja nicht zu deinem Schaden, sondern zu deinem Nutzen!«

»Ich weiß es,« antwortete Iwan, »ich möchte schon antworten. Aber sie haben's mir verboten. Sie sagten, wir werden dich auch finden, wenn du dich unter der Erde verkriechst – und werden dich totschlagen!«

»Wofür?«

»Wenn ich jemand meinen Rücken zeige … Sie sagten: du mußt in Leningrad Pjotr Petrowitsch Garin suchen – ich mußte seine Adresse auswendig lernen. Nur ihm allein darfst du deinen Rücken zeigen!«

»Und wer hat dir hauptsächlich gedroht?« fragte Schelga.

»Nikolai Christoforowitsch!«

»Was für ein Nikolai Christoforowitsch?«

»Manzew – er ist der Chef!«

»Und weißt du, was man dir auf den Rücken geschrieben hat?«

»Nein, ich bin Analphabet!«

»Kannst du, wenn es notwendig sein wird, den Weg wieder zeigen, den du gegangen bist?«

»Jeden Weg dort kann ich zeigen!«

»Haben die Leute dort lange gearbeitet?«

»Zwei Jahre lang haben wir unter dem Schajtanstein gelagert. Man hat einen ganzen Berg Erde aufgegraben. Und dann haben wir eine Fabrik aufgestellt!«

»Was für eine Fabrik?«

»Eine ganz gewöhnliche … Eine Erdhütte wurde ausgegraben, Destillierkolben, Kessel und Herde aufgestellt …«

»Woher hat man die Kessel genommen?«

»Nikolai Christoforowitsch hat sie von irgendwo her auf Flößen bringen lassen. Dann hat man sie sechs Wochen lang durch die Taiga herbeigeschleppt.«

»Also, eine chemische Fabrik, wenn ich recht verstehe?«

»Ist alles möglich. Sie haben immer von irgendeinem ›Radium‹ gesprochen … einem Erz … vielleicht reinigen sie es …«

Mit größter Spannung lauschten Schelga und Taraschkin den Antworten des Burschen. Schelga betrachtete noch einmal aufmerksam den Rücken des Knaben und machte dann mit Hilfe eines Magnesiumbandes einige photographische Aufnahmen dieser Aufzeichnungen.

»Und jetzt, Iwan, geh' hinunter, Genosse Taraschkin wird dich mit Seife waschen – dann kannst du schlafen gehen!« sagte Schelga, »du hast weder Vater noch Mutter gehabt, nur den hungrigen Magen … Jetzt aber hast du alles, bis an den Hals hinauf … lebe, lerne, wachse zu deinem Wohlergehen … Trauern ist unnötig. Die Erde ist dazu da, daß man mit fest in die Hüften gestemmten Armen auf ihr einherschreitet. Taraschkin wird dir Menschenvernunft beibringen. Leb' wohl. In ungefähr drei Tagen werde ich Garin sehen und ihm deinen Auftrag übergeben!«

Schelga lachte und bald darauf sauste er mit seinem Fahrrad, die Laterne grell leuchtend, durch die niederen Büsche stadtwärts.

37.

Halb acht Uhr morgens. Rolling erwachte, wie gewöhnlich in seinem Kaiser-Napoleonbett.

Wenn auch nicht ganz munter, um der Wahrheit die Ehre zu geben, aber doch vollkommen Herr seiner Gedanken und seines Willens, warf er das Taschentuch auf den Boden, setzte sich zwischen den seidenen Kissen auf und sah um sich. Das Bett war leer, im Zimmer niemand, Zoes Polster war kalt, das Bett nicht verdrückt.

Rolling hob von der Stütze eine bronzene Glocke aus der Zeit der Valois ab, schloß sie an den Strom an, es läutete, die Zofe Zoes trat ein. Rolling fragte, an ihr vorbeiblickend: »Madame?« Das Mädchen hob die Schultern, begann den Kopf herumzudrehen, wie eine Eule. Auf den Zehenspitzen ging sie ins Ankleidezimmer, von dort eilig in das Toilettezimmer, öffnete die Badezimmertür und erschien wieder im Schlafzimmer. Ihre Finger zitterten am Rande ihrer spitzen Schürze: »Madame ist nirgends!«

»Kaffee!« sagte Rolling. Er ließ selbst das Wasser in die Wanne fließen, zog sich allein an, schenkte sich persönlich den Kaffee ein. Währenddessen durchlief das ganze Haus eine stumme Panik, auf Zehenspitzen, im Flüsterton. Aus dem Hotel ins Freie tretend, stieß Rolling mit seinem Ellbogen den Portier in die Seite, der erschrocken hinzusprang, um die Tür zu öffnen. Rolling ging zu Fuß bis zur Brücke Solferino und nahm ein Lohnauto. Mit einer Verspätung von zwanzig Minuten traf er in seinem Büro ein.

An diesem Morgen roch es auf dem Boulevard Malesherbes nach Pulver. Auf dem Gesicht des Sekretärs stand die volle Hingebung an das Böse geschrieben. Mit schief gewordenen Gesichtern kamen die Besucher aus der Nußholztür. »Mr. Rolling ist ein wütendes Tier,« sagte einer von ihnen unten auf dem Trottoir und ein anderer, der die Absicht hatte, ins Kontor Rollings zu gehen, wandte sich um und fragte: »Was ist los?« Und diese beiden standen inmitten des Stroms von Fußgängern und breiteten die Arme aus, mit Gesten der Unbegreiflichkeit. Punkt ein Uhr blickte Rolling auf die Standuhr und zerbrach seinen Bleistift. Es war ihm klar, daß Zoe Montrose nicht kommen würde, um ihn zum Frühstück abzuholen. Er wartete bis viertelzwei. Im Laufe dieser schrecklichen Viertelstunde ergrauten auf dem dunkelkastanienfarbenen Scheitel des Sekretärs zwei Haare. Rolling fuhr allein zu Griffon – wie gewöhnlich – frühstücken.

Mr. Griffon war ein gutgewachsener, starker Mann, ehemals Koch, Besitzer einer Bierhalle, jetzt: Oberkonsulent in der großen Kunst der Feinheiten des Gaumens, der Verdauung. Er empfing Rolling mit einer heldenartigen, weit ausholenden Handbewegung.

In seinem dunkelgrauen Jackett, glänzendem assyrischen Bart und edler Stirn, stand Mr. Griffon in der Mitte des nicht großen Restaurationssaales, indem er sich mit der Hand auf den silbernen Sockel einer eigenartigen Einrichtung stützte, die einem Opfertisch ähnlich war, wo unter dem erhabenen Deckel eine seiner berühmten Hammelkeulen mit Bohnen briet.

Auf rotledernen Diwans, die längs der vier Wände liefen, saßen eine ganze Wand entlang, hinter den schmalen Tischchen – seine Stammgäste, fast durchwegs aus der Pariser Geschäftswelt – wenig Damen. Die Mitte des Saales war leer – nur der Opfertisch stand dort. Der Besitzer brauchte nur den Kopf herumzuwenden, um schon die kleinste Geschmacksnuance jedes seiner Klienten zu erkennen. Keine einzige, wenn auch noch so kleine Grimasse der Unzufriedenheit konnte ihm entgehen. Ja, noch mehr: vieles ahnte er sogar voraus: die geheimnisvolle Absonderung der Magensäfte, die schraubenartige Arbeit des Magens.

Während er sich mit strengem, beinahe väterlichem Gesicht näherte, sagte er mit entzückender, beinahe etwas zu derber Zärtlichkeit: »Mr. (oder Mme.), Ihr Temperament verlangt heute nach einem Gläschen Madeira und nach einem sehr trockenen Champagner – wenn Sie mich unter die Guillotine legen, gebe ich Ihnen heute keinen Tropfen Rotwein! Austern, ein klein wenig gesottenen Turbot, einen Schenkel junges Huhn und ein paar Stängelchen Spargel. Diese Skala wird Ihnen die Kräfte zurückgeben.« Auf solch eine Rede ihm etwas zu erwidern, wäre höchstens ein Patagonier imstande gewesen, der gewöhnt ist, Feldratten zu verspeisen.

Mr. Griffon kam nicht mit unterwürfiger Eile – wie man vermuten könnte – zu Rolling gelaufen. Nein. Hier, in der Akademie der Verdauung zahlen alle denselben Preis – der Milliardär ebenso wie der kleine Buchhalter, der seinen von Regen triefenden Schirm draußen dem Portier übergibt oder derjenige, der schnaufend aus seinem von Zigarrenrauch erfüllten Rolls-Roycecoupé steigt. Mr. Griffon ist Republikaner und Philosoph. Mit großzügigem Lächeln überreichte er Rolling die Speisekarte und riet ihm, zunächst etwas Melone zu nehmen, dann gebackenen Hummer mit Trüffeln und Hammellende. Mr. Rolling pflegt tagsüber keinen Alkohol zu sich zu nehmen – das ist auch Mr. Griffon bekannt.

»Ein Glas Whisky-Soda, dann eine Flasche Heidsick einkühlen!« sagte Rolling.

Mr. Griffon retirierte einen Schritt, für eine Sekunde flimmerte in seinen Augen Staunen, Angst und Ekel auf: der Kunde beginnt mit Alkohol, der die geschmacksempfindlichsten Bläschen der Mundschleimhäute betäubt, dann will er mit Champagner fortsetzen, der den Bauch aufbläst. Mr. Griffons Augen wurden trübe, ehrerbietig neigte er seinen Kopf vor Rolling: für heute ist dieser Kunde verloren, damit finde ich mich ab. Und während der ganzen folgenden Zeit wandte er seine Pupillen kein einziges Mal dem chemischen König zu, der an seinem Frühstück fraß.

Nach dem dritten Glas Whisky begann Rolling seine Serviette zu zerknüllen. Ein Mensch von solchem Temperament, der auf der niedrigsten Stufe der sozialen Treppe stand, wie z. B. ein Gaston-Entennase, hätte noch heute, bis Sonnenuntergang, Zoe Montrose aufgespürt, dieses Vieh, dieses schmierige Reptil, das aus einer Pfütze aufgelesen worden war, und hätte ihr das zusammenklappbare Messer in die Weichen getrieben. Rolling aber ziemten andere Manieren. Während er auf den Teller starrte, in welchem der Hummer mit den Trüffeln auskühlte, dachte er keineswegs daran, die Fresse dieser liederlichen Dirne blutig zu schlagen, die heute Nacht aus seinem Bett entflohen war … In Rollings Gehirn, in den gelben Whiskydämpfen, wurden eben jetzt auserlesene, kränkende Rachegedanken ausgesponnen, die sich in seinem Kopfe kreuzten, durch sein Gehirn schlängelten, bis er endlich verstand, daß er sich erst in dieser Minute darüber klar wurde, was die schöne Zoe Montrose für ihn bedeutete … In seiner Qual trieb er die Serviette unter den Fingernägeln ins Fleisch ein.

Der Kellner nahm den unberührten Teller von seinem Tisch. Goß Champagner ein. Rolling ergriff das Glas, trank gierig auf einen Zug den ganzen Inhalt – seine goldenen Zähne schlugen ins Glas. Da sprang draußen Semjonow aus einem Auto und lief herein. Sofort bemerkte er Rolling. Er riß den Hut vom Kopf, beugte sich über den Tisch und begann flüsternd, Speichel spritzend zu erzählen:

»Haben Sie die Zeitungen gelesen? … Eben war ich in der Morgue … Er ist es … Aber wir können da nichts dafür … Ich kann das mit einem Eid beschwören … Wir haben unser Alibi … Wir waren die ganze Nacht hindurch auf dem Montmartre … mit Mädchen … es wurde festgestellt, daß der Mord zwischen drei und vier Uhr morgens verübt wurde … das steht in den Zeitungen, das steht in den Zeitungen …«

Das erdfarbene Gesicht Semjonows, vor Aufregung verzerrt, sprang vor Rollings Augen auf und ab.

Die Umhersitzenden wandten sich um.

Ein Kellner trat mit einem Sessel für Semjonow heran.

»Zum Teufel!« sagt Rolling aus seinen Whiskywolken, »Sie stören mich beim Speisen!«

»Gut … entschuldigen Sie … Ich werde auf Sie an der Ecke im Auto warten …«

38.

Die ganze letzte Zeit über war es in der Pariser Presse ruhig. Sie glich einem spiegelglatten See. Die Bourgeois gähnten, während die Literarischen Leitartikel Feuilletons über Theatervorstellungen, Chroniken aus dem Schauspielerleben lasen.

Durch diese wohlgemute Ruhe bereitete die Presse einen orkanartigen Angriff auf den Geldbeutel der mittleren Bourgeois vor. Rollings chemischer Konzern – nachdem er sich organisiert und seine kleinen Gegner vernichtet hatte – bereitete eine große Kampagne à la Hausse vor. Die Presse war gekauft, die Journalisten mit den wichtigsten Kenntnissen auf dem Gebiete der chemischen Industrie ausgerüstet. Für politische Leitartikel waren bereits verblüffende Dokumente vorbereitet. Zwei, drei Ohrfeigen, ebenso viele Duelle machten die Dummen mundtot, die versucht hatten, nicht unisono mit den allgemeinen Plänen des Konzerns zu plappern.

Tiefe Stille trat in Paris ein. Die Auflagen der Zeitungen verminderten sich wesentlich. Deshalb war der Mord auf der Rue Gobelin Nr. 63 ein reiner Fund.

Am nächsten Morgen schon erschienen sämtliche fünfundsiebzig Pariser Blätter mit fettgedruckten Ueberschriften von dem »geheimnisvollen und grauenhaften Verbrechen«. Die Persönlichkeit des Ermordeten konnte nicht agnosziert werden, da seine Dokumente geraubt worden waren – in dem Hotel war er unter dem offenkundig erfundenen Namen Joseph Joseph gemeldet. Es schien, als handelte es sich hier nicht um einen Raubmord – Geld und Pretiosen verblieben in den Taschen des Ermordeten. Auch auf Rache konnte man schwerlich schließen – das Zimmer Nr. II trug Spuren einer sorgfältigen Durchsuchung, Geheimnis war alles – blieb Geheimnis. Mystischer Nebel fiel auf das Haus in der Rue Gobelin.

Die Mittagsblätter brachten erschütternde Einzelheiten: in dem verhängnisvollen Zimmer wurden eine Damenhaarnadel aus Schildkrot, mit fünf großen Brillanten gefunden. Außerdem entdeckte man auf dem staubigen Fußboden Spuren von Damenschuhen. Vor dieser Haarnadel bebte Paris effektiv. Es stellte sich heraus, daß die Mörderin eine Dame der großen Welt sein mußte.

Die Vieruhrblätter widmeten ihre Spalten Interviews mit den berühmtesten Frauen von Paris. Sie alle schrien einstimmig: nein, nein, nein – die Mörderin könne keine Französin sein, das sei zweifellos die Tat einer Deutschen, einer »Boche«. Einige Zeitungsstimmen lenkten die Aufmerksamkeit in der Richtung gegen Moskau – erfolglose Andeutungen. Die berühmte »Mimi«, aus dem Olympiatheater, ließ eine historische Phrase von Stapel: Ich bin bereit, mich jenem Manne hinzugeben, der dieses Geheimnis entschleiert. Das hatte Erfolg.

Mit einem Wort: in ganz Paris wußte nur Rolling allein, der bei Griffon saß, nichts von den Vorfällen auf der Rue Gobelin, trotzdem gerade er am ehesten davon wissen sollte. Er war sehr zornig und deshalb gerade ließ er absichtlich Semjonow zwei Stunden lang draußen im Lohnauto warten. Endlich erschien Rolling, schlenkernden Ganges draußen an der Straßenecke, kroch schweigend in den Wagen und befahl, ihn in die Morgue zu fahren. Wütend, unter ständigen Windungen und Körperverdrehungen, erzählte ihm Semjonow unterwegs die Meldungen der Zeitungen.

Gelegentlich der Erwähnung der Haarnadel mit den fünf Brillanten bebten Rollings rot behaarte Finger, die den Knauf des Stockes umklammert hielten. In der Nähe der Morgue machte er schon eine Bewegung gegen den Chauffeur zu, um ihn umkehren zu lassen, aber er besann sich im letzten Augenblick, nur verzerrte sich sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln.

In den Türen der Morgue herrschte großes Gedränge. Damen in Pelzen, Schauspielerinnen, die sich an ihre fetten Kollegen klammerten, sie alle strebten dem Innern der Totenkammer zu, um den Helden des Tages zu erspähen, der dort auf dem glitschigen Marmorbrett lag, mit dem Kopf gegen das halbunterirdische Fenster.

Besonders schrecklich war der Anblick seiner nackten, großen, bläulichen Füße mit den stark verwachsenen Nägeln. Das todgelbliche Gesicht war durch einen Krampf des Entsetzens entstellt. Der Bart stand aufrecht. Gierig drängten die Frauen zu dieser gefletschten Maske heran, die sie mit aufgerissenen Pupillen, leise aufschreiend, girrend, mit dem Blick in sich einsogen. Das ist er, so sieht er aus – dieser Liebhaber der Dame mit der brillantenen Haarnadel!

Wie eine Natter kroch Semjonow vor Rolling durch die Menge an den Körper des Toten heran. Entschlossen blickte Rolling in das Gesicht des Ermordeten. Eine Sekunde lang betrachtete er ihn. Seine Augen kniffen sich zusammen, die fleischige Nase zog sich in Falten, wild glänzten die goldenen Zähne.

»Nun, nun, das ist doch er, er?!!« flüsterte Semjonow.

Diesmal antwortete ihm Rolling: » Wieder ein Doppelgänger!« der ihm ins Gesicht blickte, als wollte er ihn photographieren, um im nächsten Augenblick bereits in der Menge unterzutauchen.

Kaum war diese Phrase ausgesprochen, als hinter den Schultern Rollings ein lichthaariger Kopf auftauchte,

Das war Schelga.

39.

Semjonow noch vor der Morgue verlassend, fuhr Rolling nach der Seinestraße. Dort war alles so geblieben wie morgens. Es herrschte eine stille Panik. Zoe kam nicht zurück, hatte nicht telephoniert – kein Lebenszeichen hatte sie von sich gegeben.

Rolling sperrte sich im Schlafzimmer ein, ging auf dem Teppich hin und her, indem er die Kappen seiner Schuhe betrachtete. Vor der Seite des Bettes, wo er zu schlafen pflegte, blieb er stehen, kratzte sich das Kinn. Dann legte er sich rasch auf den Rücken, schloß die Augen. Da erinnerte er sich all dessen, was ihn den ganzen Tag lang gequält hatte.

»Rolling, Rolling, wir sind verloren …«

Das hatte Zoe mit leiser, hoffnungsloser Stimme gesagt. Das war erst heute Nacht – plötzlich, inmitten dieses Gesprächs war er eingeschlafen. Zoes Stimme hatte ihn nicht mehr zu wecken vermocht, war nicht mehr bis zu seinem Bewußtsein vorgedrungen. Umso deutlicher hallten jetzt ihre verzweifelten Worte in seinen Ohren.

Es warf Rolling auf seinem Bett wie mit Sprungfedern. Also: der sonderbare Anfall Garins vor dem Schreibtisch auf dem Boulevard Malesherbes, Zoes Aufregung in der Kneipe »Das Nachtmahl des Königs«, ihre beharrlichen Fragen: genau, genau, welche Papiere konnte Garin aus dem Arbeitskabinett geraubt haben? – dann: Rolling, Rolling, wir sind verloren! … Ihr Verschwinden. Die Leiche des Doppelgängers in der Morgue. Die Haarnadel mit den Brillanten. Gerade gestern – er erinnerte sich genau – hatte sie mit ihren fünf Brillanten in dem üppigen Haar Zoes geleuchtet.

In der Kette der Ereignisse war eines klar: Garin hatte zu dem bereits erprobten Mittel des Doppelgängers gegriffen, um den Schlag von sich abzulenken. Er raubte Rollings Notizen, um sie gegebenen Falles auf dem Tatort irgendwo zu verstreuen und so die Polizei auf den Boulevard Malesherbes zu lenken.

Bei all seiner Kaltblütigkeit fühlte Rolling, wie es ihm eisig den Rücken hinab lief. »Rolling, Rolling, wir sind verloren …« Das heißt: sie hat alles vorausgesehen, sie wußte von dem geplanten Mord. Der Mord war zwischen drei und vier Uhr morgens geschehen, um halb fünf Uhr war die Polizei am Tatort erschienen. Während er gestern eingeschlafen war, hatte Rolling noch gehört, wie die Uhr auf dem Kamin dreiviertel Drei geschlagen hatte. Das war sein letzter bewußter Augenblick vor dem Einschlafen. Dann war Zoe verschwunden. Zweifellos war sie nach der Rue Gobelin gelaufen, um die Spuren von Rollings Notizen zu vernichten.

Wieso aber konnte Zoe über den vorbereiteten Mord alles wissen? Nur dann, wenn sie ihn selbst vorbereitet hatte! Rolling näherte sich dem Kamin, stützte die Ellbogen auf die Marmorplatte und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Aber warum, warum hatte sie ihm mit solchem Entsetzen die Worte zugeflüstert: »Rolling, Rolling, wir sind verloren!«? Etwas war gestern vorgefallen, das ihre Pläne umgestürzt hatte. Aber was? Und in welcher Minute? Im Theater, in der Kneipe, zu Hause?

Sie war fortgelaufen, um die Situation zu retten, einen Fehler gutzumachen. Ist es ihr gelungen oder nicht? Garin lebt, Rollings Notizen sind bis jetzt nicht aufgedeckt, der Doppelgänger wurde ermordet. Soll das Rettung bedeuten oder Verderben? Wer ist der Mörder? Jemand, den Zoe gedungen hat – oder Garin selbst? Und warum, warum ist Zoe verschwunden?

Während er in seinem Gehirn nach diesem Umschwung in Zoes Gesinnung forschte, strengte Rolling seine Vorstellungskraft aufs äußerste an – eine Vorstellungskraft, die an ganz andere Arbeit gewöhnt war. Sein Gehirn schien zu bersten. Eine Bewegung nach der anderen, eine Bemerkung nach der anderen, erinnerte er sich genau des ganzen Verhaltens Zoes während des gestrigen Tages.

Er fühlte, wenn er nicht jetzt, da er vor dem Kamin stand, alle Vorgänge bis in die kleinsten Einzelheiten verstehen würde, dann ist sein Spiel verloren, eine Niederlage, die Vernichtung – wäre unausbleiblich.

Drei Tage vor dem großen Angriff auf die Pariser Börse würde eine bloße Andeutung seines Namen, den man mit dem Morde in Verbindung brächte, einen unerhörten Skandal heraufbeschwören, das hieße: Krach … So ein Schlag gegen Rolling wäre ein Milliardenschlag gegen tausende seiner Unternehmungen in Amerika, China, Indien, Europa, in den afrikanischen Kolonien – die ganze Arbeit dieses Mechanismus würde gestört werden … Eisenbahnen, transozeanische Schiffahrtslinien, Erzgruben, Fabriken, Banken, hunderttausende von Angestellten, Millionen von Arbeitern, Zehnmillionen von Effektenbesitzern – all das würde, in den Grundfesten erschüttert, wanken, still stehen, in Panik ausbrechen …

Rolling war in der Lage eines Menschen, der nicht weiß, von welcher Seite her man ihm das Messer in den Leib rennen würde. Die Gefahr war tödlich. Seine Einbildungskraft arbeitete so, als würde man ihm für jeden Gedankenblitz, der in der Sekunde durch sein Gehirn flog, eine Million Dollar bezahlen. Diese Viertelstunde Rollings vor dem Kamin wäre würdig, in der Geschichte mit denselben Lettern festgehalten zu werden, wie die weltbekannte Geistesgegenwart Napoleons während der Schlacht bei Austerlitz.

Aber Rolling, dieser Anhäufer von Milliarden, der Kopf eines internationalen Konzerns, eine beinahe symbolische Erscheinung, gab sich in der entscheidendsten Minute seines Lebens (und noch dazu zum ersten Male im Leben) einer ganz unnützen Beschäftigung hin: er stand mit geblähten Nüstern vor dem Spiegel und ohne sein eigenes Spiegelbild zu sehen, statt Zoes Handlungen weiter zu analysieren, begann er, sich dieses Weib vorzustellen, so wie sie wirklich aussah, ihr feines, blasses Gesicht, die finster-eisigen Augen, den leidenschaftlichen Mund. Er fühlte das warme Aroma ihrer kastanienfarbenen Augen, die Berührung ihrer klugen Hand. Und ihm schien es, daß er, derselbe Rolling (zu seinem nicht gerade sehr vorteilhaften Aeußeren kamen da noch sein berechnender Sinn und verschiedene kleine Buchhalterfeigheiten) mit seinen ganzen Wünschen, mit seinem Geschmack, dem rasenden Ehrgeiz, der Machtgier, mit seinen widerlichen Launen und beißenden Gedanken über den Tod – in eine neue Wohnung übersiedelt wäre, in die Seele dieses klugen, jungen, bis zum Wahnsinn anziehenden Weibes. Sie aber war nicht da. Und er fühlte sich wie auf das schmierige, nächtliche Pflaster geworfen. Er hörte in diesem Augenblick auf, sich selbst notwendig zu sein, sie war nicht mehr hier. Obdachlos ist er geworden. Was gehen ihn die Weltkonzerne an – ihn, wo der Gram, der Gram diesen ganzen einsamen, kläglichen Menschen angefallen hat!

Dieser tatsächlich sonderbare Zustand des chemischen Königs wurde durch das Stapfen von zwei Sohlen, die über den Teppich näher kamen, unterbrochen. (Das Fenster des im Parterre gelegenen Schlafzimmers, das gegen den Park zu lag, war offen.) Rolling zitterte am ganzen Körper. Im Kaminspiegel tauchte das Spiegelbild eines stämmigen Menschen mit starkem Schnurrbart und verwachsener Stirn auf. Er hielt den Kopf gebeugt und blickte auf Rolling, ohne mit den Augen zu zwinkern.

40.

»Was wollen Sie?« winselte Rolling, ohne fähig zu sein, mit der Hand in seine rückwärtige Hosentasche nach der Browningpistole zu langen.

Scheinbar hatte der stämmige Mensch auf etwas ähnliches gewartet, denn er sprang sogleich hinter die Draperie. Von dort aus streckte er wieder den Kopf hervor.

»Ruhig! Schreien Sie nicht, ich bin gekommen, um Sie weder zu töten, noch auszurauben,« – er hob seine Handflächen – »ich bin geschäftlich hier!«

»Was für Geschäfte können das sein? Geschäftlich gehen Sie auf den Boulevard Malesherbes 48, von elf bis eins … Sie sind wie ein Dieb, wie ein Strolch durch das Fenster hereingekrochen!«

»Entschuldigen Sie,« antwortet der Mensch höflich, »mein Name ist Leclair, Gaston Leclair, ich bin unter dem Spitznamen ›Entennase‹ bekannt. Ich besitze eine Kriegsauszeichnung von der Schlacht vor Verdun und bekleide den militärischen Rang eines Sergeanten. Ich arbeite nie mit Kleinigkeiten, habe noch nie gestohlen. Daher rate ich Ihnen, Mr. Rolling, daß Sie sich unverzüglich vor mir entschuldigen, widrigenfalls unser Gespräch nicht stattfinden kann …«

»Scheren Sie sich zum Teufel!« sagte Rolling, schon ruhiger geworden.

»Wenn ich dieser Aufforderung Folge leiste, dann wird das Ihnen nicht unbekannte Fräulein Montrose verloren sein!«

Rollings Wangen bebten. Sofort näherte er sich Gaston. Der sagte ehrerbietig, wie es sich gebührt, wenn man mit einem Milliardär spricht – und dazu mit einer Nuance derber Freundlichkeit, zu der man dem Manne seiner Liebhaberin gegenüber sich verpflichtet fühlt.

»Also, Herr, Sie entschuldigen sich?«

»Sie wissen, wo sich Mlle. Montrose verborgen hält?«

»Also, Herr, um das Gespräch fortsetzen zu können – ich nehme also an, daß Sie sich vor mir entschuldigen?!«

»Ich entschuldige mich!« brüllte Rolling.

»Ich nehme die Entschuldigung an.« Gaston entfernte sich von dem Fenster, ordnete mit gewohnter Bewegung seinen Sergeantenschnurrbart, räusperte sich, dann sagte er: »Zoe Montrose ist in den Händen des Mörders, über den ganz Paris schreit!«

»Wo ist sie?!« Rollings Lippen zitterten.

»In Ville-d'Orvey, nahe dem Park Saint-Cloud, in einem Hotel für vorübergehende Besucher, zwei Schritte von dem Museum Gambetta. Gestern nachts habe ich sie im Auto bis Ville-d'Orvey verfolgt, heute habe ich die genaue Adresse erfahren.«

»Ist sie freiwillig mit ihm geflohen …?«

»Gerade das würde mich am meisten interessieren,« sagte Gaston mit bebenden Nasenflügeln und knirschenden Zähnen.

Erstaunt blickte Rolling auf ihn:

»Gestatten Sie, Herr Gaston, ich verstehe nicht recht, welchen Anteil Sie an dieser ganzen Geschichte nehmen? Was geht Sie Mlle. Montrose an? Warum spüren Sie ihr nachts nach, forschen ihren Aufenthaltsort aus?«

»Genug,« mit einer edlen Geste streckte Gaston abwehrend den Arm aus, »ich verstehe Sie, Sie mußten mir diese Frage stellen. Ich antworte Ihnen: ich bin verliebt – ich bin eifersüchtig …«

»Aha …« sagte Rolling.

»Sie wünschen Details: bitte, hier haben Sie sie. Heute nachts, als ich aus dem Café trat, wo ich einen Grog zu trinken pflege, sah ich Mlle. Montrose. Sie sauste in einem Lohnauto vorbei. Ihr Gesicht war entsetzt. In ein Auto springen und ihr nachsausen war die Sache einer Minute. Auf der Rue Gobelin ließ sie die Maschine halten und trat in den Flur des Hauses Nr. 63. (Rolling blinzelte, als hätte man ihn gestochen und ließ sofort den Kopf sinken. Gaston ließ ein männliches Brüllen vernehmen.) Außer mir vor eifersüchtiger Vorahnungen ging ich auf dem Trottoir gegenüber diesem Haus auf und ab. Punkt viertel Fünf kam Mlle. Montrose nicht wie ich erwartet hatte aus dem Hauseingang, sondern aus jenem Tor, das an der rückwärtigen Front des Hauses direkt in den anschließenden Park führt. Sie stützte ihre Schulter an einen Menschen mit schwarzem Spitzbart, der einen Covercoat und grauen Hut trug. Das übrige wissen Sie …«

Rolling sank in seinem Sessel ganz zusammen (der Sessel stammte aus der Zeit der Kreuzzüge) und blieb lange sitzen, mit den Fingern in die geschnitzte Armlehne geklammert … Das sind sie, die fehlenden Fakten … Der Mörder Garin – Zoe Mitbeteiligte … Der verbrecherische Plan ist klar. Sie töten den Doppelgänger in der Rue Gobelin, um Rolling in diese schmutzige Geschichte hineinzuziehen und bei ihm das Geld für den Bau des Apparates zu erpressen. Dieser ehrliche Sergeant und klassische Narr, dieser Gaston, hat zufällig das Verbrechen aufgedeckt. Alles war klar. Man mußte entschlossen und unbarmherzig vorgehen.

Rollings Augen loderten böse auf. Er erhob sich, warf den Sessel zu Boden.

»Ich telephoniere der Polizei – wollen Sie mit mir nach Ville-d'Orvey fahren?«

Gaston lächelte, sein langer Schnurrbart kroch abwärts.

»Ich glaube, Mr. Rolling, es wäre vorteilhafter, die Polizei nicht in diese Angelegenheit zu verwickeln. Wir werden die Sache mit unseren eigenen Kräften auslöffeln!«

»Ich will den Verbrecher und seine Komplizin verhaften lassen und diese nichtswürdigen Menschen den Händen der Gerechtigkeit ausliefern!«

Rolling reckte sich auf, erhob sich auf die Fußspitzen, seine Stimme klang wie Stahl.

Gaston machte eine ungewisse Geste.

»Ja, ja … freilich ist es so … Aber ich habe ein paar sehr zuverlässige Jungens an der Hand … Burschen, die schon hübsch etwas hinter sich haben … Ich könnte sie nach einer Stunde in zwei Autos nach Ville-d'Orvey bringen … und mit der Polizei … ich versichere Sie, ist es besser, sich gar nicht einzulassen …«

Aber Rolling schnaubte nur und nahm von dem Kaminsims den Telephonhörer ab. Mit blitzartiger Geschwindigkeit packte ihn Gaston bei der Hand:

»Rufen Sie nicht die Polizei an!«

»Warum?«

»Weil man sich nichts Dümmeres ausdenken könnte. (Rolling machte wieder eine Bewegung gegen das Telephon zu.) Sie sind ein Mensch von merkwürdigem Verstand, Mr. Rolling, können Sie denn in meinen Worten nicht zwischen den Zeilen lesen? Es sind Dinge, über die man nicht direkt spricht … Ich flehe Sie an, nicht zu telephonieren … Teufel noch 'n mal! Deshalb, weil – wenn Sie anrufen, wir beide unter die Guillotine kommen!! (Rolling gab ihm wütend einen Stoß in die Brust und warf das Telephon hin. Rasch drehte sich Gaston zu ihm hin und flüsterte in sein Ohr:) Mlle. Zoe Montrose hat mir in Ihrem Auftrage den Befehl gegeben, mit erhöhter Geschwindigkeit einen russischen Ingenieur in der Rue Gobelin 63, zu Vater Abraham zu befördern. Diese Nacht wurde der Auftrag vollführt. Jetzt brauche ich 10 000 Franken – in Form eines Vorschusses für meine Kleinen. Scheck ausgeschlossen. Haben Sie das entsprechende Bargeld bei sich?!«

*

Eine Stunde später fuhr über die Seinestraße ein Reiseauto mit geschlossener Carosserie. Eilig sprang Rolling hinein. Während die Maschine auf der sehr engen Straße über eine Kurve fuhr, kam Schelga hinter einem Haustor hervor und klammerte sich unbemerkt an die rückwärtige Wand des Autos, wo Ersatzreifen befestigt waren.

Die Maschine fuhr über den Kai. Auf dem Marsfeld, dort, wo Robespierre einst, mit Aehren in der Hand, vor dem Opfertisch des höchsten Wesens geschworen hatte, die Menschheit zu zwingen, den großen Kollektivvertrag auf ewigen Frieden und ewige Gerechtigkeit zu unterschreiben, dort erhebt sich jetzt in all seiner Häßlichkeit der ungeheure Eiffelturm. Zweieinhalb Millionen elektrischer Kerzenkraft flimmerten auf seinem Stahlgerüst, liefen pfeilförmig auseinander, beleuchteten die Linien des Turmes und schrieben während der ganzen Nacht, weit nach Paris hinein sichtbar, ununterbrochen: »Kaufen Sie die praktischen und billigen Automobile der Firma Citroen … Kaufen Sie die berühmte Marke Citroen!«

Rollings Maschine bog auf das rechte Seineufer und sauste über die glatte schwarze spiegelnde Chaussee gegen Versailles. Bald darauf holten zwei geschlossene Lohnauto Rollings Wagen ein, in welchen hinter den Fenstern die glühend roten Kohlen von Zigarren sichtbar waren.

41.

Die Nacht war feucht, warm und sternenlos. Hinter dem offenen Fenster, das von dem niedrigen Plafond bis zum Fußboden reichte, begannen unsichtbare Blätter zu rauschen, wurden wieder still. In diesem Zimmer – erster Stock, Hotel »Zur schwarzen Drossel« war es finster und ruhig. Feuchter Duft, der von dem Park aufstieg, mischte sich mit Parfüm. Der alte Damast an den Wänden war damit durchtränkt, die abgetretenen Teppiche – und das riesige Holzbett, das im Verlaufe vieler Jahre bereits so manche Liebhaberin beherbergt hatte. Dies war ein guter, alter Platz für ungestörte Liebesstunden. Die Bäume rauschten von Ewigkeit, der Wind brachte aus dem Park frischen Erdgeruch herauf, Traurigkeit, und das warme Bett lullte das kurze Glück der Liebenden zärtlich ein. Man erzählt sogar, in diesem Zimmer habe Béranger seine Gedichte geschrieben. Selbstverständlich haben sich die Zeiten geändert. Die hastenden Liebespaare hatten jetzt natürlich keine Zeit mehr, an das Rauschen der Blätter, an die Liebe zu denken, da sie ja aus dem siedenden Paris nur für einen Sprung herausgekommen sind, von dem feurigen Brüllen der Citroens geblendet. In unseren Tagen kann man von den Menschen doch wirklich nicht verlangen, angesichts dieser neuen Aera, die nur auf Geschwindigkeit und Benzin aufgebaut ist, träumerisch, in üppigen Kleidern über die mit Blättern bestreute Allee zu schreiten. Hallo Kleine, wir haben eine Stunde zwanzig Minuten zur Verfügung. Man darf nicht in's Kino, verspätet zu Mittag essen, ein wenig trinken, dann ein bißchen im Bett liegen bleiben. Nichts zu machen. Mimi, das ist Zivilisation.

Aber die Nacht hinter den Fenstern des Hotels »Zur schwarzen Drossel«, die dunklen Laubkronen der Linden und das zarte Quaken der Frösche nahmen keinerlei Anteil an dem allgemeinen Fortschritt der europäischen Zivilisation. Es war sehr still und friedlich. Die Tür des Zimmers knarrte, Schritte gingen über den Teppich. Die undeutlich wahrnehmbaren Umrisse eines Mannes blieben in der Mitte des Zimmers stehen. Nicht laut, sagte er in russischer Sprache:

»Man muß sich entschließen. In dreißig bis vierzig Minuten wird das Auto vorfahren. Also – ja – oder nein?«

Auf dem Bett bewegte sich jemand, aber man antwortete nicht. Er kam näher:

»Zoe, seien Sie doch vernünftig!«

Als Antwort erklang ein kurzes Lachen. Garin beugte sich über das Gesicht Zoes, dann setzte er sich am Fußende auf das Bett.

»Das gestrige Abenteuer wollen wir streichen. Es ist nicht nach unserem Willen in Szene gesetzt worden – mit einem kleinen Wahnsinn, das ist richtig – aber es wurde in diesem Bett beendet. Sie finden, daß das banal ist? Ich bin derselben Meinung. Also – es wird gestrichen. Nun beginnen aber bereits die ernsten Beziehungen. Ich will einfach kein anderes Weib! Das kommt vor im Leben – dagegen ist nichts zu machen!? Mein ganzer Verstand, mein Blut, meine Gefühle – begehren Sie! Das ist grausam, schrecklich …«

»Abgeschmackt und – dumm!« antwortete Zoe.

»Auch ich bin Ihrer Meinung. Ich bin ein abgeschmackter Mensch, sogar ganz im Urzustand befindlich. Heute habe ich gedacht: so, jetzt sitzest du hier. Dazu brauchst du Macht, Geld, Ruhm – um sie zu besitzen! Mit einem Wort: ich bin ein Narr. Weiter: als Sie erwachten, habe ich Ihnen meinen Standpunkt klar gemacht: ich will mich nicht mehr von Ihnen trennen – und ich werde mich nicht mehr von Ihnen trennen!«

»Oho!« sagte Zoe.

»Oho – das bedeutet gar nichts. Ich verstehe: Sie, als kluge und ungeheuer selbstsüchtige Frau sind schrecklich empört, daß man Sie zwingt. Aber dagegen läßt sich nichts unternehmen! Wir sprechen nicht auf einem Ausstellungsempfang miteinander! Wir sind durch Blut miteinander verbunden. Wenn Sie zu Rolling zurückkehren, werde ich kämpfen! Und da ich ein abgeschmackter Mensch und ein Narr bin – bin ich imstande, Sie, Rolling und mich unter die Guillotine zu bringen!«

»Das haben Sie schon einmal gesagt – Sie wiederholen sich!«

»Kann Sie denn das noch immer nicht überzeugen?«

»Was bieten Sie mir statt Rolling? Ich bin eine teuere Frau!«

»Den Olivingürtel!«

»Was?«

»Den Olivingürtel. Hm. Es ist sehr schwer, das zu erklären. Man braucht dazu einen freien Abend und Bücher an der Hand. In zwanzig Minuten müssen Sie fahren. Der Olivingürtel – das bedeutet: Macht über die Erde! Da kann ich Ihren Rolling – als Liftboy engagieren. In zwei Jahren besitze ich den Olivingürtel. Sie werden nicht nur eine reiche Frau werden – richtiger gesagt: die allerreichste Frau der Erde. Das ist langweilig. Aber – Macht! Eine berauschende, noch nie dagewesene Macht über die ganze Erde! Die Mittel hierzu in unseren Händen, sind vollkommener als jene des Dschingis-Chan. Sie werden göttliche Ehren erwiesen haben wollen – wir werden befehlen, Ihnen Tempel zu erbauen, Ihre Bilder mit Weinreben zu bekränzen …«

»Gott, wie spießbürgerlich …«

»Jetzt scherze ich nicht mehr! Wenn Ihnen der Wunsch kommen sollte, können Sie Statthalterin Gottes oder, wenn es Ihnen besser behagt, des Teufels werden. Wollen Sie Menschen vernichten – mitunter hat man Verlangen danach – Sie haben Macht über die ganze Menschheit. Ich schlage Ihnen eine durchaus vorteilhafte Sache vor. Zwei Jahre Kampf, aber kein kleiner Kampf, sondern ein furchtbarer Kampf – und ich werde den Olivingürtel durchdrungen haben. Sie glauben mir nicht? … Stehen Sie auf, gehen wir in mein Zimmer, ich werde Ihnen meinen Apparat zeigen. Sehen Sie sich die Sache an und dann sagen Sie ja – oder nein. Warum soll ich allein riskieren, zeigen auch Sie, wie tapfer Sie sein können!«

Garin schwieg eine Sekunde lang, dann sagte er beinahe traurig geworden, in zartem Ton:

»Wenn nicht – dann gehen Sie! Ich – werde Sie nicht verfolgen. Entschließen Sie sich freiwillig!«

Zoe seufzte kurz, setzte sich auf das Bett und begann, sich die Haare zu ordnen. (Das war ein gutes Zeichen).

»In der Zukunft den Olivingürtel – und was bieten Sie mir jetzt?«

»Jetzt – mein Hyperboloid und die Kohlenpyramidchen!«

»Nicht viel. Gut. Ich will mir die Sache ansehen. Gehen wir!«

In Garins Zimmer (mit vergittertem Balkon) war das Fenster geschlossen und verhängt. An der Wand standen zwei Holzkoffer. (Er lebte schon seit länger als einer Woche im Hotel »Zur schwarzen Drossel«). Garin versperrte die Tür. Zoe setzte sich, stützte sich auf die Ellbogen, beschirmte ihr Gesicht vor dem grellen Licht der Deckenlampe. Ihr grasfarbener seidener Regenmantel war zerknittert, das Haar nachlässig geordnet, ihr Gesicht müde – was ihr ein noch vorteilhafteres Aussehen gab. Während er seinen Koffer öffnete, blickte Garin mit glänzenden, schwarz umränderten Augen auf sie.

»Das ist mein Apparat«, sagte er, während er zwei Metallkisten auf den Tisch stellte. Die eine war schmal, in Form eines Rohrabschnittes, die andere flach, zwölfkantig, dreimal so groß als die erste.

»Noch niemand hat ihn gesehen, Sie sind die Erste, Zoe … Einer meiner Mitarbeiter hat für seine Neugier schwer gebüßt …«

Garin stellte die beiden Kisten zusammen, befestigte sie mittelst Ankerbolzen. Das Rohr richtete er mit der Mündung gegen das Kamingitter, von dem zwölfkantigen Gehäuse nahm er einen sphärischen Deckel ab. Im Inneren des Gehäuses stand an der Kante ein bronzener Ring mit zwölf Fayencetässchen.

»Das ist – das Modell«, sagte er, indem er aus dem zweiten Koffer die Kiste mit den Kohlenpyramidchen nahm, »es ist kaum eine Stunde lang imstande, wirksam zu arbeiten. Man muß diesen Apparat aus äußerst widerstandsfähigem Material bauen, zehnmal solider, als diesen hier. Aber dann wäre das Modell zu schwer und ich muß ständig bereit sein, zu reisen.« (Er legte in die Täßchen des Ringes zwölf Pyramidchen.) »Also, von außen werden sie nichts sehen, nichts verstehen können. Hier, diese Zeichnung, stellt einen Längsschnitt durch den Apparat dar.« Er beugte sich über den Lehnstuhl, in welchem Zoe saß, atmete das Aroma ihres Haares ein, schlug die Zeichnung auf, die nicht größer war als ein halber Bogen Schreibpapier.

»Sie wollten, Zoe, daß auch ich alles in diesem Spiel riskieren möge … Sehen Sie her … Hier ist der Grundriß!«

»Die Sache ist so einfach, wie zweimal zwei. Es ist ein reiner Zufall, daß noch niemand auf diese Idee gekommen ist. Das ganze Geheimnis liegt in dem hyperbolischen Spiegel (A), der in seiner Form an den Spiegel eines gewöhnlichen Projektors erinnert – und in dem Stück Chammonit (B), das ebenfalls hyperbolische Form hat. Das Gesetz des hyperbolischen Spiegel sieht folgendermaßen aus:

»Das heißt: wenn Lichtstrahlen auf die Oberfläche des hyperbolischen Spiegels fallen, so treffen sie sich alle im Brennpunkt. Das ist bekannt. Nun das, was unbekannt ist: ich placiere im Brennpunkt dieses hyperbolischen Spiegels eine zweite Hyperbel, die sozusagen die umgekehrte Form der ersten besitzt und ein Drehungshyperboloid, aus schwer schmelzbarem, ideal polierfähigem Mineral-Chammonit (B), wovon es im Gouvernement Olonezkaja unerschöpfliche Lager gibt. Was geschieht dann mit den Strahlen?«

»Die Strahlen, die sich im Brennpunkt des Spiegels (A) gesammelt haben, fallen auf die Oberfläche des Hyperboloids (B) und werden von der Oberfläche mathematisch parallel reflektiert – mit anderen Worten: das Hyperbolid (B) konzentriert alle auffallenden Strahlen in einen einzigen Strahl, in eine Strahlen»schnur« von beliebiger Stärke. Mit Hilfe einer Mikrometerschraube das Hyperboloid (B) verschiebend, kann ich nach Belieben die Dicke der Strahlenschnur vergrößern oder vermindern. Der Energieverlust der Strahlenschnur beim Durchdringen der Luft ist nichtig. Praktisch kann ich die Strahlenschnur bis auf die Dicke einer Stricknadel verstärken …«

Bei diesen Worten erhob sich Zoe, knackte mit den Fingergelenken und setzte sich wieder hin, mit den Armen die Knie umfassend.

»Bei den ersten Versuchen benützte ich als Lichtquelle einige gewöhnliche Stearinkerzen. Durch Aufstellung des Hyperboloids (B) gelang es mir, die Strahlenschnur bis zu einer Stärke einer Stricknadel zu erhöhen und damit leicht ein Zoll dickes Brett zu durchschneiden. Da verstand ich, daß das ganze Problem in der Erfindung einer kompakten und außerordentlich kräftigen Quelle der Energie des Strahls liegt. Nach drei Jahren Arbeit (die zweien meiner Mitarbeiter das Leben gekostet hat) wurden diese Kohlenpyramidchen geschaffen. Die Energie dieser Pyramidchen ist bereits so groß, daß, sie in einen Apparat gestellt (wie Sie hier sehen) und angezündet (sie brennen ungefähr fünf Minuten lang) eine Strahlenschnur ergeben, die imstande ist, binnen weniger Sekunden den schweren Eisenbahnpfeiler einer Eisenbahnbrücke zu zerschneiden … Stellen Sie sich vor, welche Möglichkeiten sich da auftun. Es gibt nichts in der Natur, was so einer Strahlenschnur Widerstand zu leisten imstande wäre! … Gebäude, Festungen, Dreadnoughts, Flugzeuge (ich kann sie in beliebiger Höhe mit dem Strahl erreichen), Felsen, Berge, das Erdinnere – mein Strahl wird alles durchbohren, zerstören, zerschneiden …«

Plötzlich hielt Garin im Sprechen inne, hob den Kopf und lauschte. Hinter dem Fenster surrte es, der Kies knirschte, Automobilmotoren hörten auf zu rattern. Garin sprang zum Fenster, glitt hinter den Vorhang. Zoe sah, wie Garins Gestalt hinter dem staubigen, himbeerfarbenen Samt unbeweglich stand, dann durchlief ein Zittern die Gestalt. Er huschte hinter der Draperie hervor:

»Drei Autos und acht Menschen,« sagte er flüsternd, »sie kommen um uns! Ich glaube, das Auto Rollings ist auch dabei. Im Hotel ist außer uns nur die Pförtnerin anwesend.« (Eilig nahm er aus dem Nachtkästchen zwei Revolver und steckte sie in seine Rocktaschen.) »Es besteht kein Zweifel, daß man mich keinesfalls lebend aus dem Hause läßt« – stark und munter kratzte er sich an der Nase. – »Nun, Zoe, entschließen Sie sich – ja oder nein?! Es gibt kaum eine bessere Minute, in der sich weibliche Eigenliebe entscheiden kann …«

»Sie sind verrückt geworden!« Das schöne Gesicht Zoes loderte auf, wurde jünger. »Retten Sie sich …«

Garin warf nur sein Bärtchen aufwärts:

»Acht Menschen – eine Kleinigkeit …« Er hob den Apparat und richtete seine Mündung gegen die Tür. Sein Gesicht wurde plötzlich bläulich, ganz eingefallen.

»Zündhölzchen,« flüsterte er, »ich habe kein Zündhölzchen …«

Vielleicht hatte er dies nur absichtlich gesagt, um Zoe auf die Probe zu stellen, vielleicht hatte er tatsächlich in seinen Taschen keine Zündhölzer gefunden – von ihnen war sein Leben abhängig. Wie ein Tier, das den Tod erwartet, blickte er auf Zoe. Wie im Traum nahm sie ihre Handtasche von dem Lehnstuhl und nahm eine Schachtel mit Wachszündhölzchen heraus. Langsam, mühselig, reichte sie ihm die Schachtel. Mit seinen Fingern fühlte er, während er ihr die Zündhölzer aus der Hand nahm, die ganze schmale, eisigkalte Hand Zoes.

Unten, auf der Wendeltreppe, wurden Schritte hörbar, die langsam heraufgestiegen kamen.

42.

Ein paar Leute blieben vor der Tür stehen. Ihr Atmen wurde hörbar. Garin fragte in französischer Sprache, mit lauter Stimme:

»Wer ist da?«

»Ein Telegramm,« antwortete eine grobe Stimme, »machen Sie auf!«

Schweigend faßte Zoe Garin an der Schulter und schüttelte mit dem Kopf.

Er riß sie in eine Zimmerecke und setzte sie mit Gewalt auf den Teppich. Hierauf kehrte er sofort zu dem Apparat zurück und rief:

»Schieben Sie das Telegramm unter der Türritze ins Zimmer!«

»Wenn man Ihnen sagt: aufmachen, müssen Sie öffnen«, brüllte dieselbe Stimme.

Eine andere, vorsichtige Stimme fragte:

»Ist die Frau bei Ihnen?«

»Ja, bei mir!«

»Geben Sie sie heraus – dann werden wir Sie laufen lassen! …«

»Ich mache Sie darauf aufmerksam,« sagte Garin mit grausamer Stimme, »wenn Sie sich nicht zum Teufel scheren, wird innerhalb einer Minute kein Einziger von Ihnen am Leben sein!«

»Oh – lala, … hahaha … Hihi …« brüllten und wieherten die Stimmen, man drängte sich vor der Tür, begann, an der kupfernen Schnalle zu drehen, rüttelte, stieß in die Türpfosten, so daß bereits Stücke von Stukkatur auf den Boden fielen. Zoe ließ die Augen nicht von Garins Gesicht. Er war blaß, seine Bewegungen rasch und sicher. Er kauerte nieder, drehte im Apparat die Mikrometerschraube zu. Dann nahm er einige Zündhölzer aus der Schachtel, und legte sie neben sich auf den Tisch, nahm den Revolver heraus, richtete sich abwartend auf. Plötzlich klirrte die Fensterscheibe, die Draperie bewegte sich. Sofort gab Garin in der Richtung gegen das Fenster einen Schuß ab, hockte sich auf seine Beine, strich ein Zündholz an, steckte es in den Apparat und schlug den sphärischen Deckel zu.

Nach seinem Schuß verging eine bange Sekunde. Und sofort darauf begann ein gleichzeitiger Angriff von der Türe und vom Fenster her. Mit einem schweren Ding begann man, die Tür einzuschlagen. Holzsplitter klirrten, die Draperie vor dem Fenster rollte sich zusammen und fiel samt der Gardine auf den Fußboden herunter.

»Gaston!!« schrie Zoe auf. Durch das eiserne Fenstergitter kroch Gaston Entennase herein, zwischen den Zähnen ein Dolchmesser haltend. Die Tür hielt noch. Garin, weiß wie Papier, drehte noch an der Mikrometerschraube, in seiner Linken tanzte der Revolver. In dem Apparat schlug surrend eine Flamme auf. Der Lichtkreis auf der der Mündung des Apparates gegenüberliegenden Wand wurde immer enger, die Tapeten begannen zu rauchen. Gaston, während er von der Seite her nach dem Revolver schielte, schlich die Wand entlang, zog sich zusammen, um Garin anzuspringen. Nach spanischem Brauch hielt er das Messer bereits in der Hand, mit der Schneide zu sich gekehrt. Der Lichtkreis wurde zu einem blendenden Punkt. Durch die zerbrochenen Türsplitter sah man schnurrbärtige Fratzen blicken … Garin ergriff den Apparat mit beiden Händen und richtete seine Mündung gegen »Entennase« …

Zoe sah folgendes: Gaston sperrte den Mund auf, sei es, um zu schreien, sei es, um nach Luft zu schnappen. Ein rauchender Streifen zog sich quer über seine Brust, die Arme versuchten, sich zu heben, fielen aber sofort wieder herab. Gaston fiel auf den Teppich. Sein Kopf, mit den Schultern, rollte, wie ein Stück Brot, vom Rumpf getrennt, abseits.

Nun wendete Garin die Mündung des Apparats gegen die Tür herum. Unterwegs zerschnitt die »Strahlenschnur« die elektrische Leitung – die Glühlampe am Plafond des Zimmers erlosch. Blendend, dünn, gerade wie eine Nähnadel, strich der Strahl aus der Mündung des Apparates den oberen Rand der Türe entlang. Holzsplitter fielen zu Boden. Der Strahl glitt weiter abwärts. Ein kurzer Aufschrei wurde hörbar, als hätte man eine Katze erdrückt. Jemand stürzte in der Finsternis zu Boden. Weich hörte man einen Körper auffallen. Der Strahl tanzte in der Höhe von zwei Metern über dem Fußboden. Geruch von brennendem Fleisch wurde wahrnehmbar. Plötzlich wurde es ganz still, nur die Flamme in dem Apparat summte.

Garin räusperte sich, dann sagte er mit heiserer, schlecht gehorsamer Stimme:

»Sie sind alle – erledigt.«

Hinter dem eingeschlagenen Fenster legte sich der Wind auf die unsichtbaren Linden, nächtlich rauschten ihre Wipfel im Schlafe. Aus der Finsternis, von unten, wo die Autos unbeweglich standen, rief jemand in russischer Sprache:

»Pjotr Petrowitsch – leben Sie?« Garin erschien vor dem Fenster. »Vorsicht, ich bin's, Schelga. Erinnern Sie sich noch unserer Verabredung? Ich habe Rollings Auto! Man muß fliehen. Retten Sie den Apparat. Schneller! Ich warte …«

 

Ende des ersten Buches.

 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.