Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi >

Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
Schließen

Navigation:

20.

Nach diesem Abend waren sieben Wochen vergangen. Semjonow war, wie wir wissen, seinerzeit auf dem Boulevard Malesherbes ohne Zeichnungen und ohne Apparat erschienen. Rolling hätte das Tintenfaß beinahe gegen ihn geschleudert. Garin – oder dessen Doppelgänger war in Leningrad um die Ecke gebracht worden. Garin – oder dessen Doppelgänger war gestern in Paris gesehen worden. Die Ereignisse liefen mit Volldampf.

Punkt ein Uhr kam Zoe Montrose auf dem Boulevard Malesherbes angefahren und ließ durch den Boy bestellen, daß sie Rolling im Auto erwarte. Um ein Uhr dreieinhalb Minuten setzte sich Rolling neben Zoe in die geschlossene Limousine, stützte sich mit dem Kinn auf den Stock und preßte zwischen den Zähnen hervor:

»Garin ist in Paris!«

Zoe warf sich in die Polster zurück. Verdrossen blickte Rolling auf sie:

»Semjonows Schädel gehört schon längst unter die Guillotine, er ist ein nachlässiger Mensch, ein billiger Mörder, anmaßend und außerdem – verrückt,« sagte Rolling, »ich habe mich ihm anvertraut und befinde mich gegenwärtig ihm gegenüber in einer lächerlichen Situation. Er kann mich hier in Paris noch in eine widerliche Affäre hineinziehen!«

Rolling erzählte Zoe sein ganzes Gespräch mit Semjonow. Es sei nicht gelungen, Zeichnungen und Apparat zu rauben, da die Taugenichtse, die Semjonow gedungen hatte, nicht Garin, sondern dessen Doppelgänger ermordet hätten. Das Auftauchen eines Doppelgängers irritierte Rolling ganz besonders. Er hatte erkannt, daß er es mit einem klugen und gewandten Gegner zu tun hatte. Entweder hatte Garin von dem geplanten Attentat Witterung bekommen oder die Spuren verwischt, indem er einen Menschen auf den Plan geschoben hat, der ihm ähnlich sah … Das war alles sehr unklar. Das allerunbegreiflichste für Rolling aber war, was zum Teufel dieser Garin es nötig hatte, jetzt in Paris aufzutauchen!?

Die Limousine fuhr inmitten einer Menge anderer Automobile über die Champs-Elysés. Der Tag war lauwarm, durch den leichten, zartblauen Nebel sah man die geflügelten Rosse und die Glaskuppel des Grand Salon, die halbrunden Dächer der großen Häuser mit den heruntergelassenen Markisen, üppige Laubkronen von Kastanienbäumen.

In den Automobilen saßen hauptsächlich Schieber, die einen mit ganz ausgestreckten Beinen, die anderen mit dem einen Fuß auf dem anderen Knie, wieder andere sogen an dem Knauf ihres Spazierstockes. Es waren meist kurzgewachsene Stutzer, in Frühjahrshüten und grellen Krawatten. Sie führten niedliche Mädchen mit sich, zum Frühstück ins Bois de Boulogne, Mädchen, die Paris zur Zerstreuung der Ausländer dienstfertig zur Verfügung gestellt hatte.

An so einem Maientag sorglos, mit Edelvaluta in der Brieftasche, ohne jede Gefahr, ausgeraubt zu werden, in einem schicken Auto unter den üppigen Laubkronen der Elyséischen Felder dahinzusausen, ist zweifellos sehr angenehm. Dreißigtausend Polizisten, Nachkommen der Konventsmitglieder, beschützten die Ruhe und Unerschütterlichkeit dieser Ordnung.

Auf der Place Etoile holte die Limousine Zoe Montroses ein Lohnauto ein, in welchem Semjonow mit noch einem Menschen saß, der ein fettes Gesicht, gelben Teint und staubigen Schnurrbart hatte. Beider Blicke waren in einer Art Verzückung angestrengt nach vorne gerichtet, wo sie einen kleinen, grünen Citroen beobachteten, der quer über die Place Etoile gegen die Haltestelle der Untergrundbahn zu fuhr.

Semjonow machte seinen Chauffeur auf den Wagen aufmerksam, aber es war schwer, sich durch diese Kette von Automobilen durchzuschlängeln. Endlich gelang es ihnen und mit voller Geschwindigkeit versuchten sie, dem ›Citroen‹ den Weg abzuschneiden. Der aber hatte schon angehalten, ein Mensch von mittlerem Wuchs, blaß, mit Spitzbärtchen, verschwand unter der Erde.

Das alles spielte sich in kaum 2-3 Minuten vor den Augen Rollings und Zoes ab. Zoe rief dem Chauffeur durch das Sprachrohr zu, umzuwenden, gegen die Untergrundbahn. Fast gleichzeitig mit dem Auto Semjonows hielten sie in der Nähe an. Mit seinem Stock gestikulierend, lief er an die Limousine heran, öffnete die Kristalltür und sagte in höchster Aufregung, indem er die Hand Zoes abschmatzte:

»Das war Garin. Er ist uns entwischt. Heute noch gehe ich zu ihm, nach der Batignolle, und werde ihm vorschlagen, Frieden zu schließen. Rolling, wir müssen übereinkommen. Wieviel wollen Sie für die Erwerbung dieses Apparates ausgeben? Sie können beruhigt sein, ich werde mich streng im Rahmen des Gesetzes bewegen. Uebrigens, gestatten Sie, daß ich vorstelle … Stastij Tiklinsky, ein ganz anständiger Mensch.«

Ohne die Erlaubnis abzuwarten, rief er Tiklinsky herbei, der mit polnischer Galanterie zu der luxuriösen Limousine herangetänzelt kam, den Hut vom Kopf riß und Zoe die Hand küßte.

Rolling, ohne diesem oder dem anderen die Hand zu reichen, saß in der Tiefe der Limousine, mit seinen Augen funkelnd wie ein Puma in seinem finsteren Käfig. Angesichts aller Leute hier zu verweilen fand Zoe Montrose unvernünftig. Sie schlug vor, auf das linke Seineufer zu fahren und im Restaurant »La Perouse« zu frühstücken, da es um diese Jahreszeit wenig besucht war.

21.

Tiklinsky fühlte sich außerordentlich geschmeichelt, mit einer so anständigen Gesellschaft frühstücken zu dürfen. Er verbeugte sich fast jede Minute, arrangierte seinen polnisch-adeligen, hängenden Schnurrbart, blickte mit feuchten Augen auf Zoe und aß außerordentlich gierig. Rolling saß mit dem Rücken gegen das Fenster da, schweigend und finster. Semjonow plauderte ungezwungen. Zoe schien ruhig geworden, lächelte und bedeutete wiederholt durch ein Augenzwinkern dem Maitre d'hotel, den Gästen Wein nachzufüllen. Als Champagner serviert wurde, bat sie Tiklinsky, mit seiner Erzählung zu beginnen.

Er riß sich die Serviette vom Hals, wischte sich den Schnurrbart ab und begann in seinem polnisch-französischen Kauderwelsch:

»Für Pan Rolling haben wir unser Leben nicht geschont … Wir haben die russische Grenze am Ladoga überschritten …«

»Wer ist das – wir?« fragte Rolling.

»Ich – und wenn der Pan will, mein Gehilfe, ein Russe aus Warschau, ein Offizier aus der Armee Balachowitsch … ein sehr grausamer Mensch … Er sei verflucht, wie alle Russen, der Hundsfott, hat mir mehr geschadet als genützt. Meine Aufgabe war es, auszuspüren, wo Garin seine Experimente macht. Ich besichtigte das halbzerfallene Haus – Pan und Panij wissen ja schon – in diesem Haus hat mich dieses verfluchte Aas mit seinem Apparat beinahe mitten durchgeschnitten. Dort, in dem Keller, fand ich das Stück Stahl, das Panij Zoe vorigen Monat von mir erhalten hat … Sie konnte sich von meinem Eifer überzeugen.«

»Garin hat den Ort seiner Experimente wo andershin verlegt. Tage und Nächte lang habe ich nicht geschlafen, weil ich mich des Vertrauens von Pan und Panij würdig erweisen wollte. Ich habe mir Lungen und Bauch verkühlt, in den Sümpfen der Krestowskij-Insel – und ich habe mein Ziel erreicht. Ich habe Garin ausfindig gemacht. Am siebenundzwanzigsten April bin ich mit meinem Helfer in sein Sommerhaus eingedrungen, wir haben Garin an sein eisernes Bett gebunden und eine sorgfältige Hausdurchsuchung veranstaltet … Nichts … Es war zum verrückt werden … keine Spur eines Apparates … Aber ich wußte, daß er ihn in diesem Sommerhaus versteckt hielt … da benahm sich mein Helfer etwas zu scharf gegen Garin … Pan und Panij werden unsere Aufregung verstehen … die Morgenröte zeigte sich, es wurde langsam Tag, Menschenstimmen wurden hörbar … ich sage nicht, daß wir im Auftrage des Pan Rolling so gehandelt haben, aber mein Helfer, der verfluchte Hundsfott … hat sich zu sehr ereifert …«

Rolling blickte mit aufeinander gepreßten Zähnen auf den Teller mit den Trüffeln. Die schmale Hand Zoes, die auf dem Tischtuch lag, bewegte eilig die Finger, die elegant poliert, von Brillanten, Smaragden und Saphiren glänzten. Begeistert blickte Tiklinsky auf diese Hand, die mindestens hunderttausend Dollar kostete.

»Panij und Pan wissen schon, wie ich, einen Tag später, Garin auf dem Postamt begegnet bin. Mutter Gottes, wer wird denn nicht erschrecken, wenn er. Nase an Nase, mit einem lebendigen Toten zusammenstößt. Und dazu hat sich die verfluchte Miliz auf meine Fersen geheftet. Wir waren einem Betrug zum Opfer gefallen, dieser verfluchte Kerl hat einen Anderen an seiner Statt vorgeschoben. Ich beschloß, das Sommerhaus noch einmal zu durchsuchen. Es mußte sich ein unterirdischer Raum dort befinden. Dieselbe Nacht bin ich allein hingegangen. Den Wächter habe ich mit Chloroform eingeschläfert. Ich kroch durch das Fenster … Pan Rolling darf mich nicht irgendwie falsch verstehen … Wenn Tiklinsky sein Leben opfert, dann opfert er es für eine Idee … Es wäre mir ein Leichtes gewesen, wieder aus dem Fenster ins Freie zu kriechen, als ich in dem Sommerhaus ein derartiges Klopfen und Prasseln hörte, daß einem die Haare zu Berge stehen konnten … Ja, Pan Rolling, in dieser Minute habe ich verstanden, daß Gott Sie geführt hat, als Sie mich dazu ausersehen haben, diesem Russen ein so furchtbares Werkzeug zu entreißen, ein Werkzeug, das sie gegen Polen, gegen die ganze zivilisierte Welt gebrauchen konnten … Es war eine historische Minute, Panij Zoe, ich schwöre Ihnen bei meiner polnischen Adelsehre. Wie ein Tier stürzte ich in die Küche, von wo ich den Lärm gehört hatte. Ich sah Garin, wie er in einer Ecke der Küche eine Menge von Kisten, Tischen und Säcken aufeinander häufte. Als er mich erblickte, packte er seinen Lederkoffer, der mir schon seit langer Zeit bekannt war – dort war das Modell des Apparates verborgen – und sprang ins Nachbarzimmer. Ich zog meinen Revolver und stürzte ihm nach. Er hatte schon das Fenster geöffnet und wollte ins Freie springen. Ich feuerte, er lief, in der einen Hand den Koffer, in der anderen seinen Revolver, in die andere Zimmerecke, verbarrikadierte sich hinter dem Bett und begann ebenfalls zu feuern. Es war ein regelrechtes Duell, Panij Zoe. Eine Kugel ging durch meine Kappe. Plötzlich verdeckte er Mund und Nase mit irgendeinem Fetzchen, streckte ein Metallröhrchen gegen mich aus, ein Schuß, nicht lauter als von einem Champagnerpfropfen und in derselben Sekunde war es mir, als kröchen tausende kleiner Krallen in meine Nase, in Hals und Luftröhre, als wollten sie mein Inneres zerreißen. Die Augen füllten sich mit Tränen, so unerträglich war dieser Schmerz. Ich begann zu niesen, zu husten, meine Därme drehten sich um und – sie verzeihen, Panij Zoe – ich begann derart zu brechen, daß ich zu Boden fiel …«

»Dichenil-Chlorarcin, mit Phosgen gemengt, zu fünfzig Prozent. Eine billige Sache. Wir bewaffnen die Polizei mit solchen Kerzen!« sagte Rolling.

»So ist es. Pan sagt die Wahrheit. Es war eine Gaskerze … Zum Glück hat der Luftzug bald das Gas fortgetragen. Ich kam wieder zum Bewußtsein und schleppte mich halbtot in meine Wohnung. Ich war vergiftet, gebrochen. Polizeiagenten suchten schon die Stadt nach mir ab. Es blieb nichts mehr übrig, als – aus Leningrad zu fliehen, was uns auch unter Ueberwindung großer Gefahren und Mühen gelungen ist.«

Tiklinsky breitete die Arme aus und ließ den Kopf hängen, als wollte er sich auf Gnade oder Ungnade ergeben. Zoe fragte:

»Sind Sie sicher, daß Garin ebenfalls aus Rußland geflohen ist?«

»Er mußte verschwinden. Er hätte ohnedies nach der ganzen Geschichte der Polizei Aufklärung geben müssen!«

»Warum aber hat er sich gerade Paris ausgesucht?«

»Er braucht die Kohlenpyramidchen. Sein Apparat ist ohne sie dasselbe, wie ein ungeladenes Gewehr. Garin ist Physiker, von Chemie hat er keinen blauen Dunst. Ich habe seinerzeit auf seine Bestellung hin an diesen Kohlenpyramidchen gearbeitet. Später hat der, der mich abgelöst hat, diese Arbeit mit dem Tod bezahlen müssen. Aber Garin hat noch einen Mitarbeiter – hier in Paris. An ihn hat er das Telegramm »Boulevard Batignolle« gerichtet. Garin ist hierhergekommen, um die Experimente mit den Kohlenpyramidchen zu beobachten.

22.

»Was haben Sie über Garins Mitarbeiter erfahren?« fragte Rolling.

»Er wohnt in einem minderen Hotel, wir waren gestern dort, wir konnten durch den Portier einiges erfahren« – antwortete Semjonow, – »dieser Mensch kommt überhaupt nur zum Uebernachten nach Hause. Er hat gar kein Gepäck. Er verläßt das Haus in einem Segeltuchmantel, wie ihn in Paris gewöhnlich Mediziner, Laboranten und Studenten der Chemie zu tragen pflegen. Wahrscheinlich arbeitet er irgendwo, in der Nähe, in einem Laboratorium …«

»Was zum Teufel geht es mich an, was er für einen Mantel trägt. Wie sieht er aus, hat ihn der Portier nicht beschrieben?« fragte Rolling zornig.

Semjonow und Tiklinsky sahen einander in die Augen. Der Pole legte seine Hand aufs Herz und sagte:

»Wenn es dem Pan belieben sollte, werden wir noch heute eine Personenbeschreibung dieses Herrn verschaffen.«

Rolling schwieg lange, seine Augenbrauen zogen sich zusammen, über die Backenknochen rollten die Muskel:

»Welche Gründe sprechen dafür, daß Sie behaupten können, der Mensch, den sie gestern auf der Batignolle in einem Kaffeehaus gesehen haben, und derjenige, der in der Untergrundbahn verschwunden ist, derselbe – und daß dies Ingenieur Garin war? Sie haben sich doch schon einmal geirrt, in Leningrad, nicht?«

Der Pole und Semjonow wechselten wieder miteinander einen Blick. Tiklinsky lächelte, höchst schlau:

»Pan Rolling wird doch nicht behaupten wollen, daß Garin in jeder Stadt einen Doppelgänger hat??«

Rolling schlenkerte eigensinnig mit dem Kopf. Zoe Montrose saß, die Hände in einem prächtigen Hermelinpelz gehüllt, gleichgültig da und blickte durchs Fenster. Semjonow sagte:

»Tiklinsky kennt Garin gut. Ein Irrtum ist diesmal ausgeschlossen. Momentan ist es wichtiger, eine andere Sache aufzuklären, Rolling. Ueberlassen Sie die ganze Sache lieber uns ganz allein zur Erledigung. Eines Tages werden wir Ihnen einfach auf den Boulevard Malesherbes die Zeichnungen und den Apparat herbeischleppen – oder wollen Sie mit uns arbeiten?«

»Keinesfalls!« sagte da plötzlich, ganz unerwartet Zoe, ohne aufzuhören, durchs Fenster zu schauen, »Mister Rolling interessiert sich sehr für die Experimente des Ingenieurs Garin, Mr. Rolling wäre es sehr erwünscht, das Eigentumsrecht auf diese Erfindung zu erwerben, Mr. Rolling arbeitet aber stets im Rahmen strengster Gesetzlichkeit. Hätte Mr. Rolling auch nur ein einziges Wort von all dem, was Tiklinsky hier erzählt hat, geglaubt, hätte er zweifellos keine Sekunde gezögert, den Polizeikommissär telephonisch zu verständigen, um so einen Verbrecher und Nichtsnutz den Händen der Behörde auszuliefern. Da aber Mr. Rolling sehr gut weiß, daß Tiklinsky diese ganze Geschichte nur zu dem Zweck erfunden hat, um so viel Geld als nur möglich herauszuschinden, hat er nichts dagegen, wenn Sie ihm auch fernerhin kleine und unbedeutende Dienste erweisen!«

Da lachte Rolling zum ersten Male während des ganzen Frühstücks, zog aus seiner Westentasche einen goldenen Zahnstocher und steckte ihn zwischen die Zähne. Semjonow zog sich zusammen, die Hälfte seines Körpers verschwand unter dem Tisch. Tiklinsky errötete bis in die Ecken seiner großen Ehestandswinkel, Schweiß trat ihm auf die Stirn, die Backen hingen herab. Rolling sagte:

»Eure Aufgabe besteht in folgendem: mir genaue und ausführliche Auskünfte über alle Fragen zu verschaffen, die Euch um drei Uhr nachmittags auf dem Boulevard Malesherbes mitgeteilt werden. Man verlangt von Euch die Arbeit eines anständigen Detektivs – und nichts mehr. Kein Wort, keinen Schritt – ohne meinen ausdrücklichen Befehl!!«

Mit einer kurzen Bewegung rückte er seinen steifen Hut auf dem Kopfe ein wenig in die Stirne, gab durch ein Kopfnicken Semjonow und Tiklinsky einen unzweideutigen Wink und verließ gemeinsam mit Zoe das Speisekabinett von »La Perouse«.

23.

Der weiße, glänzende Kristallzug der Nord-Südlinie der Untergrundbahn sauste mit leisem Rollen durch die unterirdischen Gänge von Paris. An den Biegungen der Tunnels sausten die Spinnweben der elektrischen Leitungen vorbei, und Nischen inmitten des Zementdickichts, in denen sich, von vorbeihuschendem Lichtschein flüchtig beleuchtet, Arbeiter an die Mauer preßten. Und überall die gelben Buchstaben, auf schwarzem Grunde: »Dubonnet … Dubonnet«, die Anpreisungen dieses ekligen, ziehenden Getränks. Wer durch die Fenster hinausblickte, dem wurde schließlich übel von den vielen grauen Korridorwänden, die der Zug verschlang.

Kleine Haltestelle. Der Bahnhof ist mit glänzenden Kacheln getäfelt, und von unsichtbaren Lichtquellen grell beleuchtet, sieht man farbige Rechtecke mit Lichtreklamen: »Die wunderbarste Seife …« – »Unzerreißbare Hosenträger« – »Parfum Vierge Folk« – »Autoreifen: der rote Teufel« – »Gummiabsätze« – »Billiger Ausverkauf in den Universalwarenhäusern Louvre« – »Das schöne Blumenmädchen« – »Galerie Lafayette« – »Hunderttausend Hemden …«

Eine lärmende, fröhliche Menschenmenge von schönen Frauen, Midinettes, Boys mit glänzenden Knöpfen, Ausländern, jungen Leuten in enganliegenden Saccos, Arbeiter in schweißigen Hemden, die aus dem Gürtel hängen, nähern sich drängend dem Zug. Für einen Augenblick öffnen sich die glänzenden Türen der Waggons … Oh weh … ertönt das Seufzen und eine Woge von Hüten, rollenden Augen, halboffenen Mündern, rot, lustig, verärgert, stürzt in die Waggons. Die Schaffner, in ziegelroten Jacken, pressen, an den Geländern hängend, das Publikum mit ihren Bäuchen in die Waggons. Krachend fallen die Türen zu, ein kurzer Pfiff und wie ein feuriges Band taucht der Zug von neuem in dem schwarzen, unterirdischen Gewölbe unter.

Tiklinsky und Semjonow saßen auf einer Seitenbank eines Waggons dieses Nord-Süd-Zuges, mit dem Rücken gegen die Tür. Der Pole war derart wütend, als hätte man ihm zum heutigen Frühstück gestoßenes Glas zu essen gegeben:

»Ich bitte Sie, Pan, sich gefälligst zu merken, daß mich nur die gute Erziehung zurückgehalten hat, Krawall zu schlagen … hundertmal mußte ich meinen Jähzorn beherrschen … Als ob ich noch nie mit Milliardären gefrühstückt hätte … Hundsfott! Ich pfeife auf solche Frühstücke! … Solche Speisen kann ich bei »La Perouse« selbst bestellen und brauche mir nicht von irgend so einer Hure Beleidigungen gefallen lassen … Tiklinsky vorzuschlagen, einen Detektiv abzugeben! … So ein nichtsnutziges Frauenzimmer!«

»Ach, lassen Sie das, Pan Stasij, Sie kennen Zoe nicht … sie ist ein gutes Weib … ein braver Kamerad … Nun, sie war eben aufgeregt …«

Semjonow erinnerte sich an die geschickte, zielbewußte Arbeit Zoes, und wenn er sich die soeben im Restaurant »La Perouse« erlebte Szene ins Gedächtnis zurückrief, mußte er sogar lächeln …

Aber Tiklinsky tobte vor Wut:

»Offenbar ist die Panij Zoe gewöhnt, es immer nur mit euren Schweinehunden, den Emigranten, zu tun zu haben … Aber ich, ich bin ein Pole … Ich bitte Sie, Pan, sich das merken …« Und Tiklinsky reckte drohend seinen Schnurrbart nach vorne und blies sich großtuerisch auf – »ich bin Untertan des großen Polenreiches und werde mir eine derartige Behandlung nicht gefallen lassen …« »Nun gut, hast deinen Schnurrbart gebläht, dir die Seele erleichtert,« sagte Semjonow nach einem kleinen Schweigen, »jetzt höre mich aufmerksam an, Stasij: man zahlt uns mit gutem Gelde – und verlangt von uns schließlich – so gut wie nichts! Die Arbeit ist ungefährlich, ja, sogar angenehm: treib' dich nach Bedarf in Kaffeehäusern und Kneipen herum. Ich zum Beispiel, bin von dem heutigen Gespräch durchaus befriedigt … Du sagst: Detektiv. Und ich sage dir: man hat uns die edelste Form von Gegenspionage vorgeschlagen!«

An der Tür, hinter der Bank, wo Tiklinsky und Semjonow dieses Gespräch geführt hatten, stand, mit dem Ellbogen auf die kupferne Querstange gestützt, derselbe Mann, der sich während eines Gesprächs, seinerzeit, auf der Boulevard der Professionellen Verbände, Schelga gegenüber als Pjankow-Pitkjewitsch ausgegeben hatte.

Sein Mantelkragen war aufgestellt, bedeckte den unteren Teil seines Gesichtes, der Hut war tief in die Stirn gedrückt. Während er lässig und faul so dort gestanden war, den Mund an den Beingriff seines Stockes gepreßt, hatte er aufmerksam das ganze Gespräch zwischen Tiklinsky und Semjonow mitangehört. Höflich machte er ihnen Platz, als sie plötzlich von ihren Plätzen aufsprangen, da sie beinahe ihre Haltestelle verpaßt hätten. Zwei Stationen später, auf dem Montmartre – verließ auch er den Waggon. In dem nächstliegenden Postamt gab er das folgende Telegramm auf:

 

»U. S. S. R. – LENINGRAD. – KRIMINAL-AMT. SCHELGA. DER VIERFINGRIGE HIER. DROHENDE EREIGNISSE.«

24.

Aus dem Postamt getreten, ging er über den Boulevard Clichy, die Schattenseite entlang.

Hier drang aus jedem Kellerfenster, hinter gestreiften Plachen, welche die runden Marmortische und Korbsessel verdeckten, der säuerliche Geruch der Nachtkneipen auf das Trottoir. Kellner in kurzen Smokings und weißen Schürzen, aufgedunsene Gesichter mit pomadisierten Scheiteln, bestreuten die Trottoirs und den gekachelten Boden zwischen den Tischen mit Sägespänen, stellten die Plachen zusammen, um mehr Luft und Licht in die rauchgeschwängerten Räume einzulassen.

Tagsüber machte der Boulevard Clichy einen verwelkten Eindruck, er sieht aus wie eine Karnevalsdekoration – am Aschermittwoch. In den hohen, unschönen Häusern sind überall Restaurants, Kneipen, Geschäfte mit allerlei Zeug für Kokotten und wenig Vertrauen einflößende Nachthotels untergebracht. Drahtgestelle, Blechvorrichtungen für Lichtreklame, die gerupften Flügel der berühmten »Moulin Rouge«. Kinoplakate an den Trottoirs, zwei Reihen abgezehrter Bäume inmitten des Boulevards, Bedürfnisanstalten mit unflätigen Inschriften bekritzelt, das steinerne Pflaster, über das schon Jahrhunderte lärmend gezogen waren, Reihen von Schaubuden, mit Persenning überdeckt – all das wartete auf die Nacht, wo Gaffer und zechlustige Leute von unten, von den großen Boulevards, von allen zwölf Avenuen, die wie Strahlen von der Place Etoile nach allen Seiten auseinanderlaufen, von dem bourgeoisen Ufer Passy, den Verbrecherwinkeln von Saint Denis heraufströmten …

Dann werden die Lichter aufflackern, die Kellner geschäftig zwischen den Gästen hin- und herlaufen, die mit den Händen auf die Tischplatten klopfend, »Pst, pst, garçon …!« rufen werden. Karussells werden sich zu drehen beginnen, auf goldenen Schweinen, Stieren mit goldenen Hörnern, in Booten, Kasserollen und Töpfen, rings im Kreise, rings im Kreise, werden im Reflex all der Tausende von Spiegeln an den Wänden und unter den Klängen von Dampforchestrions Mädchen mit Röcken bis zum Knie, erstaunte Bourgeois, Diebe mit unternehmungslustigen Schnurrbärten und japanische Studenten mit maskenhaftem, ewigem Lächeln, junge Freunde der Homosexuellen und düstere, russische Emigranten, die tagtäglich auf den Sturz der Bolschewiki warten – sie alle werden hier im Kreise herumsausen …

Die feurigen Räderflügel der Moulin Rouge werden sich zu drehen beginnen. Ueber die Fassaden der Häuser werden gebrochene, feurige Pfeile huschen, Schilder mit den Namen der weltbekannten Kneipen: »Die Biene«, »Das Nachtmahl des Königs«, – »Die krepierte Ratte« – »Die singende Elster« – werden auflodern. Aus den offenen Fenstern der Nachtlokale ergießt sich auf die vieltausendköpfige Menge auf dem heißen Boulevard ein wildes Prasseln, Trommelschläge – das Summen der Jazz-Bands im Rhythmus der Foxtrotts, Shimmys und Charlestons.

In der Menge piepen Kartontrompetchen, Plappermäuler prasseln, wehen papierne Flaggen in den Farben der Länder mit Edelvaluta. Die Untergrundbahn speit immer wieder neue Menschenmassen aus, die mit der Nord-Süd-Linie der Metro ankommen. Das ist Montmartre. Das sind die Berge von Martre, die die ganze Nacht hindurch weit über Paris glänzen, in tausend fröhlichen Lichtern – der sorgloseste Winkel unserer ganzen Erde. Hier kann man sein Geld gut anbringen, hier kann man mit zwei lachenden Pariser Mädchen eine wirklich frohe, sorglose Nacht durchzechen.

Heiteres Montmartre – das ist der Boulevard Clichy, zwischen zwei runden, ausschließlich fröhlichen Plätzen – Pigalle und Blanche. Links von Place Pigalle verläuft der breite und stille Boulevard Batignolle, rechts, hinter Place Blanche, beginnt der Vorort Saint-Antoine. Hier leben Arbeiter und die Armen von Paris. Von hier aus, von dem Boulevard Batignolle, von den Höhen Montmartre und Saint-Antoine, sind bewaffnete Arbeiterscharen schon öfters als einmal hinuntergestiegen, um sich der Stadt Paris zu bemächtigen. Viermal schon war es gelungen, sie durch Kanonen wieder zurück zu jagen. Und die untere Stadt, die sich zu beiden Ufern der Seine erstreckt, mit ihren Banken, Kontoren, prächtigen Warenhäusern, Hotels für Millionäre und Kasernen für dreißigtausend Polizisten – sie ist viermal zum Angriff gegen die Arbeiter vorgegangen und so fanden die Arbeiter ihr Herz oben, auf den Höhen, wo die Lichter flimmerten, weltberühmte Spelunken ihre Tore öffnen, dort war der sexuelle Stempel der unteren Stadt: Place Pigalle – Boulevard Clichy – Place Blanche.

25.

Bis zur Mitte des Boulevards gekommen, bog er in eine schmale Seitengasse ein, die gegen die Höhe des Montmartre führte. Vorsichtig blickte er um sich und trat dann in eine düstere Kneipe, deren gewöhnliche Besucher Dirnen, Chauffeure, halbverhungerte Coupletschreiber und sonstige Pechvögel waren, die noch nach alter Sitte weite Hosen und Hüte in Pilzform trugen.

Er verlangte eine Zeitung, ein Glas Portwein und begann dann zu lesen. Hinter dem verzinkten Schanktisch wusch der Besitzer der Kneipe, ein schnauzbärtiger, puterroter Franzose, 110 Kilogramm schwer, die behaarten Arme bis zu den Ellbogen bloß – unter der Wasserleitung das Geschirr und sagte aufs geratewohl, ob ihm jemand zuhörte oder nicht:

»Ihr könnt sagen, so viel ihr wollt, aber Rußland hat uns viel Unannehmlichkeiten bereitet (er wußte, daß dieser Besucher, der sich Mr. Pierre nannte, ein Russe war). Die russischen Emigranten tragen uns nichts mehr. Ihre Taschen sind leer geworden … Aber schließlich haben wir noch Geld genug, wir können uns noch immer den Luxus erlauben, ein paar Tausend Schiffbrüchigen Obdach zu gewähren. (Er war überzeugt davon, daß dieser Gast auf dem Montmartre seine kleinen Geschäfte machte.) Aber selbstverständlich, alles hat ein Ende. Die Emigranten werden sich entschließen müssen, in die Heimat zurückzukehren. Oh weh, wir werden sie mit ihrem großen Vaterland versöhnen, wir werden Eure Sowjets anerkennen und Paris wird wieder das gute, alte Paris sein. Ich muß sagen, mir ist der Krieg schon zuwider. Zehn Jahre schon dauert diese Verdauungsstörung des Magens. Die Sowjets wollen den kleinen Rentnern alter russischer Anleihen ihr Geld ausbezahlen. Klug, sehr klug gehandelt. Es leben die Sowjets! Sie führen keine schlechte Politik. Sie bolschewisieren Deutschland ganz vortrefflich. Ich applaudiere. Deutschland wird bolschewisiert und wird sich auf diese Weise automatisch selbst entwaffnen. Beim Gedanken an die deutsche chemische Industrie wird uns wenigstens der Magen nicht mehr drücken … Die Trottel in unserem Häuserviertel halten mich für einen Bolschewiken! … Oha! … Ich rechne richtig. Der Bolschewismus macht uns keine Sorgen. Zählen Sie nur einmal nach, wieviel gute Bourgeois und wieviel Arbeiter wir in Paris haben! Oha! Wir Bourgeois werden schon Mittel und Wege finden, um unsere Ersparnisse zu verteidigen … Wenn unsere Arbeiter »Hoch Lenin!« schreien, sehe ich vollkommen ruhig zu. Der Arbeiter ist ein Faß voll gärenden Weines. Es läßt sich nicht verkorken. Möge er nur schreien: »Hoch die Sowjets!« – vorige Woche habe ich sogar selber mitgeschrien. Ich habe für achttausend Goldfranken russische Wertpapiere. Nein, Ihr müßt Euch mit Eurer Regierung versöhnen! Genug der Albernheiten! Der Franc fällt. Die verfluchten Spekulanten, das sind Läuse, die alle Nationen beißen, wo nur die Valuta ins Wanken gerät. Die Inflationsgeier sind wieder von Deutschland nach Paris übersiedelt.«

Ein magerer Mensch in Segeltuchmantel, den blonden Kopf unbedeckt, trat rasch in die Kneipe.

»Guten Tag, Garin,« – sagte er zu dem, der die Zeitung las, – »du kannst gratulieren. Ein glücklicher Zufall!«

Hastig erhob sich Garin, preßte seine Hände.

»Viktor!«

»Ja, ja … ich bin restlos zufrieden … Ich werde darauf bestehen, daß man uns die Sache patentiert!«

»Auf keinen Fall! … Gehen wir! …«

Sie traten aus der Kneipe ins Freie, stiegen über die stufenartige Straße nach oben, bogen rechts ein und gingen ungefähr zwanzig Minuten die schmierigen Häuser der Vorstadt entlang, an unbebauten, mit Stacheldraht umzäunten Plätzen vorüber, wo kläglich armselige Wäsche auf Stricken im Wind flatterte, passierten die Werkstätten für Hausindustrie.

Der Tag ging zur Neige. Häuflein müder Arbeiter kamen ihnen entgegen. Hier oben schien es, als lebte ein anderer Menschenschlag, es waren ganz andere Gesichter, fest, mager sehnig. Es schien, als wäre die romanische Rasse, die sich vor der Verfettung, vor Lues und Degeneration retten wollte, auf diese Höhen über Paris gestiegen, um hier ruhig und gefaßt der Stunde entgegen zu leben, wo man die untere Stadt wieder von allem Schmutz reinigen und Frankreichs Schiff wieder im Ozean sonnen könnte.

»Hierher!« – sagte Viktor, indem er mit einem amerikanischen Schlüssel die Tür eines niederen, kleinen Schuppens öffnete.

26.

Garin und Victor Lenoir näherten sich der nicht großen, ziegeligen Esse mit ihrem eisernen Deckel und zwei herausragenden Ventilatoren. Daneben, auf einem Tisch, lagen die Pyramidchen, in Reihen geordnet. Auf der Esse, unter dem Deckel, stand auf der Kante ein dicker, bronzener Ring mit zwölf Fayencetäßchen, die längs seiner Peripherie aufgestellt waren. Lenoir zündete die Kerze an und blickte mit einem eigenartigen Lächeln auf Garin:

»Pjotr Petrowitsch, wir kennen einander fünfzehn Jahre, nicht wahr? Wir haben miteinander schon so manche Nuß geknackt. Sie hatten Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, daß ich ein ehrlicher Mensch bin. Als ich aus Petersburg floh – haben Sie mir geholfen. Daraus schließe ich, daß Sie mir nicht schlecht gesinnt sind. Sagen Sie warum, zum Teufel, verheimlichen Sie den Apparat vor mir? Ich weiß doch, daß Sie ohne mich, ohne meine Pyramidchen – machtlos sind … Tun wir, was sich für Kameraden schickt …«

Garin fragte, während er aufmerksam den bronzenen Ring mit den Fayencetäßchen betrachtete:

»Sie wollen, daß ich Ihnen das Geheimnis eröffne?«

»Ja.«

»Sie wollen sich an der Sache beteiligen?«

»Ja.«

»Wenn es notwendig sein wird – und ich fürchte, daß im Verlauf der Sache sich solche Notwendigkeiten ergeben dürften, werden Sie zu allem bereit sein müssen, um die Sache zu dem gewünschten Resultat zu bringen.« (Garin unterstützte dieses »allem« mit einer entsprechenden Handbewegung.)

Ohne den Blick von ihm abzuwenden, setzte sich Lenoir auf den Rand der Esse. Seine Mundwinkel zitterten:

»Ja,« sagte er entschlossen, »ich bin einverstanden!«

Er zog ein Fetzchen aus der Tasche seines Kittels und wischte sich die Stirn ab:

»Ich will Sie zu nichts zwingen, Pjotr Petrowitsch, Sie blicken mich vergebens so haßerfüllt an! Ich habe dieses Gespräch vom Zaun gebrochen, weil Sie, so sonderbar das auch klingen mag, der Mensch sind, der mir im Leben am nächsten steht … Ich war im ersten, Sie im zweiten Jahrgang des technologischen Instituts … schon damals hatte ich riesigen Respekt vor Ihnen. Sie sind ungeheuer talentiert … hervorragend … Sie sind furchtbar kühn. Ihr Verstand ist analytisch, verwegen, furchtbar. Sie sind ein Entsetzen einflößender Mensch. Sie sind grausam, Pjotr Petrowitsch, wie alle großen Talente, Sie haben den Menschen gegenüber keinen Spürsinn. Sie haben mich vorhin gefragt, ob ich zu allem bereit sei?! Gewiß bin ich bereit! Was gibt's darüber überhaupt noch zu reden? Ich habe nichts zu verlieren. Ohne Sie, ist das Leben für mich ein automatisch sich wiederholender Alltag … irgendwo in einer Fabrik, Werktag bis ans Ende des Lebens. Mit Ihnen aber – Festtag oder Verderben … Ob ich zu allem bereit bin?! … Lächerlich! Was ist zu tun? Rauben? Morden?«

Er hielt inne. Garin nickte mit den Augen bejahend. Lenoir lächelte.

»Ich kenne die französischen Kriminalgesetze … Ob ich einverstanden bin, mich der Gefahr ihrer Anwendung auszusetzen? … Gewiß bin ich einverstanden. Nebenbei gesagt: ich habe den berühmten Angriff der Deutschen am zweiundzwanzigsten April neunzehnhundertundfünfzehn mitgemacht. Stellen Sie sich vor, daß aus der Erde eine lange, dicke Wolke hervorkriecht, auf uns zu, in gelbgrünen Wellen, wie eine Luftspiegelung. Selbst im Traum kann man es nicht phantastischer sehen. Tausende von Menschen liefen querfeldein, in furchtbarem Entsetzen, werfen Waffen von sich, schleudern die Helme fort. Aber trotzdem erreichte sie die Welle – und mit ihr der Tod. Die Wenigen, die Zeit fanden, zu fliehen, hatten dunkelrote Gesichter, abgefallene Zungen, ausgebrannte Augen … Es war Chlor. Was für ein Unsinn sind doch ›moralische Begriffe‹ … Oh, nach diesem Krieg sind wir keine Kinder!«

»Mit einem Wort« sagte Garin spöttisch, »Sie haben begriffen, daß die bürgerliche Moral einer der dankbarsten Tricks ist und jeder ein Narr ist, der ihrethalber das grüne Gas schluckt. Uebrigens, um der Wahrheit gerecht zu werden, muß ich gestehen, daß ich über diese Probleme ein wenig nachgedacht habe … Also, ich betrachte Sie, aus freien Stücken, als meinen Teilhaber an der Sache. Morgen abends werde ich Ihnen in diesem Schuppen die Wirkung meines Apparates zeigen. Sie unterordnen sich widerspruchslos meinen Befehlen! Aber eine Bedingung habe ich noch zu stellen!«

»Ich bin mit allem einverstanden!«

»Sie wissen, Viktor, daß ich mit einem falschen Visum nach Paris gekommen bin. Ich muß jede Woche das Hotel wechseln. Einigemale mußte ich sogar Straßendirnen mitnehmen, um keinen Verdacht zu erwecken. Gestern habe ich bemerkt, daß man mich beobachtet. Man hat Russen damit beauftragt. Scheinbar hält man mich für einen bolschewistischen Agenten. Ich muß diese Spione auf eine falsche Spur hetzen!«

»Was soll ich tun?«

»Sie müssen sich so schminken, daß Sie mir ähnlich sehen! Ergreift man Sie, weisen Sie Ihre Dokumente vor. Ich will doppelt sein. Wir sind von gleichem Wuchs, Sie werden sich die Haare färben, werden ein falsches Spitzbärtchen ankleben, wir kaufen uns die gleichen Kleider. Dann übersiedeln Sie noch heute abend aus Ihrem Hotel nach einem anderen Stadtteil, wo man Sie nicht kennt, sagen wir Montparnasse. Handschlag?«

Lenoir sprang von der Esse herunter und drückte fest Garins Hand. Dann begann er, ihm zu erklären, wie es ihm gelungen war, die Pyramidchen aus einem Gemenge von Eisenoxyd, Aluminium, festem Oel und gelbem Phosphor herzustellen. Er stellte auf die Fayencetäßchen des Ringes zwölf Kohlenpyramidchen und entzündete sie mittels einer Schnur. Eine Säule blendenden Lichts erhob sich über der Esse. Hitze und Licht waren derart stark und unerträglich, daß sie gezwungen waren, sich in die Tiefe des Schuppens zurückzuziehen.

»Ausgezeichnet,« sagte Garin, »hoffentlich kein Ruß?«

»Es ist eine vollkommene Verbrennung bei furchtbar hoher Temperatur. Das verwendete Material ist chemisch gereinigt!«

»Gut. Sie werden in diesen Tagen noch Wunder erleben,« sagte Garin, »gehen wir essen! Um Ihr Gepäck im Hotel werden wir einen Dienstmann schicken. Wir werden auf dem linken Seineufer übernachten. Und morgen werden in Paris zwei Garins auftauchen … Haben Sie einen zweiten Schlüssel zu dem Schuppen?«

27.

Hier gab es keinen glänzenden Strom von Automobilen, keine müßigen Menschen, die die Hälse nach den Schaufenstern reckten, keine Frauen, die den Sinn betörten, keine Industriekönige.

Staffel von frischen Brettern, Berge von Stöckelpflaster, das nach Harz roch, lagen inmitten der Straße, Ton und Straßenwalzen sah man da, blauen Schmutz und, nahe dem Trottoirrand lagen Glieder der Kanalröhren, wie ein zerschnittener, gigantischer Wurm.

Selbstverständlich hätte ein mondäner Stutzer hier nichts zu suchen. So ein amerikanischer Gent hätte hier nichts verloren, der seine alljährliche Reisetournée machte:

New York: nervöse Uebermüdung durch Börsenspekulationen, Katarrh des Verdauungsapparats infolge übermäßigen Genusses von Gefrorenem.

Bad Kissingen: dreiwöchige Behandlung obenerwähnter Organe mit Wasser, Elektrizität und Bädern.

Paris: allgemeine Durchlüftung und Ventilation der Geschlechtsenergie.

Hinter den Zollschranken von Narwa wäre so ein Stutzer in einen Zustand äußerster Verzagtheit verfallen.

»Sehr gut,« würde er sagen, »auch bei uns werden die Kanäle repariert, aber unsere Arbeiter machen die Sache eben so, daß die anderen Leute deshalb nicht in ihren Vergnügungen gestört werden. Langlebig lebt Ihr, meine Herrschaften! … Ihr baut, arbeitet – und für wen schließlich? Wer von Euch bekommt ein gutes, warmes Mittagessen? Es ist ja lächerlich, abgeschmackt und unmenschlich, wenn man bedenkt, daß sich mit einem Male die ganzen Küchenangestellten, Köche, Geschirrabwascher usw. versammeln und sich statt der Herrschaft selbst zur Tafel setzen und zu schmausen beginnen. Das ist beängstigend, wie ein böser Traum. Das verstehe ich nicht – auf Wiedersehen!«

Wenn sich so einem Ausländer, der bei einem Spazierflug vom Sturm gegen Leningrad getragen, zu einer Notlandung mit seinem Flugzeug vor den Zollschranken von Narwa gezwungen, der Spartakianer Taraschkin zufälligerweise genähert hätte, wäre es sicher zu einem sehr angeregten Gespräch gekommen. Taraschkin hätte vielleicht zur Stillung der Neugier des Ausländers in bezug auf die herrschenden sozialen Verhältnisse dem Manne seine Faust unter die Nase gehalten, denn der Ausländer hätte sich an den Kopf gegriffen, ob der erhaltenen Auskünfte. Jungens würden sich um die beiden ansammeln, Zigarettenverkäufer, und dröhnenden Schrittes käme auch bald quer über das Pflaster der Milizionär in roter Kappe – zur Schlichtung der Streitsache und schließlich hätte die Sache noch, weiß Gott, wozu geführt – aber glücklicherweise war an diesem Tage kein Ausländer aus den Wolken gefallen.

Der Spartakianer Taraschkin überquerte den Platz, knapp nach dem Heulen der Fabriksirene. Er war in bester Laune. Auf einen Außenstehenden hätte er allerdings eher einen finsteren Eindruck gemacht, aber das kam daher, daß Taraschkin ein innerlich ausgeglichener Mensch war und seine gute Stimmung sich vor allem darin ausdrückte, daß er stets das eine Auge halbzugekniffen hielt und die Nase zu unzähligen Runzeln verzog.

Ungefähr hundert Schritte vor der Straßenbahnhaltestelle hörte er zwischen zwei Stapeln Holzstöckelpflaster lautes Schimpfen und Schreien. Selbstverständlich interessierte sich Taraschkin für alles, was in der Stadt vor sich ging. Er blickte hinter die Stapel, wo er drei Knaben sah, in Glockenhosen und dicken Jacken, die schnaubend und gröhlend auf einen vierten losschlugen, der kleiner war als sie, ohne Hut, barfuß, in einer Frauenjacke, derart zerrissen, daß es zum Staunen war. Schweigend verteidigte er sich. Sein mageres Gesicht war zerkratzt, der kleine Mund fest geschlossen, die braunen Augen funkelten wie bei einem Wolfsjungen.

Sofort packte Taraschkin zwei der Jungen in Glockenhosen beim Kragen, hob sie in die Luft, gab dem dritten gleichzeitig einen Stoß mit dem Fuß – der Junge heulte und verschwand hinter den Stapeln.

Die anderen beiden stießen allerhand Drohungen aus, während sie in der Luft zappelten. Aber Taraschkin schüttelte sie noch heftiger und schließlich waren auch sie ruhig.

»Das habe ich schon oft auf der Straße beobachtet: auf kleine, wehrlose Jungens loszuschlagen!« sagte Taraschkin, in ihre grollenden Schnäuzchen blickend, »daß mir das ja nicht mehr vorkommt! Verstanden?«

Da sie gezwungen waren, eine bejahende Antwort zu geben, murrten die beiden: »Jawohl!«

Dann ließ er sie los und sie entfernten sich brummend, wobei man so etwas ähnliches hörte, wie: »… soll uns ja nicht noch einmal unter die Hände kommen …«, die Fäuste in den Hosentaschen, verschwanden sie.

Während Taraschkin hier die Ordnung wieder hergestellt hatte, versuchte der kleine Junge, zu verschwinden, aber er drehte sich immerfort auf dem Platze herum, stöhnte leise und setzte sich, den Kopf unter der zerrissenen Jacke verbergend, auf den Boden.

Taraschkin beugte sich über ihn. Der Knabe weinte:

»Ach du,« sagte Taraschkin, »wo wohnst du?«

»Nirgends,« antwortete der Knabe aus der Jacke.

»Was heißt das: nirgends? Hast du eine Mutter?«

»Nein.«

»Auch keinen Vater? So, also ein unterstandsloses Waisenkind! Sehr gut.«

Taraschkin blieb eine Zeitlang stehen, die Falten auf seiner Wange glätteten sich, er hatte wieder beide Augen ganz offen. Der Knabe summte wie eine Fliege unter seiner Jacke.

»Willst du essen?« fragte Taraschkin.

»Ja.«

»Nun gut, komm mit mir in den Klub!«

Der Knabe versuchte, aufzustehen, fiel aber gleich wieder hin. Taraschkin nahm ihn auf den Arm – der Junge wog kaum vierzig Pfund. Er trug ihn bis zur Tram, setzte ihn auf die vordere Plattform. Sie fuhren ziemlich lange. Während des Umsteigens kaufte Taraschkin ein Stück Weißbrot. Der Junge trieb das Brot krampfhaft zwischen seine Zähne ein. Bis zur Ruderschule gingen sie zu Fuß. Er ließ den Knaben vor dem Pförtchen warten und sagte zu ihm:

»Gib acht! Stiehl' ja nichts!«

»Nein, nur Brot …«

Schläfrig blickte der Knabe auf das Wasser, das sich in der Sonne auf den lackierten Booten spiegelte, auf die silbergrüne Weide, die ihre Schönheit dem Fluß zuneigte, über die in zwei- und viersitzigen Gigs die muskulösen abgebrannten Ruderer vorüberglitten. Sein mageres Gesicht war müde und apathisch. Als sich Taraschkin abgewendet hatte, kroch er sogleich unter das Holzgerüst, das die breiten Tore des Klubs mit dem Ankerplatz verbindet und schlief wahrscheinlich gleich darauf ein, ganz zusammengerollt.

Abends zog ihn Taraschkin hervor, befahl ihm, im Fluß die kleine Fresse und Hände zu waschen und führte ihn zum Abendessen. Man setzte den Knaben mit den Ruderern an denselben Tisch. Taraschkin sagte zu seinen Gefährten: »Wir können dieses Kind im Klub behalten! Wird uns nicht arm fressen. Wir werden den Jungen an das Wasser gewöhnen, wir brauchen ohnedies einen flinken Burschen! – Er ist übrigens obdachlos!«

Die Gefährten waren einverstanden, möge er bleiben! Der Knabe hörte das alles ruhig mit an, aß anständig, legte alle Augenblicke den Löffel hin. Nach dem Nachtmahl kroch er ruhig von der Bank herunter. Er war über nichts erstaunt, er hat schon Sonderbareres gesehen. Taraschkin führte ihn zum Anlegeplatz, befahl ihm, sich zu setzen, und es entwickelte sich folgendes Gespräch:

»Kennst du das politische Einmaleins?«

»Nein, ich kenne es nicht!«

»Und wie heißt du?«

»Iwan.«

»Woher stammst du?«

»Aus Sibirien, vom oberen Amur.«

»Bist du schon lange hier?«

»Gestern bin ich angekommen.«

»Wie bist du hergekommen?«

»Zu Fuß … unter Waggons, angehängt … in Kisten …«

»Warum hat es dich nach Leningrad getrieben?«

»Das ist meine Sache,« antwortete der Knabe und wandte sich ab, »ich werde schon wissen, wozu ich hergekommen bin …«

»Erzähle mir nur – ich werde dir nichts tun!«

Der Knabe antwortete nichts, begann nur, allmählich wieder seinen Kopf in die Jacke zu verstecken. An diesem Abend konnte Taraschkin aus ihm nichts mehr herausbringen.

Kapitelnummerierungs-Sprung von 27 auf 29. joe_ebc

29.

Ein zweisitziger Gig, aus Mahagoni, elegant, wie eine Geige, glitt kaum merklich wie ein schmaler Streifen über den spiegelnden Fluß. Beide Ruderpaare glitten mit der flachen Seite über das Wasser. Schelga und Taraschkin, in weißen Turnhosen, bis an den Gürtel nackt, mit rauhem, von der Sonne verbranntem Rücken und Schultern, saßen unbeweglich, mit angezogenen Knien.

Der Steuermann, ein ernster Bursche in Seemannsmütze, mit einem Schal um den Hals, blickte auf den Geschwindigkeitsmesser.

»Es wird ein Gewitter kommen!« sagte Schelga.

Auf dem Fluß war es heiß. Kein Blatt regte sich auf dem üppig bewaldeten Ufer. Die Bäume schienen übertrieben in die Länge gezogen zu sein, das Licht war kristall-hellblau, der Himmel so von Sonne übersättigt, daß das Licht in Schwärmen von Kristallen herabzufallen schien. Es schmerzte in den Augen, drückte an den Schläfen.

»Ruder ins Wasser!« kommandierte der Steuermann.

Die Ruderer beugten mit einem Male die Körper über die gespreizten Knie, ganz nach vorne, um sie sogleich darauf zurückzuwerfen, gleichzeitig mächtig die Ruder ins Wasser einsetzend. Sie lagen fast ganz flach nach hinten geworfen im Boot, streckten die Füße, die Roller fortstoßend.

»Eins – zwei!«

Die Ruder schienen sich zu biegen, der Gig glitt wie eine Schneide über den Fluß.

»Eins – zwei, eins – zwei, eins – zwei!« kommandierte der Steuermann.

Gemessen, rasch, im Takt der Herzschläge, des Ein- und Ausatmens, arbeiteten die Körper der beiden Ruderer, schnellten wie Sprungfedern. Eifrig angestrengt, in friedlichem Rhythmus des Blutkreislaufs, arbeiteten die Muskel.

Der Gig flog an Spazierbooten vorüber, in denen Männer in Hosenträgern hilflos mit den Rudern herumarbeiteten. Schelga und Taraschkin blickten während des Ruderns ständig gerade vor sich hin – direkt auf den Nabel des Steuermannes, die Gleichgewichtslinie streng im Auge behaltend. Von den Spazierbooten fanden die Leute knapp Zeit, ihnen ein paar anerkennende Worte zuzurufen.

»Seht mal! Mordskerle! … Wie übers Wasser geblasen! … Flinke Jungens!«

Sie kamen ins Meer hinaus. Wieder legten sie für eine Minute die Ruder aufs Wasser, unbeweglich. Sie wischten sich den Schweiß von den Gesichtern. Eins – zwei! Vor dem Yacht-Klub kehrten sie um. Wie tote Leinwand hingen dort in der Kristallschwüle die riesigen Segel der Rennjachten der Leningrader Gewerkschafts-Verbände. Auf der Veranda des Yachtklubs spielte eine Musikkapelle. Die entlang des Ufers gehißten Flaggen und kleinen Fähnchen hingen unbeweglich an ihren Masten herab. Braungebrannte Leute warfen sich von den Schaluppen in die Flußmitte. Schäumend spritzte das Wasser über sie ins kristallene Licht.

Nachdem sie zwischen den Badenden durchgeglitten waren, fuhr der Gig die Newka entlang, flog unter einer Brücke durch, eine Zeit lang hingen sie hinter dem viersitzigen Outrieger des Klubs »Die Pfeile« im Wasser, den sie überholten, während ihnen der Steuermann über die Achseln zurief: »Sollen wir Euch vielleicht ins Schlepptau nehmen?« Dann steuerten sie den schmalen, üppigen Ufern der Krestowka zu, wo hinter den grünen Waldlichtungen rote Kopftücher und nackte Knie – die weibliche Lehrmannschaft – vorbeiglitten. Schließlich hielten sie auf dem Anlegeplatz.

Schelga und Taraschkin sprangen ans Land, legten die kostbaren Ruder vorsichtig auf das abschüssige Ufer, bogen sich über den Gig und hoben ihn auf das Kommando des Steuermanns aus dem Wasser, trugen ihn durch die weit geöffneten Schuppentore auf seinen Platz. Dann gingen sie unter die Dusche (Taraschkin pflegte das »Stahl härten« zu nennen), rieben sich so lange den Körper, bis er rot war, tranken, wie es sich gehört, ein Glas Tee mit Zitrone, um sich schließlich wie neugeboren zu fühlen – in einer schönen Welt, die es verdient, daß in ihr endlich gründlich Ordnung geschaffen wird.

30.

Auf der offenen Veranda, im ersten Stock, wo eben Tee getrunken wurde, erzählte Taraschkin von seinem gestrigen Erlebnis mit dem Knaben:

»Ein flinker Junge ist er – und reizend! Ich will ihn im Klub unterbringen. Sonst wäre es schade um ihn – er ginge zweifellos zugrunde.« Er beugte sich über das Geländer und rief: »Iwan, komm herauf!«

Sofort darauf stapften bloße Füße die Treppe herauf. Iwan erschien auf der Veranda. Er trug nicht mehr die zerrissene Jacke, man hatte sie aus sanitären Gründen in der Küche verbrennen müssen. Jetzt trug er Ruderhosen und auf dem nackten Oberkörper eine unglaublich alte Tuchweste, die mit Schnüren unzählige Male umwickelt war.

»Da ist er,« sagte Taraschkin und zeigte auf den Jungen. »So sehr ich ihm auch zurede, die Weste auszuziehen – um nichts in der Welt ist er dazu zu bewegen. Wie wirst du dich denn baden? Ich frage dich, hörst Du? Wenn es wenigstens eine gute Weste wäre, aber so ein Schmutzfleck!?«

»Ich kann mich nicht baden«, sagte Iwan.

»Man muß dich aber ins Bad führen, du bist ja ganz schwarz und schmierig!«

»Ich kann mich nicht baden! Da, bis daher – kann ich!« er zeigte auf den Nabel.

Dann trat er von einem Fuß auf den anderen, rückte gegen die Tür ab. Taraschkin kratzte sich die Haut von den abgebrannten Waden und sagte verärgert:

»Scheinbar ist es ganz vergebens, dir das beizubringen!?«

»Warum willst du eigentlich nicht!?« fragte Schelga, »hast du Angst vor dem Wasser?«

Der Knabe blickte ihm ernst ins Gesicht:

»Nein, vor dem Wasser habe ich keine Angst!«

»Also, warum willst du dann eigentlich durchaus nicht baden?«

Der Knabe zuckte mit den Achseln, lächelte.

»Also Iwan – wie immer es auch sein mag – wenn du nicht baden willst, laß es bleiben, meinetwegen … Aber diese Weste zu tragen, das können wir dir nicht mehr erlauben! Nimm meine Weste hier, zieh dich aus!« Und Schelga begann, seine Weste aufzuknöpfen. Iwan rückte zurück. Seine Pupillen liefen unruhig auf und ab. Er blickte flehentlich auf Taraschkin und näherte sich immer weiter der Glastür, die gegen die dunkle Innentreppe zu offen stand.

»Oho, so haben wir die Sache nicht gemeint,« sagte Schelga, stand auf, schloß die Tür, nahm den Schlüssel heraus und setzte sich gerade gegenüber der Tür wieder hin. »Nun, zieh aus!«

Der Knabe sah um sich wie ein kleines Tier. Jetzt stand er bereits ganz nahe der Tür, den Rücken der Glaswand zugekehrt. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Plötzlich warf er entschlossen diesen Fetzen ab, der einstmals eine Weste war und streckte seine Arme Schelga entgegen:

»Nun, gib mir deine!«

Aber Schelga blickte schon längst nicht mehr auf den Knaben, sondern über dessen Schultern weg, auf die Glastür.

»Geben Sie!« rief der Knabe verändert, »warum lachen Sie? Sie sind doch kein kleines Kind mehr!«

»So ein merkwürdiger Kauz«, lachte Schelga laut. »Dreh mir deinen Rücken zu! (Der Knabe schlug, wie von einem Stoß, mit dem Nacken gegen die Glastür) Dreh dich um, ich habe ohnedies schon gesehen, was dir auf dem Rücken geschrieben steht!«

Taraschkin sprang auf. Der Junge flog wie ein Klümpchen über die Veranda, wollte hinabkollern. Aber Taraschkin erwischte ihn im letzten Augenblick. Mit seinen scharfen Zähnen fuhr ihm der Junge in die Hand.

»Wirst du aufhören, mich zu beißen, du böser Junge!«

Taraschkin preßte ihn mit Gewalt an sich, strich ihm über den rasierten Kopf:

»Ein ganz wilder Bursche! Zittert, wie eine Maus. Nun, hör doch auf, wir werden dir ja nichts antun!«

Der Knabe wurde auf seinen Armen ruhiger, nur sein Herz klopfte stürmisch. Plötzlich flüsterte er ihm ins Ohr:

»Aber wir werden es gar nicht lesen, es interessiert uns nicht!« erwiderte Taraschkin, vor Lachen weinend. Während dieser Zeit stand Schelga am anderen Ende der Terrasse, biß sich die Nägel, blinzelte, wie ein Mensch, der ein Rätsel lösen will. Plötzlich sprang er hin und drehte den Knaben, trotz Taraschkins Widerstand, mit dem Rücken zu sich.

Erstaunen, beinahe Entsetzen, malte sich in den Zügen Schelgas. Mit einem Tintenstift stand unter den Schulterblättern auf dem mageren Rücken des Knaben mit verfließendem, vom Schweiß schon halbverwischten Buchstaben eine merkwürdige Zeichnung, die einen Weg andeuten sollte.

»Garin – das ist Garin!« schrie Schelga auf. In diesem Augenblick kam in den Hof, schnaubend und schießend, ein Motorrad geflogen, auf welchem ein Agent des Leningrader Kriminalamtes saß. Er schrie von unten:

»Genosse Schelga – ein Telegramm an Sie!«

Es war Garins Telegramm aus Paris.

 

* * *

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.