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Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
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Erstes Buch.
Die Kohlenpyramidchen

1.

Der riesige, gewölbte Raum der prächtigen Hall des Hotel Majestic, dem Inneren eines gotischen Domes ähnlich, mit vergoldeten Möbeln, dick mit Teppichen belegt, war um die Zeit des Lunch, viertel zwei Uhr nachmittags, ganz leer.

An Stelle des Portiers stand bei der kristallenen Drehtür der diensthabende Boy in blauer Jacke mit hundertzwanzig Goldknöpfen.

Von Zeit zu Zeit wandte er seine Aufmerksamkeit der bronzenen Verschalung zu, wo durch ein unterirdisches Rohr die Granate der Rohrpost klopfend geflogen kam, öffnete die Hülse und legte die blauen, fest zusammengerollten Kuverts in die entsprechenden, alphabetisch geordneten Fächer des offenen Wandschrankes. Er griff nach der Telephonmuschel und sagte, wie ein Automat: »Ja, Mr. … Nein, Mr. … Sofort Mr.« Dann stürzte er zu dem Schaltbrett, schloß die internen Telephone an, öffnete ein riesiges Buch und trug Nummer und Namen ein. Dieser sonderbare, bewundernswerte Knabe bewegte sich mit einer für ein Lebewesen ganz unbegreiflichen Geschwindigkeit.

Weit, am anderen Ende der Hall, vor der zweiten Drehtür, stand der Portier, der »Beherrscher des Eingangs«, ein glattrasierter Alter von zwei Meter Länge, einem verkrachten Opernsänger ähnlich. Seine Waden steckten in Seidenstrümpfen, die flachen Füße in Lackschuhen mit Metallspangen. Um den Hals, über den gediegenen Frack, hatte er eine schwere Kette hängen.

Die podagraischen Hände auf dem Rücken gefaltet, blickte er durch die Spiegelglaswand in den Wintergarten. Dort dinierten, vom Grün der Palmenblätter umgeben, unter blühenden Mandelzweigen, an schneeweiß gedeckten Tischen die Hotelgäste.

Die Damen waren schön – dagegen konnte man nichts einwenden. Die Jungen begeisterten durch die aromatische Seide ihres auseinanderfallenden Haares, durch die Frische des Mundes, der Haut und der Augen, die bald angelsächsisch-blau, bald schwarz-südamerikanisch, bald lilafarben-französisch lächelten. Die Bejahrten übertünchten ihre welkende Schönheit mit der scharfen Soße außerordentlich prunkvoller Toiletten. Darauf verstanden sich ja die Pariser Schneider meisterlich.

Ja, was die Damen anbelangt, stand die Sache gut. Aber von den Herren, die im Speisesaal saßen, konnte der alte Portier wahrhaftig nicht dasselbe sagen. Aus welchem Gestrüpp, zum Teufel waren denn nach dem Kriege alle diese fetten, kurzen, schick angezogenen Schieber gekrochen, mit ihren behaarten, mit Ringen beladenen Fingern und entzündeten Wangen, denen man anmerkte, wie schwer sie unter dem Strich des Rasiermessers nachgaben?! Die Kerle tranken von frühmorgens bis wieder frühmorgens geräuschvoll Champagner. Hauptsächlich waren sie aus Amerika herübergekrochen gekommen – aus diesem verfluchten Lande, wo man bis in die Knie in Gold einsinkt, wo man sich mit der Absicht trägt, die ganze gediegene, alte Welt für einen Pappenstiel in Auktionen leerzukaufen …

2.

Vor dem Portal des Hotels fuhr geräuschlos ein langes Luxusauto vor. Der »Beherrscher des Eingangs« eilte unter Geklirr seiner Halskette zur Drehtür.

Als erster kam, die Hände in den Hosentaschen, ein anmaßender Mensch von niedrigem Wuchs herein, in schwarzem Mantel und steifem Hut, der tief in der Stirn saß, mit einem Bart, der bis hoch an die Augen heranreichte und fast die ganzen Wangen bedeckte. Er hatte geblähte Nüstern und eine fleischige Nase.

Er blieb in der Mitte der Hall stehen, wartete auf seine Begleiterin, die dem Chauffeur noch etwas zu sagen hatte. Der Portier erkannte sie sogleich; es war die berühmte Zoe Montrose, eine der schicksten Frauen von Paris – wenn die Presse auf sie zu reden kam, hieß es immer: »die schönsten Hüften von Paris …«

Sie trug ein weißes Tuchkostüm, das an den Aermeln bis zu den Ellbogen mit langhaarigem, schwarzem Affenpelz verbrämt war. Ihr kleines Filzhütchen, ohne allen Aufputz, war eine Schöpfung des berühmten Maitre Colleau, der sich vertragsmäßig gegen 30 000 Francs verpflichtet hatte, keinen Hut ähnlicher Fasson mehr zu erzeugen.

Zoe Montrose war sehr schön – schlank, hoch, schmaler Hals, ein wenig zu großer Mund, Stumpfnäschen. Ihre grauen Augen machten einen kalten, leidenschaftlichen Eindruck.

Sie näherte sich dem Menschen im steifen Hut:

»Wollen wir Mittag essen, Rolling? Ich habe Hunger. Semjonow kann warten!«

»Nein,« antwortete er, ebenso kurz, wie scharf, »ich will ihn vor dem Mittagessen sprechen!«

Zoe lächelte, zuckte mit den Achseln. Rolling, der beschlossen hatte, hier stehen zu bleiben und auf Semjonow zu warten, blieb stehen – und wartete. Vor dem seitlichen Eingang, wo der Boy mit übermenschlicher Behendigkeit arbeitete, kam ein Lohnauto angerast und durch die Drehtür kam ein junger Mensch mit weit geöffnetem, fliegendem Mantel, in den Händen Stock und weichen Hut, hereingelaufen. Sein aufgeregtes Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt, der helle Schnurrbart schien wie auf dem Gesicht angeklebt zu sein. Mit seinen, rothaarigen Wimpern blinzelnd, lief er auf Rolling zu, scheinbar in der Absicht, ihm zur Begrüßung die Hand entgegenzustrecken. Aber Rolling, ohne sich zu bewegen und ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, sagte zu ihm:

»Sie haben sich um eine Viertelstunde verspätet, Semjonow!«

»Man hat mich solange aufgehalten … Ich bitte vielmals um Entschuldigung … Aber es war ja eben wegen unserer Angelegenheit … Ah – guten Tag, Mlle. Montrose, verzeihen Sie, aber ich bin ganz außer Atem … Alles ist in Ordnung – sie sind einverstanden … Sie können bereits morgen nach Warschau abreisen …«

»Wenn Sie schreien, höre ich auf, Sie anzuhören!« sagte Rolling.

»Entschuldigen Sie – ich werde im Flüsterton sprechen … Es wird in Warschau bereits alles vorbereitet sein, Pässe, Dokumente, Stempel usw. … In den ersten Apriltagen können Sie dann bereits die Grenze überschreiten.«

»Gut,« sagte Rolling, »jetzt werde ich mit Mlle. Montrose zu Mittag essen. Sie fahren zu diesen Herren und teilen ihnen mit, daß ich sie nach vier Uhr noch heute sehen will. Warnen Sie sie aber, daß ich sie, falls sie sich als Charlatans erweisen sollten, der Polizei ausliefern werde. Die Instruktionen erteile ich Ihnen eine Stunde vor der Abfahrt!«

Rolling nickte ihm mit den Augenwimpern zu, dann betrat er, einen halben Schritt vor Zoe Montrose, den Speisesaal.

3.

Zu früher Morgenstunde hielt, nahe dem Anlegeplatz des Ruderklubs, ein zweisitziges Boot

Zwei Leute stiegen aus, und ganz nahe dem Ufer, entwickelte sich zwischen ihnen ein kurzes Gespräch. Eigentlich, sprach nur einer von ihnen – scharf und befehlend, der andere blickte auf den stillen, dunklen Fluß, dessen Wasserstand ziemlich hoch war.

Hinter den nackten Baumkronen, der Krestowskiy-Insel ergoß sich langsam das Frühlingsmorgenrot in das nächtliche Blau. Kein Plätschern, kein Hauch in der Natur war hörbar.

Dann beugten sie sich über das Boot, entflammten ein Zündholz, das ihre Gesichter beleuchtete, nahmen aus dem Boot irgendwelche Pakete, derjenige, der geschwiegen hatte, nahm sie an sich und verschwand im Walde – der andere aber sprang ins Boot und mit den Rudern weit ausholend, die in den Gelenken knarrten, fuhr er davon. Die Silhouette des rudernden Mannes durchschnitt den vom Morgenrot beleuchteten Flußstreifen und kam in den Schatten des gegenüberliegenden Ufers. Eine kleine Welle plätscherte vor dem Anlegeplatz.

Der Spartakianer Taraschkin, Bootsführer auf dem Renngig (viersitziger Outriegen), hatte diese Nacht im Klub Dienst. Statt seine jungen Jahre und den Frühling zu nützen, die so schnell dahinfließenden Stunden des Lebens, ohne auf Schlaf zu achten, unüberlegt zu genießen, saß Taraschkin, die Knie mit den Armen umspannend, über das schlafende Wasser des Anlegeplatzes gebeugt.

Es gab genug, worüber in der Stille der Nacht nachzudenken war. Zwei Sommer hintereinander hatten diese verfluchten Moskauer, die den Geruch des wirklichen Wassers kaum erst in der Nase hatten, die gemeinsam mit den Fröschen in den Moskauer Pfützen trainiert hatten, die Leningrader Ruderklubs in den Klassen der Einser-, Vierer- und Achterboote geschlagen. Das war beleidigend. Und man konnte das unmöglich überleben.

Aber jeder Sportsmann weiß, daß der Weg zu Siegen über Niederlagen führt. Diese Erkenntnis – und vielleicht auch der Reiz des heranbrechenden Frühlingsmorgens, der nach scharfem Grase und nassem Holz roch, bestärkten Taraschkin nur noch mehr in der Geistesgegenwart, deren er für das Training zu den großen Junirennen bedurfte.

Während er so vor dem Anlegeplatz saß, sah er, wie das zweisitzige Boot vom Ufer abgestoßen hatte und abgefahren war. Taraschkin verhielt sich allen Erscheinungen des Alltagslebens gegenüber ziemlich gleichgültig. Hier erschien ihm ein einziger Umstand sonderbar: die Beiden, die dort am Ufer gestanden waren, hatten einander derart ähnlich gesehen, wie ein Ruder dem anderen. Gleich groß, in ganz gleichen weiten Mänteln, mit dunklem Spitzbärtchen. Taraschkin hatte ihre Gesichter sehr gut bemerkt, als sie, während sie sich über das Boot gebeugt hatten, ein Streichholz entflammt hatten.

Aber es ist ja schließlich in der Republik nicht verboten, sich bei Nacht zu Wasser oder zu Lande mit seinem Doppelgänger herumzutreiben. Vielleicht hätte Taraschkin diese Beobachtung mit den beiden Personen in den dunklen Spitzbärtchen gänzlich vergessen, wäre nicht jenes sonderbare Ereignis vorgefallen, das sich am selben Morgen, nächst der Ruderschule in dem Birkenwäldchen, in einem halbverfallenen Landhäuschen mit verschlossenen Fensterläden zugetragen hatte.

4.

Taraschkin spannte die Muskeln an, blinzelte der Sonne entgegen und ging in den Klubhof, um Holzspäne zu sammeln. Es war schon gegen sechs Uhr.

Wassilij Vitaljewitsch Schelga näherte sich dem Klub, das Pförtchen knarrte und indem er sein Rad neben sich über den feuchten Rasensteig führte, kam er an Taraschkin heran.

Schelga war in jeder Hinsicht ein tüchtiger Sportsmann, muskulös, leicht beweglich, von mittlerem Wuchs, straffem Hals. Er hatte einen sicheren Blick, war ein besonnener und vorsichtiger Charakter. Er diente in der Kriminalpolizei und beschäftigte sich zwecks allgemeinen Trainings mit Sport. Der Rudersport interessierte ihn ganz besonders – die Anstrengung des Ruderns entwickelte alle Muskeln, während in gleichem Maße dem Körper Luft und Sonne zugeführt wurde.

»Nun, wie geht es, Genosse Taraschkin? Hoffentlich werden wir am zehnten bereits die Flagge hochziehen? Ist alles in Ordnung?« fragte Schelga, während er sein Rad an die Freitreppe lehnte. »Ich bin gekommen, um ein wenig mitzuhelfen. Sieh nur mal, wie viel Schmutz da herumliegt! Warum bemerken das Eure Jungens nicht?«

Er zog seine Bluse aus und während er weiter plauderte, begann er, den Klubhof aufzukehren, der noch mit Holzspänen, Harzfässern und Balken bedeckt war, die von der letzten Remonte des Anlegeplatzes herumlagen.

»Heute werden Burschen aus der Fabrik kommen und das Zeug hier wegräumen,« – sagte Taraschkin, »also, was wird sein, Wassilij Vitaljewitsch, werden Sie sich für eine Sechsermannschaft einschreiben lassen?«

»Hm, wie geht's bei euch zu – strenge Disziplin?«

»Wenn Sie an dem Rennen teilnehmen wollen, heißt's fleißig trainieren.«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht – was ich tun soll,« sagte Schelga, während er ein Faß mit Harz wegrollte, »einerseits muß man die Moskauer unbedingt schlagen, das ist unsre heilige Pflicht, andererseits fürchte ich, daß ich meinen Verpflichtungen doch nicht werde in dem Maße nachkommen können … Wissen Sie, im Kriminalamt läuft jetzt ein sonderbarer Fall … Sieht beinahe einem amerikanischen Film ähnlich.«

Um das Gespräch festzuhalten, fragte Taraschkin:

»Wieder etwas mit den Banditen los?«

»Nein – höher, höher … ein, Kriminalfall von internationalem Schliff!«

»Schade,« sagte Taraschkin, »sonst wären Sie gestartet!«

Auf den Anlegeplatz gekommen, wo schon, quer über den ganzen Fluß die Sonnenstrahlen glitzerten, befestigte Schelga den Besen am Stiel, um mit dem Aufkehren zu beginnen und rief mit halblauter Stimme Taraschkin zu: »Wissen Sie genau, wer hier in der Nähe in dem Sommerhäuschen wohnt?«

»Hie und da wohnen auch Leute da, die hier überwintern …«

»Und ist Mitte März, als die Remontearbeiten begannen, niemand hin übersiedelt?«

Taraschkin zog sein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht in Falten, kratzte sich auf der von der Sonne verbrannten Schulter, kratzte mit den Nägeln des einen Fußes den anderen. Nicht, damit er sich auf diese Weise selbst helfe, nachzudenken, – er nutzte die Zeit des Nachdenkens einfach aus. Wozu sollte er sich schließlich erinnern, ob irgend ein Einwohner von Petersburg während des Monats März in ein Sommerhäuschen übersiedelt sei …

»Dort, … im Wäldchen … steht ein vernageltes Sommerhaus, gehört längst ins alte Eisen …« sagte Taraschkin, »seit vier Wochen ungefähr, daran erinnere ich mich, steigt von dort Rauch auf. Ich dachte zuerst, Kinder trieben dort Unsinn. Der Steuermann aber sagte: der beste Schlupfwinkel für Banditen …«

»Haben Sie jemand von den Bewohnern des Hauses gesehen?«

»Warten Sie, Wassilij Vitaljewitsch! Wahrscheinlich habe ich sie sogar heute morgen gesehen, unbedingt – waren sie das …«

Und Taraschkin erzählte ausführlich, mit allen Einzelheiten, von den zwei Personen, die in der Morgendämmerung an dem sumpfigen Ufer angelegt hatten.

Schelga hörte zu, sagte von Zeit zu Zeit »So … so …«, seine Augen schlossen sich zu feinen Spalten.

»Gehen wir, zeigen Sie mir dieses Sommerhaus«, – sagte er plötzlich das Gespräch unterbrechend und mit gewohnter Bewegung berührte er den Umhang seines Revolvers.

5.

Dieses Sommerhaus im Birkenwäldchen war tatsächlich nichts mehr wert.

Die Freitreppe war verfault, die eisernen Beschläge hingen frei herab. Die äußeren Fenster waren geschlossen, überdies noch die Fensterladen mit Brettern vernagelt. Die Scheiben im Netzraum waren zum Großteil eingeschlagen. Unter den Resten der Dachrinnen waren in den Ecken des Hauses bereits Moosansätze zu sehen.

»Sie haben Recht – das Haus ist bewohnt, –« sagte Schelga. das Haus zunächst vorsichtig umgehend und zwischen den Bäumen hervorlugend, »Heute waren erst Leute hier. Der Eingang ist durch die Hintertreppe … Aber wozu, zum Teufel, mußten sie durchs Fenster kriechen? Taraschkin, kommen Sie, da ist etwas nicht in Ordnung!«

Schelga und Taraschkin näherten sich der Hintertreppe. Dort sah man sandige Fußspuren. Links davon hing an der Außenseite ein vor kurzem heruntergerissener Fensterladen. Das Innenfenster war offen. Unter dem Fenster sah man auf dem feuchten Sande ebenfalls Fußspuren. Es waren zweierlei Spuren: große, merklich von einem schweren Menschen, und kleinere, mit Nagelabdrücken.

»An der Außentreppe sind Spuren anderer Schuhe!« sagte Schelga.

Er blickte durchs Fenster, pfiff leise, dann rief er hinein:

»He, Onkel, da steht Ihr Fenster offen! Daß man Euch nichts davonträgt!« Niemand antwortete. Aus dem halbdunklen Zimmer kam ein süßlicher, unangenehmer Geruch.

Schelga rief noch einmal, lauter, stieg auf das Fensterbrett, zog den Revolver und sprang leicht ins Zimmer. Ihm nach kroch Taraschkin.

Das erste Zimmer war leer, auf dem Fußboden lagen zerbrochene Ziegel und Stuckatur herum. Aus der halbangelehnten Tür kam süßer, unangenehmer Geruch. Das zweite Zimmer erwies sich als – Küche. Auf dem Herd, auf Tischen und Sesseln standen »Primus«-Kochapparate, Fayenceziegel, gläserne und metallene Retorten, Glasdosen und Kisten mit Präparaten. Einer der Primuskocher zischte noch, verlöschend.

Wieder rief Schelga. Er schüttelte mit dem Kopfe und öffnete vorsichtig die Tür zu dem halbdunklen Zimmer, dessen Raum von Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der Fensterläden drangen, durchschnitten wurde.

»Da ist er!« – sagte Schelga. In der Tiefe des Zimmers stand ein eisernes Bett. Auf ihm lag rücklings ein angekleideter Mann. Seine Arme waren hinter den Kopf zurückgeworfen und an die Bettstangen gebunden. Die Füße waren ebenfalls mit Stricken gefesselt, Rock und Hemd auf der Brust zerrissen. Der Kopf war unnatürlich weit zurückgeworfen, der Bart stand aufrecht.

»Aha – gefoltert haben sie ihn, gefoltert …« sagte Schelga, während er den Knauf eines finnischen Dolches betrachtete, der unter der Brustwarze tief in den Körper des Menschen gebohrt war.

»Wassilij Vitaljewitsch – es ist derselbe, der mit dem Boot angekommen ist – es kann nicht länger her sein, als höchstens anderthalb Stunden, daß man ihn ermordet hat …«

»Bleiben Sie hier, halten Sie Wache – nichts anrühren, niemand hereinlassen, hören Sie, Taraschkin?«

Ein paar Minuten später telephonierte Schelga aus dem Klub:

»Ordre an alle Bahnhöfe … alle Passagiere kontrollieren … Ordre an alle Hotels … alle kontrollieren, die zwischen sechs und acht Uhr morgens nach Hause kamen … Einen Agenten und einen Polizeihund zu meiner Verfügung! …«

6.

Bis zur Ankunft des Polizeihundes begann Schelga, das Sommerhäuschen, vom Dachboden angefangen, zu durchsuchen.

Ueberall lag Mist herum, zerbrochenes Glas, Tapetenfetzen. Die Fenster waren von Spinnweben durchzogen, in den Zimmerecken gab es sogar junge Schwämme, die aus dem Boden sprossen. Das Sommerhaus war scheinbar noch vom Jahre 1918 her verlassen. In jüngster Zeit bewohnt erwiesen sich nur die Küche und das Zimmer mit dem eisernen Bett.

Hier hat man zweifellos nicht gewohnt, sondern man ist nur hergekommen, um etwas zu tun, was man verstecken, verheimlichen mußte. Dies war der erste Eindruck, den Schelga von dieser Durchsuchung gewonnen hatte. Die Durchsuchung der Küche zeigte, daß man sich hier scheinbar mit irgendwelchen chemischen Experimenten befaßt hatte. Schelga fand in den Zinkkisten eine große Menge von Holzkohle, Schwefel und Aluminiumpulver, Eisenoxyd, Natrium, gelben Phosphor. Einige Substanzen konnte er nicht feststellen. Während er die Aschenhäufchen überprüfte, die auf dem Herd lagen, wo scheinbar diese chemischen Experimente durchgeführt worden waren, blätterte er ein paar Hefte über anorganische Chemie durch, deren verschiedene Seiten eingebogen waren, – konnte er eine zweite Tatsache feststellen: Der Ermordete hatte sich durchaus mit harmlosen pyrotechnischen Experimenten beschäftigt. Schelga wurde verlegen. Noch einmal durchsuchte er die Kleider des Ermordeten, aber er konnte nichts Neues entdecken. Dann überlegte er die ganze Sache von einem anderen Standpunkt aus: die Fußspuren unter den Fenstern bewiesen, daß die beiden Mörder, die Außentreppe umgehend, durch das Zimmer eingedrungen waren, wo sie doch zweifellos riskieren mußten, auf Widerstand zu stoßen, da der Mann in dem Sommerhäuschen den Lärm des Fortreißens der Fensterläden doch unmöglich überhören konnte.

Daraus ging hervor, daß es den Mördern darum zu tun war, etwas ganz besonders Wichtiges in die Hände zu bekommen – oder den Mann im Sommerhaus um jeden Preis zu töten.

Ferner: nimmt man an, sie wollten ihn aber einfach nur töten, so wäre die ganze Sache viel leichter anzulegen gewesen, man hätte ihm z. B. nur auf dem Wege ins Sommerhäuschen auflauern brauchen, ohne Lärm und Widerstand zu riskieren. Zweitens bewies die Lage, in der der Ermordete aufgefunden worden war, daß man ihn gefoltert hatte. Man hatte ihn mit einer Zigarre angebrannt, die Hände aus den Gelenken gerenkt, auch erstochen wurde er nicht sofort, man brachte ihm viele Stichwunden bei. Die Mörder hatten also von ihm scheinbar etwas erfahren wollen, was er ihnen nicht sagen wollte.

Was aber wollten sie von ihm erzwingen? Geld? Es ist schwer anzunehmen, daß ein Mensch, der sich nachts in ein so verlassenes Haus im Walde begibt, viel Geld bei sich trägt. Eher wäre denkbar, die Mörder wollten ihm irgend ein Geheimnis abringen, das mit der nächtlichen Tätigkeit des Ermordeten irgendwie in Zusammenhang stand.

Aus diesem Grunde entschloß sich Schelga, nochmals die Küche gründlich zu durchsuchen. Er rückte die Kasten von der Mauer weg und entdeckte eine große, quadratische Kellerluke, wie man sie in Sommerhäuschen oft direkt unter der Küche einzurichten pflegt. Taraschkin zündete einen Kerzenstummel an und legte sich auf den Bauch, um diesen Kellerraum zu beleuchten, wohin Schelga vorsichtig über eine morsche Treppe gekrochen war.

»Kommen Sie mit der Kerze herunter,« sagte Schelga, »hier hat er sein wirkliches Laboratorium gehabt.«

Das Kellergeschoß nahm ungefähr den ganzen Raum unter dem Sommerhäuschen ein. An den Ziegelwänden standen auf Böcken, mit Brettern, improvisiert einige Tische, Gasballons, ein kleiner Motor mit Dynamo, Glasbäder, wie man sie in der Elektrolyse zu verwenden pflegt, Schlosserinstrumente und auf allen Tischen – Aschenhäufchen. Unter dem Plafond hing eine große Petroleumlampe.

»Hier haben sie gearbeitet!« sagte Schelga, mit einem gewissen Unverständnis dicke Holzbarren und Eisenplatten betrachtend, die an der einen Kellerwand aufgestellt waren. Diese Barren und Platten waren an verschiedenen Stellen durchbohrt, manche sogar in zwei Teile zerschnitten, die Schnitt- und Bohrstellen schienen ein wenig angebrannt zu sein.

In einem aufrecht stehenden Eichenbrett war der Durchmesser der durchbohrten Stelle ein Zehntel Millimeter stark, als hätte man das Brett mit einer dünnen Nadel durchbohrt. In der Mitte des Brettes war in altrussischer Schrift mit großen Buchstaben durch solche Bohrstiche gezeichnet:

P. P. GARIN

Schelga drehte das Brett um: auf der rückwärtigen Seite sah er den vollkommenen Durchstich dieser Buchstaben: mit irgend einem unbegreiflichen Instrument war das über drei Zoll dicke Eichenbrett durchstochen – oder durchgebrannt worden.

»Teufel noch 'mal,« fauchte Schelga, »nein, P. P. Garin hat sich hier nicht mit Pyrotechnik beschäftigt!«

»Und was soll das sein, Wassilij Vitaljewitsch?« fragte Taraschkin und wies auf ein ungefähr anderthalb Zoll hohes Kohlenpyramidchen, das aus irgend einem Material gepreßt zu sein schien.

»Wo haben Sie das gefunden?«

»Hier haben sie eine volle Kiste mit solchen Dingen!«

Nachdem Schelga das Pyramidchen in den Händen herumgedreht und daran gerochen hatte, stellte er es an den Rand des Tisches, steckte von der Seite ein angezündetes Streichholz hinein und zog sich in die entfernteste Ecke des Kellers zurück. Das Streichhölzchen brannte bis zu Ende, dann loderte das Pyramidchen in blendend weiß-blauem Lichte auf, brannte fünf Minuten und einige Sekunden, ohne Ruß, fast geruchlos.

»Ich empfehle, solche Experimente nicht zu wiederholen«, sagte Schelga. »Erstens könnten sich solche Pyramidchen als stark explosibel oder gar als Gaskerzen erweisen. In diesem Falle würden wir den Keller schwerlich noch einmal verlassen können. Sehr gut – also, was haben wir erfahren? Versuchen wir, das festzuhalten: erstens, bei diesem Mord handelt es sich weder um Rache, noch um Raub. Zweitens stellen wir den Familiennamen des Ermordeten fest: P. P. Garin. Das ist bis jetzt alles. Sie wollen erwidern, Genosse Taraschkin, daß P. P. Garin vielleicht derjenige ist, der mit dem Boot davongefahren ist? Ich glaube nicht. Den Familiennamen auf dieses Brett hat Garin persönlich geschrieben. Das ist psychologisch klar. Wenn ich, sagen wir, solche merkwürdige Dinger hier erfunden hätte, hätte ich sicher in der ersten Begeisterung meinen Namen damit geschrieben – und nicht z. B.: Taraschkin! Wir wissen, daß der Ermordete in diesem Laboratorium gearbeitet hat – somit ist er der Erfinder, das heißt – Garin!«

Schelga und Taraschkin krochen aus dem Keller ans Tageslicht und setzten sich. Zigaretten rauchend, auf eine sonnige Stelle der Außentreppe, um die Ankunft des Agenten mit dem Hunde abzuwarten.

7.

Vor dem Aufgabeschalter der Telegramme nach dem Ausland, im Leningrader Hauptpostamt, erschien eine verkrüppelte Hand und blieb dort vor dem Fenster des Beamten stehen, zwischen den zitternden Fingern eine Telegrammblankette haltend.

Der Telegraphist nahm die Blankette, verstand aber nicht sofort den Inhalt des Telegramms. Irgend etwas störte ihn, etwas Absonderliches. Er blickte nach der Hand, sie trug ausgetrocknete, rötliche, stark gebogene, aber gepflegte Finger. »Nun ja, vier Nägel, denn er hat keinen fünften Finger« dachte der Telegraphist, beruhigte sich und begann, die Blankette zu lesen:

 

»WARSCHAU. MARSCHALLKOWSKAJA. SEMJONOW. AUFTRAG ZU HÄLFTE

DURCHGEFÜHRT. INGENIEUR ABGEREIST. NICHT GELUNGEN DOKUMENTE ZU BEKOMMEN. WARTE AUF ANORDNUNGEN. STASIJ.«

 

Der Telegraphist unterstrich mit seinem roten Bleistift das Wort: Warschau. Dann stand er auf. schloß den Schalter und betrachtete durch das Gitter den Aufgeber. Dies war ein stämmiger Mensch von mittlerem Alter, mit einer ungesunden, gelbgrauen Haut auf dem gedunsenen Gesicht, hängendem, den Mund bedeckenden Schnurrbart von gelber Farbe. Die Augen waren fast ganz hinter den entzündeten Spalten seiner Lider versteckt. Auf dem rasierten Kopf saß eine braune Samtmütze.

»Was ist denn los?« fragte er grob, »Nehmen Sie das Telegramm!«

»Dieses Telegramm ist chiffriert!« sagte der Telegraphist.

»Was heißt das: chiffriert? Was reden sie da für Unsinn?! Es ist ein kommerzielles Telegramm, Sie sind verpflichtet, es anzunehmen! Ich zeige Ihnen meine Legitimation, ich bin Beamter des polnischen Konsulats, ich werde Sie für die kleinste Verzögerung verantwortlich machen!«

Der gelbe Herr ärgerte sich, schüttelte ärgerlich mit dem Kopf, er sprach nicht, sondern er bellte, aber seine vierfingrige Hand zitterte noch immer so, wie bei der Uebergabe des Telegramms.

»Wissen Sie, Bürger, bei uns in unserer Republik herrscht eine andere Ordnung als bei Ihnen in Polen. Bei uns muß jeder Bürger politisch aufgeklärt sein, und ich sehe, – trotzdem Sie behaupten, Ihr Telegramm wäre kommerziellen Inhaltes – daß es meiner Ansicht nach politisch ist, chiffriert. Sie können sich über mich beschweren, aber ohne Erlaubnis des Amtsvorstandes nehme ich dieses Telegramm nicht an!«

Der Telegraphist lächelte. Der gelbe Herr erhob zornig seine Stimme noch lauter, um zornig zu schreien. Inzwischen hatte ein Fräulein das Telegramm unbemerkt an sich genommen und es zu dem Tisch getragen, wo Wassilij Vitaljewitsch Schelga alle an diesem Tage aufgegebenen Telegramme durchsah. Nachdem er einen Blick auf die Adresse »Warschau, Marschallkowskaja« geworfen hatte, trat er sofort aus dem Verschlag in den Parterreraum und blieb hinter dem zornigen Absender stehen.

»Gut,« sagte der Telegraphist, nachdem er das ungeduldige Zeichen Schelgas bemerkt hatte, das ihm dieser hinter dem Rücken des Streitenden gegeben hatte, »Ihre Legitimation ist in Ordnung, ich werde das Telegramm annehmen, aber was die Politik der ›Panje‹ anbelangt, Bürger, sollten Sie sich schämen, sie zu verteidigen …«

Er formte die Lippen wie ein Röhrchen und setzte sich nieder, um die Quittung zu schreiben. Der Pole schnaubte noch immer schwer vor Zorn, trat von einem Fuß auf den anderen, knarrte mit seinen Lackschuhen. Aufmerksam betrachtete Schelga seine Füße. Dann ging er zur Ausgangstür, winkte den diensthabenden Agenten heran und zeigte auf den Polen:

»Verfolgen!«

Die gestrigen Streifungen mit dem Polizeihunde führten von dem Sommerhaus zu dem Flüßchen Krestowka, wo die Spur abriß: hier waren die Mörder scheinbar in ein Boot gestiegen. Der gestrige Tag hatte keine Neuigkeiten gebracht. Die Verbrecher hatten sich in Leningrad scheinbar sehr gut verborgen. Auch die Durchsicht der Telegramme hatte keinerlei Aufklärungen gezeitigt. Vielleicht war nur dieses eben aufgegebene Telegramm von Interesse: »Warschau, Semjonow …« Aber vielleicht war es tatsächlich nichts als eine einfache kommerzielle Mitteilung irgend eines der Agenten der polnischen Mission.

Der Telegraphist überreichte dem Polen die Quittung. Der kroch mit seinen Fingern in die Westentasche, um Kleingeld hervorzuholen. In diesem Augenblick näherte sich mit raschen Schritten ein schöner, dunkeläugiger Mensch mit Spitzbärtchen, in der Hand eine Telegrammblankette, dem Schalter und blickte mit ruhigem Mißbehagen auf den Bauch des Streitenden, in der Erwartung, bald an seinen Platz rücken zu können.

Schelga bemerkte, wie sich der Herr im Spitzbart plötzlich förmlich zusammenzog – er hatte die vierfingrige Hand des Polen bemerkt und ihm sofort ins Gesicht geblickt.

Ihre Augen begegneten einander. Der Pole ließ den Unterkiefer herabfallen. Die geschwollenen Lider öffneten sich. In den trüben Augen flackerte es auf, wie Feuer des Wahnsinns. Sein entsetztes Gesicht verfärbte sich wie bei einem Chamäleon – und wurde bleifarben.

Erst jetzt verstand Schelga – er hatte in dem neben ihm Stehenden den Doppelgänger des gestern in Krestowskij Ermordeten erkannt … Wassilij Vitaljewitsch war wie vor den Kopf gestoßen und verlor – für einen Sportsmann ganz unverzeihlich – einige unersetzliche, wichtige Sekunden.

Der Pole schrie heißer auf und sauste mit unglaublicher Geschwindigkeit zum Ausgang. Der diensthabende Agent, dem befohlen war, ihm nur von weitem zu folgen, ließ ihn ruhig an sich vorbeilaufen, bis er auf der Straße war, erst dann folgte er ihm.

Der Doppelgänger des Ermordeten blieb ruhig vor dem Schalter stehen. Seine kalten, von tiefen Schatten umlagerten Augen drückten durchaus nichts anderes aus, als Erstaunen. Er zuckte mit den Achseln, als der Pole davonlief, und gab dem Telegraphisten seine Blankette: Schelga las, über seine Achseln blickend:

 

»Paris, Boulevard Batignolle, postlagernd N. 655.
UNVERZÜGLICH MIT ANALYSE BEGINNEN. QUALITÄT UM FÜNFZIG PROZENT ERHÖHEN. ERWARTE MITTE MAI ERSTE SENDUNG. P. P.«

 

»Es handelt sich um wissenschaftliche Arbeiten, zu denen mein Kollege vom Institut für Anorganische Chemie nach Paris entsandt wurde,« – sagte er zu dem Telegraphisten, der wieder die Lippen zu einem Röhrchen geformt hatte. Dann zog er langsam und mechanisch seine Zigarettendose aus der Tasche, klopfte mit der Zigarette auf und begann, langsam zu rauchen. Höflich sagte Schelga:

»Gestatten Sie, mit Ihnen zwei Worte zu sprechen?«

Der Mensch mit dem Spitzbärtchen blickte rasch auf ihn, senkte die Wimpern und antwortete äußerst liebenswürdig:

»Bitte schön!«

»Ich bin Agent des Kriminalamtes,« sagte Schelga, seine Legitimation vorweisend, »vielleicht wollen wir einen bequemeren Ort für unsere Konversation aufsuchen.«

»Wollen Sie mich arretieren?«

»Keine Spur. Ich will Sie nur warnen, daß der Pole, der eben hier davongelaufen ist, die Absicht hat, Sie zu töten, genau so, wie er gestern auf der Krestowskij Insel den Ingenieur Garin ermordet hat.«

Der Mensch mit dem Spitzbärtchen dachte eine Minute lang nach. Weder Höflichkeit noch Ruhe wichen aus seinen Zügen:

»Bitte schön,« sagte er, »gehen wir, ich habe eine Viertelstunde freie Zeit.

8.

Auf der Straße holte nächst dem Postamt der diensthabende Agent Schelga ein. Seine Lippen bebten, auf den Wangen hatte er rote Flecke:

»Wassilij Vitaljewitsch, er ist entwischt!«

»Und warum haben Sie ihn entweichen lassen?«

»Ein Auto hat ihn erwartet, Wassilij Vitaljewitsch!«

»Und wo war Ihr Motorrad?«

»Da liegt es« – sagte der Agent und zeigte auf sein Rad, das etwa hundert Schritte vom Postamt entfernt auf der Straße lag, »er ist hingesprungen – und im Nu stach er mit einem Messer in den Gummireifen. Ich pfiff – im nächsten Augenblick schon war er im Auto – und auf und davon …«

»Haben Sie sich die Nummer des Autos gemerkt?«

»Nein!«

»Warum! Ich werde Sie wegen Nachlässigkeit im Dienst ankreiden!«

»Wassilij Vitaljewitsch, die Nummer war absichtlich mit Schmutz verschmiert.«

»Gut, gehen Sie ins Kriminalamt – in zwanzig Minuten bin ich dort!«

Schelga holte den Menschen mit dem Spitzbärtchen ein. Einige Zeit gingen sie schweigend nebeneinander. Sie bogen auf den Boulevard der Professionellen Verbände ein.

»Sie sehen dem Ermordeten auffallend ähnlich!« sagte Schelga.

»Das hat man mir schon wiederholt gesagt. Ich heiße Pjankow-Pitkjewitsch,« antwortete der andere bereitwilligst, – »ich habe bereits in den gestrigen Abendblättern von der Ermordung Garins gelesen. Es ist schrecklich. Ich habe ihn gut gekannt. Er war ein tüchtiger Arbeiter – ein hervorragender Chemiker. Ich war oft bei ihm in seinem Laboratorium auf der Krestowskij Insel. Er hat eine große Erfindung auf dem Gebiete der Kriegschemie in Vorbereitung gehabt. Haben Sie eine Ahnung von Rauchkerzen?«

»Wie, – Sie glauben, daß der Mord an Garin mit den Intriguen Polens irgendwie In Zusammenhang stünde?«

»Ich glaube nicht. Die Grundursache dieses Mordes liegt vielleicht viel tiefer! Die Nachrichten über Garins Arbeiten kamen auch in die amerikanische Presse. Die Polen konnten hier höchstens die Rolle von Mittlern spielen.«

Auf dem Boulevard der Professionellen Verbände schlug Schelga vor, sich auf eine Bank zu setzen. Der Boulevard war menschenleer. In der Ferne kehrte ein Hausbesorger gemächlich vor seiner Tür. Schelga entnahm seinem Portefeuille Ausschnitte von russischen und ausländischen Zeitungen und breitete sie auf seinen Knien auseinander.

»Sie sagen, Garin wäre Chemiker gewesen? Die Kunde von seinen Arbeiten wäre bereits ins Ausland gedrungen? Da fällt verschiedenes mit Ihren Aeußerungen zusammen, obwohl mir einiges nicht ganz klar ist. Da, lesen Sie!«

»… man ist in Amerika sehr an den Meldungen über Arbeiten eines russischen Erfinders interessiert. Man vermutet, daß es sich hier um einen Vernichtungsapparat handelt, der an Macht alles Bisherige übertreffen soll …«

Pitkjewitsch ließ, mit den Mundwinkeln lächelnd, seine Hand in die Tasche gleiten, um Zigaretten hervorzuholen:

»Sonderbar,« sagte er, – »davon weiß ich nichts … Nein, da kann es sich nicht um Garin handeln. Das muß etwas anderes sein!«

Schelga reichte ihm einen zweiten Ausschnitt:

»Im Zusammenhang mit den bevorstehenden großen amerikanischen Flottenmanövern im Stillen Ozean wurde beim Kriegsministerium angefragt, ob dort etwas über die kolossale Vernichtungskraft eines Apparates bekannt sei, der gegenwärtig in Rußland konstruiert werde, was sowohl mit Rücksicht auf die hieraus erwachsende Stärkung der Sowjetmacht als auch In bezug auf den erst kürzlich abgeschlossenen russisch-japanischen Pakt zu Beunruhigungen Anlaß bieten muß …«

»Das ist interessant,« – sagte Pitkjewitsch und nahm aus Schelgas Hand einen dritten Ausschnitt:

»Der chemische König, Milliardär Rolling, ist nach Europa abgereist. Seine Abreise steht mit der Organisation eines mächtigen Trusts in Zusammenhang, der Kohlen-, Harz-, sowie Kochsalzgewinnung in einer Hand vereinigen soll.

»Diese chemische Faust soll eine ständige Drohung gegen jede Macht sein, die versuchen sollte, das Weltgleichgewicht zu stören. Der Trust wird die Sowjetrepubliken zum Nachdenken zwingen, ob ihr Regime und ihre zersetzende Propaganda auch weiterhin so ungestört ihre Ausbreitung fortsetzen können.«

Pitkjewitsch sagte, die Augenbrauen ein wenig in Falten legend:

»Ja, das berührt direkt die Sache, mit der sich Garin beschäftigt hat. Es ist sehr leicht möglich, – daß der Mord mit dieser Sache sogar in direktem Zusammenhang steht!«

Dann las er in der Moskauer »Prawda«: »In die Abteilung für Erfindung ist die Kunde von interessanten Arbeiten gedrungen, welche in einem Leningrader Privatlaboratorium auf dem Gebiete der Ueberleitung der Ueberleitung von Wärmeenergie auf große Entfernung ausprobiert werden …«

»Ja, hier handelt es sich zweifellos um den armen Garin«, sagte Pitkjewitsch.

»Sie sind Sportsmann« – fragte plötzlich Schelga, nahm seine Hand und drehte sie mit der Innenfläche nach oben. »Ich selbst bin leidenschaftlicher Sportsmann.«

»Sie sehen nach, ob ich keine Blasen vom Rudern habe, Genosse Schelga? … Sehen sie: zwei Blasen – das heißt: ich rudere schlecht. Tatsächlich habe ich vor zwei Tagen ununterbrochen anderthalb Stunden lang gerudert, als ich Garin im Boot nach der Krestowskij Insel brachte … Genügen Ihnen diese Auskünfte? …«

Schelga ließ die Hand fallen und lachte:

»Sie sind ein kühner Mensch, Genosse Pitkjewitsch. Ich muß Sie aufmerksamer beobachten!«

»Einen ernsten Kampf schlag ich nie aus!«

»Sagen Sie, Pitkjewitsch, haben Sie diesen Polen mit den vier Fingern schon früher gekannt?«

»Sie wollen wissen, warum ich erstaunt war, als ich seine vierfingrige Hand bemerkte? Sie haben einen sehr scharfen Beobachtungssinn, Genosse Schelga. Ja, ich war erstaunt … mehr noch – ich bin erschrocken!«

»Warum?«

»Das wieder – werde ich Ihnen nicht sagen!«

Schelga nagte an seiner Unterlippe, blickte den Boulevard entlang.

Pitkjewitsch sprach weiter:

»Ich will noch mehr sagen: er hat nicht nur die Hand entstellt, sondern auch den Körper. Quer über die Brust zieht sich bei ihm eine riesige Narbe. Garin hat sie ihm 1919 zugefügt. Der Mann heißt Stasij Tiklinsky. Früher hat er einen langen Bart getragen.«

Schelga fragte: »Hat denn der verstorbene Garin diesen Tiklinsky mit demselben Mittel entstellt, mit welchem er die drei Zoll breiten Bretter durchgebrannt hat?«

Rasch drehte Pitkjewitsch seinen Kopf zu Schelga, und eine Zeitlang blickten die beiden einander in die Augen, der eine ruhig, undurchdringlich, der andere heiter und offen.

»Also, Sie wollen mich doch arretieren, Genosse Schelga?!«

»Nein. Dazu würde noch immer Zeit bleiben …«

»Sie haben Recht. Ich weiß viel von der Sache. Aber selbstverständlich wird es Ihnen mit keinerlei Zwangsmaßnahmen gelingen, mir abzuringen, was ich nicht aus freien Stücken sagen will. Daß ich an dem Verbrechen nicht beteiligt bin, wissen Sie ja ohnedies. Wollen Sie – offenes Spiel? Die Bedingungen des Kampfes sind folgende: nach einem gelungenen Waffengang treffen wir uns zu offener Aussprache. Die Sache ähnelt einer Schachpartie. Es ist verboten, den Gegner tödlich niederzuschlagen. Nebenbei: seit wir jetzt miteinander sprechen, sind Sie dreimal in Lebensgefahr geschwebt – ich versichere Sie, daß ich jetzt nicht spasse. Säße hier z. B. an Ihrer Stelle Tiklinsky, würde man ihn nach einiger Zeit in hoffnungslosem Zustande, sterbend auffinden, mit widerlichen Flecken auf dem Körper. Aber ich wiederhole, daß ich mit Ihnen nicht solche Kunststücke aufführen werde … Wollen Sie diese Partie zu Ende spielen?«

»Einverstanden,« sagte Schelga mit glänzenden Augen. »ich werde als Erster angreifen?«

»Selbstverständlich. – Hätten Sie mich nicht auf dem Postamt ertappt, hätte ich Ihnen dieses Spiel nicht vorgeschlagen. Und, was den vierfingrigen Polen anbelangt, verspreche ich Ihnen, bei seiner Ausforschung behilflich zu sein. Wo immer ich ihn treffe – ich werde Ihnen sofort telegraphieren!«

»Gut so. Und jetzt, Pitkjewitsch, zeigen Sie mir, was Sie da für ein Zeug haben, womit sie solche Drohungen ausstoßen?!«

Pitkjewitsch nickte mit dem Kopf und lächelte: »Bitte, wie Sie wollen: wir spielen mit offenen Karten!« Vorsichtig zog er aus einer Seitentasche eine flache Metallschachtel hervor. In ihr lagen braune Sämischlederhandschuhe und Metallröhrchen, nicht breiter als ein Finger.

9.

Auf dem Wege zurück, ins Kriminalamt, blieb Schelga plötzlich stehen, als wäre er an eine unsichtbare Mauer gerannt: »Ha!« – rief er wütend und stampfte mit dem Fuß, – »ein verflixter Kerl, ein Tausendsassa!«

Schelga war tatsächlich an der Nase herumgeführt worden. Zwei Schritte vor dem Polen war er gestanden und hatte ihn nicht festgenommen.(Er zweifelte nicht mehr, daß dies der Mörder war.) Er hatte mit dem Menschen gesprochen, der zweifellos alle Fäden des Mordes in der Hand hielt und dem es gelungen war sich während des Gesprächs so geschickt zu winden, daß er gar nichts von ihm erfahren hatte. Dieser Pjankow-Pitkjewitsch war im Besitze irgendeines Geheimnisses … Plötzlich verstand erst Schelga, von welch ungeheurer Bedeutung dieses Geheimnis für den Staat werden konnte … Er hatte Pjankow-Pitkjewitsch schon in der Schlinge gehabt – und geschickt hatte sich der verfluchte Kerl wieder herausgewunden.

Schelga lief in den zweiten Stock, in seine Abteilung. Auf dem Tisch, der im Seitenlicht eines niederen, halbrunden Fensters stand, lag ein Paket Zeitungspapier. In der Fensternische stand ein ruhiger, dicker Mensch in schmierigen Stiefeln und Friesjacke. Während er die Kappe auf den Bauch hielt, verneigte er sich vor Schelga:

»Babitschew, Hausverwalter,« sagte er mit schnapsaromatischer Stimme, »Hausverwalter von Puschkarskaja Straße vierundzwanzig.«

»Haben Sie dieses Paket gebracht?«

»Jawohl. Es stammt aus der Wohnung Nr. 13. Nicht im Hauptgebäude, sondern im Anbau ist diese Wohnung, aus der ein Mieter unseres Hauses nun schon den zweiten Tag verschwunden ist. Heute haben wir die Miliz gerufen und die Tür aufgebrochen. Man hat ein Protokoll aufgenommen, nach den Gesetzen der Hausordnung und dieses Paket habe ich nachher im Ofen gefunden.« Seine Augen wurden feucht, die Wangen röteten sich und starker Samogonkageruch strömte ins Zimmer.

»Wie hieß der verschwundene Mieter?«

»Saweljew, Iwan Alexejewitsch.«

Schelga öffnete das Paket. Dort fand man eine Photographie von Pjankow-Pitkjewitsch, einen Kamm, Schere und eine Flasche mit einer dunklen Flüssigkeit, einem Haarfärbemittel.

»Womit hat sich Saweljew beschäftigt?«

»Mit Wissenschaft … Als bei und im Hause ein Ableitungsrohr brach, hat sich das Hauskomitee an ihn gewendet. Er sagte damals: ›Ich hätte Ihnen gern geholfen, aber ich bin – Chemiker!‹!«

»Hat er seine Wohnung nachts oft verlassen?«

»Nachts? Nein. Das ist nicht bemerkt worden,« – und wieder hielt sich der Hausverwalter den Mund zu, »kaum, daß es Tag wurde, verließ er stets das Haus, das stimmt allerdings. Aber nachts – nie. Auch betrunken wurde er nie gesehen.«

»Kamen Bekannte zu ihm?«

»Es wurde niemand gesehen!«

Schelga rief telephonisch die Milizabteilung von Petersburg an. Es erwies sich, daß im Anbau des Hauses vierundzwanzig Puschkarskaja, tatsächlich Ingenieur Iwan Alexejewitsch Saweljew gewohnt hatte, sechsunddreißig Jahre alt, Ingenieur der Chemie. Er war im Februar dorthin übersiedelt, mit einer Legitimation, ausgestellt von der Miliz der Stadt Tambow.

Schelga telegraphierte nach Tambow und fuhr mit dem Hausverwalter per Auto nach der Fontanka, wo in der Kriminaluntersuchungsabteilung die Leiche des auf der Krestowskij-Insel Ermordeten auf dem Eise lag. Sofort erkannte der Hausverwalter in ihm den Mieter der Wohnung Nr. 13.

 

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