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Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
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60.

Während der Nacht tauchten in nordwestlicher Richtung die streifenden Lichter von Scheinwerfern auf. Im Hafen heulten die Sirenen Alarm. In der Morgendämmerung, als das Meer noch im Schatten lag, erschienen die ersten Vorboten der sich nähernden Eskader: hoch über der Insel begannen Flugzeuge zu kreisen, die hie und da im erwachenden Morgenrot glänzten.

Die Garde eröffnete auf sie das Feuer, stellte es aber bald wieder ein. Die Inselbewohner sammelten sich in Haufen an. Ueber dem Schacht lag weiter wie bisher, eine Rauchwolke. Auf einem großen Transportdampfer ging die Ausladung vor sich – der Kran schaukelte über dem Wasser mit kreuzweise gebundenen Gepäcksballen und warf sie in weitem Bogen an Land. Der Ozean, auf dem Nebelrauch lag, war glatt wie ein Spiegel. Alle Farbtöne der Natur schienen zart und frisch zu sein. Im Himmel sangen die Propeller.

Die Sonne stieg auf, wie eine glatte Kugel. Dann sahen alle auf dem Horizont Rauch aufsteigen. Der Rauch ballte sich zu einer langen, flachen Wolke, die gegen Südosten zog. Der Tod kam näher.

Auf der Insel wurde es so still, als hätten selbst die Vögel aufgehört, zu singen. An einer Stelle der Insel lief ein Häuflein Menschen gegen die Küste, warf sich in Boote, die bis an den Rand mit Menschen voll waren und fuhr eilig in die offene See hinaus. Aber es gab sehr wenig Boote und die Insel lag flach und wehrlos offen da – es gab keinen Platz, wo man sich wirksam verstecken konnte. Wie betäubt standen die Bewohner in tiefem Schweigen umher. Manche legten sich mit dem Gesicht in den Sand.

Auch im Palast war keinerlei Bewegung bemerkbar. Die bronzenen Tore waren versperrt. Entlang der roten Wände patroullierten ungefähr zehn Gardisten, mit Karabinern hinter dem Rücken, in breitkrämpigen Hüten und goldgestickten Jacken. Abseits stand der wie Spitzen durchsichtige Turm mit dem großen Hyperboloid. Der langsam steigende Nebelschleier verhüllte noch den Gipfel des Turms vor dem Auge des Beschauers. Aber nur wenige Leute gab es auf der Insel, die sich von dieser Verteidigung etwas erhofften. Die grau-braune Wolke auf dem Horizonte erschien allzu real, allzu drohend.

Viele wandten sich voll Schreck in der Richtung gegen den Schacht. Dort heulte die Sirene zum dritten Schichtwechsel. Hatten selbst jetzt noch Zeit zur Arbeit, die Leute …! Verfluchtes Gold! Dann schlug die Uhr auf dem Dach des Palastes acht. Und über den Ozean rollte ein schweres, nachhaltiges, donnerähnliches Dröhnen. Die erste Salve der Eskader. Schauerliche Sekunden der Erwartung dehnten sich während des Pfeifens der sausenden Geschoße scheinbar noch mehr in die Länge …

61.

Als die erste Salve der Eskader erdröhnte, stand Rolling auf der Terrasse, am oberen Ende der Treppe, die zum Wasser führt. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und war bemüht, sich selbst zu beherrschen, lauschte dem Brüllen der dahinsausenden Geschosse – es schienen ihrer gerade gegen das Gehirn Rollings nicht weniger als sechsundneunzig zu fliegen. (Aus Stahl, zur Hälfte mit Explosivgas, zur Hälfte mit Melinit gefüllt, siebzehnzöllige Geschoße!!) Ihr Brüllen war siegreich. Es schien, als könnte selbst das Herz diesen Tönen keinen Widerstand mehr leisten. Rolling wich bis an die Granitmauer des Palastes zurück. (Er hatte sich schon längst für den Fall des Bombardements einen Zufluchtsort im Keller ausgewählt.) Die Geschoße explodierten weit draußen im Meer. Wassersäulen stürzten gegen den Himmel. Fehlschuß!

Dann begann Rolling die Spitze des Hyperboloidturmes zu beobachten. Dort saß bereits seit gestern Abend Garin. Die Kuppel auf dem Turm drehte sich, das sah man an den meridionalen Spalten, die die Kuppel trug. Rolling setzte seinen Zwicker auf und sah scharf nach oben, mit zurückgeworfenem Kopf. Die Kuppel drehte sich sehr rasch – nach rechts und nach links. Bei der Rechtsdrehung wurde das nach oben und unten streifende Mündungsrohr des Hyperboloids in einer meridionalen Spalte sichtbar.

Das schrecklichste an der Sache war für Rolling die Eile, mit der Garin an dem Hyperboloid manövrierte. Und – die Stille. Kein Ton auf der Insel.

Da aber ertönte auf dem Ozean ein breiter, dumpfer Ton, als wäre am Himmel eine Blase geplatzt. Rolling setzte sich den Zwicker auf der vom Schweiß der Aufregung feucht gewordenen Nase zurecht und spähte in der Richtung der Eskader. Dort flossen in Form von Pilzen drei weißgelbliche Rauchwolken auseinander. Links davon ballten sich Rauchwolken, wurden blutigrot, stiegen auf und ein vierter »Pilz« wuchs aus dem Meer. Ein viertes Donnerrollen wurde vernehmbar.

Rolling fiel der Zwicker immer wieder von der Nase. Aber er blieb tapfer stehen und beobachtete, wie am Rand des Horizonts die Rauchpilze immer mehr anwuchsen – alle vier Linienschiffe der amerikanischen Eskader waren in die Luft geflogen.

Wieder wurde es auf der Insel, auf Meer und Firmament ruhig. Im Innern des perforierten Turmes sauste der Lift nach unten. Die Tür schlug ins Schloß, das falsche Pfeifen eines Foxtrotts wurde hörbar und Garin kam auf die Terrasse gelaufen. Sein Gesicht war abgequält, müde, die Haare standen wirr durcheinander.

Ohne Rolling zu bemerken, begann er sich auszukleiden. Er stieg die Treppe bis ans Wasser hinunter, zog die lachsfarbenen Unterhosen und sein gestärktes Hemd aus. Während er aufs Meer hinausblickte, wo über der Stelle, wo die Eskader zugrunde gegangen war, noch immer Rauchwolken zum Himmel stiegen, kratzte er sich in den Achselhöhlen. Sein Körper war weiß wie bei einer Frau. Er war gut genährt. In seiner Nacktheit lag etwas Ekliges, Schamloses.

Er versuchte mit der Fußspitze die Wassertemperatur, hockte sich nach Weiberart ein wenig gegen den Wasserspiegel, schwamm ein wenig ins Meer hinaus, kam aber sogleich wieder zurück. Erst jetzt bemerkte er Rolling.

»Oho? Was ist's mit Ihnen? Auch baden? Kalt ist das Wasser – Teufel noch 'n mal! …«

Er lachte plötzlich ein halbverrücktes Lachen, packte seine Kleider und, ohne sich umzuwenden, indem er mit seinen Unterhosen winkte, ging er in all seiner schamlosen Nacktheit in den Palast. Eine solche Erniedrigung hatte Rolling zeitlebens noch nie erlebt. Angewidert, voll Haß, erstarrte sein Herz. In dieser Minute seiner unendlichen Schwäche fühlte er die ganze Schwere seiner mühevoll aufgebauten Vergangenheit, dieses Stierkampfes um den ersten Platz im Leben der großen Welt da draußen – und all das hatte er geleistet, nur damit irgend ein hergelaufener Abenteurer, der stärker war als er, in seiner ganzen schamlosen Nacktheit über ihn triumphieren konnte.

Seine Füße knickten ein. Während er am oberen Gesimse der Terrasse stand, wo tief unter ihm die Steine der Meeresküste glänzten, zog Rolling seinen Rock aus, wickelte ihn um den Kopf, über das Gesicht. Er zitterte im Todesschauer. Aber er bezwang sich. Um sich tastend, kroch er über die Rampe, wankte, und flog ins Leere – schwer wie ein Sack fiel sein Körper unten auf die Steine.

Dies war das Ende des berühmten Rolling, des »chemischen Königs«.

62.

Der Eindruck, den die Vernichtung der Eskader im Stillen Ozean hervorgerufen hatte, war niederschmetternd, noch nicht dagewesen. Die U. S. A. hatten einen Faustschlag ins Gesicht bekommen, vor aller Welt, der auf der ganzen Erde widerhallte. Die Regierungen Deutschlands, Frankreichs, Englands und Italiens, alle Industriekreise lauschten plötzlich in einer unerwarteten, ungesunden Nervosität – so wie es Leuten ergeht, über die in der letzten Zeit nur Unglück über Unglück hereingebrochen war: ihre Stimmung wurde ein wenig zuversichtlicher, vielleicht brauchte Europa diesmal – oder überhaupt ein für alle Male – nicht mehr die hundertachtzig Millionen Dollar Zinsen zahlen, diesem Amerika, das schon ganz Europa mit seinen Anleihen unterjocht hatte, das ohnedies schon von Geld gedunsen war. »Tja – es hat sich eben erwiesen, daß dieser Koloß auf tönernen Füßen ruht« – schrieb man in den Zeitungen – »es ist nicht so einfach, meine transozeanischen Freunde, die ganze Welt zu erobern … Scheinbar wird aber diesmal das alte Europa auch ohne Revolution über die Sache hinwegkommen.« (Dies sollte offenbar eine Anspielung auf die Sowjetrepubliken sein.)

Auch in Asien fletschte man die Zähne – besonders in Japan. »Chi-chi,« schrieb man dort, »die Frage der Besetzung der Fidschij-Inseln durch die nordamerikanische Flotte wird sich scheinbar ein wenig in die Länge ziehen.«

Zu all dem verursachten noch die Meldungen über das Piratenabenteuer der »Arizona« eine hemmende Wirkung auf den Seehandel. Die Schiffahrtsunternehmungen verweigerten die Verladung der Frachten, die Kapitäne hatten Angst, in See zu gehen, die Versicherungsgesellschaften erhöhten die Prämien, in Banküberweisungen entstand ein vollständiges Chaos, Wechselproteste wuchsen aus dem Boden und verschiedene Handelshäuser gingen ›krachen‹. England und Holland beeilten sich, mit ihren Waren auf dem Kolonialmarkt die Oberhand zu bekommen.

Die verlorene Seeschlacht kostete Amerika schweres Geld. Das Prestige, oder – wie man es zu nennen pflegte – der »Nationalstolz« hatte stark gelitten. Die Industrie forderte eine Mobilisierung der gesamten See- und Luftstreitkräfte – Krieg bis zum siegreichen Ende, – um jeden Preis! Die amerikanischen Zeitungen drohten, sie würden solange mit Trauerrand erscheinen, bis Pierre Garry in einem eisernen Käfig nach New-York gebracht würde.

Die Zeitungen waren tatsächlich seit der Katastrophe mit der Eskader mit Trauerrand erschienen: einerseits kostete dies nicht viel – andererseits machte es auf die Leser einen starken Eindruck. Pierre Garry müßte ehestens auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. In den dichtbesiedelten Städten kursierten die beängstigendsten Gerüchte über Agenten Garins, die mit Taschenapparaten versorgt wären, die mit infra-roten Strahlen geladen sind. Es gab Fälle, wo verschiedene Personen deshalb schuldlos verprügelt wurden, panikartige Szenen spielten sich in den Straßen, Kinos und Wolkenkratzern ab. Die Washingtoner Regierung donnerte mit Worten drauf los – aber Taten wich sie aus. Es handelte sich darum, daß das einzige Fahrzeug, das von der Flotte übrig geblieben war, ein Torpedoboot, dem Kriegsminister einen Schlachtbericht gebracht hatte, dessen Einzelheiten so schrecklich waren, daß man Furcht hatte, sie zu veröffentlichen. Die siebzehnzölligen Geschütze hatten sich gegen den einzigen Lichtturm, der die Insel des Taugenichtses verteidigt hatte, als völlig ohnmächtig erwiesen.

Alle diese Unannehmlichkeiten, die Verzögerung in der Zinsenzahlung von seiten der Alten Welt, wie auch deren immer anmaßenderer Ton zwangen die Regierung der Vereinigten Staaten nach Washington eine Konferenz einzuberufen. Ihre Losung war: »Alle Menschen sind Kinder desselben Gottes. Genug des Bruderzwistes. Wir müssen an ein friedliches Gedeihen der Menschheit denken!«

Als der Tag der Konferenz bekannt gegeben wurde, bekamen die Zeitungsredaktionen und Radiostationen der ganzen Welt die Nachricht, daß Ingenieur Garin persönlich der Eröffnung der Konferenz beiwohnen werde.

63.

Garin, Czermak und Scheffer fuhren mit dem Lift in die Tiefe des Hauptschachtes. Hinter den Glimmerfenstern glitten unendliche Reihen von Röhren, Leitungen, Stützungsbauten, Elevatorbrunnen, Plattformen und eisernen Türen vorüber.

Sie durchfuhren die 18 Gürtel der Erdrinde – 18 Schichten, in denen wie in den Jahresringen des Baumes die Lebensphasen des Planeten eingezeichnet sind. Das organische Leben begann von der vierten (»feurigen«) Schicht an, die vom paläozoischen Ozean herstammt. In seine Wasser waren lebende Zellen gefallen, die im Aether gemeinsam mit dem Licht sausen, von diesem mitgerissen. Dieser jungfräulich reine Ozean war durchtränkt von einer uns unbekannten Lebenskraft. Sein Wasser enthielt radioaktive Salze und eine ungeheure Quantität von Kohlensäure. Das war das »Wasser des Lebens …«

Vom Licht gejagt, im Eisäther erstarrt, begannen diese mikroskopischen Wesen im Ozean frei zu wachsen und sich zu vermehren. In der Morgendämmerung der mesozoischen Aera kamen gigantische Ungeheuer aus seinen Gewässern – Millionen Jahre lang bebte die Erde unter ihren gierigen und lüsternen Schreien. Noch näher der Erdkruste in den Schichten des Schachts befanden sich die Fossilien von Vögeln, dann jene der Säugetiere und schließlich näherte man sich der Schicht der Eiszeit – dem ernsten, schneeigen Morgen der Menschheit.

Der Lift fuhr durch die neunzehnte Schichte, die letzte, die aus Flammen und dem Chaos der Ausscheidungen gebildet wurde. Dies war die Erdzone der archäischen Periode, dichter, schwarzroter, kleinkörniger Granit.

Garin biß vor Ungeduld in seine Nägel. Alle drei schwiegen. Jeder von ihnen hatte einen Sack mit Sauerstoff um den Hals hängen. Das Brüllen der Hyperboloide und Explosionen wurden hörbar.

Der Lift trat in einen Streifen grellen Lichtes ein. Elektrische Lampen brannten dort und über dem großen Trichter, der die Gase sammelte, blieb der Lift stehen. Garin und Scheffer zogen an »ihren runden Gummihelmen – wie Taucher – und zwängten sich durch eine Lücke des Trichters auf eine eiserne Treppe, deren schmale Stufen senkrecht abwärts in die Tiefe eines fünfstöckigen Gebäudes führte. Sie begannen, abzusteigen. Die Treppe endigte in einer birnenförmigen Plattform. Dort hockten, nur bis an den Gürtel bekleidete Menschen auf den Knien, in runden Helmen, mit Sauerstoffsäcken auf dem Rücken, über die Hyperboloide gebeugt. Während sie nach unten sahen, in den Abgrund der brausenden Schlucht, kontrollierten und lenkten sie die Strahlen.

Ebensolche senkrechte Treppen verbanden diese Plattform mit dem tiefer gelegenen Ring. Dort standen die Kühlapparate mit der flüssigen Luft. Die Arbeiter dort waren vom Kopf bis zu den Füßen in imprägnierten Filz gehüllt, bedienten von dieser unteren Plattform aus die Kühlmaschinen und die Baggerkellen der Elevatoren. Dies war der gefährlichste Arbeitsplatz. Nur eine einzige ungeschickte Bewegung – und der Mensch geriet unter den schneidenden Strahl der Hyperboloide. Tiefer unten platzte und sprang das Gestein, das bis auf anderthalbtausend Grad erhitzt war, unter dem Strahle der flüssigen Luft. Von unten kamen Gaswolken und Glassplitter geflogen.

Die Elevatoren baggerten pro Stunde an die fünfzig Tonnen Gestein aus. Die Arbeit schritt gut vorwärts. Gemeinsam mit den Hohlkörpern der Baggerkellen bohrte sich das ganze System immer tiefer ins Erdinnere – »ein eiserner Maulwurf« – d. h.: der untere Ring mit den Elevatoren und Kühlmaschinen, der obere Ring mit den Hyperboloiden und dem darüber befindlichen Gastrichter. Die Schachtstützen begannen bereits oberhalb des »Maulwurfs«.

Scheffer schöpfte aus einer vorbeisausenden Baggerkelle eine Handvoll grauen Staubes. Garin zerrieb ihn zwischen den Fingern. Mit einer ungeduldigen Bewegung verlangte er einen Bleistift. Dann schrieb er auf einen Zettel: »Schwere Schlacken-Lava!«

Scheffer nickte mit seiner »Kopfkugel«. Vorsichtig weiter über den Rand der ringförmigen Plattform vordringend, blieben sie vor den Apparaten stehen, die dazu bestimmt waren, dementsprechend das ganze System des eisernen Maulwurfs automatisch zu vertiefen. Sie hingen an der Monolythwand des Schachtes und auf Stahltrossen. Es waren Barometer, Seismographen, Kompasse und Pendel, die die Kraftbeschleunigung registrierten, welche der Schwere in der erreichten Tiefe entsprach. Und schließlich gab es noch elektromagnetische Meßapparate.

Scheffer wies nach dem Pendel, nahm Garin die Zigarettenschachtel aus der Hand und schrieb gemächlich nach Art des pünktlichen Deutschen:

»Kraftbeschleunigung der Schwere ist von gestern auf heute auf neunhundert gestiegen. In dieser Tiefe hätte sie bis auf 0,98 fallen müssen, statt dessen registrieren wir 1,07 …«

»Magnete?« schrieb Garin.

Scheffer antwortete:

»Die Magnete stehen seit heute Früh auf ›Null‹. Wir sind bereits durch das Magnetfeld gedrungen.«

Die Hände in die Knie gestützt, blickte Garin lange in den immer enger werdenden, fast in einen unsichtbaren Punkt auslaufenden schwarzen Brunnenschacht, wo der »eiserne Maulwurf« sich brummend immer tiefer in die Erde bohrte. Seit heute Früh hatte der Schacht begonnen, den Olivingürtel zu durchdringen.

64.

Das Radiumerz, das von den vier Luftschiffen auf die Insel gebracht worden war, wurde unverzüglich in Bearbeitung genommen. Ohne noch an Geldnot zu leiden, betrachtete Garin die Dinge wesentlich anders, da sich in seiner Macht nun solche, noch nie dagewesene Menge von Radium befanden. Eine der wesentlichen Eigenschaften des Radiums ausnützend – die Luft elektrisch leitend zu machen – ersann er Geschützzerstörer, neben denen die vernichtende Kraft des Hyperboloids wie ein Spielzeug erschien.

Mit gewohnter Hast begann er, an der Ostseite der Laboratorien Werkstätten und elektrische Stationen zu bauen, die für die ungeheure Kraft von fünfundsiebzig Kilowatt berechnet waren, mit einer Spannung von zwei Millionen Ampère.

Ein Dampfer lief nach Hamburg aus, um Instrumente und Material einzukaufen. Die Eigenschaft des Platin-Baryum, bei Anwesenheit von Radiumsalzen zu leuchten, wurde ausgewertet. Es wurde auf der Insel ein Beleuchtungssystem ewiger Lampen installiert. Sie übergossen die Insel mit grellem Mondlicht. Auf den Riffen, weit im Meer draußen, stellte man zwei Leuchttürme mit der Höhe von zweihundert Metern auf, ebenfalls mit solchen Beleuchtungskörpern ausgestattet. Diese zwei gigantischen Monde (in ihrem Inneren befand sich eine mit Alpha-Radiumteilchen besprengte Platin-Baryumverbindung) hatten eine Leuchtdauer von mindestens dreieinhalbtausend Jahren.

Nach den Angaben Garins konstruierte Ingenieur Czermak einen Radiumwasserstoffmotor für Flugzeuge. Dieser Motor nahm seine Triebkraft lediglich aus der Luft. Er war auf dem Prinzip aufgebaut, daß Stickstoff unter dem Einfluß von Alphateilchen in Helium und Wasserstoff zerfällt. Man konnte den ganzen Motor, der eine Stärke von 100 HP haben sollte, in einer Zigarrenschachtel unterbringen.

Die Luftschiffe flogen nach Sibirien, um die zweite Partie zu holen. Garin benachrichtigte die ganze Erde von den in seinem Besitz befindlichen Mengen Radiums und schrieb ein Preisausschreiben aus über das Thema »Das Problem des künstlichen Atomzerfalls«. Den Gewinnern der drei ersten Preise wurde vorgeschlagen, auf die Goldinsel zu kommen, wo ihnen für ihre atomphysikalischen Arbeiten unbegrenzte Mittel zur Verfügung stünden.

Aber es war Garin vom Schicksal nicht bestimmt, dieses außerordentliche Unternehmen zu Ende zu führen.

65.

»Nun, wie fühlst du dich, Iwan?«

Schelga fuhr dem Knaben liebkosend über den Kopf. Iwan saß in Schelgas kleinem Haus und blickte auf den Ozean hinaus. Das Haus war aus Ufergestein zusammengetragen und mit hellgelbem Ton gestrichen. Hinter den Fenstern, draußen auf dem Meer, wogten die blauen Wellen, altertümlich, schon seit Urahns Zeiten und schlugen weißschäumend an die Riffe, an den Ufersand der einsamen Bucht, wo Schelga wohnte.

Iwan war mit dem Luftschiff in halbtotem Zustand angekommen. Mit großer Mühe war es Schelga gelungen, den Jungen gesund zu pflegen. Wäre ihm dieser Mensch nicht so nahe gestanden, Iwan wäre schwerlich am Leben geblieben. Er war fast ganz erfroren, schwer erkältet und außerdem in einem tiefen seelischen Zusammenbruch gewesen. Er hatte den Leuten geglaubt, ihnen mit seiner ganzen Kraft geholfen – und das war das Ende?

»Für mich, Genosse Schelga, gibts jetzt keine Einreise mehr nach Rußland, man wird mich verurteilen …«

»Laß das, Du Dummkopf, Du bist doch unschuldig!«

Wo Iwan am Strand saß, ob er Krabben fing, zwischen den Wundern der Insel umherwanderte, der tobenden Arbeit zusah – immer wieder wandten sich seine Augen voll Sehnsucht gegen Westen, wo die volle Kugel der Sonne unterging. Dort war auch seine Sonne, dort lag – sein Vaterland.

»Draußen ist's schon Nacht,« sagte er mit leiser Stimme, »und bei uns in Leningrad – ist's Morgen. Genosse Taraschkin hat eben seinen Tee mit Weißgebäck genossen und ist zur Arbeit gegangen. Im Ruderklub auf der Krestowskij-Insel werden die Boote geteert – in zwei Wochen schon wird man die Flagge hissen. Schön ist's, in Leningrad zu leben … Und rings umher – unser Volk, das russische …«

Iwan war auf Beharren Schelgas nach der Insel gebracht worden, da er erklärt hatte, er benötigte den Jungen als Laufburschen. Garin hatte sich gern hierzu bereit erklärt. Es wäre ohnedies gefährlich gewesen, Iwan auf dem Fundort zurückzulassen. Andererseits hatte es Garin doch widerstrebt, Wolschin den Auftrag zu geben, den Jungen zu töten. Darauf hatte Schelga gerechnet – außerdem war es ihm wirklich sympathisch, einen so nahestehenden Menschen zu gewinnen, wie es Wanjuschka Gußjew war.

Als er wieder genesen war, begann Schelga ihn mit der Sachlage vertraut zu machen und sah, ebenso wie seinerzeit Taraschkin, daß Iwan ein flinker Junge war, der alles aufs erste Wort verstand, bis zum Aeußersten sowjetistisch eingestellt war und daß er große Arbeitslust bewies. Wenn er nur nicht immer von Leningrad gejammert hätte, wäre er überhaupt ein goldiger Bursche gewesen.

»Nun, Junge,« begann Schelga eines Tages, als er aufgeräumt ins Zimmer trat, ein paar Takte der Internationale vor sich hinpfeifend, »nun, Wanjuschka, jetzt werde ich Dich bald nach Hause schicken! Du bist nicht dazu geboren, um einen Bewohner des Stillen Ozeans abzugeben!

»Danke schön, Wassilj Vitaliewitsch!«

»Aber zunächst mußt Du noch ein kleines Werk vollbringen!«

»Ich bin bereit!«

»Bist Du gewandt im Klettern?«

»In Sibirien, Wassilj Vitaliewitsch, bin ich zum Zapfen auf die Zedern geklettert, so hoch hinauf, daß man kaum mehr die Erde sah!«

»Wenn die Zeit kommt, werde ich Dir sagen, was Du zu tun hast. Und treibe Dich nicht zwecklos auf der Insel herum! Nimm lieber eine Angel und gehe auf Meerigelfang aus!«

66.

Die Baggerkellen waren bereits durch die Magnaschicht durchgedrungen. Auf dem Schachtboden hörte man das Summen des siedenden unterirdischen Ozeans. Die Schachtwände, die bis zu einer Stärke von dreißig Metern erstarrt waren, wurden von derartigen Erschütterungen und Schwankungen bedroht, daß man gezwungen war, alle Kräfte aufzubieten, um die Erstarrung noch wirksamer zu gestalten. Die Elevatoren warfen bereits kristallisiertes Eisen, Nickel und Olivin aus.

Sonderbare Erscheinungen wurden wahrgenommen. Auf dem Meere, wohin die von Stahlbändern und Pontons geförderten Gesteinmassen geleitet wurden, entstanden plötzlich bei Nacht Leuchterscheinungen. Diese Erscheinungen verstärkten sich im Laufe der kommenden Tage und Nächte. Schließlich flogen diese riesigen Mengen von Wasser, Gestein und Sand mit einem Teil der Pontons – in die Luft. Diese Explosion war so heftig, daß die Arbeiterbaracken wie von einem Orkan niedergelegt wurden und eine riesige Welle, die sich über die Insel ergoß, überschwemmte beinahe den Schacht.

Nun mußte man das geförderte Gestein auf Barken verladen, weit in den Ozean hinausführen und dort erst ins Wasser entleeren. Selbst von dort aus waren dann noch immer die Explosionen hörbar. Ihre Erklärung lag in noch unerforschten Erscheinungen des Atomzerfalls.

Nicht minder sonderbare Dinge ereigneten sich auch auf dem Boden des Schachts. In den Laboratorien war es bisher noch mit keinen Mitteln gelungen, die Ausstrahlung der Alpha- und Gammastrahlen zu hemmen. Man versuchte, die Materie bis auf die höchsten erreichbaren Temperaturen zu erhitzen, bis auf minus 250 Grad abzukühlen, sie dem höchsten Druck auszusetzen – die Zerfallsenergie blieb dieselbe, die Atomkerne warfen nach wie vor Helium (Alphastrahlen) und freie, negativ geladene Elektronen (Gammastrahlen) aus. Scheinbar wirkten auf den Zerfall noch irgendwelche andere Kräfte. Es konnte sich hier nur mehr um erdmagnetische Kräfte handeln. Gerade sie waren es, die auf dem Boden des Schachtes diesen stürmischen Atomzerfall hervorgerufen hatten.

Es begann damit, daß die Magneto-Meßapparate, die noch bis vor kurzem auf dem Nullpunkt gestanden waren, plötzlich ein Magnetofeld von ungeheuer hoher Spannung anzeigten. Die Zeiger konnten nicht mehr weiter. Aus dem Schachtboden kam zitterndes, violettes Licht. Die Luft selbst schien auszuarten. Der Stickstoff der Luft, der unter dem Einfluß der Alphateilchen in Helium und Wasserstoff zerfiel, hatte einen Komplizen: den Sauerstoff, der in Wasserstoff und Helium zerfiel. Ein Teil dieses freien Wasserstoffs verbrannte unter der Wirkung der Strahlen des Hyperboloids, feurige Zungen flogen durch den Schacht, Detonationen, wie von Pistolenschüssen ertönten ununterbrochen. Auf dem Körper der Arbeiter brannte das Gewand durch. Es waren Erscheinungen irgendwelcher Ebbe und Flut im Ozean der Magna.

Auf den stählernen Baggerkellen wurde ein Belag von rot-erdfarbigem Anflug bemerkt, der sich als Manganerz erwies. In den eisernen Bestandteilen der Fördervorrichtungen begann ein stürmischer Atomzerfall, der sich in dem Manganerz zeigte. Viele Arbeiter erlitten Kohlensäurevergiftungen, wurden von unsichtbaren Strahlen verbrannt, aber der »eiserne Maulwurf« setzte sein Vordringen durch den Olivingürtel mit ungeminderter Beharrlichkeit fort.

Garin kam jetzt fast überhaupt nicht mehr aus dem Schacht. Erst jetzt begann er den Unsinn seiner ganzen Unternehmung zu verstehen. Niemand konnte erraten, wie tief dieser siedende, unterirdische Ozean eigentlich war. Vielleicht mußte man noch hundert, dreihundert, fünfhundert Kilometer durch den schmelzenden Olivingürtel vordringen. Nur eines war außer Zweifel: die Geräte zeigten das Vorhandensein eines harten, magnetischen Erdkernes von außerordentlich tiefer Temperatur.

Nun lag die Gefahr nahe, daß der Schachtzylinder, erstarrt, also fester als die ihn umgebenden, schmelzenden Massen, unter dem Einflusse der Erdschwere nachgeben und einstürzen konnte. Tatsächlich erschienen in den Wänden des Schachts bereits bedenkliche Risse, durch welche zischend Gase einströmten. Man war gezwungen, den Durchmesser des Schachts auf die Hälfte zu reduzieren und mächtige, vertikale Stützungsbauten aufzuführen.

Die Montage des neuen, auf den halben Durchmesser eingestellten »eisernen Maulwurfs« nahm viel Zeit in Anspruch. Nur die Nachrichten von Bord der »Arizona« waren erfreulich. Die Yacht war nachts in den Hafen von Melburne eingedrungen, hatte die riesigen Lager von Kokosnüssen in Brand gesteckt, um die Stadt von ihrer Ankunft zu benachrichtigen und hatte fünf Millionen Pfund gefordert.

Als drohende Warnung wurde mittels des tanzenden Strahls des Hyperboloids ein Boulevard am Meeresufer abrasiert. Ein paar Stunden später war die Stadt leer und die Privatbanken bezahlten die geforderte Summe. Als die »Arizona« hierauf wieder in See stach, wurde sie von einem englischen Stationsschiff angehalten, das auf sie das Feuer eröffnete. Ueber der Wasserlinie bekam die Yacht einen Treffer. (Ein Sechszollgeschoß durchbohrte die Wand der Kajütenkompagnie.) Hierauf griff die »Arizona« ein und sprengte das Kriegsschiff kurzerhand in die Luft. Mme. Lamolle hatte diesen Kampf vom Turm des Hyperboloids aus geleitet.

Diese Nachricht versetzte Garin in heitere Stimmung. In der letzten Zeit war er von trüben Gedanken gequält. Ebenso wie vor einem Jahre auf der Petrograder Stadtseite, in seinem einsamen Hause, überlegte er bereits, wie er sich im Falle eines Mißlingens seines Schachtexperimentes retten könnte. Woher sollte er dann das Geld nehmen, um seine Arbeiten fortsetzen zu können? Schließlich kann kein infraroter Strahl der Kraft des Dollars widerstehen!

Am fünfundzwanzigsten April beobachtete Garin, während er auf der ringförmigen Plattform im Inneren des »Maulwurfs« stand, eine außerordentliche Erscheinung. Von dem oben gelegenen Trichter, der die sich entwickelnden Gase sammelte, kam ein Quecksilberregen. Man mußte die Tätigkeit der Hyperboloide einstellen. Die Abkühlung auf dem Boden des Schachts wurde abgeschwächt. Die Baggerkellen waren an der Olivinschicht bereits vorbei und förderten reines Quecksilber. Nach der Tabelle von Mendelejew kam als nächste Nummer (einundachtzig) nach dem Quecksilber Talium. Gold, mit der Nummer 79 und dem Atomgewicht – 197,2 lag laut dieser Tabelle höher als das Quecksilber.

Daß es zu der Katastrophe gekommen war, daß sich das Gold nicht beim Durchstich durch die Metallschichten gezeigt hatte – das verstanden bloß Garin und Scheffer. Garin ließ den Kopf hängen. Seine Füße wankten. Zerstreut streckte Scheffer den Arm aus, um in der Hand ein paar Quecksilbertropfen, die von oben herabfielen, aufzufangen. Plötzlich packte er Garin am Arm und riß ihn mit sich auf die Treppe, die nach oben führte. Als sie dort angekommen waren, setzten sie sich augenblicklich in den Lift, nahmen Gummi und Helme fort. Scheffer stampfte mit seinen schweren Schuhen. Sein knochiges, kindlich-naives Gesicht leuchtete vor Freude:

»Das ist doch – Gold!« schrie er lachend, »wir sind ganz einfach – Schafsköpfe … Gold und Quecksilber sieden nebeneinander – Gold oben, Quecksilber unten … Was kommt heraus? Quecksilbergold! …« Er öffnete seine Handfläche, auf welcher flüssige Schrotkörnchen lagen:

»Das Quecksilber zeigt Goldschattierung. Hier haben sie eine neunzigprozentige Legierung – Dukatengold!«

67.

Das war ein unerwartetes Glück. Das Gold kam wie Naphtha aus der Erde! Die weiteren Tiefbohrarbeiten wurden eingestellt. Der »eiserne Maulwurf« wurde abmontiert und an die Erdoberfläche zurückgebracht. Die provisorischen Schachtstützen wurden fortgenommen, an ihre Stelle wurde der Schacht zylindrisch mit Stahl gepanzert, in welchen Kühlröhren eingebaut waren.

Man brauchte nun nur noch die Temperatur zu regulieren, um in beliebiger Tiefe des Schachts aus den kondensierten Quecksilberdämpfen das Gold zu gewinnen, das durch die heißen Dämpfe aufwärtsgetrieben wurde. Garin berechnete, daß man das Quecksilbergold, nachdem der Stahlzylinder bis auf den Boden des Schachts eingetrieben sein würde, zwingen könnte, bis in eine Tiefe von nur zweiunddreißig Kilometern bis zum Meeresspiegel zu steigen, von wo aus man es dann direkt an der Erdoberfläche fördern könne.

Rasch wurde von dem Schacht gegen Nordosten eine Quecksilberableitung gebaut. In dem linken Palastflügel, der an den Fuß des Turms mit dem großen Hyperboloid anschloß, wurden Oefen und Fayencetiegel eingebaut, wo das Gold ausgeschmolzen wurde. Garin beabsichtigte, in der ersten Zeit die Tagesleistung an reinem Golde auf zehntausend Pud zu bringen, das heißt: hundert Millionen Dollar! Pro Tag!

Die »Arizona« bekam den Befehl, heimzukehren. Mme. Lamolle gratulierte als Antwort und verkündete allen, allen, allen, daß sie ihre Piratenüberfälle im Stillen Ozean aufgegeben habe.

68.

Kurz vor Eröffnung der Washingtoner Konferenz liefen in den Hafen von San Franzisko hintereinander fünf Ozeandampfer ein. Friedlich hißten sie die Holländische Flagge und legten auf dem Kai inmitten von tausenden anderen ebensolchen Handelsschiffen in der weiten Bucht Anker, die rauchig und in der Hitze der Sommersonne dalag.

Die Kapitäne stiegen an Land. Alles war in Ordnung. An Bord der Schiffe trockneten die Matrosen ihre Unterhosen. Man wusch das Deck. Die Zollbeamten waren über die holländische Ware einigermaßen erstaunt. Man versuchte ihnen zu erklären, daß die Fracht, Barren im Gewichte von je fünf Kilogramm, gelbes Metall, nichts anderes sei, als Gold, das man zum Verkauf hierher gebracht habe.

Die Beamten lachten über diesen guten Scherz hell auf:

»Und wie teuer verkauft Ihr Euer Gold, ha?«

»Zum Selbstkostenpreis«, antworteten die Vizekapitäne. (Auf allen fünf Dampfern ging fast gleichzeitig dasselbe Gespräch vor sich.)

»Und zwar?«

»Um zweieinhalb Dollar pro Kilogramm!«

»Ihr schätzt Euer Gold nicht hoch ein!«

»Wir verkaufen billig – denn wir haben viel Ware!« antworteten die Vizekapitäne, an ihren Pfeifen saugend.

Und so trugen die Zollbeamten in ihre Listen folgendes ein: »Fracht – Barren gelblichen Metalles, unter dem Namen ›Gold‹.« Sie lachten und gingen wieder fort. Zum Lachen war allerdings kein Grund vorhanden.

Zwei Tage später erschien in den Morgenzeitungen San Franzisko, in den Straßen, auf Litfaßsäulen, weißgelben Plakaten, Trottoirs usw. folgende Mitteilung:

 

»Ingenieur Pjotr Garin, der den Krieg für die Unabhängigkeit der Goldinsel für beendet hält und die Opfer, die der Gegner zu verzeichnen hat, tief bedauert, sendet als Zeichen seines Wohlwollens gegenüber den Bürgern der Vereinigten Staaten, als Anfang friedlicher Handelsbeziehungen fünf Dampfer, mit Dukatengold beladen. Fünfkilobarren dieses Goldes kosten pro Kilogramm zweieinhalb Dollar. Diese Barren werden in sämtlichen Tabakfabriken, Drogerien und Gemischtwarenhandlungen, wie auch an den Zeitungskiosken, bei Schuhputzern etc. zu haben sein. Ingenieur Garin bittet, sich von der Reinheit dieser Goldbarren zu überzeugen, welche durch ihn in unbeschränkter Menge zu beziehen sind. Mit Hochachtung: Garin.«

 

Selbstverständlich glaubte kein Mensch diesem närrischen Reklametrick. Die meisten Vertriebsstellen versteckten die ihnen zum Verkauf übergebenen Barren. Trotzdem begann die ganze Stadt von Pjotr Garin zu sprechen, dem Piraten und sagenhaften Taugenichts, der wieder einmal die Ruhe der anständigen Menschen stören wollte. Die Abendblätter forderten, Lynchjustiz an Garin zu üben. Nach fünf Uhr abends ergoß sich eine müßige Menschenmenge aus der Stadt gegen den Hafen und beschloß während in aller Eile abgehaltener Meetings, Garins Schiffe zu versenken und deren Mannschaften auf den Tramwaymasten aufzuknüpfen. Die Polizei konnte die Menge nur mit größter Mühe von ihrem Vorhaben zurückhalten.

Gleichzeitig nahmen die Hafenbehörden eine genaue Prüfung vor. Alle Papiere erwiesen sich in vollster Ordnung. Man konnte die Schiffe unmöglich beschlagnahmen, da sie Eigentum einer bekannten holländischen Transportunternehmung waren. Trotzdem forderten die Behörden ein Handelsverbot für die Barren, die geeignet waren, die Bevölkerung zu beunruhigen. Aber es konnte kein einziger Beamter widerstehen, als man unauffällig in seine Hosentaschen zwei Goldbarren gleiten ließ. Nach Probe, Farbe und Gewicht war es reines Gold, dagegen konnte man nun einmal nichts einwenden. Die Frage des Handels damit blieb vorläufig offen. Jedenfalls verlautete nichts darüber.

In den zweiunddreißig Redaktionen der New Yorker Tageszeitungen erschienen diskrete Seeleute (Matrosen der »Arizona«) mit je einem Sack besagter Barren. Sagten »Als Geschenk …«. Die Redakteure waren empört. In allen zweiunddreißig Redaktionen entstand ein fürchterliches Gezeter. Man berief Juweliere. Man schlug blutige Maßnahmen gegen Pierre Garry vor. Aber, unbekannt wohin, verschwanden die Barren in sämtlichen zweiunddreißig Redaktionen.

Während der Nacht wurden direkt in der Stadt auf den Trottoiren Goldbarren verstreut. Um neun Uhr früh erschienen in den Fenstern von Friseurladen und Tabakgeschäften Ankündigungen: »Hier wird Dukatengold, das Kilogramm zu zweieinhalb Dollar verkauft!« Die Bevölkerung bebte.

Das Allerschlimmste war, daß niemand verstehen konnte, weshalb das Gold zu zweieinhalb Dollar pro Kilogramm verkauft wurde. Aber in solchem Falle nicht zu kaufen, wäre ja verrückt gewesen! In der Stadt begannen Aufläufe und Störungen. Eine vieltausendköpfige Menge drängte sich im Hafen vor den Schiffen und schrie: »Barren … Barren, Barren …!« Das Gold wurde einfach auf den Fußsteigen feilgeboten. An diesem Tage standen Autobus und Untergrundbahn still. In Kontors und staatlichen Büros entstand ein Chaos: statt sich mit ihrer Arbeit zu beschäftigen, liefen die Beamten von einem Tabakladen zum anderen, bettelten darum, man möge ihnen einen Barren verkaufen. Warenlager und Geschäftshäuser sperrten ihre Lokalitäten, die Verkäufer stoben nach allen Richtungen auseinander, Diebe und Einbrecher wirtschafteten in der Stadt mit voller Kraft.

Es ging das Gerücht, es wäre Gold nur in beschränkter Menge zu haben und es wären keine Schiffe mit weiteren Barren mehr zu erwarten.

Am dritten Tage darauf begann an allen Enden Amerikas ein Goldfieber. Die Pacificlinien der Eisenbahnen brachten Glücksjäger in Strömen nach dem Westen, Zweifler, beunruhigte, verblüffte und maßlos erregte Menschenmassen. Im Kampf wurden Plätze in den Zügen erobert. In dieser Welle menschlicher Dummheit war alle Geistesgegenwart verloren gegangen.

Verspätet – wie immer – kam aus Washington eine Regierungsverordnung: »Mit Polizeitruppen die Zugänge zu den Schiffen absperren, die mit dem sogenannten Golde befrachtet sind, Kapitäne und Bemannung verhaften, Schiffe versiegeln!«

Die wütenden Menschenmengen, die auf der Suche nach dem Glück von allen Enden des Landes herbeigeströmt, ihre Berufe im Stich gelassen hatten, um die in brennend heißer Sonne daliegenden Kais von San Franzisko zu überfluten, wo alle Lebensmittel wie von einer Heuschreckenplage vernichtet zu sein schienen – diese wild gewordenen Menschen rissen den Kordon durch, schlugen wie rasend mit Revolvern, Messern und Fäusten um sich, bissen die Polizeitruppen, von denen sie sogar viele ins Meer warfen, befreiten die Kapitäne und Mannschaften von Garins Schiffen und stellten eine bewaffnete Freischar auf, die die Ordnung bei den Schiffen aufrecht hielt.

Es kamen drei weitere Schiffe mit Gold an. Es wurde mit der Ausladung begonnen. Große Bündel mit Barren wurden mittelst Kränen direkt auf den Kai geworfen, wo die Barren wie Holz aufgeschichtet wurden. Der Leute bemächtigte sich schier unerträgliches Entsetzen. Sie zitterten am ganzen Körper, als sie diese Mengen glänzender Schätze sahen, die förmlich auf dem Pflaster lagen.

Um dieselbe Zeit wurden eben Garins Agenten (unter dem Decknamen einer amerikanischen Reklameunternehmung: »Israelewitsch und Morosohn«) mit der Aufstellung von Lautsprechern in den Straßen der großen amerikanischen Städte fertig. Und Sonnabend, fünf Uhr fünfzehn Minuten nachmittags, als alle Straßen mit den von ihren Arbeitsstätten heimkehrenden Menschen überfüllt waren, ertönte über ganz Amerika eine laute, außerordentlich starke Stimme mit barbarischem Akzent:

»Amerikaner! Zu Euch spricht Ingenieur Garin, derselbe, der für vogelfrei erklärt wurde, derselbe mit dessen Namen Ihr Eure Kinder schreckt. Amerikaner! Ich habe viel Verbrechen begangen, aber bei allen schwebte mir nur ein einziges Ziel vor Augen: das Glück der Menschheit. Ich habe mir ein Stück Erde angeeignet, eine nichtige Insel, um auf ihr eine grandiose, noch nie dagewesene Sache zu Ende zu führen. Ich beschloß, in den Schoß der Erde, bis zu den jungfräulichen Lagern des Goldes vorzudringen. In einer Tiefe von zweiunddreißig Kilometern unter der Erdoberfläche traf ich mit meinem Schacht auf eine mächtige Schicht von Quecksilbergold. Nach meinen Schätzungen handelt es sich um ein Lager von nicht weniger als einer Milliarde Tonnen Gold. Amerikaner, jeder Mensch trachtet, mit seiner Ware Geschäfte zu machen. Ich biete Euch meine Ware an – Gold. Bei einem Preise von zweieinhalb Dollar pro Kilogramm verdiene ich daran zehn Cents pro Kilogramm. Das ist sehr bescheiden. Warum aber verbietet man mir, meine Ware zu verkaufen? Wo ist Eure Handelsfreiheit? Eure Regierung tritt die heiligen Rechte der Freiheit und des Fortschrittes mit Füßen! Ich bin bereit, die Kriegskosten zu ersetzen. Ich gebe dem Staat, den Unternehmungen und Privatpersonen das ganze Geld zurück, das die »Arizona« auf ihren Fahrten requiriert hat, aus Schiffen und Banken. Ich bitte nur um eines: gebt mir die Freiheit des Handels mit Gold. Eure Regierung verbietet sie mir, hat einen Haftbefehl gegen meine Schiffe erlassen. Ich stelle mich unter den Schutz der gesamten Bevölkerung der Vereinigten Staaten.«

In derselben Nacht wurden diese Lautsprecher von Polizeiorganen vernichtet. Die Regierung ermahnte die Bevölkerung, zur Vernunft zu kommen:

»Selbst unter der Voraussetzung, daß all das richtig ist, was der berüchtigte Bandit, der Auswanderer aus Sowjet-Rußland, Ingenieur Garin, verkündet – müssen wir umso mehr davon überzeugt sein, daß der Schacht auf der Goldinsel unbedingt zugeschüttet, die Möglichkeit, eigenmächtig unerschöpfliche Goldmengen zu besitzen, vernichtet werden muß. Was soll fernerhin als Aequivalent für Arbeit, Lebensglück gelten, wenn man Gold wie Ton aus der Erde graben wird? Unwillkürlich würde damit die Menschheit zu ursprünglichen, wilden Gepflogenheiten, Tauschhandel, Wildnis und Chaos zurückkehren. Das ganze Wirtschaftssystem würde vernichtet werden, Industrie und Handel absterben. Es wäre nicht mehr nötig, die menschlichen Geisteskräfte bis zum äußersten anzustrengen. Die großen Städte würden untergehen, Eisenbahnlinien mit Gras verwachsen. Das Licht in den Kinematographentheatern und Lunaparks würde verlöschen. Wieder müßte der Mensch mit steinerner Lanze ausziehen, um sich seine Nahrung zu erbeuten. Nein, Ingenieur Garin ist der größte Provokateur, ein Gehilfe des Teufels. Er hat es sich zur Aufgabe gestellt, den Dollar zu entwerten. Aber es wird ihm nicht gelingen …«

Die Regierung entwarf ein klägliches Bild der Vernichtung der Goldparität. Aber es fanden sich sehr wenig Leute, die davon überzeugt werden konnten. Der Irrsinn griff im ganzen Lande um sich. Dem Beispiele San Franziskos folgend, blieb das öffentliche Leben auch in den anderen Städten gehemmt. Eisenbahnzüge und Millionen von Autos sausten gegen Westen. Je näher man gegen den Stillen Ozean zu kam, desto teurer wurden die Nahrungsmittel. Es gab für sie keine Transportmittel mehr. Die hungrigen Glücksjäger plünderten die Nahrungsmittelläden. Ein Pfund Schinken kostete bereits hundert Dollar. In den Straßen San Franziskos starben die Leute Hungers, verdursteten, wurden von der sengenden Hitze verrückt.

Auf Eisenbahnknotenpunkten, Geleisen, lagen die Leichen der bei den Stürmen auf die Züge umgekommenen Menschen. Auf Nebenwegen, über Berge, Wälder und Ebenen krochen kleine Häufchen Glücklicher gegen Osten heimwärts, auf dem Rücken Säcke mit Goldbarren. Zurückgebliebene wurden von Ansässigen und Räuberbanden getötet. Es begann eine Jagd auf die Barrenbesitzer. Sie wurden sogar per Flugzeug angegriffen.

Endlich entschloß sich die Regierung zu äußersten Maßnahmen. Das Parlament nahm ein Mobilmachungsgesetz für alle Kriegsdiensttauglichen im Alter von 17-45 Jahren an. Fahnenflüchtige sollten dem Kriegsgericht unterstellt werden. Infolge dieser Verfügung wurden in New York ein paar hundert Menschen erschossen. Auf den Bahnhöfen erschienen bewaffnete Militärabteilungen. Wen sie nur erwischen konnten, rissen sie von den abfahrenden Zügen. Sie gaben Schreckschüsse in die Luft ab. Aber trotzdem gingen alle Züge überfüllt ab. Die Eisenbahnen, die im Besitze privater Unternehmungen standen, fanden es vorteilhafter, sich an die Regierungsvorschrift bezüglich des Transportverbotes Mobilisierter nicht zu halten.

In San Franzisko erschienen weitere fünf Schiffe Garins und an der Außenreede, angesichts der ganzen Meeresbucht, warf die »Arizona« Anker, der »Schrecken aller Meere«. Unter dem Schutze ihrer beiden Hyperboloide luden die Schiffe ihr Gold aus.

Unter solchen Begleiterscheinungen rückte der Tag der Eröffnung der Konferenz von Washington heran. Die Börse verzeichnete ihn durch eine starke Baisse aller Effekten. Noch vor einem Monate war Amerika im Besitz der Hälfte des ganzen Goldes der Erdkugel. Die Hälfte aller Macht auf der Erde gehörte ihm. Und nun, man kann sagen was man will, verminderte sich der Goldfundus Amerikas um das zweihundertfünfzigfache. Nur mit größter Mühe und vielfachen Verlusten und Blutvergießen konnte man diese Krise irgendwie noch eindämmen. Aber, wenn dem verfluchten Taugenichts Garin plötzlich der Gedanke kommen sollte, das Kilogramm Gold für einen Dollar, für fünf Cents zu verkaufen? Alte Senatoren und Parlamentarier gingen durch die Hallen, mit ganz starren, weißen Augen. Industrie- und Finanzkönige zuckten mit den Achseln, breiteten unentschlossen die Arme aus: »Es ist eine Weltkatastrophe …« sagten sie, »auf die Art wie ein Zusammenstoß mit einem Kometen, dessen Schweif aus Zyan ist …« – »Wer ist Ingenieur Garin,« fragten sie, »was will er eigentlich, im Grunde genommen? Das Land ruinieren? Dummheit. Es ist unbegreiflich, was er eigentlich erreichen will. Will er Diktator werden? Bitte sehr – wenn du der reichste Mann der Welt bist … Was denken Sie, ein Diktator, – man behauptet, er wünsche, das Parlament, Senat mögen ihm anläßlich der Konferenz den Rang eines Kaisers antragen!« – »So, das ist ja schließlich noch nicht das Schlimmste … Schließlich steigt uns ja allen dieses demokratische Parlamentsregime ohnedies schon den Hals hinauf, wie Margarine …« – »Im Land allenthalben Unruhen, Räuberunwesen, Verwirrung – es wäre ein amerikanischer Kaiser mit diktatorischen Vollmachten und einer Garde ausgewählter Männer nur zu begrüßen …«

Als es bekannt wurde, daß Garin auf der Konferenz persönlich erscheinen werde, drängten sich im Saale die Menschen, hingen übereinander, Schulter an Schulter gedrängt, auf Säulen und Fenstersimsen. Es erschien das Präsidium. Nahm Platz. Der Vorsitzende öffnete den Mund, um zu sprechen. Und alle Blicke im Saal richteten sich auf die hohe, weiße, goldverzierte Tür. Sie wurde geöffnet. Ein mittelgroßer Mensch mit kleinem Kopf, harmonisch, furchtbar blaß, mit dunklem Spitzbart und dunklen Augen, die von tiefen Schatten umrändert waren, trat in den Saal. Er trug einen grauen Alltagsanzug, nicht mehr neue, sondern alte braune Schuhe mit dicken Sohlen, eine schwarze Schleife, die aussah wie ein Schmetterling, in der linken Hand ein paar neue Handschuhe.

Er blieb stehen, zog tief die Luft durch seine Nasenlöcher ein, dann drehte er der Versammlung den Rücken, bestieg mit hurtigen Schritten die Tribüne, reckte sich, das Bärtchen aufwärts geworfen, dann rückte er die Karaffe mit Wasser an den Rand (im ganzen Saale war das Glucksen des in Bewegung gesetzten Wassers hörbar, so still war es) und begann mit lauter Stimme, die einen barbarischen Akzent hatte, zu sprechen:

»Gentlemen … Ich bin Garin … Ich bringe der Welt – das Gold …«

Alle erhoben sich, wie ein Mann und schrien, wie aus einer Kehle:

»Hoch Mister Garin! … Es lebe der Diktator! …«

Und hinter den Fenstern, draußen, wo die Millionen zählende Menschenmenge stand, samt den Mobilisierten aller Jahrgänge, ertönte es:

»Die Barren … Die Barren … Die Barren!«

69.

Die »Arizona« war eben in den Hafen der Goldinsel zurückgekehrt. Jansen erstattete Mme. Lamolle über die Vorgänge auf dem Kontinent Bericht. Zoe lag noch im Bett, inmitten eines Gewirrs von Spitzenpolstern (kleiner Morgenempfang). Das halbdunkle Schlafzimmer war von dem scharfen Blumenduft erfüllt, der aus den Gärten aufstieg. Ihre rechte Hand wurde von einem Manicurefräulein präpariert, in der Linken hielt sie ein Spieglein, in welchem sie sich während des Sprechens betrachtete:

»Aber, lieber Freund … er verliert noch den Verstand, dieser Garin …« sagte sie zu Jansen, »er entwertet das Gold … will unter Bettlern zum Diktator werden! …«

Jansen saß auf einem vergoldeten Stühlchen vor dem Bett und bewunderte heimlich all die Pracht dieses erst vor kurzem fertiggestellten Prunkraumes.

Er antwortete, die Mütze auf den Knien:

»Garin sagte mir bei der Zusammenkunft, Sie mögen sich keine Sorgen machen, Mme. Lamolle, er werde keinen Schritt von dem geplanten Programm abweichen. Indem er auf dem Goldmarkt einen Umsturz hervorgerufen hat, gewann er den Kampf. Die Kapitalisten haben die Waffen gestreckt. Nächste Woche wird ihn der Senat zum Diktator wählen. Dann wird er den Goldpreis wieder in die Höhe treiben.«

»Auf welche Weise – das verstehe ich nicht!«

»Er wird ein Goldein- und Ausfuhrverbot erlassen. Innerhalb eines Monats wird es auf den alten Preis gestiegen sein. Man hat noch nicht so viel davon verkauft, als man spricht.«

»Und der Schacht?«

»Der Schacht wird vernichtet.«

Mme. Lamolle ließ das Spieglein fallen. Entzog ihre rechte Hand dem Manicurefräulein. Sie begann zu rauchen und zog die Stirn in Falten:

»Das ist mir völlig unverständlich!«

Jansen erwiderte:

»Wenn Sie die Stirn in Falten zielen, krampft sich mein Herz zusammen. Einen Monat lang habe ich Sie nicht gesehen. Möge sich Garin mit Politik beschäftigen. Ich habe befohlen, die ›Arizona‹ neu einzurichten. Ich möchte wieder einmal gerne nachts mit Ihnen auf der Kommandobrücke stehen. Mme. Lamolle!«

Zoe lachte. Streckte ihm die Hand hin, die er küßte. Dann sagte sie:

»Und für meine Hofhaltung, für meine Phantasien und Träume – bleibt Gold genug?«

»Garin ersucht Sie, einen Kostenvoranschlag zu machen. Es wird ein Gesetz geschaffen werden, das Ihnen jede Quantität Gold zur Verfügung stellt, die Sie begehren.«

»Ich werde sehr viel brauchen«, sagte sie kopfschüttelnd, »in einem Monat kommt schon mein Hofstaat an, Dschagiljow, die Oper, Maler. Im Oktober schon werden die Festlichkeiten beginnen. Dann werde ich beginnen, zu bauen. An Stelle der Arbeitersiedlungen, Werkstätten, Schachtgebäude und Warenlager all dieser Armseligkeiten, werden staunenswerte Gebäude errichtet. Von vielen Meilen her muß man sie sehen. Diesen Palast übergebe ich den Kasernen. Riffe und Sandbänke werden durch Brücken mit der Insel verbunden. Dort werden Spielpavillions, Strandbäder und Landungsplätze für Luftschiffe errichtet …«

»Garin hat betont, daß es ganz gleichgültig ist, wieviel Geld Sie benötigen. Es war nur wichtig, die Goldmenge zu beschränken, da das Gold sonst den Geruch des Menschenschweißes verlieren würde …«

»Ich habe verstanden, Jansen …«

70.

Es folgt der Entwurf des ersten Aufrufes des Revolutionskomitees (Revkom) der Goldinsel, von der Hand Schelgas in der Nacht auf den achtzehnten Juni geschrieben:

 

»Arbeitende der ganzen Erde! Umfang und Folgen der Panik, welche die kapitalistischen Kreise der U. S. A. an dem Tage ergriffen hat, als die mit Gold beladenen Schiffe des Ingenieurs Garin in den amerikanischen Häfen eingelaufen sind, sind Euch bekannt. Der Kapitalismus wankt, da sein bedingtes Arbeitsäquivalent – das Gold bedroht ist, in Staub verwandelt zu werden, bedroht ist, auf den Wert von gewöhnlichem Baumaterial herabzusinken. Es war weder Zeit noch Möglichkeit vorhanden, dieses ganze, kolossale System auf neuer Basis aufzubauen, das Gold durch ein neues Aequivalent zu ersetzen, um es neuerdings aufhäufen zu können. Die Kapitalisten sind mit Pjotr Garin handelseins geworden: der Senat hat ihn zum Diktator gewählt. Dafür ließ er ihnen als Arbeitsäquivalent die alten Werte. Es wurde bereits ein Gesetz herausgegeben, das die Goldquantität beschränkt – auf zehn Millionen Pud. (Ein Pud = 16 kg.) Der Schacht auf der Goldinsel wird bis auf den Grund mit Sand verschüttet. Jede Goldausbeute – wo immer sie auch versucht würde – wird mit dem Tode bestraft. Selbstverständlich werden diese zehn Millionen Pud Gold zur alleinigen Verfügung von Garin gestellt. Er wird den Willen eben derselben Menschen, die ihn stützen, achten.«

»Das Revkom der Goldinsel verkündet allen Arbeitenden, daß das Territorium der Goldinsel, samt Schacht und dem großen Hyperboloid in der Nacht vom achtzehnten auf den neunzehnten Juni in seine Hände übergeht – auf dem Wege eines gewaltsamen Umsturzes. Unbeschränkte Goldvorräte, deren es hier Milliarden von Pud gibt, gehen in den Besitz der Arbeitenden über. Das Gold als Aequivalent der Arbeit existiert nicht mehr. Das verkünden wir hiermit. Von nun an ist das Gold nur mehr einfarbiges Metall. Wir sehen die Schrecken einer so plötzlichen und endgültigen Entwertung voraus. Aber dafür bestehen wir umso energischer auf einer sofortigen Einführung einer neuen Werteinheit auf der ganzen Erde. Dies wird die durchschnittliche Arbeitsstunde sein. Der Zentralsowjet der Gewerkschafts-Verbände der ganzen Welt ordnet die Höhe dieses neuen Aequivalents der Arbeit an. Das Recht der Verteilung und Anhäufung von diesen Arbeitsstunden steht ausschließlich der Gewerkschafts-Internationale zu.«

»Der Kapitalismus wird sich wehren. Wir sehen einen schweren und blutigen Kampf voraus. Je eher wir zum Angriff übergehen, desto näher ist die Stunde des Sieges!«

71.

Nachdem dieser Entwurf geschrieben war, wurde er sechs Mitgliedern des Revkom in dem kleinen Hause Schelgas, auf dem Ufer des einsamen Meerbusens, vorgelesen.

»Und nun, Genossen, zum wichtigsten,« sagte Schelga, »zum Kampf!«

Die Gardekasernen befanden sich auf der rechten Seite des Palastes, im Nordosten der Insel. Die Zeit, wo die Weiß-Gelben schweigend und wachsam hinter den Felsen oder zwischen den Drahtverhauen patrouillierten, der geräuschvollen und erregten Arbeitsstunden, waren längst vorüber. Auf der Insel war tiefster Friede und heilige Stille. Die Arbeiten wurden eingestellt. Wöchentlich kam nur ein einziges Schiff im Hafen an – mit Nahrungsmitteln. Die Bauten Mme. Lamolles waren noch nicht begonnen. Die Insel ruhte nach all der hastigen Geschäftigkeit und immer üppiger gediehen die smaragdfarbenen Rasenflächen mit den prächtigen, bunten Blumenbeeten und alles Lebende gab sich dem glückseligen Dahinleben in dem feuchten, nicht zu heißen Sommer hin.

Von den sechstausend Arbeitern waren nur sechshundert zurückgeblieben. Die übrigen hatten die Insel, mit Gold schwer beladen, verlassen. In den verlassenen Arbeiterbaracken pfiff der Wind. Lunapark und Freudenhäuser waren gesperrt. Die Mädchen hatten die Insel verlassen, ebenfalls bis an den Hals mit Gold beschwert.

Schließlich hatten die Gardisten auf diesem friedlichen Stück Eiland nichts mehr zu tun. Viele von ihnen hatten Sehnsucht nach den großen Städten, nach schicken Nachtlokalen, fröhlichen Weibern. Sie begannen, um Urlaub zu bitten. Die Unzufriedenheit wuchs, es kam zu Zwistigkeiten. In den Kasernen tobten rasende Hasardpartien – chemin de fer. Man zahlte mit Zetteln, die auf Namen lauteten, da ihnen allen das Gold, das neben den Kasernen wie Holz aufgestapelt lag, in der Seele zuwider war. Man spielte um Liebhaberinnen, Waffen, angerauchte Pfeifen, Flaschen mit altem Kognak, oder um eins-zwei-drei, hau' dir eins in die Fresse (Ohrfeigen). Abends war in den Kasernen gewöhnlich alles stockbesoffen. Der Kommandant dieses »Garde du Corps«, Oberst Subotin, konnte nicht nur kaum mehr die Disziplin aufrecht erhalten, sondern die Leute hatten die äußersten Regeln des Anstandes und der Sittlichkeit vergessen.

Am neunzehnten Juni, um drei Uhr morgens, erschien Schelga mit fünf stämmigen, jungen Schachtarbeitern auf der Hauptwache und fesselte die beiden betrunkenen Posten, die vor dem Waffendepot Wachdienst halten sollten. Hundert Gewehre wurden sofort unter die Arbeiter verteilt, die sich mittlerweile, von Laterne zu Laterne laufend, hinter den Felsen Deckung suchend, versteckt näherten. Sie krochen über die Lichtungen, von den glänzenden Radiumleuchtkugeln auf den hohen Masten bestrahlt.

Fünfzig Leute postierten sich, mit Gewehren bewaffnet, unter den Fenstern des zweistöckigen Kasernengebäudes. Mit den Uebrigen drang Schelga durch den Haupteingang ein. Als erster sprang, durch den Lärm geweckt, General Subotin, in Unterhosen, heraus. Er wurde purpurrot, wankte. Er wurde mit Kolbenhieben niedergeschlagen. Von draußen ertönten Schüsse, klirrten zerbrochene Fensterscheiben. Die Gardisten besetzten die obere Estrade der breiten Treppe. Es begann eine Revolverschießerei. Aber sie waren betrunken und aufgeschreckt, sie kamen auf der Estrade in Bedrängnis. Nach drei Salven kollerten bereits ihre blutüberströmten Körper über die Treppe hinab. Schelga heulte mit seiner Steppenstimme und warf sich als erster mit vorgebeugtem Kopf auf die Treppe.

Nach einem kurzen Handgemenge ergaben sich die Gardisten. Ein paar Leute stürzten sich aus den Fenstern in die Tiefe. Aber die ganze Sache machte den Eindruck, als wären sie insgeheim schon auf dieses Ende gefaßt gewesen. Als sie fragten, was man mit ihnen zu tun gedenke, antwortete eines der Mitglieder des Revkom (der Bursche mit den Dohlenaugen):

»Wir geben Euch Gold, so viel jeder von Euch imstande ist, mit sich zu nehmen – setzen Euch auf Schiffe und Ihr könnt fahren, wohin Ihr wollt …«

72.

Jansen sprang aus dem Bett. Hinter den Fenstern ertönten Schüsse und Geschrei. Eilig kleidete er sich an und lief, nachdem er seinen Revolver an sich genommen hatte, in den Flügel des Palastes, wo sich die Gemächer Mme. Lamolles befanden. Aber sie war schon nicht mehr in ihrem Schlafzimmer. Die erste Kammerzofe, eine Französin, stand an der Wand, hinter dem Bettvorhang und weinte laut, zähneklappernd:

»Wir sind verloren, Mr. Jansen, ich habe Mme. Lamolle immer schon gesagt, daß man nicht ungestraft so reich sein kann!«

»Wo ist Mme. Lamolle?« schrie Jansen.

»Mme. hat die Schlüssel des großen Turmes an sich genommen und ist durch den unterirdischen Gang hingelaufen!«

Jansen sauste über die Treppe hinab, zehn Stufen überspringend. Die Tür des unterirdischen Ganges stand weit offen. In dem engen Kellergang, wo die Lichtkugeln leuchteten, bemerkte er Mme. Lamolles Taschentuch, das auf dem Boden lag. Im Lauf hob er es auf, preßte es an seine Lippen. Die zweite Tür, die ins Innere des Fundaments des Turmes zum Lift führte, war ebenfalls weit offen. In dem engen Kellergang war niemand.

Dann eilte er zurück, lief in das Arbeitskabinett Garins, sprang aus dem Fenster und bemerkte, am Sockel des Turmes, Mme. Lamolle. Er erkannte sie an ihrem weißen, indischen Schal, den sie über das Hemd geworfen hatte. Mit zurückgeworfenem Kopf blickte sie auf den siebartigen Turm.

»Der Lift funktioniert nicht, wir sind verloren«, sagte sie mit dumpfer Stimme, »was ist geschehen, warum ist der Lift ruiniert? Da oben steht jemand, sehen sie nur, dort steht jemand! …«

»He-o-he!« tönte vom Turm herab, unter der Kuppel, eine klangvolle Stimme, »Genosse Schelga, ich bin's, Gussjew … Ich bin schon heraufgekrochen. Alles ist in Ordnung …«

Zoe flüsterte:

»Auf die ›Arizona‹ – so rasch als möglich! …«

Zoe lief zwischen den Steinen abwärts, gegen das Meer zu. Sie überholte Jansen um ein starkes Stück. Er sah noch, wie der Wind ihr den Schal von der Schulter riß, sie klammerte sich an einen Fels, haschte nach dem flatternden, von ihren Schultern noch warmen Tuch. Scheinbar wurden die beiden durch dieses Tuch entdeckt. Aus dem Palais liefen, ihnen den Weg abschneidend, einige dunkle Gestalten. Schüsse blitzten auf. Mme. Lamolle sank in die Knie, breitete die Arme aus, fiel seitlich in den feuchten Sand.

Jansen hob sie auf seine Arme und trug sie, das Ufer entlang, auf den Sand, wo das Meeresleuchten in blauen Funken erlosch und zerstieb.

Er brachte sie in den Hafen. Man hielt ihn nicht zurück. Noch in derselben Nacht fuhr er allein mit einem kleinen Segelboot ins Meer hinaus, mit sich die Leiche Mme. Lamolles führend. Er deckte sie mit Persenning zu, damit sie die Meereswellen nicht befeuchteten. So begab sich Kapitän Jansen auf seine letzte Fahrt.

Als man in Washington erfuhr, daß sich das Revkom der Goldinsel bemächtigt habe, drang die wütende Menge ins Weiße Haus ein, um Pierre Garry zu zerreißen, aber man konnte ihn nicht finden. Er war verschwunden.

Damit ist eines der außerordentlichen Abenteuer des Ingenieurs Garin beendet.

 

Ende.

 

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