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Das Geheimnis der infraroten Strahlen

Graf Alexei Nikolajewitsch Tolstoi: Das Geheimnis der infraroten Strahlen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorAlexej Tolstoi
titleDas Geheimnis der infraroten Strahlen
publisherNeuer Deutscher Verlag
year1927
correctorJosef Muehlgassner
translatorA. Wasserbauer
senderwww.gaga.net
created20181009
projectid7aabc059
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40.

Iwan Gußjew wohnte gemeinsam mit Taraschkin, zu dem er etwa in dem Verhältnis eines Sohnes oder jüngeren Bruders stand. Taraschkin brachte ihm das Alphabet und sonst einigen Verstand bei und versprach, ihn bis zum September für die Aufnahme in die Schule vorbereitet zu haben. Es war erquickend, wie scharfsinnig, liebenswürdig und lernbegierig der Junge war.

Abends, nachdem sie Weißbrot und Extrawurst – die Iwan samt der Haut verzehrte, da er sie über alles liebte – gegessen, dazu Tee getrunken hatten, begann Taraschkin zu rauchen und sagte:

»Man sagt: Studium bedeutet Licht, Unwissenheit – Finsternis. Und es kommt vor, daß man jemand unterrichtet, der ein Dummkopf ist. Verstehst du mich, Iwan?«

»Ja, gewiß habe ich verstanden, Wassilij Iwanowitsch.«

»Deshalb ist es deine Aufgabe, ein nützliches Mitglied der Kollektive zu werden!«

»Wie?«

»Du bist ein Dummkopf, wenn du das nicht verstehst. Was ist das: der Sowjetverband? Früher, als du noch an der Mutterbrust gesogen hast, nannte man ihn: russisches Kaiserreich. Es war das reichste Land – nur sehr zurückgeblieben. Wir haben das Kaiserreich abgeschafft, jetzt liegt die ganze Macht in den Händen der Arbeiter. Und was die sozialistischen und politischen Fragen anbelangt, ist der Sowjetverband führend, was die wirtschaftlichen Fragen anbelangt, im höchsten Grade zurückgeblieben. Das Land wimmelt von Taugenichtsen, Faulpelzen, Schurken und Hooliganen. Das heißt: wir befinden uns in einer großen und ständigen Gefahr, da wir von allen Seiten von feindlichen Nachbarn umringt sind, deren Industrie weit mehr entwickelt ist, als die unsrige …«

»Wassilij Iwanowitsch, bitte, ein wenig verständlicher …«

»Das kann ich nicht. Und höre zu – unterbrich nicht den Lauf meiner Gedanken – es ist egal, einmal wirst du das schon verstehen … Die Gefahr, die uns in diesem Falle droht, liegt im Verlust unseres Nationalbewußtseins und im Verlust der Errungenschaften der Revolution. Mit anderen Worten: die bourgeoisen Staaten trachten danach, aus uns eine Kolonie zu machen – etwa wie aus Afrika …«

Bei solchen Reden lief Iwan immer ein kalter Schauer über den Rücken. Taraschkin dozierte weiter:

»Deshalb wirst du dich in erster Linie um eine Steigerung der materiellen Lage im Sowjetstaat kümmern müssen. Sonst wird dich das unerbittliche Gesetz der volkswirtschaftlichen Prinzipien auffressen … Die anderen haben acht Stunden in der Fabrik gerackert, saufen sich mit Bier an oder gar mit Samogonka und wälzen sich wie Schweine im Straßenschmutz … Sind das nicht die reinsten künftigen Kolonialbewohner, frage ich? Und ihre Frauen schleppen den letzten Fetzen auf den Markt, um ihn dort gegen Nahrungsmittel umzutauschen. Ich trinke allerdings selbst gerne – aber mit Anstand! Schreibe dir das hinter die Ohren, Wjanka, erinnere dich dessen sogar im Schlaf – wer kein politisches Bewußtsein hat, ist der Feind seines Staates, so kantig ist diese Frage geworden! Das politische Bewußtsein muß sogar in den Fingerspitzen sitzen, sonst kann man keine Produktionserhöhung erzielen. Sensen fürs Dorf kaufen wir in Oesterreich – wir können noch immer keine Sensen im Lande selbst herstellen. Und wegen dieser Sensen bekomme ich nachts sogar neurasthenische Zustände, trotz physischer Kultur. Und selbst du, Junge, solltest blutige Tränen weinen, daß du nicht imstande bist, augenblicklich eine brauchbare Sense zu schmieden …«

Mitunter wurde Taraschkin gegen das Ende solcher Gespräche ganz aufgeregt. Dann las Iwan irgendeine Stelle aus dem politischen Alphabet. Sie räumten das Geschirr fort und legten sich zu Bett.

Die Rudersaison ging zu Ende. Man nützte noch so gut es ging die letzten sonnigen Tage aus und sog die Tage bis zum Sonnenuntergang am Meeresstrand mit dem Blick ein. Der Klub bereitete sich vor, alle Requisiten für den Winter zu verstauen.

41.

Vor dem Klubpförtchen stand der dunkelhäutige, gut angezogene Bürger und stocherte mit seinem Stock in die Erde. Er hob den Kopf und blickte so durchdringend auf den näherkommenden Taraschkin und Iwan, daß Taraschkin unwillkürlich zögerte und Iwan sich an diesen schmiegte. Der Mann sagte:

»Ich warte schon seit morgens auf Sie. Ist dieser Knabe Iwan Gussjew?«

»Was geht das Sie an?« fuhr ihn Taraschkin an.

»Entschuldigen Sie, Genosse – ich vergaß: mein Name ist Artur Lewy.«

Er zog ein in Karton gebundenes Büchlein aus der Tasche, das er vor Taraschkins Nase entfaltete:

»Ich bin politischer Geheimagent der Sowjetgesandtschaft in Paris. Genügt Ihnen das, Genosse?«

Taraschkin murmelte etwas unverständliches. Artur Lewy zog die Photographie aus der Tasche, die Garin Schelgas Brieftasche entnommen hatte:

»Sie können bestätigen, daß dies die Photographie dieses Knaben hier ist?«

Taraschkin war gezwungen, beizustimmen. Iwan versuchte davon zu laufen, aber Artur Lewy faßte ihn brüsk an der Schulter:

»Diese Photographie hat mir Schelga übergeben. Ich habe geheimen Befehl, den Knaben nach Blagowjeschtschensk zu bringen. Im Falle der Widersetzlichkeit wäre ich gezwungen, ihn zu arretieren. Wollen Sie sich diesem Befehl fügen?«

»Ihr Mandat?« fragte Taraschkin.

Artur Lewy zeigte sein Mandat, ein Formular der Pariser Sowjetgesandtschaft mit sämtlichen ordnungsmäßigen Unterschriften und Siegeln. Lange seufzte Taraschkin, dann faltete er es wieder zusammen:

»Weiß der Teufel – scheint alles zu stimmen. Könnte nicht vielleicht – ich an seiner statt fahren? Der Junge muß noch lernen …«

Bös lächelnd zeigte Artur Lewy seine Zähne:

»Fürchten Sie nichts. Man wird den Jungen gut behandeln. Im übrigen rate ich Ihnen, über die Sache nicht unnütz zu schwatzen, denn es ist eine geheime Angelegenheit und betrifft das Wohl des Staates. Gehen wir, Junge …«

42.

Taraschkin trug dem Jungen auf, von der Reise Nachricht zu senden. Seine Unruhe legte sich erst, als er aus Tscheljabinsk die erste Karte bekam:

 

»Teurer Genosse Taraschkin – hoch die Arbeit! Wir fahren gut – erster Klasse. Verpflegung ist gut – ebenso die Behandlung. In Moskau hat mir Artur Arturowitsch eine neue Mütze mit Schirm, einen wattierten Mantel und Schuhe gekauft. Nur frißt mich die Langeweile – Artur Arturowitsch schweigt den ganzen, langen Weg und raucht ununterbrochen. Unter anderem traf ich auf dem Bahnhof Samara einen alten Freund, auch einen Obdachlosen. Entschuldigen Sie, aber ich gab ihm Ihre Adresse, wahrscheinlich wird er zu Ihnen kommen – Sie können ihn erwarten. Mit genossenschaftlichem Gruß

Iwan Gussjew.«

 

Die zweite Nachricht war aus Irkutsk, ähnlichen Inhalts. Fast gleichzeitig kam ein Telegramm von Artur Lewy aus Blagowjetschtschensk: »Knabe gesund, alles in Ordnung.«

43.

Die Société Anonyme Metallurgique (S. A. M.) führte Verhandlungen bezüglich Ausbeutungskonzessionen im Flußbett der Olekma, wo Molybdän, dieses seltene, wertvolle Element, im Ueberfluß vorkam.

Alexander Iwanowitsch Wolschin, noch in Paris bei den Direktoren der S. A. M. mit den besten Empfehlungen eingeführt, wurde zum Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt und war mit Vollmachten und Dokumenten, lautend auf den Namen Artur Lewy nach Rußland gefahren, welchen falschen Namen man für zweckdienlicher gefunden hatte, da er ein Emigrant war.

Ueber ihn wurde die gesamte Korrespondenz geleitet. Die Société A. M. ging in Konzessionsverhandlungen auf breitester Basis mit den Sowjets ein – so lauteten die Direktiven Rollings, der hinter der S. A. M. stand. Aber weder Rolling noch die Direktoren kannten den geheimen Zweck dieser von Garin ausgedachten Konzessionen.

Im September begab sich Wolschin, nachdem er das Recht der Rekognoszierung bekommen hatte, mit Meßinstrumenten, Saumpferden, Technikern und Arbeitern, die größtenteils aus sibirischen Goldsuchern bestanden, auf den Weg nach dem Oleknatal. Die Partie wurde von Iwan Gussjew geführt.

Den größten Teil des Weges legten sie auf Barken zurück, Tag und Nacht ausnützend. Schwer waren die Uebergänge bei Untiefen, wo man eine Barke und zwei Menschen verlor. Dies geschah an einer Stelle, wo der Fluß, von beiden Seiten durch steile Felsen eingeengt, unter rasendem Rauschen über hervorstehende Granitblöcke strömte. Die Leichen der beiden Arbeiter wurden zehn Werst weiter an Land geschwemmt, zerfetzt und zerdrückt. An einem anderen Platz wieder mußte man die Barken verlassen, mit Seilen stromaufwärts ziehen. Die Leute begannen zu murren. Wolschin war unerbittlich. Mit keinem einzigen Wort bemitleidete er sie, wohl aber bezahlte er die geringste Kleinigkeit sehr gut.

Einmal schrie Iwan Gussjew plötzlich auf, indem er auf den roten Abhang zeigte, wo der Fluß eine starke Krümmung machte:

»Artur Arturowitsch – dort ist er!«

Auf einem steilen Fels, hoch über dem Wasser, war die von Wetterunbilden stark verwaschene Gestalt eines Kriegers aus dem Gestein gehauen.

Auf der Photographie Schelgas, die er von dem Rücken Iwans aufgenommen hatte, beginnt mit dieser Zeichnung die Ueberschrift, in Tintenbleistift.

Diese Gestalt war mit einem scharfen Meißel ausgehauen – ein schnurrbärtiger Krieger in Panzer und – scheinbar – mit einem Helm aus Bronze, mit Pfeil und Bogen in den Händen. Ein unbekanntes Volk hatte auf den felsigen Ufern der sibirischen Flüsse Erinnerungen zurückgelassen – vom Ural bis zum Pazifischen Ozean, von den Grenzen Chinas bis weit in die Tundra. Was für einen Sinn aber hatten diese Zeichnungen, was sollten sie vorstellen? Untergegangene Helden, die Macht der Zaren oder zauberhafte, örtliche Beschwörungszeichen? Oder waren sie Zeichen des Vorhandenseins von Goldsand, Totenquellen (Arsenik) oder Lebenswasser (radioaktive Gewässer), oder gar des Ortes, wo der im Erdinnern versteckte Stein Alatirj, der Stein, der alles Lebende heilen oder vernichten kann, zu finden ist!?

Die Flöße legten am Ufer an. Pferde, Instrumente und Proviant wurden ausgeladen. Nach der Ueberschrift folgte, ebenfalls mit Tintenbleistift gezeichnet, eine Zeichnung.

Sie bedeutete: dem Ufer entlang der Olekna von dem Krieger aus 2356 Faden bis zum See gehen, in der Richtung Ost-Nordost. Vom süd-südöstlichen Ende des Sees 3800 Faden bis zu zwei Tannen, von diesen in derselben Richtung bis zu dem Stein mit der Abbildung des Schajtan (mongol. Bezeichnung für ›Satan‹, Anm. d. Uebers.).

Alle diese Plätze kannte Iwan sehr gut. Er sagte, wenn man sofort beim ersten Morgengrauen sich in Bewegung setzte, könnte man das Ziel bis zum Einbruch der Nacht noch erreichen. So wurde auch entschieden. Den ganzen Tag über wurde frisch gepackt. Man gab den Leuten Zeit zur Ruhe, und in der Morgendämmerung brach man vom Ufer der Olekna ins Innere der Taiga (sibir. Urwald. Anm. d. Uebers.) auf. Nahe dem See stieß man auf sumpfigen Boden. Man mußte Tannen quer über den Weg schlagen. Man legte pro Stunde kaum hundert Faden zurück. Die Pferde sanken ein, man mußte sie an den Köpfen und Schwänzen aus den Sümpfen ziehen. Ein Techniker schritt, ohne auf Warnungsrufe zu hören, quer über eine giftgrüne Lichtung. Man rief ihm zu: kehre um, Gefahr! – Man sah nur noch, wie er ein paar Schritte zurück machte, die grüne Lichtung aber bewegte sich unter seinen Füßen, er sank sofort bis über den Gürtel ein, schrie: »Ich ersticke!« – Dann ging er in dem bodenlosen Fenster unter, das grüne Gras schloß sich über seinem Kopfe.

Das war der beschwerlichste Teil ihres Weges. Er endete bei den beiden zweitausend Jahre alten Tannen. Sie standen auf einem kieselsteinigen Hügel und schienen mit ihren Wipfeln fast bis in die Wolken zu ragen. Hier wurde gerastet, die Verluste wurden kontrolliert. Wolschin, der während des ganzen Marsches die Hand nicht von dem Schloß seiner Revolvertasche genommen hatte, forderte: »Vorwärts – das Abendessen werden wir am Ziel einnehmen. Die übermüdeten Menschen und Tiere schleppten sich mühsam durch den fast undurchdringlichen Wald, der bald hier bald dort riesige Felsblöcke barg, die ihnen den Weg verrammelten. Die Bäume waren von gigantischer Höhe. Die Pferde verschwanden bis über die Köpfe in dem hohen Farn.

Es kam die Dämmerung. Regen fiel. Wolschin befahl, Pechfackeln anzuzünden, um den Weg zu beleuchten. Mit den Füßen stieß man in der Finsternis an Knochen – die sich als menschliche Gebeine erwiesen. Die von den Fackeln düsterrot beleuchteten Baumstämme, die aus der Finsternis tauchten, moosbedeckte riesige Felsen und das düstere Rauschen der Wipfel flößten den müden Leuten Entsetzen ein.

Endlich ertönte abseits, ganz in anderer Richtung, als man marschierte, die klangvolle Stimme Iwans:

»Hierher, hierher Genossen! Hier ist der erste Schajtanstein!«

Als sie an den Waldrand kamen, wo der Wind heulte, schrie Iwan:

»He–o–he! …«

44.

An diesem Tage blies ein kräftiger Nordwind, und graue Wolken krochen niedrig über den Wald dahin. Traurig rauschten die hundert Faden hohen Föhren, bogen sich die dunklen Wipfel der Zedern, Unmengen von feinen Nadeln der Lärchen fielen zu Boden. Aus den Wolken fiel wie Grütze eisiger Regen. Oede war die Taiga. Auf tausende von Werst rauschten im Umkreis die Nadelhölzer über den Sümpfen, über steinigen, vulkanischen Hügeln. Mit jedem Tage pfiff der Norden kälter aus dem schier undurchdringlichen, grauen Himmel.

Es schien, als könnte man in dieser Einöde nichts anderes hören als das tödliche Blasen des Windes und das wuchtige Rauschen der Wipfel. Die Vögel sind davongeflogen, die anderen Tiere waren fortgezogen oder hatten sich verkrochen. Nur um den Tod zu suchen, könnte ein Mensch in diese Gegend kommen.

Und doch erschien ein Mensch. Er trug einen gelbroten, zerrissenen Pelz, der weit unten mit Lindenbast zusammengebunden war, Filzschuhe, die vom Regen aufgedunsen waren. Graue, feuchte Haarsträhnen fielen ihm bis auf die Schultern herunter. Mühsam schleppte er sich vorwärts, indem er sich auf sein Gewehr stützte. Statt des Bartes war sein Gesicht mit entzündeten, roten Geschwüren bedeckt. Die Augenlider waren herausgedreht, die Nase zerfressen. Er bog um den Berghang, wobei er wiederholt hinter riesigen, hervorstehenden Wurzeln verschwand. Dann blieb er stehen, ganz zusammengekauert, und begann zu pfeifen:

»Fjutj, Maschka, Maschka, Maschka! … Fjutj!«

Als er um den Abhang herumgekrochen war, ging er den Fußsteig abwärts. Der führte zu einer Lichtung, wo viele Baumstrünke hervorstanden. Eine Mauer riesiger Föhren sperrte sie gegen drei Seiten hin ab. Die Wipfel schaukelten. Ketten von Wolken zogen vorüber. Heftiger, kalter Regen fiel herab. Vor der Säulenhalle dieses riesigen Waldes erschien der Mensch nicht größer als eine Ameise. Bei dem Waldrand, wo ein Bach floß, war niedriges Gebälk sichtbar, mit Erde gedeckt, weiter rechts: Pfähle und Stangen, mit Lindenbast verbunden – wahrscheinlich ein Viehstall mit Zaun. Der einsame Mensch überblickte all das, pfiff wieder und rief. Aus dem Steppengras erhob sich der Kopf eines Waldbocks mit einem Stück abgerissenen Bindfaden um den aufgetriebenen Hals. Der Mensch erhob sein Gewehr, aber wieder verschwand der Kopf des Bocks im Grase. Der Mensch heulte auf und ließ sich auf einen Stein nieder. Das Gewehr zitterte zwischen seinen Knien und er ließ den Kopf hängen. Erst lange nachher begann er wieder zu rufen:

»Maschka, Maschka …!«

Seine trüben Augen mit den herausgedrehten Augenlidern blickten nach der Stelle, wo auf der offenen Stelle der Lichtung wie ein riesiger Zahn ein Stein von sonderbarer Form hervorstand. Zu Füßen des Steines zog sich ein mit Brettern verschlagener Schuppen hin. Die Wände waren schon schief geworden, das irdene Dach an einigen Stellen eingestürzt, das hohe eiserne Rohr wackelte im Wind. Wasserrinnen, Hügel, Tonhaufen und Schutt, Reste von Schürfarbeiten und Befestigungen ergänzten dieses Bild der Verwüstung.

In diesem Schuppen lag ein gewaltiger Reichtum an Radiumerz. Nach bescheidenen Schätzungen konnte man aus diesem Erz ungefähr achtzig Kilogramm Radium gewinnen, d. h. eine Quantität, die achtzigmal größer ist, als alles auf der ganzen Erde verbreitete Radium, also ein Schatz von ungefähr einer Viertelmilliarde Goldrubel.

Ein Häuflein Erzwilderer hatte diese Radiummenge zusammengetragen. Unterhalb des Schajtansteines befanden sich ungeheuer weit ausgedehnte Lager von Erz, die dieses äußerst seltene Metall enthielten, das man in den großen Laboratorien der Welt nur in winzigen Körnchen besitzt. Bei ernster Ausbeute könnte man es von hier tonnenweise fortführen, was in Medizin, Physik und Technik einen neuen Wendepunkt bedeuten würde. Vielleicht käme man dadurch sogar der großen Epoche näher, wo das Geheimnis des Atomzerfalls gelöst werden könnte.

Der Alte mit den kranken Augenlidern sah zu, wie Wind und Regen das Dach des Schuppens immer mehr zerstörten. Noch eine kleine Weile – und das Dach wird einstürzen, die Wände verwesen und zusammenfallen – niemand wird erfahren, was unter diesen Ton- und Steinschutthaufen ruht. Sechs Jahre lang, in glühender Sommerhitze und grausamer Kälte des sibirischen Winters hat er der Erde diesen Schatz abgerungen. Mit seinen eigenen Armen hatte er die Lichtung in den Urwald geschlagen, das Gebälk aufgestellt, das Laboratorium zur Erzbereicherung errichtet. Vom Radium verbrannt und angefressen, waren sieben Menschen bei lebendigem Leibe verfault. Der achte, ein Junge, wurde tausende Werst weit fortgeschickt, nach Europäisch-Rußland, um Garin ausfindig zu machen – und war verschwunden. Nun waren schon zwei Jahre vergangen.

Der Alte, ein märchenhaft reicher Mensch, war nicht einmal mehr imstande, das Dach über dem Schuppen zu reparieren – er hatte weder die Kraft noch den Willen mehr hierzu. Es blieb ihm nichts mehr als zuzusehen, wie seine letzten Hoffnungen schwanden. Und das konnte nicht mehr lange dauern. Seine letzte Hoffnung war der zahme Waldbock – ihn hatte der Alte für den Winter als Speise vorbereitet – er hatte sich ausgerechnet: etwas getrocknetes Bockfleisch mit gestoßenen Zedernüssen täglich – das hätte bis zum Frühling gereicht. Der Alte hatte gehofft, auch seine Radiumwunden zu kurieren. Eigentlich war er nicht einmal so alt – ein wenig über Vierzig, aber die furchtbaren Alpha- und Gammastrahlen hatten ihn zugrunde gerichtet. Und der letzte Schlag, der über ihn gekommen war, war die Geschichte mit dem Bock, als das verfluchte Tier den Spagat durchgerieben hatte und aus der Umzäunung davongelaufen war.

Da hatte der Alte das Gewehr von der Wand gerissen, das mit der letzten Ladung Pulver geladen war, die er sich für einen besonders dringenden Fall aufbewahrt hatte. Aber der schlaue Bock hatte bemerkt, daß er ihm nicht zu nahe kommen durfte. Der Alte ging ihm nach, rief und pfiff ihm – er wußte, daß dies seinen Tod bedeuten würde.

Die Ketten von Wolken wurden dunkler, der hartnäckige Sturm heulte und bog die mächtigen Föhren. Der Abend kam. Sein Herz krampfte sich zusammen – so schwer auch alle Prüfungen gewesen waren, die er überlebt hatte, am größten war seine Trauer, wenn er an die lieben menschlichen Gesichter dachte, die während der langen Dämmerstunden vor dem wärmenden Feuer des Ofens sitzen. Für ihn gab es kein Feuer, keine Freunde – Einöde ringsumher.

Der Alte wandte sich um und blickte gegen die lärmende Waldwand. Von dort her rückte die Finsternis immer näher an ihn heran. Schneesturm peitschte in seine kranken Augenlider.

»Maschka, Maschka!« rief er.

Hätte der Bock die menschliche Sprache verstanden, vielleicht wären die beiden miteinander einig geworden: der Alte hätte ihn nicht aufgegessen und irgendwie hätten sie schon den Winter gemeinsam verbracht, verkürzt – zu zweit wäre es nicht so beängstigend gewesen.

Bis zum Frühling würde er auch unbedingt wiederhergestellt sein – nur dem Schuppen mit dem Radium durfte man nicht zu nahe kommen, von wo Myriaden von Teilchen des im Zerfall befindlichen Metalls mit einer Geschwindigkeit von zehntausend Werst in der Sekunde in den Weltraum hinausfliehen. Während des Sommers würde er Nüsse sammeln und dann, auf allen vieren kriechend (wenn es nötig wäre) würde er sich schon bis zu den Menschen den Weg bahnen. Es ist ja schön, als Hausbesorger angestellt zu sein – irgendwo, an einem ruhigen Platz, in der Dämmerung vor dem Tor sitzen, zusehen, wie die Leute vorbeikommen. Ach, Schätze, Milliarden, unsinnige Träumereien – seid verflucht!

Mühsam erhob sich der Alte. Das Gewand klebte an den eitrigen Wunden. Er schleppte sich über den Fußsteig zu seinem Winterquartier. Plötzlich blieb er stehen. Es schien ihm, als hätten sich unter den Lärm des Sturmes menschliche Stimmen gemischt. Lange blieb er stehen, bemühte sich, leiser zu atmen, um das Pfeifen in seiner Brust nicht so stark zu hören.

»He–o–He!« schrie eine Stimme vom Schajtanstein.

Der Alte ächzte. Seine Augen füllten sich allmählich mit Tränen, in den weit geöffneten Mund trieb der Sturm Schneeflocken. Aber weder Wald noch Stein waren in der Dunkelheit sichtbar. In der rasch eingetretenen Dämmerung sah er nur die zunächst stehenden Baumstrünke, vom Schnee weiß geworden.

»He! Man–zew!« rief eine vom Wind abgerissene Kinderstimme. Und nun begann man von links und rechts zu rufen:

»He–o–he! … Manzew! Manzew! … Wo sind Sie? … Leben Sie noch?«

Der Alte schüttelte mit dem Kopf. Er breitete seine Arme aus und wiederholte klanglos:

»Ja, ich lebe … Ich bin – Manzew …«

Im Steppengras kam der Bock näher, hob sein zierliches Köpfchen und lauschte besorgt mit gespitzten Ohren den sonderbaren Stimmen, die ihn in der Einöde beunruhigt hatten.

45.

Die durchräucherten Balken des Winterquartieres hatten noch nie so viel Pracht gesehen. In dem steinernen Herd loderte ein Feuer, dessen Flammen bis zum Dach reichten, Kessel prasselten, es kamen und gingen laut sprechende Leute, die Gepäckballen brachten und auspackten. Die Pferde wieherten draußen, da man sie noch nicht getränkt hatte.

Den Ballen wurden neue Decken entnommen. Instrumente und Waffen glänzten. Es roch wunderbar nach Mehl und Schweinespeck. In einen Kessel wurde Tee geworfen und das Winterquartier erfüllte sich alsbald mit wunderbarem Aroma. Erschüttert von all dem, saß Manzew schweigend auf seiner Pritsche. Ein stämmiger, bärtiger Mensch gab ihm einen Krug mit Tee und ein Stück Zucker:

»Erwärme dich, Alterchen!«

Und als er dieses längst vergessene Getränk schlürfte, die scharfe Süße des Zuckers schmeckte, da bebte sein Körper, und über seine kranken Lider flossen Tränen. Vor ihm blieb Iwan Gussjew stehen – der Junge war derart gewachsen, daß man ihn kaum erkennen konnte. Er zog seine Nase in Falten – der Anblick des Alten machte ihn traurig:

»Nikolai Christoforitsch, haben Sie mich erkannt?« (Manzew nickte schweigend mit dem Kopf.) »Ich habe Sie nicht erkannt – Sie sind furchtbar grau geworden. Und die Anderen!? Und erinnern Sie sich noch, wie Sie mir gedroht haben, wenn ich Pjotr Petrowitsch nicht finden würde, mich nicht am Leben zu lassen? Und doch habe ich ihn nicht gefunden. Nicht deshalb habe ich ihn nicht gesucht, weil ich Sie betrügen wollte, sondern darum, weil ich jetzt ein klassenbewußter Mensch geworden bin. Und Sie wollten mich in der Finsternis lassen. Aber ich bin nicht böse auf Sie, Nikolai Christoforowitsch!«

Iwan brachte ihm noch Tee, kauerte sich vor ihm auf den Boden und erzählte, wie es gekommen war, daß Taraschkin ihm Zuflucht gewährte, wie man die Schrift auf seinem Rücken entdeckte. Er hätte sie nicht zeigen wollen, aber man habe ihm erklärt, jeder Bürger sei in erster Linie dem Staat verpflichtet und erst in zweiter Linie demjenigen, dem er sein Wort gegeben habe. »Also, Nikolai Christoforowitsch, ich bin nicht ehrlos!«

»Höre mal,« fragte ihn Manzew, indem er sich über ihn beugte, »wer sind die Leute, die du da zu mir gebracht hast?«

»Es handelt sich hier um eine Konzession, Nikolai Christoforowitsch, seien Sie unbesorgt, der Staat hat hiervon einen großen Nutzen. Der hier ist der Chef: Artur Arturowitsch. Und ich habe ein Mandat ihm nach besten Kräften behilflich zu sein. Ich bin hier gewissermaßen als Vertreter der Sowjetregierung.«

Während dieser Erzählung trockneten die Tränen in Manzews Augen. Diese noch jungen Augen in dem entstellten Gesicht begannen zornig zu glühen. Aber er sprach nichts. Iwan brachte ihm eine Zigarette:

»So, damit Sie sehen, daß ich außer Klassenfeindschaft nichts gegen Sie habe, Nikolai Christoforowitsch!«

Er gähnte würdevoll und kroch auf die Pritsche, um zu schlafen. Von den Arbeitern rauchten noch einige, andere schliefen schon, auf die Gepäckballen hingestreckt. Manzew bemerkte, daß ihn Artur Arturowitsch aufmerksam beobachtete. In seinen Lungen pfiff es.

»Mit welchem Recht sind Sie gekommen, um auf meinem, von mir beschlagnahmten Grund und Boden zu arbeiten?« sagte er mit Mühe.

Artur Lewy antwortete ruhig:

»Dieser Grund ist nicht von Ihnen beschlagnahmt!«

Eine Minute lang schwindelte es Manzew vor den Augen. Er kroch von der Pritsche und näherte sich diesem Gecken in prächtigen gelben Schuhen, Mantel aus festem Stoff und Mardermütze.

»Nein, Herr Lewy, dieser Grund ist von mir beschlagnahmt!«

Böse lächelnd zeigte Lewy seine festen Zähne, wandte sich um und als er sah, daß schon alle schliefen, sagte er leise:

»Dieser Grund ist im Jahre 1921 im Namen des Ingenieurs Garin beschlagnahmt. Ich bin sein bevollmächtigter Vertreter. Wenn Sie zu ihrem Anteil kommen wollen, wenn Sie überhaupt am Leben bleiben wollen – dann werden Sie schweigen!«

Manzew packte Wolschin bei der Schulter. Sein von Geschwüren zerfressenes Gesicht bebte vor Freude, der zahnlose Mund schluchzte und versuchte, ihn zu küssen. Wolschin wich ihm mit einem heftigen Ruck zur Seite aus:

»Gehen wir, wir wollen miteinander sprechen!«

Sie traten aus dem Winterquartier ins Freie. Die Nacht tobte. Sie stellten sich an die windgeschützte Wand der Hütte. Wolschin fragte:

»Wieviel Radium haben Sie gefördert?«

»Nicht weniger als achtzig Kilogramm.«

»Wieviel? Sind Sie nicht verrückt geworden?«

»Ja – das glaube ich, das kann man sich schwer vorstellen, Artur Arturowitsch. In meinem Innern ist alles verbrannt von diesen verfluchten Strahlen – Leber, Gedärme, Lunge … sieben Menschen sind dabei zugrunde gegangen – die, die im Laboratorium gearbeitet haben. Ich habe ihnen die Gefahr, in der sie schwebten, verheimlicht. Sie dachten, sie hätten Skorbut bekommen.

Das Fleisch fiel ihnen einfach vom Körper – so starben sie! Sie wollten mich umbringen – aber ich war der gesündeste unter ihnen … Schon lange nähere ich mich nicht einmal mehr den Schuppen. Weiß der Teufel, was dort schon alles inzwischen vorgefallen ist. Inmitten dieser Radiummenge haben sich vielleicht schon neue Elemente gebildet – Produkte des Emanationszerfalls. In einer Nacht wäre ich beinahe verrückt geworden. Plötzlich begann damals der ganze Schuppen in Phosphorlicht zu leuchten. Dann bildete sich über dem Dach eine runde, leuchtende Wolke, löste sich los und schwamm über der Erde. Der Wind trieb sie in den Wald, dort zerriß sie unter donnerähnlichen Geräuschen. Ja, noch etwas. Ihr habt den Knaben Iwan mitgebracht. Lassen Sie ihn nicht in die Nähe des Schuppens – auch Ihnen rate ich, nur im äußersten Bedarfsfalle hinzugehen – wer dort arbeitet, wird zugrunde gehen …«

»Die Leitung der weiteren Arbeiten übertrage ich Ihnen,« sagte Wolschin, »ich werde nach Blagowjeschtschensk zurückkehren müssen, um den Transport zu organisieren.«

»Wann wollen Sie mit dem Abtransport des Erzes beginnen?«

»Unverzüglich!«

»Aber in einer Woche werden die Wege bereits ungangbar sein! Und während des Winters kann man sich weder durch die Taiga noch über die Gebirge den Weg erkämpfen!«

»Das ist gleichgiltig. Garin hat die Absicht, das Erz mittelst Flugzeugen abzutransportieren.«

»Wie?«

»Ach, Väterchen, Sie wissen scheinbar nicht, was aus Pjotr Petrowitsch Garin geworden ist?! Er spielt mit Milliarden. Eigene Flotte. Eigene Flugzeuge. Neulich erst hat er der ganzen Erde per Radio erklärt, daß er sich als souveräner Herrscher irgend einer, weiß der Teufel was für einer, Insel im Pazifischen Ozean ausruft. Er hat dort so etwas ähnliches wie ultra-rote Strahlen … Alle Zeitungen schreiben darüber … Zittern Sie nicht, was ich sage, ist die volle Wahrheit …«

»Garin, Garin,« wiederholte Manzew mehrere Male mit einem herzzerreißenden Ton des Vorwurfs, »mein nächster Freund … gemeinsam haben wir gehungert … ich habe ihn vom Flecktyphus gesund gepflegt … Wahnsinnige Pläne haben wir beide ersonnen … Hören Sie – ich war es, der ihn auf die Idee des Hyperboloids gebracht hat … auch von jener Insel im Pazifischen Ozean habe ich ihm erzählt … alles, alles hat er ausgeführt, was ich ihm gesagt habe … er ist ein Parasit, verstehen Sie? … ein gewandter Schönredner … er hat mich hier in der verfluchten Taiga verfaulen lassen … Was kann ich noch vom Leben nehmen? Einen Arzt und ein Bett! … Mit Flugzeugen will er mein Radium fortführen? Er soll erst einen Fußfall vor mir machen! … Er hat mein Gehirn geraubt … Mein Glück gestohlen!«

Manzew zitterte am ganzen Körper. Zwischen seinen aufeinandergepreßten Lippen platzten Speichelblasen.

»Das müssen Sie wohl, wenn Sie ihn wiedersehen werden, selbst mit ihm besprechen,« sagte Wolschin, »und hier ist der Plan der vorzunehmenden Arbeiten. Man muß die ganze Lichtung ringsum von den Baumstrünken befreien, ein Aerodrom anlegen, Landungsplätze für Flugzeuge, Hangars, Baracken … Lassen Sie die Leute vorläufig nicht dem Radium nahe kommen, damit sie nicht vorzeitig erkranken, dann wenn es die Zeit erlaubt, kehre ich mit dem entsprechenden Material zurück, um hier eine Radiostation zu errichten … Ich denke, in anderthalb bis zwei Monaten dürften die Flugzeuge angefahren kommen …«

»Ich bin der erste, der mit ihnen davonfliegen wird. Verstehen sie, ich, ich, ich! …« schrie Manzew mit Weiberstimme, »das können Sie ihm sagen … soll er irgendwelche Ingenieure, meinetwegen den Teufel oder einen Dämon herschicken, die die Arbeiten leiten sollen. Aber ich fliege fort …, ich brauche ein reines Bett, teueren Tabak, Wein …, ich will jeden Tag ein Bad nehmen …, all das will ich …, ich habe zu viel gelitten! …«

46.

Garin benachrichtigte die Zeitungen der alten und der neuen Welt, daß er, Pierre Garry, im Stillen Ozean unter 130 Grad westl. Länge und 24 Grad südl. Breite eine Insel samt vorgelagerten Sandbänken und Inselchen im Flächenausmaß von 75 Quadratkilometern besetzt hat, sie für sein Eigentum erkläre und bereit sei, seine Souveränitätsrechte bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war zunächst ein spassiger. Diese Insel im südlichen Teil des Stillen Ozeans war durch nichts außer ihrer malerischen Natur irgendwie beachtenswert. Es entstand sogar eine kleine Verwirrung wegen der Frage, wem sie eigentlich gehöre – Amerika, Holland oder Spanien? Aber man wollte mit den Amerikanern nicht lange herumstreiten – brummte und verzichtete zu ihren Gunsten.

Diese Insel war nicht einmal die Kohle wert, die man verheizen mußte, um hin zu gelangen. Aber das Prestige geht vor allem – und so lief aus San Franzisko ein Stationsschiff aus, mit dem Befehl, Pierre Garry zu verhaften und auf der Insel ein für alle Male einen eisernen Mast mit einer imprägnierten Fahne des USA.-Sternenbanners zu errichten.

Das Stationsschiff ging in See. Wegen dieses ganzen Zwischenfalls aber kam Garin ›in Mode‹. Es erschien ein Foxtrott: ›Der arme Garry‹, in dessen Text gesagt wurde, der arme, kleine Pierre Garry habe eine Kreolin derart liebgewonnen, daß er sie unbedingt zu einer Königin machen wollte. Er brachte sie auf eine kleine Insel, wo sie nun miteinander Foxtrott tanzen – der König mit der Königin. Und die Königin bittet ihn: »Armer Garry, ich will frühstücken, ich bin hungrig.« Garry antwortet nur mit einem Seufzer, tanzt weiter mit ihr … – oh weh, er hat nichts als Muscheln und Blumen. Da aber kam das Kriegsschiff. Der schöne Kapitän bietet der Königin seinen Arm und führt sie zu einem prächtigen Frühstück an Bord. Sie lacht und ißt. Und der arme Garry konnte hierzu bloß seufzen … und so weiter …

Mit einem Wort: das waren durchaus nur Scherze. Nach zehn Tagen kam eine Radiomeldung vom Kapitän des Stationsschiffes:

»Angesichts der Insel Anker geworfen. Landung unmöglich, da die Insel laut Orientierung befestigt ist. Habe Pierre Garry, der sich ›Herrscher der Insel‹ nennt, ein Ultimatum gesandt. Die Frist läuft morgen, sieben Uhr früh, ab. Hierauf eröffne ich das Bombardement.«

Das war schon mehr als spassig. Der arme Garry scheint vor Liebe verrückt geworden zu sein. Aber weder am kommenden Morgen, noch später kamen Nachrichten von Bord des Stationsschiffes. Auf Anfragen vom Festland kamen keine Antworten. Oho! Irgendjemand im Kriegsministerium runzelte bereits die Augenbrauen.

Dann erschien in den Zeitungen ein verteufelt sensationelles Interview mit Mac Linney. Er behauptete, Pierre Garry sei niemand anderes als der bekannte russische Abenteurer Ingenieur Garin, mit dem eine Reihe von Verbrechen im Zusammenhang genannt waren, so der geheimnisvolle Mord in Ville Davray in der Nähe von Paris. Die Geschichte der Aneignung der Insel erstaune Mac Linney um so mehr, da sich an Bord der Yacht, die Garin und dessen Geliebte dorthin gebracht hatte, niemand anderes als Rolling befinde, der Chef und Trustvorsitzende der »Rollinganiline«. Auf seine Kosten waren riesige Käufe in Amerika und Europa getätigt und Schiffe zur Ueberführung dieser Materialien auf die Insel beladen worden. Solange alles den Gesetzen entsprechend vor sich gegangen sei, habe Mac Linney geschwiegen. Aber nun versichere er, daß der wesentlichste Charakterzug des ›chemischen Königs‹, dessen hohe Loyalität vor dem Gesetz sei. Deshalb sei es außer Zweifel, daß die freche Aneignung der Insel gegen den Willen Rollings vor sich gegangen sei und nur den Verdacht bestätige, daß Rolling auf der Insel gefangen gehalten werde, und daß man den Millionär nur dazu ausnütze, um einen unerhörten Riesenschwindel in Szene zu setzen.

Hier war der Spaß bereits zu Ende. Das Gesetz war mit Füßen getreten worden. Polizeiagenten wurden ins ganze Land ausgesandt, um Auskünfte über die Einkäufe einzuholen, die Garin während des Monats August gemacht hatte. Es wurden gigantische Ausgabenziffern festgestellt. Unterdessen hatte das Kriegsministerium vergebens versucht, von dem Stationsschiff irgendwelche Spuren zu finden. Dazu kam noch, daß die Beschreibung der Explosion der Anilinwerke von dem Zeugen der Katastrophe, dem russischen Gelehrten Chlinow, veröffentlicht wurde.

Der Skandal wuchs. Vor der Nase der Regierung hatte irgendein Abenteurer riesige Mengen von Kriegsmaterial aufgekauft, eine Insel annektiert, den angesehensten Bürger Amerikas seiner Freiheit beraubt, ein Stationsschiff versenkt und außerdem war dieses Scheusal, dieser Nichtsnutz – ein Massenmörder.

Der Telegraph brachte eine verblüffende Nachricht: vier halbstarre Luftschiffe modernsten Typs hatten die Hawai-Inseln überflogen, waren in Port Gilo gelandet um Benzin und Wasser zu nehmen, hatten die Kurillsky-Inseln passiert, um auf Sachalin in Port Alexandrowsk neuerlich Heizmaterial zu nehmen und von hier in der Richtung gegen die sibirische Taiga zu entschwinden. Auf allen vier Schiffen waren deutlich die Buchstaben P und G zu unterscheiden …

Da waren sich alle klar: Garin ist ein Moskauer Agent. Da haben sie es: ›der arme Garry!‹ Das Parlament beschloß die energischsten Maßnahmen. Eine Flotte, bestehend aus acht Linienkreuzern mit den modernsten Typen des Jahres 1926 bewaffnet, ging in der Richtung gegen die Insel des ›Taugenichts‹ – wie ihn jetzt die Presse nannte – in See.

Am selben Tage nahmen die Radiostationen der ganzen Erde ein kurzwelliges Telegramm auf, das gleichermaßen frech und schlecht stilisiert war:

 

»Hallo! Hier spricht die Station der Goldenen Insel, die man infolge mangelhafter Informationen die ›Insel des Taugenichts‹ nennt. Hallo! Pierre Garry gibt den Regierungen sämtlicher Staaten den dringendsten Rat, sich nicht in seine inneren Angelegenheiten zu mengen. Pierre Garry will keinen Krieg, aber er wird sich gegen jeden Angriff verteidigen und jedes Kriegsschiff, jede Flotte, die sich den Gewässern der Goldinsel nähert, wird dasselbe Los ereilen, wie das amerikanische Stationsschiff, das in weniger als fünfzehn Sekunden auf den Meeresgrund versenkt wurde. Pierre Garry rät aufrichtig der gesamten Bevölkerung der Erde, die Politik aus dem Spiel zu lassen und sorglos den auf ihn geschriebenen Foxtrott weiter zu tanzen.«

47.

Aus dem Fenster der Aluminiumgondel gebeugt, sah Zoe mit dem Fernglas ringsum. Das Luftschiff schien sich kaum zu bewegen, während es seine Kreise auf dem strahlenden Himmel beschrieb. Ein paar tausend Meter unten in der Tiefe erstreckte sich unermeßlich weit der durchsichtige, klare, blaugrüne Ozean. Im Mittelpunkt lag eine Insel von unregelmäßiger Form. Von oben aus gesehen, hatte sie die Umrisse Afrikas, nur in verkleinertem Maßstab. Im Süden, Osten und Nordosten der Insel sah man die vorgelagerten, von schäumenden Wassermassen umgebenen steinigen Inselchen und Sandbänke. Im Westen war der Ozean rein. Hier lagen in einer tiefeingeschnittenen Bucht, nicht weit vom Ufer, die Ozeandampfer. Zoe zählte nach – es waren 24. Sie sahen, von hier aus gesehen, wie Laufkäfer aus, die auf dem Wasser schlafen.

Die Insel war von Wegen durchschnitten; Fäden, die sich im nordwestlichen Teile der Insel trafen, wo die Glasdächer unerträglich blendend glänzten. Das war der Palast, dessen Bau seiner Vollendung entgegenging. In drei Terrassen fiel er gegen die Wellen der kleinen sandigen Bucht ab.

Im südlichen Teil der Insel sah man Bauten, die von hier oben aus betrachtet, den Anblick von Kinderspielzeug boten – Farmen, Befestigungen, siebartige Kräne, Geleise, rollende Miniaturwaggons. Zehnerlei Windmesser drehten sich, die Röhren der Elektrostationen keuchten, Wasserpumpen arbeiteten. Im Mittelpunkt der Bauanlagen war die dunkle runde Oeffnung des Schachts sichtbar. Von dort liefen bis ans Ufer Stahlbänder, auf denen wie rote Würmer die Pontons der Baggerkellen liefen. Ueber der Schachtöffnung lagerte unaufhörlich eine Dampfwolke.

Tag und Nacht – mit sechsmaligem Schichtwechsel – gingen Arbeiter in den Schacht. Garin war im Begriff, den Granitpanzer der Erdkruste zu durchbohren, um sich dem Olivingürtel zu nähern. Die Kühnheit dieses Menschen grenzte an Wahnsinn. Zoe betrachtete diese Wolke über dem runden Abgrund, und das Fernglas zitterte in ihrer Hand, die braungold war. Es war zu schrecklich jetzt nachzudenken – sie führte ihren Blick von dort weg.

Längs des flachen Ufers der Meeresbucht zogen sich in regelmäßigen Reihen angeordnet die Dächer der Lager und Wohnbauten. Menschenfiguren, wie Ameisen, bewegten sich längs der Wege. Automobile und Motorräder fuhren dort. Im Zentrum der Insel sah man den blauen See, gegen Süden floß von ihm ein geschlängelter Fluß ab. Zu beiden Seiten des Flusses lagen Gemüsegärten und Felder. Die ganzen östlichen Hänge der Insel waren wie mit einer smaragdgrünen Decke überzogen – hier weideten hinter den Zäunen die Herden. Im Nordwesten, vor dem Palast, waren zwischen Felsen wunderbare bunte Figuren von Blumenbeeten und dunkle, laubenartige Hütten – Baumplantagen sichtbar.

Noch vor einem halben Jahre war das alles nichts als eine einzige, trockene Wüste – Steine und stacheliges Gras, von Meeressalz grau und mageres Gestrüpp. Die Schiffe hatten auf die Insel tausende Tonnen chemischen Düngers geworfen, der Boden war mit stickstoffhaltiger Drainage bereichert und artesische Brunnen gegraben worden.

Und nun blickte Zoe von der Gondel hoch oben auf dieses im Ozean vergessene Stück Erde herab, das prächtig, glänzend vom schneeweißen Wellenanprall umgeben, unter ihr lag und ergötzte sich an diesem Anblick wie eine Frau, die in der Hand ein seltenes Kleinod hält.

48.

Es gab einstens sieben Weltwunder. Die Volkstradition hat uns nur drei davon überliefert: den Tempel der Diana von Ephesus, die Hängenden Gärten der Semiramis und den kupfernen Koloß von Rhodos. Ueber die anderen läßt sich streiten, die Erinnerung an sie ist in den Boden der Geschichte versenkt, vielleicht befinden sie sich jenseits der herkulischen Säulenpfähle von Gibraltar. Zweifellos haben sie die menschliche Phantasie sowohl durch die Größe der Idee wie auch durch die Genialität ihrer Verwirklichung erschüttert.

Als das achte Wunder aber mußte man – wie Mme. Lamolle täglich wiederholte – mußte man den Schacht auf der Goldinsel betrachten. Während des Abendessens in dem eben fertiggestellten Saal des weißen Palais mit den riesigen Fenstern, die den Blick auf den Ozean frei ließen, erhob Mme. Lamolle ihren Champagnerkelch:

»Auf das Wunder, auf das Genie, auf die Verwegenheit!«

Die gesamte anwesende, ausgewählte Gesellschaft erhob sich und stieß mit Mme. Lamolle und Garin an. Alle waren von Arbeitsfieber und phantastischem Unternehmungsgeist besessen. Niemand hätte auch nur Zeit gefunden, an Gefahr oder Mißlingen zu denken.

Selbst unzählige Radioempfänger, die die Insel mit der ganzen Welt verbanden, schienen wie zudringliche Fliegen zu sein. Zum Spucken! Mögen sie auf den Kontinenten noch so viel schwatzen, daß dies alles eine Uebertretung der Gesetze sei. Hier summten unterirdisch Tag und Nacht die Schachte, donnerten die Schöpfkellen der Elevatoren immer tiefer gegen die unerschöpflichen Lager von Gold und Platin ins Erdinnere vordringend. Sibirischer Goldsand, die Schluchten Kaliforniens, die Schneewüste von Klondyke – Unsinn, Hausindustrie! Gold suchen, um nachher kaum Mücken ernähren zu können, Körnchen Gold aus Schmutz auswaschen! Hier liegt das Gold unter den Füßen an jeder beliebigen Stelle, du brauchst dich nur erst durch den Granit und das siedende Olivin durchkämpfen.

Der alte Begriff, den man von der Erde hat, sie sei eine geschmolzene, flüssige Masse, die von einer Granitkruste umgeben sei, ist von den neuesten Forschungen vollkommen widerlegt worden. Geologie, Seismologie und Astronomie haben die Gegenbeweise erbracht. Die Erde ist eine Metallkugel mit einer Durchschnittsdichte von acht Unzen und einer interplanetarischen Temperatur von minus 273 Grad. Die Kugel ist mit erstarrten und gefrorenen Graniten und Dioriten mit 2.7 Dichte bedeckt. Stellenweise erreicht die Erdrinde eine Weite von sechzig Kilometern. Zwischen Erdrinde und geronnenem Erdzentrum liegt ein Gürtel der geschmolzenen Metalle, den Produkten des Atomzerfalls im Erdkern.

Der geschmolzene Gürtel liegt sehr tief. In ihm sind drei Schichten zu unterscheiden: die oberste, der Rinde zunächst gelegene – sie besteht aus Lava und Schlacken, die die Vulkane ausspeien, die mittlere, genannt Olivingürtel – enthält Eisen, Nickel, Olivin, also die Bestandteile zugrunde gegangener Planetensplitter, Meteore – und die Innerste – Gold, Platin, Circonium, Blei.

Diese drei Schichten ruhen polsterartig auf einem bis zum flüssigen Zustand kondensierten Gasgürtel, offenbar Helium. Dann kommt der Erdkern. Er besteht aus den Metallen höchsten Atomgewichts, jenen Metallen, die am Ende der Tabelle von Mendelejew stehen, bei denen der Atomzerfall bereits beginnt: Uran und Thorium.

Warum hat der Erdkern die Aethertemperatur des interplanetarischen Raumes? Wie geht der Zerfall des Erdkerns vor sich? Warum liegt zwischen Erdkern und den flüssigen Metallen ein Gürtel kondensierten Heliums? Der Schacht der Goldinsel sollte dieses Rätsel lösen.

Die oberen Ränder des Schachtes waren mit Stahl gepanzert. Massive Stahlzylinder, schwer schmelzbar, senkten sich in den Schacht, je nach der Tiefe. Sie sollten sich bis zu jenem Platz den Wag bahnen, wo im Erdinneren eine Temperatur von dreihundert Grad herrschte. Da ereignete sich gänzlich unerwartet eine Explosion zehn Kilometer unter der Erdoberfläche. Bei diesem Anlaß ging eine Schicht Arbeiter und zwei Hyperboloide zugrunde.

Garin war sehr zufrieden. Das Hinablassen der Zylinder und deren Vernietung hemmten allerdings die begonnene Arbeit. Aber nun, da die Schachtwände heiß waren, kühlte man sie mit Preßluft ab und im Erstarren bildeten sie automatisch einen mächtigen Panzer. Mit siebartigen Formen wurden sie diagonal auseinandergepreßt.

Der Durchmesser des Schachts war nicht groß – im ganzen zwanzig Meter. Sein Inneres stellte ein kompliziertes System von Luftzufuhr- und Abfuhrrohren, Befestigungen, Netzen von Leitungen vor, es gab dort Aluminiumbrunnen, in deren Innerem sich die Baggerkellen für die Elevatoren, Scheiben und Plattformen bewegten, wo auch Maschinen mit flüssiger Luft und Hyperboloide standen.

Alles wurde mittelst der Elektrizität in Bewegung gesetzt. Auf Hebelifts, Elevatoren und Maschinen wurde der gesamte Auf- und Abtransport bewältigt. In die Schachtwände schlug man Höhlen zur Ablagerung von Maschinen und als Ruheplätze für Arbeitspausen. Um den Hauptschacht frei zu bekommen, ließ Garin einen Parallelschacht mit einem Durchmesser von nur sechs Metern graben, der die Höhlen des Hauptschachts mit elektrischen Lifts bediente, die sich mit der Geschwindigkeit einer pneumatischen Kugel fortbewegten.

Der wichtigste Teil der Arbeit, das Bohren, ging übereinstimmend mit der Wechselwirkung der Hyperboloidstrahlen, der Abkühlung der flüssigen Luft und der Gesteinsförderung der Elevatoren vor sich. 26 Hyperboloide von besonderer Konstruktion, die von Voltbogenlampen mit Chammonitkohlen ihre Energie schöpften, durchdrangen und schmelzten das Gestein, Strahlen flüssiger Luft kühlten sich augenblicklich ab, und das Gestein, in winzige Teilchen zerfallend, fiel in die Baggerkellen der Elevatoren. Verbrennungsprodukte und Dämpfe wurden von Ventilatoren beseitigt.

49.

Der Palast im nordwestlichen Teile der Goldinsel war nach den phantastischen Plänen von Mme. Lamolle erbaut worden.

Es war ein riesiger Bau aus Glas, Stahl, dunkelroten Steinen und Marmor. Dieser Bau hatte fünfhundert Säle und Zimmer. Die Vorderfront stieg fast direkt aus dem Wasser empor und hatte zwei breite Marmortreppen. Die Wellen brachen sich an den Geländern der Treppen und Sockel, wo an Stelle der üblichen Vasen und Statuen vier bronzene, siebartige Türmchen, die goldenen Kugeln als Stützen dienten, in welchen sich geladene Hyperboloide befanden, den Angriffen von der Ozeanseite drohen sollten.

Die Treppen endigten in eine Freiterrasse, von der zwei niedrige Eingänge, die von Quadratsäulen flankiert und mit massivem Verputz überdeckt waren, ins Innere führten. Die ganze steinerne Fassade, wie bei den ägyptischen Bauten, ein wenig gedrückt und karg verziert scheinend, machte mit ihren schmalen Fenstern und dem flachen Dach eher einen strengen und düsteren Eindruck.

Um so prächtiger, man möchte sagen, kokett- und zeitgemäßer waren die Fassaden, die in den inneren Hof des Palastes gingen. Dort gab es Blumenbeete, Schlingpflanzen entlang der Mauern, Heckenrosen, Eisenkraut, Orchideen, Zwergeichen, blühende Fliederbüsche, Mandelbäume, Lilien. Französische Fenster, Veranden in Abstufung, mit Grün und Blumen bedeckt, Jalousien, gestreifte Baldachine.

Zwei bronzene Tore führten ins Innere der Insel. Dieser Palast war gleichzeitig eine Festung. Zur Seite des Palastes, auf einer felsigen Anhöhe, erhob sich in einer Höhe von hundertfünfzig Meter eine Art Leuchtturm. Es war dies ein mit siebartigen Oeffnungen versehener Turm, der durch einen unterirdischen Gang mit dem Schlafzimmer Garins verbunden war. Auf seiner obersten Plattform standen mächtige Hyperboloide. In zehn Sekunden konnte ein gepanzerter Lift zu ihnen emporsausen. Allen, selbst Mdme. Lamolle, war es bei Todesstrafe verboten, sich dem Sockel dieses Turmes zu nähern. Das war das erste Gesetz der Goldinsel.

In dem linken Palastflügel befanden sich die Gemächer von Zoe, in dem rechten jene Garins und Rollings. Sonst wohnte hier niemand. Dieses Gebäude war dazu ausersehen, zu dem Zeitpunkte dienlich zu sein, wo den Sterblichen das größte Glück beschieden werden wird: eingeladen zu sein, um auf der Goldinsel das blendende Antlitz der Weltbeherrscherin zu schauen.

Zoe bereitete sich bereits auf diese Rolle vor. Sie war bis über die Ohren beschäftigt. Es gab eine Etikette des Levers, kleiner und großer Empfänge, Diners, Soupers, Maskenbälle und Unterhaltungen. Ihr schauspielerisches und tänzerisches Temperament konnte sich breit entfalten. Sie liebte es zu wiederholen, daß sie für die Weltbühne geboren sei. Zum Hüter der Etikette wurde der berühmte Ballettregisseur Dschagiljow engagiert. Man hatte mit ihm in Europa einen Kontrakt abgeschlossen, ihm den goldenen Orden der ›göttlichen Zoe‹ mit den Brillanten am weißen Band verliehen und ihn in den altrussischen Stand eines Kammerherrn (Chevalier de Lit) erhoben.

Außer diesen internen Palastgesetzen schuf sie noch, gemeinsam mit Garin, »die Gebote des goldenen Jahrhunderts« Gesetze betreffend die künftige Menschheit. Aber es waren dies zunächst nur allgemein gefaßte Projekte und Grundideen, die einer späteren ausführlichen Behandlung durch Juristen bedurften. Garin war rasend beschäftigt. Sie mußte es so einrichten, daß sie jede seiner freien Minuten ausnützen konnte. In seinem Arbeitszimmer hatten Tag und Nacht zwei Stenotypistinnen ununterbrochen Dienst.

Eben kam Garin aus dem Schacht, müde, abgearbeitet, schmierig, nach Ruß und Maschinenöl riechend. Eilig aß er, fiel auf den Atlasdiwan und hüllte sich in Wolken seiner Tabakspfeife. (Er war bezüglich der Etikette als außer Gesetz stehend erklärt, seine Handlungen unantastbar und unnachahmbar verkündet worden.) Zoe schritt auf dem Teppich hin und her, spielte mit ihren schmalen Fingern an dem Perlenkollier, das sie um den Hals trug und versuchte Garin in ein Gespräch zu ziehen. Er brauchte ein paar Minuten Totenstille, um sein erregtes Gehirn für genaue und klare Wiederaufnahme seiner fieberhaften Tätigkeit zu beruhigen.

Seine Pläne zeigten weder guten noch bösen Charakter, sie waren weder grausam noch barmherzig – sie waren derart beschaffen, daß man glauben konnte, es handle sich dabei durchaus nicht um lebende Menschen. Ihn regte vor allem der Scharfsinn an, dessen die Lösung der Frage bedurfte. Diese ›warme Kühle‹ empörte Zoe. Ihre großen Augen verdunkelten sich, über ihren nervösen Rücken lief in leichter Frostschauer und mit leiser, haßerfüllter Stimme sagte sie zu Garin in russischer Sprache (damit die Stenotypistinnen nicht verstehen konnten):

»Sie sind ein Geck, Garin, ein furchtbarer Mensch. Ich begreife es, wenn man das Verlangen bekommt, Ihnen bei lebendigem Leib die Haut vom Körper zu ziehen, um zusehen zu können, wie Sie zum ersten Male Zeichen von Qual zeigen. Ist es denn möglich, daß Sie niemand hassen, niemand lieben können?«

»Außer Sie!« antwortete er lachend und zeigte hinter seiner Rauchwolke die Zähne. »Aber Sie sind gegenwärtig unzugänglich. Ihr Köpfchen ist mit herrlich verrücktem Unsinn vollgepfropft … und dazu sind meine Sekunden gezählt. Aber ich bin geduldig. Ich werde warten, bis sich Ihr Ehrgeiz übersättigt haben wird. Aber in einer Hinsicht haben Sie Recht, meine Geliebte, ich bin zu akademisch. Ideen, die nicht von der Feuchtigkeit des realen Lebens durchtränkt sind, verlieren sich im Raum. Die Feuchtigkeit des Lebens – das ist die Leidenschaft. Sie besitzen sie im Uebermaß. Ja, die Leidenschaft, und …«

Er blickte von der Seite her auf Zoe. Blaß, wütend und unbeweglich stand sie vor ihm.

»Leidenschaft und – Blut! Das alte Rezept. Warum aber wollen Sie gerade mir die Haut vom Leibe ziehen? Dasselbe kann man doch mit jemand anderem tun. Und für Ihre Gesundheit ist es unumgänglich notwendig, Ihr Taschentuch in diese Flüssigkeit zu tauchen!«

»Garin! Ich kann den Leuten vieles nicht verzeihen!«

»Zum Beispiel – die russische Revolution?!«

»Ja.«

»Oder – die kleinen Stutzer mit den behaarten Fingern?«

»Ja. – Warum erinnern Sie mich daran?«

»Sie können sich selbst nicht verzeihen! … Für 500 Francs konnte man Sie wohl auch telephonisch bestellen?! Stimmt das? Dann haben Sie schnell Ihre Seidenstrümpfe gestopft, den Faden mit diesen göttlichen Zähnen hier abgebissen, um rascher ins Restaurant zu kommen!? Und die vielen schlaflosen Nächte – in der Handtasche zwei Sous … und das Entsetzen vor dem ›morgen‹ – was das ›morgen‹ bringen wird, ob man noch tiefer sinken wird … Und die Hundeschnauze Rollings – ist die vielleicht etwas Besseres?«

Zoe antwortete, ihm mit einem langen Lächeln in die Augen sehend:

»Dieses Gespräch werde ich bis an mein Ende nicht vergessen …«

»Mein Gott! und eben erst haben Sie mir Vorwürfe wegen meines akademischen Betragens gemacht? …«

»Käme ich einmal zur Macht, ich ließe Sie ohne weiteres hängen, wie einen Kommissar. Ich kann mich erinnern, wie man die Leute auf den Brückenpfeilern gehenkt hat …«

Rasch sprang Garin auf, packte Zoe an den Ellbogen, zwang sie mit Gewalt zu sich aufs Knie und küßte ihr zurückgeworfenes Gesicht, ihre zusammengepreßten Lippen. Die beiden blondhaarigen, gleichgültigen und ondulierten Stenotypistinnen, die aussahen wie die Puppen, wandten sich ab und blickten zur Seite.

»Du dummes, komisches Weib, verstehe mich doch endlich, gerade als die, die Du bist, liebe ich Dich …, das einzige Wesen auf der Erde … Wärst Du in verlausten Waggons nicht schon zwanzigmal im Sterben gelegen, hätte man Dich nicht kaufen können, wie jede andere Dirne – wärest Du sonst imstande, die Schärfe menschlicher Kühnheit zu erfassen? … Könntest Du über diese Teppiche wie eine Königin schreiten? Würde ich mich Dir zu Füßen werfen?«

Schweigend befreite sich Zoe, brachte mit einer Schulterbewegung ihr Kleid in Ordnung, ging in die Mitte des Raumes und blickte von dort aus noch immer wild auf Garin. Er sagte:

»In zehn Minuten muß ich im Schacht sein. Also – wo sind wir stehen geblieben?«

Und er diktierte weiter. Während der Nacht wurde sein Diktat abgetippt und man brachte es morgens fertig Madame Lamolle ins Bett.

Für verschiedene Fragen der Expertisen lud man Rolling ein. Er bewohnte prächtige, noch nicht ganz fertiggestellte Appartements, die er nur verließ, wenn er speisen ging. Sein Stolz und sein Wille waren scheinbar gebrochen. Während des letzten halben Jahres war er stark verfallen. Garin fürchtete er. Auch vermied er es, mit Zoe allein zu bleiben. Niemand wußte (und niemand interessierte sich) was er den ganzen Tag lang tat. Bücher hatte er von seiner Geburt an nicht gelesen. Tagebücher führte er scheinbar auch nicht. Man sagte, er habe eine große Vorliebe für Rauchpfeifensammlungen. Eines Abends hatte Zoe vom Fenster aus beobachtet, wie Rolling auf der vorletzten Stufe der Marmortreppe am Wasser saß und betrübt auf den Ozean hinausblickte, aus dem vor hundert Millionen Jahren sein Ahnherr in Gestalt einer menschenähnlichen Eidechse ans Land gestiegen sein dürfte. Das war alles, was von dem mächtigen chemischen König übriggeblieben war. Weder der Raub der dreihundert Millionen, noch seine Gefangenschaft auf der Goldinsel, selbst nicht der Verlust Zoes hatten ihn gebrochen. Vor fünfundzwanzig Jahren als kleiner Kontorist angefangen, hatte er gekämpft und war auf den ersten Platz gekommen. Wie viel Mühe, Talent und Willenskraft hatte er aufgewendet, um die Leute zu zwingen, ihm die vielen goldenen Münzen zu zahlen. Dann war der europäische Krieg gekommen, der Dawesplan – alle diese Kräfte waren aufgeboten worden, um das Gold in die Kassen des »Anilinrolling« fließen zu lassen.

Und nun wird man mit einem Schlage dieses Gold, dieses Aequivalent von Macht und Glück, diesen Blutstropfen in beliebigen Quantitäten, wie Ton oder Schmutz mittelst der Baggerkellen der Elevatoren aus dem Schacht zutage fördern! Rollings Sohlen blieben in der Leere, im Nichts haften, er hatte aufgehört, sich als Mensch zu fühlen. Vielleicht blieb ihm wirklich nichts anderes mehr, als – Pfeifen zu sammeln.

Aus Beharrlichkeit und auf Bestehen Garins diktierte er trotzdem noch immer täglich per Radio den Direktoren der »Anilinrolling« seine Anordnungen. Ihre Antworten lauteten unbestimmt. Es war klar, daß sie nicht mehr an die freiwillige Einsamkeit Rollings auf der Goldinsel glaubten. Man fragte:

»Was soll man zwecks Ihrer Rückkehr auf den Kontinent unternehmen?«

Seine ständige Antwort war:

»Die Heilung meines Nervenleidens verläuft günstig. Kehre bald zurück.«

Auf seinen Befehl wurden weitere fünf Millionen Pfund Sterling angewiesen. Als er aber zwei Wochen später neuerdings anordnete, eine so hohe Summe auszubezahlen, wurden Garins Agenten, die den Scheck Rollings präsentierten, verhaftet. Dies war das erste Zeichen eines Angriffs des Kontinents gegen die Goldinsel. Eine Flotte von acht Linienkreuzern kreiste im Stillen Ozean in der Gegend des 22. Parallelkreises südlicher Breite und unter 130 Grad westlicher Länge in Erwartung des Angriffsbefehls auf die Insel des Taugenichtses.

 

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