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Das Gänsemännchen

Jakob Wassermann: Das Gänsemännchen - Kapitel 177
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Gänsemännchen
authorJakob Wassermann
firstpub1915
year1915
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleDas Gänsemännchen
created20050128
sendergerd.bouillon
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7

Philippine wollte nie erlauben, daß das Agneslein mit andern Kindern spielte.

Einmal war das Kind auf den Platz gegangen und hatte zugeschaut, wie kleine Mädchen »Schneider, leih mir die Scher'« spielten und lachend von Baum zu Baum liefen. Gern hätte es sich zu ihnen gesellt, aber niemand forderte das blasse, scheue Wesen auf, am Spiele teilzunehmen. Da schoß Philippine wie eine Furie daher und rief erbost: »Geh in die Stuben 'nauf, sonst kriegst a Schell'n, daß dir drei Tag lang die Zähn im Maul klappern.«

Auch zog sie immer ein schiefes Gesicht, wenn der alte Jordan sich zu dem Kind setzte, um mit ihm zu reden. Beachtete er dies Zeichen ihres Unwillens nicht, so begann sie erst leise zu singen, dann lauter, dann schimpfte sie in gehässiger Weise und gab sich nicht eher zufrieden, als bis Jordan mit einem Seufzer aufstand und hinausging. Er durfte es nicht wagen, Philippine zu trotzen; sie bestrafte ihn, indem sie ihm schlechtes Essen und winzige Portionen verabreichte. Und er litt viel an Hunger. Er verdiente nur ein paar Groschen in der Woche und mußte das Geld sparen, damit er die Ausgaben bestreiten konnte, die ihm durch die Arbeit an seiner Erfindung verursacht wurden.

Er glaubte an die Erfindung. Sein Glaube ward mit den Jahren immer fester. Kein Mißlingen beirrte ihn; im Gegenteil, er war überzeugt, daß ihn jeder Fehlschlag näher zum Ziel brachte.

Einst fragte er Philippine: »Warum wollen Sie denn nicht, daß ich mich ein bißchen mit meinem Enkelchen beschäftige? Es tut mir so wohl, es lenkt mich ab, es mildert die Spannung meines Geistes.«

»Blödes Geschwätz,« antwortete Philippine, »das Agneslein ist mit seinem Vater übel genug dran, der Großvater, der fehlet mir noch, der tät das Kraut fett machen.«

Ein andermal sagte der Greis: »Schließen wir einen Vertrag: Sie lassen mich täglich eine halbe Stunde bei dem Kind, und ich besorg Ihnen dafür die Gänge in der Stadt.«

Philippine erwiderte grob: »Meine Gäng' besorg ich mir selber, und das Agneslein gehört mir; basta.«

Dabei war Philippine um jene Zeit besonders guter Laune. Es hatte sich nämlich gefügt, daß Benjamin Dorn, der zusammen mit Herrn Zittel von der »Prudentia« weggegangen und jetzt bei der Gesellschaft »Exzelsior« beamtet war, sich lebhaft für sie interessierte. Philippine hatte ihrer Freundin, der Frau Hadebusch, in einer schwachen Stunde verraten, daß sie beträchtliche Ersparnisse besaß, und mit dieser Wissenschaft hatte Frau Hadebusch den Methodisten auf ernste Heiratsgedanken gebracht.

Der Methodist gab sich Mühe, Philippines Gunst zu gewinnen. An ihrer gottlosen Denkungsart nahm er freilich Anstoß und schüttelte betrübt den Kopf, wenn sie ihn einen Pfaffen nannte und erklärte, das fromme Getue sei ihr wurscht, die Hauptsache wäre, daß man Moneten im Sack habe, eine Meinung, der Frau Hadebusch mit allem Nachdruck beipflichtete. Frau Hadebusch sagte zu Benjamin Dorn, eine tüchtigere, drallere, vermöglichere, von oben bis unten besser ausstaffierte Person als das Fräulein Schimmelweis könne er auf dem ganzen Erdenrund nicht ausfindig machen, er und sie seien für die Ehe geschaffen wie Essig und Öl für den Salat. Man solle nur sehen, was für stattliche Gewänder die Person habe und wie sie sich zu putzen verstehe, und von guter Familienabstammung sei sie noch überdies; kurz, jedem Mann wäre zu gratulieren.

Und zu Philippine sagte Frau Hadebusch: »Der Dorn, das ist ein Schreiber, wie es ausgezeichneter keinen gibt. Der führt Ihnen eine Feder, daß es ein wahrer Staat ist. Er hinkt ein bisla, no ja; wie viele gehen auf zwei gesunden Beinen und haben bloß Lumpereien im Kopf. Der aber, kein Wässerlein kann er trüben; er ist so sanft wie Zwetschgenmus, und wenn ihn ein Hund anbellt, gibt er ihm ein Stück Zucker. So ein Mann ist das.«

Im Oktober gingen Benjamin Dorn und Philippine auf die Fürther Kirchweih, und das Agneslein wurde natürlich mitgenommen. Benjamin Dorn wußte, was er sich schuldig war; er ließ Philippine zweimal auf dem Karussell fahren, zahlte das Entree in ein Wachsfiguren-Kabinett und nahm ein Los am Glückshafen. Es war eine Niete. Da setzte er Philippine auseinander, daß es unmoralisch sei, in einer Lotterie zu spielen, und kaufte eine Tüte mit Pfeffernüssen, was doch ein solider Genuß war.

Philippine benahm sich außerordentlich kokett. Sie lachte grundlos, sie verdrehte die Augen, sie sprach mit gespitzten Lippen, sie wackelte mit den Hüften und ergriff jeden Anlaß, um ihre Bildung zu zeigen. Als sie mit der Eisenbahn zurückfuhren, sagte sie, sie habe Lust, einmal in einer Chaise zu sitzen; aber zwei Rosse müßten sein und ein Kutscher mit einem Zylinder. Benjamin Dorn entgegnete, solches ließe sich machen; und er deutete schalkhaft an, daß er eine gewisse feierliche Zeremonie nicht ohne ein derartiges Vehikel veranstalten würde. Philippine kicherte und sagte: »Ioi, Sie sind ja ein ganz Geriebener.« Worauf Benjamin Dorn glücklich und verlegen grinsend zu Boden schaute.

Dann trennten sie sich, denn das Agneslein war in Philippines Arm schon eingeschlafen.

Wie sich Philippine zu der Bewerbung des Methodisten innerlich verhielt, war schwer zu ermessen, obgleich sie so tat, als fühle sie sich geehrt und in ihren Erwartungen geschmeichelt. Benjamin Dorn war seiner Sache keineswegs sicher, und wenn Frau Hadebusch auch noch so resolut ins Zeug ging, mußte sie sich von Philippine immer wieder vertrösten lassen.

Nie zuvor aber hatte Philippine so viele Lieder geplärrt, nie waren ihre Bewegungen so hurtig gewesen. Jeden Tag zog sie ihr Sonntagskleid an und schmückte es mit den erlesensten Bändern; und wusch ihre Hände mit Mandelseife und frisierte sich vor dem Spiegel. Simpelfransen waren nicht mehr modern, dafür baute sie aus ihren Haaren einen Turm und sah aus wie eine Chinesin.

Bisweilen besuchte sie Herrn Carovius, den sie stets allein traf, denn Dorothea Döderlein war von ihrem Vater nach München geschickt worden, wo sie sich in ihrer Kunst vervollkommnen sollte. Mit halben Worten, augenzwinkernd, dumm und herausfordernd lachend, berichtete sie von Benjamin Dorn und seinen Absichten, wie wenn es gar nicht anders möglich sei, als daß Herr Carovius die brennendste Neugier nach ihren Erlebnissen trage. Herr Carovius war ihrer schon längst überdrüssig, mochte ihr aber die Tür nicht weisen. Es stand mit ihm so, daß er aufatmete, wenn er eine menschliche Stimme hörte. Es stand mit ihm so, daß er sich in seinen vier Wänden vor der Stille fürchtete. Keiner kam zu ihm, keiner sprach mit ihm, und er seinerseits getraute sich keinem zu nähern. Mit dem Hochmut von ehedem war es aus, und nun fand er keinen Weg mehr zu den Menschen. Ging er ins Paradieschen, so kannte ihn niemand. Die Brüder vom Jammertal waren zerstoben, ein anderes Geschlecht saß da, von anderer Herkunft, mit andern Tiraden, und er war alt.

Dorotheas Abwesenheit konnte er nicht verwinden. Er zählte die Tage bis zu ihrer Rückkunft, und das Klavier öffnete er nicht mehr, weil alle Musik, und die zumeist, die er liebte, einen Trübsinn aufschießen ließ, der die Stube erfüllte gleich Miasmen.

Der Nero unserer Zeit litt an der Cäsarenmelancholie. Der Kleinbürger war in die unterste Tiefe des finstern Schachtes hinabgesunken, den er selber gebohrt, um alle Freuden, alles neue Werden, alle Flügelwesen darinnen zu verscharren.

Das schlimmste war, daß er keine Beschäftigung hatte und daß hiegegen kein Kopfzerbrechen half. Die Welt lief ihren Gang, rätselhaft, lief ihren Gang ohne seine Kritik, ohne seinen Beifall, ohne seinen Richterspruch und seine Totengräberei.

Philippine ärgerte sich über den scheelblickenden Ofenhocker, und ihre Besuche wurden spärlicher. Mit Frau Hadebusch wollte sie sich nicht aussprechen, die schien ihr zu nahe beteiligt bei der Sache; sonst hatte sie niemand, und sie mußte ihre Ungeduld und Aufregung im Zaum halten.

Es wurde Weihnachten. Am heiligen Abend hatte sie für Agnes einen kleinen Tannenbaum geschmückt und Kerzen darauf angezündet. Als Christgeschenke für das Kind lagen ein großer, brauner Lebkuchen, ein Körbchen mit Äpfeln und Nüssen und eine billige Puppe unter dem Baum. Für den alten Jordan hatte sie ein Paar Stiefel gekauft, deren er dringend bedurfte. Seit dem Herbst ging er mit zerrissenen Sohlen herum.

Der alte Jordan saß neben der Tür und hielt die Stiefel auf den Knien. Agnes betrachtete mit ihren traurigen Augen die Puppe, ohne sie anzurühren. Nachdem der Inspektor eine Weile in die flackernden Kerzenflammen gestarrt hatte, sagte er: »Dank Ihnen, Philippine, dank Ihnen. Sie sind eine wirkliche Wohltäterin. Auch daß Sie des Kindes gedacht haben, dank ich Ihnen. 's ist ja ein armseliges Ding, so eine Puppe aus dem Fünfzigpfennigbasar, aber wer Kindern schenkt, verdient sich den Himmel, und es wird dabei nicht gewogen und nicht gezählt.«

»Lamentieren S' doch nicht alleweil,« wies ihn Philippine schnöd zurecht. Sie biß an ihren Nägeln und war kaum imstande, ihre Erregung zu verbergen. Frau Hadebusch hatte ihr Nachricht gegeben, daß Benjamin Dorn noch im Laufe dieses Abends kommen werde, um ihr einen förmlichen Heiratsantrag zu machen.

»Warte nur, Agnes,« fuhr der alte Jordan fort, »warte nur, bald wirst du ein Wunderding von einer Puppe zu sehen kriegen. Noch ein paar Jährchen, und die Welt wird staunen. Du aber bist die erste, die das vollendete Werk schauen darf. Die erste bist du, Agneslein. Was haben wir denn heute, am heiligen Christfest doch, zu essen?« wandte er sich zaghaft an Philippine.

»Kalte Naundscher und g'sottne Mehlwürmer,« erwiderte diese höhnisch.

»Und . . . und . . . keinen Brief von Daniel?« fragte er mit veränderter, trüber Stimme, »nichts? gar nichts?«

Philippine zuckte die Achseln. Der alte Mann erhob sich und schwankte hinaus, um in seine Kammer zu gehen.

Bald danach hörte Philippine humpelnde Schritte, und die Gatterglocke läutete. »Mach auf,« befahl Philippine dem Kind. Agnes verließ die Stube und kehrte mit Benjamin Dorn zurück. Der Methodist trug einen schwarzen Anzug, und in der Hand hielt er ein schwarzes Filzhütchen, das flach wie ein Pfannkuchen war. Er verbeugte sich vor Philippine und fragte, ob er nicht störe. Philippine schob ihm einen Stuhl hin, er nahm umständlich Platz und lächelte schal. Da Philippine schwieg und nur gespannt in sein Gesicht starrte, fing er an zu sprechen.

Zuerst verbreitete er sich über die Vorzüge des Ehestands im allgemeinen, dann, daß es für ihn im besondern wünschenswert sei, ein braves Weib heimzuführen. Er habe lange mit sich im Kampf gelegen, doch Gott habe ihn erleuchtet und auf den rechten Weg gewiesen. So trage er denn kein Bedenken mehr, dem Fräulein Schimmelweis Herz und Hand anzubieten, könne aber nicht umhin, den Wunsch auszudrücken, daß sie den wichtigen Schritt noch einmal in christlicher Weise reiflich erwäge.

Philippine war unruhig von einem Fuß auf den andern getreten. Plötzlich lachte sie. Sie bog den Oberkörper vor und lachte heftig. »No, Sie Kniedlaskupf,« fing sie an, »Sie woll'n g'wiß nur mein Geld! Sagen S' es aufrichtig, mein Geld wollen S' haben, was?«

Während Benjamin Dorn dumm und bestürzt dreinsah, geriet sie mehr und mehr in Wut. »Das tät Ihnen schmecken, Sie Habenichtsnos'n, schrie sie, »so a Madl, was gleich den Verstand verliert, wenn sich a Mannsbild blicken läßt, und die sich ihre paar Batzen z'sammg'spart hat, daß sich der Sprazl auf die Bärenhaut legen kann. Da wird nix draus, die Philippin' betackelt man nicht, die weiß, was ihr für Lumpenvolk seid. Marsch, fort mit Ihnen, fort! Hinaus!« Sie warf rabiat die Arme und wies nach der Tür.

Benjamin Dorn stand auf, stotterte erschrocken, zog sich rückwärts gehend nach der Tür zurück und verschwand dann so eilig, daß Philippine neuerdings in schrilles Gelächter ausbrach. »Kumm her, Agneslein,« sagte sie dann, setzte sich auf den Tritt im Erker und nahm das Mädchen auf ihren Schoß.

Lange schwieg sie, und das Kind getraute sich nicht zu sprechen. Beide schauten in die Kerzenlichter des Christbaums. »Singen wir was,« sagte Philippine endlich. Mit heiserer Baßstimme begann sie »Stille Nacht, heilige Nacht« zu singen, und mit hohem, mutlosem Stimmchen fiel Agnes ein.

Als sie das Lied gesungen hatten, entstand wieder ein Schweigen.

»Wo ist denn mein Vater?« fragte Agnes plötzlich, ohne Philippine anzublicken. Es klang, als habe sie seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet, diese Frage zu stellen.

Philippines Gesicht wurde grau, ihre Zähne mahlten. »Dein Vater, der lungert im Land herum,« antwortete sie und blies ein Lichtchen aus, welches im Niederbrennen einen Zweig zum Glimmen gebracht hatte; »er hat's auf Weibsleut abgesehen und läßt alle Sieben grad sein. Klimpern tut er und 's Papier vollschmieren. Da kann eins verrecken, und er kümmert sich nicht drum.« Mit einem rohen Stoß setzte sie das Kind auf die Erde, sprang empor, ging zum Fenster und riß es auf, als könne sie's vor Hitze nicht aushalten.

Sie beugte sich über das schneebedeckte Sims.

»Es huschert mich,« klagte das Mädchen. Aber Philippine hörte sie nicht.

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