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Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Sechstes Kapitel.

Das »y«.

Als der Luegecker von diesem denkwürdigen Besuche in die Schießstatt zurückkehrte, ging er, ohne »Grüß Gott!« zu sagen, erst ein paarmal in der Küche herum. Dann vertauschte er langsam den Rock mit der leinenen Hausjacke, die an der Türe hing, und schließlich stellte er sich, nachdem er eine bemalte Porzellanpfeife aus seiner Brusttasche geholt hatte, vor seine Frau hin, indem er fragte, ob sie eine Ahnung habe. wie bei seinem Namen das e hinter das u gekommen sei. Die Wirtin saß in blauer Schürze am Anrichtetisch und schälte in eine irdene Schüssel gekochte Erdäpfel, einen hübsch nach dem andern. Auf die Anrede ihres Mannes gab sie zunächst gar nichts zurück, sondern sah nur flüchtig zu ihm empor. Sie wußte sehr gut, woher er kam, sie wußte aber auch, daß man bei ihm nie mit der Türe ins Haus fallen durfte. Auch war das so seine Art, im Nebel herumzufahren, ehe er brachte, was er eigentlich bringen sollte. Als er seinerzeit drauf und dran war. um sie anzuhalten, hatte er erst die verrücktesten Sprüche hergesagt. Wenn sie sich recht besann, behauptete er damals, der Onkel Landrichter auf dem Schlosse sei ein pragmatischer Beamter oder sonst was Schönes. Drum schälte sie ruhig weiter, sie hatte ja keine Eile. Das Schützenfest sollte erst in drei Tagen stattfinden, und das mit den Grundstücken erfuhr sie noch früh genug. Daß ihr Mann wieder mal eine Dummheit gemacht hatte, stand bei ihr fest. Das las sie ihm vom Gesichte herunter, als er zur Türe hereinkam, sie merkte es noch deutlicher aus der Frage, deren Sinn sie natürlich nicht verstehen konnte, deren Einfältigkeit ihr aber deutlich zeigte, daß dahinter noch was ganz anderes steckte. E und u und u und e! Eigentlich hätte sie gute Lust gehabt, den neckischen Herrn da auszuforschen, ob er sie zum besten haben wollte, oder ob er auf einmal unter die Schriftgelehrten gegangen sei. Aber wie gesagt, sie hielt an sich und sah durch die weit geöffneten Fenster zu den Drähten der Zielerglocken hinaus, die sich blitzhell zwischen niederen Gebüschen bis auf die Kugelfänge hinauszogen. Dort, wo sie endeten, eilten Leute in Hemdärmeln herum und hämmerten tüchtig drauf los.

Auch im Hause drinnen hörte man von allen Seiten her klopfen. Durch die offene Türe der Küche aber rannten zwei Bedienerinnen aus und ein, die Grünzeug in Körben trugen. Diesen bedeutete die Frau Therese mit einer Bewegung der Achsel, sie sollten ihre Last hierher auf den Tisch stellen, dicht neben die Erdäpfel; dann wies sie die beiden mit dem Kopfe wieder zum Ausgang. Ihr Mann hatte inzwischen einen Span in das flackernde Feuer des Herdes gehalten und seine Pfeife in Brand gesteckt. Jetzt, wo die dicken Wolken um die kupfernen Behälter an den Wänden zogen, begann er auf einmal so halblaut vor sich hinzulachen, während er seine Wanderung wieder aufnahm. »Zum Kugeln, 's ist wirklich zum Kugeln!« meinte er endlich. Dann holte er noch weiter aus mit dem Atem, indem er beide Arme in die Luft streckte. Nächstens müsse er doch einmal zu seiner Mutter gehen oder zum Herrn Onkel Landrichter nach Dachau und fragen, wie das eigentlich bestellt wäre mit der umständlichen Verwandtschaft, die der Herrgott zusammengetragen habe. »Wir sind nämlich viel noblere Leute, als wir selber wissen,« fuhr er fort, »hast du zum Beispiel eine Ahnung gehabt, wer in Landshut in der Martinskirche begraben liegt? Nein? Dann will ich dir's sagen. Ein Luegecker, ein richtiger Luegecker. Und zwar muß das ein gar hoher Herr gewesen sein, in guter Kleidung und noch besserer Stellung. Nur daß er sich nicht so wie wir schreibt; er hat kein e hinter dem u, womit wir anderen also doch wieder was voraus haben vor ihm, nachdem wir um diesen Buchstaben stärker sind.« Die Frau erwiderte auch jetzt noch nichts, fing aber doch an, ein bißchen hastiger zu schälen und ihn scharf ins Auge zu nehmen. Pressierte es auch nicht mit den Vorbereitungen, besser konnte man die Zeit immer anlegen als in so sinnlosem Geschwätz. Der Luegecker aber ließ sich durch diesen Blick nicht irre machen; er redete ungestört weiter. So kam er auf den Kurfürsten, dessen Namen er leider schon wieder vergessen hatte, dann sprach er von der Sauhatz und deren gefährlichen Folgen. Mitten drin aber lachte er auf einmal wieder, diesmal sogar ganz unbändig, ganz eigen, denn es waren ihm in dem tollen Durcheinander, was er da in der einen Stunde inmitten solch ungewohnter Umgebung erlebt hatte, auf einmal die nackten Weiber eingefallen, die links an der Wand hingen. »Wenn du wüßtest, was ich sonst noch alles erlebt hab', hi, hi!« Die Frau tat immer mißtrauischer. »Was hast du denn erlebt?« Er zwinkerte listig mit den Augen. »Ich sag dir nur so viel, es gibt ganz kuriose Geschichten in diesen feinen Häusern, Geschichten . . .« Er wollte eben anfangen, die Reize der Göttinnen in allen Abstufungen zu schildern, aber plötzlich kannte er sich selbst nicht mehr. Er legte die Pfeife weg, er packte die Frau und riß sie samt dem hölzernen Stuhle so jählings nach rückwärts, daß sie laut aufschrie, indem sie einen halbgeschälten Erdapfel nach links, das scharfe Messer nach rechts in die Luft hinausstreckte. »Damischer Teufel.« Mehr brachte sie nicht heraus, denn der Luegecker hatte sich, während er Stuhl und Frau mit dem linken Knie vor dem Niederfallen schützte, heruntergebeugt und schmatzte nun fünf bis sechsmal nacheinander seine Lippen auf die ihren hernieder. Das wurde der Frau Therese, die von Anfang an keine jauchzenden Hochsommergefühle entfaltet hatte, schließlich zu dumm. Sie warf sich so resolut nach der Seite, daß sie samt dem Stuhle auf den Boden zu liegen kam, dann aber sprang sie sofort wieder auf und schlug dem Gatten voll Entrüstung eine klatschende Maulschelle herunter. Was er eigentlich habe? Wie er überhaupt auf so etwas komme? Jetzt, am hellichten Tage? Wo draußen auf dem Gange die Weiber umeinander liefen und jeden Augenblick Leute kommen könnten, die was brächten für den Samstag. Der Luegecker hielt es jetzt für besser, die Vorbilder nicht zu erwähnen, die ihn zu solchem Vorgehen ermutigt hatten. Er merkte, daß er damit doch keine Wirkung erzielen würde; drum nahm er wieder seine Pfeife und lenkte auf ein anderes Thema. Den heiligen Joseph zitierte er, der so andächtig an der Krippe betete, so still, so ehrbar, wie sich's nun einmal für den himmlischen Nährvater gehöre. Die Frau strich die Schürze zurecht und setzte sich wieder an den Tisch. »Ja, den nimm du dir nur zum Beispiel!« brummte sie. »So wie du jetzt bist, hast du nichts vom heiligen Joseph, aber schon gar nichts.« Der Luegecker lachte erst ein bißchen verlegen, er tat ein paar Züge, dann schilderte er die Krippe genauer. Er sprach bald von den drei Königen, bald von der Uhr und meinte schließlich, am besten hätten ihm die kleinen Engel gefallen, die, über dem Stalle schwebend, das große, gelbseidene Band trugen, auf dem geschrieben stand: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden.

»Und die Grundstück'?« fragte plötzlich die Frau nach einer langen Pause. Sie hatte wieder ihre Arbeit aufgenommen, schielte aber mit einem sehr strengen Blicke über die Erdäpfel hinweg. »Die Grundstück'?« Der Luegecker kratzte sich in den Haaren, als er die Frage mechanisch wiederholte. »Ja, mein Gott, in der Beziehung bin ich genau so gescheit wie zuerst.« Die Frau drohte emporzufahren, er aber riet ihr, sie solle sitzen bleiben. In zwei Worten ließe sich nicht wiedergeben, was man mit einem so großmächtigen Herrn alles erlebt habe. Es sei sehr viel gelehrtes Zeug geredet worden, aber das eine habe er doch durch den Krimskrams zur Genüge gemerkt, daß der Gankoffen schlauer sei als die Therese und der Faist zusammen gemessen; von ihm schon gar nicht zu reden. Ganz unmöglich, beizukommen, und wenn man meinte, man hätte ihn, dann schlüpfe er sofort wieder aus dem Netz. Schließlich habe er ihm wohl eine Adresse gegeben, an die man sich wenden könne, einen Rat Bauriedl, der alles unter sich habe. Aber man könne doch nicht in dieser Manier durch die ganze Stadt von Haus zu Haus rennen, man wolle sich doch nicht überall hinausschmeißen lassen. Er jedenfalls bedanke sich für solchen Dienst. Denn er sei nun mal nach München gekommen, nicht um mit Wertobjekten zu schachern, sondern um seine Gäste anständig zu bedienen. Und dazu sei gerade übermorgen die beste Gelegenheit, die er ausnützen wolle. Jawohl, das Fest solle eins werden, das sich sehen lassen könne, ob man's nun auf bairische Art schreibe oder auf griechische.

Ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen, hatte die Frau zugehört, indem sie beide Arme an den Rand der Schüssel stemmte. Auch jetzt, wo er aussetzte, machte sie nicht viel Aufhebens, sondern drehte sich mit halbem Gesichte zu ihm, indem sie fragte, was das jetzt wieder bedeute. Da kam sich der Luegecker sehr wichtig vor. Ganz Hellas stand vor ihm auf, wie es der Gankoffen geschildert hatte und das abgelegte »i« des engeren Vaterlandes führte einen lustigen Tanz auf mit dem neu überkommenen »y«. »Weißt du's nicht?« tat er sehr vergnügt. »Der Herr Gankoffen hat mir nachgewiesen, daß der Unterhändler vollkommen recht hat, wenn . . .« Weiter kam er nicht in seiner Rede, denn seine Frau schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. »Heilige Mutter Gottes, du hast ihm was vom Faist erzählt? Ja, bist du denn . . .?« Einen Augenblick erschrak der Luegecker selbst aufs heftigste, denn es fiel ihm der Zettel ein, den er im Hause des Reichsarchivdirektors gelassen hatte. Dann aber besann er sich der Wirklichkeit und lachte nur so hinaus. »Ah bah, das ist es ja nicht! Ich red' von dem, was der Jud aufgetischt hat, als wir von Dachau hereinkutschierten. Besinnst dich nicht mehr? Da schwefelte er doch so was, als ob jetzt nicht mehr Schell-Ober, Herz-Aß und Grün-Zehner beim Tarock stechen dürften, sondern nur noch die gar andern, die griechisch reden. Und da hat er recht behalten. Denn in die Hand hat mir's der Gankoffen nachgewiesen, daß wir wirklich mit dem Volk da drunten zusammengehören, daß wir nur noch y schreiben, wo früher das I-Tüpferl war. Gelt, da schaust?« Sie schaute allerdings, aber mit ähnlichen Augen, wie er am Schlusse der Unterhaltung den Gankoffen beobachtete. Eine gut gepolsterte Zelle schien ihr nun auch für ihren Mann der richtige Aufenthaltsort zu sein. »Und die Grundstück'?« fragte sie noch einmal. Er lachte wieder. »Hab' dir's ja schon einmal gesagt. Statt ihrer gibt's griechische Sprüche. Die verstehen wir zwar nicht, aber wenn er einmal groß ist, soll der Bub sie erklären.« »Der hat was Besseres zu tun!« gab sie zurück. Der Luegecker nahm die Pfeife aus dem Munde. Spitzte sich die Unterhaltung auf den Sprößling zu, ging es am schwersten mit ihm vom Fleck. Der wohnte bei der Großmutter und besuchte das Klostergymnasium. Auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters, aber gegen den Willen der Mutter. Der Luegecker hatte zwar alle Pfaffen ziemlich dick und nannte sich selbst einen Freigeist. Aber lieber acht Jahre das schwarze Kommando erdulden, als den Buben verkommen lassen. Frau Therese hingegen war zwar alles eher wie eine Betschwester, sie tat nur, was ihr unumgänglich erschien, solche Ideen aber bedeuteten für sie, wie sie auch jetzt wieder meinte, nichts als alberne Sparifankerln. »Geht's wieder in der alten Tonart los?« »Du hast angefangen!« schrie die Frau. »Wer auf der Welt hat denn die überspannten Ideen? Deinem Kopf nach soll der Bub ein Studierter werden, ein Stubenhocker, ich aber als Mutter möcht' einen praktischen Mann großziehen, der sein Geschäft versteht, kurz und gut einen, der's zu was bringt im Leben.« Der Luegecker verzog verächtlich die Lippen, in denen die Pfeife hing. »Soll er vielleicht auch als Bierwirt rumlaufen?« fragte er, der ob seines Berufes vor jedem Gebildeten ein merkwürdig schlechtes Gewissen hatte. »Das weiß ich nicht,« kam es zurück. »Nur das weiß ich: was er wird, soll er ordentlich werden.«

Sie hätte noch lange bei der Berufswahl des Buben verweilen können, aber sie wurde unterbrochen durch ein schallendes »Grüß Gott!«, das von der Türe kam. Dort trat ein Mensch mit festen Nagelschuhen über die Schwelle, ein Jäger im hohen Hütel mit der Feder, im Grünrock mit goldenen Aufschlägen, in kurzer Lederhose mit darübergezogenen, großen Strümpfen. »Mein Herr – das ist ja der Kajetan!« rief der Luegecker. »Dicker ist er nicht geworden, der spindeldürre Bursch von der Rehpichler Mühle, die Jahre, die wir ihn nicht mehr gesehen haben, auch wenn er sich einen Vollbart um's Gesicht und eine Büchse über die Schulter gehängt hat, beide so groß, daß es ihn fast herunterzieht.« Auch Frau Therese trat jetzt näher und begrüßte den Ankömmling. Der machte nicht viele Umstände, sondern setzte sich einfach auf die Anrichte, indem er einen der geschälten Erdäpfel in den Mund schob und die Lederhaut seines schwer gebräunten, länglichen Gesichtes durch breites Grinsen in Falten zerlegte. Dann begann er sofort, Erinnerungen aufzufrischen. »Man hat mich zum königlichen Jagdgehilfen gemacht, trotzdem oder vielleicht gerade, weil ich als der gefährlichste Wilddieb der ganzen Dachauer Gegend verschrien war.« »Oh, wir wissen's noch gut.« nickte Frau Therese mit vielsagendem Blicke. Das genierte aber den Kajetan nicht im geringsten, sondern ermutigte ihn eher. »Ja, ja, das war einmal!« lachte er. »Jetzt aber heißt's: Krünn bei Mittenwald!« »Was, Krünn?« fragte der Luegecker. Der Kajetan nickte. »Da ist mein Sitz. Dort setz' ich jetzt das Geschäft mit obrigkeitlicher Bewilligung fort.« Und er fügte bei, es sei da droben ein Land, von dem man sich keinen Begriff mache, auch wenn man die Berge vom Moos der Hochebene aus bei gutem Wetter tagtäglich vor sich sehe. Gemsen, die zweihundert auf einem Rudel beisammen und Zwölf- bis Vierzehnender die zwanzig Stück, die man alljährlich zum Schuß bekäme! Nur die Sennerinnen hielten bei weitem nicht das, was sie auf den schönen Bildern versprächen. Ihm jedenfalls seien die Dachauer Mädeln die lieberen. Viel mehr Zutraulichkeit und Gemüt. Außerdem müsse man bei den andern da drinnen oft gar so hoch kraxeln. Stieg man aber herunter von ihnen und von den ganz entlegenen Hochwänden in das breite Tal, dann war man rings umschlossen von allen möglichen Berggruppen, die vom Allgäu drüben bis hinab zur Riß reichten. Vorn das Karwendel und der ganze Wetterstein, im Hintergrunde die Tiroler Berge bis hinüber nach Innsbruck. Das war schon im Sommer oft zum Hupfen vor lauter Pracht, aber erst im Winter! Dann krachte das Eis vom Barmsee herüber des Nachts, daß man's in Krünn hörte, und am frühen, eiskalten Morgen schoß der Rauch pfeilgrad von den gut geheizten Kachelöfen der Revierförsterei durch die glasige Luft mit den gefrorenen Silberfäden bis hinauf zu den Dächern des kleinen Orts und dem mit grünen Schindeln gedeckten Kirchturm. In diesen Tagen pfiffen auch die Schlitten im festgefrorenen Schnee Melodien, daß die verfrorenen Spitaler vom Moos und von der Stadt Augen und Ohren aufreißen würden, könnten sie's hören.

»Als wie man's manchmal in Büchern liest, so schön, so voll Gefühl!« meinte der Luegecker, indem er seiner Frau zunickte. Die sagte, der Kajetan steige besser von der Anrichte herunter, da er sie sonst in der Arbeit aufhalte. Außerdem sei die Hälfte ja doch nicht wahr, die Grünröcke lögen alle samt und sonders. Das wisse man nachgerade; deshalb werde der Rehpichler Müllerssohn auch keine Ausnahme machen. Diese Bemerkung quittierte der Ankömmling dadurch, daß er eine neue Kartoffel nahm und gleichgültig bemerkte, er gebe wohl dann und wann mal eine Zuwage, in diesem Fall aber habe er die Wahrheit gesagt. Allerdings, die Naturschilderungen seien vielleicht nicht von ihm ganz allein. Er lese sehr fleißig und hätte es sonst wohl nicht so wunderschön aufsagen können. Im allgemeinen aber brauche er die Bücher nicht; er wisse, von einigen Wildereien abgesehen, die man nun mal auf keinem Gebiete völlig lassen könne, sehr gut, wie er seinen eigenen Schnabel zu dirigieren habe.

Auch hier mischte sich wieder Frau Therese ein. Sie hätte diese zweifelhafte Fähigkeit des Kajetan noch in sehr guter, vielmehr in sehr übler Erinnerung. Weit und breit habe bei der Kirchweih im Dachauer Moos keiner so hundsgemeine Vierzeiler verfaßt wie er. Da seien Worte und Ausdrücke darin vorgekommen, daß sie oft gemeint habe, sie müsse die Schürze über das Gesicht ziehen. Der Luegecker zollte diesen Worten lachend Beifall, ja, er wollte sogar ein solches Liedel, das er noch in guter Erinnerung hatte, mit lautem Tone anstimmen. Aber seine Ehehälfte verbat sich das, und auch der Kajetan meinte, damit sei es jetzt für immer vorbei. Er habe sich auf die edle Seite gelegt, mit der man entschieden besser vorankomme als mit dem ewigen Sauhirtenton. Das beweise ein neu fabriziertes Gedicht von ihm, welches den Ausschlag gegeben habe, daß er und kein anderer vom Bezirk Werdenfels nach München zum Festschießen designiert wurde. Zuerst wollte man nämlich, wie das ja auch ganz begreiflich gewesen wäre, den allerbesten Schützen entsenden. Das sei, wie er selbst zugestehen müsse, nicht er, sondern sein Kollege, der Schauer Franzl von Wallgau, der auf zwölf Schuß elfmal das Blatt treffe. Aber der Kerl besaufe sich bei jedem Schießen derartig und würde dabei auch so ungemütlich, daß man fürchten müsse, er könne in Gegenwart der hohen Herrschaften, die das Fest beehrten, den ganzen Bezirk auf ewig im Ansehen schädigen. Da es nun mit diesem wüsten Gesellen nichts war, und außerdem die Vorstandschaft der Münchener Schützengesellschaft ein poetisches Angebinde von jedem Teilnehmer forderte, was da draußen niemand weit und breit fertigbrachte, nicht einmal der Herr Revierförster, sei man bei seiner Wahl geblieben.

»Laß mich sehen, was du gemacht hast«, stieß der Luegecker hervor. Es war nämlich sehr eilig damit, da die verschiedenen Devisen der einzelnen Schützen bis zum Feste gedruckt vorliegen mußten. Da zog der Kajetan aus dem Hinterteil seines Rockes ein ganz zusammengesessenes Notizbuch heraus und las von einer mit Fett und Schmutz bedeckten Seite in feierlichem Tone vor. Er hob dabei jede Silbe scharf heraus und verhinderte zugleich, daß der Atem durch die Nase zog, wie er das öfter an jungen Kooperatoren bei Begräbnissen oder Sonntagspredigten beobachtet hatte:

»Der Bayer ging, in Griechenland zu thronen,
Das Volk zu retten aus verjährter Schmach;
Doch jeder Schall aus donnernden Kanonen
Ruft ihm die Grüße unsrer Liebe nach.«

Der Luegecker meinte, während ihm das Wasser in die Augen kam, das sei einfach großartig. Ja, es stelle einen der allerbesten Sprüche dar, die eingeliefert wurden; die Frau Therese aber fragte, während sie wieder ihre Erdäpfel vornahm, ob denn der Kajetan überhaupt eine Ahnung habe, wo das Dingsda, das Griechenland liege. »Weit drunten halt, ganz drunten, über's Wasser 'nüber«, sagte der Jagdgehilfe, indem er mit der rechten Hand einen Bogen gegen die Sendlinger Kirche beschrieb. »'S ist schon noch ein bißl weiter als bis da hinaus«, sagte die Wirtin. »Nun ja«, lachte der andere wieder, »auf ein paar Stunden kommt's mir nicht an.« Frau Therese aber ließ nicht locker. »Was du eine Ahnung hast! Von hier aus, wo reichlich Erdäpfel und Grünzeug stehen, wo der Vater Luegecker dir auch eine Maß bringt, wenn du eine willst, sieht sich das leicht an, aber wenn man selber dahin kommt?«

»Mir wär's weiter kein Beschwer, heut' noch 'nunterzugehen,« lachte der Jagdgehilfe, indem er seine blanken Zähne sehen ließ. Beweis: er habe sich vor zehn Jahren auch nicht gescheut, von Dachau dem Rufe nach Mittenwald zu folgen. Heute sehe man das für eine Kleinigkeit an; aber damals! Er denke noch mit Grausen an den Abschied von seiner Mutter und den fünf ledigen Schwestern. Die hätten geheult wie die Schloßhunde und ihm Lebewohl gesagt, als ob er nach Amerika ziehen sollte. Richtig habe ihn denn auch das Unglück in München bei der Abfahrt gleich am Krawattel gefaßt. Er habe sich zur vorgeschriebenen Stunde früh acht Uhr pünktlich beim Postamte eingefunden, aber der gelben Wagen seien dort so viele gewesen, daß er natürlich in den falschen stieg und nach vier Stunden ganz vertrottelten Zustands in Grafing herauskroch, statt in Wolfratshausen, worüber er fahren sollte. Schließlich sei er aber doch ans Ziel gekommen, und seitdem er das durchgesetzt habe, nehme er's mit Gott und Teufel auf, ja, er ginge noch heute fort, wenn ihn der König riefe.

Der Luegecker faßte ihn bei beiden Schultern und sah ihm tief in die Augen. »Das ist ein Wort, genau so mannhaft, wie das vom Herrn Staats-Renten-Liquidations-Kommissär Windmassinger, der in seiner Devise, wie du gleich oben im Saale sehen wirst, wörtlich sagt:

»Für Griechenland, für's teure, gebe ich Gut, Blut und Leben;
Ich würde, von ihm gerufen, sogar mein teueres Vaterland aufgeben.«

»Ach was, der Windmassinger,« grollte Frau Therese, »der elende Krüschpel, das ausgehuzelte Mannl von sechsundfünfzig Jahren schreibt so was hin, ohne was dabei zu denken. Bei dem, wenn man's drauf ankommen ließe, könnte man seine Wunder erleben. Vor allem würde ihm seine Alte ein paar Feste hinter die Ohren hauen und ihm zeigen, daß sein Platz am Ofen und nicht in Griechenland ist.« »Du verstehst von so was nichts!« eiferte der Luegecker. »Sei du ganz still! Du hast zuerst dem Faist gegenüber am stärksten auf den griechischen Schwindel geschimpft.« »Gewiß,« meinte der Luegecker, »aber seit ich sehe, was die Sache für einen tiefen Sinn hat, tue ich das nicht mehr.« »Tiefer Sinn?« wiederholte die Frau. »Das einzige ist noch, daß dabei was verdient wird.« »Das ist es aber nicht allein«, bemerkte der Luegecker. Damit führte er den Kajetan über den Gang an aufgereihten Bierbanzen vorbei in den Festsaal.

»Da riecht's ja fast als wie daheim bei mir!« meinte der Jagdgehilfe, indem er auf die Tannengirlanden wies, die sich von dem geschnitzten Lüster aus in die vier Ecken zogen. Der Luegecker stimmte zu. »Und was das Praktische ist, was die vielen Kosten erspart, das sind die Fahnen, die da überall herumhängen. Verstehst du wohl? Bayern hat weißblau, Griechenland hat's auch; man braucht also gar nichts anderes anzuschaffen.« Worauf der Gast eifrig zurückgab, das sei nicht wahr; Hellas habe bekanntlich blauweiß. Der Luegecker meinte, das sei doch ganz Wurscht, worauf ihm noch eigensinniger erwidert wurde, das sei gar nicht Wurscht; man solle wenigstens ein paar Fetzen noch schnell umdrehen, damit der Unterschied gewahrt bleibe. Und ohne Zögern befahl er den Handwerkern, die da herumstanden, in solchem Sinne tätig zu sein. Dabei fiel sein Blick auf zwei große Bilder, die sich auf beiden Seiten direkt gegenüberhingen. Das eine stellte Bayerns höchste Erhebung, die Zugspitze dar, wie man sie von Partenkirchen aus sieht, mit der davor gelagerten Waxensteingruppe, das andere wies die Akropolis auf, mit den noch vorhandenen Säulen und Giebeln sowie dem darunter liegenden Athen. Um die hohe Flügeltüre des Saales aber waren zwei weitere Bilder angebracht. Zur Linken ein Frauenzimmer in langer, faltiger Gewandung, einen Speer im Arme, einen Helm auf dem Hinterkopfe, in den zwei Augen gestochen waren. Zur rechten Hand ein kühn bezopftes Reckenweib mit zottigem Bärenfell und einem ungeheuren Löwen. »Pallas Athene« stand unter dem einen, »Bavaria« unter dem andern, während über ihnen und über der Türe drei schwebende Genien mit blauen, roten und grünen Spensern als Glaube, Liebe und Hoffnung gruppiert hingen. Um diese allegorischen Gestalten schlang sich wie bei der Krippe des Gankoffen eine goldseidene Schärpe, die in schwarzen Buchstaben die Verse trug:

»Hellas und mein Vaterland
Sind vereinigt durch ein Band.
Froher Zukunft Sonne scheint,
Und der Schmerz hat ausgeweint.«

»Luegecker!« juchzte der Jagdgehilfe, »das ist so wunderschön, daß ich ordentlich Durst krieg'. Jetzt mußt du mir wirklich eine Maß bringen.« Mit diesem Rufe sowie mit dem Biere setzte er sich an einen der zahlreichen, runden Tische in die linke Ecke des Saales und war volle zwei Tage trotz aller Schimpfereien der Frau Therese, trotz aller Bitten des Luegecker, sich wenigstens einmal zu waschen, nicht mehr wegzubringen, bis ihn am dritten die Böllerschüsse des beginnenden Festes am frühesten Morgen erweckten.

Da machte er sich mit einem bleiernen Schädel, der ihn jedes Haar einzeln fühlen ließ, auf den Weg in die Kirche, in den Bürgersaal, wo die Schützen erst einem Hoch und Bittamte beiwohnten, um dann nach einem Aufmarsch vor der Residenz in bester Ordnung die Kaufinger- und Neuhauserstraße zur Schießstätte hinauszuziehen. Dort entfaltete sich beim nun beginnenden Mahle in allen Winkeln des geräumigen Hauses ein frohes Leben. Das Außergewöhnliche der ganzen Veranstaltung erlaubte es zwar nicht, daß man wie sonst kunterbunt an einer Tafel zusammensaß. Es thronten vielmehr an dem Ehrentische unter dem Lüster in würdiger Haltung die aristokratischen Mitglieder der Gesellschaft sowie die von den Allerhöchsten Herrschaften eigens detachierten Adjutanten. Auch die von ihnen abgeordneten Schützen, die im königlichen Namen zu feuern hatten, durften an dieser Stätte, obwohl sie nur Leibjäger, Hofjäger, Büchsenspanner oder sonst etwas waren, mit einer gewissen Zurückhaltung und angemessener Bescheidenheit Platz nehmen. Unter der »Bavaria« machte sich dagegen die gesamte Vorstandschaft der Gesellschaft breit, die aus nicht weniger wie vierundzwanzig Köpfen bestand; lauter angesehenen Männern in öffentlichen Stellungen. Unter der »Pallas Athene« saßen die designierten Gebirgsschützen, zu denen sich auch der Kajetan gesellte, unter der » Zugspitze« so etwa dreißig Münchener Bürgersohne. Die hatten sich die Sporen im öffentlichen Leben erst zu verdienen, wußten aber in unbeobachteten Augenblicken, wenn die Alten nicht gerade herüberblickten, schon recht selbständig aufzutreten.

Soweit hätte sich alles ganz harmonisch im Rahmen eines schönen, lustigen Freischießens gehalten, wie sie alle vier Monate von der Gesellschaft veranstaltet wurden, wenn nicht dort unter dem Bilde der Akropolis ein paar ganz absonderliche Vögel stark herausgesprungen wären. Der Kajetan guckte, während sein Kater unter dem Einfluß einer Karfiolsuppe und eines soliden Lendenbratens allmählich verflog, lange hinüber auf die sonderbaren Leute. In roten, mit Gold verzierten Samtspensern steckten sie, wie die Schnelläufer vor noblen Equipagen, kurze Röcke trugen sie, wie die Weiber vom Hoftheaterballett, und auf das pechschwarze Haar des Hauptes war eine schirmlose Mütze mit Quasten gestülpt, die sich durch die schwarze Seide sonderbar von den zitronengelben Gesichtern abhob. Wer die wären, fragte er einen seiner Nachbarn. Der kam aus dem noch entlegeneren Gebirgstale, der Jachenau bei Lenggries und erklärte, er wisse gerade so viel und so wenig. Ein dritter, der aus Schongau stammte, somit von der Welt schon eher was zu schmecken bekommen hatte, meinte flüsternd, das wären Maschkara, wie man sie halt nur in der Stadt sehe. Dem aber widersprach in zurechtweisendem Tone ein gar vornehmer Herr vom Mitteltische, der diese Unterhaltung zufällig belauscht hatte. Erstens gebe es im Sommer keinen Fasching, außerdem stelle so eine leichtfertige Behauptung eine direkte Ungezogenheit dar, eine Respektwidrigkeit gegen das Königliche Haus. Denn diese Herren da drüben seien die Abkömmlinge hochedler Geschlechter aus Hellas Stamm, Söhne von Männern, die für die Freiheit ihres Vaterlandes ihr Blut vergossen. Jetzt lebten sie hier auf Kosten des allergnädigsten Königs, der sie in einem eigenen Pensionat ausbilden lasse und alles für sie tue, wie er denn überhaupt nicht nur der Vater seines eigenen Vaterlandes, sondern der ganzen zivilisierten Welt sei. Die Tracht aber, die seine dankbaren Zöglinge trügen, sei die sogenannte Fustanellentracht, bestehend aus dem Albaneserhemd und dem von der Taille bis zu den Knien reichenden Faltenrock, wie ihn dort unten in dem gesegneten Lande groß und klein trüge. Sollten die Gebirgler außerdem noch zu wissen wünschen, wie die edlen Jünglinge hießen, dann wäre er bereit, sie ihnen der Reihe nach aufzuzählen. Tzavellas, Karaiskakis, Mauromichaelis, Kanaris, Tombasis, Kriesis, Delijanni, Metaxas.

Die so Belehrten schauten mit offenem Munde hinüber und priesen sich im stillen glücklich, daß sie nicht auf Namen getauft waren, die sie am anderen Tage wohl selbst nicht mehr gewußt hätten. Der Kajetan aber erhob sich mit seinem Kruge und musterte die närrischen Gesellen in der Nähe. Er konnte das ganz unbekümmert tun, denn zwischen den Tischen war fortwährend großer Verkehr. Dicke Kellnerinnen rannten, während ihnen der Schweiß von der Stirne perlte, mit Tellern und Schüsseln herum, der Luegecker schrie beständig »Soß, Soß!«, indem er den Bierträgern Platz machte, und obendrein gab es auswärtige Schützenbrüder, die gerade so neugierig waren wie der grüne Jagdgehilfe. Die Hellenen merkten es wohl, daß sie von allen Seiten aufs Korn genommen wurden, denn sie ließen in der Art exotischer Tiere im Käfig die Augen unruhig bald dahin, bald dorthin wandern, ohne ein Wort zu reden. Nur manchmal grinste einer von ihnen kurz in die Luft hinaus, wenn ihm das Gegaffe gar zu dumm wurde oder stieß einen der Dolmetscher an, die daneben saßen. Gleich darauf sank aber sein Gesicht in die einförmige Versteinerung zurück, die sie alle überzog.

»Siehst du, der da mit der ganz langen Nase da, der ist es!« hörte der Kajetan hinter sich an einem Bürgertische reden. Er drehte sich um, so vorsichtig, als ob er einem Wilderer aufpassen wollte und gewahrte zwei Bürger in vertraulicher Unterhaltung. Der eine mußte Lebzelter sein, denn während er auf den jungen Griechen deutete, jammerte er über die vielen Honigkuchen, die der Bursche für noch drei andere seiner sauberen Brüder von ihm beziehe, ohne jemals zu zahlen. An das Hofmarschallamt dürfe man auch nicht schreiben, weil man da höchstens Grobheiten bekomme; also was solle man tun? Der Angeredete, der dem Kajetan ein Schneider zu sein schien, klagte in seiner Erwiderung mit verständnisvollem Senken der Augenwimpern, daß ihm neulich eine Kundschaft unter Hinterlassung von dreiundsechzig Kronentalern Schulden abgeschoben sei, ohne daß man wisse, wohin. Worauf der Lebzelter meinte, es sei jetzt überhaupt eine böse Zeit; nur der Schund käme in die Höhe, das Gute bliebe unten. Wenn man zum Beispiel die Devisen für dieses Fest betrachte, da müsse er schon sagen, es stehe schlecht um die Dichtkunst; in seiner Firma würden für gebackene Herzen und Seelenzöpfe viel bessere Poesien zubereitet. Sein erster Geselle zum Beispiel sei Meister darin und nehme es mit jedem auf, ob der nun fürs Hoftheater schreibe oder für den Residenzbäck.

In diese Unterhaltung tönte vom Ehrentische in der Mitte eine fade, durch die Nase geworfene Stimme hinein, die in der Gangart der Schnecken eine Erzählung vom letzten Besuche in Wien, von der Gnade des Kaisers und der Erzherzöge berichtete. Das sei ein Graf, ein Kammerherr des Königs, ein ganz Gewappelter und dreimal Verspezelter, flüsterte der Luegecker. Außerdem stehe der Mann in so großer Gunst und so unermeßlichem Ansehen, daß er so einfältig daherreden könne, wie er wolle. Da der ganze Tisch kein Wort des Widerspruchs gegen den hohen Glatzkopf mit den Hängebacken wagte, sondern nur mit verhaltenem Atem lauschte, schlich der Kajetan, obwohl der Spektakel vom Tellergeklapper und Krugniederschlagen, vom Lachen und Zurufen rings um die schweigsame Mittelinsel ein sehr großer war, auf Zehen um die geheiligte Stelle, indem er wieder zu seinem Platze strebte. Dabei mußte er allerdings noch an zwei kleineren Tischen von Bürgern und an dem ganz großen der Bürgersöhne vorbei und unwillkürlich hören, was auch da geredet wurde. Ein Partikulier rühmte die Schönheit des heutigen Gottesdienstes, während ein anderer in breiter Weise auf die Predigt zurückkam. Die Jungen aber trugen schon stärker auf und benahmen sich viel sicherer als ihre Genossen aus Griechenland. Der eine lief einem Mädel vom Lipperltheater nach und schilderte unter dem Gelächter der ganzen Tafel ihre Reize. Ein anderer behauptete, diese Person kenne er sehr gut; der Herr Verehrer möge sich aber mit ihr verflucht in acht nehmen; sie sei sakrisch raffiniert, und wenn sein Vater dahinterkäme, setze es einen schönen Krawall. Darauf gab sich der Liebhaber ein gewichtiges Ansehen, indem er meinte, sein Vater habe ihm gar nichts zu sagen, was allgemeine Verwunderung im Kreise hervorrief. »Dann schau, daß sie dich nicht auf andere Weise aufs Glatteis führt!« meinte der Spötter. »Ich bleib' dabei, sie ist ein Luder, was heillos viel Geld kostet.« »Das macht mir nichts!« lachte der junge Protz, indem er auf sein Portemonnaie klopfte, von dem die ganze rechte Hosentasche geschwollen war. »Hast du denn gar so viel?« tönte es in der Runde. Er lachte. »Ich wenn reden wollt'!« Die andern sahen halb ungläubig, halb neidisch drein. »Wir dürfen's nicht so treiben, müssen uns bös einschränken.« »Euere Sache!« kam es zurück. »Bei mir zu Haus steht auf der Kommode neben der Türe im Eßzimmer immer eine Schüssel voll gewechseltem Silber. Da lang' ich halt blind hinein. Ist's manchmal ein bißchen zu wenig, macht es nichts, weil man ja immer nachholen kann. Ist's zu viel, schadet es auch nichts, weil es bei uns ja nicht darauf ankommt.«

Nun wollten die andern hochfahren. Sie nannten ihn einen Aufdreher, dessen übles Geflunker einem bürgerlichen Feilenhauerssohn gar übel anstehe. Auf einmal aber wurde ihre große Entrüstung durch Eingreifen einer höheren Gewalt energisch beschwichtigt. Ein bejahrter Herr mit weißem Vollbart und goldener Brille hatte sich nämlich vom Tische der Vorstandschaft erhoben und klopfte mit dem silbernen Deckel seines feingeschliffenen Stammglases mehrfach mit jener Autorität hernieder, die keinen Widerspruch, keine Zwischenrede mehr duldet. »Der Steinbeis! Der Steinbeis! Der Hofadvokat!« so ging es kurz flüsternd durch die Reihen. In langem Zuge, wie Gänse und Enten, wenn sie abends in den Stall getrieben werden, watschelten die Kellnerinnen der Reihe nach ab. Hinter ihnen die Bierträger. Als sie draußen waren. stellte sich der Luegecker der ganzen Breite nach beschützend vor die hinter ihm fest zugeschlagene Türe. Er machte eine Miene, als ob er jeden erwürgen wollte, der sich die Frechheit herausnähme, von außen dagegen zu stemmen. Ein kurzes »Pst«, was noch durch den Saal huschte, hinübergerichtet zum Tische der Bürgersöhne, dann begann der Generalpräsident der Haupt-Schützengesellschaft seine große Rede mit jenem berühmt gewordenen Schwunge, den er jedesmal einsetzte, ob er oben im Stadtgerichte sprach, um einen Raubmörder dem Schafott zu entreißen, oder wie jetzt zu den Schützenbrüdern, um ihnen die unermeßliche Bedeutung dieses großen Tages in historischer Entwicklung auseinanderzusetzen. Dröhnend zog dabei das alles beherrschende Organ in zahllosen Registern durch den überfüllten Saal. Erst kam der Dank an das erhabene Königshaus. Dann die Begrüßung der von ihm entsandten, hohen Gäste, dann traf es die jungen Hellenen, dann die Geschichte des ganzen Griechenlands von Miltiades und Perikles an bis zu dem glorreichen Tage, da des gewaltigen Königs siegreicher Sohn das edle Volk vom Joche der Türken befreite. Ein üppiges Pathos war es, was der Redner entfaltete; es steigerte sich in den einzelnen Etappen zwischen monumentaler Darstellung, ja, schließlich schien es, als rede er nicht mehr in geschlossenem Raume, sondern unter freiem Himmel vor dem ganzen versammelten Volke von Lindau, von Ansbach bis hinunter nach Nauplia und zum Piräus. »Bayern, so hab' ich uns alle genannt, jetzt aber möchte ich uns einen noch höheren Ehrentitel verleihen, der hinausgeht über die weißblauen Grenzpfähle. Bavaresen, so sollen wir heißen von heute an. Denn in dieser unzerreißbaren Verschmiedung zweier großer Begriffe liegt das Unerhörte, was wir anstreben; in ihr liegt das Gemeinsame, das diese beiden Völker in ewiger Freiheit verbindet. Wie der heilige Berg Andechs vom Ammersee, den wir oft siegreich aus dem Nebel steigen sahen, wenn wir wallfahrend zu ihm hinanzogen, dem Berge Athos zu vergleichen ist, der den Göttern heilig war und dem Agäischen Meere entwächst, wie unser Oktoberfest den Olympischen Spielen würdig sich anreiht, so ist griechische, biedere Art mit der unseres Volkes zu vergleichen. Jauchzend zogen daher unsere Soldaten, die wir mit Stolz Stratioten nennen, hinaus, für diese Freiheit zu ringen; frohlockend wagten sie es, treu den Überlieferungen des heimischen Volkes, den ungeheuren Kreuzzug zur Aufrichtung des christlichen Königtumes auf altklassischem Boden zu unternehmen. Voran aber schwebten, wenn auch nicht in corpore, so doch im Geiste der Basileus und die Basilissa, der König und die Königin, und vor diesen nieder der König von allen, Lodovikos I., der jetzt ruhmbedeckt zurückgekehrt ist. Ihm gilt daher aus tiefster Seele unser donnernder Gruß, der Gruß aus treuen Schützenherzen, die stets ins Schwarze treffen, wenn es für's Vaterland gilt, der Gruß, der sich jetzt in die Luft erhebt als ein donnerndes Hoch!«

Dreimal stimmten die Versammelten mit erhobenen Bierkrügeln ein. Dann tönte unmittelbar anschließend der Weckruf des Ersten Schützenmeisters der Gesellschaft, der im echtesten Schulmeisterdeutsch in schärfster Heraushebung der Vokale »Das Schieß-en be-ginnt!« in den Saal rief. Das war das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Die Musikbande, die den Zug von der Stadt herausbegleitet hatte, setzte mit einem schmetternden Marsch ein, ein Dutzend rot- und gelbkostümierter Zieler erschienen im Saale, die die Scheiben zeigten, und unter lautem Gepolter wanderten die Schützen zu den Ständen hinaus. Nur ein Dunst von Speisen, Bier und aufsteigendem Tabakqualm blieb im Saale zurück. In dessen Mitte saßen am Tische der Vorstandschaft zwei Schützenbrüder, die, die kurzen Pfeifen im Munde, vor sich hinblickten. Der eine, ein Mann in höheren Semestern mit wenig gepflegter Kleidung und graumeliertem Vollbart, war der Redakteur Stöpel vom »Landboten«. Als solcher machte er eifrig Notizen auf ein paar lose Blätter, die vor ihm auf dem Tische lagen. Der andere, der eine tadellose, graue Schützenjoppe mit flatternder, schwarzseidener Kravatte und eine Stahlbrille trug, fuhr manchmal mit der flachen Hand über die blendende Glatze, die für seine noch jungen Jahre auffallend weit um den runden Schädel faßte. Jetzt setzte der Redakteur einen Augenblick aus, indem er wieder ein paar Züge mit der Pfeife tat. Von unten tönte das ununterbrochene Krachen der Schüsse herauf sowie ein von vielen Kehlen angestimmter Gesang, den die Musik begleitete. Der Redakteur horchte einen Augenblick hinaus. »Der bayrisch-griechische Festgesang«, nickte er befriedigt. Und da sein Tischgenosse keine Antwort gab, fuhr er nach einiger Zeit fort. »Ganz wunderbar hat er geredet, der Steinbeis; meinen Sie nicht auch, Herr Haubenschmied?« Der Gefragte nickte leicht, ohne eine Miene zu verziehen. »Ganz gewiß. Am besten gefiel mir die Stelle am Schluß, wo er meinte, die bayerischen Schützen träfen immer ins Schwarze. Schwarz ist bekanntlich unser aller Ziel, also, wo sollen sie sonst hinschießen?« Das schien dem Redakteur noch nicht zu genügen, denn nach einer Pause fing er wieder an. »Sie haben eine große Eisenhandlung, sind somit einer der ersten Industriellen. Wissen Sie es da nicht doppelt zu schätzen, was wir hier erleben?« »Oh ja,« sagte der Herr Haubenschmied sehr gelassen. »Nur will es mir nicht recht in den Kopf, daß man da herinnen Griechenland und die Freiheit in allen Tönen anhocht, während draußen im Lande zur selben Stunde die Verurteilungen zu Zuchthaus auf unbestimmte Zeit erfolgen. Wo stehen wir denn? Die Redefreiheit wird immer mehr unterbunden, die Pfaffen haben wieder das Heft in der Hand, sie führen sich auf, wie sie wollen, sie verklopfen für teures Geld die geweihten Wundermittel. Und zwar tun sie das, nachdem man sie erst unter dem System Montgelas mühsam hinausgetrieben hat.« Vorsichtig sah sich der Redakteur um. »Herr Haubenschmied, Sie können mir glauben, im Grunde ist das auch meine Überzeugung. Ich bin nämlich der freieste Mensch, den es gibt, bin rücksichtslos bis da hinaus, wenn's drauf und dran kommt. Aber jetzt – was kann man denn machen?« Sein Gegenüber lächelte mit derselben Ruhe, die ihn keinen Augenblick verließ. »Je nun, man braucht wenigstens so einen Weihrauch, wie man ihn hier dampfen ließ, nicht gar so schön zu finden.« Unwillig fuhr der Redakteur mit dem Bleistift herum. »Schreiben Sie was anderes, dann fliegen Sie hinaus!« »Bedauere, ich bin nicht Redakteur.« »Dann werden Sie einer!« »Wer weiß?« fragte der Eisenhändler. »Wenn ich so recht herumschmeiße mit meinen Gittern und Stäben, dann juckt es mich manchmal, eins der Verkaufsobjekte den Herrschaften auf den Kopf zu werfen, statt es aufs Land zur Kundschaft zu schicken.« Hocherstaunt sah ihn der Zeitungsmensch an. »Sie haben es nicht nötig, sich die Finger wund zu schreiben. Wenn Sie aber auf die Idee kommen, ein Blatt zu gründen, ein unabhängiges Blatt, dann erinnern Sie sich meiner. Denn ich sage Ihnen, wenn ich loslegen darf, soll München was erleben.« Und nun entwickelte er in längerer Rede sehr eingehend sein ganzes politisches Programm, bis die ersten Schützen vom Schnellschießen zurückkamen.

Die Unterhaltung mußte in andere Bahnen lenken, denn der wieder einsetzende Lärm unterdrückte jedes leis gesprochene Wort. Als der Lautesten einer gebärdete sich der Kajetan. Er hatte zwei Treffer gemacht, einen auf »Haupt« und einen auf »Glück«; jetzt kam die große mehrstündige Spannung, welche Preise er dafür ernten werde. Diese Zeit füllte er damit aus, daß er mit den Kollegen von der Jachenau und von Schongau, zu denen sich noch drei andere Jäger gesellten, weidlich zum Kruge langte. Seinem braunen Gesichte sah man dabei weiter nichts an, wohl aber wurden die Bewegungen immer lebhafter, die Sprache immer aufgeregter. Eine Devise, die er im Ehrenbuche der Schützengesellschaft gefunden hatte, war ihm so schön, ja, viel besser als seine eigene erschienen, und die jodelte er mit einer schnell zusammengedudelten Melodie vor sich her:

»Ich kann's nicht entbehren,
Den König Ludwig zu ehren,
Und sollt' ich das Ganze verlieren,
So muß ich es heut' noch probieren,
Daß alle meine Schuß gewandt,
Und aufgepackt nach Griechenland.«

»Jawohl.« schrie er. »Ich laß es nicht beim schönen Reden bewenden, wie die Herren von der Vorstandschaft, ich hock' mich nicht hinter den Ofen und bleib daheim, nein, ich laß mich anwerben, ich geh' mit.« »Sei kein Schöps.« warf sein Kollege aus der Jachenau ein. »Warum denn?« fragte der Schongauer. »So ein Ausflug wäre gar nicht so übel. Gute Löhnung, schöne Gegend, gar kein Winter, und wo du hinspuckst, lauter saubere Frauenzimmer.« »Mein' ich auch!« nickte der Kajetan. »Der Hauptzollamts-Verwalter unten beim Schießen hat mir gesagt, daß man bei keiner was zahlen braucht.« Trotz dieser erhebenden Aussicht blieb der Jachenauer eigensinnig. »Daheim ist daheim.« »Was denn daheim?« fletschte der Kajetan. »Daheim in Krünn hab' ich einen Deppen von Revierförster auf dem Halse, der mich den ganzen Tag versohlt und verkohlt, aber da drunten lauf' ich nobel herum als Kavalier, als freier Mensch, fein angezogen, so wie die da!« Mit diesen Worten rannte er auf einen der jungen Griechen, die jetzt wieder zur Saaltüre hereinkamen, zu und umarmte ihn in heißer Inbrunst. Der so Gefeierte suchte sich zu entziehen. Aber der Kajetan ließ ihn nicht los. »Bruderherz!« schrie er, indem er ihm den bierbefeuchteten Mund ein paarmal aufpreßte, »Bruderherz, wie haben sie drunten gesungen?

Reiche die Rechte, den Mund mir zum Kuß,
Bist nicht wie ich Patriot?
Schützen, die Losung im krachenden Schuß:
Tod dem Verräterkomplott.«

»Aus-lassen, aus-lassen.« stöhnte Mauromichaelis, der der Umarmte war. »Nichts da!« jauchzte der Kajetan, indem er auf die Akropolis wies. »Ich geh' mit dir da hinunter, und meinen Revierförster, den langweiligen Hammel, den lad ich auf die Kirchweih!«

Von den Schützenbrüdern, die jetzt in größerer Zahl wieder zurückkehrten, schauten einige kopfschüttelnd auf den losgelassenen Gesellen, um so mehr, als der Oberhofmarschall nebst verschiedenen Aristokraten über solches Benehmen bedenklich die Nase rümpfte. Auch der Redakteur neigte sich wieder zum Herrn Haubenschmied, wobei er meinte, diese Sorte von Fröhlichkeit ginge zu weit. Der Angeredete tat sehr gleichgültig. »Daran ist der Jäger nicht schuld, sondern die tragen die Verantwortung, die es so weit gesteigert haben.« Das hörte der Kajetan, der seinen Griechen losgelassen hatte und gerade vorbeiging. »Ja, ja,« wieherte er, »die . . . die . . . sind's gewesen, vor allem der, der da just des Wegs kommt!« Er wies auf den Luegecker, den jetzt die Vorstandschaft in besonderer Mission gegen den Betrunkenen aufmarschieren ließ. Mit einem zu komischem Ernste gezwungenen Gesichte nahte sich der engere Landsmann vom Dachauer Moos dem gröhlenden Jagdgehilfen. Dabei drohte er mit dem Finger und streckte ihm ganz dicht die Nase entgegen. »Wenn du nicht sofort still bist, Kajetan, dann fliegst du hinaus, samt deinen ungehobelten Manieren und kannst schauen, woher du deinen Preis kriegst.« Da schlug der Kajetan auf den Tisch, daß die Krügeln tanzten. Er war eine Seligkeit und riß durch sein Wesen die ganzen Grünröcke mit, daß die auch auf die Platte herniederzuhauen begannen und gurgelnde Laute von sich gaben. »Weißt was!« schrien sie den Luegecker an. »Statt daß du geschmierte Reden hältst, Wirtsprotz verdammter, bringst du uns lieber Bier!« »Ja, Bier her!« schrie der Kajetan. »Bier!« Dann stimmte die ganze Sippe, während sie sich gegenseitig mit gellendem Gelächter anstieß, mit freier Variation in das Lied ein:

»Schenkts m'r amal was Griechischs ei'!
Boarisch woll' ma' lusti' sei'.
Schenkts m'r amal was Griechischs ei',
Boarisch woll' ma sei'!«

Damit lümmelten sie sich an den Tisch und stemmten die Arme auf. Der mähliche Übergang vom patriotischen Pathos zum heimischen Dialekte ließ alle möglichen Erinnerungen in ihnen wach werden, an zärtliche Abenteuer auf der Höhe, an traute Stunden im Tale, und so begannen sie denn, nachdem der Kajetan mit einem gellenden Pfiff durch beide Finger das Zeichen als erster Kapellmeister gegeben hatte, gänzlich ins Bayerische hinüberzurutschen, indem sie mit aufgerissenen Mäulern einsetzten:

»'s Deandl, dös fragt net lang, wo kimmst denn her?
's Deandl, dös nimmt mi' a' so.
Nimmt mi' und tragt mi' ganz ohne Beschwer'.
Juchuzt und schreit glei' oho!«

Nun rückte der Vorstand der Schützengesellschaft, der Hofadvokat Steinbeis, in eigener Person mit hochrotem Gesichte an. Aber so wirkungsvoll vorher seine Rede über die vereinigten Länder gewesen war, so achtunggebietend das Klappern mit dem silbernen Krügeldeckel, hier verpuffte jedes Wort, was er mit größter Entrüstung hervorbrachte. Die Jäger, die das leichte Bier vom Lande und nicht das schwere vom Gaiglbräu gewohnt waren, brüllten ungestört weiter, und mit jeder Strophe wuchs die handgreifliche Deutlichkeit der von ihnen geschilderten Intimitäten. Keiner im Saale fragte mehr nach dem griechischen Fest, alles drehte sich nur noch um die Sänger der Schnadahüpfl. Die einen lachten, die andern taten verwundert. Der Advokat stampfte vor Wut auf den Boden, der Luegecker suchte vergebens abzuwehren, Frau Therese, die aus der Küche geholt wurde, schlug die Hände zusammen, die Bürgersöhne, die Griechen standen mit der ganzen Vorstandschaft ratlos herum, nur der Musikmeister, der jetzt zur feierlichen Preisverteilung mit der Kapelle zurückkam, hatte einen guten Einfall. Er ließ seine Leute noch einmal den Festrundgesang blasen, indem er mit der Trompete den sämtlichen Mitgliedern winkte, im Chore einzufallen. Das half, das bewahrte das ganze Fest vor einem heillosen Skandal. Zwar versuchten die Gebirgsschützen noch ein letztes Mal dagegen aufzukommen. Der Kajetan hielt beide Finger weit in den Rachen hinunter, er pfiff so sechs bis siebenmal nacheinander, wie eine Lokomotive, die Güterwagen zu rangieren hat. Da hielten sich die Umstehenden die Ohren zu, als ob es ihnen das Trommelfell zerrisse. Die Jäger aber, die nicht minder betrunken waren wie ihr Kollege, spannten die Kehlen zum Platzen und brüllten das Lied vom Deandl in allen Tonarten. Bald aber hörte man nur noch einzelne Laute, da der Kantus immer stärker zur Höhe schwoll und die patriotischen Tone über die vulgären siegten.

            »Zog einst ein König aus Bayerland aus,
Jung war der König und schön.
Über die Wogen zum griechischen Haus
Rudert ihn Glück nach Athen.
Glück, Glück dem Otto dort! Schützen, Glück, Glück!
        Frieden dem Waffenklang!
        Stürmischer Rundgesang,
        Otto'n dein Lebelang!
Glück, Glück dem Otto dort! Schützen, Glück, Glück!

Schützen, die Büchse knallt, Kugel hurrah!
Triff in dem Zentrum das Glück.
Glück muß mit Otto sein. Hölle ja, ja;
Turkoman, sprenge zurück.
Blau und Weiß flattert mit Weiß und mit Blau.
        Kolokotroni sandt
        Waffen in Otto's Hand.
        Glück, Glück von Scheyrenland,
Schützen, dem Bruder auf griechischer Au!

Reiche die Rechte, den Mund mir zum Kuß,
Bist nicht wie ich Patriot?
Schützen, die Losung im krachenden Schuß:
Tod dem Verräterkomplott!
Otto's Glück unser Wunsch. Männer der Treu,
        Stoßet die Buben aus,
        Treibt den Bastard hinaus
        Aus unserm Vaterhaus.
Freund, in die Runder der Schützen herbei!

Jeder von uns hier ein Vaterlandsmann,
Stolz pocht das Herz an die Brust.
Wein in die sprudelnden Becher! Stoßt an!
Otto's Glück, jauchzende Lust.
Lachet die Knaben, die greinenden, aus!
        Hurrah, vom Sang umbraus't!
        Kugeln dem Rohr entsaus't!
        Schelm ist, wer Feindes Faust,
Bay'rische Schützen, nicht Mann wär' im Strauß.«

»Aus, aus!« brüllten die Jäger. Aber der Luegecker machte jetzt kurzen Prozeß. Er hatte sie schon an die Türe geschoben und trotz allen Schimpfens mit den Bierträgern die Treppe hinunterbefördert. Dort vor der Haustüre drohte der Kajetan unter gottslästerlichen Flüchen, er gehe jetzt grad extra nach Griechenland, schon weil er den Revierförster nicht leiden möge, und weil man ihn hundsgemeinerweise in der Haupt-Schützengesellschaft um seinen mühsam errungenen Preis betrogen habe. Die Frau Therese aber sagte zu ihrem Manne, es sei hohe Zeit, daß die Gaudi ein Ende habe und er zum Rat Bauriedl gehe, den ihm der Gankoffen genannt habe. Mit der Schützenwirtschaft und mit Griechenland wäre es doch nichts.

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