Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Ruederer >

Das Erwachen

Josef Ruederer: Das Erwachen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Erwachen
authorJosef Ruederer
year1916
publisherSüddeutsche Monatshefte
addressMünchen
titleDas Erwachen
pages3-430
created20020505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Die Gaigls.

Vor dem brüchigen Tore, das, zu beiden Seiten von grün bewachsenen Befestigungsgräben der Stadt flankiert, die Sendlingerstraße abschloß, jenes kuriose Gewinde der entweder im reichsten Rokokostil verzierten oder auf einfachstem Verputz bunt bemalten Häuser, vor diesem Tore, das den Zugang bildete zu allem bürgerlichen Kleinhandel, zu Lebzeltern und Paternosterkramern, zu Zinngießern, zu Nagelschmieden, trieb neben dem Wege, der sich zum neuen Krankenhause und dann weiter zur Theresienwiese hinzog, die Zunft der Seilermeister zwischen durchlöcherten Holzpflöcken ihr ehrsames Gewerbe. Es schnurrte und surrte daselbst das große Rad den ganzen Tag; es wanderten die Gesellen in Hemdärmeln, den Hanf um den Leib geschlungen, die in der Höhe gelagerten Spindeln entlang, indem sie ein Faserbüschel nach dem andern in die bereitstehenden Haken senkten. Waren sie dann in der Mitte angekommen, so schritten sie rückwärts, wobei sich aus der Masse neue Fasern herauszogen, bis endlich die einzelnen Fäden sichtbar wurden. Die drehte man mit einer Kurbel immer wieder um, man legte sie in der Mitte zusammen und umwand sie nochmals, bis endlich unter Lachen, Trinken und Fluchen jenes große Seil auf der Erde lag, das ein paar Tage später in den Handel kam, um am Chiemsee die Einbäume zu befestigen oder einem armen Sünder den Hals so zusammenzuziehen, daß er ganz gewiß keine gotteslästerliche Äußerung mehr tat, sondern eilig ins Jenseits floh. Das nannte man bekanntlich die Hochzeit mit Seilermeisters Tochter machen, ein Brauch, der in Bayern schon längst nicht mehr in Anwendung kam. Aber die Vertreter des ehrlichen Handwerks, die da draußen vor dem Sendlinger Tore arbeiteten, fühlten sich als angesehene Männer weder eins mit dem unehrlichen des Scharfrichters, noch weigerten sie sich als gute Geschäftsleute, ihr solides Produkt an Staaten zu verkaufen, wo noch auf solche Weise justifiziert wurde.

Hätten sie nun, die zu solch umständlicher Arbeit in noch früheren Jahren gottergebene Sprüche zu singen pflegten, plötzlich die Aufgabe erhalten, die bereits gewundenen Taue wieder in einzelne auseinanderzulegen und zum Hanf zu verdichten, dann wäre ihnen das vermutlich leichter gefallen, als es einem der Nachfolger der Gaigls wird, die verworrenen Fäden dieser weitverzweigten Familie in allen Abstufungen streng voneinander zu halten. Die gingen nämlich keineswegs in der schnurgeraden Linie wie die der Luegeckers zu einem Dorfe oder dessen nächster Umgebung, sondern spannen sich fort, jenen Fluß entlang. der nicht nur in Volksliedern, sondern wirklich smaragdgrün zwischen stark gewundenen Höhenzügen und steil abstürzenden Kalksteinmassen vom Karwendel zur bayerischen Hauptstadt zieht: der Isar. Und wie über die durchsichtigen Gewässer zu Füßen der sich weit erstreckenden, geheimnisvollen Wälder Geschichte und Sage Hand in Hand schweben, so zieht es über die Köpfe der dort hausenden Mitglieder der angesehenen Sippe. Zwar haben ihre Lebensberufe der Phantasie keinen allzu großen Spielraum gelassen; die Gaigls waren Bäcker und Wirte, wobei als besonderes Merkmal hervorgehoben zu werden verdient, daß das Wasser die beiden Gewerbe wie zwei verschiedene Länder in Sprache und Bauart zu trennen verstand.

Wie man's im Süden oft sieht, daß auf der einen Seite der flache Campanile und auf der anderen der plumpe, deutsche Kirchturm mit der Zwiebelkuppel grüßt, so waren hier auf dem rechten Ufer die Männer, die mit dem frühesten sich erhoben, um den gekneteten Teig in den Backofen zu schieben, auf daß er drei Stunden später in die kleine Niederlassung der jetzt friedlich schlafenden Menschen gehe; auf dem linken Ufer die anderen, die spät zu Bett gingen, um den Rest des übrig gebliebenen Bieres im Banzen ins Freie zu tragen, auf daß er am anderen Morgen noch genießbar sei – oder wenigstens schiene. Auch in den Heiraten der Gaigls trat nichts weiter hervor, was die Saiten einer Dichterleier höher stimmen könnte. Sie erfolgten in der Regel aus höchst praktischen Anregungen heraus, von einer Vetternschaft in die andere, oder von Base zu Base. Und hier bildete der Fluß keine hemmende Grenze. Man fuhr bei hohem Wasserstande von Ufer zu Ufer, man watete oder ritt bei niederem bequem hindurch, man steckte sich den Rosmarinzweig ins Knopfloch, indem man einfach die Semmeln zu den Halbekrügeln und die Halbekrügel zu den Semmeln legte. Das ging so ineinander die Jahrzehnte lang, daß man nur noch mit dem Vornamen zu unterscheiden vermochte, und als diese schließlich einförmig wie bei den Luegeckers immer dieselben blieben, griff man zu den Beinamen der Häuser, die ihnen das herrschende Kloster gegeben hatte.

Da war's nun so ein Gehöft, auf das der Ruf hoher Berühmtheit von früher her aufgeklebt blieb wie das einladende Zeichen, das neben der Türe als behäbiger Ochse in vergoldetem Kranze aus Eisenblech geschnitten hervorsprang. Links der Isar befand sich die historische Stätte. Wie man ja schon erraten wird, da es sich um ein Wirtshaus handelt. Dort hauste im denkwürdigen Jahre 1705 der kurfürstliche Posthalter Sebastian Gaigl, ein Bärenmensch und zugleich ein treuer Parteigänger des angestammten Herrscherhauses. Der wackere Mann soll mit seiner Gattin, der geborenen Ursula Gaigl, einer Bäckerstochter – also, wie man wissen wird, vom rechten Ufer – schwer darunter gelitten haben, daß die vielgeliebten, hohen Persönlichkeiten, von den Österreichern vertrieben, irgendwo in der Fremde herumirrten, der Kurfürst im Norden, seine Gemahlin im Süden. Als nun die Oberländer Bauern im selben Jahre einen Tag vor Christnacht aus den Bergen die Isar hinauf gegen die Stadt zogen, um, wie die Legende behauptet, die von den Feinden inhaftierten Kinder des hohen Paares zu befreien, da gab ihnen der Gaigl als guter Patriot nicht etwa den Standerling zu kosten, der vom Tag vorher übriggeblieben war, sondern setzte frisches Bier aus der Klosterbrauerei des nahen Schäftlarn vor, für das er keinerlei Entgelt verlangte. Für solch schweres Vorhaben, meinte er, müsse man sich entsprechend stärken, und da gäbe es nichts Besseres als einen tüchtigen Trunk. Er selbst hob gar häufig den Krug zum Munde und stieß an auf gutes Gelingen. Dann nahm er, weil er wohl merkte, daß die anderen auch so etwas trugen, unter allgemeinem Jubel selbst eine seidene Fahne, die er einmal bei einem Schießen in Wolfratshausen gewonnen hatte. Seine bessere Hälfte jammerte zwar Stein und Bein, aber er blieb fest und setzte sich an die Spitze des Zuges. Freilich, wie weit er mitmarschierte, das sagt die Familienchronik nicht. Sein Vetter, der Nepomuk Gaigl, allerdings vom anderen Ufer, somit ein Bäcker und nebenbei ein boshafter Mensch, schrieb ein Jahr später in einem Briefe, der erhalten blieb, von den Nachkommen aber nicht gerne vorgezeigt wird, er habe gehört, »Der Sebastian sey in Pullach schon regressieret, dieweil es ihm bei der unbarmherzigen Kälte beinahe die Därme im Leibe zerfroren, und er auch sonst wohl gemerkt habe, daß nicht viel zu holen sey bei der ganzen Aktion, vor der ihn schon seine Ehefrau so bitter gewarnt habe, dieselbe Ursula, nach der es ihn außerdem auch wieder gar brünstig zurück verlangte.« Der Fahnenträger selbst soll anders geredet und das mörderische Feuer genau geschildert haben, das an der Kirchhofsmauer von Sendling die letzten der tapferen Streiter endgültig aufrieb. Jedenfalls muß er nicht allzu großen Schaden erlitten haben, denn er überlebte die Mordweihnacht volle vierunddreißig Jahre, wo er dann friedlich in seinem Bett an der Wassersucht, der typischen Krankheit der Leute starb, die im Leben so viel mit dem Bier zu tun haben.

War dem weißblau gesinnten Manne nun auch das Ende auf dem Schlachtfelde verwehrt, so betätigte er seine loyale Gesinnung gegen das angestammte Herrscherhaus die ausgiebige Lebensdauer durch. Er fuhr in die Stadt, als der Kurfürst zehn Jahre nach der niedergeworfenen Empörung dank einem wenig ehrenvollen Frieden in seine Residenz wieder Einzug halten durfte, er rannte vor seine Posthalterei, wenn die fürstlichen Equipagen aufs neue zur Sauhatz in die benachbarten Wälder fuhren, indem er eifrig den Hut schwang. Und er blieb auch dann noch loyal, als so viele die Faust ballten, weil der Max Emanuel für die Angehörigen der Opfer jener Christnacht, in demütiger Verbeugung vor dem unbarmherzigen Sieger, weder Hand noch Herz öffnete. Jeden, der aufmucken wollte in seiner Wirtsstube, wies er mit rauher Rede zurecht. Das sei nun mal so und nicht anders. Außerdem habe man nicht zu mäkeln an dem, was von keinem Geringeren eingesetzt sei als von unserm Herrgott. Er schluckte so manches hinunter dabei, der Sebastian Gaigl, denn wenn er auch zu jenen gehörte, die da meinten, die Oberen würden schon wissen, warum es gerade so gehen mußte, hatte er doch ein viel zu ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl, um dieses schreiende Unrecht nicht selbst zu empfinden. Möglich, daß er's sogar dem Kurfürsten ins Gesicht geschleudert hätte, wäre der durch Gewitter und Sturm zufällig mal in sein Haus verschlagen worden oder ihm sonst begegnet. Da durfte dann der Mann zum Mann reden, nicht der Knecht zum Herrn. Und das wäre ihm gerade recht gewesen, weil er so was wie eine Zusammengehörigkeit predigte, im Lande sowohl wie in der Familie. Den Vettern der Frau, dem Sohne und auch sonst bei jeder Gelegenheit sagte er nämlich stets, was er dachte, und verlor doch vor keinem die Achtung, auch wenn sie mal tüchtig daneben schlugen. Besonders die auf dem rechten Ufer bekamen gehörig was ab. Sie taten nämlich immer sehr dünkelhaft und bildeten sich nicht wenig darauf ein, daß sie es waren, die den Kaiser Ludwig den Bayern in der Schlacht bei Ampfing, wo schon fast alles kaput war, aus den österreichischen Reihen herausgewalkt hätten. Freilich fügten sie nicht gerne bei, daß sie selber mit der Bataille nicht das geringste zu tun hatten, da schon seitdem fünfhundert Jahre vergangen waren. Aber ihr Gewerbe, ihre Zunft, die griff in jener Stunde entscheidend ein, und die Gaigls glaubten sich bei gegebener Gelegenheit immer wieder berufen, dasselbe zu tun, wenn das Vaterland es verlange. Ordentlich wollten sie dreinfahren, und nicht bloß, wie sie spöttisch beifügten, eine seidene Schützenfahne von Baierbrunn bis nach Pullach tragen und wieder zurück, wie der Sebastian in der denkwürdigen Sendlinger Schlacht.

Wenn sie sich solcher Dinge vermaßen, wenn links der Isar ungewundene Worte für das Fürstenhaus in Bereitschaft lagen, dann muß bei aller Anerkennung solch unverzagten Mutes doch ausgesprochen werden, daß keiner der ganzen Sippe von den betreffenden hohen Persönlichkeiten auch nur die leiseste Vorstellung hatte. Ludwig der Bayer war von vornherein völlig in den Mythos gerückt, er erschien so verschleiert wie der geographische Begriff von Ortschaften, die etwas nördlich der Hauptstadt lagen, von der Donau gar nicht zu reden. Und mit dem, der jetzt das Land regierte, mit dem Kurfürsten, ging es nicht viel besser. Das war das gleiche, geheimnisvolle Wesen, das man wohl mal in einer phantastischen Kutsche vorbeihuschen sah, und das einem, wenn man es durch unerhörten Zufall genauer betrachten konnte, gerade so anmutete wie eine aus Wachs gegossene Puppe, der man weißseidene Hosen, Westen und Strümpfe sowie einen blausamtenen Rock angezogen hatte. Als leblose, von gepuderter Perücke bedeckte Maske erschien es, das erstaunt auf das Volk sah, kaum seine Sprache verstand, selbst nur französisch sprach, veraltete Rechte starrköpfig aufrechthielt und das ganze Land als sein vom lieben Gott überlassenes Eigentum betrachtete, das man nach Belieben verklopfen oder aussaugen konnte. Wäre dem Sebastian Gaigl zwischen den scharf zurechtgeschnittenen Hecken des Schloßgartens oder in den mit üppigen Bildern und Gold bedeckten Gemächern diese Maske erschienen, dann hätte er seine ehrlich empfundene Entrüstung wie die genauestens einstudierte Rede sauber für sich behalten. Noch mehr, er hätte sich unterm Drucke dieser schweren Enttäuschung gesagt, daß er damals sehr weise handelte, als er zur rechten Zeit beschloß, umzukehren und sein Blut nicht so nutzlos zu vergießen wie die armen Bauern, die man zur Mordweihnacht in die Stadt hetzte, oder wie die unglückseligen Führer, die dort auf dem Schafott zu Füßen der Mariensäule endeten. Doch, wie schon einmal dargelegt wurde, der Posthalter von Baierbrunn blieb bei den Kugeln, die er heldenmütig auf Panduren abbrannte, und je älter er wurde, desto grimmiger hauste er unter den Bluthunden, desto lebhafter malte er die Schlacht aus; eben darum, weil er den niemals zu Gesicht bekam, für den sie geschlagen wurde.

Das Glück, einem Herrscher Bayerns Aug' in Aug' gegenübertreten zu dürfen, sollte erst seinem Urenkel zuteil werden. Das war jener Sebastian Gaigl, der allem Herkommen zuwider Haus und Hof seinem jüngeren Bruder überließ, um in der Stadt ein Bräuhaus zu erwerben. Solch beispielloser Vorgang erweckte die Isar hinauf und hinunter um so stärkeren Widerhall, als ganz zur selben Zeit, ja, fast zur selben Stunde, am anderen Ufer sich gleichfalls ein Gaigl in nördlicher Richtung gegen München in Bewegung setzte. Dort natürlich ein Nepomuk, der in eine altrenommierte Bäckerei einstehen wollte. Die beiden trafen sich, ohne daß einer vom Vorhaben des andern eine Ahnung hatte, halbwegs vor dem elenden Holzsteg von Talkirchen, der bei hohem Wasserstand der Isar jedesmal weggerissen, ein paar Tage später aber sofort wieder zurechtgezimmert wurde. Sie sahen sich an, sie nickten sich zu, sie scherzten: »Auch schon so früh auf!« aber keiner fragte den andern, was er eigentlich vorhätte oder was ihn zur Stadt triebe. So liefen sie nebeneinander her wie zwei junge Dackel, die sich zufällig gefunden hatten, nur beschnupperten sie sich etwas mißtrauischer, als diese Tiere es bei solchen Gelegenheiten tun. Vorsichtig sah einer auf den andern. Dann und wann fielen kurze Bemerkungen über den schönen Sommer, der gutes Getreide versprach, oder über die Flößer, die in gefährlicher Hast die reißenden Überfälle hinunterschossen. Die Isar sei ein wildes Wasser, was den Teufel habe, meinte der eine. Aber auch ein frisches, was bös in die Knochen ziehe, gab der andere zurück. Besser, man wage sich nicht hinein, entschieden die beiden. Dann ließen sie nichts mehr hören, bis sie endlich in die Stadt kamen. Sonderbar nur, so wenig sie sich zu sagen hatten, sie gingen nicht voneinander weg, denn jeder wollte gern auskundschaften, was der andere da zu suchen hätte und wo er Quartier nehme. Gleichmäßigen Schrittes stiegen sie auf diese Art weiter, bis sie durch das gegen Süden gelegene Angertor, einem finsteren Mauerwerk, ähnlich dem, das die Sendlingerstraße abschloß, über den Jakobsplatz und dann durch dunkle Hausdurchgänge zu jenem Punkte gelangten, wo schon damals das Leben Münchens zusammenströmte, zum Schrannenplatz. Dort mußte die Wendung kommen, denn der Nepomuk hatte nach rechts abzubiegen zur Residenzstraße, wollte er an sein Ziel gelangen, der Sebastian mußte geradeaus steuern zur Michelskirche. Statt dessen gingen sie ein halbes dutzendmal erst um die Mariensäule herum, dann um die heute in beschaulicher Ruhe liegenden Bögen, bis endlich der Sebastian erklärte, er halte es jetzt nicht mehr aus, er müsse ein Glas Bier in der Wirtschaft zum »Ewigen Licht« trinken. Damit glaubte er, einen besonders feinen Streich auszuspielen, um den Nepomuk los zu werden. Denn daß der der Gerissenere war, dem man nicht so leicht beikommen könnte, das hatte er nicht nur früher bei der Kirchweih in Pullach oder am anderen Ufer, sondern besonders diesmal wieder gemerkt. Der hochnäsige Vetter sah so spöttisch drein wie die ganze Bäckerverwandtschaft; manchmal lachte er sogar ganz kurz vor sich hin, ohne jede Ursache, ohne daß ein Wort gewechselt wurde. Drum mochte er in Gottes Namen hingehn, wo er Lust hatte, wenn er nur nicht herausbrachte, wohin der Sebastian selbst seine Schritte lenkte. Der Nepomuk aber erwiderte nach einiger Überlegung, das mit dem »Ewigen Licht« sei eine gute Idee, die ihm einleuchte, da er durch den weiten Marsch gleichfalls gehörige Sehnsucht nach Bier bekommen habe.

Da hockten nun die beiden anscheinend sehr friedlich nebeneinander und erregten durch ihre guten Anzüge, die langen, braunen Röcke mit den Silberknöpfen, die dunkelblauen Westen, die festen hohen Stiefel sowie durch ihre gutgefüllten Rucksäcke, die sie neben sich auf den Tisch gelegt hatten, bei dem minder gekleideten Publikum nicht geringes Aufsehen. Die Leute, die hier Frühschoppen machten, gehörten nämlich dem Handwerkerstande an oder suchten Arbeit bei Zunftmeistern, von denen auch einige herumsaßen. Einer von diesen drehte sich zu den Burschen und fragte sie woher und wohin. Über die Herkunft gab der Nepomuk sofort befriedigende Auskunft, das Wohin wußte er wieder geschickt zu verschleiern. Er meinte, er probiere es mal mit der Bäckerei auf gut Glück in der Welt, was auch seine nette Seite aufweise. Das ewige Festpappen da draußen mache schwerfällig und schmecke auf die Dauer wie altes Brot. Dabei stimmte er ein Liedl an, wie es die Handwerksburschen damals sangen, und schlug dem Sebastian ein paarmal unter lautem Lachen auf die Schultern. Der aber brachte kein Wort hervor, teils weil er nicht reden wollte, teils weil er vor Ärger nicht konnte. Ihn drängte die Zeit, er sollte um zwölf Uhr beim Stiefelbräu sein, wo zur Übernahme schon alles vorbereitet war. Dort hatte er nämlich als Braubursche fünf Jahre gedient und sich, wie es in dem Zeugnisse hieß, durch große Frömmigkeit und gesittetes Betragen, aber auch durch streng solide Arbeit und Anhänglichkeit an den Brotgeber das Zutrauen des ohne männlichen Erben dahinsiechenden Besitzers in solchem Maße erworben, daß ihm am Schlusse begründete Hoffnung auf die Hand der einzigen Tochter gemacht wurde. Es handelte sich nur noch um einen Einsatz von fünfzehnhundert Kronentalern von seiner Seite, den er zwar noch nicht in bar, wohl aber in Form einer Lösungsurkunde bei sich trug. Alles schien somit bestens geregelt; nichts mehr stand im Wege, außer dem verwünschten Vetter da, der ungestört weiterträllerte. Und doch, es war lächerlich, sich in so ein geschamiges Getue hineinzuschrauben, denn der Bursche da war doch der letzte, der ihn aufhalten konnte. Eigentlich begriff sich der Sebastian selber kaum, daß er nicht einfach mit der Wahrheit herausrückte. Er brauchte sich ihrer doch nicht zu schämen. Was er tat, war kein Unrecht, und wenn er's tat, dann brauchte er's nicht zu verheimlichen. Wollte er aber gar nichts sagen, dann war das auch seine Sache, gegen die kein Mensch auf der Welt etwas einwenden konnte. Drum wäre eigentlich Zahlen und Aufunddavongehen das Allerbeste gewesen. Weil er das aber nicht fertigbrachte, rückte er erst ein paarmal auf der Bank herum, dann schnitt er Brot in sein Bier, so fünf bis sechs Brocken, dann trank er sehr umständlich, und endlich schob er den Krug bedächtig von sich, indem er die Arme auf den Tisch stemmte. Nun aber behauptete er, indem er brennrot wurde, die Nepomuks von der andern Seite seien schon die gemeinste Bagasche, die es auf Gottes weiter Erde gebe.

Stieß er das auch mehr in verhaltenem Tone hervor, ein paar Bierkieser sahen sich doch nach den beiden um. Der Nepomuk aber blieb sehr ruhig. Er hatte seinen Gesang gerade beendet und fragte jetzt, indem er sich lachend zum Sebastian herüberdrehte, nichts weiter als: »Warum sind wir das?« »Ihr wißt es selber am besten«, meinte der Sebastian und zahlte nun wirklich. Da erhob sich auch der Nepomuk und meinte, im Früheraufstehen wären die rechts der Isar den linken Vettern immer überlegen gewesen. Dafür könnten außer der Bäckerei so manche Beispiele aufgezählt werden, und auch er wollte jetzt eines zum besten geben. Er wisse nämlich ganz genau, der Sebastian gehe zum Stiefelbräu, um sich dort anzupürschen und auf das Mädel zu balzen. Viel Glück wünsche er; er ziehe zum Residenzbäck. Dort stehe für ihn auch was bereit, und damit der Sebastian ja nicht glaube, bloß ihm liefen die Frauenzimmer nach, so wolle er ihm gnädigst verraten, daß es ein Mädel sei, das auf ihn warte. Er kenne es zwar noch gar nicht, sei aber fest überzeugt, daß sie der Tochter des Bierbrauers in der Neuhauserstraße nichts nachgebe, weder an Schönheit noch an Kronentalern. Die Bürger ringsum spitzten die Ohren, denn das Haus, das da genannt wurde, war ein angesehenes, ja, die verwitwete Besitzerin galt als eine der wohlhabendsten Frauen der Stadt. Freilich auch als eine der gröbsten, die mit Besen und Mundwerk gleichmäßig dreinzufahren wüßte. Doch bangte dem Nepomuk kaum vor der Frage, ob er der Alten die Schneid ein bißchen abkaufen werde. Auch von dem ersten Schrecken einer unliebsamen Überraschung dachte er sie so schnell zu kurieren wie der Tierarzt die Kuh, die ein böses Insekt gebissen hatte. Er kam nämlich nicht als ein Auserkorener wie der Sebastian, sondern hegte die menschenfreundliche Absicht, für seinen Bruder einzuspringen. Den hatte die Residenzbäckin vor einiger Zeit kennen gelernt und in einem umständlichen Sendschreiben als Schwiegersohn reklamiert.

Weil das aber ein verträumter Bursch war, der nie mit einem solchen Drachen fertig geworden wäre, ein Mensch, der vor den Weibern überhaupt einen höllischen Dampf hatte und schon unglücklich war, wenn er mal nach Grünwald reiten mußte oder gar nach Königsdorf, sandte der Familienrat der Gaigls rechts der Isar den Ältesten in die Stadt. Man sagte sich mit Recht, daß sich eine solche Partie doch nicht alle Tage fände, und gab somit dem Nepomuk die empfehlenden Verhaltungsmaßregeln und freundlichen Grüße mit auf den Weg, die man sonst dem andern gegeben hätte. Daß er es zwingen werde, darüber war in der Familie kein Zweifel, denn er galt mit Recht als der Rescheste von allen, der bei Gelegenheit sogar dem Herrn Landrichter seine Meinung sagte und jede Sache fest anzupacken verstand. Obendrein goß ihm die Mutter, ehe er das Haus verließ, ihren Segen zu dem schönen Vorhaben in Form eines Quartls Weihwasser über sein blondgelocktes Haupt, so daß er sich erst das Gesicht mit seinem rotgetüpfelten Tuche wieder abwischen mußte. Ob das dem Herrn Vetter genüge, fragte er jetzt, als sie sich wieder auf dem Schrannenplatz befanden. Der erwiderte nichts mehr, sondern trieb, ohne dem Nepomuk einen Gruß zu bieten, der Neuhauserstraße zu, indem er sich hoch und teuer verschwor, den Hohn bei passender Gelegenheit entsprechend heimzuzahlen. Eines stand jedenfalls heute schon fest: hatte er einmal das Anwesen in Händen, dann wollte er Semmeln, Bretzeln und Wecken lieber von weiß Gott wem beziehen als von diesem spöttischen Kerl, mochten die anderen auch Dreck hineinbacken oder das Brot so klein halten wie beim Dreißigjährigen Kriege.

Mit der gewissenhaften Durchführung dieser Drohung sollte er nicht lange zu warten brauchen, denn die Übernahme ging glatt vonstatten. Der Stiefelbräu meinte zwar, es wäre ihm lieber gewesen, der Sebastian hätte das Geld gleich in bar mitgebracht, doch gab er sich schließlich zufrieden, denn Termin und Zahlungsstelle erschienen bestens gesichert. Auch die rotbackige Margret machte nicht viel Gezier, sondern fand sich mit jenem Gehorsam darein, womit damals die Kinder zum Traualtar gingen, wenn die Eltern die Zeit für gekommen hielten. Zunächst führte sie ihren künftigen Gemahl in der Wirtschaft herum, die sich, wie mit dem Zirkel gemessen, in eine hintere und eine vordere Hälfte teilte. Auf der einen, die gegen den Brauhof wies, saßen die besseren Leut', und zwar auf dem Stuhl der Herr Rendant, dort der Herr Oberbaurat, dort der Herr Kreisphysikus, der Herr Assessor, und wie sie sonst noch tituliert wurden. Auf der gegen die Straße gerichteten, zu der drei Stufen hinabführten, ließen sich Fuhrknechte, Schrannenbesucher, Laternanzünder, kurz und gut, gewöhnlichere Leut' nieder. Da käme es daher auch nicht so drauf an mit den Plätzen, meinte die Margret; das Publikum wechsle. Und der Sebastian empfand das dankbar, denn er fragte sich im geheimen, wie er, der da draußen in der stillen Wirtschaft des Abends vielleicht vier Leute zu bedienen hatte, diesen Riesenbetrieb in seinem Kopfe behalten sollte. Der Schwiegervater vermehrte diese Sorgen, denn er nahm jetzt der Margret die Führung ab, die durch das Sudhaus ging. Der Sebastian kenne das zwar schon von früher her, aber wenn man selbst verantwortlich sei, sehe sich diese Geschichte ganz anders an. Deshalb wurden alle Kessel, alle Walzen, alle Fässer sehr eingehend besichtigt. Besonders lange verweilte man bei den Vorräten. Dort ließ der Stiefelbräu mit berechtigtem Stolz die goldgelbe Gerste durch die Finger gleiten, die er jedesmal für teures Geld auf der Schranne erwarb, um den großen Ruf seines Bieres aufrechtzuerhalten. Diese Ausgabe sei notwendig, meinte er, denn nur mit Reellität komme man voran in der Welt. Das solle sich der junge Mensch gut einprägen. Der Sebastian hörte gesenkten Hauptes zu und war schon bereit, wieder einen Schwur fürs Leben zu leisten, als ihn der Stiefelbräu so ganz im Vorbeigehen auf eine Ecke wies, in der viel billigeres Material an Gerste aufgestapelt lag. Hiervon, meinte der künftige Schwiegervater, indem er die Stimme dämpfte, könne man bei Gelegenheit ja auch mal nehmen, aber erst, wenn der Grundstock gesichert erschiene. Nachhelfen, Flicken, das käme bei der solidesten Führung im Leben dann und wann vor, ja, man sei eigentlich kaum in der Lage, es ganz zu umgehen. Nur dürfe man in dieser Richtung keinen Unfug treiben, sondern müsse eben das Gewerbe vom Grund aus verstehen. Damit machte er das Zeichen des heiligen Kreuzes, denn die Mittagsglocke läutete von der Michaelskirche, und die Margret schrie von der Wirtschaft herüber, das Essen sei bereit. Nun setzte man sich in dem erhöhten Raume unter einem Kruzifix an den runden, ungedeckten Tisch in der Ecke, auf dem für jeden ein Teller mit Suppe und eingeschnittenes Rindfleisch von einer alten Kellnerin aufgetragen wurde. Dann sagte man zu dritt das Gebet herunter, man leierte es nach dem Essen, man ging an die Arbeit, in den Keller, auf den Speicher, einen Tag um den andern, bis man sich im Laufe der Jahre nur noch zu zweien zum Mittagsmahle niederließ.

Der Stiefelbräu ging nämlich bald dahin und erlebte es nicht mehr, wie in einwandfreiem Abstand nach der Verehelichung seiner Tochter ein Nachkomme sich einstellte, dem jedes Jahr darauf mit prompter Gewissenhaftigkeit ein neuer, ja, einmal sogar ein Pärchen folgte. Es wäre somit, da der Sebastian auch das Mischen aus den verschiedenen Gerstensorten immer besser begriff, alles im schönsten Verlaufe einer höchst normalen, einträglichen Münchner Ehe gewesen, hätten nicht die Zeiten auf Wirtschaft und Bierabsatz bedenklich gedrückt. Es war kurz nach der französischen Revolution, am Ausgang der Regierung des Karl Theodor, die das Land mit einer wüsten Schuldenlast, einem von jesuitischen Beichtvätern schrankenlos geführten Despotismus überzog. Man hätte zwar in den oberen Regionen außer Sorge sein können, die Münchner nahmen das furchtbare Ereignis der Hinrichtung Ludwigs XVI., das die Welt wie ein Donnerschlag erschütterte, mit gebührendem Entsetzen auf. Keiner von ihnen dachte daran, dem Beispiel der Pariser Schreckensherrschaft zu folgen und dem Schandregiment im eigenen Lande an den Kragen zu gehen. Dafür brauchte die schier unglaubliche Botschaft viel zu lange, bis sie an den Mann kam; auch hätten sich die Bürger der Stadt draußen auf dem Galgenbergl, wo exekutiert wurde, lieber der Reihe nach die Köpfe herunterschlagen lassen, den Rosenkranz in der Hand, das schwarze Büßerhemd am Leibe, die Haare mit Pech zur Höhe gestrichen, damit der Scharfrichter besser zuhauen konnte, als nur den Finger zu erheben gegen die mißliebige Regierung oder gar gegen den Kurfürsten. Ein König geköpft! Man rückte beim Gaiglbräu, wie das Anwesen seit dem Tode des Alten genannt wurde, bedenklich zusammen, man schaute hinüber zum Stadtgericht, das drohend herüberwinkte. Dort vor dem düsteren Gebäude stand der hölzerne Pranger, wo man den armen Sünder erst drei Tage öffentlich ausstellte, ehe ihn die büßenden Bruderschaften, die Kapuziner, die Wachen und die Behörden auf dem Schinderkarren unter allgemeinem Zulauf durch das Neuhausertor zum Marsfeld hinausführten. Dieses Schauspiel sah man zum Kummer von Frau Margret fast alle drei Monate unter den Fenstern vorbeiziehen. Und nun zu denken, daß ein gesalbtes Haupt so verschimpfiert werden konnte. Da hielt man sich doch besser still und räsonierte nicht über das strenge Regiment. Das aber kannte weder Land noch Leute, es verlegte die Residenz nach Mannheim hinauf, es wurstelte in unheilvoller Verblendung weiter, bis mit dem Tode des alten Wüstlings die gepuderte Perückenwirtschaft endlich zusammenbrach und in der Person des Herzogs Max Joseph von Pfalz-Zweibrücken ein neuer Geist in das ausgesogene Bayern und seine Hauptstadt hochfeierlichen Einzug hielt.

Das war am 11. März des Jahres 1799, an einem schönen, nur manchmal von Regenschauern überzogenen Frühlingstage. Und da vollzogen sich außer diesem, für das ganze Volk so bedeutungsvollen Ereignis noch zwei andere. Das eine ist schon angedeutet worden: es wurde einer von ihnen von einem bayerischen Herrscher persönlich angesprochen, das andere, das sich nach dem Schwure des Sebastian nicht voraussehen ließ: die beiden Vettern versöhnten sich wieder, Freilich, ganz so rasch ging das nicht. Zunächst standen sie sich mal Aug' in Aug', Festgewand in Festgewand auf dreißig Schritte gegenüber, Möglich, daß sie sich im Laufe dieser Zeit schon vorher mal begegneten – die Stadt war klein und zählte nur vierzigtausend Einwohner; man mußte also wohl oder übel mal vor der Kirche, auf der Straße oder auf der Schranne zusammenprallen – aber gewiß sah dann der Sebastian hastig in eine Ecke oder in einen Laden hinein, schon deshalb, weil es ihn wurmte, daß er das Brot nicht vom Residenzbäck beziehen durfte, wo es halt doch, was man auch sagen wollte, das beste von der Stadt blieb.

Der Nepomuk war nämlich vom Glücke gesegnet; er konnte sich rühmen, alles zu Gold zu machen, was er nur anfaßte. Das ging nicht so verschlafen wie beim Sebastian, es ging wie geschmiert. Zuerst fielen Mutter und Tochter im unverzagten Ansturm. Die wohlberechtigte Enttäuschung, daß sich der auserkorene Bräutigam so auffallend verändert hatte, wurde schnell überwunden, und keifte die Alte auch noch ein paar Tage herum, sie gab sich schließlich zufrieden, da der Eindringling nicht nur sie und die Tochter, sondern auch den Teig nebst dem ganzen Betriebe mit festen Händen anfaßte. Ärgerlich wurde sie erst dann wieder, als sich im Laufe der Jahre nur ein einziges Kind einstellte. Aber der Nepomuk meinte sehr entschieden, wer des Nachts um zwei Uhr aufstehen und zum Backofen gehen müsse, könnte nicht viel Zeit für solch extrige Geschichten übrigbehalten. Drum möge sie sich nur nicht wundern, wenn es vielleicht bei diesem Buben, der ihm gerade lange und ein ausnehmend prächtiger Kerl wäre, für alle Zukunft bliebe. Es liefen sowieso schon genug Gaigls in der Welt herum, droben im Isartal wie drüben in der Neuhauserstraße, so daß man sich kaum mehr auskenne damit. Sollten es aber die Frau Mutter für gut befinden, ihn auch weiter damit zu frozzeln, dann gebe er ihr doch in aller Ehrfurcht zu bedenken, daß ihr Seliger sich auch über die rundliche Kathi hinaus nicht im Brotteig vergriffen habe, wodurch sich die Rechnung vollkommen aufhebe. Die Residenzbäckin war sprachlos über diese Unverschämtheit, aber sie wußte den schlagenden Argumenten so wenig entgegenzusetzen, daß sie um des lieben Friedens willen das schwerste Opfer brachte, was sie zu bieten vermochte, nämlich den Mund zu halten. Als sie aber am großen Tage des wiedererwachenden Vaterlandes, an jenem 11. März, draußen vor dem Karlstor im grünseidenen Gewande mit reichem Silbergeschnür um Hals und Mieder, eine Haube aus Goldbrokat auf dem Kopfe, mit der nicht minder geputzten Tochter und dem in Frack und Jabot einherstolzierenden Schwiegersohne an der Spitze zahlloser Zuschauer sieben volle Stunden lang auf den Kurfürsten wartete und dort auf einmal den Sebastian mit Frau nebst schlecht gezählten fünf blühenden Kindern erblickte, da regte sie sich ob solchen Familienglücks wieder auf, indem sie dem Nepomuk mit nicht mißzuverstehender Gebärde in die Rippen stieß. Der aber tat gar nicht dergleichen, sondern nahm auch diese Anspielung so gelassen auf wie die vorherigen. Er lachte sehr freundlich und meinte mit lauter Betonung, so daß es über die von Gendarmen und Bürgerwehr freigehaltene Straße hinübertönte, er sehe das ohne jeden Neid, ja, er freue sich von Herzen, daß der Sebastian sein Haus so trefflich bestellt habe. In Wirklichkeit war es ihm ganz Wurst, ob der da drüben jedes Jahr Zwillinge oder Drillinge in die Welt setzte, aber es wurmte ihn schon lange, daß der Gaiglbräu, der ein gutes Geschäft darstellte, nicht auch bei ihm einkaufte, wo doch alle ersten Leute ihr Brot holten. So benützte er die Gelegenheit anzubandeln, ohne sich von solcher Absicht nach außen das mindeste merken zu lassen. Dem Sebastian aber genügte so viel Entgegenkommen schon reichlich. Ihm wurden bei diesen Worten die Wangen noch röter, als sie schon durch das Bier gefärbt waren, denn er hörte im Geiste seine Stammgäste, die immer ungeduldiger nach dem Brot des Residenzbäck verlangten. So war er denn bereit, mitten durch die Spalier bildenden Militärröcke schnurstracks über die Straße zu laufen und nicht eine, sondern beide Hände hinzustrecken, als ein weißblau gekleideter Kurier mit einem martialisch aussehenden Postmeister auf dampfendem Pferde heransprengte und verkündete, daß die höchsten Herrschaften jeden Augenblick eintreffen müßten.

Eine starke Welle zog auf beiden Seiten des großen Platzes über die Menge. Bürgermeister, Schützenbrüder, Schulkinder, Beamte und Geistliche warfen sich in entsprechende Positur, während die Soldaten auf schallendes Kommando die Gewehre präsentierten. Aber es war blinder Lärm, denn eine halbe Stunde verstrich, ohne daß sich ein Wagen zeigte. Statt dessen ging nach einigen Minuten gespannter Erwartung ein neuer Guß aus den Wolken hernieder, hinter die sich die Sonne blitzschnell verkrochen hatte. Ein verfrühtes Aprilwetter wie man's nur denken konnte! Die weißblauen Fähnlein, die zwischen gewundenen Tannengirlanden auf gleichbemalten Stangen flatterten, wurden noch ärger verwaschen als bisher, die Frauen hoben kreischend die Röcke und zogen sich, soweit das bei dem großen Andrang möglich war, auf den Holzboden der kleinen Tribünen zurück, die für ein Musikkorps sowie für den Hochadel des Landes reserviert bleiben sollten. So stand man mit Patriotismus und Regenschirm in stummer Erwartung, eine Pause, die die Residenzbäckin dazu benützte, ihren Enkel zu fragen, ob er auch sein Gedicht noch hersagen könne. Der Kleine war nämlich von allen Kindern dazu auserlesen worden, den Kurfürsten in jener Form zu begrüßen, die der Herr Rat Gankoffen für diesen Zweck eigens gefunden hatte. Diese Frage seiner Schwiegermutter ärgerte den Nepomuk. Er meinte, sie solle den Buben, den sie nicht von der Hand gab, doch endlich in Ruhe lassen, sonst könne er im entscheidenden Augenblick ganz gewiß nicht das Maul aufmachen. Da aber gerade der Bürgermeister vorüberging, der in höchster Amtstracht sehr wichtig tat und fortwährend die Bayerstraße hinausspähte, konnte er seinen Widerstand nicht allzu scharf anspannen, um so mehr, als der hohe Herr eine letzte Memorierung ausdrücklich guthieß. Der kleine Nepomuk, der ob seiner Klugheit überall als Wunderkind verschrien wurde, wollte daher gerade mit voller Schneid einsetzen, als brausende Hochrufe und Kanonendonner von ferne ertönten.

Das warf alles wieder in andere Richtung. Niemand durfte jetzt mehr an Proben denken; es kam auf die Tat an. Das große Ereignis kündete sich durch gemessenes Pferdegetrabe sowie durch barock gekleidete Piqueure an. Dann folgten zwei offene Wagen mit Adjutanten und Hofdamen, denen in eleganteren Kutschen der stattliche, junge Erbprinz Ludwig samt einigen Prinzessinnen nachfuhren. Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich der Menge; Festjungfrauen, denen die Schärpen sowie die weißen Kleider pritschnaß herunterhingen, traten den Ankommenden entgegen, dann stürmten die Korporationen und die Vereine mit Fahnen und Abzeichen herbei, und durch alle drängte sich der Bürgermeister, eine Rolle in der linken Hand, den kleinen Gaigl an der rechten. Er brach sich Bahn zur vordersten Tribüne, wo die Wagen hielten, um die Galaequipage des höchsten Paares zu erwarten. Der Platzregen hatte nachgelassen; es sprühte nur noch ganz fein durch die Luft. Aber immer war es noch so viel, daß den hohen Herrschaften der Aufenthalt unter freiem Himmel nicht ganz genehm erscheinen mochte. Verschiedene sahen wenigstens recht molestiert nach oben, nur der Kurfürst selbst, der mit seiner hohen Gemahlin jetzt vorfuhr, ließ unter stetem, freundlichen Nicken geduldig über sich ergehen, was jetzt der Vater der Stadt in schwungvoller Rede alles hervorbrachte. Dann erhob sich der breite, joviale Herr, dessen Gesichte man ansah, daß er in seiner engeren Heimat recht gern einen guten Tropfen pfälzischen Weines trank, und streckte unter tosendem Jubel des ganzen Volkes statt aller Antwort mit freundlichem Lächeln seine beiden Hände aus dem Wagen heraus, nach rechts und nach links. Wer sie fassen sollte, bekam eine, und das waren nicht wenige. Das so lang geknechtete Volk stürzte jubelnd herbei, um dem gütigen Fürsten eine spontane Huldigung zu bringen. Nur einen freute das weniger, den Bürgermeister. Das war außerhalb des Programms, das verzögerte, weil so viele sich herandrängten. »Allergnädigster Herr und Gebieter!« flötete er, indem er den kleinen Nepomuk vorschob. »Das Kind eines Bürgers möchte . . .« Im selben Augenblick setzte der Regen wieder stärker ein. Der Kurfürst drehte sich zu dem Buben. »So so, das Buberl da? Sehr schön! Wie heißt du denn, Kleiner?« »Nepomuk Gaigl!« kam es sehr bestimmt zurück. »Das Gedicht sollst du aufsagen!« ächzte der Bürgermeister. Aber der Kurfürst achtete nicht auf ihn. »Gaigl?« fragte er freundlich. »Wohl eine alte, gute Münchner Familie?« »Fang doch an!« stieß der Bürgermeister den Buben an. Der Sebastian aber, der ganz vorne stand, um, wie im seligsten Rausche, nach einer allerhöchsten Hand zu greifen, antwortete unter Lachen und Heulen auf die gnädige Frage. »Gewiß, Eure Hoheit, eine alte, gute Familie.« Der Herzog sah auf ihn. »Ach, Er ist der Vater von dem famosen Buben da? Schön, schön! Gratuliere Ihm. Was ist Er?« Der Sebastian wollte, wie sich das auch gehörte, in diesem Falle die Vaterschaft verleugnen, er wollte sagen, er sei der Bierbrauer, und sein Vetter, der sich absichtlich im Hintergrunde halte, sei der einzige Mensch, der Anspruch machen dürfe, diesen Sprößling in die Welt gesetzt zu haben. Aber er brachte vor lauter Verlegenheit kein Wort mehr hervor. Außerdem setzte der Regen wieder stärker ein, so daß der hohe Herr, nachdem er dem Sebastian nochmals die Hand geschüttelt hatte, das Zeichen zur Weiterfahrt gab. Die erfolgte unter erneuten Hochrufen die reichbeflaggte Neuhauserstraße hinab, zum Schönen Turm, zum Schrannenplatz und dann zur Residenz, während die mühsam zurückgehaltene Menge sich kunterbunt zu einem unlösbaren Ganzen zusammenrollte.

Helle Freude huschte über alle Gesichter, mit Ausnahme des der Residenzbäckin. Sie war sehr unzufrieden, sie begehrte in allen Tonarten auf. Das sei eine nette Art und Manier, seinen Mitmenschen und Verwandten den Boden abzugraben. Was dem Sebastian nur einfiele, sich als Vater des kleinen Mukl aufzuspielen! So einen netten Kerl hätte der doch nie fertiggebracht, weder er noch sein langweiliges Weib. Auch sage sie heute selbst, daß ihr Schwiegersohn wirklich recht habe, wenn er diese Sippschaft über die Achsel anschaue, die alles schmählich verpatzte. Das schone Gedicht vom Rat Gankoffen, an dem der Mann vierzehn Tage gearbeitet und ihr armer Enkel zwei Wochen gelernt habe, sei rein für die Katz gewesen. Wer höre es denn jetzt noch an, wo es gar keinen Zweck mehr habe? Der Herr Bürgermeister sei auch ganz fuchsteufelswild gewesen, daß er einen Fluch nach dem andern getan und die Unverschämtheit des Sebastian beim richtigen Namen genannt habe. Während sie das im dichtesten Menschengewühl hervorstieß, kamen ihr, was gar selten passierte, vor Wut ein paar dicke Tropfen aus den Augen heraus. Nun begann auch die ohnehin sehr weich veranlagte Tochter, die Tränendrüsen in Bewegung zu setzen, und am Schlusse heulte der um seine Freude betrogene Bub. Nur der Nepomuk weinte nicht, sondern sagte. »Frau Mutter, es ist nun mal so und nicht anders. Mir ist die Geschichte ganz Wurscht, weil ich auf so was überhaupt nichts gebe. Die Hauptsach' bleibt, daß der Sebastian von uns das Brot bezieht.« Und um die Gelegenheit, die gerade so günstig wie nie war, gebührend auszunützen, erklärte er, all seine Angehörigen zum Gaiglbräu zu führen, um dort auf die Anstrengung hin was zu schnabulieren. Die beiden Frauen suchten zwar heftig zu protestieren, aber sie wußten sehr gut, daß sie bei diesem Manne, wie immer, das Spiel verloren hatten, ehe es richtig begann. So ließen sie sich denn widerstrebend in einer Ecke des vollgepfropften Wirtsraumes nieder. Aber kaum saßen sie, da wand sich schon der Sebastian durch die Menschen, die grüne Mütze mit den schwarzseidenen Quasten auf dem Kopfe, in Hemdärmeln und Schürze. Er wußte vor Glück wie vor Beschämung nicht mehr wo aus und wo an und führte die hochgeehrte Frau Großbase und Base unter ehrerbietiger Einladung die Treppen hinauf in den oberen Raum der besseren Leut'. Dort brachte er Stühle, um sich dann zu dem Nepomuk zu wenden. »Du hast geseh'n, es war nicht meine Schuld. Der Herr Kurfürst hat . . .« »Mein Lieber!« lachte der Nepomuk. »Du sagst mir jetzt einfach, wieviel Wecken, wieviel Semmeln brauchst du in der Früh, wieviel mittags, wieviel Bretzln und Maurerlaibln dazu.« Da suchte ihn der Sebastian zwei bis dreimal zu umarmen, so gut es halt ging in dem allgemeinen Gedruck. »Schick her, was du willst!« rief er glückselig. »Ich kauf' einfach alles.« »Dann kannst du meinetwegen wieder patriotisch reden, solang du willst!« meinte der Nepomuk, indem er einen tüchtigen Zug aus dem Maßkrug tat. Doch der Sebastian kam noch nicht zur Ruhe; er taumelte förmlich vor Glück. »Frau Bas! Frau Großbas! Nepomukerl!« schrie er. »Das ist ein Tag, den die Gaigls für immer in ihre Chronik schreiben müßten, wenn sie eine hätten.« Dann zog er die Margret sowie alle seine Kinder, soweit sie schon laufen konnten, herbei. »Händ' geben!« kommandierte er. Zuerst begrüßten sich die Frauen, wohl ein bißchen geniert, während sie gegenseitig ihre Kleider musterten. Allmählich aber ging es schon besser; man sprach sich an, man meinte, es sei trotz des Regens ein wundervoller Tag gewesen. Jetzt kamen die zwei ältesten Sprößlinge der beiden Familien Gaigl, die Buben an die Reihe, die fast am selben Tage geboren waren, der Nepomuk und der Sebastian. Heruntergerissen sah jeder von ihnen dem Vater ähnlich, der eine mit den vollen, blonden Locken, den dunkeln Augen und der etwas breiten Nase des Bäckers, der andere mit dem fast schwarzen Haar, den sehr sanften, blauen Augen und der hervortretenden Adlernase. Aber auch in der Art, wie sie jetzt aufeinander zugingen, prägte sich das Wesen der jeweiligen Erzeuger aus, für Gegenwart und Zukunft. Der Nepomuk fest mit der Hand zugreifend, der Sebastian zaghaft, zurückhaltend. So völlig in den Fußstapfen der Alten wandelnd, gestaltete sich auch ihre ganze Entwicklung, so daß man sie, wenn sie später im weiteren Verlaufe dieser Geschichte in Handlung treten, gleich als Männer vorführen kann, die die Wege erst dann wieder trennten, als Nepomuks Kraft immer höher strebte, die des Sebastian aber in noch jungen Jahren einer fetten Genugtuung Platz machte.

Doch das ist ein Seitensprung wie jener, der die Fäden der Seilermeister vom Sendlingertor aufzurollen versuchte. Im Augenblicke des großen Familien- und Patriotenfestes gab es an diesem Tage keine Ahnungen, keine Prophezeiungen. Und wenn schon, nur äußerst günstige. Der Gaiglbräu trieb die beiden Buben so eng zusammen, bis sie sich gegenseitig auf Befehl abschleckten, dann wollte er der Residenzbäckin noch eine besondere Genugtuung vor allem Volke bereiten. Er hob den kleinen Nepomuk auf einen Stuhl und rief mit Stentorstimme durch die ganze Wirtschaft. »Silentium!« Die Bürger verstummten sofort; sie klappten vorsichtig die Deckel der Krüge hernieder, indem sie sich bedächtig nach rückwärts drehten. »Was willst du denn?« lachte der Residenzbäck. »Bist ja heut' wie aus der Büchs geschossen.« »Was ich will?« erwiderte der Sebastian. »Das sollst du gleich sehen . Dein Staatsbub da sagt uns jetzt das Gedicht auf, das der Herr Rat Gankoffen, unser hochgeschätzter Stammgast, gemacht hat, jenes Gedicht, das für die allerhöchsten Herrschaften bestimmt war, aber durch meine Schuld und Dummheit nicht deklamiert werden konnte. Los, Mukerl!« Und sofort setzte der Bub zur Freude von allen und zum nicht geringen Stolz der sich hochblähenden Großmutter ein, indem er die für ein Kind unmöglichen Verse mit voller Stimme in den Saal schmetterte:

            »Man singe nun dem Jehova
Ein freudenreiches Gloria.
Es lebe Maximilian,
Der edle, große Mann!

Nun ist die Zeit, wo Stadt und Land
Hinkommen darf zur Vaters Hand
Und öffnen darf ihr schweres Herz,
Er fühlet selbst den Schmerz.

Nun ist die Zeit, wo 's Militär
Verstärket wird zur Schutz und Wehr,
Und wo auch die Religion
An Ihm hat einen Sohn.

Nun ist die Zeit, wo Polizei
Zusammenhilft und Klerisei,
Wodurch der Staat ein Körper wird,
Mit Leib und Seel geziert.

Wie glücklich ist nicht so ein Staat,
Der einen weisen Obern hat?
Der groß an Seelengröße ist,
Ein Fürst, und auch ein Christ.

Ehr' sei dem Höchsten, Lob und Preis,,
So bet' das Kind, so bet' der Greis,
Daß er im Fried den Zepter gab,
Max den Regentenstab.«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.